Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks S. Fischer Verlag

DSCN2144

Ein höchst komplexes Buch hat Arundhati Roy da geschrieben. Nach ihrem großen Romanerfolg mit „Der Gott der kleinen Dinge“ vor vielen vielen Jahren, an dessen Lektüre ich mich noch sehr gut und gern erinnere, hat die Autorin jetzt ihren neuen Roman vorgelegt. In der Zwischenzeit war Roy nicht untätig, sondern hat sich um die Politik ihres Landes bemüht, auch im Hinblick auf die Rolle der Frau.

„Ich würde gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zuviel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?“

Der neue Roman bietet, wie ich finde, einen Überblick über das Land und konfrontiert den Leser mit dessen Politik, die sich geschichtlich herleiten lässt und die nicht immer einfach zu verstehen ist. Was allerdings von vorn herein klar wird, ist, dass auch hier wie fast überall auf der Welt, die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Ganz ähnliches erzählt auch Shumona Sinha über ihr Heimatland.
Was Roy nicht verlernt hat, ist die Poesie ihrer Sprache. Sie ist es auch, die mich durch das Buch trägt und mich dabei bleiben lässt, auch wenn es manchmal verwirrend wird.

„Gottes Halsschlagader platzte auf der neuen Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Millionen Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“

Es geht um die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslims, die offenbar nicht mehr friedlich nebeneinander leben wollen und zusätzlich geht es um die vielen Bevölkerungsgruppen/schichten und politischen Parteien, die untereinander aus ähnlichen oder anderen Gründen zerstritten sind. Dazu rechne man dann noch die Kolonialvergangenheit … Roy öffnet diesen Raum für westliche Augen, gibt Einblicke. So, im Roman, lässt sich für mich die Geschichte eines Landes besser verstehen und bei Roy darf man auf fundiertes Wissen vertrauen.

„Die Bangladeshi, die wir befreit haben, verfolgen die Hindus. Die guten alten Kommunisten nennen Stalins Gulag einen „unumgänglichen Bestandteil der Revolution“. Die Amerikaner halten den Vietnamesen derzeit  Vorträge über Menschenrechte. Wir haben es mit einem Problem der Spezies Mensch zu tun. Niemand von uns ist ausgenommen.“

Haarsträubende Geschichten von Gewalt und Unrecht sind es, die Roy erzählt. Wenn ich so etwas lese, verstehe ich die Welt nicht mehr. Dieses Buch strotzt vor Korruption und Folter, Tod und Sterben, Mord und Massaker. Was ist ein Menschenleben wert? Mir fiel es auch schwer einem roten Faden darin zu folgen. Den Inhalt des Romans hier zu erläutern ist ebenso schwierig; ich habe das Gefühl, alles wiederholt sich ständig:

In zwei Erzählstränge teilt Roy ihre Geschichte auf. Zum einen geht um Aftab, der/die eine Hijra ist, also ein Wesen mit beiden Geschlechtsmerkmalen. Sie entscheidet sich für das Weibliche und nennt sich fortan Anjum und geht früh von zuhause fort. Im Verlauf gründet sie ein Gästehaus für Verlorene und Ausgestoßene mit Bestattungsunternehmen auf einem Friedhof in Delhi.

Zum zweiten geht es um vier Studenten, drei Männer und eine Frau, die sich anfreunden, deren Wege sich aber trennen und die sich in alle Winde zerstreuen. Mitunter kreuzen sich wieder die Bahnen und es kommt schließlich auch zu einem Zusammentreffen der beiden Stränge … Für mich sind jeweils die Frauen die Hauptpersonen.

Roy macht es dem Leser nicht leicht, der Geschichte zu folgen: so viele Namen, so viele Personen, gewaltige Zeitsprünge, wechselnde Perspektiven. Gegen Ende des Romans war ich mehr und mehr erschöpft und habe nur aufgrund von Roys sprachlichem Können zu Ende gelesen. Die hohe Qualität der Lektüre ist unbestreitbar, am Inhalt jedoch trägt man schwer …

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy in einer Übersetzung aus dem Englischen von Anette Grube erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.