I LOVE WOMEN IN ART Hrsg. Janine Mackenrodt/Bianca Kennedy

Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen an den Kunstakademien studieren – das war der Anlass für die beiden Künstlerinnen Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy ein Buchprojekt zu starten, was ich mehr als hervorragend finde. Damit wollen die beiden auf die immer noch andauernde Unterpräsentation von Künstlerinnen im Kunstbetrieb aufmerksam machen. Das unterstütze ich gern und stelle das Buch heute zum Frauentag vor.

„Über 100 Kulturschaffende aus allen Bundesländern stellen in dieser Publikation je ein Kunstwerk ihrer ausgewählten Künstlerin vor. Wir hatten um Anekdoten, Erinnerungen an den ersten Kontakt mit dem Werk und persönliche Geschichten für ein Buch gebeten. das wir gerne selbst in unserem Buchregal sehen möchten“.

So schreiben die beiden Künstlerinnen in ihrem Vorwort. Und es ist wirklich gelungen. Großformatig auf bestem Papier gedruckt, lese ich von Künstlerinnen, die ich noch nicht kannte, entdecke Neues, was mich selbst für meine Kunst inspiriert oder begegne Kunstfrauen, deren Werk ich bereits kenne und liebe.

Es finden sich also sowohl Käthe Kollwitz, als auch Hannah Höch und Renée Sintenis, Lotte Laserstein und Jeanne Mammen. Maria Sibylla Merian, Meret Oppenheim, Gabriele Münter, Paula Modersohn-Becker, Unica Zürn und Anita Rée und die wunderbare Charlotte Salomon u.v.m.
(Bücher über Käthe Kollwitz, Anita Rée und Charlotte Salomon habe ich bereits hier auf dem Blog vorgestellt: einfach Namen anklicken)

Von den zeitgenössischen Künstlerinnen finde ich mir bekannte wie Rosemarie Trockel, Rebecca Horn, Mary Bauermeister, die großartige Miriam Cahn, Maria Eichhorn, die dieses Jahr in Venedig den deutschen Pavillon gestaltet, Katharina Grosse, von der es gerade eine große Ausstellung im Hamburger Bahnhof gab und die Fotographin Barbara Klemm.

 

Wunderbare Neuentdeckungen sind für mich etwa: Anni Albers mit ihrem 1936 entstandenen gewebten Bild „Ancient Writing“, Isa Dahl, deren Malerei „sonst“ von 2016 von Raum und Tiefe erzählt, Angela Glajcar mit ihrem 2017 entstandenen erstaunlichen Papierwerk „Terforation“, Judith Hopf, deren Arbeit „Erschöpfte Vase“ entstand, nachdem sie so etwas Altmodisches wie einen Töpferkurs besuchte, die 1929 in Gotha geborene Winifred Zielonka, die als Anthroposophin und Malerin in der DDR lebend, einen schweren Stand hatte. Und die Malerin Charlotte Berend-Corinth, die von einem so typischen Frauenleben an der Seite eines berühmten Künstlers zeugt, nie aber ihr eigenes künstlerisches Potenzial ausschöpfen konnte oder gar so erfolgreich wie ihr Ehemann Lovis werden konnte.

Jede Künstlerin wird mit einem ausgewählten Kunstwerk vorgestellt von einer Frau aus dem Kunstbetrieb, wie Kuratorinnen, Kunstkritikerinnen, Professorinnen, Direktorinnen und Galeristinnen. Die Hintergründe, die Entstehungsgeschichte des Bildes oder die persönliche Entdeckungsgeschichte zu erfahren ist hochinteressant und weckt die Lust auf mehr. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung, einen zweiten Band?

Mehr über das Buch unter http://www.100womenartists.com.

 

Schreibtisch mit Aussicht – Schriftstellerinnen über ihr Schreiben Kein & Aber Verlag

Die Redakteurin und Herausgeberin Ilka Piepgras versammelt in einem Band 23 Stimmen von Schriftstellerinnen, die über ihre Arbeit, ihr Schreiben erzählen. Es sind höchst unterschiedliche Beiträge, die die ganze Vielfalt der Literatur abbilden. Gleich eingangs kommt sie auf einen Essay der Autorin Anne Tyler zu sprechen, in dem diese gefragt wird, ob sie denn nun eine Arbeitsstelle gefunden habe oder immer noch nur schreibe. Da ich selbst schreibe, kenne ich solche Situationen nur allzu gut. Meiner Ansicht nach ist es typisch und gleichzeitig eben erschreckend, dass die Tätigkeit nicht nur von Autorinnen sondern auch von Künstlerinnen im Allgemeinen so in Frage gestellt und als Arbeit nicht anerkannt wird. Umso besser, dass es dieses Buch gibt, das aufzeigt, wieviel Arbeit das Schreiben ist.

Anne Tyler kenne ich noch aus meiner Zeit in der Buchhandelsausbildung. Inzwischen ist sie hierzulande auch sehr bekannt geworden mit ihren Familienromanen. Auch an Eva Menasses Debütroman „Vienna“ erinnere ich mich noch besonders gut. Sie erzählt hier von ihrer genauen Vorgehensweise beim Schreiben. Elif Shafak ist mir als in London lebende türkische Autorin, die sich auch hier mit ihrem Beitrag sehr für ein „Weltbürgertum“ und für Vielfalt statt Dualismus einsetzt, sehr sympathisch. Durch ihren Roman „Der Geruch des Paradieses“ lernte ich ihr Schreiben kennen. Ihre Reden, Essays und Bücher haben immer auch ein politisch/gesellschaftskritisches Ansinnen:

„Als Schriftsteller sind wir von Wörtern fasziniert, aber vielleicht noch mehr von den Stellen dazwischen. Von der Stille. Wir interessieren uns für die Dinge, über die wir in einer bestimmten Zeit nicht offen reden können. Geheimnisse, Tabus – gesellschaftliche, kulturelle, sexuelle Tabus. Ich habe immer das Bedürfnis, nach diesen Leerstellen zu fragen, neue Diskussionen zu eröffnen, den Rand ins Zentrum zu rücken; dem Sprachlosen eine Stimme zu geben, das Unsichtbare sichtbar zu machen.“

Joan Didion wollte ich schon länger lesen. Ihr Text über ihre sehr intuitive bildhafte Herangehensweise ans Schreiben hat mich nun überzeugt, dass ihre Lektüre nun nicht mehr aufschiebbar ist. Siri Hustvedt geht es beim Schreiben immer auch um das spezifisch weibliche Schreiben. Auch ihre Essays beziehen sich oft auf die Sichtbarkeit und unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen. Ihr letzter Roman „Damals“ bezieht das Thema ebenfalls mit ein.

Mariana Lekys Bücher kannte ich schon bevor sie ihren Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ schrieb. In ihrem Beitrag erzählt sie humorvoll von ihren Schreibschulenerfahrungen in Hildesheim.

Nicole Krauss Schreiben wird viel von äußeren Begebenheiten beeinflusst und verwandelt. Interessant und literarisch gelungen sind die Ausführungen Kathryn Chetkovichs (Partnerin von Jonathan Franzen) über den Neid, wenn beide Partner schreiben. Und ganz großartig Zadie Smith über das Schreiben in der Ich-Form und über das Verwandeln von autobiographischem Schreiben in Literatur:

„Diese Art Literatur habe ich immer am Liebsten geschrieben und gelesen: eine, die sich in viele verschiedene Körper, viele verschiedene Leben einschleicht. Literatur, die nach außen blickt, hin zu den anderen.“

Die Herausgeberin hat wirklich eine schöne Vielfalt bei ihrer Auswahl geschaffen. Was ich allerdings sehr schade finde, ist, dass keine einzige Lyrikerin dabei ist. Seltsam, dass dieses Genre so selten mit einbezogen wird, dabei wäre die Herangehensweise an das Schreiben von Gedichten gerade hochinteressant.

Ich schließe mit einem Zitat, dass aus einem schriftlichen Interview von Sheila Heti mit Elena Ferrante (die ich in ihren Antworten wesentlich stärker finde als Sheila Heti in ihren Fragen) stammt:

„Gute Bücher sind überwältigende Bündel von Lebensenergie. Sie brauchen keine Väter, Mütter, Paten und Patinnen. Sie sind ein glückliches Ereignis innerhalb der Tradition und Gemeinschaft, die sie hütet. Sie haben eine Kraft, die in der Lage ist, sich ganz unabhängig in Raum und Zeit auszudehnen.“

Schreibtisch mit Aussicht erschien im Kein & Aber Verlag. Im Anhang finden sich Kurzbiographien zu allen Autorinnen. Die Übersetzerinnen werden im Anschluss an jeden Text genannt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Romane der Autorinnen im Buch, die ich bereits besprochen habe:

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/21/elif-shafak-der-geruch-des-paradieses-kein-aber-verlag/

Siri Hustvedt: Damals
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/06/siri-hustvedt-damals-rowohlt-verlag/

Terezia Mora: Die Liebe unter Aliens
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/11/terezia-mora-die-liebe-unter-aliens-luchterhand-verlag/

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/24/mariana-leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-dumont-verlag/

Leila Slimani: Dann schlaf auch du
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/09/08/leila-slimani-dann-schlaf-auch-du-luchterhand-verlag/

Meg Wollitzer: Das weibliche Prinzip
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/30/meg-wollitzer-das-weibliche-prinzip-dumont-verlag/

 

Meine Liebsten im Schreckensjahr 2020 – Roman, Debüt, Lyrik, Buchkunst, Sachbuch, Hörbuch

In diesem Jahr war Lesen für mich nicht immer leicht. Oft mangelte es aufgrund der äußeren (und aufgrund dessen der inneren) Widrigkeiten (ihr wisst, was ich meine) an Konzentration und Energie. Auch für mein eigenes Schreiben und künstlerisches Arbeiten. Es fehlte die echte Begegnung, der reale Austausch, die Inspiration durch Ausstellungen, Lesungen etc.
Deshalb ist es 2020 eine kürzere, aber breiter gefächerte Liste geworden. Mit großer Literatur in verschiedensten Formen. Hier meine Liebsten, meine Leuchtenden:
(Mit Klick aufs Bild gibts den Link zur Besprechung)

5 Romane:

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3 Debüts:


3 Lyrikbände:


2 Buchkunstwerke: 

Sachbuch/Hörbuch:

Viel Freude mit der Auswahl!
Möge das neue Jahr erneut ausgiebig leuchtende Literatur bringen …

17.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern aus 2020, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser*innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt: Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht in merkwürdigen Zeiten …

aus Eine Frau erlebt die Polarnacht von Christiane Ritter

Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/01/14/christiane-ritter-eine-frau-erlebt-die-polarnacht-ullstein-verlag/

Karen Grol: Himmel auf Zeit Ebersbach & Simon / Anita Rée – Retrospektive Prestel Verlag

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Leider habe ich es 2018 nicht geschafft nach Hamburg zu fahren und mir die Retrospektive der wunderbaren Künstlerin Anita Rée (1885-1933) anzusehen. Ein kleiner Trost ist der Ausstellungskatalog und auch die informative Seite der Hamburger Kunsthalle. Außerdem erschien nun in diesem Jahr ein Roman über das Leben der Künstlerin. Karen Grol ist mit „Himmel auf Zeit“ ein schönes Porträt von Anita Rée gelungen, das mich auch sprachlich überzeugt hat.

Anita Rée wurde 1885 in Hamburg in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie hineingeboren. Die Vorfahren ihrer Mutter stammten aus Venezuela. Sie nahm als junge Frau Malunterricht bei dem impressionistischen Maler Franz Nölken (in den sie sich unerwidert verliebt) und reiste schließlich 1912 für einige Monate zur Ausbildung ins lang ersehnte Paris. Hier lernt sie all die bekannten Künstler dieser Zeit kennen, unabhängige Frauen, bewundert all die Kunstwerke, kommt aber selbst kaum zum Malen, so überwältigend sind die Eindrücke dieser im Aufbruch befindlichen Metropole der Kunst.

Ab 1922 hielt sie sich 3 Jahre in Süditalien auf, eine Zeit, die sie sehr prägte. In Positano lebte sie in einer bescheidenen Behausung, bestellte einen kleinen Garten. Sie porträtierte Mitbewohner des Ortes, beschäftigte sich mit Landschaften und Ortschaften, Licht und Farbe, keineswegs naturgetreu, eher eigen verfremdet. Zudem lernte sie auf Reisen neue Malkollegen kennen und ließ sich inspirieren. Von einem Malschüler, Christian Selle, erhält sie jeden Sommer längeren Besuch. Die beiden erkundeten gemeinsam Italien. Eine inspirierende Liebesgeschichte mit dem jungen Mann beginnt, die allerdings nach ihrer ungewollten Rückkehr wegen Familienangelegenheiten, nicht von Dauer ist.

Fremde Kulturen interessierten sie. Es entstanden Bilder mit Fabeltieren, märchenhaften und exotischen Motiven, mit denen sie nicht nur Leinwände, sondern beispielsweise auch Möbel gestaltete. Außerdem tauchen immer wieder auch christliche und biblische Motive auf, die auf Rees Verehrung der alten Meister hinweisen.

Anita Rée scheint eine sensible, melancholische Frau gewesen zu sein. Immer wieder hinterfragt sie ihre Rolle als Mensch, als Frau, als Künstlerin. Vieles davon zeigt sich in ihren Selbstporträts, die zunächst ihr bevorzugtes Thema waren. Die Innenschau, die Frage nach dem Sein, nach der Herkunft? Wer bin ich? Wo will ich sein?

Karen Grol erzählt auch von dem andauernden Gefühl der Einsamkeit, von dem hohen Anspruch an die eigene Malerei und von den Zukunftsängsten, die zunächst durch den ersten Weltkrieg, später durch Weltwirtschaftskrise und das Erstarken des Nationalsozialismus aufkamen. Ihre jüdische Herkunft und das exotische Aussehen verstärkten das Fremdheitsgefühl. Auch Halt und ausdauerndes Glück in Beziehungen hat sie nie gefunden.

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Zurück in Hamburg war sie durchaus bekannt, wurde Gründungsmitglied der Hamburger Sezession und der GEDOK und erhielt viele öffentliche Aufträge, wie etwa das Wandbild „Die klugen und die törichten Jungfrauen“ in einer Schule. Es folgten private Auftragsarbeiten und Porträts und Ausstellungsbeteiligungen bis nach Brüssel. Dennoch litt sie immer unter Geldmangel, um sich ein ordentliches Atelier leisten zu können. Ein Tryptichon als Altarbild in einer Hamburger Kirche wurde nie angebracht, weil man Rée inzwischen als Jüdin ausgrenzte. Als sie sich in Hamburg nicht mehr sicher fühlte, aufgrund äußerer aber auch persönlicher Geschehnisse, zog sie 1932 nach Sylt. Dort änderte sich Stil und auch Material. War vorher alles in Öl, beginnt sie hier mit der Aquarellmalerei. Weniger starker Farbausdruck, keine Porträts mehr, fast ausschließlich Landschaften. Die Bilder sind Ausdruck ihrer empfundenen Einsamkeit. 1933 nahm sich Anita Rée auf Sylt das Leben.

An ihre Schwester schrieb sie kurz vor ihrem Tod:

„Ich kann mich in so einer Welt nicht mehr zurechtfinden und habe keinen einzigen anderen Wunsch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen. Welchen Sinn hat es – ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendwelche Menschen – in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren … „

Karin Grol bettet Anita Rées Leben in die jeweils aktuellen zeitgeschichtlichen Ereignisse. Zudem hat sie einen Blick für das Innenleben der immer am Rande des Existenzminimums lebenden Künstlerin. Sie greift dafür ausgewählte Begegnungen auf, die sie ausführlicher betrachtet, macht aber mitunter auch abrupte Übergänge zwischen den Ereignissen. Für mich ein ausgesprochen gelungenes Künstlerinnenporträt!

Die Bilder stammen aus dem Ausstellungskatalog „Anita Rée Retrospektive“ Prestel Verlag, 2017

Der Roman „Himmel auf Zeit“ erschien in der ebersbach & simon.

Anna Mayr: Die Elenden Hörbuch tacheles!

Eindrücklich und mitunter forsch bis laut, so wie es für den Text vollkommen stimmig ist, interpretiert von der jungen Schauspielerin Nairi Hadodo, wirkt das Buch „Die Elenden“ von Anna Mayr womöglich tiefer als selbst gelesen. Das Thema interessiert mich brennend. Das Thema sollte viel mehr Menschen interessieren. Das Thema ist erschütternd, aber nicht von der Hand zu weisen. Und schon gar nicht zu verschweigen. Gut, dass die 1993 im Ruhrgebiet geborene Autorin, Journalistin und heutige ZEIT-Redakteurin dieses Buch geschrieben hat. Nun bleibt zu wünschen, das es möglichst viele Menschen aus allen Schichten lesen, auf dass sich das Bewusstsein schärft.

Es geht um Arbeit. Und um Arbeitslosigkeit. Es geht darum, was es heißt, Kind von langzeitarbeitslosen Eltern zu sein. Es geht darum, arm zu sein. Es geht darum, was es wirklich bedeutet, am Konsum nicht teilhaben zu können. Es geht darum ausgegrenzt zu werden, zu sein, und davon niemals frei zu werden. Selbst, wenn es gelingt, sich herauszuarbeiten aus der „Klasse“ der Arbeitslosen, aufzusteigen, wie es der Autorin gelungen ist, bleibt etwas zurück. Denn die Kindheit prägt, in der Kindheit wird angelegt und angelernt, was später gebraucht wird. Und wenn nicht, was dann immer fehlen wird. Mitunter anhand sich selbst als Beispiel erzählt Mayr eindrücklich, wie sich das alles eben nicht so einfach abstreifen lässt.

Aus der Geschichte heraus zeigt Mayr auf, wie sich Arbeit entwickelte bis zu dem was sie heute ist. Arbeit als einzige Selbstdefinition. Und wem sie fehlt, ist eben ein Nichts. Sich über anderes als Arbeit zu definieren scheint nicht erlaubt, solange man keine hat. Man fällt heraus aus der Masse, hinein ins Nichts. Mayr geht dabei so weit, zu sagen, dass, Arbeitslose in der Gesellschaft gebraucht werden, sozusagen als abschreckendes Bespiel. Das klingt furchtbar, wird aber von ihr stimmig erklärt. Wer selbst schon einmal (länger) HartzIV „empfangen“ hat, kennt das durchaus.

„Der Kapitalismus braucht die Arbeitslosen als Ressource.“

Was Mayr auch ganz klar zum Ausdruck bringt: Scheitern ist nicht erlaubt. Zumindest interessiert sich keiner für die Scheiternden. Alle Stories, die von Scheiternden handeln oder die sie selbst erzählen, sind Erfolgsgeschichten. Denn die Leute mögen gerade diese Geschichten, in denen sich die untere Schicht hoch arbeitet bis zum Erfolg. Die tatsächlich Gescheiterten gehen weiter unter.

Anna Mayr erzählt die Geschichte von der Entstehung von ALG II. Von der Verschmelzung der Arbeitslosenhilfe mit Sozialhilfe. Sie erläutert die Veränderungen in der Sozialpolitik seit der Wende und den großen Anteil Gerhard Schröders. So im Jahr 1998 nach einem Text im Tagesspiegel, dass die Sozialhilfe zu hoch sei:

„Die Stimmung im Land kippte in eine Angst vor Sozialschmarotzern, in Leistungsverliebtheit und in ein obsessives Bedürfnis nach Sparsamkeit.“

Wenn man sich die gut recherchierten internen Abläufe der Hartz-Sitzungen und die Meinungen diverser politischer Entscheidungsträger so anhört, kann einem übel werden. Je mehr Macht, desto mehr Angst vor Machtverlust, desto mehr irrationale Entscheidungen, die weitab von den Interessen eines Sozialstaats, kaum dem Bürger, sondern ausschließlich dem Politikerwohl dienen.

Die Autorin denkt zum Ende des Hör/Buchs auch über mögliche Veränderungen nach. Im Denken und im Tun. Da sind gute Ideen, da ist der Wunsch etwas zu verbessern, was immer ärger wird: Die Kluft zwischen arm und reich. Doch die Eigentlichen, die dringend an der Reihe sind etwas zu tun, sind die Politiker. Dazu müssten sie die Armut aber erst einmal sehen und anerkennen. Und nicht einmal das geschieht. Von soweit oben, sieht man offenbar nicht mehr so gut, oder vielmehr will es nicht. Vielleicht sollten gerade sie Anna Mayrs Buch lesen.

Mayr führt auch all die Bücher an, die zur Zeit auf dem Markt zum Thema zu finden sind: Rückkehr nach Reims von Didier Eribons, Das Ende von Eddy von Édouard Louis und schließlich auch die Bücher der wunderbaren Annie Ernaux. Sie zieht Pierre Bourdieu, Max Weber und andere Soziologen und Philosophen hinzu, um ihre Aussagen zu unterlegen. Ich persönlich möchte noch den aktuellen Debütroman „Streulicht“ von Deniz Ohde hinzufügen, den ich als Ergänzung unbedingt empfehle.

„Die Elenden“ hat mich wütend gemacht, hat mir einmal mehr die sozialen Ungerechtigkeiten vor Augen geführt. Es war gut, diese teils sehr persönlichen Einblicke bekommen zu haben. Ich wünsche mir mehr davon. Ich freue mich über diese mutige, deutliche Stimme.
Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Roof/tacheles Verlag für das Hörexemplar. Das Buch erschien im Hanser Verlag.

Thomas Böhm/Carsten Pfeiffer (Hrsg.) Die Wunderkammer der Deutschen Sprache Verlag Das kulturelle Gedächtnis

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„In welchen Teil des Wortvorrats man immer greift, wird, nach überwundener erster Scheu, man sich bald davon angezogen fühlen.“

Jacob Grimm

In der Einleitung dieses von Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer herausgegebenen Bandes heißt es: Wunderkammer – das Wort selbst gab den Anstoß zu diesem Buch.“ In der Tat findet sich hier ein oft spannender Einblick in die Vielfalt der deutschen Sprache. Manch Ausgefallenes, manch Banales wird hier vorgestellt. Und das eingebunden in außergewöhnlicher Gestaltung und Illustration, für die 2x Goldstein+Schöfer verantwortlich ist:

Feinstes, schweres Papier, mehrfarbiger Druck, Farbschnitt und Lesebändchen in orange. Und auch innen besonders illustriert und ungewöhnlich gesetzt in verschiedenen Schriftarten und Größen. Die Farbe Orange wiederholt sich auch hier und wechselt sich, wie schon auf dem Einband, mit dunklem Blaugrau ab.

Tabellen, Listen, Collagen, Photos, Auszüge aus alten Büchern, alles jeweils zu einer Thematik der deutschen Sprache sind in der Wunderkammer enthalten. Einige Schriftsteller*innen wurden nach ihren Lieblingswörtern und deren Geschichten befragt. Mit dabei etwa Karen Duve, Erik Fosnes Hansen, Felicitas Hoppe, Georg Klein oder Franz Hohler. Goethe darf natürlich nicht fehlen. Er taucht hier anhand von Zitaten aus dem Mund seiner Kritiker auf. Dialekte und die diversen Sprachvarianten der DDR-Sprache werden betrachtet. Anhand von einer Deutschlandkarte wird aufgezeigt wie unterschiedlich manche Dinge in verschiedenen Regionen heißen. Um Kindersprache geht es oder Kunstsprache, um Geheimsprachen und Küchenlatein. Konkrete Lyrik und Figurengedichte, Schriften an Hausfassaden, Grabinschriften, Letzte Worte und vieles mehr versammelt sich in diesem Band.

Sehr schön zu lesen und eines meiner Lieblingskapitel ist die Liste der ungebräuchlich gewordenen Wörter: Brosamen kenne ich noch, an die Manchesterhose meines Vaters erinnere ich mich noch gut, bei Funeralien wirds schon kritisch und dass verleitgeben Bier und Wein ausschenken bedeutet, weiß ich schon nicht mehr. Ein spannendes Kapitel sind auch die Äquivokationen, nämlich Homonyme, Polyseme, Homographe und Homophone (wer kennt sie nicht!?). Palindrome und Anagramme fehlen nicht. Auch den Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch kann ich einiges abgewinnen: Geliebtes Blitzzwiebelblau, feierliche Flitterherrlichkeit oder wüstes Planetengetriebe.

Es gibt viel zu entdecken, Wichtiges und Unwichtiges, Witziges und Schräges, Notwendiges und Unsinniges. Wer Spaß an Sprache in allen Facetten und Spielereien hat, dem sei dieses gut recherchierte Buch empfohlen.

Ach und fast hätte ich mein Highlight vergessen: Es gibt ein wirklich lustiges Kapitel über die haarsträubenden Namen von Berliner Friseursalons im Jahr 2019. Will man sich wirklich die Haare bei James Blond, Hairforce One oder Mata Haari schneiden lassen?

Das Buchkunstwerk erschien im Verlag Das kulturelle Gedächtnis. Mehr über Buch und Verlag hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Christiane Ritter: Eine Frau erlebt die Polarnacht Ullstein Verlag

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„Diese Landschaft hat nichts Irdisches mehr. Sie scheint in ihrer Entrücktheit ein in sich geschlossenes Leben zu führen. Sie ist wie der Traum einer Welt, der sichtbar wird, bevor er sich zur Wirklichkeit gestaltet.“

Es ist faszinierend: Christiane Ritter, geboren 1898 in Karlsbad, aus wohlhabender Familie, reist im Alter von 36 Jahren zu ihrem Mann, der sich schon länger in der Arktis aufhält, nach Spitzbergen, um dort ein Jahr lang mit ihm in einer winzigen Hütte ohne Komfort in absoluter Einsamkeit zu verbringen. Und was sie anfangs selbst nicht glaubt, sie erliegt dem Zauber der Natur, der Stille und der weißen Weite.

Bereits im letzten Winter hatte ich mir dieses Buch gekauft. Offenbar hat es aber jetzt erst den richtigen Zeitpunkt des Lesens gefunden. Wohl auch, weil der kühle Norden mich immer mehr anzieht. Wie man schon an obigem Zitat erkennen kann, liegt die Besonderheit dieses Buches nicht nur an der Außergewöhnlichkeit, dass eine Frau 1934 mit ihrem Mann, einem Kapitän und Abenteurer, einen dunklen Winter im eisigen Spitzbergen unter schwierigsten Lebensbedingungen verbringt, sondern auch an der großartigen Sprache Ritters. Sie schafft es, all das, was man hier im gemütlichen mitteleuropäischen Winter so gar nicht kennt, in Worte zu fassen, die genau die Stimmung dieses nordischen Landstrichs spiegeln.

Und sie zeigt auch, dass Frauen all das auch können. Immer schon konnten. Christiane Ritter wusste ihre kleine Tochter bei den Großeltern gut versorgt und lebte ihren Traum und ließ sich dabei nicht von damaligen Konventionen beirren. „Laß alles liegen und stehen und folge mir in die Arktis“, schrieb ihr Mann und sie tat es. Ich bin von diesem Reisebericht, der letztlich auch Überlebens/Erwachensbericht ist, zutiefst beeindruckt. Gleich nach der Ankunft, ihr Mann ist längere Zeit auf der Jagd, erlebt sie allein in einer winzigen Hütte einen tagelang dauernden Sturm. Dies durchzustehen, war Vorbereitung auf die „Polarnacht“ (vier Monate lang ist die Sonne nicht zu sehen) und gab ihr die Kraft den Winter mit all den Entbehrungen zu überstehen. Und nicht nur das: aus jedem ihrer Sätze klingt die große Faszination, die eine solche Landschaft im Menschen auslösen kann, an. Die Weite, das Licht, das Dunkel, die Nähe zur alles überwältigenden Natur, das auf sich selbst zurückgeworfen sein klingt durch jede Zeile.

Im Laufe des Winter müssen die Ritters monatelang ohne frisches Fleisch auskommen, weil sie abhängig sind vom Auftauchen von Eisbären, die mit dem Packeis an Land kommen. Robben, Füchse und Enten werden geschossen und bevorratet. Die Daunen gesammelt, die Felle gegerbt. Hier wird einem klar, was Jagd eigentlich einmal bedeutete. Ritter beschreibt, wie wichtig die winzigen Hütten sind, die verteilt über die Fjorde stehen, um unterwegs Schutz vor Wetter und Kälte zu finden. Sie erläutert, wie es sich anfühlt bei minus 35 Grad mit Skiern über das zugefrorene Meer zu fahren, wie es ist keine Geräusche mehr zu hören oder lauthals tobende Stürme. Sie macht die Erfahrung mondsüchtig zu werden oder geisterhafte Naturphänomene zu erleben, die an Hellsichtigkeit grenzen. Heutzutage würde man sagen, sie findet im Einklang mit der (damals noch intakten) Natur zu sich selbst. Doch was sie schreibt ist so klug und wichtig, dass ihr Reisebericht Jahrzehnte überdauerte. Für mich ist dieses Buch in jeder Hinsicht besonders: es ist feministisch, es ist spirituell und es ist sprachlich beeindruckend. Eine echte Perle. Polarlichtleuchten!

Christiane Ritter lebte nach ihrer Reise wieder in Mitteleuropa, seit 1985 in Wien. Sie wurde 103 Jahre alt. Ihr Buch ist mit eigenen Illustrationen bereichert. Es erschien 1938 zum ersten Mal und erlebte bis heute unzählige Neuauflagen und Übersetzungen. Meine Taschenbuchausgabe erschien im Ullstein Verlag. Hier finden sich interessante Infos zu den Buchausgaben.

Andrea Wulf / Lilian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt Graphic Novel C. Bertelsmann Verlag

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„Juni 1799: Alexander von Humboldt bricht zu einer abenteuerlichen Entdeckungsreise durch Südamerika auf, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur grundlegend verändern wird …“

Ein wundervolles Buch! Ein Bilderbuch für alle! Ein feines Buchkunstwerk!
In der Art einer Graphic Novel haben Andrea Wulf und die Illustratorin Lilian Melcher dieses ungewöhnliche Buch gestaltet. Es geht um die amerikanischen Reisen Alexander von Humboldts (1769 – 1859) und zwar nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern erzählerisch und von zauberhaften Illustrationen begleitet. Text und Bild finden hier stimmig zueinander, fließen ineinander und befruchten sich gegenseitig. Bilder, oft collagenhaft, teils skizzenhaft mit Bleistift oder Filzstift gezeichnet, teils mit Sprechblasen wie im Comic und teilweise im Erzählstil weisen auf die wichtigsten Ereignisse der Humboldt`schen Reise hin und sind oft wunderbar detailverliebt.

Andrea Wulf, die bereits Bücher zum Thema veröffentlicht hat, schrieb ihren Text nahe an den von Humboldt selbst veröffentlichten Schriften, selbst die Dialoge entsprechen überwiegend den in den Tagebüchern festgehaltenen. Humboldt stellt fest, wie in der Natur alles mit allem zusammenhängt. Unfassbar, wie weit- ja beinah hellsichtig, Humboldt vieles in seinen Studien der Natur voraussah, was uns heute einholt. So wusste er bereits damals, was geschieht, wenn man ganze Regenwälder abholzt.

“ … ich bin ziemlich stolz darauf, Kosmos – ein Buch über das gesamte Universum – geschrieben zu haben, ohne ein einziges Mal das Wort „Gott“ zu benutzen. Ich möchte ohnehin viel lieber etwas über die Naturverehrung der Indianer erfahren.“

Andrea Wulf geht in diesem Band chronologisch vor. An den Anfang stellt sie den alten Humboldt in Berlin, der in Rückblicken seine Geschichte erzählt und zwischendurch in bestimmten Szenen wieder als Erzählerfigur auftaucht. Die Seiten sind meist komplett mit Fotocollagen, Zeichnungen oder Kopien der handschriftlichen Aufzeichnungen Humboldts unterlegt, darüber dann die Sprechblasen einzelner Dialoge oder der Text der Erzählerstimme. Man kann sich gar nicht satt sehen, denn es sind oft auch sehr klein detaillierte Darstellungen dabei.

Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass Humboldt und seine treuen Gefährten, diese gefährlichen Reisen überlebt haben (wenn man etwa bedenkt, welche Ausrüstung einem heutigen Bergsteiger bei einem 4000er zur Verfügung steht). Die Sammlungen der Pflanzen und Tiere sind auf der langen Reise teilweise zerstört oder verloren gegangen, aufgrund der riesigen Menge jedoch, die vor allem auch auf seinen französischen Begleiter Aimé Bonpland (1773 – 1858) zurückgehen, blieb doch viel erhalten. Und Humboldt hielt alles genau fest, fertigte Zeichnungen, schrieb Tagebuch: Die Fahrten mit dem Schiff, die Bergbesteigungen, die Messungen, die Entdeckungen von Pflanzen und Tieren, die Beobachtungen der Himmelsphänomene und Archivbesuche. Es gibt eine riesige Zeichnung, die seine Art der Zusammenhänge der Naturphänomene an den unterschiedlichen Standorten vergleicht und klar aufzeigt. Zudem schrieb er auch kritische Texte, etwa zur Sklaverei auf Kuba und zur Zerstörung der Natur, etwa durch Plantagenbetrieb oder Abholzung.

Am Ende dauerte die Reise fünf Jahre von 1799 bis 1804 und führte etwas unstet durch das nördliche Südamerika, Mexico und Kuba mit einem Abstecher kurz vor der Heimreise in die USA mit Besuch des Präsidenten Jefferson.

Sehr witzig finde ich, dass die Illustratorin sich und die Autorin in die Story einzeichnet (siehe oben). Andrea Wulf und Lilian Melcher kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen für solch eine wundervolle Idee und die hervorragende Umsetzung. Ein Buch, welches Lust auf mehr Graphic Novels und auf mehr über Alexander von Humboldt macht.
Zur Zeit gibt es noch bis April im Berliner Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung über die Humboldt-Brüder, auf die ich nun noch mehr gespannt bin: https://www.dhm.de/ausstellungen/wilhelm-und-alexander-von-humboldt/ausstellung.html

Das Buch erschien im C. Bertelsmann Verlag und wurde übersetzt von Gabriele Werbeck. Eine Leseprobe gibt es hier. Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Elementares Lesen“, den ich hiermit gleich empfehle, weil man immer eine Fülle an interessanten Sachbuchtiteln findet.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Der Traum in uns – Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 #1


Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 ist mir eine besondere Freude. Deshalb gibt es einen dreiteiligen Beitrag hier auf dem Blog. Seit ich vor vielen Jahren durch Norwegens Berge, an seiner Küste, seinen Fjorden und über seine Wasser fuhr und mich an diesen so satten Farben, dieser so unglaublich schönen Landschaft nährte, ist es für mich ein Sehnsuchtsland geblieben. Eine echte Reise ist zur Zeit nicht möglich, aber in und mit Literatur reisen ist ja fast genau so schön.

Viel später, etwa zu der Zeit, als ich mit meinem Blog begann, fielen mir Gedichte zu, Gedichte, die mich innigst berührten. Es waren Gedichte von Olaf H. Hauge. Gleichzeitig lernte ich damals den Übersetzer seiner Gedichte ins Deutsche kennen, Klaus Anders, der noch einiges mehr an norwegischer Lyrik mit seinem – er ist selbst Lyriker – Gespür für Sprache übertrug. Mein Beitrag zu Hauges beiden Büchern aus der Edition Rugerup erschien deshalb auch schon 2015 und umso überraschender war es nun, dass eine Zeile eines seiner Gedichte „Der Traum in uns“ als Leitwort für die Buchmesse 2019 ausgewählt wurde.

Det er den draumen

Det er den draumen me ber på
at noko vedunderleg skal skje,
at det må skje —
at tidi skal opna seg
at hjarta skal opna seg
at dører skal opna seg
at berget skal opna seg
at kjeldor skal springa —
at draumen skal opna seg,
at me ei morgonstund skal glida inn
på ein våg me ikkje har visst um.

(Olav H. Hauge, Dropar i austavind, Noregs boklag 1966)

Das ist der Traum

Das ist der Traum, den wir tragen,
daß etwas Wunderbares geschieht,
geschehen muß —
daß die Zeit sich öffnet,
daß das Herz sich öffnet,
daß Türen sich öffnen,
daß der Berg sich öffnet,
daß Quellen springen —
daß der Traum sich öffnet,
daß wir in einer Morgenstunde gleiten
in eine Bucht, um die wir nicht
wußten.

(Olav H. Hauge, Gesammelte Gedichte,
Edition Rugerup 2012)
Übersetzung des Gedichts ins Deutsche von
Klaus Anders.

Schon lange zuvor, noch in meinen Zeiten als Buchhändlerin waren mir Autoren wie Per Petterson, Lars Saabye Christensen, Erik Fosnes Hansen, Ketil Bjørnstad und Jon Fosse bekannt. An kaum einem ihrer Romane kam ich vorbei. Inzwischen sind wunderbare neue Namen dazu gekommen, allen voran Tomas Espedal, einer meiner Herzensautoren. Keines seiner von Hinrich Schmidt-Henkels ins Deutsche übertragenen Bücher konnte ich auslassen. Seine Sprache, so wunderbar vom genialen Schmidt-Henkels übertragen, ist mir zum Bedürfnis geworden. Dazu kamen desweiteren Merethe Lindstrøm, Hanne Ørstavik, Jan Kjaerstad und zu Zeiten auch Karl-Ove Knausgårds autobiografische monumentale Reihe „Min Kamp“.

Ich werde einige dieser Bücher, die ich teilweise hier auch bereits schon ausführlich besprochen habe, in meinen nächsten beiden Beiträgen vorstellen und zum besseren Überblick trenne ich hier Lyrik und Prosa.

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Ganz am Anfang stand aber, vor Jahrzehnten gelesen und vielleicht schon fast ein Klassiker, Jostein Gaarders „Sophies Welt“, der einem jungen Menschen wirklich Philosophie nahe bringen kann.
Ein echter Klassiker, der mich mit seiner Geschichte um einen mittellosen, hungernden Schriftsteller, die eindringlich ans Existenzielle geht, faszinierte, ist Knut Hamsuns „Hunger“. Dieses Buch ist aktuell auch als Graphic Novel im Avant Verlag erschienen und glänzt mit seinen ausdrucksstarken Illustrationen von Martin Ernstsen. Aus dem Norwegischen übersetzte Ina Kronenberger. Mehr über das Buch hier und in einem der nächsten Beiträge.

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Interessant scheint mir diese neue Anthologie mit so namhaften Autoren wie Tomas Espedal, Dag Solstad, Siri Hustvedt, Karl Ove Knausgård, Helga Flatland und mit Übersetzungen von Hinrich Schmidt-Henkels, Gabriele Haefs, Elke Ranzinger u.v.m. Der Band mit Erzählungen über Norwegen als Heimat wurde herausgegeben von der Kronprinzessin Mette-Marit. Sicher ein guter Einstieg in die Landesliteratur. Mehr über das Buch hier und in einem meiner nächsten Beiträge.

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Außerdem gibt es eine Seltenheit auf meinem Blog, denn ich bespreche nur wenige Sachbücher. Doch der Band „Einer von uns“ von Åsne Seierstad, der über die ganz Norwegen traumatisierenden Ereignisse des Terroranschlag vom 22.7.2011 von Anders Breivik berichtet, war mir wichtig. Die Lektüre war nicht immer leicht. Doch die Journalistin Seierstad hat wirklich genauestens recherchiert und ein sehr starkes Buch daraus gemacht. Meine ausführliche Besprechung gibt es hier.

Weitere Sachbücher aus Norwegen findet man auf dem Blog „Elementares Lesen“.

Viel Freude bei der Entdeckung der norwegischen Literatur!