Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Viel Freude!

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Aus „Herzklappen von Johnson & Johnson“ von Valerie Fritsch

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/03/22/valerie-fritsch-herzklappen-von-johnson-johnson-suhrkamp-verlag/

Amanda Cross: Die letzte Analyse / Der James Joyce-Mord Dörlemann Verlag

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Als ich im Winter das Frühjahrsprogramm des Dörlemann Verlags durchsah, war ich freudig überrascht. Der Verlag hatte seinen ersten Krimi im Programm. Normalerweise lese ich keine Krimis mehr, aber hier kamen dann die Erinnerungen an eine Zeit, in der ich viele Krimireihen las, immer auf den neuen Band wartend. Dabei waren auch die Krimis von Amanda Cross, die ich sehr liebte, die damals bei dtv erschienen. Glücklicherweise ist diese Lesephase so lange her, dass ich mich nur noch vage an die einzelnen Fälle erinnere. Und so war auch die erneute Lektüre ein spannendes Lesevergnügen.

Amanda Cross, alias Carolyn Gold Heilbrun, geboren 1926 in New Jersey, USA, lebte in New York, wo ihre Kriminalromane auch spielen. Cross war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin und ihre Heldin Kate Fansler ist Literaturprofessorin, die zufällig in Morde verwickelt wird und sich dann an deren Aufklärung beteiligt. Dabei nutzt sie häufig ihren gesunden Menschenverstand und ihre Literaturkenntnisse. Die Protagonistin ist emanzipiert, lebt allein, hat lose Liebesbeziehungen und sich vollkommen ihrem Beruf verschrieben. Unter dem Titel „Gefährliche Praxis“ erschien der erste Roman bereits 1964, der zweite dann 1967. Insgesamt sind es 12 Romane, die in deutscher Sprache erschienen. Schön, dass sie nun wieder entdeckt werden können. Man darf hier aber keine groben, blutigen Psychothriller erwarten, sondern kluge Detektivgeschichten, die mit witzigen Dialogen gespickt sind. Zudem spiegeln sie den Charakter der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Dazu zählen auch Ermittlungen, die noch ohne Mobiltelefone, GPS, moderne Spurensicherung gemacht werden mussten. Das macht sie in meinen Augen gerade sehr charmant und lesenswert. 

„Am Montagmorgen um zehn Uhr hielt Kate eine Vorlesung über Middlemarch. Hatte überhaupt etwas eine Bedeutung neben der Tatsache, dass die Fantasie Welten wie Middlemarch erschaffen konnte, diese Welten zu verstehen und die Strukturen, auf die sie sich stützten?“

In „Die letzte Analyse“ empfiehlt Kate Fansler einer ihrer Studentinnen auf Nachfrage einen Psychoanalytiker. Emanuel Bauer kennt Kate sehr gut, denn sie hatten einmal eine Liebesbeziehung. Kurze Zeit später wird die Studentin Janet Harrison auf Emanuels Coach erdolcht aufgefunden. Sofort gilt Emanuel als Hauptverdächtiger, was für Kate natürlich undenkbar ist. Die Indizien sprechen für sich. Emanuel hat kein belegbares Alibi und die Tatwaffe war aus seiner Küche. Mithilfe eines befreundeten Staatsanwalt beginnt sie in dem Mordfall zu recherchieren und mitunter mit unkonventionellen Methoden, die Staatsanwalt Reed so gar nicht gefallen. Obgleich es zunächst aussichtslos aussieht und Kate selbst sogar auch verdächtigt wird, findet Kate, teils mithilfe der Literatur, dann doch Beweise, die auf den Mörder hinweisen …

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„Wie es jetzt ist, können wir zusammen sein, wenn wir Lust dazu haben, und so bist du mir lieber, nicht angebunden und sorgenvoll. Einfach nur Reed; nicht mein Mann, mein Haus, meine Vorhänge – lieber zwei Kreise, wie Rilke sagt, die einander berühren“

In „Der James Joyce-Mord“ verbringt die Literaturprofessorin Kate Fansler einige Zeit auf dem Land in den Berkshires Mountains in Massachusetts. Sie soll dort mit einem ihrer Doktoranden den Nachlass eines mit James Joyce befreundeten Verlegers sichten. Begleitet wird sie von ihrem Neffen und dessen Betreuer. Dazu gesellen sich noch zwei weitere Literaturprofessorinnen und natürlich kommt auch Staatsanwalt Reed zu Besuch. Das Leben auf dem Land birgt für die Städter besondere Herausforderungen wie etwa Kuhfladen und neugierige Dorfbewohner. Als jedoch eine unbeliebte Nachbarin mit einem Gewehr, dass eigentlich nicht geladen sein sollte, versehentlich erschossen wird, finden sich Kate und Reed erneut inmitten von Mordermittlungen. Nach und nach erfahren wir, was die Tat mit den James Joyce-Briefen zu tun hat und wer der Mörder war …

Hochinteressant sind diese Krimis auch in heutiger Zeit. Im ersten Band etwa zeigt sich, dass in den 70er Jahren die klassische Psychoanalyse nach Freud in den USA der absolute Renner war. Im zweiten Band geht es häufig in Gesprächen um den Stellenwert von Sex, innerhalb und außerhalb von festen Partnerschaften. Hier zeigt sich dann auch, wie viel sich in Sachen Emanzipation der Frau bis heute getan hat. Damals war es noch die Ausnahme, dass Frauen alleine und selbstbestimmt lebten und Kate Fansler ist ein perfektes Beispiel dafür, obgleich auch sie noch in Mustern denkt, über die wir heute mit dem Kopf schütteln können, zum Glück! 

Ich empfehle die Kate Fansler-Krimis sehr, gerade auch unter dem Aspekt „Frauen lesen“. Zudem sind die Cover auch schön passend gestaltet. Die Übersetzung ist noch die der alten Ausgaben (sehr oldschool) von Monika Blaich und Klaus Kamberger.  Auf der Verlagsseite des Dörlemann Verlag gibt es Leseproben. 

Sadie Jones: Die Skrupellosen Penguin Verlag

Sadie Jones ist meines Wissens noch nicht so bekannt im deutschsprachigen Raum. Ich habe sie entdeckt durch den schönen Roman „Jahre wie diese“, der im Schauspielmilieu in London spielt. Die 1967 geborene Britin, die auch Drehbuchautorin ist, schreibt Romane, die zwar nicht hochliterarisch sind, aber in die Tiefe der jeweiligen Themen eintauchen und absolut mitreißend erzählt sind. Also durchaus mehr als gute Unterhaltung. Diesmal sogar mit Elementen eines Kriminalromans.

Im neuen Roman geht es um das junge Paar Bea und Dan, die in London leben. Eine Eigentumswohnung muss abbezahlt werden. Dan, der eigentlich Künstler sein will, verdient sein Geld als Immobilienmakler, Bea ist Psychotherapeutin. Gleich eingangs wird klar, dass die beiden sehr sparsam leben müssen, denn das Leben in London ist teuer. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, führen sie eine liebevolle Beziehung. Als beide vom Leben und Arbeiten frustriert sind, beschließen sie eine Auszeit zu nehmen. Vom finanziellen „Polster“ und von der Vermietung ihrer Wohnung wollen sie drei Monate lang durch Europa reisen. Ein altes Auto wird gekauft und die erste Station ist Frankreich, wo Beas Bruder Alex ein Hotel leitet.

Alex scheint es endlich geschafft zu haben, Drogen und Alkoholmissbrauch hinter sich gelassen zu haben. Doch als sie ankommen entpuppt sich das Hotel als Luftnummer. Es gibt keine Gäste außer ihnen selbst, vieles ist marode und Alex scheint sich dennoch dort wohl zu fühlen. Im Gespräch erfahren Dan und Bea, dass der durch allerlei illustre Immobilienspekulationen extrem reich gewordene Vater von Bea das Hotel für Alex gekauft hat. Dan, der kaum etwas von Beas Familie weiß, da Bea keinen Kontakt zu den Eltern hat, wundert sich immer mehr. Sie versuchen die freien Tage zu genießen, doch irgendwie schwebt Unheil in der Atmosphäre. Als schließlich auch die Eltern mit teurem Auto auftauchen, nicht wie sonst mit dem Privatjet (!), fragt sich Dan, wieso er nichts über den immensen Reichtum seiner Schwiegereltern weiß und weshalb Bea nicht die immer wieder angebotene Unterstützung ihres Vaters annimmt. Sie hätten damit ein so viel leichteres Leben.

„Dan dachte, dass er sie gerade zum ersten Mal in einer solchen Umgebung sah, und es verstörte ihn, mit welcher Sicherheit sie sich in diesem Habitat bewegte. Nur ein Mädchen, das mit dem goldenen Löffel im Mund geboren war, würde ihre Missachtung für den Luxus demonstrieren, indem sie etwas bestellte, was gar nicht auf der Karte stand.“

Doch für Bea ist es ein rotes Tuch, etwas von den Eltern anzunehmen. Sie hat ihre Gründe. Nach und nach bekommen wir Einblick in das merkwürdige Familienkonstrukt, dass von einem dominierenden Vater beherrscht wird, der über den dunkelhäutigen Schwiegersohn so gar nicht froh ist. Wir tauchen in die Kindheit der Geschwister, zu denen noch ein älterer Bruder gehört, der es im Gegensatz zu Alex „geschafft“ hat. Doch die, die Bea mit aller Macht von sich schiebt, ist die Mutter. Als Kind hat sie die Mutter zusammen mit dem 7 Jahre älteren Bruder gesehen, in einer übergriffigen Situation …

„Schwarze waren in den vergangenen Jahren hochgestuft worden, denn jetzt hatten sie noch ausländischere Ausländer mit Akzenten und Religionen, vor denen sie sich fürchten konnten.“

Es herrscht statt Urlaubsfeeling eine extreme unangenehme Spannung zwischen allen. Als Alex eines Abends losfährt, um für den Vater etwas zu erledigen, kommt er nicht mehr zurück. Dafür taucht die Polizei auf, die ihnen mitteilt, dass Alex einen tödlichen Unfall hatte. Die Erschütterung ist groß, bei der Mutter extrem. Vor allem als langsam klar wird, dass Alex vermeintlicher Unfall ein Mord war.

Es folgt eine äußerst spannende, bestens gelungene Geschichte, in der sich sichtlich Abgründe dieser Familie auftun. Und Dan als eine Art Außenstehender kommt aus dem Fragen nicht mehr heraus. Die Beziehung der beiden leidet unter den Geschehnissen. Kann man sich noch gegenseitig vertrauen? Kennt man einander wirklich? Und inwiefern ist Beas Vater, der den Sohn mit einem Auftrag losschickte mit Schuld an den Ereignissen?

Psychologisch interessant und erwähnenswert ist noch das Motiv der Schlange, das immer wieder auftaucht, in Beas Träumen und in echt. Das englische Original übernimmt das Motiv sogar in den Titel: The Snakes.

Mehr verrate ich nicht vom Inhalt, denn es würde dem Lesen die Spannung nehmen. Neugierig gemacht habe ich hoffentlich auf diesen gut konstruierten Roman, der mit feiner Gesellschaftskritik und einem für mich überraschenden, wenngleich heftigem Ende aufwartet. Einige wenige Male begegneten mir sprachliche Unfeinheiten, die vielleicht der Übersetzung geschuldet sind.

„Die Skrupellosen“ erschien im Penguin Verlag. Übersetzt wurde es von Wibke Kuhn. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Aus dem Archiv: Katja Lange-Müller: Drehtür Kiepenheuer & Witsch Verlag

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In Astas Kopf

Katja Lange-Müller stellt ihrem neuem Roman ein Zitat von Nietzsche voran, das das Anliegen des Buches ziemlich genau auf den Punkt bringt:

Es scheint mir, dass ein Mensch, bei dem allerbesten Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist

Asta, Mitte sechzig, ist soeben am Münchener Flughafen gelandet. Von weit her kommt sie. Als Krankenschwester war sie über zwanzig Jahre im Ausland tätig. Sie hat keine Euros, aber eine Stange Zigaretten aus dem Dutyfree-Shop in der Tasche. Aus Rauchlust und weil ihr Gepäck noch fehlt, steht sie nun vor der Drehtür, die Zigarette in der Hand neben dem Ascher und denkt nach. Und beobachtet. Astas Kollegen im Krankenhaus in Managua hatten ihr den Flug geschenkt. Ein Abschiedsgeschenk, denn eigentlich wollten sie die Kollegin loswerden, in Rente schicken. So einige Fehler waren ihr zuletzt unterlaufen: Es war nicht mehr zu verantworten. Vielleicht ist es ein Burnout, oder sind es gar erste Anzeichen einer Demenz? Eine Auszeit zumindest sollte es sein, ein Aus-Flug, wie die Kollegen ironisch meinten – nach München, wo sie doch in Berlin gelebt hatte – und ohne Rückflug.

Sollte ich mich jetzt tatsächlich mit Dingen beschäftigen, die ich früher nicht interessant genug fand, nur weil ich plötzlich Zeit habe? Wie viel Zeit bleibt mir überhaupt noch?

Asta, die Krankenschwester, die als Not-Helferin für internationale Hilfsorganisationen in verschiedensten Ländern der Erde ihren Dienst tat, zuletzt in Nicaragua, scheint ausgebrannt. Sie könnte froh sein, ihren Beruf endlich an den Nagel zu hängen, in den Ruhestand zu gehen, vielleicht im heimischen Berlin. Doch sie fühlt sich nirgends mehr zu Hause.

Katja Lange-Müller schickt den Leser in Astas Kopf und geleitet ihn durch ihre Gedankengänge. Das ist faszinierend und fühlt sich an wie im Kino zu sitzen: Lauter Shortcuts – ein Blitzgewitter – das Wort, das Asta auch gleich im ersten Satz des Buches denkt und zerlegt und deutet. Asta seziert die Worte, die ihr gerade durch den Kopf gehen, sie hinterfragt den Sinn der ursprünglichen Bedeutung, bemerkt plötzlich alle Zweideutigkeiten. So denkt sie sich durch Begriffe wie etwa „Gesundheitswesen“, „Notwendigkeit“ oder „aufhören“, was auch „aufhorchen“ bedeuten könnte. Unterdessen hört sie ihre innere Stimme zu sich sprechen. Sie selbst hat seit der Landung nichts mehr laut gesagt. Die äußere Stimme hat sich nach innen gestülpt und führt nun ein Eigenleben.

Und weiter hält Asta ihre Lider geschlossen und rollt ihre Augäpfel bis zur Schmerzgrenze in ihren Schädel hinein und sieht, wie auf einer Kinoleinwand, schneeähnlich, kristalline Buchstaben umherwirbeln und einander anziehen und sich verfestigen zu unterschiedlich langen und lesbaren Ketten, die dann beinahe gleichzeitig niederrieseln auf ihre heiße trockenen Zunge und sich dort auflösen.

Die eigentliche Handlung des Romans, vom Umfang her nur ein paar Stunden, findet allein in Astas Kopf statt. In verschiedenen Episoden erinnert sie sich an Begebenheiten und Menschen aus ihrem Leben, und nur so erfährt der Leser etwas über sie. Die Erinnerungen werden immer von etwas im Außen angestoßen und wieder freigesetzt. Lange Zurückliegendes, bereits scheinbar Vergessenes bricht wieder aus dem Gedächtnis hervor.

So sieht sie von ihrem Platz an der Drehtür den Angestellten eines Asia-Imbiss und erinnert sich an den Koch mit Zahnschmerzen aus der nordkoreanischen Botschaft, den sie vor langer Zeit als junge Krankenschwester mit Tabletten und Schnaps zur Schmerzlinderung versorgte. Dann bemerkt sie einen Mann, der einem ehemaligen Liebhaber ähnelt, und schon denkt sie zurück an jenen missglückten Urlaub, der zur abrupten Trennung führte. Oder sie beobachtet eine junge Frau mit bunt gefärbtem Haar und erinnert sich an die Kollegin, die einen Roman schrieb und erzählte, wie es dazu kam, dass es nur bei dem einen blieb und wie sie dann ungeplant zur „Helferin“ wurde: Eingeladen zu einer Lesung nach Indien, wird sie dort von einer resoluten Schriftstellerkollegin genötigt, für Frauen aus den Slums Nähmaschinen zu organisieren. Diese Episode, die teilweise in Kalkuttas Armenvierteln unter schwer misshandelten Frauen spielt, ist ein ganz eigener kleiner Kosmos innerhalb des Romans und erzeugt die allerstärksten Bilder.

In allen Episoden findet sich das Thema „Helfen“: Die Frage, wie zweischneidig sich Hilfe auswirken kann, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Lange-Müller beleuchtet die Arbeit der Helfer, hinterfragt ihre Tätigkeiten und Motive aufs Genaueste. Sie nimmt das sogenannte Helfersyndrom unter die Lupe, zeigt die Abhängigkeiten, die (Un-) Eigennützigkeiten beider Seiten und erschafft damit den Raum für eigene Überlegungen.

Doch riskant, erregend riskant, ist die Helferei trotzdem. Du stehst mit einem Bein im Misserfolg, denn oftmals sind deine Bemühungen am Ende vergebens, was dir aber nicht immer vergeben wird, nicht einmal von dir selbst.

Auch mit den Identitäten scheint Katja Lange-Müller im Verlauf ihrer Geschichte zu spielen. Zum Ende des Romans verwischen Astas Gedächtnisspuren, so dass nicht mehr klar ist, ob die jeweils erinnerten Personen das alles erlebt haben oder ob es doch Asta selbst war, ob alles nur angelesen und von irgendwo zugetragen ist. Astas Verwirrtheit, auch Verlorenheit an diesem trostlosen Transitort, in diesem Vaterland mit der Muttersprache, die ihr so zusehends wenig geläufig ist, spitzt sich schließlich zu. Aus der immer zur Verfügung stehenden Helferin wird eine Hilfsbedürftige, die zuletzt ganz alleine bleibt …

Katja Lange-Müllers Roman besteht aus erinnerten Sequenzen ihrer Heldin Asta. Die scheinbar so lose Aneinanderreihung ist in Wirklichkeit eine gut konstruierte Reihenfolge mit aufeinander aufbauenden Episoden, die ihren Höhepunkt stimmig am Schluss finden. Der Titel des Romans ist ein Beispiel dieser Symbolhaftigkeit: Die Drehtür, die sozusagen von einem ‚Land‘ ins andere führen kann, oder aber immer nur im Kreis, in der man aber mitunter auch stecken bleibt. Lange-Müllers Sprache ist wie immer gekonnt, von trockenem Humor durchzogen, manchmal schnoddrig, sehr direkt, mit leisen Zwischentönen. Sie trägt damit sehr passend zur Stimmigkeit dieses Romans bei: Inhalt, Konzept, Sprache und sogar der Titel sind hier mächtig im Einklang – ein überzeugend guter Roman!

Die Rezension erschien zuerst auf fixpoetry.com.
Fixpoetry hat den Betrieb aus Gründen mangelnder Finanzierung leider eingestellt.

Longlist Deutscher Buchpreis 2016
18.09.2016
Hamburg
Von
Marina Büttner

Ulrike Draesner: Kanalschwimmer Mare Verlag / btb Verlag

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Der Roman „Kanalschwimmer“ der Lyrikerin und Prosaautorin Ulrike Draesner ist nun auch als Taschenbuch erschienen. Wie ich vermute, entstand er oder wurde zumindest angeregt durch Draesners Aufenthalt als poet in residence in den Jahren 2015 bis 2017 in Oxford. Denn auch der Roman spielt teilweise in dieser kleinen aber höchst bekannten englischen Universitätsstadt beziehungsweise am und im Wasser des Ärmelkanals zwischen Dover und Calais.

Ich bin zunächst hin- und hergerissen zwischen „oje, überdreht“ und „erfrischend extravagant“. Und das natürlich in Bezug auf die Sprache. Bei Draesner geht es immer vor allem um Sprache. Denn diese Geschichte des alternden Mannes, der es noch einmal wissen will und damit unbedingt auch seine Angetraute wieder zurückgewinnen will, der also mit über sechzig den Ärmelkanal an der engsten Stelle zwischen Dover und Calais durchschwimmen will, wie es tatsächlich heutzutage viele machen, wie ich bei Recherchen feststellte (auf der Suche nach Grenzüberschreitungen? dem Kick? dem wahren Ich?), ist nicht das Spannendste am Roman. Es ist schon die Sprache und auch die zunächst wenig stringent erscheinende Erzählstruktur, die im Vordergrund steht.

Es gibt enorm viele Sätze mit höchst experimentellem Charakter, auch Kombinationen, die, wie ich finde, fragwürdig sind:

„Unversehens saß er in einer Lichtmühle. Er saß auf einer Bank des Shakespeare Inn unter quietschendem Shakespeare-Schild in einem Schauer aus Leuchtkörnchen, die auf ihn heruntergemahlen wurden. Hunderte Säcke von Lichtmehl waren explodiert.“

Sehr spannend ist, was ich im Verlauf des Lesens spürte: Wenn Draesner Held Charles im Kanal schwimmen lässt, an seine Grenzen bringt bzw. grenzenlos werden lässt, dann ist die Geschichte am stärksten, dann fließt sie, wird selbst durchlässig wie Wasser.

Die in Rückblenden, während des Schwimmens von Charles erinnerten Beziehungsthemen hingegen, wirken auf mich sehr unruhig. Aber vielleicht ist das gerade die beabsichtigte und letztlich auch gelungene Konstruktion der Autorin.

Ganz am Rande steht für mich dann auch die Beziehungsgeschichte von Charles und Maude, die nach 30 Jahren noch einmal eine große Veränderung erfahren könnte, wenn es nach der Pianistin Maude ging. Sie wünscht sich eine Dreierbeziehung zusammen mit Charles ehemaligem besten Freund und Konkurrenten Silas.

Und ja, hier werde ich das so oft bei Besprechungen verwendete „in den Sog geraten“ tatsächlich auch einmal anwenden, denn es passt so schön zum Meer und dem Kanalschwimmer-Helden Charles, den ich anfangs noch skeptisch, zum Schluss hin doch durchweg sympathisch in seinem Menschlich-Sein, wenn nicht gar in seiner Menschwerdung, im Ärmelkanal begleiten durfte. Und ein Hoch auf die Autorin, die es schafft, die dringlichste Frage, die uns Leser durchs Buch treibt, ohne Antwort zu lassen: Schafft er es oder schafft er es nicht? Ein Leuchten!

Ulrike Draesners Roman „Kanalschwimmer“ erschien zuerst im Mare Verlag, nun als Taschenbuch bei btb. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Zu weiteren Besprechungen hier auf meinem Blog von Ulrike Draesner:
„Mein Hiddensee“, „Eine Frau wird älter“ und zum Hörbuch „Happy Aging“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios btb Verlag / Hanser Verlag

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Viel Aufmerksamkeit bekam dieses Buch schon als Hardcover. Nun ist auch das Taschenbuch erschienen. Wer es noch nicht kennt, dem sei es empfohlen. Ich wusste bereits, dass Ocean Vuong auch Gedichte schreibt (inzwischen ebenfalls ins Deutsche übertragen), so las ich die Leseprobe und merkte: Ja, das will ich lesen. Da ist einer, der hat eine poetische Sprache, der hat kluge Metaphern an der richtigen Stelle, dessen Sprache schwebt und sich erhebt über die Geschichte, seine eigene Geschichte, die auch eine Leidensgeschichte ist. Grandios auch das Coverbild und der Titel.

Im ersten Teil beschreibt Ocean Vuong auf unruhige, nicht immer leicht durchschaubare Weise  Kindheit und Familiengeschichte seines Protagonisten, genannt „Little Dog“. Hier wählt er die Briefform, ein vermutlich nie gelesener Brief an die Mutter, die Analphabetin ist. Er kommt mit zwei Jahren mit seiner Mutter und Großmutter aus Vietnam in die USA. Gleich zu Anfang wird die Gewalttätigkeit der Mutter thematisiert, die umso mehr erschreckt, als sie zwischen sprachlich feine Passagen gesetzt wird. Großmutter, Mutter, Kind: Alle durch den Vietnamkrieg psychisch erschüttert, alle nun in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land des Kriegsgegners. Alle binnen kurzer Zeit ohne jede Hoffnung. Es ist auch der Teil, der mir am eindrücklichsten bleibt.

„Unsere Muttersprache ist so überhaupt keine Mutter – sondern eine Waise. Unser Vietnamesisch eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel, Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg.“

Im zweiten Teil geht es um die Identifizierung als Teenager, der sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt bis hin zum Coming Out gegenüber der Mutter. Mit Trevor einem Farmerssohn erlebt er zum ersten Mal Sex. Auch hier ist Gewalt im Spiel, gewollte Gewalt. Es geht um die beiden Jungen, der eine weiß, der andere gelb, die sich durch die Zeit treiben lassen, begleitet von Drogen verschiedenster Art, langer Weile, Schwärmerei und dem Wunsch nach Rebellion, in einer heruntergekommenen Gegend, in einer für sie begrenzten Welt.

„Da war Gewalt bereits alltäglich für mich, war, was ich letzten Endes von Liebe wusste.“

Im dritten Teil, fünf Jahre sind vergangen, studiert „Little Dog“ in New York Literatur. Als er von Trevors Tod durch eine Überdosis Heroin erfährt, kehrt er zurück in die Stadt seiner Jugend. Kurze Zeit darauf stirbt auch die Großmutter und Little Dog reist mit der Mutter zur Beisetzung zurück nach Vietnam, nach Saigon.

„Ich wollte nie einen „Textkörper“ erschaffen, sondern sie, unsere Körper, atmend und verschollen im Text bewahren.“

Vuong unterfüttert seine Geschichte mit einzelnen Sätzen, Zeilen, die ungeordnet aus dem Rahmentext hervorbrechen, die teils wirken, als versuchten sie wie Säulen den Fließtext in seiner inhaltlichen Brüchigkeit und manchmal auch Grobheit zu stützen. Einfach ausgedrückt, bestehen sie womöglich aus gewonnener Erkenntnis in poetische Bilder gelegt.

Was mir gefehlt hat, ist die Entwicklungsgeschichte Little Dogs hin zum Studium, zur Literatur und zum eigenen Schreiben. Das hätte mich brennend interessiert.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ erschien gerade bei btb als Taschenbuch. Die Übersetzung stammt von Anne-Kristin Mittag. Eine Leseprobe gibt es  hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Leider ohne Leuchtkraft: Christoph Hein: Guldenberg Suhrkamp Verlag / Hildegard E. Keller: Was wir scheinen Eichborn Verlag

Schade, schade. Auf beide Romane hatte ich mich gefreut. Beide haben mich enttäuscht.

Gleich vorneweg: Ich tue Christoph Hein mit dieser Kurzbesprechung vielleicht unrecht, denn er ist ja ein großer Geschichtenerzähler. Im Gespräch mit Carsten Otte bei „Leipzig liest extra“ war das auch wieder deutlich zu erkennen, vor allem auch welch ein kluger und sympathischer Mensch er ist, der ja auch schon auf eine riesiges Lebenswerk zurückblicken kann. Dennoch bleibt es für mich bei „Guldenberg“ bei diesen Eindrücken:

Von vielen der vorherigen Romane Christoph Heins war ich begeistert (z. B. Verwirrnis und Glückskind mit Vater). Immer sind es gute, oft historische Geschichten, sprachlich zwar ohne Experimente, aber unterhaltsam und gut konstruiert. Diesmal ist es langweilig. Die Geschichte, wie sie im Klappentext angekündigt wird, bleibt ein Nebenstrang. Hauptsächlich erzählt Hein von den Intrigen und Machenschaften in einer typischen (ost?)deutschen Kleinstadt namens Bad Guldenberg, vom Pfarrer bis zum Bürgermeister, vom Großunternehmer bis zum HartzIV-Empfänger. Vom Klatsch und Tratsch in kleinen Orten. Vom Neid, vom Hass.

„Er heiratet, wenn sie schwanger ist, vorher nicht, sagte er mir. Er braucht zwei, drei Söhne, denen er seine Firmen übergeben kann, und da will er schon sicher sein, dass das mit seiner Anne klappt.“

Dass in der kleinen Stadt auch seit einiger Zeit 12 minderjährige unbegleitete, zum Teil bald erwachsene Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan untergebracht sind, in einem Gebäude, dass eigentlich für ein Pflegeheim vorgesehen war, vereint die Bewohner schnell, spätestens als die Gerüchteküche von einer Vergewaltigung geschürt wird. Da dieses Thema als Hauptthema des Romans beworben wird, es aber im Prinzip nur relativ oberflächlich und als Randgeschehen erzählt wird, fürchte ich es sollte als Schlagzeile die Leser locken.

„Ja, ich las in der Zeitung, dass sehr viele muslimische Flüchtlinge Antisemiten sind.“ „Ich versuche immer wieder mit ihnen darüber zu sprechen, aber so schnell kriegt man das natürlich nicht aus den Köpfen raus. Das Schlimmste ist, dass die Jugendlichen sich von einer Frau nichts sagen lassen. Eine Frau, meinen sie, hat einem Mann nichts zu sagen, auch wenn dieser Mann noch grün hinter den Ohren ist.“

Dass Hein aber dann Wirtshausgespräche, Beichtstuhlgeheimnisse, seltsame Gespräche zwischen einer Angestellten des Flüchtlingsheims und ihrer Urgroßmutter und kommunalpolitische Narreteien in den Vordergrund rückt, die für mich keine überzeugende, eher eine zusammenhanglose Geschichte ergeben, ist traurig. Vor allem auch, weil Heins neuer Roman wirklich altbacken wirkt und für mich schrecklich langweilige Dialoge enthält. Hein geht eine brisante und wichtige Thematik meiner Meinung nach viel zu vorsichtig an (man könnte es wohlwollend natürlich auch „unaufgeregt“ nennen) und so fehlt dann auch jegliche Spannung, auch sprachlich. Immerhin habe ich durchgehalten bis zum ebenfalls unspektakulären Schluss. Möge der nächste Roman wieder an Spannkraft gewinnen.

„Guldenberg“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Hildegard E. Keller ist mir als ehemalige Bachmannpreis-Jurorin wohlbekannt. Ihre Buchvorstellung von „Was wir scheinen“ über Zoom durch den Eichborn Verlag hat mir sehr gefallen. Sie berichtete erfrischend und begeistert von ihrer Arbeit am Roman über Hannah Arendt. Zweifel, dass es schwierig bis unmöglich sei einen Roman über die berühmte politische Theoretikerin zu schreiben, waren weggeblasen. Doch das Lesen war dann anders. Ich dachte gleich anfangs: Das geht so nicht. Keller lässt Hannah Arendt, neben den wirklich großen interessanten Geschehnissen, aus dem Nähkästchen plaudern und damit hatte ich Schwierigkeiten.

„Sie öffnete die Augen. Die kleine Pause hatte sie erfrischt. Wie die Entenhintern über das Eis wackeln! Jede folgt ihrem Schnabel, hierhin und dorthin. Den Menschen, den sie für die vermeintliche Nahrungsquelle gehalten hatten, ließen sie hinter sich.“

Dennoch habe ich mich weiter darauf eingelassen, wollte dem Buch eine Chance geben, wollte es mögen, weil die Autorin so sympathisch und Hannah Arendt so wichtig ist. Nach der Hälfte habe ich dann aufgegeben. Für mich hat es nicht funktioniert. Durch den Film und das biographische Material, das ich kenne hat sich vor mir ein ganz andere Bild von Arendt aufgetan. Viele Szenen oder Dialoge im Buch sind mir arg unglaubwürdig, wirken banal, sehr erfunden und sind schlichtweg oft so weit ausgedehnt, bis sie einfach langweilig werden.

„An der Steinbank raschelte es vor ihren Füßen. Sie sah ein grünliches Köpfchen hinter der Turmwand hervorgucken. „Was bist du denn für ein Akrobat“, sagte sie zur Eidechse, die vertikal am Stein hing und sie anschaute. Die könnte glatt im Zirkus auftreten.“

In manchen Rezensionen ist zu lesen, dass gerade diese fiktionalen biographischen Beschreibungen ein sehr menschliches Bild von Arendt zeichnen würden. Das kann man natürlich so sehen; mir gelingt es nicht. Ich würde dann doch jedem eher eine sachliche Biographie empfehlen. Und last but not least habe ich auch sprachlich mehr erwartet von einer, die auch selbst Kritikerin und Dozentin ist.

Der Roman „Was wir scheinen“ erschien im Eichborn Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.