Karine Tuil: Diese eine Entscheidung dtv Verlag


Diese eine Entscheidung“ ist nun schon der dritte Roman von Karine Tuil, den ich gelesen habe. Die Französin ist inzwischen zum dtv Verlag gewechselt und glänzt weiterhin mit ihren gesellschaftsrelevanten Themen, die immer aktueller denn je gewählt sind und die Lebenswirklichkeit im heutigen Frankreich widerspiegeln. Für mich wie immer eine lohnende Lektüre, leicht zu lesen und spannend.

Tuil erzählt aus dem Leben einer Richterin, Alma Revel, um die fünfzig, die sich der Bekämpfung des Terrorismus verschrieben hat. Ihr Leben steht im Zeichen ihres Berufes, der nicht ungefährlich ist: Sie wird von zwei Personenschützern die meiste Zeit bewacht. In Frankreich heißt Terrorismus hauptsächlich islamistische Anschläge (Charlie Hebdo, das Bataclan werden erwähnt). Alma muss beurteilen und entscheiden, ob ein Mensch, der aus einem IS-gesteuerten Land als Rückkehrer eine akute Gefahr ist, ob er in Überwachungshaft kommt oder nicht.

Im Privaten stehen Veränderungen an. Ihr Mann Ezra und sie haben nicht mehr viel gemein. Die große Tochter will bald heiraten, um die 12-jährigen Zwillinge, kümmert sich vor allem Ezra, der Schriftsteller ist und im gemeinsamen Haus auf dem Land lebt, während sich Alma überwiegend in ihrer Wohnung in Paris aufhält, da sie immer erreichbar sein muss. Sie ist sich zwar bewusst, wie viel Stress ihre Arbeit bedeutet, wie sehr sie ihr an die Substanz geht. Doch es ist ihr Leben. Mit einem guten Team arbeitet sie zusammen an den Fällen. Als sie wieder einmal entscheiden muss, ob sie einen jungen Mann im Gefängnis belässt oder ihm eine Chance auf ein anderes Leben bietet, verliebt sie sich ausgerechnet in den Anwalt, der den jungen Mann verteidigt. Beide wissen, dass es aus beruflichen Gründen der Befangenheit eigentlich nicht akzeptabel ist, eine Beziehung einzugehen und doch ist die Anziehung zunächst größer.

Tuil flicht in die Geschichte von Alma zwischendurch die Vernehmungsprotokolle zwischen Richterin und dem 24-jährigen Kacem ein. So zeigt sie geschickt auf, wie es Kacem gelingt einen glaubwürdigen Eindruck zu machen. Und nach langer Beratung und intensivem Abwägen spricht sich Alma für die Entlassung aus der Haft aus.

„Was mache ich, […] wenn die Jugendlichen beteuern, dass sie unter einem schlechten Einfluss standen, und mich anflehen, ihnen keine bösen Absichten zu unterstellen? Gebe ich ihnen die Möglichkeit, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden? Ordne ich eine Haftverlängerung an, auf die Gefahr hin, sie dauerhaft seelisch zu brechen? Am härtesten ist die Strafe der sozialen Ausgrenzung, das weiß ich, und deshalb setzte ich alles daran, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren.“

Natürlich ahnt man als Leserin schon, dass das nicht gut ausgehen wird. Trotzdem bleibt die Spannung erhalten. Tuil schildert zudem die wirklich anspruchsvolle und schwierige Arbeit einer Richterin, die mit Tätern und Opfern konfrontiert wird, die sachlich und dennoch menschlich zugewandt bleiben soll, die zum einen die mögliche Gefahr einschätzen muss, zum anderen aber immer auch den Menschen dahinter sieht. Und immer spielt auch die Angst vor Angriffen auf die eigene Person eine Rolle – Alma erhält ständig Drohmails, wird einmal sogar tätlich angegriffen.

An dem Abend, an dem Alma mit Ezra und den Kindern im Restaurant sitzt, um ihnen mitzuteilen, dass sie sich scheiden lassen wollen, geschieht dann auch das unbegreifliche. Das, was Alma komplett aus der Bahn wirft, ihr aber auch die Chance eines Neuanfangs bietet …

Der Roman erschien bei dtv. Übersetzt aus dem Französischen hat ihn Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier.

Bereits von der Autorin hier auf dem Blog besprochen:

Katie Kitamura: Intimitäten Hanser Verlag

Die Autorin Katie Kitamura ist für mich eine echte Entdeckung. Sie schreibt so unglaublich souverän und klug. Sie bringt brisante Themen in ihren Roman, ohne plakativ, laut und oder aufdringlich zu wirken, wie es in vielen Büchern derzeit der Fall ist. Ihre Stärke ist die Tiefe, der genaue Blick, die echte Auseinandersetzung mit Inhalten. Mir war schon bei der Leseprobe klar, dass das ein Schatz ist.

Titel und Cover mögen die Leserin vielleicht in eine andere Richtung denken lassen, aber es geht nicht vordergründig um eine Liebesbeziehung, sondern generell um die Beziehungen und Abhängigkeiten von Mensch zu Mensch. Es geht um Wahrhaftigkeit, im Kleinen wie im Großen. Und darum wie wir uns und andere mitunter selbst belügen, oft ganz unbewusst, doch manchmal mit großen Konsequenzen. Wie selbst vertraute Menschen manchmal nicht das sind, was sie scheinen. Wir wir verheimlichen oder verschweigen, zum eigenen Schutz oder dem eines anderen. Dabei geht Kitamura in die Tiefe, ihre Gedanken, bzw. die ihrer Heldin, beeindruckten mich. Großartig zum Beispiel, wie sie ihre Protagonistin während einer Ausstellungseröffnung vor einem Bild alter Meister stehen lässt und wie sie es nach eingehender Betrachtung interpretiert, als sie sieht, dass es von einer Frau gemalt ist, was damals selten war. Wie die Autorin anhand dieser kurzen Szene das Thema Feminismus weitaus besser und eindrucksvoller vermittelt, als es derzeit vielerorts laute Stimmen und Debatten vermögen, gefällt mir sehr. Überhaupt ist es ein stilles, aber umso nachdrücklicheres Buch.

Eine namenlose junge Frau verlässt New York, wo sie ihren Vater lange pflegte, während die Mutter zurück nach Singapur ging. Als sie für eine Stelle als Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag angenommen wird, ist das für sie ein großer Schritt, auch mit der Hoffnung besetzt, einen neuen Lebensort zu finden. Die Arbeit ist teils sehr schwer. Hier gibt Kitamura einen schönen Einblick in die Aufgabe einer Simultandolmetscherin, noch dazu am Gericht. Es geht um Sprache und deren Grenzen. Hier heißt es nicht nur die richtigen Worte zu finden, sondern auch den Tonfall des sprechenden Zeugen oder Angeklagten genau zu treffen, dabei aber jegliche eigene Interpretation zu unterlassen oder gar emotional zu werden. Was in Anbetracht der Verbrechen in manchen Prozessen extrem schwer ist.

„Am Gerichtshof ging es um nicht weniger als das Leid Tausender Menschen, und wenn es um Leid geht, ist Authentizität unerlässlich. Und doch war der Gerichtshof seinem Wesen nach ein Ort größter Theatralik.“

Gleichzeitig lernt sie Jana kennen, eine Kuratorin am Kunstmuseum, durch die sie wiederum Adriaan kennenlernt, mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Auf einer Vernissage lernt sie eine weitere Frau, eine Kunsthistorikerin kennen und deren Bruder, der eine alte Buchhandlung besitzt. Und wenn das banal und nach wenig Handlung klingt, so muss ich deutlich machen, dass Kitamura in diesen Begegnungen Einblicke gibt, die sehr deutlich die komplizierten Beziehungsgeflechte spiegeln und Verhalten und Geschehnisse in Bezug setzen zu uns Leserinnen selbst. Jeder kennt das, hat solche Freundschaften oder Beziehungen erlebt und/oder hinterfragt.

„Es ist erstaunlich einfach, Wahrgenommenes wieder zu vergessen, einen entsetzlichen Anblick, die Stimme, die das Unsagbare sagt – um in dieser Welt bestehen zu können, müssen wir vergessen und tun es auch, wir leben in einem Zustand des Ich weiß es, aber ich weiß es nicht.“

Als Adriaan, der noch verheiratet ist, wegen Scheidungsfragen zu seiner Frau nach Portugal fliegt, überlässt er Jana seine Wohnung, die jedoch stark die Handschrift seiner Frau trägt. Eine Woche will er bleiben, es werden viele Wochen und bald schon kommt kein Lebenszeichen mehr. Währenddessen muss die Heldin in einer Gerichtsverhandlung dolmetschen, in dem ein afrikanischer Präsident schwerer Gewalttaten gegen die Menschenrechte angeklagt wird. Als sie teils für die Verteidigung übersetzen muss, sogar persönlich im Vorfeld des Gerichtsaals, beginnt sie zu spüren, wie stark sie sich selbst zurücknehmen muss, um diese Arbeit souverän und perfekt, wie es notwendig ist, zu machen.

Letztlich gelingt es ihr und man bietet ihr sogar eine Verlängerung des Arbeitsvertrags an. Will sie hierbleiben? Nach der Enttäuschung mit Adriaan? Hier kommen nun die Begriffe Heimat und Sich-Zuhause-Fühlen ins Spiel. Die Frage an welchem Ort, wie und mit wem man leben will. Hier im Roman bleibt sie vorsichtig positiv unbeantwortet …

Katie Kitamura ist ein für mich großer Roman gelungen. Sie schaut genau hin, beobachtet und beschreibt äußerst subtil, wie Menschen sich verhalten, wenn es um Liebe, um Macht und um Gewalt geht. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Übersetzt hat es Kathrin Razum. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier.
Eine weitere begeisterte Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Mich hat der Roman auch erinnert an die bereits hier besprochenen Romane von Lucy Fricke und Nora Bossong:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2022/03/29/lucy-fricke-die-diplomatin-claassen-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/09/20/nora-bossong-schutzzone-suhrkamp-verlag/

Norbert Gstrein: Vier Tage drei Nächte Hanser Verlag

Es ist mein vierter Roman von Norbert Gstrein in Folge. Weil ich Gstreins Sprache wirklich sehr schätze. War ich beim letzten noch überwiegend erfreut, bin ich diesmal mächtig enttäuscht. Zum einen, weil es sich um einen „Corona-Roman“ handelt (was sich abwechselnd am Tragen von Gesichtsmasken und Selbstisolation, Verbot von Reisen etc. zeigt) und ich wirklich nicht auch noch in der Literatur damit zu tun haben will, zum anderen weil die Geschichte mich so oft langweilte und bisweilen fand ich sie wirklich auch albern bis kindisch. Von der Liebe könnte man anderes schreiben. Es gibt jedenfalls interessantere sogenannte Dreiecksgeschichten. Aber vielleicht trifft ja auch einfach zu, was die Hauptprotagonistin Ines, neben der die männlichen Figuren blass aussehen, im Roman gleich eingangs sagt:

„… Liebe in diesem Sinne gebe es ja nicht mehr und man sei gut beraten, sich in Sicherheit zu bringen, wenn einer davon spreche, weil sich dahinter meistens etwas anderes verberge, und das Drumherum, das ganze Gebräu aus Macht und Eifersucht sei ekelhaft, unkontrollierte Leidenschaft, eine einzige Peinlichkeit.“

Tatsächlich lebt Ines, die 35-jährige Literaturwissenschaftlerin, die sich auch in ihrer Arbeit mit literarischen Liebenden beschäftigt, dann fortwährend solche unmöglichen Beziehungen. Der ganze erste Teil des Buches kommt mir aufgrund des regelrecht kindlichen Verhaltens von Ines und ihrem aktuellen Lover albern vor. Auch weil der Stiefbruder Elias, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, ihr die abgelegten Männer, denen sie überdrüssig ist, quasi „abnimmt“. Also entweder wie ein Bodyguard grob vertreibt oder sie selbst als Liebhaber nimmt. Überhaupt ist dieser Elias Ines gegenüber sehr unterwürfig, die Schwester hat die Hosen an und pendelt zwischen Kommandoton und hysterischen und naivem Gebaren. Ziemlich unsympathisch. Elias allerdings nicht minder. Es finden sich Szenen, die pubertär und unreif wirken.

Im Mittelteil, den ich am unterhaltsamsten und interessantesten fand, findet sich dann tatsächlich eine Handlung, die allerdings viel zu kurz ist. Hier zeigt sich die große Eifersucht des Bruders gegenüber der Stiefschwester, in die er schon verliebt ist, bevor die Eltern ihnen davon erzählten, dass sie den gleichen Vater haben.

Dann geht es wieder weiter mit Liebeleien, diesmal ist Elias Freund Carl mit dabei. Auch hier finde ich die Handlung stockend und langweilig. Ich habe nur weitergelesen, weil ich Gstreins Sprache sehr mag und auch wissen wollte, ob nicht doch noch etwas bahnbrechendes passiert. Richtung Schluss ufert die Geschichte dann in ein gemeinsames Silvestergeschichtenerzählen aus: Jeder erzählt die Geschichte seiner ersten großen Liebe (seltsam, dass sie die nicht jeweils schon kennen). Und die drei Geschichten darf der Leser dann auch konsumieren, eine sogar in englisch (seltsam und irgendwie für die Handlung auch nicht notwendig). Da kam mir dieser Satz eines ehemaligen Liebhabers von Ines gerade zupass:

„Auch die schlechtesten Romane haben ihre Wahrheit, wenn man sie richtig zu lesen versteht.“

Gefunden habe ich die Wahrheit diesmal leider nicht. Auch nicht im letzten Teil, in dem sich die drei wieder treffen, später, nachdem Ines die Habilitation hingeschmissen hat und sich auf Sizilien selbst am Romanschreiben versucht. Ausgerechnet einen Roman über eine Dreiecksbeziehung mit einem dunkelhäutigen Mann namens Carl. Das Carl, nachdem er Ausschnitte daraus gehört hat, nicht begeistert ist, kann man sich dann selbst zusammenreimen …
Und so hoffe ich nun auf den nächsten Roman von Norbert Gstrein, auf den dann hoffentlich nicht folgendes Zitat (von Ines) zutrifft:

„Heraus kam ein überdrehter Monolog darüber, dass sie den Verdacht habe, man könne die Romane von älteren Männern danach klassifizieren, wie sie entgleisten, entweder ins Schlüpfrige oder in den ewigen Ersatz der sogenannten Gaumenfreuden, wo jeder „gute Tropfen“ und jeder „Schmaus“ wie ein Hochamt zelebriert werde.“

Der Roman „Vier Tage, drei Nächte“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Von Norbert Gstrein bereits hier auf dem Blog besprochen:

Stefan Hertmans: Der Aufgang Hörbuch Diogenes Verlag

„Alles war am Verfallen, als sich Ende der Sechzigerjahre im Zuge der Studentenrevolte die Boheme hier niederließ. Das Haus, vor dem ich nun stand, lag am nordöstlichen Rand des Viertels, in einer Straße namens Drongenhof, nicht weit von dort, wo die Leie träge und dunkel an den feuchten Häusern entlangfloss.“

Auf der SWR-Bestenliste diesen Sommers stand der Roman „Der Aufgang“ von Stefan Hertmans auf Platz 6. Der Autor wurde 1951 in Gent, Belgien geboren, wo auch seine Geschichte in großen Teilen spielt. Da mir die Hörprobe gefiel, ließ ich mir das Buch vorlesen, ungekürzt von Michael A. Grimm.

Hertmans kauft als junger Mann für wenig Geld ein heruntergekommenes Haus in Gent, ganz unüberlegt, intuitiv, lässt es herrichten und bewohnt es sehr lange. Erst als er es bereits viel später wieder verkauft hat, erfährt er, dass in seinem Haus der SS-Mann Willlem Verhulst mit seiner Familie wohnte. Obwohl der Notar bei der Besichtigung etwas andeutete, wird Hertmans erst dann klar, welche Geschichte dieses Haus mit sich trägt …

„Nun gut, dachte ich, dann werde ich eben nicht die Geschichte eines SS-Mannes erzählen; solche Geschichten gibt es ohnehin zuhauf. Ich werde die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählen. Allerdings dauerte es Jahre, bis ich das Material für die nun folgende Geschichte zusammen hatte. Einige Augenzeugen leben noch, sie sind hochbetagt und haben mir ihre Erinnerungen, soweit das möglich war, in vielen Einzelheiten geschildert. Erst später, nachdem ich alles mühsam durchgearbeitet hatte, wurde mir klar, dass der sonst so gewissenhafte Historiker Adriaan Verhulst niemals Einsicht in die Gerichtsakten genommen hatte, in denen die ganze Wahrheit stand. Er hätte es problemlos tun können, doch dann wäre das Porträt seines Vaters wohl kaum so milde ausgefallen.“

Wir Zuhörer/Leser erleben nun, wie der Makler dem jungen Hertmans das Haus zeigt: sie gehen von Raum zu Raum. Währenddessen gleitet der Autor in die Vergangenheit und lässt das Haus zur Zeit von Verhulst und Familie aufleben. Durch diese Konstruktion macht er tatsächlich das Haus, Drongenhof genannt, zum Hauptprotagonisten (so passt diese Besprechung auch gut zu meinem Blogbeitrag „Das Haus im Roman“).

Willem Verhulst, der als Kind eine extrem enge prägende Beziehung zu seiner Mutter hatte, litt unter einer Augenkrankheit, die ihn zunächst blind machte, dann konnte aber immerhin ein Auge wieder geheilt werden. So trug er mitunter Augenklappe oder eine über dem blinden Auge milchverglaste Brille. Zum Studium von zuhause weg, zog er, der Feuer und Flamme ist für die nationale Bewegung Flanderns, in ein Zimmer im Haus einer Bäckerei, wo er sich in die Bäckersfrau verliebte. Mit ihr zog er schließlich weg in die Niederlande und sie heirateten, sie verstarb früh. Am gleichen Ort lernte er die Bauerstochter Harmina, Mientje, kennen, die überlegte aufgrund ihres Wissensdursts zu studieren, eventuell sogar Pastorin zu werden. Zuerst wies sie ihn ab, doch ein paar Jahre später heirateten sie und bekamen drei Kinder: Adriaan, Aletta und Suzy. Mientjes Leben wurde nun von Grund auf anders. Sie versorgte Kinder und Haushalt, hing weiter an ihrem Glauben und konnte als friedvoller Mensch Willems Uniformen und seine Tätigkeit, von der sie sicher nur einen Bruchteil wusste, nie ausstehen. Verhulst hingegen tat weiter, was er wollte, hatte später als Vertrauensmann der Deutschen nach der Besetzung Belgiens eine ständige Geliebte namens Griet.

Vom Handlungsreisenden zum Leiter einer Fabrik und weiter zum Leiter eines Radiosenders bis zum SS-Mann, der hunderte Menschen in seiner Umgebung bespitzeln und dann verhaften und verhören ließ. Vom liebenden Familienvater mit drei Kindern zum Denunzianten und Kollaborator. Hertmans schafft es allerdings immer sachlich, fast wie in einem Sachbuch zu erzählen, er kombiniert Fakten mit Tagebuchauszügen und niedergeschriebenen Gesprächen mit den Nachkommen. Hertmans muss unglaublich viel recherchiert haben, was auch im Roman immer wieder durchscheint, denn er erzählt von seinen Wegen ins Archiv, zu Verwandten Verhulsts oder zu anderen wichtigen Orten seiner Biographie. Er zitiert viel aus Mientjes Tagebuch, später aus Gefängnisbriefen von Willem und er zieht Adriaans Biografie zurate. Dieser Sohn, Adriaan Verhulst, Historiker, der in Hertmans Studentenzeit seine Examensprüfung abnahm und ihn beim ersten Mal durchfallen ließ.

Willem Verhulst floh mit der Geliebten und anderen Kollaborateuren gegen Ende des Kriegs nach Deutschland, hoffte dort sicherer leben zu können. Mientje und die Kinder ließ er mit einem Bündel Geld zurück, dass nicht lange reichte. Sie musste Zimmer vermieten an Studenten, um durchzukommen. Ihre Religiösität schützte und stabilisierte sie in diesen harten Zeiten.

Doch er wird 1947 gesucht und gefangen genommen, erhält zunächst die Todesstrafe, die dann auf lebenslängliche Haft verändert wird und 1953 wird er unerwartet entlassen. Er lebt sein Leben weiter, findet sogar wieder Arbeit. Seine Familie sieht er regelmäßig, doch ist er die meiste Zeit wieder bei seiner Geliebten, die er später sogar heimlich heiratet. Unfassbar, dass er sogar eine kleine Rente für seine SS-Tätigkeit aus Deutschland erhält. Willem ist ein gutes Beispiel dafür, wie in der Nachkriegszeit Menschen, die so viele grausame Verbrechen zu verantworten hatten, schließlich dafür so wenig büßen mussten. Sehr traurig.

Ich fand diese Geschichte, der ich immerhin über 11 Stunden und 53 Minuten lauschte, hochinteressant, denn es zeigt mir eine Seite der Zeit des Nationalsozialismus, die ich so noch nicht kannte. Ein Blick von außerhalb Deutschlands auf die wahnsinnigen Geschehnisse eines Systems, dass sogar länderübergreifend funktionierte. Und ich höre auch von einer starken Frau, die sich trotz allem nie von der ideologischen Tätigkeit ihres Mannes vereinnahmen ließ und auch die Kinder davor schützte.

Der Roman erschien im Diogenes Verlag. Übersetzt wurde er von Ira Wilhelm. Eine Lese/Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für den Hörbuch-Download.

Ergänzend eine Website mit sehr viel Bildmaterial (Bilder enthält auch das Buch):

Deutscher Buchpreis 2022 Longlist: Mein persönlicher Einblick

Ich verfolge den Deutschen Buchpreis nicht mehr so eifrig mit, wie das noch vor einigen Jahren der Fall war. Dazu hat sich der Buchmarkt zu sehr verändert. Mir sind viele Bücher inhaltlich zu plakativ und einseitig, sprachlich zu einfach. So habe ich meine ganz eigenen Lesewege gefunden, darunter ist auch viel Lyrik, die beim Deutschen Buchpreis ja nicht vorkommt.

Dennoch gibt es heute einen kurzen Beitrag, in dem ich die drei Bücher vorstelle, die ich bereits gelesen und auf dem Blog hier besprochen habe und und einige, die ich angelesen oder abgebrochen habe oder noch lesen möchte.


Bereits gelesen habe ich die drei obenstehenden. Leider hat mir davon nur Wilderer von Reinhard Kaiser-Mühlecker gefallen, dafür aber richtig gut. Er ist auch mein Favorit. Ich hoffe, er gelangt auf die Shortlist. Und eine weitere Chance hat er auch beim Bayerischen Buchpreis, hier ist er ebenso als einer von drei Romanen nominiert und, Nachtrag, auch noch für den Österreichischen Buchpreis. Ich bin großer Fan seiner Bücher. Sie sind so wunderbar un-zeitgeistig und nicht-mainstream, die Sprache eher altmodisch, dabei aber keineswegs altbacken.
Kristine Bilkaus Romane habe ich bisher sehr gemocht. Nebenan hat mich nicht ganz überzeugt.
Carl-Christian Elzes Gedichte liebe ich und freue mich schon auf den neuen Band, der im November erscheint. Leider ist mir der Roman Freudenberg etwas fremd geblieben. Hier freue ich mich aber dennoch sehr über die Nominierung, da das Buch im wunderbaren kleinen Verlag Edition Azur erschienen ist.
Mit Klick auf das Foto gehts zur ausführlichen Besprechung.

Von Eckhart Nickels Roman Spitzweg gefiel mir bereits die Leseprobe. Ich warte gerade auf das Hörbuch; ich lasse mir hier wieder einmal vorlesen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht mit der Schulfreundschaft zweier unterschiedlicher Jugendlicher, von denen einer passionierter Kunstfreund ist, der dem anderen Kunst nahe bringt.
Esther Kinskys Rombo habe ich bereits kurz nach Erscheinen begonnen, aber wieder weggelegt, weil es offensichtlich nicht der richtige Zeitpunkt war. Ich lese ihre Romane und Gedichte an und für sich sehr gerne und bin von ihrer Sprache sehr beeindruckt. Sicher werde ich es bald noch einmal zur Hand nehmen. Rund um ein Erdbeben in Friaul in den 70er Jahren lässt Kinsky hier die Bewohner ihr Erleben schildern.
In Anna Kims neuen Roman Geschichte eines Kindes, den ich gerade lese, erzählt uns die Autorin von einer wahren Geschichte einer Adoption in den 50er Jahren in den USA. Da das Kind eine etwas dunklere Hautfarbe hat, beginnt man im Kinderheim zu recherchieren, welcher Ethnie das Kind zugehört. Ist es „indianisch“ oder gar „negrid“? Kim unterlegt ihre Geschichte mit chronologischen Auszügen aus den Berichten der zuständigen Sozialarbeiterin, die sich über mehrere Jahre hinziehen. Hier zeigt sich wirklich der ganze Schrecken des Systems, welches Menschen in ihre Hautfarben und ihre Herkunft unterteilt. Eine informative wie irritierende Lektüre.
Yael Inkais vorigen Roman mochte ich sehr. Ein simpler Eingriff klang für mich sehr vielversprechend: Ein neuer operativer Eingriff soll Menschen von ihrem psychischen Leiden befreien. Hauptfigur ist eine Krankenschwester, die die vor allem weiblichen Patienten betreut. Ich begann das Hörbuch mit der Lesung anzuhören, bin jedoch an irgendeinem Punkt, etwa nach einem Drittel steckengeblieben. Erklären kann ich es mir nicht ganz, vielleicht versuche ich es noch einmal mit dem Buch.

Alle anderen Titel ziehen mich bisher nicht genug an. Bleibt abzuwarten, wer es schließlich auf die Shortlist schafft, die in zwei Wochen veröffentlicht wird …

Linda Boström Knausgård: Oktoberkind Schöffling Verlag

„Ich hatte keine unglückliche Kindheit. Auch keine glückliche. Es war die Kindheit eines Niemands.“

Was habe ich vor Jahren die Bücher Karl Ove Knausgårds verschlungen. Irgendwann war ich der nabelschauartigen Präsentation seiner Biographie aber dann überdrüssig, zumal es sprachlich wenig Highlights, dafür oft viel Schmutz gab. Umso mehr freue ich mich, dass mittlerweile zwei Romane seiner Ex-Frau Linda Boström in deutscher Übersetzung vorliegen. Denn obwohl beide auch überwiegend von der eigenen Biographie erzählen, schafft Boström diese eben durch ihre Sprache in Literatur zu verwandeln. Und ich finde es gut und wichtig, ihm das gegenüberzustellen.

Boströms Roman beginnt in einer geschlossenen Abteilung in der Psychiatrie und endet mit dem Schritt hinaus. Sie erzählt nicht chronologisch sondern lässt den Gedanken freien Lauf. Gleich eingangs erfahren wir von den unangenehmen Behandlungen mit der Elektrokrampftherapie, die Linda mitunter zwei mal pro Woche über sich ergehen lassen muss. Wir hören von der Ergebnislosigkeit der Behandlungen, von der Unterstützung der Pflegekräfte, die Linda aufgrund ihrer langen Aufenthalte genau kennt und sie sie, von der eintönigen Routine, die manchmal stört und manchmal heilsam ist. Vom Nachdenken über sich selbst, vom Grübeln, vom Gefühl nichts wert zu sein, vom Gedanken ihre Kinder im Stich zu lassen, vom Zweifel jemals wieder das eigene Leben in den Griff zu bekommen bis zu Erinnerungen aus der Biographie erfahren wir hier. Vom Kindsein mit einer oft abwesenden Schauspielerin als Mutter (das Thema gab es bereits in „Willkommen in Amerika“), der Trennung vom Vater, von der Hoffnung unter den neuen Männern der Mutter könnte auch ein guter Vater sein, der sie ernst nimmt. Vom Verlorensein, vom Nichtgesehenwerden, von den kleinen Protesten, von der Schulzeit in der Privatschule mit der ewigen Anpassung, der nicht erwiderten ersten Liebe und dem langsamen Erwachsenwerden in großer Unsicherheit. Und schließlich von dem ersten großen Angstschub, ausgelöst durch einen Joint mit Freunden.

„Von manchen Dingen hatte ich keine Ahnung. Wie man sich in einer Beziehung verhält, wie man sein Leben gestaltet und wie man seine Fähigkeiten sinnvoll einsetzt. Nichts hatte ich gelernt. Es gab gute Phasen und schlechte Phasen. Die schlechten kamen häufiger, die guten seltener. Früher war ich ein Ass darin gewesen, mich wieder aufzurichten, jetzt verbrachte ich mein Leben in geduckter Haltung.“

Sie erzählt auch von der großen Liebe zu ihrem Mann, von den Anfängen über die Familiengründung, vom allmählichen Schwinden der Zusammengehörigkeit, von der wachsenden Sprachlosigkeit und auch von der Konkurrenz im Schreiben. Beide sind von Beruf Schriftsteller. Beide benötigen dafür ihren Raum. Oft sind Freunde oder die Mutter da, um sich um die Kinder zu kümmern, da Linda immer wieder von depressiven Schüben heimgesucht wird, oft tagelang nur im Bett verbringt.

Ein sehr prägnantes Beispiel für die Erkrankung zeigt sich in einem Beispiel in der Klinik. Linda gewinnt überragend gegen einen Mitpatienten im Schachspiel – eigentlich Grund zur Freude – doch es ist eben nur ein wertloser Gewinn, da er ja nur in der Klinik unter „Kranken“ gelungen ist. Die Herabsetzung der eigenen Person und die Überzeugung nicht gut genug zu sein für das wirkliche Leben.

„Wie konnte es sein, dass ich Woche für Woche dort blieb, ohne dass etwas begann oder endete? Wer bestimmte über mein Leben? Warum hatte ich kapituliert, und wer hielt die Fäden in der Hand?“

Dieses Buch kommt mir sehr nah. Ich fühle eine Verwandtschaft im Lebensprozess. Linda Boström schreibt vom Schreiben wollen und können. Aber eben nur, wenn die Seele heil genug ist und die Psyche nicht verrückt spielt. Dabei geht sie weit, aber eben sprachlich viel feiner, als ihr berühmter Exmann. Große Empfehlung und ein weiterer Beitrag passend zur Reihe „Psychische Erkrankungen im Roman“ auf meinem Blog.

Der Roman „Oktoberkind“ erschien im Schöffling Verlag. Übersetzt aus dem Schwedischen hat es Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier.

Geboren in der DDR: 4 Autorinnen der Gegenwart mit ihren aktuellen Romanen: Jenny Erpenbeck, Julia Franck, Antje Ravic-Strubel, Judith Zander

Alle vier wurden in der DDR geboren: Jenny Erpenbeck 1967, Julia Franck 1970, Antje Ravic Strubel 1974 und Judith Zander 1980. Ihr Schreiben ist davon geprägt und wird auch in ihren Romanen immer wieder thematisiert. Ich halte alle vier für großartige Erzählerinnen und ich erinnere noch einmal an ihre neuesten Romane, denn sonst werden sie viel zu schnell vergessen. Mit Klick aufs Coverbild kommt man zur ausführlichen Besprechung,


Jenny Erpenbeck hat für „Kairos“ gerade den Uwe-Johnson-Preis 2022 erhalten. Vollkommen zurecht, wie ich finde. Es ist 1986 in Ostberlin. Katharina, 19, begegnet eines Tages Hans, einem über 30 Jahre älteren verheirateten Schriftsteller. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Es beginnt eine Beziehung, die meiner Meinung nach nur anfangs Liebesgeschichte ist und sich schließlich vor allem aufgrund der narzisstischen Persönlichkeit von Hans in eine höchst toxische Beziehung verändert. Wenn es nur um diese Liebe gegangen wäre, hätte ich das Buch sicher bald zur Seite gelegt. Aber Erpenbeck ist eben eine großartige Erzählerin und sie weiß die Geschichte so zu erzählen, dass sie gute Literatur wird. So ist Jenny Erpenbecks neuer Roman eben viel viel mehr als die Geschichte einer unguten Beziehung, sondern ein Berlin- und ein DDR-Roman, aber eben auch ein sprachlich gelungenes perfekt komponiertes Leseereignis.

Julia Francks Romane „Die Mittagsfrau“ und „Rücken an Rücken“ mochte ich sehr. In ihrem neuen Roman „Welten auseinander“ schreibt sie nun offen autobiographisch. Es ist eine Geschichte, die in Ostberlin mit einer Flucht nach Westen beginnt und auch wieder in Berlin endet. Die Liebesgeschichte von Julia und Stephan umklammert den Roman mit seinen Rückblenden und Erinnerungen und schimmert immer wieder funkelnd durch die Dunkelheiten der Familiengeschichte Julias. Sprachlich ist die Geschichte durch mitunter kurze Sätze, die Gedankenfetzen ähneln, geprägt. Sie folgt auch keiner Chronologie. Eher folgt sie einem Bewusstseinsstrom, was ich für autobiographisches Schreiben und speziell in diesem Fall sehr stimmig finde.


Antje Rávik Strubel hat einen besonderen Sprachstil. Sie schafft es aktuelle Themen, Politisches wie Gesellschaftskritisches so zu verarbeiten, dass es nicht plakativ oder künstlich aufgeblasen wirkt, sondern so als wären diese Themen in der Literatur naturgemäß zuhause. Das merkt man auch an der besonderen Tiefe der Texte. Die Autorin hat ein großes Geschick darin, durch Auslassungen Geschehnisse umso intensiver aufzuzeigen. Mit wenigen Worten ist oft klar, was nicht direkt gesagt wird, ja, vielleicht nicht gesagt werden kann. Es ist die Atmosphäre, die Dichtheit, die eindringliche Stimmung, die jedes Kapitel neu und anders prägt. Sie lässt uns sehr überzeugend die übergroße Last ihrer Heldin spüren, deren Innenwelt sich immer wieder im Außen spiegelt. Die Spannung ergibt sich durch die Form des Erzählens: immer mehr wird aus der Lebenswelt der Protagonistin bekannt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Ein Puzzleteil fügt sich ans nächste. Langsam erkennt man Hintergründe.

Judith Zander kenne ich bereits als Lyrikerin (siehe voriger Blogbeitrag) und es war der erste Roman, den ich von ihr las. Ihre Sprache ist wunderbar. „Johnny Ohneland“ ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern.