Leipziger Buchmesse 2019: Gastland Tschechien

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Die Leipziger Buchmesse wendet sich bei der Suche nach einem Gastland häufig nach Osteuropa, was mir sehr gefällt. Ich finde es ganz wunderbar als Anregung ein Land literarisch zu bereisen. Nach Rumänien ist es nun Tschechien, das mit überraschenden Autor/innen und deren Übersetzungen aufwartet. Es gibt einiges zu entdecken.

Recht bekannt ist der Autor Jaroslav Rudiš, der in diesem Frühjahr seinen neuen Roman „Winterbergs letzte Reise“ veröffentlicht hat. Es ist das erste Buch, dass der 1972 in Turnov geborene Autor in Deutsch verfasst hat und ist der letzten „Überfahrt“ gewidmet, ist eine besondere Art Roadmovie. Er ist damit nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Eine ausführliche Besprechung dazu folgt.


Große Entdeckungen sind für mich die beiden Autorinnen Radka Denemarková, die in ihrem neuen Roman das Thema Vergewaltigung in intensiver, ungewöhnlicher Weise beleuchtet, und Tereza Semotamová, deren Roman im Schrank spielt, den die Hauptfigur sich als neuen Wohnsitz auserkoren hat. In Bälde werde ich die beiden neuen Romane „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ aus dem Hoffmann & Campe Verlag und „Im Schrank“, erschienen bei Voland & Quist, noch ausführlich auf dem Blog vorstellen.
Ebenfalls beachtenswert ist die Literatur von Kateřina Tučková, deren neuer Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“  (Klak Verlag) in die deutsch-tschechische Geschichte eintaucht (weitere Titel siehe Foto unten) und Marek Šindelkas psychedelisch-experimenteller Roman „Der Fehler“, erschienen im Residenz Verlag.


In der Lyrik fiel mir vor allem Jan Skácel mit seinem im Wallstein Verlag erschienenen Sammelband „Für alle die im Herzen barfuß sind“ auf und im kleinen Verlag Edition Korrespondenzen Ivan Blatnys starke Gedichte, die meist in einer psychiatrischen Klinik  in England geschrieben wurden und die es zu entdecken gilt. „Alte Wohnsitze“ und „Hilfsschule Bixley“ heißen die beiden lieferbaren Bände.


Die in Prag geborene, in Aachen lebende Lyrikerin Klara Hurkova schreibt und malt. Ihre Gedichte weiß ich zu schätzen. Eines davon, „Atlantis heute“, durfte ich für fixpoetry  für den poetryletter illustrieren. Klara schreibt auf Tschechisch und Deutsch, übersetzt, und ist Herausgeberin zweier tschechisch/deutscher Lyrikanthologien.

In der Edition Azur erscheint der Gedichtband „Irgendwohin nach Haus“ von Petr Hruška. Und im Klak-Verlag erscheint mit „Die Weltuhr“  Lyrik von Sylva Fischerová. Und auch im Wunderhorn Verlag gibt es wieder aus der Reihe VERSschmuggel eine Anthologie in lyrischer deutsch/tschechischer Zusammenarbeit.           

Weiterhin hat der kleine Lyrikverlag hochroth neue Bändchen von jungen tschechischen Lyriker/innen herausgegeben: „Geheimes Leben“ von Milan Děžinský, „Astronauten“ von Jan Těsnohlídek, „Porträts“ von Olga Stehlíková und „Ohne Option“ von Natálie Paterová. (siehe auch hochroth Verlag edition OstroVers).

Einen sehr umfassenden Überblick über die Neuerscheinungen bietet die offizielle Seite Leipzig 2019 Tschechien Ahoj: http://ahojleipzig2019.de/de

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2 x Kein Leuchten: Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung S. Fischer Verlag/ Marie Darrieussecq: Unser Leben in den Wäldern Secession Verlag

Leider, leider gibt es ab und an auch die Enttäuschungen. Nichts leuchtet oder nur ein winziges Flämmchen, obwohl ich mich sehr vorfreudig ins Lesen stürzte. Somit hier nur ganz kurze Überblicke:

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Auf Reinhard Kaiser-Mühleckers neuen Roman „Enteignung“ hatte ich mich riesig gefreut, denn ich fand sowohl seinen Erzählungsband „Zeichnungen“, als auch seinen letzten Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“, der auch für den Deutschen Literaturpreis 2016 nominiert war ziemlich toll. Was mich vor allem freute, war die Sprache: leicht altmodisch, sehr gekonnt. Und genau daran hapert es im neuen Buch; sie ist beliebig. Ich frage mich, wie das passieren kann. Kann man die Sprache verlieren? Auch die Geschichte selbst, die mir bei schöner Sprache oft zweitrangig ist, rettet hier nichts.

Ein Journalist mit Germanistik- und Anglistikstudium beginnt aus einer seltsamen Langeweile heraus als „Praktikant“ auf einem Bauernhof zu arbeiten, um herauszufinden, ob die Frau, die er gerade kennengelernt hat, auch etwas mit dem Landwirt hat. Es geht um Affäre hier, Beziehung da. Ein klein wenig Zeitkritik lugt hindurch, wenn es um Baugenehmigungen und Windkraftanlagen geht und um den aussterbenden Qualitätsjournalismus. Auch Tote gibt es am Schluß. Aber: Ich langweilte mich und habe ab dem letzten Viertel überflogen. Ich wollte sehr gerne, dass es mir gefällt, tat es aber nicht. Sehr schade. Ich hoffe auf den nächsten Roman …

„Konnte ich zurück? Ich hatte es schließlich nicht im Ernst gesagt … Und doch: Ich brauchte ihn nur anzusehen, wie er dastand in seinem schmutzstarrenden Gewand, mit seinem ausdruckslosen Gesicht, und dabei an Ines zu denken, um augenblicklich zu wissen, dass ich nicht zurück konnte., dass ich nicht einmal zurück wollte.“

„Enteignung“ erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

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s Roman „Unser Leben in den Wäldern“ wurde mir empfohlen als witzige Dystopie. Leider auch hier nach kürzester Zeit Langeweile. Kein Funke. Da der Band nur 110 Seiten umfasst, dachte ich, das wäre doch zu schaffen. Ich wollte es mögen und zu Ende lesen, vor allem auch, weil die Übersetzung vom genialen Frank Heibert stammt. Aber ich fand keinen Gewinn. Dystopie, ja. Aber nichts Neues: Eine Psychologin, die auf der Flucht vor der Überwachungsgesellschaft mit Gleichgesinnten in den Wäldern lebt und ein trübes, aber freies Dasein fristet. Immerhin mit jeweils einer schlafenden zweiten „Hälfte“, die als Organspeicher,  als „Sicherheit“ dient, also so etwas wie ein kontrollierter Doppelgänger ist. Die Hauptfigur, die Tagebuch führt, um für mögliche Nachkommen zu bezeugen, wie es war, spricht den Leser direkt an. Flapsig ist der Ton, aber weder sprachlich noch inhaltlich war ich zu überzeugen. Etwa die Hälfte habe ich geschafft …

„Marie wurde sehr bald nach meiner Geburt durch eine Leihmutter zur Welt gebracht, mit exakt demselben genetischen Material wie ich, und wurde uns immer als Lebensversicherung verkauft: für mich, aber auch für meine Eltern, da wir alle vom selben Blut waren. Ein haltbarer Körper.“

„Unser Leben in den Wäldern“ erschien im Secession Verlag. Wie immer ist hier die Buchgestaltung ganz wundervoll. Feines Papier, besondere Typographie, Fadenheftung, schönes Cover.

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Julian Barnes: Die einzige Geschichte Kiepenheuer & Witsch

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Der 72-jährige Engländer Julian Barnes schreibt mit zuverlässiger Regelmäßigkeit gute Romane. Nach „Der Lärm der Zeit“, in dem er den sowjetischen Komponisten Schostakowitsch porträtiert, kommt er wieder zu seinem großen Thema „Erinnerung“ zurück.

Diesmal geht es wieder um die Liebe und die Erinnerung daran und die Reflektion. Gleichzeitig wirkt die Story wie eine Art Ergänzung zum Roman „Vom Ende einer Geschichte“. Der Roman beginnt mit diesen Zeilen und zeigt bereits alles vom Inhalt auf:

„Die meisten von uns haben nur eine einzige Geschichte zu erzählen. Damit meine ich nicht, dass uns im Leben nur einmal etwas geschieht: Es gibt unzählige Ereignisse, aus denen wir unzählige Geschichten machen. Aber nur ein Ereignis ist von Bedeutung, nur eins ist letzten Endes erzählenswert. Hier ist meins:“

Julian Barnes legt diese Geschichte sehr geschickt an. Er teilt den Roman in drei Teile und bleibt dabei nicht strikt chronologisch. Der erste wird direkt aus der Ich-Perspektive erzählt. Es ist die Anfangszeit der Liebe, die Verliebtheit, die Verrücktheit, all das Schöne. Im zweiten Teil wendet sich das Blatt; die Untiefen, das Unschöne, Leidvolle taucht auf: die intensive Du-Perspektive, die die Leser/innen direkt anspricht.

„Doch du glaubst immer noch an die Liebe und an das, was die Liebe bewirken kann, dass sie ein Leben, ja das ganze Leben zweier Menschen verwandeln kann. Du glaubst an die Unverletzlichkeit der Liebe, an ihre Beharrlichkeit, ihre Fähigkeit, jeden Widersacher aus dem Feld zu schlagen. Genau genommen ist das bisher deine einzige Theorie über das Leben.“

Dann im dritten Teil das „Er …“. So erleben die Leser/innen, was mit der Liebe oder zumindest der Liebesbeziehung passiert. Die Distanz wird immer größer. Der Ich-Erzähler und Hauptprotagonist entfernt sich, wird zum Betrachter und stellt sogar seine Erinnerungen in Frage.

Aber inzwischen war das Ungestüm der ersten Person in ihm zur Ruhe gekommen. Es war, als betrachte – und lebe – er sein Leben in der dritten Person. Was ihm erlaubte, es richtiger zu beurteilen, glaubte er.“

Paul ist der Held. Der 19-jährige verliebt sich in eine wesentlich ältere Frau, die in einer Ehe steckt, die alles andere als glücklich ist. Die beiden erleben eine leichte, frohe Zeit miteinander. Paul ist stolz darauf, mit dieser Beziehung gegen alle gesellschaftlichen Regeln dieser Zeit zu leben und seine konservativen Eltern vor den Kopf zu stoßen.
Paul wird schließlich sogar regelmäßiger Hausgast in Susans Familie und erlebt dort zum ersten Mal die gewalttätige Seite von Susans Ehemann.

Die beiden entschließen sich, trotz der äußeren Widerstände, (in den 60er Jahren ist das in einer englischen Vorstadt ein Tabu) zusammenzuziehen und leben in London. Susan ist sehr mutig, sich von ihrem Mann zu lösen. Es folgen einige gute Jahre, in denen sich die beiden wirklich frei fühlen. Während Paul dann seinen Platz zwischen seinen Studienfreunden und seiner Arbeit findet, leidet Susan bald mehr, als sie zugeben möchte. Sie befindet sich trotz des Ausbruchs aus der Ehe in einer erneuten Abhängigkeit. Ohne Arbeit und trotz Pauls zuverlässiger Liebe verliert sie sich und wird zur Alkoholikerin.

Spätestens hier merkt Paul, dass es eben doch nicht so leicht ist mit der Liebe. Es ist keineswegs so, dass alles gut ist, wenn man nur genug liebt. Susan bringt im Gegensatz zu ihm ein Vorleben mit, dass nicht einfach war und dass sie stark geprägt und auch beschädigt hat. Paul versucht Susan immer wieder vor der Sucht zu retten –  jahrelang – scheitert jedoch und trennt sich entkräftet von seiner großen Liebe. Jahrzehnte später blickt Paul zurück und fragt sich, ob er damals mutig oder feige war. Er erkennt, dass er sich seither nie mehr voll auf eine Beziehung einlassen konnte …

Julian Barnes hat eine meisterhafte Analyse einer gegen die damaligen Konventionen verstoßende Liebe geschrieben und regt an über die eigene „einzige Geschichte“ nachdenken.

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Übersetzt wurde er von Gertraude Krueger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein schönes Gespräch über den Roman gab es im Schweizer Literaturclub:

https://www.srf.ch/play/tv/redirect/detail/798b076a-2bbe-481e-a0f4-318cf84b0738

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast Rowohlt Verlag

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Ein Berlinroman, dachte ich. Wieder ein Berlinroman. Ich lebe in Berlin. Muss ich wirklich noch etwas über Berlin lesen, fragte ich mich. Zum Glück wurde Matthias Nawrat mit seinem neuen Roman „Der traurige Gast“ dann für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das war Anreiz, zumindest hineinzulesen. Und: Was soll ich sagen? Ein Glück! Dieser Roman ist so ganz weit weg von all diesen Szene-und Mode-Berlin-Romanen, dass es ein großes Leseglück ist. „Der traurige Gast“ ist ein stiller Roman, der nichts Großes will, der aber gerade im Kleinen das Große findet. Beim Lesen denke ich dauernd, genau so ist es geschehen, genauso „recherchiert“ Nawrat für seine Bücher. Ich kenne das ja selbst: Wenn man schreibt, ist alles was man tut Vorbereitung und Recherche. Das Leben selbst schreibt in uns und wir Schreibende aus ihm heraus.

„Es war schon dunkel, und die Laternenlichter vervielfältigten die Dunkelheit des Abends in Dutzende Dunkelheiten – zwischen den geparkten Autos, unter den Simsen über den Hauseingängen, unter den Kapuzen oder Mützen der mir entgegenkommenden oder meinen Weg kreuzenden Viertelbewohner.“

Es geht hier ums Ganze. Um den Sinn. Um die Ver-rücktheit des Daseins in dieser Welt. Und um die Erkenntnis der Sinnlosigkeit allen Tuns. Die Schicksalhaftigkeit. Die Kleinheit eines Menschenlebens. Nawrat beschwört das alles herbei, indem er über das Alltägliche schreibt. Über die Begegnung mit Menschen, die unendliche Tiefe, die in jedem steckt.

„Die Zeit, so dachte ich in diesem Augenblick, ist zirkulär, faltet sich, wenn ich will, über sich selbst, sodass mein jetziges Leben in Berührung kommt mit dem schon vergangenen und gleichzeitig die Unendlichkeit in Berührung kommt mit ihrer eigenen Unmöglichkeit, während wir auf diesem Planeten, in dieser Stadt, in diesem Weltjetzt durchs Weltall fliegen.“

Der Held des Romans, ein Schriftsteller polnischer Abstammung, der mit seiner Frau in einem Berliner Kiez lebt und auf der Suche nach neuem Stoff für seine Bücher durch die Stadt wandelt, könnte ein Alter Ego des Autors sein. Alle seine Begegnungen sind in einer Weise unspektakulär, so dass sie ihm gerade recht kommen. Die ältere polnische Architektin, die nie ihren Kiez verlässt und anhand von Fotos die Wohnung des Protagonisten renovieren will. Was wirklich bei diesen Treffen passiert, ist das Öffnen einer wildfremden Person gegenüber. Sie erzählt ihm unverblümt aus ihrem Leben. Wobei sich zeitweise komische Augenblicke, trotz des Eindrucks größter Traurigkeit ergeben. Etwa wenn unser Held ihren selbstgebackenen Kuchen beschreibt.

„Wir aßen ein Stück Kuchen. Er schmeckte nach wie vor neutral, aber auch so, dass er mich nun aufmerksam machte auf sich selbst und auf etwas, das jenseits der Kategorie Geschmack zu liegen schien.“

Genau so der ehemalige Studienfreund, der beim Feierabendbier sein Leben vor ihm ausbreitet, sein polnischer Kollege an der Tankstelle, ein ehemaliger Chirurg, der trinkt, weil er den Tod seines Sohnes nicht überwindet, obwohl er damals bei der Flucht in den Westen Frau und Kind zurückließ, der Junge im Hinterhof, der einsam zu sein scheint, der selbstbewusste Schauspieler, der eine dramatische Geschichte erzählt mit sich in der Hauptrolle.

Der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin, mit dem so prominent auf dem Bucheinband geworben wird, nimmt nur einen winzigen Teil des Buches ein und ist einer der unwichtigsten. Davon sollte man sich also nicht abschrecken lassen. So besteht das Buch komplett aus Sequenzen, die blitzlichtartig Momente aus Menschenleben beleuchten, dabei aber nur wenig über den Hauptprotagonisten verraten. Ihm scheinen sich alle anvertrauen zu wollen, er scheint ein guter Zuhörer für Redebedürftige. Wohl ist ihm dabei nicht immer, dennoch harrt er aus.

Matthias Nawrats Roman hat philosophische Tiefe, schaut mitunter in Richtung Religion und Spiritualität. Seine Sprache hat Reife und liest sich mit Genuß. Und ja, er erinnnert tatsächlich, wie kürzlich schon auf dem Blog „letteratura“ zu lesen war (hier gehts zur Besprechung), in seiner Erzählperspektive den Romanen von Rachel Cusk. Und es ist ein ganz wunderbar trauriger Roman, so wie ich Romane liebe. Ein Leuchten!

„Der traurige Gast“ erschien im Rowohlt Verlag. Der Roman steht auf der SWR-Bestenliste und wurde für den Leipziger Buchpreis 2019 nominiert. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele CD Der Audio Verlag

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»Ihr, die ihr Leid über den einfachen Mann brachtet,
ihr, die ihr über sein Leid lachtet, fühlt euch nicht sicher.
Der Dichter erinnert sich.«
Czesław Miłosz

Mit einem Zitat des großen polnischen Dichters Czeslaw Milosz beginnt der 1974 geborene französische Journalist Olivier Guez seinen Roman und auch dem Hörbuch wird dieses gut gewählte Zitat vorangestellt. Die ungekürzte Lesung des Romans „Das Verschwinden des Josef Mengele“, extrem gut interpretiert von Burghart Klaussner, erzählt nicht, wie ich zuerst dachte nur die Geschichte Mengeles nach Ende des zweiten Weltkriegs, sondern führt viel weiter. Sie zeigt auf, welch ein neues Netz aus alten Nazis und Sympathisanten im fernen Südamerika, ja vor allem in Argentinien unter Perron entstehen konnte. Sehr spannend wird hier ein Teil deutscher Nachkriegsgeschichte erzählt, der gleichzeitig erschreckend darstellt, wie viele Nazi-Größen unverfolgt mit dem Leben, sogar einem ausgesprochen guten, davon kamen.

Im ersten Teil „Der Pascha“ wird von Mengeles Flucht berichtet. Von den Menschen, die ihn unterstützten, von der Reise über die Schweiz nach Deutschland, nach Günzburg, als noch kein Verfolger in Sicht war, um den Vater zu besuchen und seine verwitwete Schwägerin kennenzulernen. Sie wird im später folgen und ihn heiraten. Auf das zunächst geschützte, freie Leben in Buenos Aires folgt nach der Entführung Eichmanns durch den Mossad, die richtige Flucht, das unstete Leben.

„Die Bundesrepublik begnügt sich damit, auf den Verbrecher gegen die Menschheit ein Kopfgeld auszusetzen.“

Dank Simon Wiesenthals und Fritz Bauers unermüdlichen Bemühungen wurden doch immer wieder Verhaftungen erreicht.

Im zweiten Teil „Die Ratte“ ändert sich die Stimmung zunächst total. Es geht um die Erinnerung an die Taten. Guez hat aus allen verfügbaren Quellen recherchiert. Es geht nun um die unfassbar hohe Zahl der Menschen, die durch Mengele starben. Es geht um die grausamen Menschenversuche, die Mengele unter dem Thema „wichtig für die deutsche Medizinforschung“ durchführte. Eiskalt und fanatisch durchführte.
Dann geht es weiter mit der Flucht aus Argentinien zunächst nach Paraguay und weiter nach Brasilien mit mehrmaligen Umzügen, mittlerweile in den 1960er Jahren, immer noch mit Alt-Nazi-Hilfe und Geld aus dem Erbe des verstorbenen Vaters.

Der Hörbuchfassung liegt natürlich auch die Buchübersetzung aus dem Französischen von Nicola Denis zugrunde. Die Lesung erschien im Deutschen Audioverlag in Kooperation mit dem Kulturradio rbb.

Han Kang: Deine kalten Hände Aufbau Verlag

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„Als H. viele Jahre später fragte, warum ich Abdrücke von Menschen nähme, wusste ich nichts zu erwidern. Hätte sie etwas geschickter gefragt, wie ich dazu gekommen war, hätte ich vielleicht reagieren können.“

Wie schon mit dem ungewöhnlichen Roman „Die Vegetarierin“, mit dem die südkoreanische Autorin Han Kang Aufsehen erregte, taucht sie nun wieder in eine Welt der Sinnlichkeit, der Körperbefindlichkeiten ein. Es ist erstaunlich, wie diese junge Autorin es schafft enorme Tiefe in all ihre Texte zu bringen und das bei großer inhaltlicher Vielfalt. Zugrunde liegt diesem Roman die Suche nach der Wahrheit, nach dem was hinter den Masken der Menschen zu finden ist. Der Roman erschien im Original wesentlich früher als die beiden anderen, die in Deutsch erschienen.

Die Geschichte spielt in Seoul und der erste von drei Teilen in der Stadt Gwangju, deren historische Ereignisse bereits die Hauptrolle in Han Kangs Roman „Menschenwerk“ spielten. Diese Geschichte ist allerdings in der Gegenwart verortet und erzählt von dem Bildhauer Unhyong, dessen Werk von Körperinszenierungen der besonderen Art durchdrungen ist.

Der erste Teil handelt ganz von der Kindheit und Jugend des Bildhauers. Scharf beobachtet der kleine Junge schon, wie selbst seine eigenen Eltern hinter ihren Masken leben. Selten sieht und erlebt er sie ungeschützt. Zwei Erlebnisse prägen die Kindheit: Zum einen der alkoholsüchtige Onkel, dessen Hand leicht deformiert ist und die deshalb große Faszination auf das Kind ausübt. Zum zweiten ist es die Züchtigung und das Verhalten des Vaters, als die Familie ihn beschuldigt, Geld entwendet zu haben. Sich selbst versucht der Junge hinter seinen dicken Brillengläsern zu verstecken:

„Ich versteckte meine Unruhe hinter meiner Brille und ging in mein Zimmer.“

oder

„Die bittere Abscheu versteckte ich hinter meinen Brillengläsern.“

Er merkt schnell, dass es im Leben nicht ums Echtsein geht, sondern um die Leistung, um das, was man tut, nicht was man ist. In diesem Bewusstsein, dass keiner sich wirklich zeigt, wächst der Junge als Außenseiter heran, wird, weil ein Lehrer seine Begabung entdeckt, Kunststudent, aber ein recht einsamer Mensch.

Im zweiten Teil „Die heilige Hand“ lernt der Künstler eine junge Frau, nur L. genannt, kennen. An ihr, die stark übergewichtig ist, findet er zunächst vor allem ihre Hände faszinierend. Er wird sie abformen und in Gips zu Kunst machen. Mehr und mehr vertraut sich L. ihm an, erzählt ihm ihre Geschichte und wird sein Ganzkörpermodell und auch er beginnt sich zu öffnen. Sie werden ein Liebespaar, doch nicht auf Dauer. Als er L. nach vielen Monaten nach ihrer Trennung wieder begegnet, ist sie schlank, leidet aber unter Bulimie und ist psychisch labil. Es geht ihr schlechter als zuvor. Da sie ihre Bleibe verliert, zieht sie zu ihm ins Atelier. Er unterstützt sie, wo er kann. Doch auch das ist nicht von Dauer, denn als ihr Geliebter, dem zuliebe sie sich dünn gehungert hatte, sich wieder meldet, verschwindet sie erneut. Unhyong zieht sich enttäuscht fast ganz von der Welt zurück, kann kaum mehr arbeiten.

„Ich hatte die Bildhauerei als Berufung angenommen und war nun über dreißig Jahre alt. Aber das allein befähigte mich natürlich nicht dazu, Schönheit zu erkennen. Als schön empfand ich, was mich elektrisierte. Ich wurde dann hellwach, das Blut pulsierte schneller in meinen Adern und manchmal stiegen mir Tränen in die Augen. Was mich auf diese Weise berührte, unterschied sich vom Schönheitsempfinden der anderen. (…) Was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie womöglich nicht in Kontakt kommen wollten.“

Im dritten Teil, sehr bezeichnend „Maskenball“ genannt, lernt Unhyong eine Innenarchitektin kennen, E., deren kühle Ausstrahlung schwer zu durchschauen ist, die ihn aber gerade deshalb interessiert. Er verliebt sich in sie. Als er eines Tages fragt, ob sie ihm ihr Gesicht als Modell zum Abformen zur Verfügung stellen würde, willigt sie schließlich ein. Diese Entscheidung führt für beide zu ungeahnten weiteren Entscheidungen, die sie schließlich dazu zwingen, nach langem inneren und äußeren Kampf voreinander ihre Masken fallen zu lassen. Möglicherweise ist dies der Beginn einer tieferen Ebene ihrer Geschichte …

„Deine kalten Hände“ ist ein faszinierendes, teils erschreckendes Buch. Einzig in seiner Art, die menschlichen Masken zu durchdringen und den Spiegel vorzuhalten. Wer sind wir wirklich, wenn wir uns nicht mehr geschützt von unseren Alltagsmasken befinden, wenn wir verletzlich werden? Werden wir dann noch gewollt und geliebt? Sprachlich ist es absolut gelungen, wenngleich die Story minimal hinter ihren beiden vorher erschienen Romanen zurücksteht.

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Übersetzt aus dem Koreanischen wurde es von Kyong-Hae Flügel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Laura Freudenthaler: Geistergeschichte Literaturverlag Droschl

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Nach Erzählungen und dem fantastischen Debütroman „Die Königin schweigt“ ist nun Laura Freudenthalers neuer Roman da. Die Österreicherin schreibt in einer Sprache, durchdacht und oft zweideutig, dass es eine Freude ist. Es ist zu spüren, dass hier ein Text nicht einfach nur plotkonzentriert geschrieben wurde, sondern dass der Sprache Vorrang gewährt wird. Die Geschichte selbst kommt zunächst still daher, faltet sich Seite um Seite auf und zeigt sich. Anfangs erfahren wir wenig über die Hauptfigur Anne, nur dass sie Klavierlehrerin ist und sich auf ein Jahr Auszeit freut.

Anne ist Französin und lebt mit ihrem österreichischen Mann Thomas in Wien. Die beiden sind schon lange ein Paar. Vieles hat sich zur Routine entwickelt, ein Leben, sprichwörtlich aneinander vorbei oder nebeneinander her. Dass sich diese Erkenntnis und auch das Alter des Paares erst nach und nach erschlüsseln lässt, ist Freudenthalers Erzählweise zu verdanken. Sie steigt einfach in die Geschichte ein mit der Vorstellung die Leserin kenne das Paar.

„Was machst du denn? Er wusste, dass sie die Frage Wie geht’s? nicht mag, dieselbe verkürzte Formel wie im Französischen. Zutiefst unehrlich findet Anne es, eine solche Frage zu stellen, ohne sich der Antwort aussetzen zu wollen.“

Für Anne hat die Sprache eine besondere Bedeutung, da Deutsch für sie zunächst eine Fremdsprache ist. So hat sie sich die Sprache erarbeitet und entdeckt immer wieder Mehrdeutigkeiten. Anne ist Pianistin und ihre Sprache ist ebenso die Musik. Töne und Klänge spielen hier immer wieder eine Rolle. Und seit neuestem eben auch neue Geräusche in der Wohnung. Ein Flattern, ein Rascheln, ein Huschen. In Annes Vorstellung sind es die Geräusche des „Mädchens“. Anne vermutet schon lange, dass Thomas eine junge Geliebte hat.

„Ich wollte selber nachschauen, sagt das Mädchen, weil er mir nichts erzählt. Er schafft es, nichts zu sagen. Es muss einem doch das Herz übergehen. Thomas aber hat seine Kammern. Anne nannte sie Herzkammern. Auch wenn er ihr schon vor langer Zeit erklärt hat, es handle sich um einen medizinischen Begriff … „

Deshalb und auch sonst ändert sich Annes Leben in diesem freien Jahr. Weil ihr vom Kaffee zuhause schlecht wird, kann sie nurmehr im Kaffeehaus frühstücken und macht das zur Routine, ebenso wie ihre endlosen Spaziergänge durch die Stadt. Sie schafft es plötzlich nicht mehr Klavier zu spielen. Auch ihr geplantes Klavier-Lehrbuch schreibt sie nicht. Sie gibt sich vielmehr unkontrolliert inneren Impulsen hin.

„Jeden Tag setzt sie sich um vierzehn Uhr vor das Klavier. Jeden Tag verschiebt sich der Zeitpunkt, zu dem sie den Deckel öffnet, nach hinten. (…) Endlich heben die Hände den Deckel hoch. Anne betrachtet sie, hält die rechte und die linke nebeneinander über die Tasten. (…) Sie lässt die Hände sich auf die Tasten legen und richtet den Blick auf das Notenblatt. Die Hände bewegen sich nicht.“

Ihre einzigen Ansprechpartner sind ihre Mutter und eine Freundin. Mit ihr spricht sie auch über den Verdacht, dass Thomas eine Geliebte hat. Doch den Ratschlägen ihrer Freundin geht Anne nicht nach. Obwohl Thomas immer abwesender wird, entwickelt sie ihr ganz eigenes Konzept, damit umzugehen. Für die Leserin wirkt es mitunter, als würde Anne Stoff für einen Roman sammeln, wenn sie Notizen macht, wenn sie die Kassenbelege von Thomas sammelt und daraus Schlüsse zieht, wo Thomas mit dem „Mädchen“ essen war, wo sie gemeinsam übernachtet haben, wie sie vermeintlich sogar dessen Wohnung bei  einem ihrer Rundgänge findet und heimlich betritt.

Man weiß nie so ganz genau, was daran Annes Fantasie ist und was die Wirklichkeit – eine Geistergeschichte eben. Doch man folgt ihr gern, spürt mit ihr, wie es sich anfühlt, das Routine-Leben und der Ausbruch daraus. Und findet es bewundernswert, wie Anne ihre seltsame Art hat, die Dinge anzugehen. Was wird überdauern?

Sprachlich wundervoll und durchdringend passt sich der Text hinein in den tiefen Wortfluss der Autorin. Der Inhalt gleicht mitunter einem Träumen, einem Schweben außerhalb der Zeit. Ich bin be-geist-ert. Ein Leuchten!

Der Roman der Österreicherin Laura Freudenthaler erschien im Literaturverlag Droschl, einem meiner Herzensverlage. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Yishai Sarid: Monster Kein & Aber Verlag

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„Was arbeitest du, Papa?“ fragte er. […] „Es gab mal ein Monster, das Menschen getötet hat“, antwortete ich. „Und du bekämpfst es?“, fragte Ido begeistert. „Es ist schon tot“, versuchte ich ihm zu erklären, „es ist ein Monster der Erinnerung.“

Der israelische Autor Yishai Sarid hat einen Roman geschrieben, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass er in seinem Heimatland Aufsehen erregte. Den Titel „Monster“ finde ich trotz des obigen Schlüssel-Zitats nicht ganz so gut gewählt. Im Original lautet der Titel des dort bereits 2017 erschienenen Buches sicher treffender.

Die ganze Geschichte besteht aus einem langen Brief an den Direktor von Yad Vashem, Leiter der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Geschrieben wird er von einem jungen israelischen Familienvater aus Tel Aviv, der lange Zeit als Guide für Yad Vashem für die KZ-Gedenkstätten in Polen tätig war. Eigentlich wollte er sich mit diesem Nebenjob nur etwas dazuverdienen, denn Frau und Sohn müssen versorgt werden, doch verbringt er immer mehr Zeit in Polen. Seine Doktorarbeit mit dem Thema „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“ macht ihn zu einem gefragten Experten. Zunächst läuft alles gut, obwohl er durch die Arbeit immer länger von seine Familie in Israel getrennt ist, vor allem der kleine Sohn ihn vermisst. Doch seine Tätigkeit bleibt nicht ohne Folgen. Der Mann, der Schulklassen, Soldaten und Touristen durch die Lager führt, tagein tagaus kaum etwas anderes sieht und hört, als die grausame Vergangenheit, kommt an seine Grenzen.

„Sie waren in die Staatsflagge gehüllt, trugen Kippas und liefen zwischen den Baracken umher, voller Hass – nicht auf die Mörder, sondern auf die Opfer. Es war schwer zu fassen, diese Jungs schwiegen bei den abendlichen Gesprächen, und doch verstand ich sie völlig, ganz und gar, bis zum Ende.“

Er, der anfangs souverän und sachlich an die Arbeit ging, reagiert immer empfindlicher, er hat Aussetzer, hört Stimmen, sieht die ermordeten Lagerinsassen, versucht in seinen Touren Tiefe zu vermitteln. Denn er erfährt, dass die furchtbaren Taten, die Erinnerungsgeschichte, heutzutage sogar mit möglichst großen Effekten aufbereitet und vermarktet werden. Sei es das Computerspiel, vielmehr „die Simulation für rein pädagogische Zwecke“, an dem er mitwirken und sein detailliertes Wissen einbringen soll, sei es eine Gedenkveranstaltung zum 75-jährigen Jahrestag der Wannseekonferenz, die vom Militär mithilfe seiner Kenntnisse zu einer groß inszenierten „Show“ in einem der polnischen Lager vorbereitet wird.

„Das wird ein Computerspiel, sagte ich zu meinem Mann, der für die Lager zuständig war, und als ich beharrte, erklärte er „Wenn Sie unbedingt wollen, kann man es so nennen. Die Leute mögen grausame Spiele.“

Er hält durch, macht mit. Bis die aufgestauten Gefühle, die Trauer, die Wut, sich nicht mehr kontrollieren lassen und sich in einem Akt der Gewalt ihren Raum nehmen …

Der Held ist eine nicht immer sympathische Romanfigur, was es nicht leicht macht, ihm in seinen Gedankengängen gern zu folgen. Trotzdem muss man zugeben, dass er doch immer wieder kluge Fragen stellt. Fragen, die allerdings den Besuchern unangenehm werden, mit denen er vor allem auch die Schulklassen überfordert und mit denen er nicht zuletzt bei seinem Arbeitgeber aneckt. Er schafft es, zu provozieren. Traut sich in solch einem sensiblen Rahmen, die Frage nach der (Mit-)Schuld und der Opferrolle zu stellen. Vor Jugendlichen, vor Soldaten. Ich denke, dass hier die Lesart dieses Romans eine komplett andere ist, als die der Leser in Sarids Heimatland. Es ist ein schwer lastendes, dennoch irgendwie stilles, wenngleich beeindruckendes Buch.

Der Roman „Monster“ des 1965 geborenen israelischen Rechtsanwalt und Autor erschien im Kein & Aber Verlag. Übertragen aus dem Hebräischen wurde er von der verdienten Übersetzerin Ruth Achlama. Im Anhang findet sich ein kleines Glossar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Anselm Oelze: Wallace Schöffling Verlag

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Der Debütroman von Anselm Oelze führt uns zunächst ins Jahr 1858 in eine Zeit der Entdecker, Forscher und Wissenschaftler. Die Titelfigur „Wallace“ ist zugleich Held des Romans und durchaus eine interessante Persönlichkeit. Alfred Russel Wallace gab es tatsächlich. Er wurde 1823 in England geboren und hat nur nicht die Berühmtheit von Charles Darwin erlangt, obgleich er die natürliche Selektion und die Entwicklung der Arten womöglich schon ein klein wenig früher als dieser entschlüsselte. Wallace war so freimütig, Darwin seine Ergebnisse aus der Ferne per Brief nach England zu senden und ihn um Weiterleitung und seine Meinung dazu zu bitten. Das Ergebnis war, wie wir alle heute wissen, dass Darwin das Buch „Über die Entstehung der Arten“ schrieb und unter anderem damit weltberühmt wurde.

Anselm Oelze erzählt von Wallace über einen kleinen Zeitraum hinweg, den er auf den Molukken und auf der Insel Lombok zur Forschung und Artensammlung verbringt. Dieser Teil ist recht interessant, teilweise witzig erzählt und macht neugierig auf die Figur und die Zusammenhänge. Da Oelze allerdings einen zweiten Handlungsstrang einflicht, der in der Heute-Zeit spielt und vom Nachtwächter eines naturkundlichen Museums erzählt, wird der Erzählfluß immer wieder durchbrochen. Das Springen zwischen den Zeiten, was normalerweise Spannung erzeugt, funktioniert, wie ich finde, hier nicht so ganz.

Denn die Geschichte des Nachtwächters Albrecht Bromberg, Mitte/Ende fünfzig, der eines nachts beim Bücher einsammeln in der Bibliothek auf ein Buch mit Foto von Wallace stößt und der sich dann plötzlich brennend für diese Figur und die Evolutionstheorie interessiert, wirkt auf mich nicht ganz stimmig. Dass Wallace das vollkommen in Routine eingefahrene Leben Brombergs so durcheinanderbringt, dass dieser sich so maßlos über die Ungerechtigkeit, die Wallace wiederfuhr empört, mag gerade noch angehen. Dass dieser aber dann seinen Job aufs Spiel setzt und mithilfe einer Museumsbibliothekarin, eines Antiquars und einiger Stammtischfreunde die Geschichte umschreibt, wirkt doch allzu konstruiert. Und als würde der Autor das selber merken, versieht er die Geschichte mit einem auf Wallace Insel spielenden letztem Kapitel mit offenen Ende, in dem sich der/die Leser/in dann selbst für eine Variante entscheiden muss.

Froh war ich wirklich, dass der Autor trotz der deutlichen Vorzeichen nicht auch noch ein HappyEnd mit Liebesgeschichte zwischen der jungen(!) Bibliothekarin und dem älteren(!) Nachtwächter ausgearbeitet hat.

Sprachlich bin ich hin- und hergerissen. Manche Szenen sind ganz wunderbar altmodisch erzählt mit Charme und Esprit und manche wieder total austauschbar ohne eigenen Ton. In der Story werden manche Spuren gelegt, die der Autor dann nicht weiter verfolgt, wie etwa die Erfindung des Tonicwater, die spiritistischen Aktionen einer Nebenfigur, und der Besuch bei Studienfreund Juha. Zudem ist es seit langem der einzige Roman, bei dem ich kein Zitat finde, dass ich hier dazustellen möchte. Fazit: Für naturwissenschaftlich Interessierte nett zu lesen. Ich bin gespannt, wie der zweite Roman des Autors gelingen wird.

Der erste Roman des 1986 geborenen Anselm Oelze erschien im Schöffling Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Hier ist ein informativer Beitrag zum Thema Wallace – Darwin:

 

Eine weitere sehr wohlwollende Besprechung gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Anita Hansemann: Widerschein Edition Bücherlese

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„Wir sind Jenische“, antwortet sie endlich und stellt eine Tasse vor Mia hin. „Das Wort Zigeuner ist abwertend, obwohl du das sicher nicht so meinst.“ Ihr Blick ruht auf Mia. „So etwas wie ein Volk der Zigeuner gibt es gar nicht.“, sagt sie. „Man nannte früher Heimatlose so, die ihren Lebensunterhalt mit Umherziehen verdienen mussten.“

Mit diesem Buch begebe ich mich in die Schweizer Bergwelt. Faszinierende, unberührte Natur, Berggeister, hochgelegene Almen, beinah urtümliche Täler. Hier vergeht die Zeit noch langsamer, hier sind die Menschen noch mehr Teil der Natur, aber womöglich auch abergläubischer und verstockter. Gut, dass es im Anhang des Buches ein Glossar gibt, denn viele Dialektwörter kenne ich nicht.

Mia und Viid verbindet eine Kinderfreundschaft. Viid, der Jenische, wird in der Schule von den anderen ausgeschlossen. Nur Mia hält zu ihm. Die strenge Mutter jedoch versucht die beiden immer wieder zu trennen. Als Mädchen wird sie in den Sommerferien zum Arbeiten auf die Almen geschickt, denn wer hart arbeitet hat keine Zeit für Unsinn. Von Viids Mutter Franziska, die sie mag, hat Mia etwas über die Jenischen erfahren, die wie Sinti und Roma oft als Reisende leben, eine eigene Sprache haben und auch, dass es überall Menschen gibt, die sie wie Aussätzige behandeln, wie Verbrecher.

Aus der Kinderfreundschaft wird über die Jahre mehr, doch richtig zusammen kommen die beiden nie. Als Viid im Winter während eines Lawinenabgangs verschüttet und in letzter Minute von Mia gerettet wird, scheint sie das zunächst erst recht zu verbinden. Aber dann taucht Viid nach einem Absturz am Berg unter. Man munkelt, die geheimnisvolle weiße Gämse, sei daran schuld. Doch was ich als Leserin schon lange ahne und weshalb Viid und Mia dann eben nicht zusammen kommen, wird erst gegen Ende des Romans aufgeklärt.

Viele Jahre später: Immer wieder kommen Szenen mit Viid im Berg auf der Jagd nach der geheimnisvollen weißen Gämse, Begegnungen mit dem „Äbifräuli“, einer Geistererscheinung. Immer wieder ist Viid müde und erschöpft und schläft mitten im Berg ein und träumt seltsame Dinge. Mia dagegen kümmert sich, ganz gegenwärtig und darunter leidend, um die sieche Mutter und den zurückgebliebenen Bruder und geht nicht weg, obwohl sie alles schon lange satt hat und lässt sich auch nicht auf Claas ein, obwohl sie weiß, dass es gut für sie wäre. Also irgendwie ein wenig viel bergauf und bergab.

Auch in den Zeiten springt die Autorin hin und her. Was mich dranbleiben ließ, war vor allem das Bergpanorama, die fremde Lebenswelt, die eindrücklichen Naturbeschreibungen, die Naturgewalten in den Schweizer Bergen. Die Handlung ist verortet im Walsertal St. Antönien im Prättigau, Kanton Graubünden. „Widerschein“ war für mich vor allem unter diesen Aspekten eine interessante Lektüre, doch weder sprachlich noch inhaltlich tut er sich besonders hervor. Dass der Schluss des Romans überraschend sehr stimmig und besonders gestaltet wurde, hat das Buch für mich dann doch noch zu einer besonderen Lektüre gemacht.

Der Roman der 1962 auf einem Bauernhof im Prättigau geborenen und in Zürich lebenden Anita Hansemann erschien im Schweizer Verlag edition bücherlese. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.