Gine Cornelia Pedersen: Null Luftschacht Verlag

20211029_1810515287985662158771363.jpgIch bin literarisch wieder mal im Norden unterwegs. Welch ein Glück, dass ich dieses Buch erhalten habe; ich hätte es selbst wohl übersehen. So aber verbrachte ich einen faszinierenden Nachmittag lang mit dem Debütroman der Norwegerin Gine Cornelia Pedersen. Das Buch erschien in Norwegen bereits 2013 und erhielt den „Tarjei Vesaas Debutantpris“. Auch äußerlich ist es bemerkenswert. Passend zum Inhalt herrscht die Farbe schwarz vor. Der Textblock, auf feinem Papier gedruckt, wird eingerahmt von einem schwarz/grauen scheinbar undurchdringlichen Dschungel. Und dieser hat, wie man später beim Lesen merkt eine wichtige Rolle in der Geschichte.

„Ich bin zehn Jahre alt
Ich absorbiere alles
Ich habe keinen Filter
Ich glaube Gott hört es, wenn ich bete
Ich habe drei Menschen tot gesehen, zwei alte und einen jungen
Ich weine nachts und fühle, dass ich ganz allein bin und mich niemand retten kann
Ich habe Mitleid mit Mama und Papa
Ich begreife, dass das Konzept Zuhause niemals existiert hat
Ich denke, wenn ich groß bin und selbst bestimmen kann, wird das Glück perfekt sein
Ich glaube, ich werde ewig leben, und denke gleichzeitig fast jeden Tag an den Tod
Ich halte in allen Disney-Filmen zu den Bösen, sage es aber niemandem“

So beginnt der Roman. Im Grunde stellt dieser Beginn schon die Weichen; die Weichen der Geschichte, die Weichen dieses Lebens. Es ist eine extrem temporeiche Geschichte, eine dunkle Geschichte, die wirklich einschlägt wie eine schwere Faust. Und trotz der großen Verlorenheit schenkt die Autorin ihrer Hauptfigur einen schrägen Humor, mitunter Galgenhumor, aber eben einen der taugt zum Überleben. Es ist womöglich die beste Weise, diese beeindruckende Geschichte zu erzählen.

Schon als Kind hat die Heldin dieser Geschichte den Wunsch berühmt zu werden, vielleicht als Star oder als Schauspielerin. Dahinter steckt der Wunsch gesehen zu werden. Denn die Eltern scheinen das nicht zu können. Sie trennen sich, der Vater lebt bald in Oslo und in der Heranwachsenden gedeiht der Wunsch auch in die große Stadt zu kommen. Während der Pubertät macht das Mädchen die vielen Phasen durch, die wir alle meist kennen: es geht um Widerstand, Abgrenzung. In der Schule bleibt sie Außenseiterin, bis sie sich in Jorg verliebt. Die beiden kommen zusammen und zum ersten Mal wohl wird sie gesehen. Doch das Schöne, die Nähe ist auf Dauer nicht auszuhalten. Es geht ihr psychisch immer schlechter.

Nach der Schulzeit zieht sie nach Oslo und denkt, jetzt beginnt das Leben. Sie nimmt verschiedene Jobs an, doch in keinem hält sie es lange aus. Ein Arzt verschreibt Tabletten, die nicht helfen. Sie bekommt Wahnvorstellungen, rastet total aus und landet zum ersten Mal in der Psychiatrie. Sehr lange wird sie dort bleiben. Man schätzt sie als chronisch krank ein.

„Ich befinde mich seit bald einem halben Jahr in zwangsweiser psychiatrischer Unterbringung
Ich möchte wissen, ob es nicht langsam Zeit für mich wäre. freiwillig hier zu sein
Sie sagen, von diesem Ziel sind wir leider noch weit entfernt
Sie teilen mir mit, dass ich verlegt werden soll“

Nach weiteren drei Monaten, die alles andere als ruhig und stabil laufen, wird die Protagonistin entlassen und bezieht eine kleine Wohnung in Oslo. Zunächst scheint es aufwärts zu gehen. Sie lernt einen Mann kennen, aus Verrücktheit heiraten die beiden, sie hat sogar einen Termin zur Vorstellung in einer Schauspielschule, den sie mit Witz und Verve meistert, später aber doch eine Absage erhält. Auch diese Beziehung wird von ihrer Borderline-Thematik überschattet. Nach schlimmen Vorfällen kommt es erneut zu einer Einweisung in die Klinik.

„Die Ärzte sagen, ich kann von Glück reden, am Leben zu sein
Die haben sie doch nicht alle
Sie begreifen nicht, dass es für mich ein Unglück ist, am Leben zu sein“

Die Protagonistin geht durch die Hölle. Doch auch diesmal übersteht sie es und wird erneut entlassen. Ein Buch und ein Traum führt sie schließlich zu einer unkonventionellen Therapeutin, die ihr in besonderer Weise hilft und als sie Jorg wieder trifft, scheint es aufwärts zu gehen. Jorg erzählt ihr von seiner eigenen Entwicklung, von seinen Erfahrungen mit einer Droge die er in Peru kennengelernt hat und die ihm sehr geholfen hat seinen Weg zu finden. Unsere Heldin macht sich schließlich wagemutig allein auf den Weg nach Peru, um zu sich selbst zu finden. Doch bereits im Flugzeug stehen die Zeichen schlecht und ab der Ankunft erleben wir eine rasante extreme wilde unglaubliche Reise durch das Bewusstsein der Heldin, die alles andere als heilsam zu sein scheint, die sie in unfassbare Gefahr bringt und nah am Tod endet. Aber eben nur nah. Wer das überlebt, denkt man als Leser, der kann eigentlich nur noch gewinnen im Leben …

Gerade diese letzte Episode, die sich über das ganze letzte Kapitel des Romans zieht, zeigt das unglaubliche Talent der Autorin. In rasender Geschwindigkeit überschlagen sich hier die Ereignisse, dass man als Leserin manches nur noch erahnen kann, was hier geschieht. Und das macht gerade die Faszination aus. Dazu kommt die Erzählweise, atemlos, die Form passt sich ja im gesamten Text der Geschichte an (siehe Foto Textauszug) und endet in einem wahrhaftig wahnhaften (?) Showdown. Stakkatohaft fliegen einem die Sätze fast gänzlich ohne Interpunktion um die Ohren. Die Leserin selbst wird am Ende vom Dschungel Perus umschlungen und erst mit dem letzten Satz wieder ins Licht entlassen. Ein irre gutes Buch! Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Luftschacht Verlag und wurde von Andreas Donat trefflich übersetzt. Das Coverbild und die Illustration stammt von Carlos Enfedaque. Zur Leseprobe geht es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jenny Erpenbeck: Kairos Penguin Verlag

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Ich habe fast alle Bücher von Jenny Erpenbeck gelesen und schätze sie für ihre Sprache und ihren besonderen Blick, die Dinge zu betrachten. In ihrem neuen Roman, nach dem sehr erfolgreichen „Gehen, ging, gegangen“, erzählt sie in „Kairos“ eine Geschichte, die mich manchmal ziemlich zur Weißglut getrieben hat, nicht etwa sprachlich, sondern inhaltlich.

Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks

Eine Frau sitzt über zwei Kartons gebeugt und sortiert den Nachlass ihres ehemaligen Geliebten und sie erinnert sich:

Es ist 1986 in Ostberlin. Katharina, 19, die eine Setzerlehre in einem Verlag macht, um später Gebrauchskunst zu studieren, begegnet eines Tags im November an der Bushaltestelle Hans, einem über 30 Jahre älteren verheirateten Schriftsteller. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Es beginnt eine Beziehung, die meiner Meinung nach nur anfangs Liebesgeschichte ist und sich schließlich vor allem aufgrund der narzisstischen Persönlichkeit von Hans in eine höchst toxische Beziehung verändert. Wie Erpenbeck diese Beziehung beschreibt, machte mich sprachlos, wütend und letztlich verständnislos. Ich wollte den beiden zurufen: Lasst es! Trennt euch! Es tut keinem mehr gut! Doch scheinen die beiden in einer besonderen Form der Abhängigkeit vom jeweils anderen festzuhängen, die sich durch Schuldzuweisung und einer Art Hörigkeit, sowohl sexueller als auch emotionaler Natur zeigt und verstärkt. Gleich eingangs zeigt sich die Verschiedenheit der Blickwinkel, sicher auch durch den Altersunterschied bedingt:

„Nie wieder wird es so sein wie heute, denkt Hans. So wird es nun sein für immer, denkt Katharina.“

Wenn es nur um diese Liebe gegangen wäre, hätte ich das Buch sicher bald zur Seite gelegt. Aber Erpenbeck ist eben eine großartige Erzählerin und sie weiß die Geschichte so zu erzählen, dass sie gute Literatur wird. Neben dem Paar ist außerdem auch die Stadt Ostberlin Hauptprotagonist. Überhaupt ist es auch die Stimmung der letzten Jahre der DDR und es sind vor allem auch die starken Schilderungen des kulturellen, intellektuellen Lebens, welche das Paar miteinander teilt, die Orte an denen sie sich treffen, das Restaurant Ganymed oder das Cafe Tutti. Beide sind kultur-, kunst- und musikinteressiert. Etwas, was sie meiner Meinung nach auch stark verbindet sind eben Gespräche über dieses oder jenes klassische Musik- oder Theaterstück. Zumindest ist es das, was die Beziehung anfangs festigt.

„Katharina sitzt im Café Arkade und wartet auf Hans. Seltsam denkt sie, dass die Zeit, die an sich unsichtbar ist, nur indirekt sichtbar wird in dem, was an Unglück geschieht. So, als sei Unglück das Gewand der Zeit. Aber gleichzeitig, denkt sie, ist dieses Unglück auch nicht nur eine Hülle, sondern selbst ein Inneres, ein Wesen, das, einmal geboren eigener Wege geht und seine eigene Zeit hat. Denn seltsam bleibt es, denkt sie, dass sie auf Hans` Enttäuschung seit beinahe einem Jahr nicht den geringsten Einfluss nehmen kann.“

Als Katharina in Frankfurt/Oder ein Praktikum am Theater als Bühnenbildnerin macht, hat sie eine kurze Affäre mit einem Kollegen. Als Hans das zufällig herausfindet, beginnt eine seltsame Szenerie der Schuldzuweisungen und Abhängigkeiten. Er, der selbstverständlich verheiratet nebenher eine Geliebte haben kann, verurteilt Katharina und bindet sie im Namen einer „Aufarbeitung und Wiedervertrauensgewinnung“ vollkommen an sich. Waren es zuerst zahlreiche Briefe von Hans, so sind es nun Cassetten, die er für sie bespricht, in denen es Vorwürfe hagelt und die wie ein Tribunal wirken. Eine sehr ungesunde Entwicklung, der sich Katharina zwar immer wieder zu entziehen versucht, – sie geht eine kurze lesbische Beziehung ein und schläft mit einem Freund – die sie letztlich aber erst nach mehreren Jahren und zwei kurzen Trennungen dauerhaft beenden kann. Erst als auch die DDR sich in Auflösung befindet und sie leider in der Fusion mit Westdeutschland endet. Katharina, die den Westen nicht nur als Wohltat empfindet, sondern auch als Gefahr, wundert sich (ebenso wie ich heute noch), weshalb nicht der Versuch „o-ton Christa Wolf: … in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln„,  stattfand, wieso der Übergang (die Übernahme?) allzu schnell gehen sollte.

Die Autorin hat großes Geschick darin zu hinterfragen, zu beobachten, zu reflektieren und hinein zu spüren. Abwechselnd wird aus Katharinas und Hans` Perspektive erzählt, zusätzlich kommen noch die inneren Gedankenvorgänge und sowie im Fall von Hans, der während des zweiten Weltkriegs Kind war, die Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, als die DDR voller Hoffnung neu entstand. So ist Jenny Erpenbecks neuer Roman eben viel viel mehr als die Geschichte einer unguten Beziehung, sondern ein Berlin- und ein DDR-Roman, aber eben auch ein sprachlich gelungenes perfekt komponiertes Leseereignis. Mich hat er auch an sehr persönliche Erfahrungen bei DDR-Verwandten-Besuchen und aus der Wendezeit erinnert. Große Empfehlung!

Kairos erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Sadie Jones: Die Skrupellosen Penguin Verlag

Sadie Jones ist meines Wissens noch nicht so bekannt im deutschsprachigen Raum. Ich habe sie entdeckt durch den schönen Roman „Jahre wie diese“, der im Schauspielmilieu in London spielt. Die 1967 geborene Britin, die auch Drehbuchautorin ist, schreibt Romane, die zwar nicht hochliterarisch sind, aber in die Tiefe der jeweiligen Themen eintauchen und absolut mitreißend erzählt sind. Also durchaus mehr als gute Unterhaltung. Diesmal sogar mit Elementen eines Kriminalromans.

Im neuen Roman geht es um das junge Paar Bea und Dan, die in London leben. Eine Eigentumswohnung muss abbezahlt werden. Dan, der eigentlich Künstler sein will, verdient sein Geld als Immobilienmakler, Bea ist Psychotherapeutin. Gleich eingangs wird klar, dass die beiden sehr sparsam leben müssen, denn das Leben in London ist teuer. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, führen sie eine liebevolle Beziehung. Als beide vom Leben und Arbeiten frustriert sind, beschließen sie eine Auszeit zu nehmen. Vom finanziellen „Polster“ und von der Vermietung ihrer Wohnung wollen sie drei Monate lang durch Europa reisen. Ein altes Auto wird gekauft und die erste Station ist Frankreich, wo Beas Bruder Alex ein Hotel leitet.

Alex scheint es endlich geschafft zu haben, Drogen und Alkoholmissbrauch hinter sich gelassen zu haben. Doch als sie ankommen entpuppt sich das Hotel als Luftnummer. Es gibt keine Gäste außer ihnen selbst, vieles ist marode und Alex scheint sich dennoch dort wohl zu fühlen. Im Gespräch erfahren Dan und Bea, dass der durch allerlei illustre Immobilienspekulationen extrem reich gewordene Vater von Bea das Hotel für Alex gekauft hat. Dan, der kaum etwas von Beas Familie weiß, da Bea keinen Kontakt zu den Eltern hat, wundert sich immer mehr. Sie versuchen die freien Tage zu genießen, doch irgendwie schwebt Unheil in der Atmosphäre. Als schließlich auch die Eltern mit teurem Auto auftauchen, nicht wie sonst mit dem Privatjet (!), fragt sich Dan, wieso er nichts über den immensen Reichtum seiner Schwiegereltern weiß und weshalb Bea nicht die immer wieder angebotene Unterstützung ihres Vaters annimmt. Sie hätten damit ein so viel leichteres Leben.

„Dan dachte, dass er sie gerade zum ersten Mal in einer solchen Umgebung sah, und es verstörte ihn, mit welcher Sicherheit sie sich in diesem Habitat bewegte. Nur ein Mädchen, das mit dem goldenen Löffel im Mund geboren war, würde ihre Missachtung für den Luxus demonstrieren, indem sie etwas bestellte, was gar nicht auf der Karte stand.“

Doch für Bea ist es ein rotes Tuch, etwas von den Eltern anzunehmen. Sie hat ihre Gründe. Nach und nach bekommen wir Einblick in das merkwürdige Familienkonstrukt, dass von einem dominierenden Vater beherrscht wird, der über den dunkelhäutigen Schwiegersohn so gar nicht froh ist. Wir tauchen in die Kindheit der Geschwister, zu denen noch ein älterer Bruder gehört, der es im Gegensatz zu Alex „geschafft“ hat. Doch die, die Bea mit aller Macht von sich schiebt, ist die Mutter. Als Kind hat sie die Mutter zusammen mit dem 7 Jahre älteren Bruder gesehen, in einer übergriffigen Situation …

„Schwarze waren in den vergangenen Jahren hochgestuft worden, denn jetzt hatten sie noch ausländischere Ausländer mit Akzenten und Religionen, vor denen sie sich fürchten konnten.“

Es herrscht statt Urlaubsfeeling eine extreme unangenehme Spannung zwischen allen. Als Alex eines Abends losfährt, um für den Vater etwas zu erledigen, kommt er nicht mehr zurück. Dafür taucht die Polizei auf, die ihnen mitteilt, dass Alex einen tödlichen Unfall hatte. Die Erschütterung ist groß, bei der Mutter extrem. Vor allem als langsam klar wird, dass Alex vermeintlicher Unfall ein Mord war.

Es folgt eine äußerst spannende, bestens gelungene Geschichte, in der sich sichtlich Abgründe dieser Familie auftun. Und Dan als eine Art Außenstehender kommt aus dem Fragen nicht mehr heraus. Die Beziehung der beiden leidet unter den Geschehnissen. Kann man sich noch gegenseitig vertrauen? Kennt man einander wirklich? Und inwiefern ist Beas Vater, der den Sohn mit einem Auftrag losschickte mit Schuld an den Ereignissen?

Psychologisch interessant und erwähnenswert ist noch das Motiv der Schlange, das immer wieder auftaucht, in Beas Träumen und in echt. Das englische Original übernimmt das Motiv sogar in den Titel: The Snakes.

Mehr verrate ich nicht vom Inhalt, denn es würde dem Lesen die Spannung nehmen. Neugierig gemacht habe ich hoffentlich auf diesen gut konstruierten Roman, der mit feiner Gesellschaftskritik und einem für mich überraschenden, wenngleich heftigem Ende aufwartet. Einige wenige Male begegneten mir sprachliche Unfeinheiten, die vielleicht der Übersetzung geschuldet sind.

„Die Skrupellosen“ erschien im Penguin Verlag. Übersetzt wurde es von Wibke Kuhn. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Draesner: Kanalschwimmer Mare Verlag / btb Verlag

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Der Roman „Kanalschwimmer“ der Lyrikerin und Prosaautorin Ulrike Draesner ist nun auch als Taschenbuch erschienen. Wie ich vermute, entstand er oder wurde zumindest angeregt durch Draesners Aufenthalt als poet in residence in den Jahren 2015 bis 2017 in Oxford. Denn auch der Roman spielt teilweise in dieser kleinen aber höchst bekannten englischen Universitätsstadt beziehungsweise am und im Wasser des Ärmelkanals zwischen Dover und Calais.

Ich bin zunächst hin- und hergerissen zwischen „oje, überdreht“ und „erfrischend extravagant“. Und das natürlich in Bezug auf die Sprache. Bei Draesner geht es immer vor allem um Sprache. Denn diese Geschichte des alternden Mannes, der es noch einmal wissen will und damit unbedingt auch seine Angetraute wieder zurückgewinnen will, der also mit über sechzig den Ärmelkanal an der engsten Stelle zwischen Dover und Calais durchschwimmen will, wie es tatsächlich heutzutage viele machen, wie ich bei Recherchen feststellte (auf der Suche nach Grenzüberschreitungen? dem Kick? dem wahren Ich?), ist nicht das Spannendste am Roman. Es ist schon die Sprache und auch die zunächst wenig stringent erscheinende Erzählstruktur, die im Vordergrund steht.

Es gibt enorm viele Sätze mit höchst experimentellem Charakter, auch Kombinationen, die, wie ich finde, fragwürdig sind:

„Unversehens saß er in einer Lichtmühle. Er saß auf einer Bank des Shakespeare Inn unter quietschendem Shakespeare-Schild in einem Schauer aus Leuchtkörnchen, die auf ihn heruntergemahlen wurden. Hunderte Säcke von Lichtmehl waren explodiert.“

Sehr spannend ist, was ich im Verlauf des Lesens spürte: Wenn Draesner Held Charles im Kanal schwimmen lässt, an seine Grenzen bringt bzw. grenzenlos werden lässt, dann ist die Geschichte am stärksten, dann fließt sie, wird selbst durchlässig wie Wasser.

Die in Rückblenden, während des Schwimmens von Charles erinnerten Beziehungsthemen hingegen, wirken auf mich sehr unruhig. Aber vielleicht ist das gerade die beabsichtigte und letztlich auch gelungene Konstruktion der Autorin.

Ganz am Rande steht für mich dann auch die Beziehungsgeschichte von Charles und Maude, die nach 30 Jahren noch einmal eine große Veränderung erfahren könnte, wenn es nach der Pianistin Maude ging. Sie wünscht sich eine Dreierbeziehung zusammen mit Charles ehemaligem besten Freund und Konkurrenten Silas.

Und ja, hier werde ich das so oft bei Besprechungen verwendete „in den Sog geraten“ tatsächlich auch einmal anwenden, denn es passt so schön zum Meer und dem Kanalschwimmer-Helden Charles, den ich anfangs noch skeptisch, zum Schluss hin doch durchweg sympathisch in seinem Menschlich-Sein, wenn nicht gar in seiner Menschwerdung, im Ärmelkanal begleiten durfte. Und ein Hoch auf die Autorin, die es schafft, die dringlichste Frage, die uns Leser durchs Buch treibt, ohne Antwort zu lassen: Schafft er es oder schafft er es nicht? Ein Leuchten!

Ulrike Draesners Roman „Kanalschwimmer“ erschien zuerst im Mare Verlag, nun als Taschenbuch bei btb. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Zu weiteren Besprechungen hier auf meinem Blog von Ulrike Draesner:
„Mein Hiddensee“, „Eine Frau wird älter“ und zum Hörbuch „Happy Aging“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen Edition Azur

Es gibt Gedichte, die docken sofort bei mir an, die schwingen sofort, sind mit meinem System sofort im Einklang. Ingrid Mylos Gedichtband „Überall, wo wir Schatten warfen“ enthält solche Gedichte. Alle gefallen mir. Dabei sind es keine hoch verrätselten oder poetologisch aufwendig zu deutende Texte, sondern mit geübter und dabei dennoch spielerischer Hand geschriebene. Es sind Gedichte, die von der Natur erzählen, vor allem auch von der menschlichen und die ernst und still und fein Tiefen ausloten, die ich sehr mag.

"Schon damals,
Schatten und Schmerz.
Und die Schärfe,
die sich verliert mit
den Metern, mit den Minuten.
Dort, wo die Grenze des Dunklen
Aufruhr wird, Vegetation,
lässt sich vergessen, woher
die Traurigkeit rührt."

Mylo erzählt dabei von ihrem Schreiben und vom Erinnern an Menschen, an Erlebnisse. Sie schildert Momente des Innehaltens, kleine Sensationen. Sie zeichnet die Liebe. Sie reflektiert Situationen und betrachtet sie neu im Schreiben. Sie benutzt dabei Farben, grün, rot, blau und auch gelbe Tulpen. Mit Farbsignalen beleuchtet sie ihre Verse und setzt sie in die jeweilige Atmosphäre hinein. Und lässt uns Leser die eigene (innere) Stimmung dabei finden. Schatten sind immer dabei.

"Bleistiftspuren

Ein Flüstern, verstohlen, ein
graues Scharren, das Finten
nach sich zieht und gute
Gründe, wachsende Strophen
wie Kapriolen von Insekten:
die Irrtümer sind sanft, und
die Wahrheiten schlagen
sich nieder wie grüner Regen.
Im Schatten. Im
Schatten stöbern wir die
Freuden von früher auf."

Eine Art Melancholie durchzieht die Zeilen, wie ich sie selbst gut kenne. Hier geht es ums Älterwerden, ums Zurücklassen, um den geweiteten Blick auf das bisher gelebte, mehr als „die Hälfte des Lebens“. Die Verluste, die es bereits zu Beklagen gibt. Die Toten. Was wohl noch kommt? Was wohl immer bleibt? Spürbar ist jedoch auch eine weise Gelassenheit, die von Resignation weit entfernt ist.

"Oktobernacht

Was bleibt, wenn die Freunde
gegangen sind,
die Himmel leerstehen,
die Rätsel heruntergekürzt
auf zwei bloße Ziffern.
Eine Kinderschürze
voller zusammengeraffter Wörter,
ein aufgeschreckter Blick,
unter dem sich der Sand
schneller häuft, als
Gefühle Schatten werfen.
Nichts mehr zu sagen."

Mylo erinnert sich auch an Reisen, an Orte, der besonderen Bedeutung, London, die Provence. Hier ahnt man teilweise nur, welche Erlebnisse sich in Erinnerungen entfalten. Spürbar und sinnlich entdecke ich hier erneut Südfrankreich, wie ich es selbst vor vielen Jahren erlebte.

"Carpentras, Cavaillon, am Kanal entlang,
Kurven und Wald, Cotignac.
Elf dem Abhang abgetrotzte Terassen,
Oliven, Steinschichten, Wind,
die Verschiebung der Pflichten:
man hat, wenn sie auf dem eigenen Land wachsen,
auch für die Feigenbäume Sorge zu tragen, selbst
wenn man die Früchte nicht mag."

Die 1955 geborene vielseitige Ingrid Mylo hat nach vielen anderen Texten, Rezensionen, Regiearbeiten, Essays und Kolumnen nun einen Gedichtband verfasst. Welch ein Glück! Für mich ist dieses Buch ein Schatz geworden, in den ich immer wieder ein- und untertauche. Große Empfehlung! Helles Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Azur im Hause von Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hanne Ørstavik: Roman. Milano Karl Rauch Verlag

Foto von pixabay gemeinfrei

„Es ist so, als lebten wir ein Leben, von dem wir nichts wissen, denkt Val.“

Es ist das vierte Buch der Norwegerin Hanne Ørstavik, das ich lese und ich kann von ihrer Sprache nicht genug bekommen. Andreas Donat hat „Roman. Milano“ wie schon zuvor Die Zeit, die es dauert hervorragend übersetzt. Wenn ich auf Seite 9 bereits die ersten Zeilen anstreiche, dann weiß ich, ich bin im richtigen Buch. Wenn Ørstaviks Romane bisher schon allerfeinste Seelen- und Sozialstudien des Menschlichen waren, so geht die Autorin in diesem Buch noch weiter. Ihre Heldin Val zeigt sie bis in die Tiefen ihres Seins und geht mit großem Feingefühl und ebensolchem Sprachgefühl vor.

Die Norwegerin Val, 27, zieht zu ihrem italienischen Freund Paolo nach Mailand. Er ist wesentlich älter und arbeitet für einen großen Galeriekonzern, sie ist Zeichnerin. Beide haben sich auf ihrer Ausstellung in Oslo kennengelernt. Paolo hat sie umworben, sie sind zusammen verreist, haben sich Kunst angesehen und dann hat hat sich Val entschieden den großen Schritt zu machen. Für sie ist es schwer in einer Beziehung mit jemandem so eng zusammenzuleben, für Paolo leicht. Paolo ist noch verheiratet, obwohl seine Frau und er sich vor über 10 Jahren trennten. Val behagt das nicht. Sie versteht es nicht, doch Paolo erklärt ihr, dass es nur materielle Hintergründe hat und dass er nur sie liebe.

Val beginnt Mailand zu erkunden, von der Erdgeschoßwohnung mit den vergitterten Fenstern aus, die Blick auf eine kleine Piazza mit einer kleinen Kirche hat. Ihr Blick ist aufmerksam und genau. Sie blättert Fotobände über die Geschichte der Stadt durch, begegnet dem Faschismus unter Mussolini und entdeckt zwischen den geschichtlichen Texten auch Bilder eines Kinderheims, die sie sehr berühren. Waisenkinder sind es, Mädchen, Stelline genannt. Val versteht sie gut, denn ihre Eltern haben sie als Kleinkind an die Tante abgegeben, bei der sie dann im Reihenhaus wohnte. Die Eltern gingen nach Kalifornien, um Karriere zu machen und vergaßen sie. Erst als sie 12 Jahre alt war, gab es ein Treffen, dann noch einen Mittelmeerurlaub und dann gab es nichts mehr. Danach geben die Eltern der Teenagertochter sogar schriftlich zu verstehen, dass sie sie nicht wollen, dass sie für ein Kind eben nicht geeignet sind.

Als Leserin kann ich direkt nachvollziehen, was Val geprägt hat. Eine andauernde Vorstellung vom „nicht gewollt sein“, vom Ausgegrenztsein. Sie wünscht sich dazu zu gehören, hat aber Bindung als Kind nie erfahren, als es wichtig gewesen wäre. Und deshalb bleibt sie auch bei Paolo. Er will sie. Er liebt sie. Nur verstehen kann er sie vermutlich nicht. Er sieht nicht alles von ihr. Nicht die Dunkelheit, die Verlorenheit, das beinahe Verschwinden.

Val begibt sich mithilfe ihrer Zeichnungen, die sie ganz intuitiv entstehen lässt, immer wieder tief in ihr Innerstes. Sie überlässt sich ganz ihren Eingebungen, ihrer Fantasie und ihren Träumen. So kann sie dem Leben besser entgegentreten. Sie erfindet Figuren, die sie real flüchtig gesehen hat und in ihren Zeichnungen und Notizen ausschmückt und ihnen Leben und Vergangenheit einhaucht. Dass diese Geschichten und Bilder immer mit ihrer eigenen Person zu tun haben, dessen ist sie sich bewusst.

„Dieses Gefühl, dass es eine andere Wirklichkeit gibt.
Jene, da draußen, von der die Fotografen erzählen. Und dann gibt es die, die sie selbst in sich trägt, in ihrem Innersten. Die, mit der sie durch die Welt geht. Die für Val die stärkste ist. Als ginge sie durch die Welt, in ihrem eigenen Inneren. Kommen die beiden überhaupt in Berührung?“

Die Autorin lässt Figuren und Formen verschmelzen. Sie lässt die Stadt in den Augen Vals aufscheinen, die Architektur studiert hat, weil sie dann einen Beruf hatte, in dem sie zeichnen konnte. Gearbeitet hat sie nie als Architektin, aber sie geht mit diesem Blick durch die Stadt. Auch der menschliche Körper ist für sie in eine Form gepresst, durch die Muskeln gehalten. Oft hat sie das Gefühl, ihren Körper nicht in seiner Form halten zu können, zu zerfließen, sich aufzulösen. Dann will sie ihren Körper durch übertriebene Sportlichkeit formen. Auch der Blick Paolos auf sie ist ihr wichtig. Gleichzeitig erkennt sie auf den Festen und Ausstellungseröffnungen, die sie mit ihm besucht, wie wichtig Äußerlichkeiten in dessen Leben zu sein scheinen, wieviel Oberflächlichkeit in seinen Kreisen herrscht, wie verlogen die Kunstszene ist. Immer hinterfragt sie, was darunter liegt. Unter den Masken der Menschen und unter der neuen Architektur der Stadt. Für sie die Hochsensible, die Melancholische, geht alles ins Existenzielle. Sie gerät immer neu an ihre Grenzen.

„Ja, vielleicht kann das Zeichnen, kann die Kunst ein Freund sein, denkt Val. Vielleicht kann die Kunst die andere in mir sein. Das Fremde in mir, zu dem ich sonst keinen Zugang habe. Schattenräume in mir, versteckte. Die ich brauche, um zu wachsen. Durch deren Berührung ich mich verändern und wirklich werden kann?

In kurzen Kapiteln folgen wir Val durch ihr reales Leben in Mailand mit Paolo, durch ihre Vergangenheit in Norwegen und durch ihre Träume und die erzeichneten und erfundenen Geschichten über Jason, Vivian und die Waisenmädchen. Man fühlt, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie ein Leben innen und außen so unterschiedlich gelebt werden kann. Dank Ørstaviks Sprache und Einfühlungsvermögen ist es ein intensives Leseerlebnis, das sich auf das Wesentliche konzentriert. Und ein tiefer Einblick in die Welt einer authentischen Künstlerin, für die ihr Tun heilsame Kräfte entwickelt. Einziges Manko, und dass sicher auch nur für mich: ein Happyend.

Geschickt und stimmig, wie Ørstavik Szenen aus Filmen von Michelangelo Antonioni mit einfügt. Froh bin ich auch über den Hinweis zur Künstlerin Marlene Dumas, deren Bilder im Roman mehrmals erwähnt werden und die mich sofort ansprechen. Große Lust, Mailand zu erkunden, habe ich bekommen. Danke auch dafür, Hanne Ørstavik! Strahlendes Leuchten!

Der Roman erschien im Karl Rauch Verlag. Er ist wieder wunderbar haptisch gestaltet mit feinem Papier, farbiger Fadenheftung und passendem Lesebändchen. Dank an Übersetzer Andreas Donat für das Rezensionsexemplar!

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null Klett Cotta Verlag

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„Manche Menschen wirken auf den ersten Blick wie Verlorene. Als hätte ein Ereignis in ihrem Leben sie aus der Bahn getragen und als hätten sie trotz aller Bemühung nicht wieder Fuß gefasst.“

Michael Wildenhains neuer Roman hat es in sich. Obwohl ich mich mit Mathematik noch nie anfreunden konnte, hat mich der Titel und das Thema sehr gereizt. Die einzelnen Kapitel sind nach einem mathematischen Beweisverfahren benannt, der Induktion, ergänzt durch Zwischenkapitel wie Gegenprobe und Hilfssatz. Die eigentliche Story wird dann auch begleitet von kurzen, im Zusammenhang mit dem Text aufschlussreichen philosophischen und mathematischen Diskursen. Auch Homers Irrfahrten des Odysseus spielen eine Rolle.

Was zunächst wie ein Krimi beginnt, entpuppt sich schließlich als extrem gut konstruierte Geschichte, die oft durch Vor- und Rückblenden verwirrt, was wiederum darauf hinweist, welche Rolle die Zeit überhaupt spielt und in wie vielen Parallelwelten wir womöglich leben.

Eine Frau aus Stuttgart, Susanne Melforsch, verschwindet im Urlaub in Südfrankreich. Ihr Reisebegleiter Dr. Martin Gödeler (schöne Anspielung auf Gödel, bekannter Philosoph und Mathematiker), einst Koryphäe auf dem Gebiet der Mathematik, nun Nachhilfelehrer, meldet sie nicht als vermisst, sondern reist allein zurück nach Stuttgart. Kurze Zeit später wird er verhaftet und erzählt dem ermittelnden Staatsanwalt in mehreren längeren „Verhören“ seine Version der Geschichte. Gödeler holt dabei weit aus, erzählt detailreich, was er für wichtig hält, wirkt dabei sehr zielstrebig, doch folgt nie ein Geständnis der Tat. Je nach wechselnder Beweislage, eine Leiche wird nie gefunden, befindet er sich in Untersuchungshaft oder wird unter Auflagen wieder freigelassen.

„Als ich, Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, summa cum laude, vormaliger Spezialist für Differentialgeometrie, am dritten Tag auf der anderen Seite der entspiegelten Glasplatte zu reden begann, ist die Metamorphose abgeschlossen.
Der antike Heerführer setzt sich an jenem Vormittag auf dem Besucherstuhl zurecht, und der junge, kluge Staatsanwalt braucht Zeit, um zu begreifen, dass er nun das Publikum ist.“

Wir Leser dürfen den Gesprächen folgen, wir bewegen uns sprunghaft durch das Leben Gödelers, der bereits in der Schule ein Mathegenie ist und ab dem Studium eine steile Karriere hinlegt. Mit einer Mitstudentin lebt er zusammen, sie bekommen eine Tochter. Doch die Ehe zerbricht, als Gödeler auf einem Kongreß eine faszinierende Kollegin kennen lernt und eine sowohl im fachlichen wie im privaten obszessive Beziehung beginnt. Dass Dr. Elisabeth Lucile Trouvé auch noch andere Leidenschaften verfolgt, als die Mathematik, erlebt Martin nach ein paar Jahren, gerade als er seine Frau und Tochter endgültig verlassen will, wie einen Paukenschlag, der ihn für lange aus der Bahn wirft.

Parallel dazu erfahren wir aus dem Leben von Susanne Melforsch (ebenfalls verwirrend geheimnisvoll), die immer wieder zu verschiedenen Zeitpunkten in Gödelers Leben auftaucht, wobei er für sie immer eine bedeutendere Rolle spielt, als sie für ihn. Drei junge Leute, Nachhilfeschüler von Gödeler, die gleich anfangs sehr präsent, fast slapstickartig auftauchen, dienen eher zur Verwirrung und spielen letztlich eine untergeordnetere Rolle. Die Handlung verlagert sich von Berlin nach Hamburg schließlich nach Stuttgart, mit Zwischenhalten in Belgien und Südfrankreich. Mehr verrate ich nicht zum Inhalt, denn sonst gäbe es nicht mehr dieses spannende Lesevergnügen.

Auf höchst verschlungenen Wegen nähert sich der Autor der Auflösung aller Geheimnisse, die die Lektüre so spannend machen. Was anfangs wie ein undurchdringlicher Irrgarten erscheint, wird nach und nach zugänglich gemacht. Dazu kommt der sprachliche Genuss, denn auch hier brilliert der Autor. Teils leicht altmodisch, teils in verschlungenen Satzbauten und in ausführlichen schwingenden Strukturen füllte mich diese Sprache vollkommen aus. Welch eine große und seltene Kunst eine spannende anspruchsvolle Geschichte in beeindruckender Sprache zu lesen!

Michael Wildenhain ist mit diesem Buch ein großer Wurf gelungen. Was in „Das Lächeln der Alligatoren“ schon anklang, wächst hier zum Höhepunkt. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

James Baldwin: Giovannis Zimmer Random House Audio

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Obwohl James Baldwins Romane inzwischen durch viele Neuauflagen im Deutschen Taschenbuchverlag wieder sehr präsent sind, habe ich bisher nichts von ihm gelesen. Mein erster Versuch mit „Von dieser Welt“ gelang nicht, mir blieb das Thema seinerzeit verschlossen. Nun griff ich nach dem Hörbuch „Giovannis Zimmer„, um eine Leseflaute auszugleichen und es gelang beim zweiten Anlauf. Das Buch wurde 1956 geschrieben und löste nach Erscheinen Skandale aus. Man gestand Baldwin nicht zu, als Schwarzer über eine Beziehung zweier homosexueller weißer Männer zu schreiben. Tatsächlich war das zu dieser Zeit sehr mutig. Baldwins Wille, sich beim Schreiben an keine von der Gesellschaft vorgegebenen Themen zu halten, finde ich höchst bewundernswert.

Baldwin lässt schon von Anfang an das tragische Ende seiner Geschichte durchscheinen. Sehr spannend entwickelt sich dadurch die Handlung. Er lässt dafür seinen Helden David in Rückblenden erzählen. Dabei ist mein Held eigentlich der Italiener Giovanni. Der Amerikaner David, der Giovanni in Paris kennenlernt ist zeitweise wirklich sehr unsympathisch und wie auch Giovanni ihm viel später vorwerfen wird, ein großer Egoist und gleichzeitig eine von Schuld und Scham geprägte Figur. David kann sich sein Schwulsein, seine Liebe zu einem Mann selbst nicht zugestehen und kann aber auch nicht zurück ins alte Leben, welches Ehe und Familie in den USA vorsieht.

„Wohl deshalb habe ich um ihre Hand angehalten, um mich irgendwo zu verankern. Vielleicht hat sie deshalb in Spanien beschlossen, mich zu heiraten. Doch leider können sich die Menschen ihren Ankerplatz, ihre Liebhaber und ihre Freunde ebenso wenig aussuchen wie ihre Eltern. Das Leben gibt sie und nimmt sie, und die Schwierigkeit liegt darin, zum Leben Ja zu sagen.“

Paris, 50er Jahre: Als seine Verlobte Hella, ebenfalls Amerikanerin, nach Spanien fährt, um sich auf ihrer Reise ihrer Gefühle für David klar zu werden, zieht dieser durchs Pariser Nachtleben und entdeckt erneut die homosexuelle Liebe, lange verdrängt, die sich nun doch wieder in aller Intensität Bahn bricht. Bald zieht er zu Giovanni, der aus Geldmangel in einem winzigen Zimmer am Rand von Paris lebt. David lebt vom Geld, dass ihm sein Vater aus den USA zuschickt, wenn ihm danach ist. Als Giovanni seine Arbeit in der Bar von Guillaume verliert, denken die beiden zunächst dennoch, dass sie es gemeinsam schaffen können.

Als jedoch Hella ihre Rückkunft nach Paris ankündigt und David fest entschlossen ist, den früher eingeschlagenen Weg weiterzugehen, beginnt eine dramatische Entwicklung, die zunächst Giovanni und letztlich dann alle drei ins Unglück stürzen lässt.

James Baldwin hat ein unheimliches Gespür für Sprache und findet darin die allerfeinsten Nuancen. Seine Charakter schildert er so deutlich, dass ich diese Geschichte wie einen Film vor mir ablaufen sah. Das hat sicher auch damit zu tun, dass mir die Geschichte vorgelesen, ja, erzählt wird. Thomas Lettow, ein mir bisher unbekannter  Schauspieler, spricht in der Ich-Form aus der Sicht Davids und spielt diese Rolle gut. Das intensiviert die Geschehnisse und lässt mich nah dabei sein, lässt klare Bilder entstehen. Hörbuchleuchten!

„Giovannis Zimmer“ in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow erschien bei Random House Audio. Thomas Lettow interpretiert den ungekürzten Text (6 CDs, über 6 Stunden) sehr überzeugend. Auch das aufschlussreiche Nachwort von Sasha Marianna Salzmann, gelesen von Frank Arnold ist dabei. Eine Hörprobe gibt es hier.

Eine sehr gute Besprechung zum Buch findet sich bei Zeichen & Zeiten.

Nancy Hünger: 4 Uhr kommt der Hund Edition Azur

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Den Hund kennt man bereits. Der „schwarze Hund“ ist zum Symbol für die Krankheit Depression geworden. Bereits Winston Churchill sprach über seine Depressionen als Schwarzer Hund. Und außer einem kleinen Bilderbüchlein für Erwachsene, welches ich nicht wirklich gelungen finde, hat auch der an Depressionen erkrankte australische Lyriker Les Murray über den „Schwarzen Hund“ geschrieben. Nancy Hünger spricht nur vom Hund, der ihre Heldin regelmäßig in der Nacht um 4 Uhr besuchen kommt.

                                                                    „… bei aller
anstrengung war das anziehen urplötzlich unmöglich
und ich fand nicht mehr hinaus aus dieser nacht die
dem tag glich der der nacht glich und immer so fort
und so weiter urplötzlich unmöglich“

Hünger hat einen sprachlich herausragenden poetischen Band geschrieben. Die Thematik ist keine einfache. Aber die Herangehensweise, damit umzugehen oder zumindest im Nachhinein darüber zu reflektieren ist möglicherweise eine ideale. Die kurzen Sequenzen bilden letztlich eine Einheit und sind aber jede für sich Sprachkonstrukte von besonderer Art. Die Worte reihen sich aneinander, sind im Fluß ohne Punkt und Komma. Die Gedanken sprudeln unaufhörlich, vermeintlich wirr, doch bei wiederholtem Lesen entstehen Zusammenhänge von ganz allein.

                                                           „… jenseits der grenze sind
wir nun ein seltsam fremdes aus seltsam fremden tieren die
einsam immer kleinere runden drehen in den immer
kleineren zimmern die schnüren uns noch die luft schnüren
die uns ab bei lebendigem bewusstsein schnüren wir über
den hof wie kleine halbverhungerte rauchende tiere im zoo
ist man frei denken wir oft dass wir einmal menschen
gewesen sein müssen irgendwie frei bis auf das hemd das
uns trug als wir noch menschen waren die vor einer grenze
standen“

Es geht um eine Frau, die in eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie kommt. Der Eindruck, der beim Lesen entsteht, lässt einen psychischen Zusammenbruch vermuten. Es scheint um eine zerbrochene Beziehung zu gehen. Eine, die glücklich begann, aber unglücklich für die Protagonistin endete. Man könnte aus dem Gelesenen schlussfolgern, dass es sich um eine toxische Beziehung handelte, in der auch Gewalt vorkam, physisch, psychisch und/oder emotional …

Es klingt an, dass die Frau sich vollkommen verloren hat in dieser Verbindung und sinnbildlich nur noch ganz klein ist. Das manifestiert sich aber auch im Körper, der offenbar immer mehr Gewicht verliert. Zumindest stellt das die „Wiegerin“ fest, die täglich nachprüft, ob es denn mehr geworden ist. Denn wenn es nicht mehr wird, gibt es keine Aussicht auf Ausgang, keine Aussicht auf Freiheit. Und dann kommt eben nachts um 4 Uhr der Hund. Und Albträume und der Wunsch nach dem Nicht-mehr-Dasein.

                                                  „ha ha sagen die Kittel c‘ est la vie
oder positiv denken positiv verrecken ha ha
gruppentherapie das leben hat auch schattenseiten carpe
mortem genieße auch die kleinen leiden lerne dich selbst zu
hassen sorge dich nicht sterbe einfach schuldig an dir
selbst“

Es ist so beeindruckend wie die Dichterin diese Erlebnisse sprachlich behandelt. Wie die Worte wirken, wenn sie aus einem gebrochenen Körper, einer verletzten Seele kommen. „Ein unglückliches Sprechen“ heißt es auch im Untertitel. Da kommen Wörter vor wie „Schelf“ oder die „katabatischen Winde“, die ich nicht kannte. Schelf ist ein Begriff aus der Geologie und der Ozeanografie. Katabatische Winde sind z. B. der Mistral oder die Bora, also recht kalte Winde. Und die innerlichen Zustände als Wetter- oder Naturphänomene zu benennen ist da so abwegig nicht.

Ergänzt wird der durchweg kleingeschriebene Text mit Zeichnungen von Tommy Reinhardt, die ebenso überraschen, wie die Worte. Mit Bleistift oder Graphit skizzierte Dinge oder Personen befinden sich jeweils an einigen Stellen in Auflösung, was eine unheimliche Stimmung auslöst, die durchaus zum Geschriebenen passt.

Nancy Hüngers Lyrikband erschien im Verlag Edition Azur. Mehr über die Autorin und ihre bisherigen Bücher gibt es auf der Verlagsseite. Meine Besprechung zum vorherigen Lyrikband „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“ gibt es auf fixpoetry.

Ida Hegazi Høyer: Trost Residenz Verlag

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Was es doch immer wieder für schöne Überraschungen gibt, wenn man sich von einer Empfehlung leiten lässt (Danke Judith!). Eine reiche Auswahl an Büchern zum Messe-Gastland Norwegen ist schon bei mir eingetroffen. Und nun dies. Ida Hegazi Høyers Roman „Trost“ wäre mir nicht aufgefallen. Zumal ich mit vielen Liebes- und Beziehungsgeschichten in Romanen so meine Probleme habe. Hier aber bin ich auf eine Meisterin der menschlichen Paarbeziehungen im Roman getroffen. Die Autorin hat eine scharfe Beobachtungsgabe, sonst könnte sie nicht in dieser auch sprachlich überragenden Art darüber schreiben. Ich bin überrascht und beeindruckt.

Høyer schickt ihre namenlose Heldin in drei verschiedene europäische Städte und lässt sie auf Menschen treffen, die bereit sind ihr nahe zu kommen. Episodenhaft mit offenem Ende erzählt sie. Da ist zuerst ein Mann in Lissabon. Sie steckt ihm ihre Telefonnummer zu, er meldet sich, sie verabreden sich. Großartig, wie die Autorin dann den üblichen Verlauf einer solchen ersten Begegnung schildert. In aller Direktheit deckt sie auf, was sonst im Verborgenen abläuft, in den Köpfen der beiden sich Fremden. Die Heldin ist nicht bedürftig, sie braucht keinen Partner und so ist es zunächst mehr ein Spiel, in das sie sich jedoch, obwohl sie selbst nicht versteht warum, noch weiter hinein begibt, als ihr womöglich gut tut.

„Erschreckend selten hat sie jemanden getroffen, mit dem zusammen zu sein sie nicht ermüdete. Noch erschreckender: Es hat sich gezeigt, dass sie mit den wenigen, mit denen sie es ausgehalten hat, trotzdem nicht lange zusammen geblieben ist. Und weiter? Sie kann genauso gut hier Seite an Seite mit diesem Fremden gehen, wie sie es sein lassen kann.“

In Berlin trifft unsere Heldin auf Kimmy, eine junge farbige Frau aus Südafrika, die in einer Kleiderkammer Spenden an Geflüchtete verteilt. Hier erfahren wir, dass sie Journalistin ist und über eine Fluchtgeschichte schreiben will. Beide sind gleich voneinander fasziniert. Unsere Heldin, von Kimmy Tiger genannt, lässt sich zunächst sehr schnell auf diese Nähe ein, zieht sogar bei ihr ein, obwohl es die erste Beziehung zu einer Frau ist. Doch Kimmy sucht Intimität, Tiger ist diese suspekt. In ihrer Unruhe wendet sie sich wieder einem Mann zu …

Nächster Halt ist Brüssel. Hier lernt die Protagonistin schon am ersten Abend einen jungen Mann kennen. Tatsächlich scheint hier mit ihm am ehesten die Möglichkeit, so etwas wie Glück und Harmonie zu finden. Doch wie fragil alles ist! Eine einzige kurze Szene, eine kleine Unstimmigkeit und wieder ist da erneut die Einsamkeit. Der gesuchte Trost bleibt Illusion.

„Guten Morgen, sagt der Mann neben ihr. In einer anderen Sprache natürlich. Alle leiden unter anderen Sprachen. Dobro jutro?“

Ida Hegazi Høyer schreibt ohne Hemmungen, sehr direkt und sprachlich gekonnt über Sex, Erotik und Liebe(?) in verschiedenen Spielarten. Gleichzeitig zeigt sie die Sprachlosigkeit von Paaren auf, ihre Unverbindlichkeit und die Angst vor Intimität, das einander Fremdsein trotz körperlicher Nähe. Ihre Paare wählen die Beliebigkeit, die Austauschbarkeit, die in unserer Zeit und globalen Welt ja irgendwie angesagt zu sein scheint, einer Welt, in der Mobilität und Flexibilität auch in Paarbeziehungen ihren Tribut fordern. Ihre äußerlich starken Figuren scheinen sich selbst oft fremd, nirgends zuhause, voller unerfüllter Sehnsucht.

„Das Reisen ist ein Teil der Arbeit. Die Arbeit erfordert eine Abfolge von unverbindlichen Aufenthalten, wurzellose Häuslichkeiten, Beziehungen, aber nie Erwartungen. Vergnügen vielleicht, aber nie Verderben.“

Der Roman „Trost“ erschien im Residenz Verlag. Er wurde übersetzt von Alexander Sitzmann. Eine Leseprobe und mehr über die 1981 auf den Lofoten geborene Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.