Andrea Scrima: Kreisläufe Literaturverlag Droschl

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„Wenn wir nur die Vergangenheit hinter uns bringen könnten und mit ihr die Fehler der Menschen, die uns erschaffen und dann beinah gebrochen haben, könnten wir glücklich sein.“

Es ist der zweite Roman der 1960 in New York geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Andrea Scrima. Nach Wie viele Tage , das mir sehr gefiel, lese ich nun „Kreisläufe“ und finde eine Art Ergänzung zum vorigen Roman vor. Ebenso wie zuvor ist es vor allem auch die Sprache, der Ausdruck innerer Vorgänge und Reflexionen, die Komplexität und die Vielschichtigkeit, die mir das Buch zu etwas Besonderem machen. Ging es zuvor vorrangig um die Lebenswege und Verortungen in der Vergangenheit und Gegenwart, wird nun einerseits die Beziehung zur Mutter und zum Vater thematisiert, aber auch die zum Lebensgefährten.

„Berlin war eine ganz eigene Variante von Nirgendwo; ich hatte meinen Platz unter den Außenseitern und Ausreißern der Stadt gefunden […] Ich redete mir ein, geblieben zu sein, um abseits des Kunstmarkts arbeiten zu können, in Wirklichkeit versteckte ich mich vor etwas, aber das war mir damals nicht bewusst.“

Die Künstlerin Felice lebt in Berlin und hat ihre erste Einzelausstellung in New York, ihrer Heimatstadt. Sie verbindet den Anlass ihrer Reise mit dem Besuch bei der Mutter. Der Vater ist bereits tot, die drei Geschwister an unterschiedlichen Lebensorten angekommen. Sobald sie das Haus betritt, umfängt sie die düstere Atmosphäre der Kindheit. Sie beschreibt gleich eingangs ganz wunderbar, was mit ihr passiert: Sie öffnet den Küchenschrank und findet Büchsen von Nahrungsmitteln vor, eine fällt ihr direkt entgegen. Und nun öffnet sich sinnbildlich eine nach der anderen, jede enthält Erinnerungen, die meisten davon sind keine schönen. Nach und nach und in vielen Zeitsprüngen gelangen wir tiefer in die Familie der Heldin. Anhand von einzelnen Ereignissen, zeigt sich das Bild immer deutlicher, das Bild einer dysfunktionalen Familie. Zwischen der unberechenbaren, manipulierenden Mutter und der Tochter herrscht ein gespanntes Verhältnis, das beide wie eine unsichtbare Mauer voneinander trennt. Jeder Versuch der Aussprache seitens der Tochter ist zum Scheitern verurteilt. Über eine Art Smalltalk geht es nie hinaus, die Mutter blockt, wo die Tochter sich Erklärungen und Anerkennung wünscht. Tatsächlich blitzt die Anerkennung dann einmal kurz hervor, als die Mutter, die Schwester und eine Nachbarin die Ausstellung Felices in der Galerie besuchen, obwohl es womöglich eher darum geht, diese mit dem Berühmtsein der Künstler-Tochter zu beeindrucken.

Zwischendurch erinnert sich Felice an die Zeit, als sie von zuhause auszog, an die Beziehung mit einem Mitstudenten, an die konzentrierte Atelierarbeit während des Studiums, diese magische Zeit, die immer auch mit Geldmangel verbunden war, aber auch ihr Schwangerschaftsabbruch wird thematisiert. Auch später beim Studium in Berlin öffnen sich manche Türen und Felice hat mehrere Ausstellungen an verschiedenen Orten Deutschlands.

„Meine Familie hatte mich aus der Bahn geworfen. Uns alle hatten unsere Familien aus der Bahn geworfen – Bobby, Rick, Sunny und mich – und die Kunst war unser Versuch wieder eine Ordnung herzustellen.“

Im zweiten Teil rückt der Vater in den Vordergrund, dessen Tagebuchkalender Felice nach dem Tod des Vaters findet und mit zurück nach Berlin nimmt. Sie entdeckt, dass der Vater an Depressionen litt und Psychopharmaka nahm, dass er fortweg arbeitete, um die 6-köpfige Familie zu ernähren. Ich spüre hier eine besondere Zuneigung der Tochter zum Vater; das Verhältnis scheint ein viel innigeres gewesen zu sein, als zur Mutter. Jeder Tagebucheintrag weckt Erinnerungen und ruft Bilder hervor; doch manches bleibt für immer im Dunklen. Scrima schreibt sich hier an den Tagebucheinträgen entlang, die meist nur aus kurzen Stichworten bestehen und auch keine spektakulären Ereignisse aufzeigen. Oft geht es um die Arbeit, manchmal ums Wetter oder neue Anschaffungen. Diese Art des Schreiben ist anders, als der erste Teil, der für mich persönlich ausdrucksstärker wirkte, weil sich die Sprache mehr ausdehnen darf. Auch Träume und ihre möglichen Deutungsvarianten spielen durchweg eine Rolle.

In beiden Teilen liegt auch immer wieder der Fokus auf der Partnerschaft mit Michael. Michael ist in der DDR aufgewachsen und wegen zu viel Widerstand und Eigenwillen gegen das System in einen Jugendwerkhof und in Haft gebracht worden. Die Geschehnisse haben in extrem traumatisiert, so dass er nach dem Fall der Mauer zunächst begeistert die neu gewonnene Freiheit nutzt, bald jedoch von der Vergangenheit wieder eingeholt wird und aus mangelndem Vertrauen immer mehr auf Rückzug geht. Auch Felice gegenüber. Gespräche sind kaum möglich. Scrima beschreibt hier sehr klar und eindringlich, wie stark die Veränderungen durch den Fall der Mauer, die Menschen, die in viel zu kurzer Zeit in einer vollständig anderen Staatsform leben sollten, verunsicherte und teils komplett aus der Bahn warf.

„Ich würde ihm (Anmerkung: dem Vater) erzählen, wie mit der Wiedervereinigung eine einzige entzweigerissene Psyche, deren eine Hälfte ihre schlimmsten Ängste auf die andere projizierte, in eine deutsch-deutsche Romanze verfiel, in einen plötzlichen Rausch, der die verheerenden Schäden verleugnete, die das Verschmelzen der beiden grundsätzlich verschiedenen Staaten an den Menschen der früheren DDR anrichtete, deren Land sich mit einer schwindelerregenden Plötzlichkeit in Luft aufgelöst hatte, mit allem, wofür es einst gestanden hatte.“

Die beiden bekommen einen Sohn und trotzdem bestreitet Felice fast allein den Lebensunterhalt mit Übersetzungen. Die Kunst bleibt dabei auf der Strecke. Erst mit der Trennung beginnt ein neues Kapitel, mit dem auch Sohn Max im Text in den Mittelpunkt rückt.

Der Roman ist sprachlich so gekonnt und formell so gut gelungen, dass ich einfach nur beeindruckt bin, wie die Autorin Erinnerungen so aufbereitet, dass sie literarisch leuchten. Dennoch hat mich die Geschichte, obwohl sie mich tief berührt, zeitweise ziemlich mitgenommen, da ich so einige Übereinstimmungen zu meinem eigenen Leben fand. Wenn Literatur so tief auf mich wirkt, ist das für mich doch immer ein großer Gewinn. Besonders intensiv und wunderschön zu lesen, fand ich die Sequenzen, in denen fast nichts passiert, die nur einen Augenblick einfangen, eine Betrachtung, eine Empfindung und diese dann durch Nachdenken und Nachspüren ausdehnen und ins Literarische überführen. Ein Leuchten!

„Kreisläufe“ erschien im Literaturverlag Droschl. Aus dem Amerikanischen übersetzt hat es Andrea Scrima selbst zusammen mit Christian von der Goltz. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Stewart O`Nan: Ocean State Rowohlt Verlag

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Stewart O`Nans neuer Roman Ocean State fügt sich nahtlos in die Reihe seiner vorigen Romane ein. Er ist einer der großen US-amerikanischen Erzähler. Immer lesenwert, dabei unspektakulär, wechselnde Themen, fein konstruiert und kurzweilig erzählt. Ich habe in den letzten Jahren einige seiner Romane gelesen, zwei auch bereits auf dem Blog besprochen. Siehe unten.

Wir befinden uns in der Stadt Westerly, Rhode Island, USA. Die Geschichte dreht sich um einen Mord, der von einer 18jährigen Highschool-Schülerin begangen wird. O`Nan beginnt mit dem Treffen des jungen Liebespaares Birdy und Myles, die eigentlich beide mit einem anderen Partner zusammen sind. Was für Myles wohl nur ein Abenteuer ist, fühlt sich für Birdy wie die große Liebe an. Birdy, eigentlich Beatrix lebt bescheiden mit ihrer alleinerziehenden Mutter, von Myles erfährt man nur, dass er aus einem reicheren Elternhaus kommt. Seine Freundin Angel lebt mit ihrer Mutter Carol und ihrer 13jährigen Schwester Marie, aus deren Perspektive auch die meiste Zeit erzählt wird in einer schlechten Wohngegend. Der eintönige Alltag besteht aus Schule, Arbeit, fernsehen, durchbrochen von wenigen feierlichen Anlässen wie Halloween oder Weihnachten. Die Mutter, die regelmäßig trinkt, bringt immer wieder neue Männer mit, auch Angel ist viel unterwegs. Marie fühlt sich alleingelassen und nicht gesehen. Immer wieder wird sie zur Großmutter abgeschoben. Denn sie ist in der Familie die brave Tochter. Im Gegensatz zu Angel, die wohl öfter über die Stränge schlägt. Aus Frust isst sie zu viel, fühlt sich dabei minderwertig gegenüber ihrer hübschen Schwester Angel.

„Wir fürchteten Dramen, waren aber auch süchtig danach. Weil wir jung waren, hielten wir uns für stark. Wir dachten, wir wären abgehärtet. Wir wollten, dass das Schlimme schnell passierte, damit die schmerzlichen Augenblicke vorüber waren und wir unser normales, langweiliges Leben fortsetzen konnten.“

Der Autor schafft es über mehr als die Hälfte des Buches die Spannung zu steigern, bevor die Tat wirklich begangen wird. Geschickt geht er dabei vor und schildert gekonnt die einzelnen Charaktere, die Abhängigkeiten und die Unsicherheiten der Paare im Collegealter, aber auch die deren Eltern. Man erinnert sich dabei selbst an die eigene Zeit der ersten bedeutungsvollen Liebe und des furchtbaren Liebeskummers. Beim Lesen dachte ich dann oft, wie abgeklärt man die Geschichte jetzt im fortgeschrittenen Alter liest und sich wundert, wie ernst und tragisch das alles damals war, als die Gefühle Achterbahn fuhren.

O`Nan lässt uns Leser nicht erfahren, was und wie genau der Totschlag passiert, erzählt auch wenig über die Phase der Inhaftierung, außer, dass die Tat im Strandhaus von Myles Eltern geschah, welches auch der Treffpunkt der beiden Liebenden war. Die Täterin scheint nach Außen hin kühlen Kopf zu bewahren, so als wäre sie vollkommen unbeteiligt.

„Egal, ob es ein Unfall war oder nicht, sie weiß, dass sie Reue empfinden sollte, doch wenn sie ehrlich ist, muss sie zugeben, dass sie irgendwie wollte, dass das kleine Miststück tot ist. Irgendwas stimmt nicht mit ihr. In ihren schwächsten Momenten schließt sie ihre Tür ab, kniet sich wie ein Kind vors Bett und erfleht die Barmherzigkeit Gottes.“

Tatsächlich blieb mir aus meiner Sicht unerklärlich, wie man eine solche Tat, die in diesem Fall ja im Ansatz geplant war und dann aus dem Ruder lief, begehen kann. Aus beleidigtem Stolz? Aus Nervenkitzel? Was muss passieren, damit man soweit geht? Es erschließt sich mir nicht. Und das sagt auch Marie, die im abschließenden Kapitel rückblickend von den weiteren Geschehnissen und der Zukunft der Protagonisten erzählt. Sie ist die einzige, die weiter im Ort lebt, und als Lehrerin noch lange mit der Geschichte von Außen konfrontiert wird.  Einen Krimi sollte man nicht erwarten, aber eine spannend beleuchtete Milieustudie.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat wie immer Thomas Gunkel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Letteratura. Ein schönes Interview mit dem Autor gibt es hier.

Zwei weitere Romane des Autors habe ich hier besprochen. Auch „Die Chance“ empfehle ich sehr.

Stewart O`Nan: Stadt der Geheimnisse Rowohlt

Heidi Sævareid: Am Ende der Polarnacht Insel Verlag

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Während viele sich auf den Frühling freuen, habe ich mich auf eine Lesereise nach Norden in die Kälte begeben. Die Norwegerin Heidi Sævareid hat einen richtig schönen Roman über eine aufgrund der äußeren Umstände schwierigen Beziehung veröffentlicht. Wir reisen nach Spitzbergen, wie die Autorin und erleben „Das Ende der Polarnacht„. Spitzbergen, Svalbard genannt, das zu Norwegen gehört, spielt letztlich die Hauptrolle im Roman. Denn auf Spitzbergen zu leben ist eine riesige Herausforderung, für Menschen aus dem „Süden“. Im Winter (von Oktober bis Februar) werden die Tage kaum hell, während es im Sommer auch nachts nicht dunkel wird. Sævareid schildert das in eindrücklicher Weise.

1957: Wir begegnen Eivor und Finn, einem jungen Ehepaar mit zwei kleinen Töchtern, Unni und Lisbeth. Finn ist Arzt, Chirurg und bekommt die Chance sich auf Spitzbergen zu qualifizieren. Während Finn sich sehr schnell in Longyearbyen, dem Hauptort der Insel einlebt, wegen seiner Tätigkeit im Krankenhaus schnell Bekanntschaften schließt, im Fußballverein spielt und im Turnverein mitmischt, findet sich Eivor nur schlecht zurecht. Sie kümmert sich vorwiegend um die Kinder und den Haushalt. Eivor ist schnell überfordert mit den sehr lebhaften Kindern. Als sie vom Sysselmann, dem Ortsvorsteher, die Huskyhündin Jossa ausgeliehen bekommt, damit sie auf ihren Skitouren nicht alleine ist, verändert sich ihr Leben. Die beiden haben Respekt voreinander, sind aber bald ein Herz und eine Seele. In kurzen Rückblenden erfährt man, wie es zu der Beziehung zu Finn kam und dass sich Eivor eigentlich ein anderes Leben gewünscht hat.

Am Anfang des Romans erlebt die Familie, wie sich die Zeit hier im Norden nach den Jahreszeiten, den Temperaturen richtet und wie abhängig die Bewohner davon sind. So achtet man im Herbst darauf, wann der Fjord zufriert, weil dann kein Schiff mehr auf die Insel gelangen kann. Das letzte Schiff ist also auch die letzte Möglichkeit Nahrung, Medikamente, ja Weihnachtsgeschenke auf die Insel zu bringen oder eben auch die letzte Möglichkeit die Insel vor dem Frühjahr zu verlassen. Gleichzeitig wird in der kleinen Gemeinschaft jeder Anlass genutzt, kleine oder größere Feste zu feiern um den eintönigen Alltag zu durchbrechen. Für Eivor ist diese Isolation täglich eine neue Herausforderung. Um dem monotonen Einerlei zu entkommen, begibt sie sich auf lange Skitouren mit Jossa, während eine der Krankenschwestern auf die Kinder aufpasst. Das Gewehr hat sie immer dabei, denn auf Spitzbergen sind Eisbären, die durchaus auch einmal in den Ort kommen, eine nicht seltene Gefahr.

„Eivors Ausflüge werden immer kürzer, je enger sich die Tage um sie herum schließen. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird das kleine Fenster mit Dämmerlicht kleiner und kleiner, und ihr Bewegungsradius schnürt sich im Takt enger. Sie traut sich nicht, lange Ausflüge zu machen, nicht einmal mit Jossa, nicht einmal mit Gewehr und Stirnlampe.“

Finn ist mit seinen Patienten ausgelastet, in den Kohlebergwerken kommt es immer wieder zu Unfällen bei den Grubenarbeitern. Er arbeitet zusammen mit dem Assistenzarzt Reidar und dem Zahnarzt … Immer wieder gibt es Überstunden oder lange Schichtdienste. Finn und Eivor entfremden sich zusehends. Von Anfang an bekommen sie auch privat Besuch von Heiberg, der in der Verwaltung des Bergwerks arbeitet. Zunächst scheint sich eine Männerfreundschaft zu entwickeln, doch bald schon zeigt sich, das Heiberg allerlei Merkwürdigkeiten und Ticks entwickelt. Eivor und die Kinder sind von seinen immer häufiger werdenden Besuchen genervt. Finn sieht sich in der Pflicht, dem Mann zu helfen.

Ganz nebenbei erfährt man auch von politischen Geschehnissen. Denn es herrscht der Kalte Krieg, es wird aufgerüstet mit Atombomben und man befürchtet, dass auch auf Svalbard ein Militärstützpunkt errichtet werden könnten, was Russland, das auf Svalbard auch Kohle fördert, nicht gefallen würde. Gleichzeitig ist man den Russen freundschaftlich verbunden, so dass man sich mit russischen Turnvereinen zu Wettkämpfen trifft.

Im Sommer verbringt die Familie mehrere Wochen in Norwegens Süden und in Oslo bei Eltern und Freunden. Für Eivor ist es eine vollkommen unbeschwerte Zeit und das Paar nähert sich wieder an.
Als sie wieder zurück sind, verrutscht das Gleichgewicht erneut. Eivor schafft es zwar die Kinder zu versorgen, doch Finn bekommen sie immer weniger zu sehen. Inzwischen ist Jossa vollständig in der Wohnung eingezogen und wichtigster Bezugspunkt für Eivor. Finn bemerkt, dass Heiberg immer mehr psychische Auffälligkeiten zeigt. Auf psychiatrische Erkrankungen ist das Krankenhaus nicht eingestellt, das letzte Schiff ist vor Wochen abgefahren. Und Heiberg verletzt sich selbst und gefährdet bald andere. Für Finn ist das eine große Herausforderung, er fühlt sich dem Beruf verpflichtet, der sich nun aber schwer mit der Familie vereinbaren lässt.

Die Autorin hat eine große Gabe, an Stellen wo es wichtig ist, genau hinzusehen. Sie zeichnet ihre Figuren bildhaft, besonders Eivor. Eivor in ihrer inneren Not und in ihrem Ringen zwischen Selbstbestimmung und Selbstaufgabe. Auch die Unterschiedlichkeit der Charaktere, die großen Unterscheide zwischen Finn und seiner Frau arbeitet sie deutlich heraus. Finn ist sehr gesellig, Eivor eher verschlossen. Eivor möchte gerne Zeit alleine mit ihrem Mann verbringen, Finn bringt oft unangekündigt Gäste mit. So spitzt sich die Lage immer mehr zu. Reden können die beiden kaum miteinander, obwohl sie es immer wieder versuchen. Als Leserin warte ich förmlich darauf, dass die Situation eskaliert. Gegen Ende des Romans, wir begleiten die Familie über ein ganzes Jahr, löst sich zumindest einer der Knoten auf. Doch die schwierige Grundsituation bleibt.

„Das Licht muss im Laufe der letzten Tage zurückgekehrt sein, sie erinnert sich nur an die Dunkelheit, bevor sie krank geworden ist. Es muss auf einmal ganz schnell gegangen sein. Das passiert Anfang Februar, das weiß sie noch vom letzten Jahr. Alles andere steht still. Das Einzige, was sich ändert, ist das Licht.“

Mich hat der Roman gefesselt, auch sprachlich, denn die Autorin erzählt leichthin und dennoch tief, atmosphärisch dicht. Die Kälte der Polarnacht, die den Menschen auf Dauer so zusetzt, war direkt spürbar.

Der Roman erschien im Insel Verlag. Karoline Hippe hat ihn aus dem Norwegischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Zeichen & Zeiten.

Ein weiteres empfehlenswertes Buch über Spitzbergens Polarnacht, ist der inzwischen schon Klassiker gewordene Roman „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ von Christiane Ritter, bereits 1934 geschrieben.

Gine Cornelia Pedersen: Null Luftschacht Verlag

20211029_1810515287985662158771363.jpgIch bin literarisch wieder mal im Norden unterwegs. Welch ein Glück, dass ich dieses Buch erhalten habe; ich hätte es selbst wohl übersehen. So aber verbrachte ich einen faszinierenden Nachmittag lang mit dem Debütroman der Norwegerin Gine Cornelia Pedersen. Das Buch erschien in Norwegen bereits 2013 und erhielt den „Tarjei Vesaas Debutantpris“. Auch äußerlich ist es bemerkenswert. Passend zum Inhalt herrscht die Farbe schwarz vor. Der Textblock, auf feinem Papier gedruckt, wird eingerahmt von einem schwarz/grauen scheinbar undurchdringlichen Dschungel. Und dieser hat, wie man später beim Lesen merkt eine wichtige Rolle in der Geschichte.

„Ich bin zehn Jahre alt
Ich absorbiere alles
Ich habe keinen Filter
Ich glaube Gott hört es, wenn ich bete
Ich habe drei Menschen tot gesehen, zwei alte und einen jungen
Ich weine nachts und fühle, dass ich ganz allein bin und mich niemand retten kann
Ich habe Mitleid mit Mama und Papa
Ich begreife, dass das Konzept Zuhause niemals existiert hat
Ich denke, wenn ich groß bin und selbst bestimmen kann, wird das Glück perfekt sein
Ich glaube, ich werde ewig leben, und denke gleichzeitig fast jeden Tag an den Tod
Ich halte in allen Disney-Filmen zu den Bösen, sage es aber niemandem“

So beginnt der Roman. Im Grunde stellt dieser Beginn schon die Weichen; die Weichen der Geschichte, die Weichen dieses Lebens. Es ist eine extrem temporeiche Geschichte, eine dunkle Geschichte, die wirklich einschlägt wie eine schwere Faust. Und trotz der großen Verlorenheit schenkt die Autorin ihrer Hauptfigur einen schrägen Humor, mitunter Galgenhumor, aber eben einen der taugt zum Überleben. Es ist womöglich die beste Weise, diese beeindruckende Geschichte zu erzählen.

Schon als Kind hat die Heldin dieser Geschichte den Wunsch berühmt zu werden, vielleicht als Star oder als Schauspielerin. Dahinter steckt der Wunsch gesehen zu werden. Denn die Eltern scheinen das nicht zu können. Sie trennen sich, der Vater lebt bald in Oslo und in der Heranwachsenden gedeiht der Wunsch auch in die große Stadt zu kommen. Während der Pubertät macht das Mädchen die vielen Phasen durch, die wir alle meist kennen: es geht um Widerstand, Abgrenzung. In der Schule bleibt sie Außenseiterin, bis sie sich in Jorg verliebt. Die beiden kommen zusammen und zum ersten Mal wohl wird sie gesehen. Doch das Schöne, die Nähe ist auf Dauer nicht auszuhalten. Es geht ihr psychisch immer schlechter.

Nach der Schulzeit zieht sie nach Oslo und denkt, jetzt beginnt das Leben. Sie nimmt verschiedene Jobs an, doch in keinem hält sie es lange aus. Ein Arzt verschreibt Tabletten, die nicht helfen. Sie bekommt Wahnvorstellungen, rastet total aus und landet zum ersten Mal in der Psychiatrie. Sehr lange wird sie dort bleiben. Man schätzt sie als chronisch krank ein.

„Ich befinde mich seit bald einem halben Jahr in zwangsweiser psychiatrischer Unterbringung
Ich möchte wissen, ob es nicht langsam Zeit für mich wäre. freiwillig hier zu sein
Sie sagen, von diesem Ziel sind wir leider noch weit entfernt
Sie teilen mir mit, dass ich verlegt werden soll“

Nach weiteren drei Monaten, die alles andere als ruhig und stabil laufen, wird die Protagonistin entlassen und bezieht eine kleine Wohnung in Oslo. Zunächst scheint es aufwärts zu gehen. Sie lernt einen Mann kennen, aus Verrücktheit heiraten die beiden, sie hat sogar einen Termin zur Vorstellung in einer Schauspielschule, den sie mit Witz und Verve meistert, später aber doch eine Absage erhält. Auch diese Beziehung wird von ihrer Borderline-Thematik überschattet. Nach schlimmen Vorfällen kommt es erneut zu einer Einweisung in die Klinik.

„Die Ärzte sagen, ich kann von Glück reden, am Leben zu sein
Die haben sie doch nicht alle
Sie begreifen nicht, dass es für mich ein Unglück ist, am Leben zu sein“

Die Protagonistin geht durch die Hölle. Doch auch diesmal übersteht sie es und wird erneut entlassen. Ein Buch und ein Traum führt sie schließlich zu einer unkonventionellen Therapeutin, die ihr in besonderer Weise hilft und als sie Jorg wieder trifft, scheint es aufwärts zu gehen. Jorg erzählt ihr von seiner eigenen Entwicklung, von seinen Erfahrungen mit einer Droge die er in Peru kennengelernt hat und die ihm sehr geholfen hat seinen Weg zu finden. Unsere Heldin macht sich schließlich wagemutig allein auf den Weg nach Peru, um zu sich selbst zu finden. Doch bereits im Flugzeug stehen die Zeichen schlecht und ab der Ankunft erleben wir eine rasante extreme wilde unglaubliche Reise durch das Bewusstsein der Heldin, die alles andere als heilsam zu sein scheint, die sie in unfassbare Gefahr bringt und nah am Tod endet. Aber eben nur nah. Wer das überlebt, denkt man als Leser, der kann eigentlich nur noch gewinnen im Leben …

Gerade diese letzte Episode, die sich über das ganze letzte Kapitel des Romans zieht, zeigt das unglaubliche Talent der Autorin. In rasender Geschwindigkeit überschlagen sich hier die Ereignisse, dass man als Leserin manches nur noch erahnen kann, was hier geschieht. Und das macht gerade die Faszination aus. Dazu kommt die Erzählweise, atemlos, die Form passt sich ja im gesamten Text der Geschichte an (siehe Foto Textauszug) und endet in einem wahrhaftig wahnhaften (?) Showdown. Stakkatohaft fliegen einem die Sätze fast gänzlich ohne Interpunktion um die Ohren. Die Leserin selbst wird am Ende vom Dschungel Perus umschlungen und erst mit dem letzten Satz wieder ins Licht entlassen. Ein irre gutes Buch! Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Luftschacht Verlag und wurde von Andreas Donat trefflich übersetzt. Das Coverbild und die Illustration stammt von Carlos Enfedaque. Zur Leseprobe geht es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jenny Erpenbeck: Kairos Penguin Verlag

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Ich habe fast alle Bücher von Jenny Erpenbeck gelesen und schätze sie für ihre Sprache und ihren besonderen Blick, die Dinge zu betrachten. In ihrem neuen Roman, nach dem sehr erfolgreichen „Gehen, ging, gegangen“, erzählt sie in „Kairos“ eine Geschichte, die mich manchmal ziemlich zur Weißglut getrieben hat, nicht etwa sprachlich, sondern inhaltlich.

Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks

Eine Frau sitzt über zwei Kartons gebeugt und sortiert den Nachlass ihres ehemaligen Geliebten und sie erinnert sich:

Es ist 1986 in Ostberlin. Katharina, 19, die eine Setzerlehre in einem Verlag macht, um später Gebrauchskunst zu studieren, begegnet eines Tags im November an der Bushaltestelle Hans, einem über 30 Jahre älteren verheirateten Schriftsteller. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Es beginnt eine Beziehung, die meiner Meinung nach nur anfangs Liebesgeschichte ist und sich schließlich vor allem aufgrund der narzisstischen Persönlichkeit von Hans in eine höchst toxische Beziehung verändert. Wie Erpenbeck diese Beziehung beschreibt, machte mich sprachlos, wütend und letztlich verständnislos. Ich wollte den beiden zurufen: Lasst es! Trennt euch! Es tut keinem mehr gut! Doch scheinen die beiden in einer besonderen Form der Abhängigkeit vom jeweils anderen festzuhängen, die sich durch Schuldzuweisung und einer Art Hörigkeit, sowohl sexueller als auch emotionaler Natur zeigt und verstärkt. Gleich eingangs zeigt sich die Verschiedenheit der Blickwinkel, sicher auch durch den Altersunterschied bedingt:

„Nie wieder wird es so sein wie heute, denkt Hans. So wird es nun sein für immer, denkt Katharina.“

Wenn es nur um diese Liebe gegangen wäre, hätte ich das Buch sicher bald zur Seite gelegt. Aber Erpenbeck ist eben eine großartige Erzählerin und sie weiß die Geschichte so zu erzählen, dass sie gute Literatur wird. Neben dem Paar ist außerdem auch die Stadt Ostberlin Hauptprotagonist. Überhaupt ist es auch die Stimmung der letzten Jahre der DDR und es sind vor allem auch die starken Schilderungen des kulturellen, intellektuellen Lebens, welche das Paar miteinander teilt, die Orte an denen sie sich treffen, das Restaurant Ganymed oder das Cafe Tutti. Beide sind kultur-, kunst- und musikinteressiert. Etwas, was sie meiner Meinung nach auch stark verbindet sind eben Gespräche über dieses oder jenes klassische Musik- oder Theaterstück. Zumindest ist es das, was die Beziehung anfangs festigt.

„Katharina sitzt im Café Arkade und wartet auf Hans. Seltsam denkt sie, dass die Zeit, die an sich unsichtbar ist, nur indirekt sichtbar wird in dem, was an Unglück geschieht. So, als sei Unglück das Gewand der Zeit. Aber gleichzeitig, denkt sie, ist dieses Unglück auch nicht nur eine Hülle, sondern selbst ein Inneres, ein Wesen, das, einmal geboren eigener Wege geht und seine eigene Zeit hat. Denn seltsam bleibt es, denkt sie, dass sie auf Hans` Enttäuschung seit beinahe einem Jahr nicht den geringsten Einfluss nehmen kann.“

Als Katharina in Frankfurt/Oder ein Praktikum am Theater als Bühnenbildnerin macht, hat sie eine kurze Affäre mit einem Kollegen. Als Hans das zufällig herausfindet, beginnt eine seltsame Szenerie der Schuldzuweisungen und Abhängigkeiten. Er, der selbstverständlich verheiratet nebenher eine Geliebte haben kann, verurteilt Katharina und bindet sie im Namen einer „Aufarbeitung und Wiedervertrauensgewinnung“ vollkommen an sich. Waren es zuerst zahlreiche Briefe von Hans, so sind es nun Cassetten, die er für sie bespricht, in denen es Vorwürfe hagelt und die wie ein Tribunal wirken. Eine sehr ungesunde Entwicklung, der sich Katharina zwar immer wieder zu entziehen versucht, – sie geht eine kurze lesbische Beziehung ein und schläft mit einem Freund – die sie letztlich aber erst nach mehreren Jahren und zwei kurzen Trennungen dauerhaft beenden kann. Erst als auch die DDR sich in Auflösung befindet und sie leider in der Fusion mit Westdeutschland endet. Katharina, die den Westen nicht nur als Wohltat empfindet, sondern auch als Gefahr, wundert sich (ebenso wie ich heute noch), weshalb nicht der Versuch „o-ton Christa Wolf: … in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln„,  stattfand, wieso der Übergang (die Übernahme?) allzu schnell gehen sollte.

Die Autorin hat großes Geschick darin zu hinterfragen, zu beobachten, zu reflektieren und hinein zu spüren. Abwechselnd wird aus Katharinas und Hans` Perspektive erzählt, zusätzlich kommen noch die inneren Gedankenvorgänge und sowie im Fall von Hans, der während des zweiten Weltkriegs Kind war, die Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, als die DDR voller Hoffnung neu entstand. So ist Jenny Erpenbecks neuer Roman eben viel viel mehr als die Geschichte einer unguten Beziehung, sondern ein Berlin- und ein DDR-Roman, aber eben auch ein sprachlich gelungenes perfekt komponiertes Leseereignis. Mich hat er auch an sehr persönliche Erfahrungen bei DDR-Verwandten-Besuchen und aus der Wendezeit erinnert. Große Empfehlung!

Kairos erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Sadie Jones: Die Skrupellosen Penguin Verlag

Sadie Jones ist meines Wissens noch nicht so bekannt im deutschsprachigen Raum. Ich habe sie entdeckt durch den schönen Roman „Jahre wie diese“, der im Schauspielmilieu in London spielt. Die 1967 geborene Britin, die auch Drehbuchautorin ist, schreibt Romane, die zwar nicht hochliterarisch sind, aber in die Tiefe der jeweiligen Themen eintauchen und absolut mitreißend erzählt sind. Also durchaus mehr als gute Unterhaltung. Diesmal sogar mit Elementen eines Kriminalromans.

Im neuen Roman geht es um das junge Paar Bea und Dan, die in London leben. Eine Eigentumswohnung muss abbezahlt werden. Dan, der eigentlich Künstler sein will, verdient sein Geld als Immobilienmakler, Bea ist Psychotherapeutin. Gleich eingangs wird klar, dass die beiden sehr sparsam leben müssen, denn das Leben in London ist teuer. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, führen sie eine liebevolle Beziehung. Als beide vom Leben und Arbeiten frustriert sind, beschließen sie eine Auszeit zu nehmen. Vom finanziellen „Polster“ und von der Vermietung ihrer Wohnung wollen sie drei Monate lang durch Europa reisen. Ein altes Auto wird gekauft und die erste Station ist Frankreich, wo Beas Bruder Alex ein Hotel leitet.

Alex scheint es endlich geschafft zu haben, Drogen und Alkoholmissbrauch hinter sich gelassen zu haben. Doch als sie ankommen entpuppt sich das Hotel als Luftnummer. Es gibt keine Gäste außer ihnen selbst, vieles ist marode und Alex scheint sich dennoch dort wohl zu fühlen. Im Gespräch erfahren Dan und Bea, dass der durch allerlei illustre Immobilienspekulationen extrem reich gewordene Vater von Bea das Hotel für Alex gekauft hat. Dan, der kaum etwas von Beas Familie weiß, da Bea keinen Kontakt zu den Eltern hat, wundert sich immer mehr. Sie versuchen die freien Tage zu genießen, doch irgendwie schwebt Unheil in der Atmosphäre. Als schließlich auch die Eltern mit teurem Auto auftauchen, nicht wie sonst mit dem Privatjet (!), fragt sich Dan, wieso er nichts über den immensen Reichtum seiner Schwiegereltern weiß und weshalb Bea nicht die immer wieder angebotene Unterstützung ihres Vaters annimmt. Sie hätten damit ein so viel leichteres Leben.

„Dan dachte, dass er sie gerade zum ersten Mal in einer solchen Umgebung sah, und es verstörte ihn, mit welcher Sicherheit sie sich in diesem Habitat bewegte. Nur ein Mädchen, das mit dem goldenen Löffel im Mund geboren war, würde ihre Missachtung für den Luxus demonstrieren, indem sie etwas bestellte, was gar nicht auf der Karte stand.“

Doch für Bea ist es ein rotes Tuch, etwas von den Eltern anzunehmen. Sie hat ihre Gründe. Nach und nach bekommen wir Einblick in das merkwürdige Familienkonstrukt, dass von einem dominierenden Vater beherrscht wird, der über den dunkelhäutigen Schwiegersohn so gar nicht froh ist. Wir tauchen in die Kindheit der Geschwister, zu denen noch ein älterer Bruder gehört, der es im Gegensatz zu Alex „geschafft“ hat. Doch die, die Bea mit aller Macht von sich schiebt, ist die Mutter. Als Kind hat sie die Mutter zusammen mit dem 7 Jahre älteren Bruder gesehen, in einer übergriffigen Situation …

„Schwarze waren in den vergangenen Jahren hochgestuft worden, denn jetzt hatten sie noch ausländischere Ausländer mit Akzenten und Religionen, vor denen sie sich fürchten konnten.“

Es herrscht statt Urlaubsfeeling eine extreme unangenehme Spannung zwischen allen. Als Alex eines Abends losfährt, um für den Vater etwas zu erledigen, kommt er nicht mehr zurück. Dafür taucht die Polizei auf, die ihnen mitteilt, dass Alex einen tödlichen Unfall hatte. Die Erschütterung ist groß, bei der Mutter extrem. Vor allem als langsam klar wird, dass Alex vermeintlicher Unfall ein Mord war.

Es folgt eine äußerst spannende, bestens gelungene Geschichte, in der sich sichtlich Abgründe dieser Familie auftun. Und Dan als eine Art Außenstehender kommt aus dem Fragen nicht mehr heraus. Die Beziehung der beiden leidet unter den Geschehnissen. Kann man sich noch gegenseitig vertrauen? Kennt man einander wirklich? Und inwiefern ist Beas Vater, der den Sohn mit einem Auftrag losschickte mit Schuld an den Ereignissen?

Psychologisch interessant und erwähnenswert ist noch das Motiv der Schlange, das immer wieder auftaucht, in Beas Träumen und in echt. Das englische Original übernimmt das Motiv sogar in den Titel: The Snakes.

Mehr verrate ich nicht vom Inhalt, denn es würde dem Lesen die Spannung nehmen. Neugierig gemacht habe ich hoffentlich auf diesen gut konstruierten Roman, der mit feiner Gesellschaftskritik und einem für mich überraschenden, wenngleich heftigem Ende aufwartet. Einige wenige Male begegneten mir sprachliche Unfeinheiten, die vielleicht der Übersetzung geschuldet sind.

„Die Skrupellosen“ erschien im Penguin Verlag. Übersetzt wurde es von Wibke Kuhn. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Draesner: Kanalschwimmer Mare Verlag / btb Verlag

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Der Roman „Kanalschwimmer“ der Lyrikerin und Prosaautorin Ulrike Draesner ist nun auch als Taschenbuch erschienen. Wie ich vermute, entstand er oder wurde zumindest angeregt durch Draesners Aufenthalt als poet in residence in den Jahren 2015 bis 2017 in Oxford. Denn auch der Roman spielt teilweise in dieser kleinen aber höchst bekannten englischen Universitätsstadt beziehungsweise am und im Wasser des Ärmelkanals zwischen Dover und Calais.

Ich bin zunächst hin- und hergerissen zwischen „oje, überdreht“ und „erfrischend extravagant“. Und das natürlich in Bezug auf die Sprache. Bei Draesner geht es immer vor allem um Sprache. Denn diese Geschichte des alternden Mannes, der es noch einmal wissen will und damit unbedingt auch seine Angetraute wieder zurückgewinnen will, der also mit über sechzig den Ärmelkanal an der engsten Stelle zwischen Dover und Calais durchschwimmen will, wie es tatsächlich heutzutage viele machen, wie ich bei Recherchen feststellte (auf der Suche nach Grenzüberschreitungen? dem Kick? dem wahren Ich?), ist nicht das Spannendste am Roman. Es ist schon die Sprache und auch die zunächst wenig stringent erscheinende Erzählstruktur, die im Vordergrund steht.

Es gibt enorm viele Sätze mit höchst experimentellem Charakter, auch Kombinationen, die, wie ich finde, fragwürdig sind:

„Unversehens saß er in einer Lichtmühle. Er saß auf einer Bank des Shakespeare Inn unter quietschendem Shakespeare-Schild in einem Schauer aus Leuchtkörnchen, die auf ihn heruntergemahlen wurden. Hunderte Säcke von Lichtmehl waren explodiert.“

Sehr spannend ist, was ich im Verlauf des Lesens spürte: Wenn Draesner Held Charles im Kanal schwimmen lässt, an seine Grenzen bringt bzw. grenzenlos werden lässt, dann ist die Geschichte am stärksten, dann fließt sie, wird selbst durchlässig wie Wasser.

Die in Rückblenden, während des Schwimmens von Charles erinnerten Beziehungsthemen hingegen, wirken auf mich sehr unruhig. Aber vielleicht ist das gerade die beabsichtigte und letztlich auch gelungene Konstruktion der Autorin.

Ganz am Rande steht für mich dann auch die Beziehungsgeschichte von Charles und Maude, die nach 30 Jahren noch einmal eine große Veränderung erfahren könnte, wenn es nach der Pianistin Maude ging. Sie wünscht sich eine Dreierbeziehung zusammen mit Charles ehemaligem besten Freund und Konkurrenten Silas.

Und ja, hier werde ich das so oft bei Besprechungen verwendete „in den Sog geraten“ tatsächlich auch einmal anwenden, denn es passt so schön zum Meer und dem Kanalschwimmer-Helden Charles, den ich anfangs noch skeptisch, zum Schluss hin doch durchweg sympathisch in seinem Menschlich-Sein, wenn nicht gar in seiner Menschwerdung, im Ärmelkanal begleiten durfte. Und ein Hoch auf die Autorin, die es schafft, die dringlichste Frage, die uns Leser durchs Buch treibt, ohne Antwort zu lassen: Schafft er es oder schafft er es nicht? Ein Leuchten!

Ulrike Draesners Roman „Kanalschwimmer“ erschien zuerst im Mare Verlag, nun als Taschenbuch bei btb. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Zu weiteren Besprechungen hier auf meinem Blog von Ulrike Draesner:
„Mein Hiddensee“, „Eine Frau wird älter“ und zum Hörbuch „Happy Aging“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen Edition Azur

Es gibt Gedichte, die docken sofort bei mir an, die schwingen sofort, sind mit meinem System sofort im Einklang. Ingrid Mylos Gedichtband „Überall, wo wir Schatten warfen“ enthält solche Gedichte. Alle gefallen mir. Dabei sind es keine hoch verrätselten oder poetologisch aufwendig zu deutende Texte, sondern mit geübter und dabei dennoch spielerischer Hand geschriebene. Es sind Gedichte, die von der Natur erzählen, vor allem auch von der menschlichen und die ernst und still und fein Tiefen ausloten, die ich sehr mag.

"Schon damals,
Schatten und Schmerz.
Und die Schärfe,
die sich verliert mit
den Metern, mit den Minuten.
Dort, wo die Grenze des Dunklen
Aufruhr wird, Vegetation,
lässt sich vergessen, woher
die Traurigkeit rührt."

Mylo erzählt dabei von ihrem Schreiben und vom Erinnern an Menschen, an Erlebnisse. Sie schildert Momente des Innehaltens, kleine Sensationen. Sie zeichnet die Liebe. Sie reflektiert Situationen und betrachtet sie neu im Schreiben. Sie benutzt dabei Farben, grün, rot, blau und auch gelbe Tulpen. Mit Farbsignalen beleuchtet sie ihre Verse und setzt sie in die jeweilige Atmosphäre hinein. Und lässt uns Leser die eigene (innere) Stimmung dabei finden. Schatten sind immer dabei.

"Bleistiftspuren

Ein Flüstern, verstohlen, ein
graues Scharren, das Finten
nach sich zieht und gute
Gründe, wachsende Strophen
wie Kapriolen von Insekten:
die Irrtümer sind sanft, und
die Wahrheiten schlagen
sich nieder wie grüner Regen.
Im Schatten. Im
Schatten stöbern wir die
Freuden von früher auf."

Eine Art Melancholie durchzieht die Zeilen, wie ich sie selbst gut kenne. Hier geht es ums Älterwerden, ums Zurücklassen, um den geweiteten Blick auf das bisher gelebte, mehr als „die Hälfte des Lebens“. Die Verluste, die es bereits zu Beklagen gibt. Die Toten. Was wohl noch kommt? Was wohl immer bleibt? Spürbar ist jedoch auch eine weise Gelassenheit, die von Resignation weit entfernt ist.

"Oktobernacht

Was bleibt, wenn die Freunde
gegangen sind,
die Himmel leerstehen,
die Rätsel heruntergekürzt
auf zwei bloße Ziffern.
Eine Kinderschürze
voller zusammengeraffter Wörter,
ein aufgeschreckter Blick,
unter dem sich der Sand
schneller häuft, als
Gefühle Schatten werfen.
Nichts mehr zu sagen."

Mylo erinnert sich auch an Reisen, an Orte, der besonderen Bedeutung, London, die Provence. Hier ahnt man teilweise nur, welche Erlebnisse sich in Erinnerungen entfalten. Spürbar und sinnlich entdecke ich hier erneut Südfrankreich, wie ich es selbst vor vielen Jahren erlebte.

"Carpentras, Cavaillon, am Kanal entlang,
Kurven und Wald, Cotignac.
Elf dem Abhang abgetrotzte Terassen,
Oliven, Steinschichten, Wind,
die Verschiebung der Pflichten:
man hat, wenn sie auf dem eigenen Land wachsen,
auch für die Feigenbäume Sorge zu tragen, selbst
wenn man die Früchte nicht mag."

Die 1955 geborene vielseitige Ingrid Mylo hat nach vielen anderen Texten, Rezensionen, Regiearbeiten, Essays und Kolumnen nun einen Gedichtband verfasst. Welch ein Glück! Für mich ist dieses Buch ein Schatz geworden, in den ich immer wieder ein- und untertauche. Große Empfehlung! Helles Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Azur im Hause von Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hanne Ørstavik: Roman. Milano Karl Rauch Verlag

Foto von pixabay gemeinfrei

„Es ist so, als lebten wir ein Leben, von dem wir nichts wissen, denkt Val.“

Es ist das vierte Buch der Norwegerin Hanne Ørstavik, das ich lese und ich kann von ihrer Sprache nicht genug bekommen. Andreas Donat hat „Roman. Milano“ wie schon zuvor Die Zeit, die es dauert hervorragend übersetzt. Wenn ich auf Seite 9 bereits die ersten Zeilen anstreiche, dann weiß ich, ich bin im richtigen Buch. Wenn Ørstaviks Romane bisher schon allerfeinste Seelen- und Sozialstudien des Menschlichen waren, so geht die Autorin in diesem Buch noch weiter. Ihre Heldin Val zeigt sie bis in die Tiefen ihres Seins und geht mit großem Feingefühl und ebensolchem Sprachgefühl vor.

Die Norwegerin Val, 27, zieht zu ihrem italienischen Freund Paolo nach Mailand. Er ist wesentlich älter und arbeitet für einen großen Galeriekonzern, sie ist Zeichnerin. Beide haben sich auf ihrer Ausstellung in Oslo kennengelernt. Paolo hat sie umworben, sie sind zusammen verreist, haben sich Kunst angesehen und dann hat hat sich Val entschieden den großen Schritt zu machen. Für sie ist es schwer in einer Beziehung mit jemandem so eng zusammenzuleben, für Paolo leicht. Paolo ist noch verheiratet, obwohl seine Frau und er sich vor über 10 Jahren trennten. Val behagt das nicht. Sie versteht es nicht, doch Paolo erklärt ihr, dass es nur materielle Hintergründe hat und dass er nur sie liebe.

Val beginnt Mailand zu erkunden, von der Erdgeschoßwohnung mit den vergitterten Fenstern aus, die Blick auf eine kleine Piazza mit einer kleinen Kirche hat. Ihr Blick ist aufmerksam und genau. Sie blättert Fotobände über die Geschichte der Stadt durch, begegnet dem Faschismus unter Mussolini und entdeckt zwischen den geschichtlichen Texten auch Bilder eines Kinderheims, die sie sehr berühren. Waisenkinder sind es, Mädchen, Stelline genannt. Val versteht sie gut, denn ihre Eltern haben sie als Kleinkind an die Tante abgegeben, bei der sie dann im Reihenhaus wohnte. Die Eltern gingen nach Kalifornien, um Karriere zu machen und vergaßen sie. Erst als sie 12 Jahre alt war, gab es ein Treffen, dann noch einen Mittelmeerurlaub und dann gab es nichts mehr. Danach geben die Eltern der Teenagertochter sogar schriftlich zu verstehen, dass sie sie nicht wollen, dass sie für ein Kind eben nicht geeignet sind.

Als Leserin kann ich direkt nachvollziehen, was Val geprägt hat. Eine andauernde Vorstellung vom „nicht gewollt sein“, vom Ausgegrenztsein. Sie wünscht sich dazu zu gehören, hat aber Bindung als Kind nie erfahren, als es wichtig gewesen wäre. Und deshalb bleibt sie auch bei Paolo. Er will sie. Er liebt sie. Nur verstehen kann er sie vermutlich nicht. Er sieht nicht alles von ihr. Nicht die Dunkelheit, die Verlorenheit, das beinahe Verschwinden.

Val begibt sich mithilfe ihrer Zeichnungen, die sie ganz intuitiv entstehen lässt, immer wieder tief in ihr Innerstes. Sie überlässt sich ganz ihren Eingebungen, ihrer Fantasie und ihren Träumen. So kann sie dem Leben besser entgegentreten. Sie erfindet Figuren, die sie real flüchtig gesehen hat und in ihren Zeichnungen und Notizen ausschmückt und ihnen Leben und Vergangenheit einhaucht. Dass diese Geschichten und Bilder immer mit ihrer eigenen Person zu tun haben, dessen ist sie sich bewusst.

„Dieses Gefühl, dass es eine andere Wirklichkeit gibt.
Jene, da draußen, von der die Fotografen erzählen. Und dann gibt es die, die sie selbst in sich trägt, in ihrem Innersten. Die, mit der sie durch die Welt geht. Die für Val die stärkste ist. Als ginge sie durch die Welt, in ihrem eigenen Inneren. Kommen die beiden überhaupt in Berührung?“

Die Autorin lässt Figuren und Formen verschmelzen. Sie lässt die Stadt in den Augen Vals aufscheinen, die Architektur studiert hat, weil sie dann einen Beruf hatte, in dem sie zeichnen konnte. Gearbeitet hat sie nie als Architektin, aber sie geht mit diesem Blick durch die Stadt. Auch der menschliche Körper ist für sie in eine Form gepresst, durch die Muskeln gehalten. Oft hat sie das Gefühl, ihren Körper nicht in seiner Form halten zu können, zu zerfließen, sich aufzulösen. Dann will sie ihren Körper durch übertriebene Sportlichkeit formen. Auch der Blick Paolos auf sie ist ihr wichtig. Gleichzeitig erkennt sie auf den Festen und Ausstellungseröffnungen, die sie mit ihm besucht, wie wichtig Äußerlichkeiten in dessen Leben zu sein scheinen, wieviel Oberflächlichkeit in seinen Kreisen herrscht, wie verlogen die Kunstszene ist. Immer hinterfragt sie, was darunter liegt. Unter den Masken der Menschen und unter der neuen Architektur der Stadt. Für sie die Hochsensible, die Melancholische, geht alles ins Existenzielle. Sie gerät immer neu an ihre Grenzen.

„Ja, vielleicht kann das Zeichnen, kann die Kunst ein Freund sein, denkt Val. Vielleicht kann die Kunst die andere in mir sein. Das Fremde in mir, zu dem ich sonst keinen Zugang habe. Schattenräume in mir, versteckte. Die ich brauche, um zu wachsen. Durch deren Berührung ich mich verändern und wirklich werden kann?

In kurzen Kapiteln folgen wir Val durch ihr reales Leben in Mailand mit Paolo, durch ihre Vergangenheit in Norwegen und durch ihre Träume und die erzeichneten und erfundenen Geschichten über Jason, Vivian und die Waisenmädchen. Man fühlt, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie ein Leben innen und außen so unterschiedlich gelebt werden kann. Dank Ørstaviks Sprache und Einfühlungsvermögen ist es ein intensives Leseerlebnis, das sich auf das Wesentliche konzentriert. Und ein tiefer Einblick in die Welt einer authentischen Künstlerin, für die ihr Tun heilsame Kräfte entwickelt. Einziges Manko, und dass sicher auch nur für mich: ein Happyend.

Geschickt und stimmig, wie Ørstavik Szenen aus Filmen von Michelangelo Antonioni mit einfügt. Froh bin ich auch über den Hinweis zur Künstlerin Marlene Dumas, deren Bilder im Roman mehrmals erwähnt werden und die mich sofort ansprechen. Große Lust, Mailand zu erkunden, habe ich bekommen. Danke auch dafür, Hanne Ørstavik! Strahlendes Leuchten!

Der Roman erschien im Karl Rauch Verlag. Er ist wieder wunderbar haptisch gestaltet mit feinem Papier, farbiger Fadenheftung und passendem Lesebändchen. Dank an Übersetzer Andreas Donat für das Rezensionsexemplar!

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null Klett Cotta Verlag

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„Manche Menschen wirken auf den ersten Blick wie Verlorene. Als hätte ein Ereignis in ihrem Leben sie aus der Bahn getragen und als hätten sie trotz aller Bemühung nicht wieder Fuß gefasst.“

Michael Wildenhains neuer Roman hat es in sich. Obwohl ich mich mit Mathematik noch nie anfreunden konnte, hat mich der Titel und das Thema sehr gereizt. Die einzelnen Kapitel sind nach einem mathematischen Beweisverfahren benannt, der Induktion, ergänzt durch Zwischenkapitel wie Gegenprobe und Hilfssatz. Die eigentliche Story wird dann auch begleitet von kurzen, im Zusammenhang mit dem Text aufschlussreichen philosophischen und mathematischen Diskursen. Auch Homers Irrfahrten des Odysseus spielen eine Rolle.

Was zunächst wie ein Krimi beginnt, entpuppt sich schließlich als extrem gut konstruierte Geschichte, die oft durch Vor- und Rückblenden verwirrt, was wiederum darauf hinweist, welche Rolle die Zeit überhaupt spielt und in wie vielen Parallelwelten wir womöglich leben.

Eine Frau aus Stuttgart, Susanne Melforsch, verschwindet im Urlaub in Südfrankreich. Ihr Reisebegleiter Dr. Martin Gödeler (schöne Anspielung auf Gödel, bekannter Philosoph und Mathematiker), einst Koryphäe auf dem Gebiet der Mathematik, nun Nachhilfelehrer, meldet sie nicht als vermisst, sondern reist allein zurück nach Stuttgart. Kurze Zeit später wird er verhaftet und erzählt dem ermittelnden Staatsanwalt in mehreren längeren „Verhören“ seine Version der Geschichte. Gödeler holt dabei weit aus, erzählt detailreich, was er für wichtig hält, wirkt dabei sehr zielstrebig, doch folgt nie ein Geständnis der Tat. Je nach wechselnder Beweislage, eine Leiche wird nie gefunden, befindet er sich in Untersuchungshaft oder wird unter Auflagen wieder freigelassen.

„Als ich, Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, summa cum laude, vormaliger Spezialist für Differentialgeometrie, am dritten Tag auf der anderen Seite der entspiegelten Glasplatte zu reden begann, ist die Metamorphose abgeschlossen.
Der antike Heerführer setzt sich an jenem Vormittag auf dem Besucherstuhl zurecht, und der junge, kluge Staatsanwalt braucht Zeit, um zu begreifen, dass er nun das Publikum ist.“

Wir Leser dürfen den Gesprächen folgen, wir bewegen uns sprunghaft durch das Leben Gödelers, der bereits in der Schule ein Mathegenie ist und ab dem Studium eine steile Karriere hinlegt. Mit einer Mitstudentin lebt er zusammen, sie bekommen eine Tochter. Doch die Ehe zerbricht, als Gödeler auf einem Kongreß eine faszinierende Kollegin kennen lernt und eine sowohl im fachlichen wie im privaten obszessive Beziehung beginnt. Dass Dr. Elisabeth Lucile Trouvé auch noch andere Leidenschaften verfolgt, als die Mathematik, erlebt Martin nach ein paar Jahren, gerade als er seine Frau und Tochter endgültig verlassen will, wie einen Paukenschlag, der ihn für lange aus der Bahn wirft.

Parallel dazu erfahren wir aus dem Leben von Susanne Melforsch (ebenfalls verwirrend geheimnisvoll), die immer wieder zu verschiedenen Zeitpunkten in Gödelers Leben auftaucht, wobei er für sie immer eine bedeutendere Rolle spielt, als sie für ihn. Drei junge Leute, Nachhilfeschüler von Gödeler, die gleich anfangs sehr präsent, fast slapstickartig auftauchen, dienen eher zur Verwirrung und spielen letztlich eine untergeordnetere Rolle. Die Handlung verlagert sich von Berlin nach Hamburg schließlich nach Stuttgart, mit Zwischenhalten in Belgien und Südfrankreich. Mehr verrate ich nicht zum Inhalt, denn sonst gäbe es nicht mehr dieses spannende Lesevergnügen.

Auf höchst verschlungenen Wegen nähert sich der Autor der Auflösung aller Geheimnisse, die die Lektüre so spannend machen. Was anfangs wie ein undurchdringlicher Irrgarten erscheint, wird nach und nach zugänglich gemacht. Dazu kommt der sprachliche Genuss, denn auch hier brilliert der Autor. Teils leicht altmodisch, teils in verschlungenen Satzbauten und in ausführlichen schwingenden Strukturen füllte mich diese Sprache vollkommen aus. Welch eine große und seltene Kunst eine spannende anspruchsvolle Geschichte in beeindruckender Sprache zu lesen!

Michael Wildenhain ist mit diesem Buch ein großer Wurf gelungen. Was in „Das Lächeln der Alligatoren“ schon anklang, wächst hier zum Höhepunkt. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.