Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude Hoffmann & Campe Verlag

Zwei wunderbare Autorinnen aus Tschechien habe ich im Literaturhaus Berlin bei einer Lesung mit Gespräch mit der Übersetzerin Martina Lisa erleben dürfen, deren Werke unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sprechen deutsch und übersetzen auch selbst. Radka Denemarková, Jahrgang 1968, eine sehr kämpferische Stimme, wenn es um Gerechtigkeit und Frauenrechte geht und Tereza Semotamová, Jahrgang 1983, mit ihrem witzigen Debütroman. Meine Besprechung zu „Im Schrank“ folgt.

Radka Denemarkovás Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ ist der zweite, der auf Deutsch erschien, sie ist in Tschechien eine der bekanntesten zeitgenössischen Autorinnen. Es ist ein aufwühlendes Buch im positiven Sinn, was natürlich auch ungewöhnlich und bemerkenswert heißt. Was mir gleich zu Anfang auffiel, ist der sehr eigene Stil. Nichts ist hier konkret, als würde über der ganzen Geschichte ein Schleier liegen. Verrätselt, sprachlich gewandt und von Andeutungen geprägt erzählt die Autorin hier eine Geschichte über Gewalt an Frauen. Es geht um Vergewaltigungen, das erfährt man gleich im Prolog: Ein Szenario, das auf eine Massenvergewaltigung in Indien hinausläuft. Es ist ein Lesen zwischen den Zeilen. Die Tat selbst wird nicht geschildert. Ebenso wie die weiteren Taten, die sich durch das ganze Buch ziehen.

„Die Schwalben fliegen und zwitschern. Sie erzählen sich Witze über Männer und Frauen. Sex ist Freude. Die Witze wiederholen sich über die Jahrhunderte, die Schwalben sammeln Beiträge für die Geschichte der Freude. Dabei sind sie auf ein Schlachtfeld gestoßen, das keine Friedenszeiten kennt. Ein stilles Abkommen, ein Gebiet, das nicht frei ist und es nie sein wird, das von jedermann erobert werden darf, wo bis heute alles erlaubt ist.“

Drei ältere Frauen, Erika, Diana und Birgit, die man immer wieder auch als Schwalben durch die Geschichte flattern sieht, wie der Roman überhaupt von der Mystik und der Biologie der Vogelwelt durchdrungen ist, versuchen Gerechtigkeit herzustellen, notfalls durch drastische Maßnahmen, dabei sind sie radikale Feministinnen einer Generation, die Vorreiter war. Ihr Kampf beginnt bereits nach dem zweiten Weltkrieg. Birgit setzt sich dafür ein, dass Vergewaltigungen zu Kriegsverbrechen erklärt werden, was nicht gelingt.

„Sie spricht nicht aus, woran sie denkt, wie verbissen eine Schwalbe namens Ingrid nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dafür kämpfte, dass Vergewaltigung als Kriegsverbrechen ersten Grades anerkannt werde, und wie heftig sie dafür ausgelacht wurde.“

Sie versuchen von Vergewaltigung und sexuellem Mißbrauch betroffenen Frauen und Mädchen zu helfen, sie zu unterstützen und zu schützen, zu verteidigen, selten erfolgreich, wenngleich sie aufgrund der andauernden Masse der Verbrechen, niemals ein Ende finden werden. Wie nebenbei erzählt Denemarková ungeschönt von der gesellschaftlichen Stellung der Frau, in der sich noch immer keine Gleichberechtigung findet. Auch Ingrids und Birgits Lebensgeschichte wird nach und nach aufgedröselt. Einer genauen Chronologie folgt sie dabei nicht.

„Birgit spricht nie über weibliche Körper oder über Vergewaltigung. Vor allem mit Frauenzeitschriften nicht. Die sind die ergebensten Diener der Sklavenhalter und besonders geschickt darin, ihre Opfer zu erniedrigen.“

Der Roman beginnt mit einem Selbstmord in Prag. Ein angesehener, wohlhabender älterer Mann hat sich aufgehängt. Der von der trauernden Witwe betörte „Ermittler“ glaubt an Mord. Vor allem deshalb, weil er dann noch oft ins Haus der Witwe kommen kann. Tatsächlich finden sich im Lebenslauf des Toten Hinweise auf Gewalt gegen Frauen und Zeichen, dass es sich möglicherweise doch nicht um Selbstmord handelte. Die Spuren führen zu einer gewissen Birgit Stadtherrová und zu einer Diana Adler.

„Der Ermittler bittet einen Kollegen, Dozentin Stadtherrová zu verhören. Er habe panische Angst vor alten, hysterischen Intellektuellen. Greise, intellektuelle Frauen fürchte er am allermeisten. Ein Treffen mit Frau Stadtherrová käme ihm wie reiner Masochismus vor. pssst.“

Als der namenlose Ermittler das Haus einer Filmfirma, die offensichtlich der Stadtherrová oder der Adler gehört, durchsucht, stößt er auf ein riesiges Archiv. Was er zunächst nicht erkennt: Es ist eine Sammlung von Gewaltverbrechen an Frauen, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Drei Frauen haben sich der Rache verschrieben. Nach und nach erfährt die Leserin, wie ein Rädchen ins andere greift, wie durchdacht und kunstvoll verwoben das System der „Schwalben“ ist …

Denemarková ist eine Meisterin der Verschlüsselung bei gleichzeitiger Direktheit. Ihre Figuren zeichnet sie ausgefeilt und einprägsam. Im Gespräch im Literaturhaus erklärte die Autorin, dass sie beim Schreiben ihren Ermittler schließlich besonders ins Herz geschlossen hatte. Auch inhaltlich reicht ihr Roman weit über das hinaus, was zur Zeit so als feministische Literatur gehandelt wird. Denemarková ist eine echte Kämpferin mit Worten. Sie gebraucht Metaphern, die ganz ungewöhnlich und sprachlich wunderbar ausgefeilt sind. Es ist eine ganz eigene Handschrift zu erlesen, die ich für mehr als geglückt halte. Ein Wunder, das jemand in der Beliebigkeit der heutigen Sprachlandschaften in einem Roman sich so auszudrücken vermag. Das kenne ich sonst eher aus der Lyrik. Ein Hoch auch auf die Übersetzerin Eva Profousová, deren Übersetzung sicher zum Gelingen beigetragen hat. Ich wünsche dieser Autorin viel mehr Aufmerksamkeit und noch mehr Leserinnen. Ein kraftvolles Leuchten!

Radka Denemarkovás Roman erschien im Hoffmann & Campe Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Werbeanzeigen

Welttag der Poesie: Marina Büttner „Ein Tagenichts“

DSCN3333

Ein Tagenichts

Im Land herum und hingetuscht
die Felder abgeflammt und leer
im Liegestütz die Schubumkehr
gespürt die Wälder innig fremd.

Dann: Minutentage, zeitverzögert,
selbstgebrannt, die Kehle keimt
Gefahr knirscht im Gefieder.
Kein Tag ohne Schutzhelm und

Rückstrahler malen Luftlinien.
Auf handlichen Wegen, auf brachen
Feldern, im Papierflieger den Bach
überquert, während gehäckselte Spreu

Worte vom Wind trennt, ergebnislos
Zweige die Büsche durchkämmen und
Blätter auf Bindfäden, Spinnweben
über Land gespannt, ein Dutzend pro Tag

mit der eigenen Natur um die Wette
gerannt, doch nichts gewonnen. Wer
mit Schneeflocken jongliert statt mit
Kieseln, spürt die Zartheit, zielt ins Licht.

©Marina Büttner Tusche und Text

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise Luchterhand Verlag

DSCN3324

Jaroslav Rudiš Roman „Winterbergs Reise“ ist der erste, den der Autor auf deutsch geschrieben hat. Und damit ist er auch gleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Er gibt tiefen Einblick in die tschechische, ja mitteleuropäische  Geschichte. Eine Reise in die Vergangenheit. Die Erinnerungsgeschichte eines langen Lebens. Ein Roadmovie. Ein Abschied. All dies ist dieser Roman.

„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. Er fasste sich so fest an seine Brust, als ob er in seiner Hand nicht nur den grauen dicken Stoff seines alten Wollmantels zerquetschen wollte, sondern auch sein neunundneunzig Jahre altes Herz.“

Mit diesem ersten Satz könnte man im Prinzip schon das ganze Buch beschreiben. Denn Winterberg, der sich mit seinem Pfleger Kraus auf die letzte Reise gemacht hat, um noch einmal die verschiedenen Schauplätze seines Lebens zu sehen, leidet an der Schlacht bei Königgrätz, als wäre diese eine Krankheit. Nach drei Schlaganfällen hatte die Tochter Winterbergs den Sterbebegleiter Kraus engagiert, mit dem der siechende Vater die „Überfahrt“ antreten sollte. Doch mit einem Mal, Kraus erzählte gerade davon, dass er aus Vimperk, dem ehemaligen Winterberg stamme, wird der Alte hellwach. Von da an, geht es bergauf. Dem Alten gelingt es, Kraus zu dieser Reise zu überreden, was dieser später mehr als einmal bereut.

Rudiš`Roman ist erhellend, was die geschichtlichen Ereignisse angeht. Allerdings ist er auf Dauer auch ermüdend, denn was anfangs noch witzig scheint, wird zur schwer auszuhaltenden Dauerschleife: Dass Winterberg permanent, „ja, ja“ sagt, wenn er fortdauernd sein Leben erzählt, immer wieder die Redewendung eines Engländers nachplappert „the beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins“,  Vaterzitate über unterschiedlichste Leichenfunde wiederholt (der Vater arbeitete in der „Feuerhalle“, im Krematorium), andauernd aus seinem alten Baedecker-Reiseführer von 1913 vorliest, macht mürbe. Immerhin erfährt der/die Leser/in dadurch, wie es wohl dem armen Begleiter zumute ist.

„Ja, ja, genau, so wie bei Königgrätz … Eisenbahnleichen sind keine schönen Leichen, sagte mein Vater immer, und er musste es wissen, er hat viele Leichen gesehen.“

„Als ich zum Tisch zurückkam, lag Winterberg mit seinem Kopf auf dem aufgeschlagenen Buch und schlief, wie so oft nach einem historischen Anfall.“

Auch der „historische Anfall“, der mich beim ersten Lesen wirklich zum Lachen brachte, wird so oft wiederholt, dass kaum etwas vom Witz übrig bleibt. Dass Kraus auch eine traumatische Geschichte hinter sich hat, er dann immer schwitzt und Herzrasen hat, wenn sie ihn einholt, bleibt eher eine Randgeschichte:

„Denn die ganze Zeit, die ich in Deutschland verbrachte, hatte ich Angst vor dieser Reise. Vor dieser Rückkehr. Denn die ganze Zeit haben sie uns in der Tschechoslowakei mit dem Tod gedroht. Und ich dachte, wer weiß, wenn ich zurück bin, vielleicht bin ich dann auch gleich tot.“

Der Autor erzählt in einfacher Sprache mit einzelnen unterhaltsamen Lichtblicken. Man muss sich ganz an die Story halten, die auf sehr viel weniger Seiten, hätte erzählt werden können. Sie besteht letztendlich aus den Baedecker-geprägten Ausschweifungen Winterbergs, der sich dauernd wiederholt, dem beinahe ausschließlich zuhörenden, Zigarette rauchenden, biertrinkenden Begleiter Kraus und den kurzen Begegnungen mit anderen Menschen und Geistern der Geschichte. Fast will ich es als literarischen Kniff sehen, dass Rudiš diese sprachliche Wiederholungsszenerie benutzt, quasi als Ritual.
Mich würde interessieren, ob der Roman anders geworden wäre, wäre er in der Muttersprache des Autors geschrieben worden. Infrage stelle ich auch, weshalb der Roman für den Leipziger Buchmessepreis nominiert wurde … vielleicht weil das Tschechien Ehrengast ist?

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Rezensionen gibt es auf den Blogs Ruth liest und Frau Lehmann liest.

Hier gibt es ein erklärendes Interview mit dem Autor und auch die gelesenen Sequenzen sind hörenswert. Ich könnte mir vorstellen, dass der Roman hier sogar als Hörbuch besser funktioniert:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Leipziger Buchmesse 2019: Gastland Tschechien

LBM_Logo_2015_4C

Die Leipziger Buchmesse wendet sich bei der Suche nach einem Gastland häufig nach Osteuropa, was mir sehr gefällt. Ich finde es ganz wunderbar als Anregung ein Land literarisch zu bereisen. Nach Rumänien ist es nun Tschechien, das mit überraschenden Autor/innen und deren Übersetzungen aufwartet. Es gibt einiges zu entdecken.

Recht bekannt ist der Autor Jaroslav Rudiš, der in diesem Frühjahr seinen neuen Roman „Winterbergs letzte Reise“ veröffentlicht hat. Es ist das erste Buch, dass der 1972 in Turnov geborene Autor in Deutsch verfasst hat und ist der letzten „Überfahrt“ gewidmet, ist eine besondere Art Roadmovie. Er ist damit nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Eine ausführliche Besprechung dazu folgt.


Große Entdeckungen sind für mich die beiden Autorinnen Radka Denemarková, die in ihrem neuen Roman das Thema Vergewaltigung in intensiver, ungewöhnlicher Weise beleuchtet, und Tereza Semotamová, deren Roman im Schrank spielt, den die Hauptfigur sich als neuen Wohnsitz auserkoren hat. In Bälde werde ich die beiden neuen Romane „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ aus dem Hoffmann & Campe Verlag und „Im Schrank“, erschienen bei Voland & Quist, noch ausführlich auf dem Blog vorstellen.
Ebenfalls beachtenswert ist die Literatur von Kateřina Tučková, deren neuer Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“  (Klak Verlag) in die deutsch-tschechische Geschichte eintaucht (weitere Titel siehe Foto unten) und Marek Šindelkas psychedelisch-experimenteller Roman „Der Fehler“, erschienen im Residenz Verlag.


In der Lyrik fiel mir vor allem Jan Skácel mit seinem im Wallstein Verlag erschienenen Sammelband „Für alle die im Herzen barfuß sind“ auf und im kleinen Verlag Edition Korrespondenzen Ivan Blatnys starke Gedichte, die meist in einer psychiatrischen Klinik  in England geschrieben wurden und die es zu entdecken gilt. „Alte Wohnsitze“ und „Hilfsschule Bixley“ heißen die beiden lieferbaren Bände.


Die in Prag geborene, in Aachen lebende Lyrikerin Klara Hurkova schreibt und malt. Ihre Gedichte weiß ich zu schätzen. Eines davon, „Atlantis heute“, durfte ich für fixpoetry  für den poetryletter illustrieren. Klara schreibt auf Tschechisch und Deutsch, übersetzt, und ist Herausgeberin zweier tschechisch/deutscher Lyrikanthologien.

In der Edition Azur erscheint der Gedichtband „Irgendwohin nach Haus“ von Petr Hruška. Und im Klak-Verlag erscheint mit „Die Weltuhr“  Lyrik von Sylva Fischerová. Und auch im Wunderhorn Verlag gibt es wieder aus der Reihe VERSschmuggel eine Anthologie in lyrischer deutsch/tschechischer Zusammenarbeit.           

Weiterhin hat der kleine Lyrikverlag hochroth neue Bändchen von jungen tschechischen Lyriker/innen herausgegeben: „Geheimes Leben“ von Milan Děžinský, „Astronauten“ von Jan Těsnohlídek, „Porträts“ von Olga Stehlíková und „Ohne Option“ von Natálie Paterová. (siehe auch hochroth Verlag edition OstroVers).

Einen sehr umfassenden Überblick über die Neuerscheinungen bietet die offizielle Seite Leipzig 2019 Tschechien Ahoj: http://ahojleipzig2019.de/de

2 x Kein Leuchten: Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung S. Fischer Verlag/ Marie Darrieussecq: Unser Leben in den Wäldern Secession Verlag

Leider, leider gibt es ab und an auch die Enttäuschungen. Nichts leuchtet oder nur ein winziges Flämmchen, obwohl ich mich sehr vorfreudig ins Lesen stürzte. Somit hier nur ganz kurze Überblicke:

dscn3284.jpg

Auf Reinhard Kaiser-Mühleckers neuen Roman „Enteignung“ hatte ich mich riesig gefreut, denn ich fand sowohl seinen Erzählungsband „Zeichnungen“, als auch seinen letzten Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“, der auch für den Deutschen Literaturpreis 2016 nominiert war ziemlich toll. Was mich vor allem freute, war die Sprache: leicht altmodisch, sehr gekonnt. Und genau daran hapert es im neuen Buch; sie ist beliebig. Ich frage mich, wie das passieren kann. Kann man die Sprache verlieren? Auch die Geschichte selbst, die mir bei schöner Sprache oft zweitrangig ist, rettet hier nichts.

Ein Journalist mit Germanistik- und Anglistikstudium beginnt aus einer seltsamen Langeweile heraus als „Praktikant“ auf einem Bauernhof zu arbeiten, um herauszufinden, ob die Frau, die er gerade kennengelernt hat, auch etwas mit dem Landwirt hat. Es geht um Affäre hier, Beziehung da. Ein klein wenig Zeitkritik lugt hindurch, wenn es um Baugenehmigungen und Windkraftanlagen geht und um den aussterbenden Qualitätsjournalismus. Auch Tote gibt es am Schluß. Aber: Ich langweilte mich und habe ab dem letzten Viertel überflogen. Ich wollte sehr gerne, dass es mir gefällt, tat es aber nicht. Sehr schade. Ich hoffe auf den nächsten Roman …

„Konnte ich zurück? Ich hatte es schließlich nicht im Ernst gesagt … Und doch: Ich brauchte ihn nur anzusehen, wie er dastand in seinem schmutzstarrenden Gewand, mit seinem ausdruckslosen Gesicht, und dabei an Ines zu denken, um augenblicklich zu wissen, dass ich nicht zurück konnte., dass ich nicht einmal zurück wollte.“

„Enteignung“ erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

dscn3275.jpg


Marie Darrieussecq
s Roman „Unser Leben in den Wäldern“ wurde mir empfohlen als witzige Dystopie. Leider auch hier nach kürzester Zeit Langeweile. Kein Funke. Da der Band nur 110 Seiten umfasst, dachte ich, das wäre doch zu schaffen. Ich wollte es mögen und zu Ende lesen, vor allem auch, weil die Übersetzung vom genialen Frank Heibert stammt. Aber ich fand keinen Gewinn. Dystopie, ja. Aber nichts Neues: Eine Psychologin, die auf der Flucht vor der Überwachungsgesellschaft mit Gleichgesinnten in den Wäldern lebt und ein trübes, aber freies Dasein fristet. Immerhin mit jeweils einer schlafenden zweiten „Hälfte“, die als Organspeicher,  als „Sicherheit“ dient, also so etwas wie ein kontrollierter Doppelgänger ist. Die Hauptfigur, die Tagebuch führt, um für mögliche Nachkommen zu bezeugen, wie es war, spricht den Leser direkt an. Flapsig ist der Ton, aber weder sprachlich noch inhaltlich war ich zu überzeugen. Etwa die Hälfte habe ich geschafft …

„Marie wurde sehr bald nach meiner Geburt durch eine Leihmutter zur Welt gebracht, mit exakt demselben genetischen Material wie ich, und wurde uns immer als Lebensversicherung verkauft: für mich, aber auch für meine Eltern, da wir alle vom selben Blut waren. Ein haltbarer Körper.“

„Unser Leben in den Wäldern“ erschien im Secession Verlag. Wie immer ist hier die Buchgestaltung ganz wundervoll. Feines Papier, besondere Typographie, Fadenheftung, schönes Cover.

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Julian Barnes: Die einzige Geschichte Kiepenheuer & Witsch

53359693_2483538458543954_120978937986678784_o

Der 72-jährige Engländer Julian Barnes schreibt mit zuverlässiger Regelmäßigkeit gute Romane. Nach „Der Lärm der Zeit“, in dem er den sowjetischen Komponisten Schostakowitsch porträtiert, kommt er wieder zu seinem großen Thema „Erinnerung“ zurück.

Diesmal geht es wieder um die Liebe und die Erinnerung daran und die Reflektion. Gleichzeitig wirkt die Story wie eine Art Ergänzung zum Roman „Vom Ende einer Geschichte“. Der Roman beginnt mit diesen Zeilen und zeigt bereits alles vom Inhalt auf:

„Die meisten von uns haben nur eine einzige Geschichte zu erzählen. Damit meine ich nicht, dass uns im Leben nur einmal etwas geschieht: Es gibt unzählige Ereignisse, aus denen wir unzählige Geschichten machen. Aber nur ein Ereignis ist von Bedeutung, nur eins ist letzten Endes erzählenswert. Hier ist meins:“

Julian Barnes legt diese Geschichte sehr geschickt an. Er teilt den Roman in drei Teile und bleibt dabei nicht strikt chronologisch. Der erste wird direkt aus der Ich-Perspektive erzählt. Es ist die Anfangszeit der Liebe, die Verliebtheit, die Verrücktheit, all das Schöne. Im zweiten Teil wendet sich das Blatt; die Untiefen, das Unschöne, Leidvolle taucht auf: die intensive Du-Perspektive, die die Leser/innen direkt anspricht.

„Doch du glaubst immer noch an die Liebe und an das, was die Liebe bewirken kann, dass sie ein Leben, ja das ganze Leben zweier Menschen verwandeln kann. Du glaubst an die Unverletzlichkeit der Liebe, an ihre Beharrlichkeit, ihre Fähigkeit, jeden Widersacher aus dem Feld zu schlagen. Genau genommen ist das bisher deine einzige Theorie über das Leben.“

Dann im dritten Teil das „Er …“. So erleben die Leser/innen, was mit der Liebe oder zumindest der Liebesbeziehung passiert. Die Distanz wird immer größer. Der Ich-Erzähler und Hauptprotagonist entfernt sich, wird zum Betrachter und stellt sogar seine Erinnerungen in Frage.

Aber inzwischen war das Ungestüm der ersten Person in ihm zur Ruhe gekommen. Es war, als betrachte – und lebe – er sein Leben in der dritten Person. Was ihm erlaubte, es richtiger zu beurteilen, glaubte er.“

Paul ist der Held. Der 19-jährige verliebt sich in eine wesentlich ältere Frau, die in einer Ehe steckt, die alles andere als glücklich ist. Die beiden erleben eine leichte, frohe Zeit miteinander. Paul ist stolz darauf, mit dieser Beziehung gegen alle gesellschaftlichen Regeln dieser Zeit zu leben und seine konservativen Eltern vor den Kopf zu stoßen.
Paul wird schließlich sogar regelmäßiger Hausgast in Susans Familie und erlebt dort zum ersten Mal die gewalttätige Seite von Susans Ehemann.

Die beiden entschließen sich, trotz der äußeren Widerstände, (in den 60er Jahren ist das in einer englischen Vorstadt ein Tabu) zusammenzuziehen und leben in London. Susan ist sehr mutig, sich von ihrem Mann zu lösen. Es folgen einige gute Jahre, in denen sich die beiden wirklich frei fühlen. Während Paul dann seinen Platz zwischen seinen Studienfreunden und seiner Arbeit findet, leidet Susan bald mehr, als sie zugeben möchte. Sie befindet sich trotz des Ausbruchs aus der Ehe in einer erneuten Abhängigkeit. Ohne Arbeit und trotz Pauls zuverlässiger Liebe verliert sie sich und wird zur Alkoholikerin.

Spätestens hier merkt Paul, dass es eben doch nicht so leicht ist mit der Liebe. Es ist keineswegs so, dass alles gut ist, wenn man nur genug liebt. Susan bringt im Gegensatz zu ihm ein Vorleben mit, dass nicht einfach war und dass sie stark geprägt und auch beschädigt hat. Paul versucht Susan immer wieder vor der Sucht zu retten –  jahrelang – scheitert jedoch und trennt sich entkräftet von seiner großen Liebe. Jahrzehnte später blickt Paul zurück und fragt sich, ob er damals mutig oder feige war. Er erkennt, dass er sich seither nie mehr voll auf eine Beziehung einlassen konnte …

Julian Barnes hat eine meisterhafte Analyse einer gegen die damaligen Konventionen verstoßende Liebe geschrieben und regt an über die eigene „einzige Geschichte“ nachdenken.

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Übersetzt wurde er von Gertraude Krueger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein schönes Gespräch über den Roman gab es im Schweizer Literaturclub:

https://www.srf.ch/play/tv/redirect/detail/798b076a-2bbe-481e-a0f4-318cf84b0738

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Margarete Stokowski: Untenrum frei Rowohlt Verlag / Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären btb

DSCN2918

„Frauen unterschätzen sich und werden unterschätzt, immer noch. Sogar Stürme mit Frauennamen werden unterschätzt. Hurrikane mit Frauennamen töten mehr Menschen als solche mit Männernamen, weil Leute sich vor ihnen seltener in Sicherheit bringen.“

Zwei Sachbücher, die ich lange schon lesen wollte und es nun endlich, trotz der vielen noch zu lesenden Romane, getan habe. Es schien die passende Zeit. Dennoch haben beide mich nicht überzeugt und ich wende mich in Zukunft lieber wieder Romanen mit diesen Themen zu, die in meinen Augen, oft tiefer wirken.

Margarete Stokowski ist derzeit eine stete Stimme. Sie hat soeben ihr zweites Buch zum Thema Feminismus veröffentlicht und schreibt für diverse Zeitungen. Stokowski lebt in Berlin und ist Jahrgang 1986.
Die Autorin versucht aufzudröseln, was alles schief läuft, was alles von Anfang an anders laufen könnte. Das schafft sie, wie ich meine, ganz gut. „Untenrum frei“ scheint mir allerdings für eine andere Generation als meine geschrieben zu sein. Ich bin nicht mit sozialen Medien aufgewachsen und darüber wirklich froh. Zwar habe ich allerhand wiedererkannt und doch ist es mir oft fremd, was Stokowski schreibt. Tatsächlich wundert es mich, dass es immer noch Jugendzeitschriften wie „Bravo“ und „Mädchen“ gibt, die ich, zugegeben, als Teenager schon zu meiner Zeit las. Erschütternd finde ich, was diverse „Frauenzeitschriften“ (die ich seit 100 Jahren nicht mehr lese), für ein Frauenbild aufzeigen, als sind Frauen erst dann Frauen, wenn sie deren Mode-, Kosmetik-, Sex- und Beziehungstipps berücksichtigen. Stokowski führt einige Beispiele an, bei denen mir schlecht wird.

„Hätte es wirklich eine sexuelle Revolution gegeben, dann wäre die Palette breiter und das Bild der sexuell attraktiven Frau wäre nicht auf eine reine, junge, glatte und „unverbrauchte“ Version beschränkt.“

Dass Stokowski anhand ihrer eigenen Erlebnissse in Kindheit, Jugend, usw. spiegelt, was alles schief läuft, ist verständlich. Sicher braucht es etwas, auf das man sich beziehen kann. Dennoch wird mir manches zu persönlich. Andererseits finde ich ihren Stil passend für unsere Zeit. Sie sagt nie, so muss es sein, gibt aber Anregungen, wie es sein könnte, stellt Fragen. Was mich verwundert, ist die teils derbe Sprache. Und auch wenn sie von sich erzählt, sie habe „früher haufenweise sexistische Witze und Sprüche gemacht, weil es ankam“, dann ist das für mich unverständlich und wenig achtsam und mindert für mich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit der Autorin (die z.B. ein Kapitel „Die Poesie des Fuck you“ nennt).

Das Buch ist flugs gelesen und stellenweise auch recht unterhaltsam, mitunter nachdenklich stimmend. Nachhaltig wirkt es allerdings bei mir nicht. In vielem teile ich nicht ihre Meinung. Ein autobiografisches Buch, das ich kürzlich las, wirkte da viel tiefer und zeigte ganz ähnliche Themen in jedoch anderer Art und Weise auf: „Die Jahre“ von Annie Ernaux habe ich auch bereits hier auf dem Blog besprochen.

***********************************************************************

Rebecca Solnit ist US-Amerikanerin und Jahrgang 1961. Ihr Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“, obgleich es schon typisch amerikanisch geprägt ist, zeigt auf ein Thema, was wirklich extrem auffällig ist und tief verankert in westlichen Kulturen. Leider behandelt nur einer der Essays, aus denen das Buch zusammengesetzt ist, genau diese Situation.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden, oder nicht. Manche Männer jedenfalls.
Jede Frau weiß, wovon ich spreche.“

In weiteren Kapiteln schreibt Solnit über das Thema Vergewaltigung und berichtet vor allem über die Massenvergewaltigungen in Indien. Zum Thema Vergewaltigung las ich kürzlich Bettina Wilperts Roman „Nichts, was uns passiert“, welches ich sehr viel dichter und interessanter fand. Die Besprechung gibt es hier.

Weitere Kapitel handeln von dem in den USA in die Schlagzeilen geratenen Strauss-Kahn. Nach und nach kommt hier die ganze Dimension seiner sexuellen Übergriffe an die Öffentlichkeit. Alles deutet schon in Richtung #metoo-Debatte. Wenn die Autorin sich allerdings mit Susan Sonntag trifft, um über Virginia Woolfs Thema der „Dunkelheit“ in ihrem Werk spricht, ist mir das zu theoretisch und nicht nah genug an der heutigen Wirklichkeit. 

Genauer betrachtet hat mir auch dieses Sachbuch nicht wirklich relevante Neuigkeiten überbracht. Mein Ausflug in die Welt der Sachliteratur zum Thema Feminismus ist damit wohl erst mal beendet.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast Rowohlt Verlag

300_978-3-498-04704-7 cover nawrat

Ein Berlinroman, dachte ich. Wieder ein Berlinroman. Ich lebe in Berlin. Muss ich wirklich noch etwas über Berlin lesen, fragte ich mich. Zum Glück wurde Matthias Nawrat mit seinem neuen Roman „Der traurige Gast“ dann für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das war Anreiz, zumindest hineinzulesen. Und: Was soll ich sagen? Ein Glück! Dieser Roman ist so ganz weit weg von all diesen Szene-und Mode-Berlin-Romanen, dass es ein großes Leseglück ist. „Der traurige Gast“ ist ein stiller Roman, der nichts Großes will, der aber gerade im Kleinen das Große findet. Beim Lesen denke ich dauernd, genau so ist es geschehen, genauso „recherchiert“ Nawrat für seine Bücher. Ich kenne das ja selbst: Wenn man schreibt, ist alles was man tut Vorbereitung und Recherche. Das Leben selbst schreibt in uns und wir Schreibende aus ihm heraus.

„Es war schon dunkel, und die Laternenlichter vervielfältigten die Dunkelheit des Abends in Dutzende Dunkelheiten – zwischen den geparkten Autos, unter den Simsen über den Hauseingängen, unter den Kapuzen oder Mützen der mir entgegenkommenden oder meinen Weg kreuzenden Viertelbewohner.“

Es geht hier ums Ganze. Um den Sinn. Um die Ver-rücktheit des Daseins in dieser Welt. Und um die Erkenntnis der Sinnlosigkeit allen Tuns. Die Schicksalhaftigkeit. Die Kleinheit eines Menschenlebens. Nawrat beschwört das alles herbei, indem er über das Alltägliche schreibt. Über die Begegnung mit Menschen, die unendliche Tiefe, die in jedem steckt.

„Die Zeit, so dachte ich in diesem Augenblick, ist zirkulär, faltet sich, wenn ich will, über sich selbst, sodass mein jetziges Leben in Berührung kommt mit dem schon vergangenen und gleichzeitig die Unendlichkeit in Berührung kommt mit ihrer eigenen Unmöglichkeit, während wir auf diesem Planeten, in dieser Stadt, in diesem Weltjetzt durchs Weltall fliegen.“

Der Held des Romans, ein Schriftsteller polnischer Abstammung, der mit seiner Frau in einem Berliner Kiez lebt und auf der Suche nach neuem Stoff für seine Bücher durch die Stadt wandelt, könnte ein Alter Ego des Autors sein. Alle seine Begegnungen sind in einer Weise unspektakulär, so dass sie ihm gerade recht kommen. Die ältere polnische Architektin, die nie ihren Kiez verlässt und anhand von Fotos die Wohnung des Protagonisten renovieren will. Was wirklich bei diesen Treffen passiert, ist das Öffnen einer wildfremden Person gegenüber. Sie erzählt ihm unverblümt aus ihrem Leben. Wobei sich zeitweise komische Augenblicke, trotz des Eindrucks größter Traurigkeit ergeben. Etwa wenn unser Held ihren selbstgebackenen Kuchen beschreibt.

„Wir aßen ein Stück Kuchen. Er schmeckte nach wie vor neutral, aber auch so, dass er mich nun aufmerksam machte auf sich selbst und auf etwas, das jenseits der Kategorie Geschmack zu liegen schien.“

Genau so der ehemalige Studienfreund, der beim Feierabendbier sein Leben vor ihm ausbreitet, sein polnischer Kollege an der Tankstelle, ein ehemaliger Chirurg, der trinkt, weil er den Tod seines Sohnes nicht überwindet, obwohl er damals bei der Flucht in den Westen Frau und Kind zurückließ, der Junge im Hinterhof, der einsam zu sein scheint, der selbstbewusste Schauspieler, der eine dramatische Geschichte erzählt mit sich in der Hauptrolle.

Der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin, mit dem so prominent auf dem Bucheinband geworben wird, nimmt nur einen winzigen Teil des Buches ein und ist einer der unwichtigsten. Davon sollte man sich also nicht abschrecken lassen. So besteht das Buch komplett aus Sequenzen, die blitzlichtartig Momente aus Menschenleben beleuchten, dabei aber nur wenig über den Hauptprotagonisten verraten. Ihm scheinen sich alle anvertrauen zu wollen, er scheint ein guter Zuhörer für Redebedürftige. Wohl ist ihm dabei nicht immer, dennoch harrt er aus.

Matthias Nawrats Roman hat philosophische Tiefe, schaut mitunter in Richtung Religion und Spiritualität. Seine Sprache hat Reife und liest sich mit Genuß. Und ja, er erinnnert tatsächlich, wie kürzlich schon auf dem Blog „letteratura“ zu lesen war (hier gehts zur Besprechung), in seiner Erzählperspektive den Romanen von Rachel Cusk. Und es ist ein ganz wunderbar trauriger Roman, so wie ich Romane liebe. Ein Leuchten!

„Der traurige Gast“ erschien im Rowohlt Verlag. Der Roman steht auf der SWR-Bestenliste und wurde für den Leipziger Buchpreis 2019 nominiert. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

2 x 2ter Lyrikband: Timo Brandt: Ab hier nur Schriften Aphaia Verlag/ Şafak Sarıçiçek: der gestaute und der frei fließende fluß Brot & Kunst Verlag

DSCN3298

Zwei junge Autoren, Şafak Sariçiçek und Timo Brandt, beide 1992 geboren, mit ihrem zweiten Lyrikband gibt es heute zu erforschen. Beide schreiben erstaunlicherweise so viel, dass sie in kurzem Abstand nach ihrem Debüt bereits neue Gedichte in einen weiteren Band packen konnten. Schön aufgemacht sind beide. Beide haben eine unwahrscheinliche Tiefe bei gleichzeitiger Gelassenheit. Inhaltlich und sprachlich sind sie so verschieden, wie sie beide unbedingt beachtlich sind.

Timo Brandt, bekannt durch seine emsige Rezensententätigkeit, sammelt in seinen Gedichten die Welt ein und zeigt sie auf seine Weise. Gleich im ersten mehrseitigen Text „Wider den Tag, dem 23.“ fühle ich mich, als wäre ich in ein Ror Wolf-Gedicht hinein geraten. Da wird rhythmisch gereimt und zwar ziemlich gelungen. Dann wird es bunt. Ein Konglomerat aus Zeilen, Strophen. Experimentierfreudig. bewusstseinserweiternd, suchend? Finde den roten Faden! Freie Verse mischen sich, mal gereimt, mal ungereimt, mal klassisch anmutend, Terzinen, Elegien, mal wild davon driftend, dann auch mal Blocksatz. Die schönsten Worterfindungen gibt es im Gedicht „Mayröcker mitschreiben“, ein ganzer Sack wird hier ausgeschüttet, um zu schauen, was möglich ist. Die Inhalte spiegeln Alltag, Lieben, Erleben bis zur Vergänglichkeit – aktuell, nachdenklich, witzig, persönlich, nah dran. Und wie Matthias Engels in seinem Nachwort schreibt: „Fast ein wenig unverschämt – diese Begabung …“

„Gnadenlos Verständnis, wie bückst du dich, vorbeugend,
ich zieh mir deinen Dorn aus manch Verpasstem, heiß.
Ist nicht Wehren gegen Heiteres, noch nicht Verstummtes
als bräche man von jedem Stift die Spitze, stumpf?

Lebensfaden wird nicht dünner werden. Verdichtete Gefühle,
langend im Lichte der eigenen Bestimmungsfeuer.
Das Unverr/zichtete schlägt Brücken, seltsam tragend.
Bei bangen Fragen setze dich ans Steuer.   (Ja)

Şafak Sariçiçeks Debütband „Spurensuche“ habe ich bereits hier besprochen. Auch das neue Buch ist sehr individuell gestaltet: es ist ein kleines quadratisches, ca. 10×10 cm-formatiges Büchlein, das auf dem Cover und innen feine schwarz/weiß-Illustrationen von Deniz Sariçiçek zeigt. Gleich anfangs merke ich, dass sich der Ton verändert hat. Da hat sich eine Stimme entwickelt. Was vorher augenblicksbezogen und leicht war, dehnt sich nun in schwerer wiegende Verse mit steilen Wortwechseln. Es sind nicht mehr nur die Beobachtungen, es sind daraus gefasste Entschlüsse. Und auch Sariçiçek sammelt die Welt ein und verdichtet sie. Und er spricht in Erinnerung an den ursprünglichen Fluß seiner Herkunft. Auch Worte sind im Fluß, manchmal angestaut. Er beschäftigt sich mit dem Alltäglichen, mit unserer Zeit, mitunter erlese ich Gesellschaftskritik, auch über Grenzen hinaus. Ich meine fast, es sind nun Kopf und Gefühl mehr im Einklang. Im positiven Sinn. Meine Feststellungen basieren auf diversen recht langen Wortbauten, teils stakkatohaft aneinander gereiht. Manchmal geht einem beim Lesen die Puste aus, es gilt Luft zu holen oder sich eine schnellere Lesart anzueignen. Ich mag das, was mit mir beim Lesen geschieht. Ich staune. Ich freue mich sowohl über den gestauten, als auch über den frei fließenden Lesefluß. Hier ein Auszug aus dem gleichnamigen Gedicht:

„der raum selbst war so still
schwalbenstimmen machten bei der tür kehrt
diesen raum umspannte eine so undurchlässige membran
gesponnen aus überbleibseln negierter irrlichter und frühester träume

ausbrechend riss ich die ahnung an ein verirrtes licht mit mir
in die gleißenden teile des frühen jahres“

Mehr über „Ab hier nur Schriften“ beim Aphaia Verlag
Mehr über „der gestaute und der frei fließende fluß“ beim Brot & Kunst Verlag
Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele CD Der Audio Verlag

20190106_161335

»Ihr, die ihr Leid über den einfachen Mann brachtet,
ihr, die ihr über sein Leid lachtet, fühlt euch nicht sicher.
Der Dichter erinnert sich.«
Czesław Miłosz

Mit einem Zitat des großen polnischen Dichters Czeslaw Milosz beginnt der 1974 geborene französische Journalist Olivier Guez seinen Roman und auch dem Hörbuch wird dieses gut gewählte Zitat vorangestellt. Die ungekürzte Lesung des Romans „Das Verschwinden des Josef Mengele“, extrem gut interpretiert von Burghart Klaussner, erzählt nicht, wie ich zuerst dachte nur die Geschichte Mengeles nach Ende des zweiten Weltkriegs, sondern führt viel weiter. Sie zeigt auf, welch ein neues Netz aus alten Nazis und Sympathisanten im fernen Südamerika, ja vor allem in Argentinien unter Perron entstehen konnte. Sehr spannend wird hier ein Teil deutscher Nachkriegsgeschichte erzählt, der gleichzeitig erschreckend darstellt, wie viele Nazi-Größen unverfolgt mit dem Leben, sogar einem ausgesprochen guten, davon kamen.

Im ersten Teil „Der Pascha“ wird von Mengeles Flucht berichtet. Von den Menschen, die ihn unterstützten, von der Reise über die Schweiz nach Deutschland, nach Günzburg, als noch kein Verfolger in Sicht war, um den Vater zu besuchen und seine verwitwete Schwägerin kennenzulernen. Sie wird im später folgen und ihn heiraten. Auf das zunächst geschützte, freie Leben in Buenos Aires folgt nach der Entführung Eichmanns durch den Mossad, die richtige Flucht, das unstete Leben.

„Die Bundesrepublik begnügt sich damit, auf den Verbrecher gegen die Menschheit ein Kopfgeld auszusetzen.“

Dank Simon Wiesenthals und Fritz Bauers unermüdlichen Bemühungen wurden doch immer wieder Verhaftungen erreicht.

Im zweiten Teil „Die Ratte“ ändert sich die Stimmung zunächst total. Es geht um die Erinnerung an die Taten. Guez hat aus allen verfügbaren Quellen recherchiert. Es geht nun um die unfassbar hohe Zahl der Menschen, die durch Mengele starben. Es geht um die grausamen Menschenversuche, die Mengele unter dem Thema „wichtig für die deutsche Medizinforschung“ durchführte. Eiskalt und fanatisch durchführte.
Dann geht es weiter mit der Flucht aus Argentinien zunächst nach Paraguay und weiter nach Brasilien mit mehrmaligen Umzügen, mittlerweile in den 1960er Jahren, immer noch mit Alt-Nazi-Hilfe und Geld aus dem Erbe des verstorbenen Vaters.

Der Hörbuchfassung liegt natürlich auch die Buchübersetzung aus dem Französischen von Nicola Denis zugrunde. Die Lesung erschien im Deutschen Audioverlag in Kooperation mit dem Kulturradio rbb.