Stefan Hertmans: Der Aufgang Hörbuch Diogenes Verlag

„Alles war am Verfallen, als sich Ende der Sechzigerjahre im Zuge der Studentenrevolte die Boheme hier niederließ. Das Haus, vor dem ich nun stand, lag am nordöstlichen Rand des Viertels, in einer Straße namens Drongenhof, nicht weit von dort, wo die Leie träge und dunkel an den feuchten Häusern entlangfloss.“

Auf der SWR-Bestenliste diesen Sommers stand der Roman „Der Aufgang“ von Stefan Hertmans auf Platz 6. Der Autor wurde 1951 in Gent, Belgien geboren, wo auch seine Geschichte in großen Teilen spielt. Da mir die Hörprobe gefiel, ließ ich mir das Buch vorlesen, ungekürzt von Michael A. Grimm.

Hertmans kauft als junger Mann für wenig Geld ein heruntergekommenes Haus in Gent, ganz unüberlegt, intuitiv, lässt es herrichten und bewohnt es sehr lange. Erst als er es bereits viel später wieder verkauft hat, erfährt er, dass in seinem Haus der SS-Mann Willlem Verhulst mit seiner Familie wohnte. Obwohl der Notar bei der Besichtigung etwas andeutete, wird Hertmans erst dann klar, welche Geschichte dieses Haus mit sich trägt …

„Nun gut, dachte ich, dann werde ich eben nicht die Geschichte eines SS-Mannes erzählen; solche Geschichten gibt es ohnehin zuhauf. Ich werde die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählen. Allerdings dauerte es Jahre, bis ich das Material für die nun folgende Geschichte zusammen hatte. Einige Augenzeugen leben noch, sie sind hochbetagt und haben mir ihre Erinnerungen, soweit das möglich war, in vielen Einzelheiten geschildert. Erst später, nachdem ich alles mühsam durchgearbeitet hatte, wurde mir klar, dass der sonst so gewissenhafte Historiker Adriaan Verhulst niemals Einsicht in die Gerichtsakten genommen hatte, in denen die ganze Wahrheit stand. Er hätte es problemlos tun können, doch dann wäre das Porträt seines Vaters wohl kaum so milde ausgefallen.“

Wir Zuhörer/Leser erleben nun, wie der Makler dem jungen Hertmans das Haus zeigt: sie gehen von Raum zu Raum. Währenddessen gleitet der Autor in die Vergangenheit und lässt das Haus zur Zeit von Verhulst und Familie aufleben. Durch diese Konstruktion macht er tatsächlich das Haus, Drongenhof genannt, zum Hauptprotagonisten (so passt diese Besprechung auch gut zu meinem Blogbeitrag „Das Haus im Roman“).

Willem Verhulst, der als Kind eine extrem enge prägende Beziehung zu seiner Mutter hatte, litt unter einer Augenkrankheit, die ihn zunächst blind machte, dann konnte aber immerhin ein Auge wieder geheilt werden. So trug er mitunter Augenklappe oder eine über dem blinden Auge milchverglaste Brille. Zum Studium von zuhause weg, zog er, der Feuer und Flamme ist für die nationale Bewegung Flanderns, in ein Zimmer im Haus einer Bäckerei, wo er sich in die Bäckersfrau verliebte. Mit ihr zog er schließlich weg in die Niederlande und sie heirateten, sie verstarb früh. Am gleichen Ort lernte er die Bauerstochter Harmina, Mientje, kennen, die überlegte aufgrund ihres Wissensdursts zu studieren, eventuell sogar Pastorin zu werden. Zuerst wies sie ihn ab, doch ein paar Jahre später heirateten sie und bekamen drei Kinder: Adriaan, Aletta und Suzy. Mientjes Leben wurde nun von Grund auf anders. Sie versorgte Kinder und Haushalt, hing weiter an ihrem Glauben und konnte als friedvoller Mensch Willems Uniformen und seine Tätigkeit, von der sie sicher nur einen Bruchteil wusste, nie ausstehen. Verhulst hingegen tat weiter, was er wollte, hatte später als Vertrauensmann der Deutschen nach der Besetzung Belgiens eine ständige Geliebte namens Griet.

Vom Handlungsreisenden zum Leiter einer Fabrik und weiter zum Leiter eines Radiosenders bis zum SS-Mann, der hunderte Menschen in seiner Umgebung bespitzeln und dann verhaften und verhören ließ. Vom liebenden Familienvater mit drei Kindern zum Denunzianten und Kollaborator. Hertmans schafft es allerdings immer sachlich, fast wie in einem Sachbuch zu erzählen, er kombiniert Fakten mit Tagebuchauszügen und niedergeschriebenen Gesprächen mit den Nachkommen. Hertmans muss unglaublich viel recherchiert haben, was auch im Roman immer wieder durchscheint, denn er erzählt von seinen Wegen ins Archiv, zu Verwandten Verhulsts oder zu anderen wichtigen Orten seiner Biographie. Er zitiert viel aus Mientjes Tagebuch, später aus Gefängnisbriefen von Willem und er zieht Adriaans Biografie zurate. Dieser Sohn, Adriaan Verhulst, Historiker, der in Hertmans Studentenzeit seine Examensprüfung abnahm und ihn beim ersten Mal durchfallen ließ.

Willem Verhulst floh mit der Geliebten und anderen Kollaborateuren gegen Ende des Kriegs nach Deutschland, hoffte dort sicherer leben zu können. Mientje und die Kinder ließ er mit einem Bündel Geld zurück, dass nicht lange reichte. Sie musste Zimmer vermieten an Studenten, um durchzukommen. Ihre Religiösität schützte und stabilisierte sie in diesen harten Zeiten.

Doch er wird 1947 gesucht und gefangen genommen, erhält zunächst die Todesstrafe, die dann auf lebenslängliche Haft verändert wird und 1953 wird er unerwartet entlassen. Er lebt sein Leben weiter, findet sogar wieder Arbeit. Seine Familie sieht er regelmäßig, doch ist er die meiste Zeit wieder bei seiner Geliebten, die er später sogar heimlich heiratet. Unfassbar, dass er sogar eine kleine Rente für seine SS-Tätigkeit aus Deutschland erhält. Willem ist ein gutes Beispiel dafür, wie in der Nachkriegszeit Menschen, die so viele grausame Verbrechen zu verantworten hatten, schließlich dafür so wenig büßen mussten. Sehr traurig.

Ich fand diese Geschichte, der ich immerhin über 11 Stunden und 53 Minuten lauschte, hochinteressant, denn es zeigt mir eine Seite der Zeit des Nationalsozialismus, die ich so noch nicht kannte. Ein Blick von außerhalb Deutschlands auf die wahnsinnigen Geschehnisse eines Systems, dass sogar länderübergreifend funktionierte. Und ich höre auch von einer starken Frau, die sich trotz allem nie von der ideologischen Tätigkeit ihres Mannes vereinnahmen ließ und auch die Kinder davor schützte.

Der Roman erschien im Diogenes Verlag. Übersetzt wurde er von Ira Wilhelm. Eine Lese/Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für den Hörbuch-Download.

Ergänzend eine Website mit sehr viel Bildmaterial (Bilder enthält auch das Buch):

Ursula Krechel: Geisterbahn Jung und Jung Verlag

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In ihrem neuen Roman spielt der Geburtsort der Autorin eine zentrale Rolle. Ursula Krechel wurde 1947 in Trier an der Mosel geboren. Von hier aus schreibt sie sich in verschiedene Lebensgeschichten ein. Ihre Protagonisten sind teils frei erfunden, teils lebten sie tatsächlich. Zu Beginn des Buches führt die Autorin ihre Hauptfiguren ein, um später immer wieder im Wechsel auf sie zurückzukommen. Da ist die Schaustellerfamilie, die Sinti, die von ihrem Standort Trier aus mit dem Karussell flussab- und aufwärts zieht. Da sind die jungen Kommunisten Willi und Aurelia, Da ist der Arzt und die Hotelierstochter und der Psychologe mit seiner unscheinbaren Ehefrau und da ist immer wieder der Polizist, im Roman fortan vom Sohn und Erzähler mit MEINVATER betitelt, immer in Großschrift. Da ist gleich zu spüren, welche Vater-Kind-Geschichte darunter schwelt.

Wir erfahren jeweils von der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier bleibt Krechel auch wieder ihrem Lebens-Thema treu. Ein Großteil des Romans wird von der Zeit kurz nach dem Krieg bestimmt, wie schon im Roman „Landgericht“. Es ist schwierig diesen Roman in seiner ungeheuren Fülle für eine Rezension zusammenzufassen. Zwar ist er in fünf Kapitel unterteilt, doch hält sich innerhalb eines jeden kaum eine Struktur, eine mäandernde Sprache lässt sich auf jeden Wink hin auf Experimente ein, bezieht sich auf Welt- und Literaturgeschichte. Wir lesen von Marx, dessen Geburtshaus in Trier steht oder von Nikolaus Lenau, dem österreichisch-ungarischen Dichter, dessen ziemlich abfälliges Lied „Drei Zigeuner fand ich einmal“ im Grundschulunterricht gesungen wird und das Sinti-Mädchen Anna zum Weinen bringt:

„Der Lehrer sagte nichts, der Text stand auf der Tafel. Ännchen hatte, wie Iris, kein Taschentuch. Dann hatte Ännchen genug geweint, nun schniefte sie nur noch und gab sich einen Ruck: Mir sinn net solche Zigeuner wie die.

Inhaltlich gibt es durchaus eine chronische Abfolge, zeitweise mit Rückblenden. Jede Figur lebt, jede Person wird ernst genommen, jeder Protagonist durchlebt in Zeiten des Krieges entstandenes körperliches und seelisches Leid, das das ganze spätere Leben durchdringt. Nachkriegswachstum durch Verdrängung.

Anfangs begegnen wir der Schaustellerfamilie Dorn und lernen die Mitglieder kennen, eine große Familie, in dem jeder gebraucht wird. Als der Nationalsozialismus mit seinen Repressalien bis nach Trier gelangt, erfahren die Dorns unglaubliches Leid. Tochter Kathi wird zwangssterilisiert, Mutter Lucie wird im Lager Lublin ein Kind gebären (Ignaz), welches überlebt, während 4 andere sterben. Vater Alfons überlebt mit schweren körperlichen Behinderungen. Lucie wird später am Erlebten und am Verlust der Kinder wahnsinnig.

Die Geschwister Aurelia und Willi Torgau, die es tatsächlich gab, versuchen im Widerstand für den Kommunismus zu arbeiten. Doch beide werden in Haft und ins Lager gebracht. Aurelia verbringt 8 Jahre in Ausschwitz, überlebt das Lager. An Tuberkulose erkrankt, medikamentenabhängig stirbt sie später auch aufgrund ihrer Traumata.

„Nach Monaten kam eine Postkarte mit einer Adresse aus der sowjetischen Zone. Sie lebte, Aurelia war mit heiler Haut aus Auschwitz zurückgekommen. Was bedeutet die Haut, pergamentdünn, wenn das, was sie umspannte, Trostlosigkeit war?“

Grit, die Hotelierstochter, verliert ihren Mann im Krieg, weiß sich in der Besatzungszeit als starke Frau durchzusetzen, und bekommt später eine uneheliche Tochter, Iris.

Die Neumeisters, er arbeitet nach dem Krieg als Kinderpsychologe, sie bleibt unausgefüllt Hausfrau. bekommen ein Wunschkind, Cecilia.

In der Nachkriegszeit begegnen sich schließlich die Kinder der Hauptfiguren in der Schule, Ännchen, Ignaz, Cecilia, Iris, Kurt, Gerwin und der Sohn des Polizisten, der gut durch die NS-Zeit kam und auch im neuen System wieder bestens Fuß fassen kann. Sohn Bernhard wird später alles aufschreiben, er ist derjenige, der recherchiert und der Erzähler der vorliegenden Geschichte. Sie wachsen zusammen auf und scheinen später sehr viel bessere Möglichkeiten zu haben. Doch die Kriegstraumata sind so leicht nicht abzulegen. Sie müssen aufgearbeitet werden.

„Und wenn ich über Iris, Cecilia, Gerwin, Kurt und mich nachdachte: Man hatte etwas anderes von uns erwartet. Wir erfüllten nicht die Erwartungen, die man in uns gesetzt hatte.“

Krechel schafft wieder vorzüglich, die Stimmung der Nachkriegszeit einzufangen, den Aufbruch, die Verdrängung, den Kleinstadtmief, das Gerede, die Gerüchteküche, die Entrüstung, wenn eine Frau allein ein uneheliches Kind aufzieht, der weiterhin schwelende Hass auf die Sintifamilie, die trotz aller Widrigkeiten später eine Gastwirtschaft eröffnet, also sesshaft wird, das Familienleben unter der Knute des Katholizismus, der Verhütungsmittel oder Schwangerschaftsabbruch verbietet und die Frau brav ins Haus verbannt. Ihre schwungvolle Sprache, das mitunter Lyrikhafte, Kunstvolle unterstützt durch Varianten und Wiederholungen bestärkt die jeweiligen Stimmungen.

Gegen Schluss, je mehr die Gegenwart eintritt, wird es zeitweise etwas langatmig, abwegig, teils kitschig. Es ist der schwächste Teil des Romans und zählt zum Glück nur an die 40 Seiten von 640. Das ist verzeihlich und ändert nichts am Ergebnis: Krechel ist erneut ein mächtiger, absolut dichter, sprachlich wie inhaltlich beeindruckender, wichtiger Roman gelungen. Große Empfehlung!

Das Buch erschien im Verlag Jung und Jung, wie bisher alle Romane und auch die feine Lyrik. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weiteres hier auf dem Blog zum Thema Sinti und Roma:
Zoni Weisz erzählt seine Biografie
Der Sonnenwächter von Charles Haldeman

Arno Geiger: Unter der Drachenwand Hanser Verlag

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Ich habe Arno Geigers neuen Roman nur aufgrund der guten Kritiken zur Hand genommen, denn sein letztes Buch „Selbstporträt mit Flusspferd“ fand ich schwach. Doch „Unter der Drachenwand“ ist wieder ein buchpreiswürdiges Werk, wie ich finde, sein bestes. Ich bin tief beeindruckt. Es ist ein Buch, welches ich nach Lesebeginn nicht mehr aus der Hand legen mochte und bei dem ich, das ist selten, es schwierig fand darüber zu schreiben, weil man es eigentlich unbedingt selbst lesen und vor allem spüren muss.

Es fällt mir schwer zu formulieren, was genau Geiger macht, um die Leser zu gewinnen. Geiger lässt uns seine Protagonisten sehr nahe kommen. Damit erzielt er große Wirkung. Und es ist wahrscheinlich so, dass alle Komponenten, von Sprache über Inhalt bis Konstruktion, so gelungen ineinander greifen, dass ein nahezu perfekter Roman entsteht. Und obwohl schon soviel geschrieben wurde über das Thema 2. Weltkrieg und Nationalsozialismus, musste auch dieses Buch geschrieben werden.

Geiger erzählt von Veit, einem jungen Mann, der nach 5-jähriger Dienstzeit als Soldat in Russland, verletzt im Lazarett landet. Man genehmigt daraufhin einen Fronturlaub und Veit reist nach Wien zu den Eltern. Doch traumatisiert und ernüchtert wie er ist, erträgt er die väterlichen Hymnen auf den Krieg und den F. nicht und erholt sich im ländlichen Ort Mondsee, wo ein Onkel wohnt. Doch seine posttraumatische Belastungsstörung lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Er nimmt Medikamente dagegen. Eine Lösung ist das nicht, denn sie machen abhängig. Erst als er sich mit Margot, die mit ihrer kleinen Tochter in der Pension im Zimmer nebenan wohnt, anfreundet, gelingt ihm wieder so etwas wie Freude und Gelassenheit.

„Die Zukunft? An eine große Zukunft konnte ich nicht mehr glauben, ich hatte gelernt, der großen Zukunft zu misstrauen. Und deshalb kam mir die kleine Zukunft gerade recht.“

Zwischen die eigentliche Erzählung mischt Geiger immer wieder Briefe. Sie kommen von Margots Mutter aus Darmstadt, von einem jungen Mann, der in ein Mädchen verliebt ist, dass in einem Kinderlandverschickungsheim in Schwarzindien am Mondsee lebt und einer österreichischen jüdischen Familie auf der Flucht. Versteht man am Anfang nicht ganz, wie alles zusammenhängt, so zeigen sich am Schluss doch die Verbindungen.

Margot, deren Ehemann ebenfalls im Krieg ist, und Veit werden ein Paar. Ganz langsam und unerwartet entsteht für die beiden jungen Leute, so etwas wie eine Insel der Geborgenheit und des Glücks inmitten der kriegerischen Welt. Dennoch wird der Friede auch immer wieder von außen durchbrochen, etwa wenn der eigensinnige Gärtner gegenüber verhaftet wird, wenn das Mädchen Nanni verschwindet oder der nächste Untersuchungstermin Veits ansteht.

„Wie schlecht eine Zeit ist, erkennt man daran, dass sie auch kleine Fehler nicht verzeiht.“

Ich empfinde die Briefe als enorm wichtig, schildern sie doch, und das auf sehr persönliche Art, wie sich mal für mal das Lob des Krieges, der völkische Stolz wandelt und alles im Chaos zu versinken droht, wie Bomben fallen, wie Nahrung fehlt, wie von einem auf den anderen Tag auch in den „eroberten“ Gebieten wie etwa Ungarn, die Juden der Willkür der restlichen Bevölkerung ausgesetzt werden.

„Ein heimatloser Flüchtling, ein heimat- und staatenloser Mensch, unter falschem Namen, mit falschen Papieren, mit falschem Blut, in der falschen Zeit, im falschen Leben, in der falschen Welt.“

Geiger erzählt in einem Interview, dass dieser Roman lange brauchte um zu Tage treten zu dürfen. Die Idee dazu entstand wohl bereits vor 10 Jahren. Die Briefe, die im Roman eine wichtige Rolle spielen, fand er offenbar auf einem Flohmarkt, sie dienten als Inspiration. Nur am Schluss hätte ich nicht wie in einem Filmabspann lesen mögen, wie es mit den Protagonisten weiterging. Da hätte ich mir lieber das offene Ende gewünscht … Ansonsten ist hier alles ein großes Leuchten!

Arno Geigers Roman erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit dem Autor gibt es hier.
Weitere Besprechungen gibt es bei Literaturreich und Leckere Kekse.

Hans Pleschinski: Wiesenstein C. H. Beck Verlag

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Der neue Roman von Hans Pleschinski begleitet wieder einen deutschen Schriftsteller durch eine Phase seines Lebens. Er ist ganz nach meinem Geschmack. Bereits mit „Königsallee“ hat der Autor mich für sich eingenommen, als er eine Episode aus Thomas Manns Leben erzählte, eine nach dem 2. Weltkrieg in Düsseldorf spielende unerwartete Begegnung mit einem ehemaligen Freund (und Geliebten?). Auch der Roman „Ludwigshöhe“ gefiel mir, in dem drei Geschwister ein Haus erben, allerdings nur mit der Auflage, es in ein Heim für Lebensmüde umzuwandeln.

Und nun „Wiesenstein“. Der Turm des Hauptmann´schen Anwesens in Schlesien ist auf dem Cover abgebildet. Gemälde aus der Empfangshalle, die 1922 entstanden von Johannes Avenarius sind im Buch abgedruckt.
Kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs ist der über 80-jährige mit Frau, Sekretärin und Masseur auf der Reise aus dem zerbombten Dresden gen Osten ins Riesengebirge, ohne zu wissen, ob dort bereits die russischen Truppen angekommen ist.

Und, hier fügt sich einmal mehr eins ins andere, auch Pleschinski erzählt, so wie erst kürzlich Uwe Timm in „Ikarien“, von der anfänglichen Eingenommenheit Hauptmanns für die Idee des gesunden Deutschen, die vom Rassenhygieniker Alfred Ploetz dann auch weitergetragen wurde – Hauptmann wendet sich immerhin davon wieder ab. Auch Barbara Zoeke widmet den Hauptmann-Brüdern in diesem Zusammenhang eine kurze Episode in ihrem starken Roman „Die Stunde der Spezialisten“.

Überhaupt ist das wieder so ein feines Buch, das einem einen Schriftsteller von einer anderen Seite zeigt, Interesse weckt, sich abseits von „Bahnwärter Thiel“ und „Die Weber“ an einem Werk lesend zu versuchen: „Atlantis“, 1912 entstanden, in dem es um einen beinahe hellseherischen Schiffsuntergang geht (kurz danach sank die Titanic auf ähnlicher Strecke).  Man kann den Roman sogar kostenlos online – Projekt Gutenberg – lesen. Ebenso den 1924 entstandenen Roman „Die Insel der großen Mutter“, in dem Hauptmann die Idee eines mystisch-matriarchalen Frauenstaats auf einer einsamen Insel ausarbeitet. Für mich ein sehr überraschendes und mehr als interessantes Unterfangen. Die Gedichte Hauptmanns hingegen, die an manchen Stellen in den Text eingefügt sind, können mich nicht überzeugen.

Kaum vorzustellen ist es, dass Hauptmann mit Frau Margarete auf „Wiesenstein“ selbst in Kriegszeiten so fürstlich leben konnten. Es mangelte fast bis zuletzt an nichts. Es gab noch immer den Gärtner, die Köchin, den Diener in Livree. Erst da wird mir klar, wie berühmt und wie gut bezahlt (und von gewisser Seite aus geschützt?) Hauptmann wirklich war, seine vielen Stücke liefen gut, als Schriftsteller war er weit über die Grenzen hin bekannt und eben auch Nobelpreisträger für Literatur. Dabei hat er sich nie zum aber auch nicht wirklich gegen den Nationalsozialismus bekannt. Er war in vielen Dingen ein Mann, der sich nicht festlegen wollte.

„Was ein Volk der Dichter und Denker und der überwältigenden Mehrheit vielleicht schlichter, aber nicht bösartiger Gemüter hätte sein können, zeigte sich nun als Rotte aus der Vorzeit, wütend, verblendet, hasserfüllt.“

Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Pleschinski seine Geschichte. Der junge Masseur, der zum ersten Mal den schönen Künsten begegnet und durch den der Leser Textauszüge aus Hauptmanns Werken kennen lernt. Der Jurist Behl, der sich um die Sicherung von Hauptmanns Schriften kümmert. Der Gärtner, der mit seinen Pflanzen „dichtet“. Die wenigen Besucher, die zum Tee, echtem!, kommen und um jeden Preis vermeiden wollen, über das Unheil zu reden – „Nichts vom Krieg“. Die Frau des Hauses, Margarete, die Dichtergattin, die seinerzeit selbst Künstlerin war und die trotz der schlechten Augen, alles sieht und voll hinter dem Ehegatten steht. Die Sekretärin, die mit Hauptmann zusammen Korrekturen der älteren Werke vornimmt. Gerade diese verschiedenen Blickwinkel ermöglichen es dem Autor dem Leser alles wissenswerte über Gerhart Hauptmann mitzuteilen, ohne trocken zu referieren.

„Aber werden sich spätere Generationen, die neu leben, immer mit dem Unreich befassen wollen? Vielleicht, und sie sollten es tun, um für ihr eigenes Wohlergehen und zu ihrer eigenen Sicherheit daraus zu lernen. Die Schicksale müssen bekannt werden und bekannt bleiben.“

Die Nachkriegszeit mit ihren Plünderungen und Vertriebenen weiß Pleschinski trefflich aufzuzeigen. Und bevor auch Gerhart Hauptmann seinen Wohnsitz in Agnetendorf, nun das polnische Jagniątków, verlassen muss, stirbt er am 6. Juni 1946 umgeben von nahen Menschen.

Neugierig bin ich geworden. Und wenn das ein Roman erreicht, ist es ein großes Glück. Vielleicht besichtige ich dann doch beim nächsten Hiddensee-Besuch das Hauptmann-Haus, dass mich bisher vor allem wegen der besonders schönen Lage interessierte und in dem der Schriftsteller hauptsächlich auch an „Die Insel der großen Mutter“ schrieb.
Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt. Ein Leuchten!

„Wiesenstein“ erschien im C. H. Beck Verlag. Mehr über Buch und Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Käthe Kollwitz: Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken marixverlag

 

Vor 150 Jahren wurde Käthe Kollwitz geboren. Verschiedene Sonderausstellungen über sie und ihr Werk gab es hier in Berlin zu sehen. Ich war im Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße. Hier sind viele ihrer Werke in sehr schönen Räumen platziert und gehängt.

 

Der marix Verlag hat zudem die Auszüge aus Tagebüchern und Erinnerungen, die der Sohn Hans bereits 1968 herausgegeben hatte, neu aufgelegt. Käthe Kollwitz begann erst im Alter von 41 Jahren Tagebuch zu schreiben, wohl um für sich die Geschehnisse zu sortieren und zu dokumentieren. Zwischen den einzelnen Einträgen gibt es lange Pausen. Hans Kollwitz erklärt mit einleitenden Worten, weshalb er keine chronologische sondern eine thematische Anordnung gewählt hat, was ich persönlich nicht so geschickt finde, weil so wichtige Zusammenhänge auseinander gerissen werden. Die Kapitel gliedern sich beginnend mit dem Thema Kindheit und Jugend in Bereiche wie Ehe, Mitmenschen, Mutterschaft, Über Kunst, Selbstkritisches etc. Zwischen den Kapiteln wurden Bilder von ihren Werken eingefügt, nach dem ersten Kapitel Familienfotos.

Der Leser erfährt über die enge Verbindung zur Schwester Lise, die Liebe zur Mutter, die Unterstützung des Vaters, der sie zur Künstlerin ausbilden lässt, die ersten Erfolge mit der Serie zu den „Webern“,  das Zusammenleben mit Ehemann Karl, der sie an ihrem Künstlerinnensein nicht hindert, den starken Einschnitt durch den Tod des jüngsten Sohnes Peter im Krieg (welcher die Idee eines Mahnmals gegen den Krieg entstehen lässt), die Verehrung Goethes, die Lektüre verschiedener Schriftsteller, die Ernennung zur Professorin in Berlin, die Juryarbeit für Ausstellungen (Kollwitz fand oft die Werke von Frauen nicht genügend, sollte aber generell die Frauen vertreten).

 

Was mir auffällt ist, dass die „private“ Käthe wesentlich liebevoller und wohlwollender wirkt, als die Künstlerin, die oft Härte und Strenge ausstrahlt. Vielleicht musste sie das auch, um sich gegen die überwiegend männliche Künstlerschaft durchzusetzen. Ebenso interessant ist, dass sie oft harsche Urteile über die Jungen, die nächste Künstlergeneration und deren Ideen äußerte.

Auch das Zeitgeschehen kommentierte sie in ihren Tagebüchern:

„Am Sonnabend, 1. Juli 1933
… In ganz Deutschland existiert nur noch die NSDAP. Es gibt keine Zeitung, die eine andere Meinung vertritt.
Gleichschaltung.
Unterdes lebt man und arbeitet. Ich bin an der plastischen Gruppe Mutter mit zwei Kindern. Ende September muß ich das Akademie-Atelier geräumt haben. Die Arbeit geht von der Hand.“

Kurze Zeit später ändert sich alles. Käthes Arbeiten werden als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt. Sie darf nicht mehr ausstellen. Im April 1945 stirbt Käthe Kollwitz nahe Dresden, kurz vor der Kapitulation Deutschlands.

Dem Band ist eine Biographische Übersicht angehängt und auch eine Bibliographie. Er erschien im marix Verlag.