Aslı Erdoğan: Das Haus aus Stein Penguin Verlag

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„Was in dem Roman erzählt wird, ist natürlich frei erfunden. Erfunden aber hat es die Wirklichkeit.“

Diesen und weitere solch wunderbare Sätze finden sich in Aslı Erdoğans Roman „Das Haus aus Stein“, der bereits 2009 in der Türkei erschien und jetzt erstmals auf Deutsch zu lesen ist. Die Autorin hat ein aktuelles Vorwort vorangestellt, das unter anderem auch auf ihren eigenen Gefängnisaufenthalt hinweist und die Leserin staunen lässt, wie sie in diesem lange vorher erschienenen Roman bereits wie eine Wissende oder doch zumindest Ahnende über ein Gefängnis schreibt, über das Haus aus Stein. Absurd ist zudem, das Erdoğan für dieses Buch in der Türkei damals den bedeutendsten Literaturpreis bekam und Jahre später wegen ihres Schreibens inhaftiert wurde. Die Autorin war 132 Tage lang im Istanbuler Frauengefängnis und erzählt, dass sie nach ihrer Freilassung, die einfachsten Dinge nicht mehr tun konnte – „In der Haft entwickelt man sich zurück, wird wieder zum Kind ohne Rechte und Verantwortung.“. Heute lebt sie im Exil, aber sicher,  in Frankfurt am Main. Über die Erfahrung zu schreiben, fällt ihr schwer, macht sie sogar krank, heißt es im Nachwort. Sie wird es dennoch tun.

“ – ist das Schreiben nicht gewissermaßen die Kunst, in der Glut zu rühren, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen? – „

Es ist ein nur etwa 100 Seiten zählender Text, der allerdings das Gewicht eines 1000-Seiters hat. Die Autorin schreibt in einer Dichte und Intensität, wie ich sie schon aus ihren vor zwei Jahren erschienen Essays „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ kenne. Diese Dichtheit macht es auch schwer, etwas über den Inhalt zu sagen. Denn es geht um nicht mehr und nicht weniger, als das Thema im Gefängnis sein/Gefangensein/unfrei Sein. Und wie kann man über dieses Thema mit solcher Schönheit und Poesie schreiben? Aslı Erdoğan kann es.

„Heute werde ich vom Haus aus Stein erzählen, dem das Schreiben gern ausweicht, dem es nur aus sicherer Entfernung zusieht, durch die Wörter hindurch.“

Es passiert vermeintlich nicht viel in dieser Geschichte. Ein junger Mann, nur A. genannt, der früh einen Gefängnisaufenthalt hatte, schafft es nach der Entlassung nicht mehr ins Leben zurück. Wir lesen von dem unendlichen Schmerz, körperlich uns seelisch und vom Leid in der Zeit danach. A. lebt auf der Straße, gegenüber des Gefängnisses, des Haus aus Stein. Er ist ein Niemand geworden. Die vorüber Eilenden beachten ihn nicht. Er ist für die Welt verloren. Eindringlich, wie eine einzige fortlaufende Suada, Sätze wie Refrains wiederholend, beschreibt die Autorin diese brüchige Existenz, die selbst keine Worte mehr findet, mitunter nur noch in wildes lautes Gelächter ausbricht. Ver-rückt. Den Verstand verloren. Erneut unfrei.

„Jedes Menschenleben ist schließlich eine Niederlage, nur fällt sie bei manchen grandioser aus als bei anderen.“

Dieses Buch ist hart, geht in die Tiefe des Schmerzes und ist eigentlich nicht auszuhalten, würde Asli Erdoğan nicht solche Worte dafür finden. Und auszuhalten vielleicht auch dann, wenn die Leserin sich vor Augen führt, dass die Autorin womöglich ähnlich Unerträgliches er- und überlebt hat. Und dass es immer noch überall auf der Welt solche furchtbaren Orte gibt – solche Häuser aus Stein.

Der Roman erschien im Penguin Verlag. Übersetzt hat es Gerhard Meier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Asli Erdoğan: Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch Knaus Verlag

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„Ich bin Schriftstellerin und kein Mensch in der Türkei nimmt mich politisch ernst.“, sagte Asli Erdoğan nach ihrer Freilassung der FAZ-Journalistin Karen Krüger. Vielleicht habe man mit ihrer Verhaftung die Nachricht senden wollen: „Es kann jeden Intellektuellen treffen.“

So steht es in der soeben erschienenen Anthologie mit Essays von Asli Erdoğan gleich eingangs im Vorwort von Cem Özdemir. Diese Einführung ist gleichzeitig ein sehr kurz gehaltener aber sehr gut verständlicher Text über die letzten Jahre türkischer Politik. Sofort erkennt man, welch ein komplexes Thema diese ist.

Was in der Tat stark zu spüren ist in Erdoğans Essays ist, dass sie sich vor allem als Schriftstellerin sieht. Denn ihre Texte sind viel mehr als sachliche Essays. Es sind hochliterarische Selbstvergewisserungen, zutiefst poetisch, sehr persönlich, sehr klug und sie berühren in hohem Maße. Es war wichtig, dass sie übersetzt wurden, man sollte sie lesen, vor allem als Frau, denn Asli Erdoğans Stimme ist vor allem auch eine der Frauen. Ein Leuchten!

In ihren sehr aktuellen Texten gibt sie eindrucksvoll ihr Verhalten in Istanbul in der Nacht des Putschs am 15.7.2016 wieder, schreibt über den Genozid an den Armeniern und über die Kriegsverbrechen an den Kurden, über die Gezi-Proteste, vom Zusammenhalt der Frauen am Frauentag, verfasst einen Nachruf auf eine junge Frau, die für den Frieden demonstrierte und erschossen wurde und für all die anderen, die Opfer einer korrupten Regierung wurden, erzählt von Krieg und Folter und Gewalt und in alldem von sich und vom Schreiben.

„Ein Satz, der schon zig Male gesagt wurde, manchmal reißt er einen Menschen mit wie ein Strudel und wirbelt ihn zwischen Erde und Himmel umher. Dann speit er einen unverhofft aus und man bleibt an den Ufern des Schweigens liegen.“

Ich zögerte lange, ob ich dieses Buch lesen will: Welch ein Glück, dass ich es getan habe! Es ist ein großer Gewinn …

Asli Erdoğan ist zur Zeit auf freiem Fuß, mit der Auflage die Türkei nicht zu verlassen, nachdem sie im Zuge des Putsches im August 2016 verhaftet wurde, vor allem weil sie für eine kurdisch-türkische Zeitung schrieb. Möge dieser Irrsinn für sie und für all die anderen Betroffenen gut ausgehen!

Das Buch wurde aus dem Türkischen übersetzt von Oliver Kontny, Sabine Adatepe, Sebnem Bahadir, Angelika Gillitz-Acar, Angelika Hoch-Hettmann und Gerhard Meier. Es erschien im Knaus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.