Lina Atfah: Das Buch von der fehlenden Ankunft Pendragon Verlag

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Die 1989 geborene Lina Atfah kommt aus Syrien. Sie studierte arabische Literatur, kam 2006 wegen ihres Schreibens mit dem Gesetz in Konflikt und durfte 2014 aus dem Land ausreisen. Seither lebt und schreibt sie in Deutschland. Lisa Atfah ist unter anderem auch Teil des tollen Projekts „Weiter schreiben“, welches ich hier schon mit dem Buch „Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt“ vorgestellt habe. Die Initiative der beiden Schriftstellerinnen Annika Reich und Lina Muzur hinterfragt, wie sich Schriftsteller und Dichter fühlen, wenn sie nicht nur aus der Heimat sondern auch aus der Muttersprache geworfen werden. So ist dieser Band auch zweisprachig, arabisch im zweiten Teil, und wurde von mehrerern Übersetzern übertragen.

“ – Was macht die Sprache?
Sie gibt dir einen Spiegel, damit du in großer Stille deine
Einsamkeit betrachten kannst
– Wo gehe ich mit meinen Gedichten hin?
Hebe ein kleines Grab in deinem aus Kissen und schlaf, damit
deine Träume wahr werden“

Herausgekommen ist ein intensiver, hoch komplexer Lyrikband. Lina Atfah umkreist sich selbst und schaut in den Spiegel. Sie seziert ihre Gedanken, ihr unablässiges Denken, über das was war und das was daraus entstanden ist. Atfah bedient sich einer märchenhaft fabulierenden Sprache, während sie gleichzeitig von Flucht, Gewalt und Tod spricht. Wie sonst könnte man darüber schreiben? In einem ihrer Verse schreibt sie jedoch auch, das es lange gedauert hat, bis diese Gedichte entstehen konnten.

„ich ordnete die Dinge meines Herzens
das Schreiben gehorchte mir nicht
meine Sprache umarmte meinen Wunsch nicht
meine fernen Erinnerungen beugten sich über meine
Gegenwart
sie taumelte und verneigte sich“

In diesen Gedichten finden wir vor allem Abschied und Verlust. Erinnerungen an eine bessere Zeit gehören dazu, die Kindheit, jedoch sehr begrenzt. Viel mehr Raum nimmt das Thema Vertreibung ein. Der IS bedroht die Bevölkerung, besetzt syrische Städte und Dörfer und richtet Massaker an. So schreibt Atfah auch ein Gedicht konkret über den Überfall auf ein Dorf, in dem Verwandte wohnen. Aus diesem Ort wird ein Schlachtfeld. Der Tod erhält eine Stimme, das Leid. „Willst du den Apfel des Neins? Oder ein Paradies im Nichts?“.  Die Sprache bricht.

„Die Kriege ändern sich nicht
die Angst räumt alle Dinge auf
die Zivilisation formuliert die Bilder neu
Hunger ist Totschlag, der die Hände nicht befleckt
wie üblich sind die Gedichte bestürzt, doch nicht auf der Höhe
ihrer Helden“

Atfah schreibt aber auch über alte arabische Mythen. Sie ist darin tief verwurzelt, findet aber einen eigenen zeitgemäßen Ausdruck dafür. Sie verleiht auch den Frauen eine Stimme, betrachtet deren Leid und Unfreiheit. Sie schenkt ihnen eine Rose. Ihre Sprache ist Schwert und Liebkosung zugleich und ich staune voller Anerkennung.

Was Lina Atfahs Sprache vermag, ist unglaublich. Es ist eine sehr besondere Art, ein sehr besonderer Blick, sehr persönlich, auf die entsetzlichen Geschehnisse in Syrien und gilt auch für all die anderen schrecklichen Kriegsschauplätze. Wer diese Verse liest, kommt vom Denken ins Fühlen …

Im Vorwort schreibt Nino Haratischwili, die durch ihren großen Georgien-Roman „Das achte Leben“ sehr bekannt wurde, wie sie durch Annika Reich in Kontakt mit Lina Atfah kam und von deren ausdrucksstarken Gedichten begeistert war. Auch sie kannte aus Gesprächen mit ihrer Großmutter die Zensur der Schreibenden. Gedichte jedoch, machten es oft möglich verschlüsselt doch zu schreiben, was eigentlich unmöglich war. Auch Lisa Atfahs Gedichte fielen unter die Zensur. Nun hat sie hoffentlich eine neue literarische Landschaft hier in Deutschland  gefunden.

Der Band „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ erschien im Pendragon Verlag. An Übersetzung und Übertragung beteiligt waren folgende Autoren: Dorothea Grünzweig, Mahmoud Hassanein, Brigitte Oleschinski, Hellmuth Opitz, Christoph Peters, Annika Reich, Joachim Sartorius, Mustafa Slaiman, Suleman Taufiq, Julia Trompeter, Jan Wagner, Kerstin Wilch, Osman Yousufi. Eine Leseprobe gibt es hier
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Gerhard Falkner: Schorfheide Gedichte en plein air Berlin Verlag

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„Die angewandte Methode war das Abklopfen von Landschaft nach poetischen Informationen, nach Metaphern oder sprachlichen Formen, das sprachliche Abtasten der Natur nach dem „Ergreifenden“, bis das „postmoderne Wissen“ in diese Suche mit sich hineingerissen wird.“

So schreibt Gerhard Falkner im Nachwort seines neuesten Lyrikbands „Schorfheide“. Falkner, Jahrgang 1951, ist mehr als bekannt als Dichter, zuletzt auch als Romanautor, da zwei seiner Romane für den Deutschen Buchpreis nominiert waren. „Schorfheide Gedichte en plain air“ hat mich vor allem angesprochen, weil es die Gegend ist, die jeder Berliner, so auch ich, als Grünzone, Erholungsgebiet, Nationalpark kennt, die Falkner hier bedichtet. Als Jagdgebiet in der Geschichte ebenfalls beliebt bei preussischen Königen und später bei  DDR-Spitzenfunktionären.

„Die Metonymien zu Melzow tauchen aus dem Wasser
und schöpfen ihren übertragenen Sinn
aus der Instabilität der Natur und ihren Emergenzen
Nur so gelingt die naturräumliche Bebilderung
mit Worten“

Ich bin nicht so ganz sicher, was ich von den Gedichten halten soll. Das macht aber nichts. Lyrikbänden gewähre ich viel mehr Zeit und Raum als Romanen. Sie „dauern länger“. Ich mag Naturgedichte mitunter sehr gern. Gerne Giersch und sonstiges Kraut. Vielerorts werden sie ja heutzutage verpönt, von wegen, das Gedicht muss politischer und zeitkritischer werden. Ich aber finde Naturgedichte und auch Liebesgedichte, überhaupt alle Arten, dürfen gleichfalls sein, müssen sein, immer und zu jeder Zeit.

Im allen Kapiteln, außer im Kapitel „Manilas Gedichte“ (die angeblich aus einem Papierkorb, nahe eines bekannten Ökodorfs in Brandenburg gefischt wurden), heißen alle Gedichte „Schorfheide“. Es gibt sehr formelle Gedichte mit viel Reim, die mir zu pathetisch wirken, oft mit mythischen Bezügen, die mir vermutlich gar nicht alle aufgefallen sind.

„Mit somnambulen Schritten
schreiten wir durch diesen sapphisch-
baudelaire`schen Raum und erinnern uns
kaum an die elysischen Felder
durch die wir geritten
in unserem Traum“

Daneben stehen aber eben auch die freien Verse mit schönsten Wortkreationen, unruhige, teils wilde Verse mit spannenden Zeilensprüngen, so wie ich sie sehr mag.

„Die erste Zeile ist der Wald
der Himmel seine Überschrift
Die Bäume stehen gedrängt wie Lettern
mit Majuskeln aus bronzenen Blättern
und Vogelstimmen
hoch in den Weltwirtschaftsgipfeln
Nirgends ist Ruh
Die Zeichen und Stimmen
von Twilight und Twitter
tönen hinzu“

Ich merke beim Lesen, dass mir immer nur Teile eines Gedichts gefallen. Das kommt selten vor. Als wären zu große inhaltliche und vor allem sprachliche Differenzen. Zu deutliche Brüche.

„… an das Ende der Geschichte bei gechilltem Champagner
oder von Tischbein das Bildnis des großen Campagner`
was kümmert uns dann das alte Chorin
oder die Kühe von Brodowin“

Und ich wage es zu sagen: Einiges kommt mir kitschig vor. Aber kann das sein? Macht einer, der so viel und so lange schon schreibt, solche Schnitzer? (wie etwa Seite 103, siehe oben oder Seite 105, siehe unten)

Ich muss mein Leben
endlich wieder loben, meine Augen
da oben, haben sich erhoben
meine Ohren, hüben und drüben
höre ich, Horchen üben …“

en plein air – ein Begriff aus der Malerei , die Freilichtmalerei, wird in die Dichtung draußen in der Natur übertragen. Ob Falkner auf der Wiese oder unter Bäumen saß und mit dem Griffel die Farben erschrieb oder doch eher ins mobilphone tippte?

„Brauner Abend, heraufdämmernde Nacht
tief abgedunkeltes Orange am Waldsaum
in schneller Malweise vor die Flur gesetzt
wie bei Van Gogh“

Es sind jedenfalls sehr sinnliche Verse, aus denen deutliche, teils schiefe, brüchige Bilder entstehen, so als wäre man selbst unterwegs, außerhalb der großen Stadt, in einer natürlichen Landschaft, umgeben von Farben und Formen, Tieren und Pflanzen, Geräuschen und Gedanken, aber nie ganz ungestört, da sich dann mitunter die Mütter vom Prenzlauer Berg, FRIGO-Brausepulver oder gar Koks und so mancher Philosoph dazwischen schalten.

Der Gedichtband erschien im Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier .
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Grace Paley: Manchmal kommen und manchmal gehen Schöffling Verlag

Schon das erste Gedicht der amerikanischen Dichterin haut mich um:

„Eine Frau erfand das Feuer und nannte es
das Rad
War das so weil die Sonne rund ist
Ich sah die runde Sonne den Himmel färben
Und das Feuer rollt übers Feld
von Wald zu Wipfel
Es springt wie ein Fahrrad mit einem wilden Jungen darauf … „

Grace Paley, 1922 in New York geboren und 2007 verstorben, stammt von russisch-jüdischen Einwanderern ab. Ein Hintergrund, der auch ihr Werk mitbestimmt. Paley schrieb Gedichte und Stories. Von Philip Roth und dem New Yorker hoch gelobt wurde sie mit ihrem Werk schließlich bekannter. Außerdem engagierte sie sich politisch in der Friedensbewegung und für Rassen-, Geschlechter- und Klassenfragen. Ein schönes Panorama über Paley und ihr Gesamtwerk bei Schöffling gibt es hier.

Paleys Gedichte sind Perlen. Und es gibt ganze Perlenketten in diesem Buch. Gleich das zweite Gedicht möchte ich hier im Ganzen zitieren, weil es eine Zeitreise ist, eine Reise in eine bereits vergangene Zukunft, eine bildhafte Mahnung:

„Das Lied von den bekümmerten Kindern

Dieses Haus ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Papiere
Auf den Stühlen liegen Bücher herum
und guck Laub bedeckt den Boden
unter den umherziehenden Juden

Dein Gesicht ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Du hast das ganze Gesicht voller Falten
einen Hals wie neugierige Schildkröten
Wieso hast du dich so gehen lassen?
Wohin gehst du denn ohne uns?

Diese Welt ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Bomben
Es gibt kein Wasser jedes Feld ist vergiftet
Wieso hast du uns alles so hinterlassen
Wohin sollen wir sagten die Kinder
was sagen wir unseren Kindern?“

Diese Lyrik lebt vom Rhythmus. Jedes Gedicht schwingt wie ein Lied, kein Abgesang, ein Neuanfang, immer wieder, kraftvoll, manchmal lauter, manchmal wispernd. Die Dichterin hinterlässt eine feine Idee von Energie, von Achtsamkeit. Ich habe ein klares Bild beim Lesen dieser wunderbaren Gedichte: Paley wacht auf, schreibt ein Gedicht, Paley geht durch ihren Alltag und schreibt ein Gedicht, Paley liebt und streitet und lacht und weint und schreibt ein Gedicht. Diese Verse stehen in ihrer Einfachheit überdeutlich und rufen danach gelesen zu werden. Gleichzeitig verbirgt manches Gedicht etwas. Man spürt es und wenn man es schafft, zu erfühlen, was es ist, ist es womöglich der Geheimniszustand, von dem die große Lyrikerin Inger Christensen und bereits lang zuvor Novalis schrieb.

Paley thematisiert so manches Mal ihre jüdische Herkunft und die damit verbundene Geschichte der Emigration ihrer Familie, sie scheut nicht vor Gesellschaftskritik, vor den Themen Alter

„Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken“

oder Tod und Sterben zurück.

„Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag“

Sie wirft Blicke auf Kriege, große wie alltägliche und weiß doch die große Tragik sprachlich in eine mögliche Zukunft zu verwandeln. Einige wunderschöne Gedichte widmet sie dem betagten Vater, ihre Liebe spürt man durch jede Zeile.

„Mein Vater mit 89

Sein verflachendes Denken
bekümmerte alle aber er
fragte uns Kinder
wisst ihr noch mein Hund Mars
der auf der Straße auf mich wartete
als ich daherkam einsam
und sang auf dem Heimweg
vom Gefängnis des Zaren“

Dieser Gedichtband von Grace Paley ist eine Offenbarung. Selten haben mich Gedichte, jedes einzelne, so tief getroffen, auf einer Ebene, die weitaus tiefer als Sprache liegt, die in jede Körperzelle reicht und fast auf direktem Weg ins Herz. Ich bin sehr dankbar über diese Wiederentdeckung. Strahlendes lyrisches Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Schöffling Verlag. Er wurde übersetzt von Mirco Bonné. Von ihm gibt es auch aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang. Erwähnenswert, weil stimmig passend sind auch die Coverbilder des Malers Christian Brandl.
Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Édouard Lewis: Im Herzen der Gewalt S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ, war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Ich wusste nicht, las es erst später, dass Édouard Louis inzwischen einer der aktuell aufstrebendsten Intellektuellen Frankreichs ist. Auch war mir beim Lesen noch nicht klar, dass die Freunde, die er im Roman sehr oft mit Vornamen nennt, Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie sind. Beide sind bekannte französische Philosophen. Eribon landete einen Bestseller mit „Rückkehr nach Reims“, in dem er, wie Louis, von seinem Elternhaus in der französischen Provinz berichtet, jedoch nicht romanhaft. De Lagasnerie ist viel politisch aktiv und setzt sich für die Gelbwesten ein.

„Im Herzen der Gewalt“ beginnt damit, dass der Protagonist seine Wäsche in den Waschsalon bringt, zuhause alles putzt und zuletzt versucht, sich selbst klinisch rein zu waschen. Nichts hilft. Der Makel bleibt. Was ist passiert?

„Und ich dachte auch – in ungeduldiger Erwartung der Zukunft, die das Ganze in gewisser Weise in die Vergangenheit verlegen, es relativieren würde: In einer Woche denkst du: Jetzt ist es schon eine Woche her, komm schon, und in einem Jahr: Jetzt ist es schon ein Jahr her.“

In Rückblenden erfahren wir, dass Edouard Opfer einer Gewalttat wurde. Am Weihnachtsabend kehrt er sehr spät von Freunden in seine Wohnung zurück. Unterwegs spricht ihn ein Mann an, Reda, der in recht eindeutiger Weise Kontakt sucht. Zunächst versucht Edouard, der allein mit seinen Büchern sein will, ihn abzuwimmeln. Doch schließlich nimmt er Reda mit in seine Wohnung. Es kommt zu einvernehmlichem Sex. Reda erzählt von seinem Vater, der nach Frankreich emigrierte, ein Kabyle, kein Araber sei er. Araber hasse er.

Als Reda gegen Morgen aufbrechen will, bemerkt Édouard, dass sein Mobiltelefon fehlt. Als er Reda darauf anspricht, tickt dieser aus. Er fühlt sich als Dieb beschuldigt und in seiner Ehre beleidigt, obgleich er, wie sich herausstellt, tatsächlich das Telefon in der Tasche hat. In der Tasche hat er außerdem eine Pistole, mit der er Édouard später bedroht. Seine Wut steigert sich, je mehr Édouard versucht zu beschwichtigen und den Diebstahl, als in seiner prekären Situation als normal, ja notwendig hinzustellen. Reda würgt und vergewaltigt Édouard. Später, als Édouard es geschafft hat, ihn zur Tür hinaus zu bewegen, entschuldigt er sich gar und will wieder hinein.
Was Édouard erlebte war Todesangst.

Wie Édouard desweiteren mit der Situation umgeht, wie er sein dringendes Redebedürfnis dem Krankenhauspersonal, den Polizisten, die die Anzeige aufnehmen, seinen Freunden, seiner Schwester überstülpt, wird überdeutlich. Wie er später jedoch genau ins Umgekehrte driftet und nur noch darüber schweigen will, keine Therapie gegen das erlittene Trauma in Anspruch nehmen will. Sondern bewusst verdrängen, ja leugnen will, ist unglaublich präzise und zum Nachdenken anzettelnd geschrieben.

„Aber ich wusste, dass ich mich belügen musste. Ich sage nicht, dass das an sich eine Lösung ist, ich weiß nicht, ob sie für jedermann gälte, aber ich für meinen Fall tat gut daran, all meine Energie darauf zu verwenden, mich zu überzeugen, dass ich nicht traumatisiert war, und mir einzureden, dass es mir gutging, auch wenn das nicht stimmte, auch wenn es eine Lüge war.“

Gerade auf der Bühne entfaltet sich hier die Komplexität der Ereignisse sehr plastisch: Die Bemühungen des Opfers (der selbst aus einer armen Familie stammt), den Emigrantensohn in seiner prekären Lage zu verstehen und nicht überheblich, sondern großzügig zu wirken, verkehren sich ins Gegenteil. Die Gewalt des Täters im Spiegel seiner Herkunft, im Verleugnen der eigenen Homosexualität durch Herauskehren der vermeintlichen Männlichkeit durch Gewaltausübung. Das Gefühl Édouards, dass selbst die engsten Freunde, ihn nicht verstehen. Wie er letztlich doch Anzeige erstattet.

Ach darum – so dachte ich, heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es sich so verhält, aber in dem Moment dachte ich: „Er begehrt dich und verabscheut sein Begehren zugleich. Er will dich für sein Begehren büßen lassen. Er will sich sleber glauben machen, dass ihr das alles nicht getan habt, weil er dich begehrt, sondern als Vorwand für das, was er jetzt tut, …“

Louis berichtet hier nicht chronologisch, sondern lässt seine Hauptfigur von Emotionen geleitet, scheinbar sprunghaft erzählen. Zudem baut er eine weitere Instanz ein, nämlich Édouards Schwester, der er bei einem Besuch, einer Flucht gleich, von seinem schrecklichen Erlebnis erzählt. Diese wiederum erzählt die Geschichte ihrem Mann, was eine ganz neu Sicht auf die Dinge wirft, da sie die Geschehnisse, als typisch für ihren Bruder auslegt und meint, er hätte vorher wissen können, was für ein Täter Reda sei. Gleichzeitig zeigen sich hier wieder die tiefen Differenzen zwischen Bruder, der zum Studium von Zuhause fort ging, und die Schwester, die im Heimatort blieb.

„Im Herzen der Gewalt“ ist sowohl als Theaterstück, als auch als Buch ein großes Erlebnis. Es bringt so viele der aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auf den Punkt, Rassismus, Homophobie, Klassenunterschiede, dass man daran eigentlich gar nicht vorbeikommt. Es regt in ganz verschiedenen Richtungen zum Denken an und ist nicht so schnell vergessen. Und all das in feinster Sprache. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im S. Fischer Verlag. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Édouard Louis: Das Ende von Eddy S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Da die Romane von Louis alle autobiografische Züge tragen, begann ich nun mit dem ersten: Mit „Das Ende von Eddy“ gelang Louis in Frankreich 2014 ein Riesenerfolg.

„An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.“

Er schildert darin seine Kindheit in der ländlichen Picardie, im Norden Frankreichs. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, in einem Haushalt in dem schon morgens der Fernseher läuft, allein der Vater das Sagen hat, wo jeder Junge Arbeiter in der Fabrik wird und früher oder später Alkoholiker. Bereits als Junge merkt er, dass er anders ist, sich beispielsweise anders bewegt, als die anderen Jungs. Später in der Schule, wird er aufgrund dessen sogleich als tuntig und schwul gehänselt.

„Meine Eltern nannten das Getue, sie sagten Lass doch das Getue. Sie wunderten sich Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi. Sie sagten Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“

Als Einzelgänger, der eigentlich lieber mit Mädchen zusammen wäre, wird er von anderen Schülern gepiesackt, teilweise misshandelt. Als die Pubertät beginnt, ist klar, dass er auf Jungen steht. Etwas, dass in seiner Familie und generell in dieser macho-dominierten dörflichen Arbeiterregion, wo nur „echte“ Männer etwas zählen, so überhaupt nicht geduldet wird, ja, eigentlich gar nicht vorkommen darf. Mit anderen Jungs, die einen Porno nachspielen wollen, kommt es dann tatsächlich zu ersten körperlichen Begegnungen mit dem eigenen Geschlecht. Was die „Mitspieler“ als ein Ausprobieren ihrer Männlichkeit verstehen, wird für Eddy die Offenbarung seiner Homosexualität. Vom Vater, der die Arbeit in der Fabrik verlor, von der Mutter, die sich als Altenpflegehelferin abrackert, um das Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdient, wird „Eddy“ so überhaupt nicht akzeptiert. Die Schwester Clara versucht ihn mit Freundinnen zu verkuppeln.

Wie ein Studierter reden, das hieß auftreten wie die verhasste Klasse, die Feinde, die was haben, die Reichen. Wie diejenigen, die eine Chance auf höhere Schul- und Universitätsbildung haben.“

Eddy leidet und wünscht sich nichts sehnlicher als „normal“ zu sein, wie alle anderen. Bis es irgendwann nicht mehr geht und er seine Flucht aus dieser Gefangenschaft, aus dieser kleingeistigen Welt plant. Eine Chance bietet die Theatergruppe seiner Schule, Eddy ist begabt. So erhält er ein Stipendium für eine musisch ausgerichtete weiterführende Schule mit Internat und verlässt das Dorf in Richtung Amiens.

In diesem ersten Roman erlebt man den 1992 geborenen Édouard Louis sehr nah und persönlich. Hier ist seine Sprache noch nicht ganz so ausgereift, wie später in „Im Herzen der Gewalt“. Dennoch ist es ein ungewöhnlich dichtes autobiografisches Buch, dass ich sehr empfehle, vor allem, wenn man vielleicht, wie ich, Anknüpfungspunkte, was die Kindheit betrifft, hat.

„Das Ende von Eddy“ erschien im Fischer Verlag und wurde genial wie immer von Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Französischen übersetzt.

Die Besprechung zu „Im Herzen der Gewalt“ folgt im nächsten Beitrag hier auf dem Blog.

F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby Reclam Verlag

 

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„Ich will etwas Neues schreiben – etwas ganz außergewöhnliches und wunderschönes und einfaches + verwoben komplexes.“

So äußerte sich wohl Francis Scott Key Fitzgerald seinem Lektor Maxwell Perkins im Verlag Scribners, New York, gegenüber. Dieses Versprechen hat er in der Tat eingelöst.

„Daisy begann rhythmisch zur Musik zu singen, mit einer rauchigen Flüsterstimme, die jedem Wort eine Bedeutung verlieh, die es noch nie gehabt hatte und nie wieder haben würde.“

Ein Romanklassiker, den ich, ich gestehe es, vor etwa einem Jahr zum ersten Mal las und nun endlich auch darüber schreibe. Nie hatte er mich gereizt, obgleich ich einige Erzählungen Fitzgeralds, lange zuvor gelesen, sehr mochte … Vielleicht hätte ich mir die Verfilmung damals nicht ansehen sollen, denn was der Film zeigt, ist vor allem der Glamour der 20er Jahre in New York, Menschen, die sich mit ihrem immensen Reichtum gelangweilt durch ihre Oberflächlichkeit bewegen, der mich wenig beeindruckte.

 “ … auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich die Stadt in weißen Quadern und Zuckerwürfeln, alle ganz nach Wunsch aus geruchlosem Geld erbaut.“

Was der Film nicht zeigen kann und weshalb er auch niemals so gut sein kann, ist die Sprache: Es ist tatsächlich Fitzgeralds Sprache und sein frischer Stil, der mich  für diesen Roman sehr einnimmt.

„Die Erde taumelt von der Sonne fort, die Lichter erstrahlen heller, und jetzt spielt das Orchester gelbe Cocktailmusik, und die Stimmenoper schwingt sich eine Tonart höher.“

Nun hängt natürlich in diesem Fall alles auch von der Übersetzung ab. Ich erwischte in der Bibliothek die Reclam Ausgabe mit der Übersetzung von Hans-Christian Oeser aus dem Jahr 2012 und bin damit sehr zufrieden. In verschiedene andere Varianten habe ich noch hineingelesen und könnte mir vorstellen die neueste von Lutz-W. Wolff bei dtv noch einmal zu lesen, um zu vergleichen.

„So kämpfen wir uns voran, Boote gegen die Strömung, unablässig zurückgetragen, der Vergangenheit zu.“

Das ist der Schlusssatz. Über den Inhalt brauche ich nichts weiter zu sagen, sicher kennt jeder die Story vom partyfeiernden geheimnisvollen reichen Jay Gatsby und der tragisch endenden Liebesgeschichte zu Daisy in den Roaring Twenties in New York, der Zeit des Jazz und der Flapper-Generation.

„Wir alle wandten uns suchend nach Gatsby um. Dass gerade diejenigen über ihn tuschelten, die in dieser Welt wenig gefunden hatten, worüber zu tuscheln sich lohnte, war ein Beweis für die romantischen Spekulationen, die er beflügelte.“

Der Erzähler Nick scheint mir da noch die sympathischste und auch empathischste Figur des ganzen Romans zu sein. Alle anderen leben in einer Welt des Reichtums, glamoursüchtig, sorglos und arrogant, blasiert und über die Maßen elitär. Eine Welt, die mir ferner gar nicht sein könnte.

“ Das war es. Bis dahin hatte ich es nie begriffen. Sie klang nach Geld – das war der nie versiegende Charme, der in ihr schwang, ihr Geklingel, ihr Zimbelklang … Hoch droben in einem weißen Palast des Königs Tochter, das goldene Mädchen … „

Gerade deshalb ist es Fitzgeralds Erzählkunst zuzuschreiben, dass es mich trotzdem gepackt hat, dieses berühmte Buch. Neben der Sprache ist es auch sicherlich der ironische Blick, den Fitzgerald auf die Szenen wirft. Dennoch ist es womöglich Zufall, welcher Schriftsteller aus dieser Zeit es mit seinen Werken geschafft hat, bis in die heutige Zeit zu überdauern. Wofür auch immer wieder die diversen großartigen Neu- und Wiederentdeckungen sprechen …

Interessant und ergänzend ist auch Stewart O´Nans Roman „Westlich des Sunset“, der aus den letzten Jahren von Scott Fitzgerald erzählt und damit genau die Phase beschreibt, in der er wohl in Sachen Broterwerb Erzählungen schrieb und versuchte, oft vergeblich, sie bei diversen Zeitungen unterzubringen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Es galt schließlich Zelda, damals in der Klinik und die Tochter im Internat zu versorgen. Eine Besprechung dazu gibt es hier auf dem Blog.

Der große Gatsby gibt es in vielen Ausgaben. Näheres zur Reclamausgabe und eine Leseprobe gibt es hier.

Buchkunst aus der Büchergilde/Edition Büchergilde Teil 2 / 2001 – 2018

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Heute gibt es den lange schon angekündigten zweiten Teil meiner Büchergilde-Kunstbuchsammlung:
Es sind die wundervoll gestalteten, illustrierten Bände, die mich nicht nur inhaltlich, sondern eben auch künstlerisch ansprechen, ja manchmal auch für meine eigene Arbeit inspirieren. Ich kann die Bände jedem Bibliophilen nur empfehlen. Mit der chronologischen Reihenfolge habe ich mich etwas vertan, aber das tut ja der Schönheit keinen Abbruch.

Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel 
Typografische Bibliothek Band 4

Die typografische Bibliothek ist eine gesonderte Reihe, in der es vor allem um den Satz, die Schrift und die Textgestaltung geht. Faszinierend ist das, was Klaus Detjen, der die Bände herausgibt, aus einer Erzählung von Borges herauszuholen vermag. Detjen ist Typograph und Buchgestalter und arbeitet unter anderem auch für den Steidl Verlag.

Der Text von Borges ist recht kurz. Das Nachwort von Theresa Georgen und die Anmerkungen von Klaus Detjen machen den Text verständlicher:

“ Die Erzählung von Borges Die Bibliothek von Babel ist eine von vielen seiner Prosatexte und Gedichte, die die Bibliothek und das Buch zum Thema haben. Eine Bibliothek aus einer unendlichen Anzahl von Büchern, in denen alles Vordenkliche und Zukünftige geschrieben steht.“

Der Band erschien 2001 sowohl bei Steidl, als auch bei der Büchergilde. Er ist leider nur noch antiquarisch zu erhalten.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Bücher sich selbst entzünden. Um Bücher- und Leseverbot und um Bücherverbrennungen, für die ausgerechnet Feuerwehrleute zuständig sind, geht es in dem Weltklassiker. Der dystopische Roman erschien im Jahr 1953. Er ist ähnlich bekannt wie Orwells Zukunftsvision 1984, aber für Bücherliebhaber, die allergrößte Horrorvorstellung. Natürlich geht es symbolisch darum, dass der Mensch sich nicht mehr nach eigenem Willen bilden darf, sondern ein Einheitsmensch geschaffen werden soll.
Das Buch wurde von Katrin Stangl illustriert in einer besonderen Technik:

„Die Illustrationen in diesem Buch wurden in Schabetechnik gearbeitet. Ein weißer Untergrund, der mit schwarzer Farbe beschichtet ist, wird durch Kratzen und Schaben mit Messer oder Nadel freigelegt. Wie beim Holz- oder Linolschnitt wird negativ gearbeitet, so dass am Ende die schwarze Form stehen bleibt.“

Leider ist auch dieser Band nur noch antiquarisch erhältlich.

Wolfgang Hildesheimer: Paradies der falschen Vögel

Endlich ein Band, der noch lieferbar ist und den ich wärmstens empfehle. Es geht um Kunstfälscher, fremde Länder und um falsche Vögel, die vorzüglich dargestellt sind von der Illustratorin Monika Aichele. Der Band erschien 2017 und besitzt zwei Lesebändchen, das Cover ist aus changierenden Leinen. Hier auf dem Blog habe ich ihn bereits ausführlich vorgestellt.

Arthur Miller: Fokus

Darauf freue ich mich. Ich werde es nach Beendigung der Lektüre noch ausführlich auf dem Blog vorstellen. Es ist im letzten Frühjahr erschienen und somit auch lieferbar. Fokus ist Millers einziger Roman. Erzählt wird aus dem New York kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Newman ist Personalchef in einem Büro. doch alles ändert sich, als er eine Brille braucht. Fortan wird er von Antisemiten verhöhnt und verfolgt. Diese verbanden mit der Brille ein jüdisches Aussehen. Unfassbar, aber in der Tat spiegelt dieser Roman, wie weitreichend und länderübergreifend eine antisemitische Haltung verbreitet war. Zu allen Zeiten und sogar in den doch so weltoffenen USA.

Die wunderbaren Holzschnitte, die den Text illustrieren stammen von Franziska Neubert. Das Buch ist in Leinen gebunden mit Prägedruck und Lesebändchen.

Auf den beiden tollen Blogs Zeichen & Zeiten und Gute Literatur wurde dieser Titel bereits besprochen.

Hier gehts zum ersten Teil meiner Büchergilde-Kunstbuchbesprechung.

Robert Macfarlane / Jackie Morris: Die verlorenen Wörter Matthes & Seitz

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Aus einem Twitter-Projekt für Kinder ist eine Aktion geworden, die weite Kreise zieht: Das Profil des Briten Robert Macfarlane zeigt täglich neue Begriffe, alte Wörter, die womöglich verloren gehen könnten, ebenso wie die entsprechenden Tiere oder Pflanzen, würde man sie nicht weitertragen. Alles begann mit einem Oxford-Kinder- und Jugend-Wörterbuch, in dem anstelle von Eisvogel oder Farn, neue Wörter wie chatroom etc. auftauchten. Bei Macfarlane läuteten die Alarmglocken. Aus einem offenen Brief mit bekannten britischen Unterzeichnern entstand die Idee der Rettung der Wörter. Da der Account so viel Anklang fand, ist daraus ein Buch entstanden. Und was für eins! Es ist Buchkunst, Kunstbuch, Bilderbuch, Wörterbuch und Gedichtband in einem. Großformatig und einfach unwiderstehlich illustriert von Jackie Morris, ist es wirklich eine Perle und ein geradezu himmlisches „Verschenkbuch“.

Die Illustrationen sind für mich das Schönste am ganzen Buch. Jackie Morris hat ein überaus feines Gespür für Farben und für feine Inszenierungen der jeweiligen Worte und Tiere bzw. Pflanzen. Schritt für Schritt, Seite für Seite nähert sie sich dem Begriff an, bis erkennbar wird, um was es sich handelt. die großformatigen Porträts sind eindrucksvoll und faszinierend.

Efeu

Efeu bin ich, wahrer Luftpirat.
Fasse Stein und Borke,
Erklimme First und Krone.
Unkt ihr: Bodendecker, ruf ich: Himmelsdraht.

Macfarlanes Gedichte sind oft kindlich, teils verdreht und verrückt, manchmal naiv und unbefangen, einige erinnern an Abzählreime. Tatsächlich klingen sie oft wie Zaubersprüche oder eindringliche Beschwörungsformeln (siehe Untertitel). Ich bin sicher, Daniela Seel hat hier ihr ganzes Sprachgefühl eingesetzt, damit die Verse auch im Deutschen gelingen konnten. Und das tun sie – von A – Z, bis hin zum Akrostichon.

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag, wo auch Macfarlanes andere ins Deutsche übertragene Bücher zu finden sind, die man der Sparte „nature writing“ zuordnen kann. Die deutsche Übersetzung von Lost Words stammt von Daniela Seel, selbst Lyrikerin und Verlegerin des Lyrikverlags Kookbooks. Eine Leseprobe gibt es hier und mehr über den Autor hier  
Wer Lust hat Robert Macfarlanes Aktivitäten zu verfolgen, der schaue auf sein Twitterprofil

Auf der Seite des englischen Penguin Verlags erfährt man außerdem einiges über den Entstehungsprozess des Buches: https://www.penguin.co.uk/articles/2017/designing-the-lost-words/

 

Nell Zink: Virginia Rowohlt Verlag

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Obgleich Nell Zink schon mit ihrem Roman „Der Mauerläufer“, zu dem es eine schöne Entstehungsgeschichte gibt, in der auch der Autor Jonathan Franzen, der ja ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter ist, eine Rolle spielt, hierzulande bekannt wurde, ist es der erste Roman, den ich von ihr lese. Sie ist mir gleich irgendwie sympathisch, da sie vor einiger Zeit nach Bad Belzig in Brandenburg statt nach Berlin zog, weil sie sich in der Hauptstadt die Miete einfach nicht leisten konnte. Könnte mir bald ähnlich gehen …

Dass ich nun ihren Debütroman „Virginia“ lese, der tatsächlich in Virginia, USA spielt, hat den einfachen Grund, dass ich die skurrile Idee, dass eine lesbische Studentin und ihr schwuler Literaturprofessor heiraten und Kinder bekommen, ziemlich witzig fand. Und die noch skurrilere Idee, nach der Trennung mit der kleinen Tochter die Identität einer Schwarzen anzunehmen, einfach genial fand. Hier merkt man schon gleich, dass Zink allerhand in ihren Roman packt und dabei so manche Grenze überschreitet. Dennoch ist der Roman kein bisschen überladen, sondern einfach nur witzig auf hohem Niveau. Zink weiß viel, denkt viel. Schreibt mit viel Humor, wenngleich die Sprache auf Dauer für mich schon etwas glatt nach Creative Writing klingt. Vielleicht ist es auch einfach die amerikanische Art, die Dinge auszudrücken. Wenn ich „Virginia“ mit dem Roman „Max, Mischa und die TET-Offensive“ des Norwegers Johan Harstad vergleiche (lese ich gerade parallel), der auch in den USA spielt, dann liegen Welten dazwischen.

Da ist also Peggy (später Meg), lesbische Studentin und ihr schwuler Professor, Lee Fleming. Da Meg ziemlich schnell schwanger wird, heiraten die beiden, bekommen auch noch ein zweites Kind, obwohl sie eigentlich gar nicht für ein Zusammenleben geeignet sind.

„Für eine Lesbe bedeutete Lees Haus einen kalten Entzug. Es konnten Monate vergehen, ohne dass man eine Frau zu Gesicht bekam. Aber das war auch egal, wenn man vorgehabt hatte, eine bleistiftdünne Verführerin in Schwarz zu sein, und nun im karierten Bademantel am Herd stand und Pfannkuchen buk.“

Eines Tages haut Peggy dann auch mit der Tochter ab, nachdem sie den Wagen ihres Mannes in den See gefahren hat, aus Wut über seine Untreue. Der Sohn bleibt beim wohlhabenden Vater. Im geschichtsträchtigen ländlichen Südstaaten-Virginia übernimmt Peggy/Meg mit ihrer Tochter eine neue „schwarze“ Identität, was tatsächlich nicht hinterfragt wird, denn es gibt hier viele Abstufungen des „Schwarzseins“. Sie kämpft sich mit ihrer Tochter Mireille/Karen quasi mittellos durch, schreibt nebenher Theaterstücke für die Schublade. Tatsächlich findet ihr Mann, der Detektive los schickt, um sie wegen Kindesentführung dingfest zu machen, sie deshalb nicht. Mit kleineren illegalen Drogengeschäften verdient sie ihr Geld, nach außen hin rechtschaffen. Die Tochter, die nichts von Vater und Bruder ahnt, kann studieren gehen mit ihrem schwarzen Freund Temple, beide erhalten ein Stipendium für „Minoritäten“.

„Und ihre Tochter war (…) wenn schon nicht das beliebteste aller Kinder, das Idol aller Emigranten der Vorstädte. Das geisterhafte, flachsblonde schwarze Kind war geradezu der Solz der Bürger. Die hofften, sie würde in der Gegend bleiben, einen hellhäutigen Mann mit blauen Augen heiraten und eine dieser Konversationsstück-Dynastien begründen.“

Der Sohn Byrdie, einige Jahre älter, wächst ohne Sorgen beim Vater heran, nimmt sein Studium nicht so ganz ernst und konsumiert mitunter mit Mitstudenten Drogen. Zum Showdown kommt es, als Temple und Karen auf einer Studentenfete nichts ahnend auf Byrdie treffen. Hier gibt Nell Zink Gas und schlittert mit allerhand Unglaubwürdigkeiten rasant auf ein Happy End mit einer Art Familienzusammenführung zu. Das ist schon leicht übertrieben, aber wie hätte ein anderes Ende in solch einer Geschichte enden sollen? Zinks Sprache hilft auf jeden Fall über manche allzu pathetische Passage hinweg. Mitunter salopp, derb, aber auch mit vereinzelten poetischen Einschüben ist das Buch auf jeden Fall durchweg abwechslungsreich und spannend zu lesen. Vor allem, wenn man, so wie ich, so gut wie keine Ahnung vom US-amerikanischen Süden hat, lernt man allerhand über das soziale Gefüge und gesellschaftsspezifische Besonderheiten. Denn die 1964 in Kalifornien geborene Nell Zink wuchs selbst im ländlichen Virginia auf. Alles in allem ist „Virginia“ ein Roman, denn ich flott und mit Gewinn gelesen habe.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag, dem ich für das Rezensionsexemplar danke. Übersetzt hat es Michael Kellner. (Zink schreibt in Englisch, obwohl sie sehr gut Deutsch spricht.) Eine Leseprobe gibt es hier

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Johanna Holmström: Die Frauen von Själö Ullstein Verlag

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Als die Autorin Johanna Holmström, die einer schwedischsprachigen Minderheit in Finnland angehört, 2015 in einem Archiv auf Patientenakten einer Heilanstalt auf der winzigen finnischen Schäreninsel Själö stieß, fing sie an weiter zu recherchieren. Entstanden ist ein aufschlußreicher Roman über die Zustände in einer Nervenheilanstalt Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf Själö wurden sogenannte geisteskranke Frauen weggesperrt, wobei die meisten von ihnen niemals mehr die Insel verließen. Von Heilen konnte keine Rede sein. In ihrem Vorwort weist die Autorin auf eine der zahllosen schrecklichen „Heilmethoden“ damals hin.

Holmström schildert den Aufenthalt zweier Frauen in der Anstalt auf Själö und verbindet beide mit der Pflegerin Sigrid, die ihr ganzes Arbeitsleben auf Själö verbringt. Da ist zunächst Kristina. Sie kommt im Jahr 1899 auf die Insel, weil sie ihre beiden kleinen Kinder ertränkt hat. Der Pfarrer schützt sie vor dem Gefängnis und fortan lebt sie auf Själö als Geisteskranke. Nach und nach erzählt uns die Autorin dann die Hintergründe, die zur Ermordung der beiden Kinder führten. Kristina wurde mit 16 vergewaltigt, bekam eine Tochter und galt fortan als leichtes Mädchen. Als sie mit 24 Einari kennenlernt, fühlt sie zum ersten Mal Liebe. Die beiden lösen sich von ihren wohlhabenden Elternhäusern und leben arm und unverheiratet zusammen. Ein Sohn wird geboren. Doch als ihr Mann sich entschließt fortan zur See zu fahren, um schnell Geld zu verdienen für ein besseres Leben, bleibt Kristina eine Ausgestoßene. Ihr wächst die Arbeit und die Betreuung der Kinder über den Kopf. Völlig erschöpft, wünscht sie sich nur noch Ruhe. In diesem Zustand lässt sie die schlafenden Kinder aus dem fahrenden Boot ins Wasser gleiten. Auf Själö lebt sie sich nach einer Weile ein und darf sogar extern den Haushalt des neuen Pfarrers übernehmen. Als dessen Ehefrau mit Kindern im gleichen Alter ihrer verstorbenen Kinder auf die Insel und ins Pfarrhaus einzieht, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Als die 16-jährige Elli 1934 auf die Insel kommt, lebt Kristina wieder und immer noch dort. Elli ist von zuhause heimlich mit ihrem Liebhaber getürmt. Als die Polizei sie verfolgt, da sie angeblich Raubüberfälle verübt hatten, gelingt es Maurice zu fliehen. Elli wird jedoch gefasst, kommt zunächst ins Gefängnis, wegen ihres auffälligen Verhaltens und wegen der Intervention der Eltern dann aber auf die Insel. Dass Elli zuhause von der kühlen Mutter vernachlässigt und vom Vater kaum wahrgenommen wurde und sie als Teenager in eine tiefe Depression glitt, die mit einem Selbstmordversuch einherging, erfahren wir zwischendurch in Rückblicken.

„Sie hatte schon vor ein paar Jahren angefangen, sich im Herbst zu grämen, weil er leise und schläfrig das Licht hinter sich herschleifte und mitnahm und es immer schwerer wurde, die Dunkelheit zu ertragen.“

In den 30/40er Jahren ist außerdem sogar in Finnland eine bestimmte „Rassentheorie“ angekommen. Elli wird als Gemischtrassige ostbaltischen Typs eingestuft. Auch hier wird, was mir nicht klar war, die Sterilisation bei Frauen, die nicht der rein-schwedischen Rasse entsprachen (und dann noch als geisteskrank galten), angewandt.

Holmström wirft einen genauen Blick auf die Frauen, über die sie schreibt. Und sie hat große Empathie für sie. Es gelingt ihr sehr spannend und stimmig Kristinas Geschichte zu erzählen, während sich Ellis Geschichte schon sehr in die Länge zieht. Sigrid, die Pflegerin, bleibt, obgleich sie am Ende noch ein kürzeres eigenes Kapitel erhält, für mich eher wenig greifbar. Vielleicht wäre die Beschränkung auf eine Frauenfigur oder eine dichtere Struktur hier sinnvoller gewesen.

Auch sprachlich scheint mir der erste Teil weit besser gelungen. Teils poetische Sequenzen wechseln sich hier mit realistischen, traurig-trüben Beschreibungen des Anstalt-Alltags ab. Dennoch gibt das Buch einen guten Einblick in die Zeit als die Psychiatrie noch Irrenhaus genannt wurde und die meisten Patientinnen aus heutiger Sicht, wohl eher dort erst „irre“ wurden. Hier zeigt sich auch wieder die Aburteilung der Frau als hysterisches Wesen durch einen männlichen Arzt.

„“Mit der weiblichen Natur verhält es sich so, dass sie zyklisch ist. Das gilt auch für den weiblichen Wahnsinn. Der Zusammenhang zwischen diesen Wahnsinnszyklen und der Menstruation ist in den meisten Fällen offensichtlich, und sobald die Menstruation aufhört, hört sehr oft auch der Wahnsinn auf. Deswegen hatten schon viele das Glück, zu diesem Zeitpunkt entlassen zu werden“, erklärt er.“

„Die Frauen von Själö“ erschien im Ullstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe außerdem drei weitere sehr empfehlenswerte Romane, die sich mit dem Thema befassen, auf dem Blog besprochen:
Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
Amalie Skram: Professor Hieronimus
Nelly Bly: 10 Tage im Irrenhaus

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.