Gratulation! Peter-Huchel-Preis 2023 für Judith Zander

Foto mit freundlicher Genehmigung des dtv: Copyright: © Grafik: dtv / Foto: Sven Gatter

„…so gibt er mir nach
und nach seinen vom andren ende zurecht
gelegten schlaf drin liege ich falsch und wach“

Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren. Sie schreibt sowohl Lyrik als auch Prosa. Nun erhält sie für ihren neuesten Lyrikband „im ländchen sommer im winter zur see“ den Peter-Huchel-Preis 2023. Am 3.4.23 wird er verliehen. Auszug aus der Begründung der Jury:

„Judith Zanders Gedichtband „im ländchen sommer im winter zur see“ faltet in einem weiten literarischen Hallraum eine elegische Sprachlandschaft aus. In äußerst nuancierter Wortarbeit und mit hoher Musikalität schafft sie einen Raum für Erfahrungen des Ostens und übersetzt sie in eine allgemeine, kritische Reflexion von Erfüllung und Verlust. Ihr Band versammelt Liebes- und Naturgedichte, die immer auch in einem politischen Zusammenhang stehen. Sie spielt mit Sprachbildern, bricht verhärtete Redewendungen und stellt die damit einhergehenden Ordnungen infrage.“

Ich habe den Band gleich nach Erscheinen in die Hand genommen, brauchte jedoch mehrere Anläufe, bis sich mir die Gedichte erschlossen. Immer braucht es den richtigen Zeitpunkt für eine bestimmte Lektüre. Es ist ein Band, den man nicht mit ein mal lesen erfassen kann. Dazu ist er zu ausgeklügelt und sprachlich zu bewusst konstruiert. Hier ist nichts zufällig, alles gehört an seinen Platz. Dennoch wirken die Gedichte, vor allem auch wegen der vielen schrägen Zeilenumbrüche, mitunter sperrig. Ein Hin- und Herdenken wird beim Lesen gefordert. Oder aber man verlässt sich voll auf den Klang und gibt sich nur dem Rhythmus hin. Das funktioniert auch; vor allem, wenn man laut liest. Letztlich habe ich Zanders Lyrik lieb gewonnen. Und freue mich über die Vielfalt, die mir bei Lyrik fast größer erscheint als bei Prosa. Judith Zanders Lyrikband landete auch auf meiner persönlichen Bestenliste im Jahr 2022. Hier gehts zu meiner ausführlichen Besprechung:


Sehr gefallen hat mir auch ihr letzter Roman „Johnny Ohneland„: Welch ein Sprachfunkeln!
Es war der erste Roman, den ich von ihr las. Ihre Sprache ist wunderbar. Es ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Die Sprache spielt die Hauptrolle und wird zelebriert in jeder Hinsicht. Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein und versucht sich ihr Alleinsein und ihr Anderssein zu erklären und zu akzeptieren. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern (die bis auf sehr wenige Ausnahmen stimmig sind). Dabei entstehen oft extrem lange Satzschlangen, die mitunter mehrfaches Lesen nahelegen. Eine weitere Besonderheit ist die Du-Perspektive, in der das Buch geschrieben ist. Hier geht es zu meiner ausführlichen Besprechung:


Gerade habe ich noch einmal ins „manual numerale“, erschienen 2014, hineingeschaut. Gelesen habe ich es bereits vor meiner Bloggerzeit. Zwei passende Gedichte habe ich gefunden. Eins, was mich an aktuelle politische Zukunftsszenarien erinnert:

„Ach, was muß man oft von bösen zukünften hören oder lesen
wo am wenigsten passiert was am meisten interessiert
dieses nähret den verdacht zukunft sei nicht selbstgemacht
sag in welchen massenküchen wird sie eingeweckt mit flüchen
wer kauft sie bei Netto ein die geschmacksvereitlungspein
und flößt ein sie seinen kindern um sich nicht allein zu hindern?

oder dieses Einsatzgedicht, welches ich mir beim Dichten in Zukunft immer vor Augen führe:

„heute schrieb ich dir ein langes mir gefallendes gedicht“

Alle Bücher von Judith Zander erscheinen beim dtv.

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Romane im Frühjahr – Eine kleine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2023


Zum ersten Mal gibt es nun zum Lyrik-Frühjahrsbeitrag ergänzend auch neue Romane, die sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Auch hier gilt: Es ist eine vollkommen subjektive Auswahl. Viel Freude beim Entdecken! Durch Klick auf den jeweiligen Verlag gelangt man zu weiteren Informationen.

Mein Faible für österreichische Autorinnen/Österreich als Gastland der Leipziger Buchmesse 2023:

Der neue Roman der Bachmannpreisträgerin 2022 Ana Marwan liegt schon zum Lesen bereit: „Rita findet sich nicht zurecht in der Welt. Stets übt sie sich in Genügsamkeit und Akzeptanz und kommt früh zu der Erkenntnis, dass sich Träume oder Dinge, die verloren gehen, durch andere ersetzen lassen. Durch Beobachtung stellt sie fest: Der Mensch ist ein Gefäß, in das über die Jahre alles hineinkommt von außen – Meinungen, Verhaltensweisen, Gesten … Das Leben betrachtet sie als eine reine Aneinanderreihung von Spielchen; je nach Situation wird diese oder jene Version der eigenen Person zur Schau gestellt und vor sich hergetragen.“ (Verlagstext) Verpuppt erscheint Ende Januar 23 im Otto Müller Verlag.

Eine weitere Bachmannpreisträgerin ist Birgit Birnbacher. Auch hier freue ich mich auf den neuen Roman „Wovon wir leben“: „Birgit Birnbacher, der Meisterin der „unpathetischen Empathie“ (Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau), gelingt es, die Frage, wie und wovon wir leben wollen, in einer packenden und poetischen Sprache zu stellen.“ (Verlagstext) Erscheint am 20.2.23 im Zsolnay Verlag.

Und auch auf Irene Diwiaks neuen Roman bin ich gespannt: München, 1941. Die zwei Studenten Hans und Alex scheint auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu verbinden – bis sie eines Tages den Wehrsport schwänzen, um über Kunst und Literatur zu diskutieren anstatt Appell zu stehen. Irene Diwiak erzählt von eine wahren Freundschaft, von der iwr noch nie auf diese Weise gelesen haben. Eine Geschichte der „Weißen Rose“, die nicht von ihrem Ende handelt, sondern von ihrem ganz besonderen Anfang. (Verlagstext) Sag Alex, er soll nicht auf mich warten erscheint am 22.2.23 im C. Bertelsmann Verlag.

Sehr gespannt bin ich auf diesen „Wien-Roman“:
In fiebriger Erregung warten die Einwohner Wiens am 31. Juli 1914 das Verstreichen des deutschen Ultimatums ab. Unter ihnen sind drei, deren bekannte Welt zu zerfallen droht: Der Pferdeknecht Hans, der adlige Adam und die Mathematikerin Klara. Der spektakuläre neue Roman der preisgekrönten Wiener Autorin ist ein literarisches Ereignis. Raphaela Edelbauers „Die Inkommensurablen“ erschien am 14.1.23 im Klett Cotta Verlag.


Gern gelesene zeitgenössische deutschsprachige Autorinnen:

Marlene Streeruwitz ganz aktuell: „Konstanze ist Übersetzerin und tastet nach den Corona-Lockdowns wieder nach ihrem Leben. Veronica hat ihr Studium abgebrochen, sie stellt sich einer Zukunft ohne Glücksversprechen. Die Gewissheit in der Verbindung zwischen Mutter und Tochter scheint zerbrochen, ein Gespräch nur noch über gemeinsame Netflix-Abende möglich. Marlene Streeruwitz‘ »Tage im Mai.« ist ein virtuoser Roman, der mit wechselnden Perspektiven von der Entfremdung erzählt, von einer Welt, in der Krieg und Verschwörung wieder zum Alltag werden.“ (Verlagstext) Erscheint am 25.1.23 im S. Fischer Verlag.

Und noch eine Bachmannpreisträgerin, die Älteste: Über fünfzig Jahre lang teilen sie ihr Leben, doch nun ist der Mann schwer krank. Helga Schuberts rührende Liebeserklärung an den Mann an ihrer Seite und all die Dinge, die das Leben inmitten der Widrigkeiten des Alters lebenswert machen. (Verlagstext) Helga Schuberts Der heutige Tag erscheint am 16.3.23 im DTV Verlag.

Vorfreude auf den neuen Roman dieser sprachzaubernden Autorin: Alle Figuren verbindet ein Jahrhundert von Krieg und Nachkrieg, Flucht und Vertreibung, von Gewalt. Was bedeutet es, in einem Staat zu leben, der Menschenzucht betreibt? Und wie darüber schreiben, was den Frauen im Krieg geschieht? Was ihnen die Sprache nimmt. Was sie für immer verwandelt. Und wie über die unsichtbare Kraft, die verhindert, dass sie daran zerbrechen? Ulrike Draesner gibt den Verwandelten ihre Stimmen zurück. (Verlagstext) Erscheint am 8.2.23 im Penguin Verlag.

Ein neuer Roman von Juli Zeh ist immer eine sichere Bank: Zwanzig Jahre sind vergangen: Als sich Stefan und Theresa zufällig in Hamburg über den Weg laufen, endet ihr erstes Wiedersehen in einem Desaster. Zu Studienzeiten waren sie wie eine Familie füreinander, heute sind kaum noch Gemeinsamkeiten übrig. So sehr sie sich bemühen, die Politik aus ihrer Freundschaft herauszuhalten – es ist, als liefen die Gräben einer gespaltenen Nation mitten durch ihre Beziehung. Ist heute wirklich jeder und jede gezwungen, eine Seite zu wählen? Gibt es noch Gemeinsamkeiten zwischen den Welten? (Verlagstext) Zwischen Welten erscheint am 25.1.23 im Luchterhand Verlag.


Mein Faible für nordische Autor*innen:

Auf den zweiten Teil der Trilogie der Schwedin Karin Smirnoff habe ich schon gewartet: Dass sie auf ihre Mutter nicht zählen kann, kapiert Agnes sofort. Milch kriegt sie nur, wenn sie schreit, bis die Nachbarn klopfen. Wenn sie überleben will, muss sie der Bosheit ihrer Mutter immer einen Schritt voraus sein, die sich dafür rächt, dass Agnes ihre Karriere als Pianistin zerstört hat und die Frechheit besitzt, selbst ein Wunderkind zu sein. Mit unverwechselbarer Lakonie erzählt Karin Smirnoff von Gewalt und Machtmissbrauch, doch sie überlässt diese Welt der Willkür nicht den Tätern. Die Kinder dieses Romans sind mit so viel fantastischer Stärke und Galgenhumor ausgestattet, dass es ihnen gelingt, sich zu befreien. (Verlagstext) Wunderkind erscheint am 23.1.23 im Hanser Verlag.

„Hilma“: Bewegende Romanbiografie über die geniale schwedische Malerin Hilma af Klint: Stockholm 1896: Die Malerin Hilma af Klint hat genug von künstlerischen und gesellschaftlichen Konventionen. Sie will anders leben, anders lieben und auch in der Kunst radikal neue Wege gehen.Sofia Lundberg, Alyson Richman und M. J. Rose ist mit „Hilma“ ein atemberaubender Künstlerinnen-Roman gelungen, der die Leben und Schicksale von fünf mutigen Frauen in Stockholm um 1900 miteinander verbindet. (Verlagstext) Erscheint am 30.3.23 im Piper Verlag.

Der bewegende Bestseller aus Norwegen um ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Als Juni ins Haus ihrer verstorbenen Großeltern auf der kleinen norwegischen Insel zurückkehrt, entdeckt sie ein Foto: Es zeigt ihre Großmutter Tekla als junge Frau mit einem deutschen Soldaten. Wer ist der unbekannte Mann? Ihre Mutter kann Juni nicht mehr fragen. Das Verhältnis zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter war immer von etwas Unausgesprochenem überschattet. »Als Großmutter im Regen tanzte« erzählt davon, wie uns die Vergangenheit prägt bis in die Generationen der Töchter und Enkelinnen. (Verlagstext) Trude Teiges Roman erscheint am 22.2.23 im S. Fischer Verlag.

Auf den dritten Roman in deutscher Übersetzung freue ich mich: Tarjei Vesaas (1897–1970) beschreibt in »Der Keim« eine Gruppe von Inselbewohnern, die eine verschworene Gemeinschaft bilden. Ein Neuankömmling auf der Insel bricht in dieses fest gefügte familiäre Miteinander ein und wirft einen dunklen Schatten auf den sonnigen Sommertag. Vesaas schrieb »Der Keim« 1940, einige Jahre vor seinen berühmten Romanen, und leitete nach einem naturalistischen Frühwerk damit die Phase symbolstarker, poetisch verknappter Prosa mit enormer psychologischer Intensität ein. (Verlagstext) Erscheint im März 23 im Guggolz Verlag.

Autorinnen aus dem englischsprachigen Raum:

Eine meiner Allzeit-Favoritinnen:
Soll man Unbarmherzigen gegenüber barmherzig sein? Anna unterrichtet an einer Grundschule und möchte immer noch die Welt verbessern. Wie vor fünfundzwanzig Jahren, als sie in Edinburgh mit einer Gruppe von Straßenkünstlern gegen die Kriegs- und Sozialpolitik der englischen Regierung demonstrierte. Doch bis wohin reicht das Böse – und kann Anna sich selber davon freihalten? Ein Meisterwerk der moralischen Beunruhigung. In ihrem unnachahmlichen Stil, in dem sich Ironie und Empathie verbinden, erzählt A.L. Kennedy von der Möglichkeit der Liebe der Menschen füreinander. (Verlagstext) Als lebten wir in einem barmherzigen Land erscheint am 20.3.23 im Hanser Verlag.

Ich bin Fan von ihr: „Lapvona“Ottessa Moshfeghs Roman über menschliche Monstrosität, Ungleichheit, Korruption und Tyrannei. In ihrem neuesten Meisterwerk entwirft Ottessa Moshfegh ein höllisches Panoptikum menschlicher Monstrosität und trifft in der grotesken Darstellung von Ungleichheit, Korruption und Tyrannei den Nerv unserer Zeit erschreckend genau. (Verlagstext) Erscheint am 23.1.23 im Hanser Verlag.

Von Nell Zink, US-Amerikanerin, die in Brandenburg lebt, gibt es ebenfalls einen neuen Roman: Für Bran Thomas ist Avalon ein paradiesischer kleiner Hafenort auf Santa Catalina Island, vor der Küste Kaliforniens. Sie war dort nur einmal, mit ihrer Mutter, als diese noch lebte. Seit deren Tod wächst Bran bei einer Stieffamilie auf, die eine Pflanzengärtnerei betreibt. Brutalität und Ausbeutung hilflos ausgesetzt, haust sie in einem Schuppen und schuftet für Kost und Logis. Aber sie ist klug, schafft die Highschool – nur fehlt ihr eine Perspektive. (Verlagstext) Avalon erscheint am 16.5.23 im Rowohlt Verlag.

Das Thema Einsamkeit in der Großstadt interessiert mich brennend: Mit Mitte dreißig zieht Olivia Laing nach New York City, weil dort der Mann lebt, den sie liebt. Kaum ist sie angekommen, geht die Beziehung in die Brüche, und sie sitzt allein in ihrem kleinen Apartment – so einsam wie noch nie in ihrem Leben. Doch bald entdeckt sie, dass sie mit ihrer Einsamkeit nicht allein ist. Vielen Kunstschaffenden vor ihr ist es in dieser atemlosen Stadt genau so ergangen. (Verlagstext) Die einsame Stadt erscheint am 14.6.23 im BTB Verlag.

Zeitgenössische Autoren:

Noch einmal Michael Stavarič (bereits bei den Lyrikneuerscheinungen war er vertreten): Eine Liebeserklärung an Thomas Bernhard! Thom empfindet sich als Versager, von der Gesellschaft hält er nicht viel, von seinen Eltern noch weniger. Seine Lebensunfähigkeit schiebt er auf seine Sozialisation. Seine Sozialisation bezeichnet er als Verunmöglichung des Lebens. Thom ist hochintelligent, was auch die Umständlichkeit seines Denkens erklärt, er seziert sich und sein Sein, als wäre es die einzige Lebensaufgabe. (Verlagstext) Das Phantom erscheint am 26.4.23 im Luchterhand Verlag.

Ein 1000-seitiger neuer Irving! Ob ich es wieder einmal wage? „1941 in Aspen, Colorado. Die 18-jährige Rachel tritt bei den Skimeisterschaften an. Eine Medaille gibt es nicht, dafür ist sie schwanger, als sie in ihre Heimat New Hampshire zurückkehrt. Ihr Sohn Adam wächst in einer unkonventionellen Familie auf, die allen Fragen über die bewegte Vergangenheit ausweicht. Jahre später macht er sich deshalb auf die Suche nach Antworten in Aspen. Im Hotel Jerome, in dem er gezeugt wurde, trifft Adam auf einige Geister. Doch werden sie weder die ersten noch die letzten sein, die er sieht.“ (Verlagstext) „Der letzte Sessellift“ erscheint am 26.4.23 im Diogenes Verlag.

Andreas Maiers Ortsumgehung wird weitergeführt. Ich habe noch keinen Band versäumt: „Mit untrüglichem Gespür für alles Abgründige in der gelebten Normalität erzählt Andreas Maier von Deutschland zwischen Weltkrieg, Mauerfall und Jahrtausendwende; davon, wie es sich die Menschen gemütlich machen in vierzig Jahren Geschichte. Unbestechlich ist sein Blick auf eine Heimat, die seit jeher Fiktion ist.“ (Verlagstext) „Die Heimat“ erscheint am 13.3.23 im Suhrkamp Verlag.

Von Markus Orths mochte ich „Max“ sehr; über das Wirken Max Ernsts. Im neuen Roman geht es um die Autorin von „Frankenstein“: „Nach einer wahren Begebenheit: Die Stiefschwestern und Schriftstellerinnen Mary Shelley und Claire Clairmont lieben Percy. Und Percy liebt Mary & Claire. An seiner Seite entfliehen die Frauen der Londoner Enge. Sie wollen atmen, reisen, lesen, wollen verrückt sein, lieben und schreiben. Und sie nehmen den schillerndsten Popstar der Literatur Anfang des 19. Jahrhunderts in ihre Gemeinschaft auf: den jungen Lord Byron. Bei heftigen Gewittern treffen sie sich am Genfer See. Opiumberauscht schlägt Byron um Mitternacht ein Spiel vor: Wer von uns schreibt die schaurigste Geschichte?“ (Verlagstext) Mary & Claire erscheint am 20.2.23 im Hanser Verlag.

.Bereits auf dem Blog besprochene Bücher obiger Autoren:

Kirstin Breitenfellner: Maria malt Picus Verlag


„Jede Zeichnung ist ein Triumph über die Unruhe der Welt.“

Die Autorin Kirstin Breitenfellner hat der wunderbaren österreichischen Künstlerin Maria Lassnig einen Roman gewidmet. Gleich mit dem Cover taucht die Leserin ein in Lassnigs Malerei: „Selbstporträt als Tier“, 1963 entstanden. Ich hatte das Glück, dass es gerade hier in Berlin eine kleine Ausstellung von Maria Lassnig gab, was die Lektüre bestens ergänzt hat und meinen Eindruck der Besonderheit dieser Künstlerin bestätigt hat.

So erlebt Maria gleich als Kind, dass zwischen weiblich und männlich ein großer Unterschied besteht. Und sie wird es noch lange spüren, denn auch die Kunstwelt, in die sie sich mutig hinein begibt, bevorzugt männliche Künstler.

„Wenn man einen Sohn bekommt, dann trinkt man Wein, und wenn man ein Mädel bekommt, Wasser, sagt die Mutter. Und dann rennt man noch mehr davon, als wenn man einen Buben bekommt, sagt die Mutter, sie hat es schon so oft gesagt, aber jedes Mal, wenn sie es sagt, wird es noch wahrer.“

Nach einem kurzen Kapitel über Maria Lassnigs Kindheit, sie wird 1919 als uneheliches Kind in Kappel, Österreich, geboren und lebt lange bei der Großmutter, bis die Mutter sie nach Klagenfurt holt, finden wir Maria in Wien wieder, wo sie Kunst studiert. Der Künstler Arnulf Rainer ist ihr Freund. Sie fahren zusammen nach Paris, wo sie auf der Suche nach dem eigenen Stil Paul Celan, Jean Paul Sartre und André Breton kennenlernen. Doch eine Art Initiation erfährt Maria erst in einer kleinen Galerie, wo sie die Art Gemälde findet, die sie auch malen will. Sie will nach innen gehen.

Im Anschluss geht es in vielen Zeitsprüngen durch Maria Lassnigs Leben. Nicht trocken sachlich, sondern sprachlich sehr fein ausgearbeitet. Der kurze Satz „Maria malt“ kommt wie ein Mantra immer wieder daher und zeigt so auch die Wichtigkeit dieser Tätigkeit. Wenn sonnst alles im Argen liegt oder menschliches Chaos herrscht, wird gemalt. Jede Liebesbeziehung wird auserzählt und damit auch die besonderen Schwierigkeiten, die Maria mit den Männern hat. Bindungs- und Freiheitswunsch lassen sich oft schwer unter einen Hut bringen. Meist sind die Männer jünger. Auch im Älterwerden bleiben die Liebhaber immer jünger. Doch eine ernsthafte Beziehung geht Maria später nicht mehr ein.

„Wenn ein Mann heiratet, dann um seine Kunst zu finanzieren. Wenn eine Frau heiratet, dann um ihre Kunst aufzugeben.“

Da ist Arnulf Rainer, der eigentlich als ihr Schüler auftaucht, sich aber sehr gut vermarkten kann, was Maria nicht kann und auch nicht will. Sie bleibt ihrem Weg treu. Die Trennung folgt. Ähnliches passiert mit dem Lebenskünstler Buddy, später dem noch jüngeren Ossi. Viele der Männer sind von Kriegserlebnissen traumatisiert. Noch mit 35 Jahren wird sie von der Mutter mit Lebensmitteln und Geld versorgt, obwohl sie zwar Ausstellungen hat, aber doch die wenigsten etwas von ihr kaufen wollen. Das kleine Atelier in Wien muss ja bezahlt werden.

„Maria lernt etwas: Es ist nicht notwendig, seine eigene Kunst zu erklären, denn es will sowieso niemand wissen, worauf sie hinauswill. Was in ihr drinnen ist und aus ihr herauswill. Hauptsache, Maria weiß es selbst, in ihrem Herzen.“

Erst im Alter von 40 Jahren hat Maria Lassnig ihre erste Einzelausstellung. Beteiligungen gab es zwar schon lange, doch Maria bekommt immer wieder zu spüren, dass sie es als Frau eben schwerer hat. Das kann Maria kaum ertragen. Die Kritiken, die auf die Ausstellung folgen scheinen zwar gut, doch Maria spürt, dass sie es in Wien nicht wirklich schaffen kann. Zumindest nicht so, wie sie ihre Kunst erarbeitet und versteht. Sie geht nach Paris für einige Jahre, dann für sehr lange nach New York.

„Wenn Marias Kunst „durchaus maskulin“ anmutet, heißt das natürlich, dass sie nie an das Lob, das für Männer bereitgehalten wird, herankommen wird. Dazu braucht es keine prophetischen Gaben. Die Volkszeitung schlägt in dieselbe Kerbe und meint, dass bei Maria eine „für eine Frau auffällige Beteiligung des Intellekts“ zu erkennen sei.“

Mitten im Roman kommt unerwartet, aber sehr aufschlussreich, noch ein längeres Kapitel über Marias Kindheit. Als sie noch Riedi genannt wurde und die Mutter sie mit nach Klagenfurt zum „neuen“ Vater nimmt. Was Riedi zu erdulden hat mit einer derart kalten Mutter (von der Maria auch später kaum los kommt, eine Art Hassliebe?), lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Aus dem Text heraus lese ich, dass Maria als Kind schon hochsensibel war und es damit ohnehin schwer hatte. Eine gesunde sichere Bindung durfte sie wohl nie erleben und das setzt sich oft in ihren späteren Beziehungen fort. Zudem steht für Maria immer die Kunst im Vordergrund.

„Was Maria nicht versteht: Wie man zugleich ein guter Künstler sein kann, also schwer, und guter Gesellschaftsmensch, also leicht.“

Paris scheint nicht der richtige Ort zu sein um weiterzukommen. New York ist es. Hier kann sie weiter an ihren unzähligen Trauerbildern malen, nachdem die Mutter starb („Maria weint mit dem Pinsel.“). Hier findet sie auch den Zusammenhalt von Frauen, den sie bisher in Europa vermisst hat. Maria Lassnig wird bekannter, hat Ausstellungen, malt Bilder. Hier erkundet sie auch andere Techniken, wie das Zeichnen und bearbeiten von Trickfilmen. Doch das Malen bleibt immer die Herzenskunst. Ein Jahr verbringt sie in Berlin mit einem Stipendium. Im Jahr 1980 kommt die Berufung als Professorin an die Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Maria kehrt nach Österreich zurück.

In der Hochschule kommt es auch zu Auseinandersetzungen mit den jüngeren Schülerinnen und auch die Konkurrenz zu Arnulf Rainer lebt wieder auf, da er an der Akademie der Künste ausgerechnet Malerei lehrt. Er, der vor allem „übermalt“. Letztlich erkennt Maria als sie längst in Pension ist und in ihrem mitten in der Natur gelegenen Ruhesitz in Kärnten, dass die Schüler ihr doch auch am Herzen lagen. Im letzten Kapitel, das in der Ich-Form geschrieben ist, durchlebt Maria eine Art Rückschau und obwohl sie mit 80 alt ist, fühlt sie es nicht so. Sie will immer weiter malen.

Kirstin Breitenfellner hat sicher viel recherchiert und sich eingefühlt. Ihr Blick liegt immer wieder auf der besonderen Sensibilität der Künstlerin. Die Betonung, aus einer erspürten Körperlichkeit heraus, aus dem innen heraus zu malen, die Bilder in Ruhe aufsteigen zu lassen und nicht nach der Mode zu malen, nicht für alles Geld der Welt. Die Betonung, dass es Frauen sehr viel schwerer im Kunstbetrieb haben, die auch Maria immer wieder einholt, ist auch heute/jetzt noch genauso stimmig. Mal klebt sich Maria einen Bart an, mal will sie keine Künstlerin sein, sondern Künstler. Sie verabscheut diese Festlegung auf „Frauenmalerei“, die natürlich immer von Männern kommt. Die Autorin hat zudem eine ganz wunderbare Sprache gefunden, die diesen Roman für mich zusätzlich zum Inhalt sofort leuchten lässt. Große Empfehlung für Kunstfreund/innen!

Der Roman erschien im Picus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mariette Navarro: Über die See Kunstmann Verlag


Diesen kurzen Roman muss ich unbedingt noch nachreichen. Er sollte bei den liebsten Romanen 2022 dabei sein. Ich habe ihn spontan gekauft und an einem Nachmittag beglückt ganz durchgelesen. Es sind nur etwa 150 Seiten und ich habe sehr langsam gelesen, um die Sprache einwirken zu lassen. Es ist eine ganz besondere, oszillierend leuchtende Geschichte. Ich habe folgendes beim lesen dazu notiert:

… das Gefühl bei den allerersten Zeilen eines Buches, zu wissen, dass es das richtige ist. Wenn die Sprache sofort leuchtet und ganz tief und zugleich weitend im Körper zu spüren ist und in Verbindung mit der eigenen tritt. Ein Ankommen, das Gefühl einer großen Freude, dass es so etwas gibt. Etwas, dass ich nicht (mehr?) in menschlichen Begegnungen finde. Aber in der geschriebenen Sprache anderer Menschen bisweilen schon.“

Vom Inhalt des Textes möchte ich nur wenig erzählen, denn es wäre schade zu viel zu verraten und es würde den Lesegenuss mindern. Nur soviel: Es geht um eine Kapitänin eines Frachtschiffes, die eine zwanzigköpfige ausschließlich männliche Crew zu führen hat und sich den Respekt hart erarbeitet hat. Als Tochter eines Kapitäns war es für sie nie eine Frage, dem Vater im Beruf nachzufolgen. Auf einer Überfahrt von Europa in die Karibik öffnet sich die Kapitänin dem außergewöhnlichen Wunsch der Mannschaft, einmal im Ozean schwimmen zu dürfen. Sie sagt: „Einverstanden“. Und dieses Einverstanden kommt ihr plötzlich selbst seltsam vor, durchbricht es doch schließlich die strengen Hierarchien, die für die Führung eines Schiffes notwendig sind. Auch weiterhin passiert Unerwartetes auf dieser Reise …

„In die vertraute Geste, die Geste der Arbeit, die Tag für Tag wiederholte Geste hat sich eine Verzögerung eingeschlichen. Eine winzige Verzögerung, die es vorher nicht gab, eine Sekunde in der Schwebe. Und in dieser schwebenden, dieser verschwommenen Sekunde hat sich sofort das restliche Leben ausgebreitet, hat es sich bequem gemacht und seine Folgen nach sich gezogen.“

Der wunderbare Anfang des Romans, S.7

Die Französin Mariette Navarro hat eine Sprache, die mich sofort trifft. Ich lese den ersten Absatz und jubiliere innerlich. Das kommt so selten vor. Bei Gedichten kenne ich das auch. Ich weiß dann sofort, dieses Buch ist für mich geschrieben. Kennt Ihr das? Es ist das Schönste, was mir als Leserin passieren kann. Ich fühle mich be-seelt. Die Autorin kann Geschehnisse und Dinge um-schreiben und ausschmücken oder reduzieren auf die Essenz. Sie schickt mir Metaphern und Wortgefüge, ich die ich mir sofort zu eigen machen möchte. Es ist eine sinnliche, bildhafte Sprache, die sowohl innermenschliche Befindlichkeiten, als auch Außenwelten unglaublich treffend einfängt.

„Es gibt Seefahrer, von denen manche nie das Meer gesehen haben und die sich selbst nie so nennen würden., weil sie diese Bezeichnung nicht kennen. Sie haben etwas von Vermissten an sich, während man mit ihnen spricht, während man sie ins Leben drängt, um die Angst zu bannen, sie berührt und ihnen Versprechen abringt.“

S. 35

Hinzu kommt der Schauplatz, der durchweg auf dem Wasser, dem Ozean spielt. Auf einem Schiff „Über die See„. Tagelang nur umgeben von Meer, kein festes Land unter den Füßen. Das Schiff wird zur Insel. Für Wassermenschen, wie ich einer bin, ist dieses Buch ein Geschenk. Es ist außerdem eine Vater-Tochter-Geschichte, aber nur wenn man es als solche lesen will. Ich will. Mir hat es gerade in diesem Kontext viel gegeben. Und es hat für mich auch eine spirituelle Dimension, ein Geheimnis, wie etwa gute Gedichte es haben. Es spricht auch von Begebenheiten, die sich dem allzu strengen Verstand entziehen, aber nur, wenn man es so lesen will. Ich will. Meeresleuchten am letzten Tag des Jahres!

Die Übersetzung kommt von Sophie Beese. Eine Leseprobe gibt es hier: https://www.book2look.com/vBook.aspx?id=978-3-95614-510-0

Meine Liebsten im Jahr 2022 – Romane, Lyrik, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick:


Es war ein schwieriges, anstrengendes Jahr mit weniger Lektüre als sonst, zumindest in den letzten Monaten des Jahres. Es gab anderes zu tun. Es gab oft keine Konzentration und auch keine Zeit für Literatur. Viele der Herbstneuerscheinungen liegen noch ungelesen, obwohl die Verlage schon längst die Frühjahrsneuerscheinungen anpreisen. Dafür gab es ganz klare Favoriten. Die Lyrik war besonders stark präsent und ich spürte einmal mehr, welch unglaubliche Kraft von Gedichten ausgeht. Und auch Hörbücher haben mir gute Dienste geleistet. Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag.

Meine liebsten Romane:

Meine liebsten Lyrikbände und ein Hörbuch:

Leïla Slimani: Schaut, wie wir tanzen Luchterhand Verlag


Nun ist er da, der zweite Band der biographischen Romantrilogie von Leïla Slimani. Hier erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, die im ersten Teil „Das Land der Anderen“ in Frankreich begann, als ihre Großeltern sich nach Ende des zweiten Weltkriegs in Straßburg begegneten, heirateten und in die Heimat des Großvaters Amine, nach Marokko zogen.

Zu Beginn wird Aischa Belhaj von ihren Eltern nach Marokko zurückgerufen. Sie ist zum Medizin-Studium in Straßburg, im Elsass, der Heimat ihrer Mutter Mathilde. Doch es ist Sommer 1968 und die Studentenunruhen in Frankreich machen der Familie Angst. Sie wollen ihre Tochter in Sicherheit wissen. Für Aischa ändert sich dadurch vieles. Sie trifft ihre alten Freundinnen wieder. Besonders mit Monette versteht sie sich wunderbar. Bei ihr und ihrem Freund verbringt sie dann auch den Sommer. Sie haben ein kleines Haus am Meer. Hier lernt sie Mehdi kennen, den man Karl Marx nennt. Er studiert Ökonomie und ist sofort von Aischa gebannt. Bevor die beiden sich wirklich näher kommen können, rufen die Eltern wieder um Hilfe. Diesmal ist es der Bruder Selim, der verschwunden scheint. Mehdi fährt sie mit seinem Auto zur Farm, doch dann begeht er eine Dummheit, die die beiden wieder voneinander trennt.

Aischas Bruder Selim spielt in diesem Band auch eine Rolle. Zunächst geht er eine Liebesbeziehung mit seiner verheirateten Tante Selma ein, später verlässt er die Familie und gerät in Essaouira in eine Kommune, die aus europäischen Hippies besteht und beginnt Drogen zu konsumieren. Hier hält man ihn aufgrund seiner blonden Haare ebenso für einen Europäer. Wie sich später zeigt, schreibt er Selmas Tochter Sabah regelmäßig Briefe. Während man versucht mehr zahlungskräftige Touristen ins Land zu locken, sind Hippies nicht mehr gern gesehen. Selims Schicksal bleibt lange Zeit ungewiss, bis es aus unerwarteter Richtung ein Lebenszeichen gibt.

Mehdi wird nach dem Studium ein höherer Beamte im Steuerministerium, er schreibt nicht mehr und kehrt sich ab von marxistischen Lehren, wird sogar aufgrund seiner Position und seinen Kontakten zur Geburtstagsfeier des Königs eingeladen. Wie es das Schicksal will, begegnet er an genau diesem Tag Aischa wieder, die für den Sommer aus Frankreich zurückkehrt. Und bleibt dadurch am Leben, da er nicht in den Putsch gerät, den die Militärs genau an diesem Tag anzetteln. Auch einen zweiten Anschlag überlebt der König später.

Nach ihrer erneuten Begegnung und Versöhnung feiern Mehdi und Aischa ihre Hochzeit auf dem Hof ihrer Eltern. Mathilde plant die Hochzeit akribisch und es wird exklusiv und teuer. Die beiden ziehen in ein Haus in der Hauptstadt. Aischa spezialisiert sich als Ärztin auf Gynäkologie, Mehdi entpuppt sich als wenig emanzipierter Ehemann.

„Und was Aischa ihm erzählte, wenn sie aus dem Krankenhaus kam, erschien ihm nicht nur uninteressant, sondern sogar unappetitlich. Sein Leben lang hatte er gehört, was Mädchen zu tun oder zu lassen hatten, worin tugendhaftes Benehmen bestand, und er fühlte sich berechtigt, über jene die Nase zu rümpfen, die zu laut redeten oder sich aufreizend benahmen. Und alles, was die Geheimnisse des weiblichen Körpers betraf, fand er zutiefst abstoßend.“

Doch beide sind von ihrer Tätigkeit erfüllt und gehen in ihrer Arbeit auf. Bei Aischa zeigt sich manchmal das Balancieren zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen – durch das Studium ist sie eben auch von Frankreich geprägt. Die Geschichte endet 1972 mit der Geburt einer Tochter …

Dieser zweite Band bleibt, wie ich finde, etwas hinter dem ersten zurück. Ein Grund ist für mich, dass zu viel von männlichen Figuren die Rede ist und Aischa, die ich als Hauptfigur sehe, zu sehr im Hintergrund steht. Mitunter ist mir auch der Ton, wie manchmal im ersten Band etwas zu pathetisch, bei Liebesszenen blumig bis kitschig. Mal sehen, wie es im dritten Teil weitergeht und ob sich dann ein gutes Ganzes daraus formt.

Schaut, wie wir tanzen“ erschien im Luchterhand Verlag. Übersetzt aus dem Französischen hat es Amelie Thoma. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Den ersten Teil habe ich bereits hier besprochen: