Norbert Scheuer: Winterbienen C. H. Beck Verlag

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Norbert Scheuers neuer Roman „Winterbienen“ ist ein seltsames, aber geniales Buch. Erst beim Versuch, darüber zu schreiben, zeigte sich die enorme Vielschichtigkeit dieser anfangs recht einfach anmutenden Geschichte. Ziemlich geschickt hat der 1951 geborene Autor, der selbst in der Eifel lebt, das konstruiert.

Es ist das Tagebuch eines Mannes, ich glaube sein Alter wird gar nicht erwähnt, das von 3. Januar 1944 bis zum Mai 1945 geführt wurde. Wir befinden uns also in den letzten Kriegsmonaten. Der Mann namens Arimont lebt als Bienenzüchter in der Eifel, war Lehrer, wurde aber suspendiert, da er unter Epilepsie leidet. Nun versucht er mit den Verkäufen aus der Bienenzucht zurechtzukommen. In den Krieg eingezogen wird er nicht, auch nicht deportiert, da sein Bruder, ein gerühmter Jagdflieger, offenbar schützend seine Hand über ihn hält. Medikamente, die er dringend benötigt, sind teuer, oder es gibt sie gar nicht mehr. Zumal für einen wie ihn, der bereits zwangssterilisiert wurde und eigentlich längst als „unwertes“ Leben durch die Nationalsozialisten hätte liquidiert werden sollen. Um sich zusätzlich Geld zu verdienen, schmuggelt er Menschen auf der Flucht vor den Nazis in präparierten Bienenstöcken zur deutsch-belgischen Grenze. So weit. So gut.

Was mir an dem Buch sofort auffällt, ist die Schlichtheit der (Tagebuch-)Sprache und die beinahe vollkommen fehlenden Emotionen des Schreibenden (außer vielleicht wenn es um seine Bienenvölker geht). Anteilnahme scheint der Held nicht zu kennen. Von vielem bleibt er scheinbar völlig unberührt. Sogar die diversen Frauengeschichten lassen ihn irgendwie kalt. Zumindest sobald die Jeweilige problemlos erreichbar ist.

“ Seit er auf Heimaturlaub ist, sehe ich sie kaum mehr; sie erscheint mir nun so begehrenswert wie ne zuvor. Ich hoffe, dass ihr Mann bald wieder an die Front muss.“

Irgendwann frage ich mich, ob dieses Verhalten vielleicht auch der Krankheit geschuldet ist, die, nun unbehandelt, immer mehr hervordrängt. Der Protagonist schreibt selbst oft, es sei ihm als würde er sich an vieles nicht mehr erinnern. So erklärt sich vielleicht auch, dass sich viele Einträge wortwörtlich ähneln, ja für den Leser schon zum Refrain, ja, zum Mantra werden.

Vielleicht denken wir gar nichts Neues, sondern unsere Gedanken sind nur das Echo von bereits Gedachtem.“

Auf dem Land in der Eifel scheint der Krieg zunächst weit weg. Obwohl alle Männer einberufen wurden, scheint sich eine sonderbare Normalität, ja fast Gleichgültigkeit fortzusetzen. Erst spät, als die Alliierten sich der belgischen Grenze nähern, wird er direkt spürbar. Ich überlege, ob hier ein Abbild der deutschen Bevölkerung in Zeiten des Krieges aufgezeigt werden soll. Bereits hier ein einziges Verdrängen um eines „ungestörten“ Lebens willen?

Zunächst begleiten wir unseren Helden jedoch durch das Bienenjahr. Das Tagebuch zieht sich über alle vier Jahreszeiten hinweg und gibt Einblick in die Arbeit der Bienen und ihres Imkers. Das ist höchst interessant und nimmt anfangs viel Raum ein.

„Ich gehe in der Nacht durch den Garten zum Bienenhaus, lege mein Ohr an einen Stock und höre das leise Singen der Winterbienen. Sie hängen alle dicht gedrängt zusammen, sind gesund. Tagsüber summen Bienen auf eine andere Weise als in der Nacht, und im Sommer anders als im Winter; ihr Chor klingt wie eine gleichmäßig schwingende Melodie, die von ihren zarten Flügelchen erzeugt wird.“

Eine Zeit lang sind es die Frauen im Dorf, die Gedanken und Einträge des Helden besetzen (sehr skurril: als Trophäe entwendet er ihnen nach einer Liebesnacht einen Lockenwickler, den er dann als Transportkäfig für seine Bienenköniginnen verwendet).

Dann kommen vermehrt Fliegerangriffe ins Blickfeld. Hier weiß der Erzähler genau, um welches Modell es sich handelt, er erkennt sie schon am Geräusch (vielleicht geschult, durch die Berichte des Bruders?). So sind auch zwischen einigen Kapiteln Zeichnungen von Kriegsflugzeugen eingefügt. So ganz erschließt sich mir der Zusammenhang mit dem Rest der Geschichte nicht. Ich vermute jedoch, sie sollen als Flugkörper mit den Bienen konkurrieren, deren verschiedene Summtöne ähnlich aufschlussreich für den Imker sind.

Desweiteren fügt sich eine Parallelgeschichte ein. Es geht um alte Schriften aus dem 15. Jahrhundert und den Mönch Ambrosius, der, wie der Vater des Protagonisten erzählt, der im nahen Kloster lebte, selbst Gründer von Bienenvölkern war, und somit womöglich den Grundstein zur Familientradition gelegt hat. Darüber recherchiert unser Held in der Bibliothek, in der die alten Folianten des ehemaligen Klosters untergebracht wurden, und wo auch zwischen den Büchern die Informationen zur nächsten Fluchthilfe-Aktion hinterlegt werden.

So pendelt das Leben des Protagonisten zwischen Bienenstock, Frauenbesuchen, epileptischen Anfällen und Verbringung von Flüchtenden in Verstecke in nahe gelegene Stollen und schließlich bis nah an die Grenze. Wie es danach mit ihnen weitergeht, wenn sie diese zu Fuß erreichen und überqueren müssen, scheint ihn zunächst wenig zu interessieren, ihr Schicksal wird nur in einem Nebensatz erwähnt:

„Ich arbeite den ganzen Tag an den Stöcken und übernachte in einem Gasthaus, das abends voller Soldaten ist. Sie reden an der Theke von Flüchtlingen, die sie gefangen und gleich erschossen haben. Ich treffe Anna und besuche danach noch Louis in Malmedy … „

Als Arimont sich in die Frau eines der Nazikommandanten im Ort verliebt, begibt er sich auf gefährliches Terrain. In seiner Naivität oder durch die zunehmenden Anfälle, die ihn in andere Bewusstseinszustände werfen, merkt er das aber gar nicht. Erst als er zum Verhör abgeholt wird, erkennt er, dass er denunziert wurde. Ob nun von der Frau oder vom braun gesinnten Apotheker, der ihm keine Medikamente mehr gab, bleibt offen …

„Winterbienen“ hat mich zunächst irritiert, dann zunehmend fasziniert und schlußendlich begeistert. Ich empfehle dieses Buch sehr. Ein Leuchten!

Der Roman „Winterbienen“ erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei BooksterHRO.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Muriel Pic: Elegische Dokumente Wallstein Verlag

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„Der Tod des Dichters ist eine Honiggeschichte.“

Schön, dass es den Wallstein Verlag gibt. Hier findet sich immer wieder Besonderes, gerade auch, wenn es um Lyrik geht. Vollkommen unbekannt war mir die französische, in der Schweiz lebende Autorin Muriel Pic. Sie beschäftigte sich mit Henry Michaux, W.G. Sebald und übersetzte Walter Benjamin. Alles mich sehr ansprechende Autoren. Und nun ihre Gedichte auf Deutsch in einem zweisprachigen Band, übersetzt von Lukas Bärfuss. Ich freue mich sehr über dieses Buch.

Muriel Pic schreibt anhand alter Fotos Spuren in die Geschichte ganz verschiedener Welten. Alle Gedichte entstanden aus einem Blick ins Archiv. Sind die Themen rein zufällig gewählt? Jedenfalls gibt es Überschneidungen, Schnittmengen. Gemeinsam haben alle eins: Es sind zunächst vermeintlich unscheinbare Zeugnisse, die durch Pics Betrachtungsweise in einen Mittelpunkt gestellt werden, der mit weitreichenden Assoziationen einhergehen. (Witzig und interessant, dass Pic auch Fotos(pics!) in ihrem Band mit unterbringt.

Zunächst besucht sie das Dokumentationszentrum Prora auf der Insel Rügen. Spannende geschichtliche Einblicke liefern bereits die Fotos zu Prora, das im Nationalsozialismus ja zum „Kraft durch Freude“-Urlaubsmassenresort werden sollte. Bis heute weiß man nicht so recht, was man mit diesen Monsterbauten, erbaut von 1936 bis 39 direkt am Strand, machen soll. Wer diese viereinhalb Kilometer lange größenwahnsinnige Architektur an einem der schönsten Strände Rügens selbst gesehen hat, wird die Gedichte Pics sofort begreifen.

„Wenn Prora stattgefunden hätte
wenn sich die Ostsee an ihre
blauwandigen Versprechen gehalten hätte
es wäre ein Ferienlager
des Dritten Reiches gewesen.
Mit Leibesertüchtigung für zwanzigtausend
eine Masse der Einsamkeit
eine vereinigte soziale Idylle
bei ganz populistischer Tauglichkeit
im Fehlschlag der Utopie.“

Pic bildet Verse aus dieser Zeit heraus, hinterfragt, zerpflückt, verdichtet Dokumente und verknüpft sie mit Gedanken von Franz Kafka, Hannah Arendt, Alexander Kluge, W. G. Sebald, Tomas Morus und Lukrez.

Die Texte des folgenden Kapitels „Honig“ wurden durch Funde in Archiven verschiedener  Kibbuze Israels inspiriert. Es geht um die Arbeit. Aus der Gesellschaftsform und der Arbeit eines Bienenschwarms heraus überdenkt Pic die Gesellschaftsformen und die Stellung der Arbeit bei uns Menschen. Das Bienensterben aufgrund von Parasiten: Die Leben im Kapitalismus oder im Kommunismus. Wer sind unsere Parasiten? Welche Politik ist dem Menschen am zuträglichsten? Ist die Arbeits- und Lebensform eines Kibbuz eine Idealform? Viele Fragen wirft Pic auf. Sie lädt ein zum Mitdenken, zur Selbsterforschung. Hier erzählt sie in Versen von Kafkas hebräischem Vokabelheft (von rechts nach links) und was Waben mit der Bauhaus-Architektur zu tun haben.

„Was sagen die Archive?
Sie beschreiben das Leid nicht.
Sie warten auf einen der sprechen wird
sie warten darauf
trotz aller Folgen Fragmente zu werden.
Aber wo ist der Grund der Bilder?
Auf ein Desaster sollte man sie stecken.“

Im letzten Kapitel geht es um Orientierung. Hier begegnen wir den Ureinwohnern Amerikas. Die Indianer haben als Orientierung die Natur, vor allem auch den Himmel, die Sterne benutzt, für die sie auch bestimmte Namen haben. Durch verschiedene Sternenkarten und Fotos lässt sich Pic zu ihrer universellen Archivpoesie inspirieren.

„Ausgedehnte Meditationen über die Fixsterne:
Seit längst vergangen Jahrtausenden
bewegen sie sich in Richtung kommender Jahrtausende
ebenso weit entfernt.
In ihrer Nähe die siebzig Jahre
die gewöhnliche Dauer eines menschlichen Lebens?
Eine infinitesimale Parenthese der Kürze.“

Ein Leuchten!

aus der Nachbemerkung der Autorin:

Die Elegischen Dokumente wurden nach Archivbeständen geschrieben, nach Untersuchungen, mit der Empfindung eines Sandkorns im Auge des Gedankens.“

Der Band erschien im Wallstein Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Einen kleinen Auszug aus den Gedichten über Prora/Rügen gibt es in Originalsprache von der Autorin selbst gelesen auf youtube:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.