Tove Ditlevsen: Kindheit/Jugend/Abhängigkeit Aufbau Verlag

Alle sind begeistert von Tove Ditlevsens (1917 – 1976) autobiographischer Roman-Trilogie. Ich hatte mich sehr aufs Lesen gefreut, denn eine Gedichte schreibende Frau aus der Arbeiterklasse klang hochinteressant. Doch ich kann in den Begeisterungssturm gar nicht so sehr mit einstimmen. Der dritte Band gefiel mir letztlich am Besten, schien mir am Ausdruckvollsten. Inhaltlich ist die Geschichte durchaus interessant, als Zeitdokument eines Frauenlebens dieser Jahre und Einblick in die Reifung ins Schriftstellerinnendasein. Sprachlich haben mich die Bände aber ein wenig enttäuscht. In den abgedruckten Gedichtstellen sehe ich auch nicht die große Begabung, die Ditlevsen damals in Kopenhagen bescheinigt wurde.

Schon als Kind fühlt sich Tove anders als die anderen Kinder in der Siedlung, in der die Ärmeren Kopenhagens leben. Der Vater meist arbeitslos, aber lesend und gewerkschaftlich organisiert und politisch interessiert, die unzufriedene Mutter zuhause, die sie schlägt. Schon mit fünf lernt sie von sich aus Lesen und Schreiben. In der Schule ist sie sehr gut, aufs Gymnasium darf sie dennoch nicht. Sie tritt mit 14 also ihre erste Arbeitsstelle an. Und sie schreibt. Was mit einem Poesiealbum beginnt, mit dem Tagebuch weitergeht und schließlich zu Gedichten und längeren Texten führt. Immer wieder wird klar, wie wenig gebildet sie ist und wie sehr (und meist richtig) ihre Intuition sie leitet und antreibt. Mit 18 zieht sie aus – ein eigenes Zimmer, endlich. Oft sind es glückliche Umstände, Zufälle, Begegnungen mit passenden Menschen, aber auch der stete Drang schreiben zu wollen, die sie auf ihrem Weg voran bringen. Ein Schlüsselsatz ist für mich etwa dieser:

„Ich denke, dass Piet Hein nicht weiß, was es bedeutet, arm zu sein und fast seine ganze Zeit verkaufen zu müssen, nur um ein Auskommen zu haben. Ich hege viel mehr Sympathie für Halfdan Rasmussen, der klein, dünn und schlecht gekleidet ist und von Sozialhilfe lebt. Wir entstammen dem selben Milieu und sprechen dieselbe Sprache.“

Klingt die Erzählstimme im ersten Band sehr kindlich, im zweiten Band sicherer, scheint sie mir im dritten Band, der auch im Original später (1967/1971) als die beiden ersten erschien, gereift. Nach ersten Erfahrungen mit Männern und durch das durch eigene Arbeit relativ selbständige Leben, folgen nun in Band 3 Abhängigkeiten in der Ehe. Vier mal hat Ditlevsen geheiratet. In ihrer dritten Ehe (1945) mit einem Medizinstudent wird sie durch ein Medikament nach einem Schwangerschaftsabbruch abhängig. Obwohl dieser Mann ihr gar nichts bedeutet, ist sie abhängig von ihm, weil er die Drogen beschafft und ihr verabreicht. Anfänglich schreibt sie unter Drogeneinfluss wie im Rausch. Doch ihre Gesundheit verschlechtert sich in dieser Zeit enorm. Wie sie diese destruktive Zeit schildert, auch wie ihr Mann Carl zur gleichen Zeit eine Psychose bekommt, ist sehr stark erzählt. Hier zeigt sich auch am deutlichsten der Wunsch einerseits nach Unabhängigkeit, vor allem für ihr Schreiben und andererseits nach Sicherheit und Familie. Mit ihrer Sucht wird sie ihr Leben lang zu kämpfen haben, doch scheint ihr die letzte Ehe mit Victor und ihre Kinder einigen Halt gegeben zu haben. 1976 stirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten.

Die drei Bände erschienen im Aufbau Verlag. Übersetzt hat sie Ursel Allenstein.

Han Kang: Weiß Aufbau Verlag

In ihrem neuen Buch konzentriert sich die Koreanerin Han Kang, deren Romane, ich alle las und durchweg sehr empfehlen kann, auf die Tiefe und Poesie der Sprache. Was in ihren Romanen, allen voran „Die Vegetarierin“ immer schon anklang, kommt hier zur vollen Geltung. Da ich Lyrik und die literarische Beschäftigung mit den eigenen Innenwelten sehr mag, bin ich von dieser bisher unbekannten Seite der Autorin sehr angetan. Han Kang beschäftigt sich mit der Farbe Weiß. Entsprechend ist das Cover und auch das Buch selbst ganz in Weiß gehalten und mit einer zarten weißen Feder bedruckt. Feder womöglich auch als Metapher fürs Schreiben?

Die Autorin beschreibt eingangs kurz, wie sie auf die Idee des „weißen“ Schreibens kam und erzählt von einem Aufenthalt in einer nicht genannten europäischen Großstadt(aus dem Kontext erschließbar Warschau). Hier, auf sich selbst zurückgeworfen, unter Menschen, deren Sprache ihr fremd war und deren Straßenschilder und andere Beschriftungen sie nicht lesen konnte, fallen ihr Wörter zu, die eine Verbindung zum Weiß und auch zu ihrem Inneren haben.

„Warum drängt in dieser unbekannten Stadt immer wieder längst Vergessenes  an die Oberfläche? […]
So sehr, dass der Ort, an den ich mich letzten Sommer geflüchtet habe, für mich keine Stadt am anderen Ende der Welt ist, sondern vielmehr in letzter Konsequenz das Zentrum meines Innenlebens.“

Ein weiterer Aspekt, der von Han Kang immer wieder aufgegriffen wird, ist die Zeit. Die Vergangenheit, das Vergehen der Zeit, das Beobachten des Vergehens der Zeit. Zugleich greift Han Kang auch Themen ihrer eigenen Familiengeschichte auf, vorrangig den Tod der älteren Schwester, den sie nur durch den Schmerz der Mutter über den Verlust erlebt. Sie selbst hat die Schwester nie gekannt. Wie tief dieser Tod jedoch auf ihr eigenes Leben einwirkt, spürt sie immer wieder.

„Ein Jahr nach dem Verlust ihrer ersten Tochter hatte meine Mutter eine weitere Frühgeburt. Dieses Mal war es ein Junge. Weniger weit entwickelt als seine Schwester, starb er schnell, ohne jemals die Augen geöffnet zu haben. Hätten diese beiden Leben die kritische Zeit sicher überstanden, würde es mich, die drei Jahre danach geboren wurde, nicht geben. […] Meine Mutter hätte bis zuletzt nicht mit der Erinnerung an dieses Leid leben und sich irgendwie darüber hinwegtrösten müssen.“

Weiß ist in  Asien auch die Farbe des Todes und der Trauer. So gleitet die Vergänglichkeit durch jede Zeile dieses Buches. Traurigkeit ist überall zu spüren. Weiß findet die Autorin in jener Zeit, in der fremden Stadt überall, denn sie hat den aufmerksamen Blick dafür. Sie schreibt in diesem Buch über diese Farbe, die auch stellvertretend für die Reinheit ist. Und für die ewige Erinnerung an die verlorene ältere Schwester: „In allen weißen Dingen werde ich dich spüren und für dich weiteratmen.“ 

Han Kangs Buch ist das Tagebuch einer poetischen Wiedergeburt. Es ist eine Art, sich wieder einzulassen, neu zu sehen, zu spüren, heilsames Schreiben. Die Übersetzung von Ki-Hyang Lee scheint mir höchst gelungen. Die Photographien im Buch sind von Han Kang. Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Han Kang:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/08/26/han-kang-die-vegetarierin-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/12/11/han-kang-menschenwerk-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/02/20/han-kang-deine-kalten-haende-aufbau-verlag/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Han Kang: Deine kalten Hände Aufbau Verlag

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„Als H. viele Jahre später fragte, warum ich Abdrücke von Menschen nähme, wusste ich nichts zu erwidern. Hätte sie etwas geschickter gefragt, wie ich dazu gekommen war, hätte ich vielleicht reagieren können.“

Wie schon mit dem ungewöhnlichen Roman „Die Vegetarierin“, mit dem die südkoreanische Autorin Han Kang Aufsehen erregte, taucht sie nun wieder in eine Welt der Sinnlichkeit, der Körperbefindlichkeiten ein. Es ist erstaunlich, wie diese junge Autorin es schafft enorme Tiefe in all ihre Texte zu bringen und das bei großer inhaltlicher Vielfalt. Zugrunde liegt diesem Roman die Suche nach der Wahrheit, nach dem was hinter den Masken der Menschen zu finden ist. Der Roman erschien im Original wesentlich früher als die beiden anderen, die in Deutsch erschienen.

Die Geschichte spielt in Seoul und der erste von drei Teilen in der Stadt Gwangju, deren historische Ereignisse bereits die Hauptrolle in Han Kangs Roman „Menschenwerk“ spielten. Diese Geschichte ist allerdings in der Gegenwart verortet und erzählt von dem Bildhauer Unhyong, dessen Werk von Körperinszenierungen der besonderen Art durchdrungen ist.

Der erste Teil handelt ganz von der Kindheit und Jugend des Bildhauers. Scharf beobachtet der kleine Junge schon, wie selbst seine eigenen Eltern hinter ihren Masken leben. Selten sieht und erlebt er sie ungeschützt. Zwei Erlebnisse prägen die Kindheit: Zum einen der alkoholsüchtige Onkel, dessen Hand leicht deformiert ist und die deshalb große Faszination auf das Kind ausübt. Zum zweiten ist es die Züchtigung und das Verhalten des Vaters, als die Familie ihn beschuldigt, Geld entwendet zu haben. Sich selbst versucht der Junge hinter seinen dicken Brillengläsern zu verstecken:

„Ich versteckte meine Unruhe hinter meiner Brille und ging in mein Zimmer.“

oder

„Die bittere Abscheu versteckte ich hinter meinen Brillengläsern.“

Er merkt schnell, dass es im Leben nicht ums Echtsein geht, sondern um die Leistung, um das, was man tut, nicht was man ist. In diesem Bewusstsein, dass keiner sich wirklich zeigt, wächst der Junge als Außenseiter heran, wird, weil ein Lehrer seine Begabung entdeckt, Kunststudent, aber ein recht einsamer Mensch.

Im zweiten Teil „Die heilige Hand“ lernt der Künstler eine junge Frau, nur L. genannt, kennen. An ihr, die stark übergewichtig ist, findet er zunächst vor allem ihre Hände faszinierend. Er wird sie abformen und in Gips zu Kunst machen. Mehr und mehr vertraut sich L. ihm an, erzählt ihm ihre Geschichte und wird sein Ganzkörpermodell und auch er beginnt sich zu öffnen. Sie werden ein Liebespaar, doch nicht auf Dauer. Als er L. nach vielen Monaten nach ihrer Trennung wieder begegnet, ist sie schlank, leidet aber unter Bulimie und ist psychisch labil. Es geht ihr schlechter als zuvor. Da sie ihre Bleibe verliert, zieht sie zu ihm ins Atelier. Er unterstützt sie, wo er kann. Doch auch das ist nicht von Dauer, denn als ihr Geliebter, dem zuliebe sie sich dünn gehungert hatte, sich wieder meldet, verschwindet sie erneut. Unhyong zieht sich enttäuscht fast ganz von der Welt zurück, kann kaum mehr arbeiten.

„Ich hatte die Bildhauerei als Berufung angenommen und war nun über dreißig Jahre alt. Aber das allein befähigte mich natürlich nicht dazu, Schönheit zu erkennen. Als schön empfand ich, was mich elektrisierte. Ich wurde dann hellwach, das Blut pulsierte schneller in meinen Adern und manchmal stiegen mir Tränen in die Augen. Was mich auf diese Weise berührte, unterschied sich vom Schönheitsempfinden der anderen. (…) Was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie womöglich nicht in Kontakt kommen wollten.“

Im dritten Teil, sehr bezeichnend „Maskenball“ genannt, lernt Unhyong eine Innenarchitektin kennen, E., deren kühle Ausstrahlung schwer zu durchschauen ist, die ihn aber gerade deshalb interessiert. Er verliebt sich in sie. Als er eines Tages fragt, ob sie ihm ihr Gesicht als Modell zum Abformen zur Verfügung stellen würde, willigt sie schließlich ein. Diese Entscheidung führt für beide zu ungeahnten weiteren Entscheidungen, die sie schließlich dazu zwingen, nach langem inneren und äußeren Kampf voreinander ihre Masken fallen zu lassen. Möglicherweise ist dies der Beginn einer tieferen Ebene ihrer Geschichte …

„Deine kalten Hände“ ist ein faszinierendes, teils erschreckendes Buch. Einzig in seiner Art, die menschlichen Masken zu durchdringen und den Spiegel vorzuhalten. Wer sind wir wirklich, wenn wir uns nicht mehr geschützt von unseren Alltagsmasken befinden, wenn wir verletzlich werden? Werden wir dann noch gewollt und geliebt? Sprachlich ist es absolut gelungen, wenngleich die Story minimal hinter ihren beiden vorher erschienen Romanen zurücksteht.

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Übersetzt aus dem Koreanischen wurde es von Kyong-Hae Flügel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich Aufbau Verlag

9783351037390 Foto Gianna Molinari

Die 1988 geborene Schweizerin Gianna Molinari las im Jahr 2017 einen Auszug aus ihrem Debütroman bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Ihr Beitrag kam gut an und sie erhielt den 3Sat-Preis. Nun liegt der komplette Roman vor und er wurde sofort für die longlist des Deutschen Buchpreis 2018 nominiert. Das ist erstaunlich, doch es freut mich, denn es ist ein vom allgemein Üblichen abweichender Roman, der mich selbst sehr anspricht, mental und emotional.

Ein wenig naiv oder zumindest minimalistisch, wie auch die kleinen Zeichnungen im Buch, die die Hauptfigur während ihres Nachtwächterinnen-Dienstes anfertigt, wirkt diese Geschichte auf den ersten Blick. Das ist jedoch gerade das hinreißende an ihr. Was vielfach vergessen wird, ist, dass in der Naivität ja auch das Spielerische, Kindliche, Neugierige zum Tragen kommt. Und unter der scheinbaren Einfachheit der Geschichte finden sich unzählige doppelte Böden.

„Ich möchte Teil einer Geschichte sein oder vieler Geschichten zugleich.“

Die namenlose Heldin heuert in einer fast schon stillgelegten Fabrik als Nachtwächterin an. Nur ein Teil des Werkes produziert noch Wellpappe. Am Rest nagt der Zahn der Zeit. Aus der Ich-Perspektive wird erzählt, was die Hauptperson in den Nächten vor dem Monitor und bei ihren Rundgängen erlebt. Viel ist es nicht, wäre da nicht der Wolf, der bisher erst einmal auf dem Gelände gesehen wurde, von dem sie sich aber endlich Abwechslung verspricht. Denn hier „scheint noch alles möglich“ in dieser Brache, die die Welt außen vor hält, mit Zäunen mit Schlupflöchern. Der Chef hält es nicht für notwendig die maroden Stellen ausbessern zu lassen. Doch wegen des vermeintlichen Wolfs lässt er Fallen aufstellen und eine Grube ausheben.

„Der Wolf wird nicht gefürchtet, weil er in Containern wühlt und fressen will, sondern weil er eine Grenze überschritten hat. Er hat sein Umfeld verlassen und die Fabrik betreten. Das scheint Grund genug.“

Ein weiterer „doppelter Boden“ ist der M. d. v. H. f. Ein Mitarbeiter der Fabrik, Lose, der eine Sammlung zu einem ungewöhnlichen Ereignis aufbewahrt, wird zum Freund, ebenso wie Clemens, der jeweils die zweite Nachtschicht übernimmt. „Der Mann der vom Himmel fiel“ wird im Wald nahe des Flughafens und der Fabrik tot aufgefunden. Nach und nach stellt sich heraus, dass es sich vermutlich um einen Mann aus Kamerun handelt, der sich in einem Fahrwerk des Flugzeugs versteckte, doch während des Flugs in eisiger Höhe erfror. Als die Räder kurz vor der Landung ausgefahren wurden, fiel er zu Boden. Und genau diesen Moment sah Lose, der als Jäger auf einem Hochsitz saß und auf Wild wartete, aber nicht verstand, dass das fallende Etwas ein Mensch war.

„Seit ich weiß, dass nicht weit von meiner Halle ein Mann aus einem Flugzeug fiel und als Unbekannter gefunden wurde und ein Unbekannter blieb, scheinen mir die grundlegendsten Dinge nicht mehr sicher zu sein: die Zugehörigkeit zu einer Familie, der eigene Name.“

Die Nachtwächterin ist eine Sammlerin, eine, die Wissen und Fundstücke zusammenträgt, sich zum eigenen Verständnis Notate und Skizzen macht, eine die viel nachdenkt, fantasiert und hinterfragt und viel erkennt, erspürt. Eine, die noch nicht zum fremdgesteuerten Menschenroboter geworden ist, wie es die Gesellschaft verlangt, eine die noch spielen und ausprobieren und entdecken kann. Ich mag sie sehr, ich bin ihr sehr nah.

Und vielleicht ist es auch ein Märchen, das uns Gianna Molinari da erzählt. Vielleicht ist in solch einem Märchen der Wolf plötzlich da und kein Feind des Menschen, sondern ein sanfter Gefährte. Viel Weisheit und Tiefe strahlt aus diesem kurzen Text. Wenn Menschen vom Himmel fallen (diese Geschichte basiert auf einem tatsächlichen Ereignis), dann ist alles unsicher, dann ist alles möglich. Im Guten wie im Bösen. Dann mag es sogar möglich werden, dass Zäune und Grenzen durchlässig werden, dass Wölfe wieder einen gemeinsamen Lebensraum mit Menschen finden, dass die Natur und der Mensch wieder in Verbindung stehen,  dass Mensch und Mensch sich gegenseitig akzeptiert, dass Herkunft und Geschichte keine Rolle spielt.

Ein geglücktes literarisches Debüt! Ein flirrendes Leuchten!

Der Roman erschien im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Han Kang: Menschenwerk Aufbau Verlag

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„Anfang Dezember hatte ich damit angefangen zu schreiben, ohne irgendetwas anderes zu lesen oder mich mit jemandem zu treffen. Zwei Monate später, Ende Januar, wurde mir klar, dass ich so nicht weitermachen konnte.
Wegen meiner Träume.“

Die südkoreanische Autorin Han Kang, 1993 in Gwangju geboren, in Seoul lebend, kehrt mit diesem Roman an ihren Geburtsort zurück, der inzwischen als ein Ort der Gewalt und Massaker bekannt ist. 1980 wurden Studentendemonstrationen gegen die politische Unterdrückung blutig vom Militär auf Befehl der Staatsgewalt niedergeschlagen. Han Kang hat bereits mit ihrem ersten herausragenden Roman „Die Vegetarierin“ ein starkes, aber nicht leichtes Buch geschrieben – hier tut sie es wieder. Obgleich ein ganz anderes Thema, hört man auch hier ihren ganz eigenen Ton.

Ganz am Schluß des Buches steht obiges Zitat. Kang berichtet über die Zeit der Recherche und des Schreibens, und wie dieses Wissen sie in den Schlaf hinein verfolgte und zu Albträumen führte. Alles begann damit, dass sie von ihrer Familie erfuhr, dass in ihrem Geburtshaus ein Junge lebte, der beim Massaker getötet wurde. Offen darüber geredet wurde selten.

Kang besuchte auf den Spuren der Betroffenen die Gedenkorte in Gwangju und führte Interviews mit Überlebenden und Angehörigen, die auch in den Roman mit einfließen. Nicht alle schaffen es, darüber zu sprechen. Zu stark wird oft noch verdrängt. Sie lässt unterschiedliche Protagonisten zu unterschiedlichen Zeiten in den einzelnen Kapiteln erzählen: Ein Junge, 16 Jahre, der sich schuldig fühlte, weil er seinen Freund nicht schützen konnte, kommt zu Wort. Wir schauen ihm zu, wie er Angehörigen hilft, die Leichen zu identifizieren, die ganze Turnhallen füllen.

„Warum singt man die Nationalhymne für Menschen, die von Soldaten getötet worden sind? Warum werden sie in die Nationalflaggen eingehüllt? Es ist doch genau dieser Staat, der sie getötet hat.“

Und wir erfahren gleich im nächsten Kapitel, dass es bei einem weiteren nächtlichen Angriff auch ihn getroffen hat. Dass in einem Kapitel auch die Seele des ermordeten Jungen spricht, scheint ganz normal. Angehörige kommen zu Wort. Die Mutter des toten Jungen, die noch zwei weitere lebende Söhne hat, die aber gerade den Tod dieses unschuldigen Sohnes nicht aushält. Ein Überlebender, der jahrelang in Haft verbrachte, gefoltert wurde und plötzlich entlassen wird, der aber schwer ins Leben zurückfindet, weil das Trauma viel zu groß ist und die gefühlte Schuld, überlebt zu haben. So zieht sich die Spur der Gewalt bis ins Heute hinein, wird noch immer oft verdrängt. Kangs Roman spielt zu Aufarbeitung und Bewältigung vielleicht eine wichtige Rolle.

Han Kang findet einen Stimme, der die Betroffenen ehrt und ihnen ein Denkmal setzt. Obgleich klar und ungeschönt, begleitet immer auch ein zarter Ton die Geschichten. Sie  schreibt so, dass die Leser selbst mitfühlen können. Es ist ein Blick auf ein Land, der hiesigen Lesern fremde Geschichte nahe bringt. Ich freue mich auf weitere Romane von ihr. Ein Leuchten für diese Autorin!

„Menschenwerk“ erschien im Aufbau Verlag und wurde übersetzt von Ki-Hyang Lee. Einen aufschlußreichen Beitrag über Gwangju und Han Kangs Buch gibt es bei 3sat.
Zum Thema Süd/Nordkorea empfehle ich ebenfalls Anna Kims Roman „Die große Heimkehr“

Weitere Stimmen zum Buch bei:
aufgelesen
Wissenstagebuch
Letusreadsomebooks

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen Aufbau Verlag

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Ein Debütroman aus Kasan in Tatarstan – das klingt schon außergewöhnlich und so führt dieser Roman auch in eine mir vollkommen unbekannte Welt. Gusel Jachina, die auch Germanistik studierte, stellte ihren Debütroman im Literaturforum im Brechthaus vor und erzählte auf Deutsch über die Recherchen und auch über die persönlichen Hintergründe dazu. Es war ein eindrucksvolles Gespräch. Auch Ljudmila Ulitzkaja, die große russische Autorin drückt in ihrem Geleitwort ihr Erstaunen und ihre Freude über dieses Buch aus. Sie sagt es ist ein „Frauenbuch“. Aber sie meint es in Übereinstimmung mit der Autorin: Es ist eine starke Stimme aus weiblicher Feder, ein Blick auf ein starkes, für mich sehr fremdes Frauenleben. Und wie der Titel bereits andeutet: Suleika öffnet nicht nur symbolisch die Augen, Sie beginnt tatsächlich immer mehr zu sehen und wahrzunehmen. Es ist die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau hin zu einer reifen Persönlichkeit.

Gusel Jachinas Roman spielt ab 1929 in der Sowjetunion, genauer in Tatarstan, zunächst in einem kleinen Dorf namens Julbasch in der Nähe der Stadt Kasan. Dort lebt die 30-jährige Suleika mit ihrem Ehemann und der unerbittlichen Schwiegermutter. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte man sie verheiratet. Sie hat bereits vier Töchter geboren, doch jede starb kurz nach der Geburt. Sie führt ein hartes Arbeitsleben, was kein persönliches Glück vorsieht, steht dem wesentlich älteren Mann und dessen fordernder Mutter zu Diensten. Rechte hat sie keine.

„Suleika öffnet die Augen“ ist der passende Titel für diesen Roman, denn es ist eine weibliche Entwicklungsgeschichte. Mag man zunächst annehmen, dieses Schicksal könnte schlimmer nicht sein, kommt es aber doch noch härter. Im Zuge der „Entkulakisierung“, der Bauern mit Eigentum, verliert Matusa, Suleikas Ehemann, Haus und Hof und schließlich sein Leben. Suleika wird nach Sibirien verbannt, zur Mithilfe beim Aufbau einer vorbildlichen Arbeiter-Siedlung, zur Zwangsarbeit. Allein die Reise, (in den Innendeckeln des Buches kann man den Weg anhand einer Karte verfolgen) die Suleika mit anderen Kulaken und Regimefeinden antritt, dauert Monate und kostet viele Menschenleben. Auf dieser Reise bemerkt Suleika, dass sie schwanger ist.

Suleika ist Muslimin, glaubt aber ebenso an die Naturgötter, die in den Wäldern hausen. Die Verbindung zu diesen kommt ihr vermutlich in der neuen „Siedlung“ zu gute. Die kleine Gemeinschaft unter der Führung des Offiziers, der auch Suleikas Mann tötete, überlebt mit Mühe den ersten Winter. Suleikas Sohn wird geboren, mithilfe eines Arztes, der ebenfalls zu der Gruppe der Verbannten gehört. Dieser wird schließlich auch Vertrauter in Suleikas Leben. Es dauert Jahre, bis die Siedlung zum Dorf wird, in dem es sich einigermaßen gut leben lässt. Suleika arbeitet zunächst als Köchin, später entdeckt sie ihr Talent fürs Jagen. Trotz vieler Entbehrungen und harter Arbeit erlebt sie diese Zeit mehr und mehr als bereichernd, vor allem, weil ihr Sohn wächst und gedeiht und eben nicht stirbt, wie die Töchter. Zwischen ihr und  Ignatow, dem Offizier, entsteht eine gewisse Anziehung, die beide zunächst nicht akzeptieren …

 

Jachina hat ein Händchen für die Beschreibung der Charaktere in ihrer ungewöhnlichen Geschichte. Alles wird unter ihrem Blick lebendig, leuchtende, starke Bilder entstehen beim Lesen. Ich staune über die Kraft, die dieser Roman ausstrahlt. Vielleicht wird Gusel Jachina beim Schreiben auch von den Naturgöttern unterstützt …
Ich jedenfalls wünsche ihr mehr und mehr Leserinnen. Es ist ein ganz und gar bewegendes Debüt.

Der Roman „Suleika öffnet die Augen“ erschien im Aufbau Verlag in der auch von der Autorin gelobten Übersetzung von Helmut Ettinger aus dem Russischen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein Aufbau Verlag

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Berliner Gedanktafel, Wikimedia commons.

Vor einiger Zeit begann Birgit von Sätze & Schätze auf ihrem vielseitigen Blog Lieblingsklassiker von diversen Bloggern unter dem Motto #MeinKlassiker zu sammeln. Mittlerweile ist einiges zusammengekommen. Ich habe über Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ geschrieben:

Als Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzens alias Hans Falladas letzter Roman „Jeder stirbt für sich allein“ im Jahr 2002 teils zum ersten Mal ins Englische und weitere Sprachen übertragen wurde, wurde er zum Weltbestseller. Die deutsche Neuauflage der ungekürzten Version auf der Grundlage des Originalmanuskripts kam 2011 auf den Markt und plötzlich wurde Fallada wieder gelesen!

Falladas Romane sind leicht zu lesen, keine Bücher, die sprachlich besonders hervorstechen, aber es sind Geschichten, die mitreißen und deren Stoff auch immer ein Stück deutscher Geschichte aufzeigt. Ob „Kleiner Mann – was nun?“, mit dem er 1932 weltbekannt wurde, ob „Ein Mann will nach oben“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, es sind Werke, die Zeiten überdauern und dennoch aktuell sind. Gerade „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein einzigartiges Zeitdokument, wurde es doch von einem Schriftsteller geschrieben, der in der Zeit des Nationalsozialismus nicht emigriert war, sondern in Deutschland lebte, wenn auch als `unerwünschter Autor` völlig zurückgezogen im mecklenburgischen Dorf Carwitz.

weiterlesen:
#MeinKlassiker (9): Hans Fallada – und was “Jeder stirbt für sich allein” uns heute noch zu sagen hat — Sätze & Schätze