Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten Die andere Bibliothek

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Wie konnte ich nur vergessen, wie wunderschön die Bände aus „der anderen Bibliothek“ sind. Kleine Kunstwerke für Bibliophile sind es, Stecknadeln im Heuhaufen der unüberschaubaren Bücherwelt.

Allerdings ist in diesem Band der Inhalt ganz konträr zum schönen Äußeren, so gar kein schöner, zumindest thematisch. Barbara Zoeke schreibt über ein dunkles Kapitel Deutschlands. Man ahnt es vielleicht anhand der Krankenhausbetten und der Schwesterntracht: Es geht um die sogenannte Rassenhygiene und um Euthanasie in der NS-Zeit. „Die Spezialisten“ aus dem Buchtitel sind nämlich genau die Ärzte, die ohne zu zögern „unwertes Leben“ aussonderten und in ihren Tötungsanstalten, skrupellos ums Leben brachten.

„Hitlers Spezialisten, sie sprechen von geistig Toten, von Ballastexistenzen. Sie erproben Tötungsverfahren, elegante, geheime, um die Säle der Landeskrankenhäuser zu leeren und die Rasse rein zu halten.“

Barbara Zoeke gelingt es trotzdem mit ihrer Sprache und dem Ton, der in diesem Roman herrscht, eine sehr gute, wenn auch nicht gut ausgehende (wie auch?), Geschichte zu erzählen. Ich bin beeindruckt von diesem Können. Über solch ein Thema einen Roman zu verfassen, braucht meiner Meinung nach viel Mut.

Der Roman ist in fünf Kapitel geteilt. Im ersten wird aus der Sicht der Hauptfigur Max Koenigs im  Jahr 1940 erzählt. Koenig ist Professor für Altertumsforschung, der mit seiner Frau Fee, einer Italienerin und der Tochter Püppi, in Leipzig lebt. Als sich die Zeichen häufen, dass er an der gleichen ererbten Nervenkrankheit Chorea Huntington, wie sein Vater litt (der hatte sich zusammen mit Koenigs Mutter umgebracht), kommt er zunächst in die Klinik in Wittenau bei Berlin. Sein ehemaliger Mentor warnt ihn, solange noch Zeit ist, er möge auf sich aufpassen und zumindest seine Familie aus Deutschland herausbringen.

„Du ahnst nicht, wie kränkend sie mich behandeln. Diese Medizinbüttel in ihren brettsteifen Kitteln. Lautstark zerpflücken sie meine Vita. Ich liege da, ein Wurm, über den sie reden. Professor für Altertumsgeschichte …“

In Wittenau lernt er drei Mitpatienten, den Jungen Oscar, den Lehrer Carl Hohein und die junge Frau Elfie, (die später als einzige überlebte), näher kennen. Die Klinikleitung entscheidet anhand von Fragebögen, welche Patienten „ausgelagert“ und „entsorgt“ werden sollen. Dazu gehören alle, die nicht mehr arbeiten können. Carl kann zunächst noch arbeiten, stirbt dann aber in einer Klinik an Unterernährung, welche ja auch im Euthanasie-Programm der Nazis vorgesehen war. Max und der mongoloide Junge Oscar werden in Bernburg an der Saale gleich nach Ankunft in der Gaskammer ermordet (14000 Menschen wurden dort zwischen 1940 und 1943 im Rahmen der Euthanasieprogramme vergast).

Die zweite Perspektive ist die von Dr. Friedel Lerbe, Arzt und Leiter der Tötungsanstalt Bernburg. Eine „geheime Reichssache“ übernimmt der Arzt, auch wegen der vielen materiellen Vorteile. An die Tötungen gewöhnt er sich leicht, ist doch alles zum Wohle des deutschen Volkes: das Bewegen des Gashebels, die Beruhigung der „Leichenbrenner“, sie sich über Schwierigkeiten beklagen, die Todes- und später speziell formulierten Trostbriefe, die an die Angehörigen gehen, die ausgedachten Todesarten. Ein ganz normales Leben, so gut wie keine Zweifel an der Tätigkeit, sogar alltägliche Tötungsroutine, bis auf die Begegnung direkt vor der Gaskammer mit Max Koenig, einem flüchtigen Bekannten/Verwandten, der zumindest eine Erinnerung und ein kurzes Zögern hervorruft: „Max Koenig, das war Onkel Gernoths Schwager.“

„Kaum einer wird sich vorstellen können, wie kompliziert und facettenreich meine Tätigkeit ist. Wie sehr ich als Chef dafür stehe, dass alles still und reibungslos funktioniert. Nur sehr naive Menschen können vermuten, dass das Töten unsere Hauptarbeit ist.“

Unfassbar.

In den letzten drei kürzeren Kapiteln schildert die Autorin knapp den Suizid Friedel Lerbes in Gefangenschaft nach Ende des Krieges, kurz vor seinem Prozeß.

Und sie erzählt von der Überlebenden Elfie, die zumindest die Mutter ihres Liebsten, Carl Hohein, am verabredeten Treffpunkt am Meer in Italien nach dem Krieg, wieder sieht. Von ihr erfährt sie die Geschichte von Carls Tod.

Auch Fee und die Tochter scheinen es geschafft zu haben, den Krieg zu überstehen.

„Die Stunde der Spezialisten“ von Barbara Zoeke erschien als 393. Band von „Die andere Bibliothek“. Die Illustrationen des Vor- und Nachsatzblatts stammen von Lars Henkel. Das Buch ist wie alle dieser Reihe auf feinstem Papier gedruckt, fadengeheftet mit Lesebändchen und im illustrierten Schuber. Ein bibliophiles Leuchten!
Mehr über Buch und Autorin findet sich hier.

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Theresia Enzensberger: Blaupause Hanser Verlag

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Das Foto auf dem Cover von „Blaupause“ mag ich. Es ist womöglich von einem Schüler in einem der Kurse von László Moholy-Nagy enstanden, der am Bauhaus Dessau lehrte. Es ist ein Originalfoto aus dem Bauhausarchiv von 1926 von einem unbekannten Fotografen und es ist nachkoloriert. Es ist eine schöne Eröffnung zum Debütroman der 1986 geborenen Theresia Enzensberger (ja, die Tochter von Hans Magnus).  „Blaupause“ spielt in den Jahren 1921 – 1926 teils in Weimar, teils in Dessau.

Es geht um die junge Luise Schilling, die es geschafft hat, ihren Vater zu überreden, am Bauhaus in Weimar Architektur studieren zu dürfen. Sie kommt aus Berlin aus einer wohlhabenden Familie und doch ist das illustre Studentenleben in Weimar aufregender als das beaufsichtigte Leben in Berlin. Zunächst gerät Luise in die „Fänge“ der dort angesagten Gruppe von Naturmystikern um Johannes Itten, Professor am Bauhaus und Guru der dortigen Mazdaznan-Bewegung, die mich leicht an die Anthroposophen erinnerte. Das liegt vor allem daran, dass sie sich in den hübschen, aber unsteten Jakob aus diesem seltsamen Freundeskreis verliebt hat. Nach einer Weile findet sie allerdings heraus, dass weder Jakob noch diese Bewegung, das passende für sie sind und sie stürzt sich vermehrt in die Arbeit.

Ihr Vater beordert sie allerdings kurzerhand nach Berlin zurück, wo er sie in eine Hauswirtschaftsschule steckt, um ihr die Bauhaus-Flausen auszutreiben und um einen geeigneten Ehemann zu finden.

Nach dem Tod des Vaters kehrt sie kurzerhand wieder ans Bauhaus zurück, allerdings nach Dessau, wo der verehrte Walter Gropius unterrichtet. Dort verdient sie ihr Geld zunächst mit Kellnern, von zuhause erhält sie keine Unterstützung mehr. Und sie findet neue Freunde, einen zuverlässigeren Geliebten, eine alte Freundin aus Weimarer Tagen und einen Platz in der Bau-Klasse. Den verhassten Webstuhl lässt sie links liegen und arbeitet leidenschaftlich an neuen und innovativen Plänen für eine Wohnsiedlung in Berlin.

Doch auch hier läuft es nicht so wie erhofft. Dass ihr am Ende sowohl der Geliebte als auch der Professor den Boden unter den Füßen wegziehen, lässt sie straucheln, aber auch eine ganz neue Richtung einschlagen, auch geografisch, wie man am Ende des Buches aus dem „Nachlass Luise Schillings“ erfährt …
Mehr wird nicht erzählt, man lese selbst.

Theresia Enzensbergers Debüt lebt von seiner Geschichte, von den Schauplätzen, vom Interesse an der Kunst, von den damals neuen kreativen Ideen, vom Aufbruch und auch von mutigen Frauen, die sich trotz aller Vorbehalte in ein von Männern dominiertem Studium einbringen wollen. Nur am Rande streift Enzensberger das politische Geschehen in Deutschland, vor allem anhand des Kommilitonen Friedrich, der sich in Berlin als Kommunist aktiv gegen den wachsenden Faschismus stellt.

Enzensbergers Buch punktet nicht mit seiner Sprache, keine Figur kommt mir wirklich nah. Es ist leicht geschrieben, leicht herunter gelesen, eine schöne unterhaltsame Geschichte. Für mich ist es aber kein Buch über die „emanzipierte Frau“ und auch kein Buch über Politik, wie man in verschiedenen Rezensionen lesen kann, dafür geht es zu wenig tief auf diese Themen ein. Vielleicht ist das generell ein Problem des Buches, dass die Autorin vieles anschneidet, aber zu schnell weiterspringt. Gerade in den zweiten Teil, der in Dessau spielt packt sie zuviel hinein.

Ich bin gespannt wie es mit der Schriftstellerin Theresia Enzensberger weitergeht nach diesem Debüt. „Blaupause“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secession Verlag für Literatur

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Kürzlich gab es eine schöne Aktion namens Verlagebesuchen. In Berlin war das richtig ergiebig. Ein Highlight: der Secession Verlag. Das Verlagsbüro findet man in einem schönen Gartenhaus in der Potsdamer Straße und es teilt sich die Räume mit der Galerie P98a, in der Erik Spiekermann sein Büro und eine Druckwerkstatt hat. Man erfährt also gleich nebenbei, wo die wunderschönen qualitativ anspruchsvollen Bücher des Verlages gemacht werden …

Verleger Christian Ruzicska sagt dann auch gleich, dass sowohl inhaltlich, sprachlich und auf das Äußere sehr geachtet wird. Alles soll stimmigen Einklang finden. Hier werden Bücher aus Leidenschaft gemacht!

Und das sehe ich einmal mehr bei dem vorliegenden aktuellen Buch von Jérôme Ferrari. „Ein Gott Ein Tier“ ist in schwarzes Leinen gebunden, der Schriftzug kontrastiert in rot und schlängelt sich über Vorder- und Rückseite. Hochwertiges Papier wurde gewählt. Welches es ist, kann man im Impressum nachlesen, ebenso die gewählte Schriftart. Innen rote Vorsatzblätter und ein farblich passendes Lesebändchen. Das ganze natürlich fadengeheftet. Und, man möge es mir nachsehen, es riecht gut …


Jérôme Ferraris Buch erschien bereits 2009 in Frankreich. Inzwischen ist der 1968 geborene Franzose auch in Deutschland bekannter geworden. 2012 erhielt er den Prix Goncourt. Das nur 110 Seiten umfassende Bändchen hat es in sich …

Der Tod und das Grauen kommen aus den schwarzen Augen einer Frau, die unter ihrem Gewand mit schmaler Hand die Schnur des Sprengsatzes zündet „die sich um ihre Taille schlossen wie der goldene Gürtel einer frisch Vermählten am strahlenden Morgen ihrer Hochzeit.“ – eine Selbstmordattentäterin. Auf diese konkrete Tat kommt Ferrari erst spät im Buch zu sprechen. Zunächst berichtet er von den Auswirkungen, die auch viel später noch Leben zerstören können.

Ein junger, zielloser Franzose verdingt sich als Söldner in einer Sicherheitfirma im Irak, ein sehr gut bezahlter, aber äußerst gefährlicher Job. Damit hat er auch seinen Freund überredet mitzukommen. Als sie nach ein paar Tagen Urlaub wieder am checkpoint eintreffen, passiert es.

Kurz darauf kehrt der junge Mann in sein Heimatdorf zurück – als psychisches Wrack. Sein Freund ist bei der Detonation ums Leben gekommen. Er fragt sich warum er überlebt hat und wie er nun leben soll …  er sucht nach dem Sinn.

„Denn du warst des Glaubens und der Kindheit müde, und müde des Vögeltötens, und du hast dir vorgestellt, dass die Welt darauf wartete, dich aufzunehmen in ihrer Umarmung, die sie dir niemals zugestanden hat, und dies hier, das war mitnichten die Welt, das war nur eine Wüste, erinnere dich, …“

Mit seinem alten Hund streift er durch das Dorf und erinnert sich: an den Vater, der ihm das Töten, das Jagen beibrachte, an seine Jugendliebe Magali, die die Sommer in seinem Dorf verbrachte, den ersten Kuss. In Gedanken malt er sich Magalis derzeitiges Leben aus: Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf, eine gute Stellung mit Aufstiegschancen und gutem Verdienst. Aber auch mit großer Leere und Oberflächlichkeit, denn es gibt nichts mehr sonst als die Arbeit, geschäftliche Verpflichtungen und flüchtige Bekanntschaften.

„Sie wird eine erlesen gute Laune zur Schau tragen, und einen beispielhaften Teamgeist, wofür sich die Bereichsleiterin bei ihr bedanken wird, indem sie die Zeichen der Zuneigung steigert, …“

Er schreibt ihr einen Brief, versucht auf diese Weise an alte Zeiten anzuknüpfen. Schließlich besucht er sie. Sie mögen sich noch immer. Doch ihre Welt ist nicht die seine und so verschwindet er wieder. Seine Welt gibt es wahrscheinlich gar nicht mehr, gab es vielleicht nie. So sehr er sie auch sucht, er findet sie nicht. Es gibt keinen Weg mehr ins Leben. Weder in der Liebe noch bei Gott findet sich Trost. Auch wenn der Erzähler seinen Protagonisten mehrmals ans Herz legt: „Die Menschen benötigen etwas Größeres als sich selbst, um leben zu können.“

Als Magali einige Zeit später auf der Suche nach ihm in seinem Dorf eintrifft, findet sie ihn nicht mehr …

Auf der Umschlagbanderole des Buches steht der Schriftzug „Requiem auf die Entfremdung des modernen Menschen“. Ich bin geneigt zuzustimmen. Ferraris Requiem ist allerdings auch eine sprachlich Offenbarung. Dem Vorwurf der Pathetik, der in manchen Kritiken zu lesen ist, kann ich nicht zustimmen. Ferrari wählte eine sprachliche Form, die mit dem Inhalt direkt in Beziehung steht und sie ist stimmig. Und sie ist das Einzige, was einen Ausgleich schafft zur Düsternis der Geschichte.

„Ein Gott ein Tier“ wurde von Christian Ruzicska selbst aus dem Französischen übersetzt. Mehr über Buch und den Secession Verlag hier.

Außerdem bisher aus dem Verlag von mir gelesen und besprochen:
„Unorthodox“ von Deborah Feldman und der wunderschöne Gedichtband „minimal“ von Tanikawa Shuntaro

Christoph Hein: Trutz Suhrkamp Verlag

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Gerade ein Jahr ist seit „Glückskind mit Vater“ vergangen und schon liegt ein neuer Roman von Christoph Hein vor. Was er in Interviews darüber erzählte, klang bereits verlockend. Die Mnemotechnik, von der ich noch nie zuvor etwas gehört hatte, spielt eine besondere Rolle in „Trutz“. Es handelt sich um eine Form von Gedächtnistraining bzw. um ein System sich einfacher Dinge merken zu können, sich genauer erinnern zu können. Das menschliche Gedächtnis soll dabei voll ausgeschöpft werden. Man kann dies mit bestimmten Methoden erlernen. Außerdem ist es ein Roman, der tief in die russisch/sowjetische Geschichte eintaucht, die anhand zweier Hauptprotagonisten geschildert wird.

Zum einen: Rainer Trutz zieht als junger Mann vom Land nach Berlin. Zunächst versucht er vergeblich Arbeit zu finden. Doch durch einen Zufall lernt er die Russin Lilja kennen, die ihm Arbeit bei einer Zeitung verschafft. Er schreibt zwei Romane, die nicht überragend erfolgreich sind, vor allem einer wird ihm jedoch zum Verhängnis: Die Nazis ergreifen die Macht und Trutz ist kein hinlänglich deutschtümelnder Autor. Nach einem Überfall versucht er 1933 mit seiner Freundin Gudrun ins Ausland zu emigrieren, doch als einziges Land bleibt die Sowjetunion, da Lilja hier bei der Einreise helfen kann. Dort findet Trutz jedoch nur Arbeit als Bauarbeiter und das Stalin-Regime wird immer strikter. Jahre später wird er aufgrund eines alten, angeblich stalinfeindlichen Zeitungsartikels aus Berliner Zeiten zu 5 Jahren Zwangsarbeit in einem Lager verurteilt. Gudrun und sein Sohn Maykl bleiben zunächst in Moskau, erfahren jedoch nie mehr etwas von Rainer und werden später aufgrund des Kriegsbeginns durch Hitler, als Deutschstämmige in die Verbannung in ein Arbeitslager geschickt.

„Ein zivilisiertes Volk wie die Deutschen könne sich einmal irren und einen Fehler machen, aber die Deutschen seien durch ihre wechselvolle Geschichte, durch ihre hohe Bildung, durch ihre weltweit bewunderte Kultur gottlob davor gefeit, einen Fehler zu wiederholen. In ein paar Monaten werde auch Berlin den braunen Spuk wie eine schwere Infektion überstanden haben und wieder lebenswert und liebenswert sein.“

Zum zweiten geht es um den Moskauer Neurolinguistik-Professor Waldemar Gejm, der über Mnemotechnik forschte und der in der Zeit der großen „Säuberungen“ Stalins zunächst von der Universität entfernt und später mit seiner Frau und den Kindern Geta und Rem ebenfalls in die Verbannung geschickt wird. So treffen sich beide Familien wieder, die sich in Moskau durch Lilja kennengelernt hatten und die gleichaltrigen befreundeten Jungen, die bereits in Moskau vom Vater im Gedächtnistraining geschult wurden, erhalten weiter Unterricht.

„Gejm erläuterte die Gedächtnistheorie der Antike, wonach sich der Mensch all jenes gut einprägen kann, was sich durch die Sinne mitteilt. Das Gedächtnis setzten sie einem inneren Schreiben gleich. So wie der Schüler, der das Alphabet lerne, alles aufschreibe, was man ihm diktiere, und alles lesen könne, was geschrieben ist, würde derjenige, der die Mnemonik erlerne, alles Erlebte und Erfahrene und Gehörte in seinem Gedächtnis festschreiben und es jederzeit wieder lesen, also erinnern können.“

Maykl legt man später nach dem Krieg und nach dem Tod seiner Eltern nahe, wieder nach Deutschland zurückzukehren und so beginnt er ein Studium in der DDR, in der er letztlich ein beinahe ähnliches Schicksal erlebt, wie sein Vater. Ihm gelangt sein geschultes Gedächtnis nicht zum Vorteil. Rem hingegen, dessen Vater später vollkommen rehabilitiert wurde, macht in Moskau Karriere beim Militär.
Rem und Maykl sehen sich erst nach der politischen Wende 1989 wieder …

Christoph Heins Roman ist eine beachtlich genau recherchierte Geschichte, die jedoch nicht das Potenzial eines großen Romans hat. Nicht, dass ich nicht mit Erwartungsfreude gelesen hätte. Aber irgendetwas fehlt; es fällt schwer, das genau zu benennen: Es könnte vielleicht einfach mangelnde Sympathie des Autors für seine Romanfiguren und deren schicksalhafte Lebensläufe sein. Oft wird einfach, beinah wie in einer Aufzählung, alles hintereinander weg erzählt. Der Text wirkt wenig gestaltet und ergibt nach meinem Empfinden keine runde stimmige Geschichte. Große Zeitsprünge werden gemacht, gerade im letzten Teil fehlt eine ausführlichere Darstellung der Ereignisse bis zum Treffen. Andererseits werden Erklärungen häufig wiederholt, obgleich der Leser sie längst kennt. Zudem hätte man mit der Idee der Mnemotechnik eine spannendere Story entwickeln können.
Was Hein sehr eindrücklich und überzeugend aufzeigt, sind die politischen Verhältnisse in Zeiten des Stalinregimes, die totale Überhöhung Stalins, die Sprunghaftigkeit der Oberen, die Unsicherheit, nie zu wissen, wer am nächsten Tag verhaftet, denunziert oder verbannt wird und die Zustände in den Lagern und unter der Zwangsarbeit.

Alles in allem habe ich Heins neuen Roman gern gelesen, aber gänzlich überzeugt hat er mich nicht. An „Glückskind mit Vater“ kommt er nicht heran und einen Jahrhundertroman, wie er im Klappentext bezeichnet wird, würde ich ihn nicht nennen, erinnert er doch oft eher an ein durchaus lesenswertes biografisches Sachbuch.

Christoph Heins „Trutz“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Peter liest.

Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag

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Am 16.4.1917, also genau heute vor 100 Jahren wurde die Malerin Charlotte Salomon in Berlin geboren. Ihr Leben war kurz. Sie starb 1943 im Alter von 26 Jahren in Auschwitz-Birkenau. Nun ist ein biografisches Buch von Margret Greiner anlässlich dieses Jahrestages erschienen. Es enthält einen Bildteil, der die Lebensgeschichte von Salomon mit ihrer Malerei unterstreicht.

Charlotte Salomon wird als Tochter des Arztes Albert Salomon und Franziska Grunwald in Berlin geboren. Sie ist ein aufgewecktes, doch von starken Stimmungsschwankungen geprägtes Mädchen. Im Alter von acht Jahren begeht ihre schwermütige (aus heutiger Sicht depressive) Mutter Selbstmord. Bereits die Schwester von Franziska entschied sich in jungen Jahren für den Freitod. Charlotte wird nun von Kindermädchen und den strengen Großeltern betreut. Der Vater bemüht sich, ist aber ganz in seiner Arzttätigkeit absorbiert. Eines der Kindermädchen erweckt in Charlotte die Lust auf das Zeichnen und Malen. Fortan wird diese Neigung Charlotte ihr Leben lang begleiten.
Der Vater heiratet wieder: die berühmte Opernsängerin Paula Lindberg, mit der sich Charlotte glänzend versteht. Ihre erst schwärmerische Liebe wird der Gesangslehrer von Paula, Alfred Wolfssohn. Doch die guten Zeiten halten nicht lange an, denn die Nationalsozialisten werden immer machtvoller. Charlotte schafft es sogar an der Akademie der Künste einen Studienplatz zu bekommen, trotz ihrer jüdischen Herkunft. Doch die Gefahr spitzt sich zu. Charlottes Eltern schicken sie nachdem Albert verhaftet, doch wieder frei gekommen war, nach Südfrankreich zu den Großeltern, die dort bereits seit geraumer Zeit leben.
Doch auch dort ist niemand sicher. Charlottes Großmutter nimmt sich 1940 das Leben. Erst da erfährt Charlotte die Wahrheit über die Suizide in ihrer Familie. Kurz darauf bringt man sie und den Großvater ins Lager Gurs. Doch sie kommen wieder frei aufgrund des hohen Alters des Großvaters. Charlotte schafft es nur mithilfe der Malerei eine tiefe Krise zu überstehen, nachdem ein befreundeter Arzt sie anregt, die Ereignisse künstlerisch zu „verarbeiten“. So beginnt sie wie eine Getriebene mit ihrem Lebensprojekt „Leben? oder Theater?“, an dem sie fast zwei Jahre lang malt, die Schlüsselszenen ihres Lebens in Farbe festhält.

„Sie rettete sich in die Arbeit, malte unaufhörlich. Wenn sie malte, hatte sie keine Angst.“

Der Großvater stirbt. Sie lernt Alexander Nagler kennen, zieht zu ihm. Beide heiraten, werden aber 1943 verhaftet und nach Ausschwitz deportiert. Die schwangere Charlotte wird gleich nach der Ankunft ermordet, ihr Mann überlebt die Zwangsarbeit nicht.


Margret Greiner beginnt in ihrem Buch mit der Reise von Charlottes Eltern nach Südfrankreich im Jahr 1947. Beide konnten aus dem Lager Westerbork entkommen und haben überlebt. Sie entschließen sich, den Spuren ihrer Tochter zu folgen. Sie finden Charlottes Nachlass:  er enthält über 1300 Gouache-Malereien, darunter das Projekt „Leben? oder Theater?“ mit 769 Blättern, aus denen sich ihr Leben nachvollziehen lässt. Darin versieht sie alle Personen mit neuen Namen und beschriftet die Bilder mit kurzen Texten. Aus heutiger Sicht wirken diese Blätter teilweise wie eine moderne Graphic Novel. Charlotte hatte sogar Musik und Gesang dazu angedacht.

Es ist wie ein Wunder, dass all die Bilder in einem Keller, aufbewahrt in einem Karton, erhalten blieben. Es ist unglaublich, welche Kraft aus Charlottes Bildern strömt und außergewöhnlich, wie sie dieses Werk in kürzester Zeit erschaffen konnte. Wie unfassbar, dass eine junge Frau, die aus eigener Kraft ihre Traumata bewältigte und trotz allem am Leben bleiben wollte, diesem grausamen Regime zum Opfer fiel.
Und dennoch, welch ein Glück, dass sie durch ihre Bilder für die Nachwelt lebendig bleibt … Ein Leuchten!


Vor einiger Zeit gab es bereits einen Versuch von David Foenkinos, das Leben Charlottes in einen Roman zu fassen – womit er meinem Empfinden nach deutlich scheiterte. Was er nicht schaffte, gelang Margret Greiner in jeglicher Hinsicht: Ihre Biografie über Charlotte Salomon wird der Malerin gerecht und versucht nicht in sprachlich besonders kreativer Form zu punkten. Das Buch erschien im Knaus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Charlotte Salomons Originalbilder befinden sich im Joods Historisch Museum in Amsterdam. Ein wunderbarer umfassender Bildspeicher ist diese Website mit den Malereien von „Leben? oder Theater?“:
http://www.charlotte-salomon.nl/collection/specials/charlotte-salomon/leben-oder-theater
Die Bildhinweise im Buch entsprechen der Nummerierung dieser Sammlung. Man kann also alles genau verfolgen und betrachten.

Ergänzend:  Eine Neuauflage des Buches „Charlotte Salomon – Bilder eines Lebens“ von Astrid Schmetterling ist im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag erschienen. Meine Besprechung dazu gibt es auf fixpoetry.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein Aufbau Verlag

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Berliner Gedanktafel, Wikimedia commons.

Vor einiger Zeit begann Birgit von Sätze & Schätze auf ihrem vielseitigen Blog Lieblingsklassiker von diversen Bloggern unter dem Motto #MeinKlassiker zu sammeln. Mittlerweile ist einiges zusammengekommen. Ich habe über Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ geschrieben:

Als Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzens alias Hans Falladas letzter Roman „Jeder stirbt für sich allein“ im Jahr 2002 teils zum ersten Mal ins Englische und weitere Sprachen übertragen wurde, wurde er zum Weltbestseller. Die deutsche Neuauflage der ungekürzten Version auf der Grundlage des Originalmanuskripts kam 2011 auf den Markt und plötzlich wurde Fallada wieder gelesen!

Falladas Romane sind leicht zu lesen, keine Bücher, die sprachlich besonders hervorstechen, aber es sind Geschichten, die mitreißen und deren Stoff auch immer ein Stück deutscher Geschichte aufzeigt. Ob „Kleiner Mann – was nun?“, mit dem er 1932 weltbekannt wurde, ob „Ein Mann will nach oben“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, es sind Werke, die Zeiten überdauern und dennoch aktuell sind. Gerade „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein einzigartiges Zeitdokument, wurde es doch von einem Schriftsteller geschrieben, der in der Zeit des Nationalsozialismus nicht emigriert war, sondern in Deutschland lebte, wenn auch als `unerwünschter Autor` völlig zurückgezogen im mecklenburgischen Dorf Carwitz.

weiterlesen:
#MeinKlassiker (9): Hans Fallada – und was “Jeder stirbt für sich allein” uns heute noch zu sagen hat — Sätze & Schätze

Françoise Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag

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Im Vorwort schreibt Patrick Modiano über Françoise Frenkel:

„Françoise Frenkels Spur findet man im Staatsarchiv Genf, in der Liste jener Personen, die während des zweiten Weltkriegs an der Genfer Grenze registriert wurden, das heißt, die Erlaubnis bekamen, nach ihrem Grenzübertritt in der Schweiz zu bleiben. Diese Liste verrät uns ihren richtigen Namen und Vornamen: Raichenstein-Frenkel, Frymeta, Idesa; ihr Geburtsdatum: 14.7. 1889, und ihr Herkunftsland: Polen.“

Françoise Frenkel hat die Geschichte ihrer Flucht aus Deutschland aufgeschrieben und konnte sie später, in Sicherheit, in einem Schweizer Verlag veröffentlichen. Viel mehr weiß man nicht über ihr Leben nach dem Krieg, nur dass sie 1975 starb. Es war Zufall, dass das Buch 70 Jahre später in Nizza auf einem Trödelmarkt auftauchte und zunächst in Frankreich wieder neu aufgelegt wurde.

Alles beginnt damit, dass die Polin Frenkel in Frankreich studiert und ihr Herz für die Literatur entdeckt. Daraus entsteht die Idee eine französische Buchhandlung zu eröffnen. Sie plant das Unternehmen in Berlin anzusiedeln und ihre Idee macht sich bezahlt. Sie wird zum ersten Anlaufpunkt der in Berlin lebenden Franzosen und frankophilen Leser. Es ist die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die Situation zwischen den beiden Ländern scheint sich zu entspannen. Doch langsam aber immer deutlicher macht sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten bemerkbar. Frenkel, die selbst Jüdin ist, beschließt, als es gar nicht mehr anders geht, ihr Geschäft zurückzulassen und nach Frankreich zu gehen.

Von da an schildert Frenkel ihre Erlebnisse auf der Flucht. Zunächst scheint Paris trotz Ausbruch des Krieges sicher, doch dann übernehmen die Nazis auch dort die Herrschaft. So beginnt die Odyssee: Frenkel flieht von Ort zu Ort, von Versteck zu Versteck und hat Glück, dass sie so viele gute Freunde und offenbar ein gutes finanzielles Polster hat. Sehr deutlich wird in ihrem Bericht die Stärke der Franzosen geschildert, was den Widerstand angeht: Viele Privatpersonen halfen und schafften Verstecke, besorgten Papiere und Nahrungsmittel, oft in Verbindung mit der Resistance.

„Man könnte ein ganzes Buch schreiben über den Mut, die Großzügigkeit und die Kühnheit dieser Familien, die unter Einsatz ihres Lebens den Flüchtigen in allen Departements und sogar im besetzten Frankreich Hilfe leisteten.“

Nach mehreren Jahren in Angst vor der Deportation, die ständig drohte, gelang Frenkel endlich beim dritten Versuch und in letzter Minute 1943 von Annecy aus die Flucht in die Schweiz.

Frenkels Sprache ist einfach; das Buch ist vor allem aufgrund seiner Handlung interessant, ist es doch eine weitere Dokumentation über eine Zeit, deren Schrecknisse nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Im Anhang findet sich eine Zeittafel, ein aufschlussreiches Dossier und ergänzende Hinweise zur deutschen Ausgabe. Elisabeth Edl übersetzte den Roman ins Deutsche.
„Nichts um sein Haupt zu betten“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Außerdem findet man eine sehr ausführliche Rezension auf dem Blog aus.gelesen.

Als Ergänzung dazu passt, finde ich, Silvie Schenks Roman „Schnell, dein Leben“, das über die Nachkriegszeit aus französischer Perspektive erzählt