A. L. Kennedy: Süßer Ernst Hanser Verlag

cover kennedy

Ein neuer Roman von A. L. Kennedy kommt immer zur rechten Zeit. Auf dem Cover sind unzählige digitale Zeitanzeigen abgebildet. Es sind die Uhrzeiten, die auch Überschrift für jedes neue Kapitel sind. „Süßer Ernst“ spielt an einem einzigen Tag in London und ist eine Art Dialogroman mit vielen schräggedruckten Sequenzen. Es sind innere Selbstgespräche, die immer aus dem Kopf der Protagonisten direkt und unverblümt in die Leser_innen hineinerzählt werden. Der Bewußtseinsstrom der beiden Hauptfiguren verrät gleich von Anfang an viel über sie selbst. Wechselweise kommen Meg und Jon zu Wort. Beide, wie könnte es bei Kennedy auch anders sein, sind gebeutelte, vom Leben gezeichnete Personen, die versuchen in Richtung einer Beziehung zu gehen.

Jon, frisch geschieden von Valerie, eine fast erwachsene Tochter, Rebecca, mit der es auch schwierig ist, mag sich nicht. Er ist „Staatsdiener“. Er arbeitet für die Regierung, oft tatsächlich dienernd, und kennt nicht viel mehr als seine Arbeit. Eines Tages kommt er auf die seltsame Idee, als Ausgleich Briefe zu schreiben:

„Maßgeschneiderter Service: Handgeschriebene Briefe nach den Bedürfnissen der anspruchsvollen Frau. Zuneigungsbekundungen und Respekt wöchentlich geliefert. Antwort nicht erforderlich. [ … ]
Die ganze Sache war am Ende dreiunddreißig Wörter lang, und man hatte nicht damit rechnen können, dass sie einem hochexplosiven Sprengsatz gleichkamen.“

Meg ist gescheiterte Wirtschaftsprüferin, sprich insolvent, sprich pleite. Sie arbeitet inzwischen in einem Tierheim in der Verwaltung und ist dabei, mangels anderer Liebe, sich in einen der Hunde dort, den Spaniel Hector, zu verlieben. Auch sie ist nicht sehr überzeugt von sich. Obwohl sie inzwischen ein ganzes Jahr trockene Alkoholikerin ist.

„Sie allerdings gehörte zu denen, die einen Gedanken verschwendeten. Sie interessierte sich für Schäden, konnte man sagen: für Schäden und Lücken. Konnte beides lehrreich sein.“

Und so liest man, wie die beiden hadern, sich selbst bezweifeln, Blicke zurück werfen, grübeln, innerlich vor sich hin schimpfen, selten still innehalten. Was beide bewegt und weiter treibt, ist dass, was in Kennedys Büchern in der ein oder anderen Form immer thematisiert wird: Wie funktionieren Beziehungen? Hier ist es die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Berührung und Nähe im mittleren Alter. Und die Angst davor.

So schwanken wir hin und her zwischen beiden und tauchen immer tiefer in den Gedankenstrom von Uhrzeit zu Uhrzeit, bis es nachmittag wird und ihre Verabredung ansteht. Denn Meg will Jon treffen, der „Süße Ernst“ in seinen Briefen hat sie für ihn eingenommen. Doch daraus wird zunächst nichts: Jon erhält einen wichtigen Auftrag von seinem Chef, unverzüglich auszuführen. So muss er das Treffen mit Meg verschieben. Als das erledigt ist, ruft ihn seine Tochter zu Hilfe, sie hat Liebeskummer und braucht Trost. So muss er Meg erneut vertrösten. Und dann wieder der Chef, der das Ergebnis seines Auftrags erfahren will. Meg nimmt die wiederholten Verzögerungen zunächst einigermaßen gelassen, weil sie es sich vorgenommen hat, nicht so zu reagieren, wie sie es früher getan hätte. Und weil sie zu spüren glaubt, dass Jon ganz ähnlich tickt wie sie, obgleich sie so unterschiedliche Leben führen. Und dass eine solche Chance womöglich nicht wiederkommt. Sie sind beide nicht mehr jung und beide fragil und allzu leicht verletzlich.

Abgesehen davon, dass nicht jeder kleinste Gedanke der Protagonisten wichtig ist (vor allem bei Ihm; denn wenn Sie ausführlichst und bis ins Detail darüber nachgrübelt, abwägt, welchen Kuchen sie mit zur Arbeit bringen könnte (denn das ist allmonatlich so üblich unter den Angestellten), selbst gebacken oder gekauft? irgendwelche Allergien?, Schoko oder Käse?, damit auch ja alle Kollegen zufrieden sind, dann ist das himmlisch) für das Funktionieren der Story, ist auch das Schrägedruckt-Lesen auf Dauer etwas anstrengend. (Nachtrag: Man gewöhnt sich dran.)

Etwas kürzer wäre vielleicht auch besser gewesen. Was zunächst die Spannung steigen lässt, wird auf den letzten 100 Seiten (von 550) dann doch etwas zu langwierig. Denn als sie sich dann endlich doch noch treffen, in der Nacht, ist es teils unerträglich, wenn nur noch ein stotternder Mann und eine dagegen klar denkende Frau zu hören sind, wenn man den kompletten inneren Monolog zweier Menschen hört, die sich mögen, sich aber aus ihrer großen Verletztheit heraus, dem anderen kaum anvertrauen können. Zwei Menschen, die von Minderwertigkeitsgefühlen und von Selbsthass zerfressen sind … Aber das kennen wir ja von Al. L. Kennedy. Und lieben wir. Wir Kennedy-Leser_innen. Wir, die wir uns Kennedy zumuten …

Was am Ende bleibt:

„Ein zerknittertes Paar sitzt auf einem Hügel oberhalb einer bekannten Metropole.
Sie sitzen nebeneinander und lachen.
Sie sitzen nebeneinander und weinen.
Sie möchten lieber hier sein und daran sterben als anderswo sein.
Hier ist es.“

Kennedys Sprache ist ein Mix aus raffinierter, oft witziger Wortfindung kombiniert mit mal schnoddriger, mal zarter Stimme, immer jedenfalls mit großer Hingabe an ihre Figuren. Ich glaube, sie liebt ihre Helden und Heldinnen. Das zeigt sich im ganzen Text.

A. L. Kennedys Roman erschien im Hanser Verlag. Übersetzt aus dem Englischen haben  Ingo Herzke und Susanne Höbel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Ich habe hier auf dem Blog außerdem Kennedys Buch übers Schreiben vorgestellt.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

A. L. Kennedy: Schreiben Edition Akzente Hanser Verlag


Die schottische Autorin A. L. Kennedy erhielt am 11. Dezember den Düsseldorfer Heine-Preis 2016. Die Jury begründet ihre Auswahl wie folgt:

„Der Heinrich-Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf 2016 wird an A. L. Kennedy verliehen. Ausgezeichnet wird die Autorin für ihr eigenwilliges literarisches Werk, in dem sie die Grenzen menschlicher Seele und zugleich die des Schreibens auslotet – nie ohne Humor, abgründig und zärtlich. Ihr Blick auf politische und soziale Zustände schärft gesellschaftliche Diskussionen, etwa über den Irak-Krieg oder den Brexit. In der Tradition Heinrich Heines ist A. L. Kennedy eine große Literatin und eine streitbare Europäerin.“

Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Ich habe beinahe jeden ihrer Romane und Erzählbände seit „Einladung zum Tanz“ gelesen. Sie hat in der Tat eine sehr besondere Art zu schreiben, man darf sie eigenwillig nennen. Die Themen ihrer Bücher sind vielfältig, weisen jedoch immer auf die Verlorenheit des Menschen hin. Ihre Protagonisten sind auf der Suche, das Finden und (Be-)Halten ist die Schwierigkeit …

Nun ist ein Buch übers Schreiben von ihr erschienen und es ist eine gute Möglichkeit die Autorin näher kennen zu lernen. Hier finden sich Texte aus ihrem Blog und ausgewählte Essays zum Thema. Der Leser erfährt manches über die Herangehensweise Kennedys, sei es ans Schreiben, an Lesungen, an Signierstunden, an Workshops, an den Umgang mit Lesern und Kollegen, letztlich ans Leben.

Im Vorwort schreibt Kennedy:

„Wenn der Ton einiger Texte übermäßig leicht und locker ausgefallen ist, kann ich zur Erklärung nur sagen, dass ich damit Lesende und Schreibende in einer Zeit, aufheitern wollte, in der das Schreiben – und künstlerische Betätigung überhaupt – unter Druck zu stehen und zugleich ziemlich zwecklos erscheinen mag.“

Stimmt, Kennedy schreibt hier mit viel Humor, englischem, schottischem, doch lässt sich das durchaus geniessen, es ist eine ausgesprochen kurzweilige Lektüre.

So berichtet Kennedy von absolvierten Workshops, sowohl als Teilnehmerin als auch als Leiterin.

„Andererseits ist das eine bewährte Verdienstmöglichkeit für angehende Schriftsteller: Workshops für Menschen zu geben, für Menschen, die noch nicht schreiben können, während man selbst noch nicht schreiben kann.“

Weiter erzählt sie über Recherchen, die nicht immer leicht vonstatten gehen, muss man dabei doch oft Menschen mit Fragen auf die Nerven gehen, und von der eigentlichen Arbeit am Roman, die ständige Höhen und Tiefen birgt und mal tags mal nachts am Besten läuft und wie sehr sie von den Figuren abhängig ist, die ihr letztlich den Roman diktieren … Kennedy scheint unstet, sie ist viel auf Reisen, immer im Zug, schreibt dort oder in diversen Hotelzimmern am Roman weiter, gleichzeitig ist sie eine große Planerin.

Kennedy schreibt viele sehr gute Kurzgeschichten, was in ihrem letzten Buch „Der letzte Schrei“ nachzulesen ist. Oft werden von verschiedener Seite Stories bei ihr angefragt. Dass solche Angebote einschränken und sich oft auf die Qualität der Kurzgeschichte auswirken, trägt ihrer Meinung nach dazu bei den Ruf kurzer Geschichten zu verschlechtern. Dazu schreibt sie hier:

„Wir hätten es gern bis heute Nachmittag – und es soll Plymouth vorkommen, außerdem eine kleine Szene, in der ein rothaariger Mensch etwas aus Seife schnitzt […] Meine Antwort auf derlei Anfragen lautet oft: „Nein“. […] weil ich unter anderem deshalb schreibe, weil dabei niemand bestimmen kann, was ich tun oder denken soll.“

Die hier versammelten Blogeinträge spielen mit verschiedenen Themen aus Kennedys Schriftstellerleben, im Teil mit den Essays finden sich auch echte handwerkliche Schreibanregungen. Somit bietet sich das Buch sowohl dem Leser als auch dem Schreibenden an.
Fazit: Eine kurzweilige Lektüre mit Einblick ins Schreiben und in den Kopf von Frau Kennedy.

„Schreiben“ erschien im Hanser Verlag, wie auch die letzten beiden Bücher der Autorin. Übersetzt wurde es von Ingo Herzke. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ihr Roman „Gleissendes Glück“ ist vor Kurzem verfilmt worden mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur in den Hauptrollen.