Han Kang: Deine kalten Hände Aufbau Verlag

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„Als H. viele Jahre später fragte, warum ich Abdrücke von Menschen nähme, wusste ich nichts zu erwidern. Hätte sie etwas geschickter gefragt, wie ich dazu gekommen war, hätte ich vielleicht reagieren können.“

Wie schon mit dem ungewöhnlichen Roman „Die Vegetarierin“, mit dem die südkoreanische Autorin Han Kang Aufsehen erregte, taucht sie nun wieder in eine Welt der Sinnlichkeit, der Körperbefindlichkeiten ein. Es ist erstaunlich, wie diese junge Autorin es schafft enorme Tiefe in all ihre Texte zu bringen und das bei großer inhaltlicher Vielfalt. Zugrunde liegt diesem Roman die Suche nach der Wahrheit, nach dem was hinter den Masken der Menschen zu finden ist. Der Roman erschien im Original wesentlich früher als die beiden anderen, die in Deutsch erschienen.

Die Geschichte spielt in Seoul und der erste von drei Teilen in der Stadt Gwangju, deren historische Ereignisse bereits die Hauptrolle in Han Kangs Roman „Menschenwerk“ spielten. Diese Geschichte ist allerdings in der Gegenwart verortet und erzählt von dem Bildhauer Unhyong, dessen Werk von Körperinszenierungen der besonderen Art durchdrungen ist.

Der erste Teil handelt ganz von der Kindheit und Jugend des Bildhauers. Scharf beobachtet der kleine Junge schon, wie selbst seine eigenen Eltern hinter ihren Masken leben. Selten sieht und erlebt er sie ungeschützt. Zwei Erlebnisse prägen die Kindheit: Zum einen der alkoholsüchtige Onkel, dessen Hand leicht deformiert ist und die deshalb große Faszination auf das Kind ausübt. Zum zweiten ist es die Züchtigung und das Verhalten des Vaters, als die Familie ihn beschuldigt, Geld entwendet zu haben. Sich selbst versucht der Junge hinter seinen dicken Brillengläsern zu verstecken:

„Ich versteckte meine Unruhe hinter meiner Brille und ging in mein Zimmer.“

oder

„Die bittere Abscheu versteckte ich hinter meinen Brillengläsern.“

Er merkt schnell, dass es im Leben nicht ums Echtsein geht, sondern um die Leistung, um das, was man tut, nicht was man ist. In diesem Bewusstsein, dass keiner sich wirklich zeigt, wächst der Junge als Außenseiter heran, wird, weil ein Lehrer seine Begabung entdeckt, Kunststudent, aber ein recht einsamer Mensch.

Im zweiten Teil „Die heilige Hand“ lernt der Künstler eine junge Frau, nur L. genannt, kennen. An ihr, die stark übergewichtig ist, findet er zunächst vor allem ihre Hände faszinierend. Er wird sie abformen und in Gips zu Kunst machen. Mehr und mehr vertraut sich L. ihm an, erzählt ihm ihre Geschichte und wird sein Ganzkörpermodell und auch er beginnt sich zu öffnen. Sie werden ein Liebespaar, doch nicht auf Dauer. Als er L. nach vielen Monaten nach ihrer Trennung wieder begegnet, ist sie schlank, leidet aber unter Bulimie und ist psychisch labil. Es geht ihr schlechter als zuvor. Da sie ihre Bleibe verliert, zieht sie zu ihm ins Atelier. Er unterstützt sie, wo er kann. Doch auch das ist nicht von Dauer, denn als ihr Geliebter, dem zuliebe sie sich dünn gehungert hatte, sich wieder meldet, verschwindet sie erneut. Unhyong zieht sich enttäuscht fast ganz von der Welt zurück, kann kaum mehr arbeiten.

„Ich hatte die Bildhauerei als Berufung angenommen und war nun über dreißig Jahre alt. Aber das allein befähigte mich natürlich nicht dazu, Schönheit zu erkennen. Als schön empfand ich, was mich elektrisierte. Ich wurde dann hellwach, das Blut pulsierte schneller in meinen Adern und manchmal stiegen mir Tränen in die Augen. Was mich auf diese Weise berührte, unterschied sich vom Schönheitsempfinden der anderen. (…) Was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie womöglich nicht in Kontakt kommen wollten.“

Im dritten Teil, sehr bezeichnend „Maskenball“ genannt, lernt Unhyong eine Innenarchitektin kennen, E., deren kühle Ausstrahlung schwer zu durchschauen ist, die ihn aber gerade deshalb interessiert. Er verliebt sich in sie. Als er eines Tages fragt, ob sie ihm ihr Gesicht als Modell zum Abformen zur Verfügung stellen würde, willigt sie schließlich ein. Diese Entscheidung führt für beide zu ungeahnten weiteren Entscheidungen, die sie schließlich dazu zwingen, nach langem inneren und äußeren Kampf voreinander ihre Masken fallen zu lassen. Möglicherweise ist dies der Beginn einer tieferen Ebene ihrer Geschichte …

„Deine kalten Hände“ ist ein faszinierendes, teils erschreckendes Buch. Einzig in seiner Art, die menschlichen Masken zu durchdringen und den Spiegel vorzuhalten. Wer sind wir wirklich, wenn wir uns nicht mehr geschützt von unseren Alltagsmasken befinden, wenn wir verletzlich werden? Werden wir dann noch gewollt und geliebt? Sprachlich ist es absolut gelungen, wenngleich die Story minimal hinter ihren beiden vorher erschienen Romanen zurücksteht.

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Übersetzt aus dem Koreanischen wurde es von Kyong-Hae Flügel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Käthe Kollwitz: Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken marixverlag

 

Vor 150 Jahren wurde Käthe Kollwitz geboren. Verschiedene Sonderausstellungen über sie und ihr Werk gab es hier in Berlin zu sehen. Ich war im Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße. Hier sind viele ihrer Werke in sehr schönen Räumen platziert und gehängt.

 

Der marix Verlag hat zudem die Auszüge aus Tagebüchern und Erinnerungen, die der Sohn Hans bereits 1968 herausgegeben hatte, neu aufgelegt. Käthe Kollwitz begann erst im Alter von 41 Jahren Tagebuch zu schreiben, wohl um für sich die Geschehnisse zu sortieren und zu dokumentieren. Zwischen den einzelnen Einträgen gibt es lange Pausen. Hans Kollwitz erklärt mit einleitenden Worten, weshalb er keine chronologische sondern eine thematische Anordnung gewählt hat, was ich persönlich nicht so geschickt finde, weil so wichtige Zusammenhänge auseinander gerissen werden. Die Kapitel gliedern sich beginnend mit dem Thema Kindheit und Jugend in Bereiche wie Ehe, Mitmenschen, Mutterschaft, Über Kunst, Selbstkritisches etc. Zwischen den Kapiteln wurden Bilder von ihren Werken eingefügt, nach dem ersten Kapitel Familienfotos.

Der Leser erfährt über die enge Verbindung zur Schwester Lise, die Liebe zur Mutter, die Unterstützung des Vaters, der sie zur Künstlerin ausbilden lässt, die ersten Erfolge mit der Serie zu den „Webern“,  das Zusammenleben mit Ehemann Karl, der sie an ihrem Künstlerinnensein nicht hindert, den starken Einschnitt durch den Tod des jüngsten Sohnes Peter im Krieg (welcher die Idee eines Mahnmals gegen den Krieg entstehen lässt), die Verehrung Goethes, die Lektüre verschiedener Schriftsteller, die Ernennung zur Professorin in Berlin, die Juryarbeit für Ausstellungen (Kollwitz fand oft die Werke von Frauen nicht genügend, sollte aber generell die Frauen vertreten).

 

Was mir auffällt ist, dass die „private“ Käthe wesentlich liebevoller und wohlwollender wirkt, als die Künstlerin, die oft Härte und Strenge ausstrahlt. Vielleicht musste sie das auch, um sich gegen die überwiegend männliche Künstlerschaft durchzusetzen. Ebenso interessant ist, dass sie oft harsche Urteile über die Jungen, die nächste Künstlergeneration und deren Ideen äußerte.

Auch das Zeitgeschehen kommentierte sie in ihren Tagebüchern:

„Am Sonnabend, 1. Juli 1933
… In ganz Deutschland existiert nur noch die NSDAP. Es gibt keine Zeitung, die eine andere Meinung vertritt.
Gleichschaltung.
Unterdes lebt man und arbeitet. Ich bin an der plastischen Gruppe Mutter mit zwei Kindern. Ende September muß ich das Akademie-Atelier geräumt haben. Die Arbeit geht von der Hand.“

Kurze Zeit später ändert sich alles. Käthes Arbeiten werden als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt. Sie darf nicht mehr ausstellen. Im April 1945 stirbt Käthe Kollwitz nahe Dresden, kurz vor der Kapitulation Deutschlands.

Dem Band ist eine Biographische Übersicht angehängt und auch eine Bibliographie. Er erschien im marix Verlag.