Dominique Fortier: Städte aus Papier Vom Leben der Emily Dickinson Luchterhand Verlag

Ein wenig spektakuläres Leben führte die Dichterin Emily Dickinson. Wenig weiß man übers sie. Zeitlebens wurden ihre unzähligen Gedichte nicht veröffentlicht. Das Buch der Kanadierin Dominique Fortier zeigt uns in kurzen Episoden auf, wie Dickinsons Leben hätte sein können. Sie tut das in ungewöhnlicher Form: Teils sehr poetische Abschnitte wechseln mit essayartigen Sequenzen, zusätzlich bindet sie eigene Erlebnisse mit in den Erzählstrom ein. Am besten liest man parallel dazu Dickinsons Gedichte. So eröffnen sich tiefere Einblicke.

„Bis jetzt gibt es Amherst für mich nur auf dem Papier. Ist es gut, wenn das so bleibt? Oder sollte ich, um besser schreiben zu können, die beiden in ein Museum verwandelten Häuser besuchen? Kurz gesagt: Ist es besser, sie so beschreiben zu können. wie sie in Wirklichkeit sind, oder frei zu sein, sie zu erfinden?“

Am 10. Dezember 1830 wurde Emily Dickinson in Amherst, Massachusettes geboren und sie lebte dort bis am 15. Mai 1886 starb. Sie ging zur Schule, durfte ein Jahr lang ein College besuchen, schrieb sehr früh, aber immer nur für sich. Sie zog sich oft sehr zurück, verließ später nicht einmal mehr ihr Zimmer, suchte die Einsamkeit. Fortier berichtet über all das, aber eben nicht wie in einer Biographie, sondern in ihrem ganz eigenen Zugang zur Persönlichkeit und zum Schreiben Dickinsons. Manchmal habe ich beim Lesen das Gefühl, sie versetzt sich direkt hinein in Emily und fühlt, was sie fühlte. Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn man weiß sehr wenig über Dickinsons Leben und ein solches Buch könnte leicht übergriffig werden. Doch es gelingt Fortier meines Erachtens sehr gut. Sie entwickelt die nötige Feinfühligkeit, schreibt ihr aber gleichzeitig eine schöne Stärke zu, die sie auch gehabt haben muss, um in der Familie ihren Willen durchzusetzen. Schließlich hat man sie nicht verheiratet und ließ sie in ihrer Besonderheit gewähren.

„Die Zeit vergeht nicht, sie steht still. Jeder Tag dauert eine Ewigkeit, ein ganzes Leben in den Stunden zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Jede Nacht ein kleiner Tod. Trotzdem wacht sie am nächsten Morgen auf, erstaunt, da zu sein. Eine neue Chance wird ihr geboten, aber was soll sie damit?“

Für mich liegt in Dickinsons Schreiben ein besonderer Zauber, vor allem auch angesichts des geringen Spektrums an Inspiration von Außen, dass ihr zur Verfügung stand. Wahrscheinlich gab es ein reiches Innenleben und ein weitreichendes Vorstellungsvermögen. Und sie verfügte sicher über eine große Sensibilität für die kleinen Dinge, etwa die, die im Garten zu finden waren, den Fortier auch oft beschreibt. Dickinson las und schrieb viele Briefe, doch der Kontakt blieb oft einseitig. Alles was Dickinson schrieb, blieb in der Schublade; nur wenige Gedichte fanden in ihre Briefe an Freunde oder Verwandte Eingang. Erst Schwester Lavinia, die ebenfalls unverheiratet im Haus blieb, gab nach Emilys Tod Gedichte zur Veröffentlichung frei. 1890 erschien der erste Band mit der der posthume Ruhm begann.

„Tell all the Truth but tell it slant –
Success in circuit lies;“

Was mir nicht immer stimmig erschien, sind die Episoden aus dem eigenen Leben, die Fortier mit einschiebt. Sie sind nicht wirklich störend, aber ich finde auch keine richtige Verbindung zu Dickinson in ihren Erlebnissen. Wer eine besondere, sehr offene Art an Emily Dickinsons Leben heran zu treten erlesen möchte, dem sei das Buch sehr empfohlen. Es entwickelt eine ganz eigene Poesie. Eine Leseprobe gibt es hier. Erschienen ist es im Luchterhand Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe verschiedene Gedichtbände mit unterschiedlichen Übersetzungen (siehe oben) und kann auch den Film „A Quiet Passion“ empfehlen, den ich 2016 auf der Berlinale sah.

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Han Kang: Weiß Aufbau Verlag

In ihrem neuen Buch konzentriert sich die Koreanerin Han Kang, deren Romane, ich alle las und durchweg sehr empfehlen kann, auf die Tiefe und Poesie der Sprache. Was in ihren Romanen, allen voran „Die Vegetarierin“ immer schon anklang, kommt hier zur vollen Geltung. Da ich Lyrik und die literarische Beschäftigung mit den eigenen Innenwelten sehr mag, bin ich von dieser bisher unbekannten Seite der Autorin sehr angetan. Han Kang beschäftigt sich mit der Farbe Weiß. Entsprechend ist das Cover und auch das Buch selbst ganz in Weiß gehalten und mit einer zarten weißen Feder bedruckt. Feder womöglich auch als Metapher fürs Schreiben?

Die Autorin beschreibt eingangs kurz, wie sie auf die Idee des „weißen“ Schreibens kam und erzählt von einem Aufenthalt in einer nicht genannten europäischen Großstadt(aus dem Kontext erschließbar Warschau). Hier, auf sich selbst zurückgeworfen, unter Menschen, deren Sprache ihr fremd war und deren Straßenschilder und andere Beschriftungen sie nicht lesen konnte, fallen ihr Wörter zu, die eine Verbindung zum Weiß und auch zu ihrem Inneren haben.

„Warum drängt in dieser unbekannten Stadt immer wieder längst Vergessenes  an die Oberfläche? […]
So sehr, dass der Ort, an den ich mich letzten Sommer geflüchtet habe, für mich keine Stadt am anderen Ende der Welt ist, sondern vielmehr in letzter Konsequenz das Zentrum meines Innenlebens.“

Ein weiterer Aspekt, der von Han Kang immer wieder aufgegriffen wird, ist die Zeit. Die Vergangenheit, das Vergehen der Zeit, das Beobachten des Vergehens der Zeit. Zugleich greift Han Kang auch Themen ihrer eigenen Familiengeschichte auf, vorrangig den Tod der älteren Schwester, den sie nur durch den Schmerz der Mutter über den Verlust erlebt. Sie selbst hat die Schwester nie gekannt. Wie tief dieser Tod jedoch auf ihr eigenes Leben einwirkt, spürt sie immer wieder.

„Ein Jahr nach dem Verlust ihrer ersten Tochter hatte meine Mutter eine weitere Frühgeburt. Dieses Mal war es ein Junge. Weniger weit entwickelt als seine Schwester, starb er schnell, ohne jemals die Augen geöffnet zu haben. Hätten diese beiden Leben die kritische Zeit sicher überstanden, würde es mich, die drei Jahre danach geboren wurde, nicht geben. […] Meine Mutter hätte bis zuletzt nicht mit der Erinnerung an dieses Leid leben und sich irgendwie darüber hinwegtrösten müssen.“

Weiß ist in  Asien auch die Farbe des Todes und der Trauer. So gleitet die Vergänglichkeit durch jede Zeile dieses Buches. Traurigkeit ist überall zu spüren. Weiß findet die Autorin in jener Zeit, in der fremden Stadt überall, denn sie hat den aufmerksamen Blick dafür. Sie schreibt in diesem Buch über diese Farbe, die auch stellvertretend für die Reinheit ist. Und für die ewige Erinnerung an die verlorene ältere Schwester: „In allen weißen Dingen werde ich dich spüren und für dich weiteratmen.“ 

Han Kangs Buch ist das Tagebuch einer poetischen Wiedergeburt. Es ist eine Art, sich wieder einzulassen, neu zu sehen, zu spüren, heilsames Schreiben. Die Übersetzung von Ki-Hyang Lee scheint mir höchst gelungen. Die Photographien im Buch sind von Han Kang. Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Han Kang:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/08/26/han-kang-die-vegetarierin-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/12/11/han-kang-menschenwerk-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/02/20/han-kang-deine-kalten-haende-aufbau-verlag/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Film-Kunst-Film: Werk ohne Autor von Florian Henckel von Donnersmarck 2018

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Schon mehrmals habe ich nun über einen Social Media Kanal Kinokarten gewonnen. Facebook scheint mir Glück zu bringen (Dank an Suhrkamp für die Ausdauer beim Zusenden). Zuletzt war es der Film „Werk ohne Autor“, der mit immerhin über drei Stunden Laufzeit aufwartet. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.

Kurt Barnert heißt der Künstler im Film und er durchlebt drei politische Systeme: als Kind den Nationalsozialismus, als junger Mann die Anfänge der DDR und durch „Flucht“ in den Westen kurz vor dem Mauerbau die Bundesrepublik. Als Künstler fängt Barnert im Westen wieder ganz neu an, nachdem er im Osten bereits ein hoch angesehener Maler war, der mit sozialistischen Wandgemälden den Arbeiter- und Bauernstaat porträtierte. Die Initiation (siehe Szene oben) an der Kunsthochschule in Düsseldorf erhält er im Film von einem Kunstprofessor, der unschwer als Joseph Beuys (sehenswert der Film „Beuys“)  erkennbar ist. Beeindruckend wie der Regisseur die oft verzweifelte Suche des Malers nach dem künstlerischen Ureigenen darstellt. Mit seinen fotorealistischen Gemälden, die er minimal verändert durch Verwischungen wird er sich auf den Weg begeben und erste Erfolge erzielen. Als Vorlage dienen zum Teil Familienfotos, unter anderem von der psychisch labilen Tante, die ausgerechnet von Barnerts Schwiegervater, der im nationalsozialistischen Deutschland bekannter Professor der Gynäkologe war und Zwangssterilisierungen durchführte, später als „unwertes Leben“ in den Tod geschickt wurde. Dieser Teil der Geschichte stimmt genau mit Gerhard Richters Biografie überein.

Ich kann diesen Film nur empfehlen. Er ist mit hochkarätigen Schauspielern besetzt, allen voran Tom Schilling (Mein Kampf, oh boy) und Paula Beer (Poll, Frantz, Transit) Das Filmbuch, erschienen bei Suhrkamp, enthält ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur und ein interessantes Gespräch zwischen Alexander Kluge und Thomas Demand. Desweiteren empfehle ich den Film „Gerhard Richter Painting“ von Corinna Belz (die auch den wundervollen Film über Peter Handke drehte). Hier werden auf achtsame Weise die Malprozesse, die Entstehung von großformatigen Gemälden Richters dokumentiert. Die Biografie von „Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter: Das Drama einer Familie“, welche unter anderem Donnersmarck als Vorlage diente ist ebenso lesenswert.

Werke von Richter, der in Dresden zur Welt kam, kann man im Gerhard-Richter-Archiv in Dresden sehen. Ich war kürzlich in der Ausstellung „Abstraktion“ (siehe Fotos) im Museum Barberini in Potsdam, die allerdings bereits beendet ist.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer Galiani Verlag

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„Wegen des Hustens war ihr verboten worden zu lesen und zu schreiben. Lesen und schreiben lösten ja bekanntlich die schlimmsten Hustenanfälle aus. Sie langweilte sich entsetzlich.“

Welch großes Glück, dass solche Zeiten vorbei sind! Unerträglich wurde mir beim Lesen die Narrenfreiheit die den Männern zu jener Zeit gewährt wurde, unerträglich die Unterdrückung der Frauen, die bestenfalls mit Handarbeiten still dasitzen durften, als Ehefrau jedes Jahr ein Kind bekommen mussten und denen man jeglichen Verstand, jedes Rederecht absprach. Was die lebhafte, begabte Dichterin Annette von Droste-Hülshoff empfand, wie furchtbar es für sie war in solch einem Korsett gefangen zu sein, keine Eigenständigkeit zu besitzen und dass man ihr großes Talent unbeachtet ließ, ja geradezu unterdrückte und klein hielt, kann ich schmerzlich nachvollziehen.
Und die errungenen Frauenrechte dürfen wir uns nie wieder absprechen lassen. Nie wieder darf es so werden, wie in jener Zeit in der Karen Duves biografischer Roman über die Droste spielt. Schon an der Einteilung des Romans kann man erlesen, wie wenig Platz Fräulein Nette einnehmen durfte und wie viel Raum dem männlichen Ego zustand. Annettes Dichtung kommt auch im Roman wenig zum Zuge – niemand mit dem sie darüber reden konnte. Der Roman hat einen langen Vorlauf, in dem vor allem die Männer in Annettes Leben auftreten dürfen, Verwandte und befreundete Künstler wie etwa die Gebrüder Grimm. Ein Spiegel der Zeit.

Die Handlung von Duves Roman spielt zwischen 1817 und 1821 im Westfälischen. An dieser Gegend lässt Duve kein gutes Haar. Und tatsächlich tun sich die Familien um Droste-Hülshoff schwer mit der neuen Zeit. Sie sind frömmelnde Adelige, die von Gleichberechtigung und Industrialisierung wenig halten, alles Neue verteufeln, sich an das vermeintlich unumstößliche Gottgewollte halten, obgleich sie in der Tat mit ihren langsam zu Grunde gehenden Gütern nicht mehr viel Staat machen können.

„Wollen Sie meine Meinung dazu hören: Eine Frau, die schreibt, setzt ihre Weiblichkeit aufs Spiel. Sie verkauft ihre Seele für Eitelkeit und falsches Kritikerlob, vernachlässigt ihre Pflichten und gewinnt dabei doch nichts.“

Für Männer scheint die Droste ein Schrecknis. Sie haben Angst vor ihr und müssen sich durch Sarkasmus und Scherze auf ihre Kosten vor ihr schützen. Und wenn das nicht mehr hilft, wird sie verklärt, zur Seherin, zur Frau mit dem zweiten Gesicht oder zur Zauberjungfer, dann kann man sie auf einen Sockel stellen. Was „mann“ offenbar nicht kann, ist, sie als gleichwertige kluge, talentierte Person zu sehen. Und derjenige, der es dann schließlich  kann, ist der wenig ansprechend aussehende bürgerliche, mittellose perücketragende Dichter Heinrich Straube, angeblich fast so talentiert wie Goethe. Und Annette nimmt dies dankbar an. Endlich einer, der sich für ihr Schreiben interessiert, ihre Verse schätzt, sich ihr im Gespräch zuwendet. Dass sich eine Heirat zwischen dem Bürgerlichen und dem Freifräulein nicht schickt, ist allen klar. Mit einer Intrige schafft es dann auch der gut aussehende, streng gläubige Arnswaldt, ein Freund von Straube, die beiden zu trennen. Er erreicht sogar, dass Annette tief in ihre Schuldgefühle sinkt und sich von Gott zurecht bestraft sieht.

„Es dauerte Monate, bis sie sich zum ersten Mal gestattete, die Angelegenheit mit Arnswaldt und Straube aus einer anderen Perspektive als vom Boden einer Grube aus zu betrachten und in Erwägung zu ziehen, dass man die Schuld manchmal auch bei anderen suchen durfte, dann zum Beispiel, wenn andere die Schuld hatten.“

In kurzen Zwischenkapiteln berichtet Duve von zeitgeschichtlichen Themen passend zur Handlung, wie etwa die Angriffe auf jüdische Mitbürger, die Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue und die Gerichtsverhandlung Heinrich Heines aufgrund eines verbotenen Duells mit Pistolen. Überhaupt ist der Roman tief in die deutsche Geschichte eingebettet. Es ist die Zeit zwischen Romantik und Aufklärung. Die Autorin hat extrem viel recherchiert. Das bereichert den Roman sehr. Duves kluger Witz und die geschickten Wendungen von damaliger in heutige Sprache finde ich äußerst gelungen. (So wandelt sie den heutzutage gängigen Spruch „Hätte, hätte, Fahradkette“ um in „Hätte, hätte, Epaulette“.)

Karen Duve steht meiner Meinung nach mit diesem Buch auf der Höhe ihres schriftstellerischen Könnens. Sie hat einen Roman geschrieben, der mich sprachlich beglückt, inhaltlich vollkommen einnimmt und der trotzdem, auch wenn ich dieses Wort ungern benutze, ein Pageturner ist. Etwas, was wirklich selten zusammen kommt. Sapperment! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Galiani Verlag. Im Einband vorne und hinten finden sich Stammbaum der Droste und eine Karte der Orte, zwischen denen die unzähligen Kutschfahrten stattfinden.

Wer mehr über die Droste erfahren will, dem seien diese informativen Seiten empfohlen:
https://www.nach100jahren.de/  und  https://www.droste-portal.lwl.org/de/

 

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter C. H. Beck Verlag

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Roman einer Familie ist der Untertitel des Buches des Niederländers Alexander Münninghoff. Und wie so viele Familiengeschichten, die zu Romanen werden, ist auch diese zwar extrem interessant, vielschichtig und turbulent, aber auch schlichtweg verwirrend. Man verliert sehr leicht den Überblick, vor allem, wenn man nicht an einem Stück liest. So viele Figuren an so vielen Orten Europas mit unfassbar vielen Ereignissen. Gleichzeitig erlaubt der Autor hier einen Blick auf europäische Geschichte, die sich vom Baltikum über Polen, Belgien und die Niederlande zieht. Handlungszeitraum von vor dem zweiten Weltkrieg fast bis heute, mit kurzen Ausflügen in die Vorgeschichte einzelner Personen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein übermächtiges Familienoberhaupt, Joan, der Großvater des Erzählers Alexander. Dieser, ursprünglich Niederländer, baut im Baltisch-Deutschen ein großes Unternehmen auf, dass sich vielfältig über Teile Europas verteilt.  Schon bevor sich der zweite Weltkrieg ankündigt, beginnt der „Alte Herr“, wie er im Buch genannt wird, die Fühler wieder in Richtung Niederlande auszustrecken, obwohl er Zuhause Hab und Gut zurücklassen muss, ist es die richtige Entscheidung, denn das Land wird bald Spielball der zwei Großmächte Deutschland und Russland.

Der älteste Sohn Frans, schwarzes Schaf der Familie, der in diversen katholischen Internaten der Niederlande widerwillig die Schulbank drückte, tanzt aus der Reihe und meldet sich als Baltischdeutscher zur Waffen-SS, um für Deutschland zu kämpfen. Doch zuvor heiratet er noch die schöne Wera, die von ihm schwanger wird und Sohn Alexander, genannt Bully zur Welt bringt.

Der alte Herr, der sich inzwischen in den Niederlanden ein neues Imperium aufgebaut hat (mit allerlei undurchsichtigen Methoden, teils auf illegalem Wegen, von denen es überhaupt in diesem Roman wimmelt), holt Wera und den Enkel, den „Stammhalter“ zu sich ins Haus in Voorburg. Doch als Frans aus dem Krieg zurückkehrt, gibt es die Liebe zu seiner Frau nicht mehr. Frans verschwindet wieder. Als er schließlich doch in den Niederlanden vor Gericht steht, wegen seiner SS-Vergangenheit, weiß auch hier der Alte Herr ihn, vermutlich durch Bestechung, heraus zu pauken. Im „eine Hand wäscht die andere“-Verfahren arbeitet er mit Geheimdiensten, katholischen Kirchenvertretern zusammen und hat immer wieder den nötigen Handlanger parat. Sympathisch ist diese Hauptfigur nicht.

„So hatte ich schon früh Geheimnisse. Ich sprach nicht über meinen Vater und das, was er im Krieg getan hatte, nicht über meine Mutter, die in Deutschland mit meinem unehelichen Schwesterchen in ärmlichen Verhältnissen wohnte, nicht über meinen erzkatholischen Großvater und seine zwielichtigen Aktivitäten, von denen ich im Laufe der Zeit etwas deutlichere Vorstellungen bekam, nicht über meine Entführung, …“

Der 7-jährige Bully/Alexander muss schließlich bei seinem Vater und dessen neuer Frau in Den Haag leben. Es gibt Vormundschaftsstreitigkeiten. Da die Mutter mit ihm nach Deutschland flieht, lässt der „Alte Herr“ ihn abenteuerlicherweise zurück entführen. Als der Patriarch an Krebs stirbt, beginnt die Schlacht ums Erbe. Dass Alexanders Vater kein Geschäftsmann wie der Vater ist, zeigt sich recht schnell. Doch hat er für ähnliche Tricks Geschick. Das letzte Kapitel ist schließlich den Geschehnissen um Alexanders Eltern gewidmet und da gibt es durchaus noch Überraschungen …

Sprachlich macht der Autor keine Experimente. Braucht er auch nicht, denn hier zählt die Story. Das Buch liest sich in der Tat als ausgefallene biografische Geschichte leicht und kurzweilig. Unglaublich wie viele außergewöhnliche Ereignisse es in einer einzigen Familie gibt. Dagegen wirkt das eigene Leben gleich blass. Ein Anhang oder Stammbaum zu den vielen Figuren wäre allerdings hilfreich gewesen.

„Der Stammhalter“ erschien bei C. H. Beck. Es wurde aus dem Niederländischen übersetzt von Andreas Ecke. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Weitere Besprechungen finden sich bei LiteraturReich und bei MonerlS-bunte-Welt .

Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis Kiepenheuer & Witsch

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Wieder ein Künstlerroman. Nach „Konzert ohne Dichter“, in dem sich alles um die Künstlerkolonie Worpswede und im Vordergrund um den Jugenstil-Künstler Heinrich Vogeler und sein Gemälde »Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff« dreht, hat sich Modick diesmal des nicht allzu bekannten Schriftstellers Eduard Graf von Keyserling angenommen. Von Keyserling habe ich vor langer Zeit einmal „Wellen“ gelesen und konnte mich ziemlich gut an dessen Geschichte erinnern.

Der Schriftsteller Eduard von Keyserling wurde 1855 im Baltikum geboren. Ein Adeliger, der eher Lebemann und Schriftsteller sein will und so gar nichts mit dem Verwalten der familieneigenen Besitztümer zu tun haben mag. Die Geschichte beginnt Im Jahr 1901. Keyserling lebt in München und gehört einem kleinen Intelektuellenkreis an, der sich in Kaffeehäusern Schwabings trifft. Man diskutiert und streitet über Politk, die Kunst und die Frauen.

„In den Jurys, Kuratorien und Kommissionen, in all diesen Gremien, die darüber befinden, wen man finanziell alimentieren will und wen nicht, wer ein Stipendium bekommt und wer verhungern darf, sitzen die künstlerisch Impotenten und spielen eine desto größere Rolle, je eitler, talentloser und korrupter sie sind. Und das ganze nennt sich dann Kulturpolitik.“

(Ergänzung der Rezensentin: Hier hat sich offenbar bis heute nichts verändert …)

Zur Sommerfrische wird er vom Dramatiker Max Halbe an den Starnberger See eingeladen. Eingeladen sind auch der exaltierte Frank Wedekind und der Maler Lovis Corinth, dem Keyserling  dort auch Modell sitzen wird. Dazu brauchte es einige Überredungskünste, denn Keyserling findet sich hässlich und ist in der Tat auch von der Syphilis gezeichnet.

Gerüche, Geräusche und Farben am See versetzen Keyserling immer wieder in die Vergangenheit, meist in die baltische Heimat zurück. Als Leser merkt man gleich, dass da ein Geheimnis steckt. Irgendetwas muss in seiner Studienzeit vorgefallen sein, was ihn zwang zu reisen und fern der Heimat, zunächst in Wien, Unterschlupf zu suchen, wo er um zu vergessen, eine Liaison mit einem Blumenmädchen eingeht.

„Und der See spricht auch zu Keyserling, atmet Erinnerungen aus. Er braucht ja nur den Artikel auszutauschen, dann wird der See die See, die Ostsee seiner Kindheit. Wellen gibt es dort wie hier, damals wie heute. Der Duft, der Dunst, das Licht. Und der Augenblick.
Mehr braucht er nicht.“

Und so dröselt sich Stunde um Stunde, Tag und Tag mehr an Erinnerungsfäden vor uns Lesern auf. Als Corinths Gemälde beendet ist, ist auch Keyserlings Geheimnis zu Tage getreten. Und für ihn wird die Erinnerung schließlich noch einmal höchst lebendig, als er sich zusammen mit Wedekind im benachbarten Kurort ein Konzert einer Sängerin anhört. Die Dame kommt ihm irgendwie bekannt vor …

Modick schafft es wieder sehr souverän biografische Daten schlüssig in eine Romanhandlung mit biografischem Hintergrund zu gießen. Sprachlich nicht überhöht, eher leichtfüßig (ja, dieses Wort will ich jetzt auch endlich einmal verwenden) und fesselnd geschrieben, hat mich Modick auch mit diesem Roman wieder überzeugt. Möge er mit solchen Romanthemen weiter schreiben …

Das Buch erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Aya Cissoko: Ma Wunderhorn Verlag

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Aya Cissoko wurde 1978 in Paris geboren. Ihre Eltern kamen aus Mali nach Frankreich, um es besser zu haben als in der Heimat und von da aus ihre Familie mit versorgen zu können. Aya Cissoko erzählt anhand ihrer eigenen Geschichte:

Diese setzt ein bei der Beerdigung der Mutter und wird in Rückblenden erzählt. Nach und nach erfahren die Leser*innen von der Verheiratung der 15-jährigen Mutter im Dorf in Mali. Dort gelten die Mädchen als hochzeitsreif, sobald sie ihre Menstruation bekommen. Oft ist der Partner von den Eltern lange vorher bestimmt. Cissokos Mutter hat Glück, ihr Mann ist „nur“ 15 Jahre älter und holt sie zu sich nach Frankreich.

„Der Sarg wird am Eingang zu Block 101 abgestellt. Die Männer haben betend einen Ring darum gebildet. Wir Frauen warten in einigem Abstand, fünf Meter hinter der letzten Reihe der Männer. Wir sollten eigentlich bei ihnen stehen dürfen, schließlich ist dies ein nicht muslimisches Land.“

Für Aya ist die Kindheit zunächst wild und frei, als Spielplatz gilt die Straße, da die Wohnung aus einem 15 qm kleinen Zimmer für zwei Erwachsene und vier Kinder besteht. Die finanzielle Situation ist immer prekär. Alles verschlimmert sich, als der Vater und die Schwester bei einem Brandanschlag ums Leben kommen und kurze Zeit später ein Bruder aufgrund einer Hirnhautentzündung stirbt. Die Mutter kämpft sich alleine durch, geht arbeiten und nimmt trotzdem immer auch Bedürftige aus der Heimat auf. Es herrscht generell ein rauhes Klima, Schläge für die Kinder sind nicht selten. Trotz des ruppigen Tons und der strengen Behandlung ist ihre Sorge zu spüren.

„Koroke weist mich als einer der ersten auf diese schlechte Angewohnheit hin: >Warum fluchst du die ganze Zeit? Hör auf damit, du hast eine wüste Sprache.< >Ach echt! Scheiße, hab ich noch gar nicht gemerkt!<

Schwer verständlich sind für mich die ungeschriebenen Gesetze der afrikanischen Familienkultur. Die Frauen haben es schwer. Männer dürfen sich alles erlauben, haben mitunter mehrere Frauen. (>Welche andere Rolle kann eine Frau ausfüllen, als den Stammbaum des Mannes zu verlängern?“)  Und diese Gesetze scheinen auch in der neuen Wahlheimat Frankreich unter den Einwanderern zu gelten. Umso mutiger ist es, dass sich Aya Cissoko als Hauptfigur des Romans loslösen kann und neugierig neue Wege geht. Sie schafft das Abitur, sucht sich einen Studienplatz, bricht ab, sucht neu, findet Unterstützung. Bewegung ist ihr wichtig und so landet sie beim Boxen und wird richtig gut, gewinnt Wettkämpfe und findet auch hier wieder Menschen, die sie fördern. Ein Halswirbelbruch bedeutet schließlich das Aus der Karriere als Boxerin. Es folgt eine schwierige Neuorientierung und die Balance zu finden zwischen Herkunft und Neuland, zwischen Tradition und Moderne, bleibt Hauptaufgabe. Cissoko emanzipiert sich, grenzt sich ab, trifft eigene Entscheidungen, übernimmt Verantwortung und bleibt sich dabei ihrer Wurzeln bewusst.

„Mit fast dreißig kehre ich auf die Schulbank zurück. Lernen ist gut für jedes Alter und mein Kopf ist endlich ausgeruht.“

Cissokos Roman ist eine große Liebeserklärung an ihre Mutter und die Geschichte einer starken jungen Frau, die sich klug und hartnäckig für ein freies und selbstbestimmtes Leben in Frankreich entscheidet. Wer Einblick in andere Kulturen sucht und lesen will, wie Integration gelingen kann, lese dieses Buch.

Was mich am Buch ein wenig gestört hat, ist, dass Teile der Dialoge auch oft zusätzlich in Cissokos Muttersprache Bambara abgedruckt sind. Es stört ein wenig den Lesefluss. Das ist allerdings auch schon das Einzige, was ich an diesem Buch auszusetzen weiß.

Der Roman „Ma“ wurde von Beate Thill aus dem Französischen übersetzt und erschien im Wunderhorn Verlag. Mehr über Buch und die Autorin und eine Lesprobe gibt es hier. Ein beeindruckendes Porträt der 1978 in Frankreich geborenen Aya Cissoko gibt es bei „Aspekte“

Tomas Espedal: Biografie Tagebuch Briefe Matthes & Seitz

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„Mir wurde früh klar, dass meine eindrucksvollsten Erlebnisse dort stattfanden,wo nichts geschah.“

Tomas Espedals neues Buch heißt “ Biografie Tagebuch Briefe“. Es sind Fragmente und Episoden aus seinen Notizbüchern, die in Norwegen schon wesentlich früher erschienen sind. In Deutschland erlangte Espedal mit seinem Buch „Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“ im Jahr 2011 zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit. „Gehen“ halte ich nach wie vor für sein bestes Buch. Kennt man noch nichts von ihm, sollte man damit beginnen.

„Gehen: seinen Beruf ausüben, indem man ihn nicht ausübt.“

Imgrunde ist es Lyrik: In Tomas Espedals neuem Buch gibt es keine Handlung. Was er erzählt, steht ohnehin meist zwischen den Zeilen. Leser die ihn kennen, werden einiges wiederentdecken, sich erinnern an Sequenzen aus den vorherigen Büchern. Trotzdem bleibt manches rätselhaft, erschließt sich durch mehrfaches Lesen. So scheint er manchmal mit sich selbst zu sprechen. Aus der Ich-Perspektive oder auch mit dem Du, um sich selbst zu ermahnen, zu begreifen, endlich endlich die Welt und sich selbst zu verstehen. Hauptthema ist wie immer das Schreiben.

„Jetzt denke ich schon daran, was ich schreiben werde. Blind gehen mit offenen Augen. Ebenso einfach wie dieser Pfad, ich gehe ihn auf und ab, schreite einen Satz ab oder ein paar Zeilen: Wenn ich mich stören lasse, wenn ich einen Schritt breit  nach rechts oder links abweiche, in die falsche Richtung, zu den Beerensträuchern im unteren Teil des Gartens oder oben zur Straße hin, dann werde ich kein einziges Wort schreiben können.“

Es ist ein wirklich trauriges, sehnsuchtsvolles Buch. Ein Buch in dem philosophiert wird, gedacht wird, wiederholt wird, was immer noch nicht oder vielleicht nie begreiflich wird. Es geht um den Tod zweier wichtiger Menschen: der Frau und der Mutter. Es geht um die zwei Töchter. Es geht um das alte Haus, in dem sie wohnen. Es geht um das Ringen zwischen Alltag und Schreibtätigkeit. Es geht ums erschöpft sein, um den Versuch durch Alkohol alles abzumildern, den Schmerz zu dämpfen, den Kummer zu verdrängen. Und es geht auch um Gewalt: Espedal zeigt die Gewalt auf, die in seinem Leben auch eine Rolle spielte: Die Boxkämpfe mit dem Vater, im Boxclub, die Prügeleien um Mädchen und später die handgreiflichen Auseinandersetzungen in Beziehungen.

Das rundherum Schöne an diesem Buch ist wie immer Espedals Sprache, die Poesie, die noch im schlimmsten Moment alles durchdringt und einen Rettungsanker sowohl für Leser als auch Schriftsteller bietet. Am feinsten und dichtesten und sinnlichsten liest sich das Kapitel „Tagebücher“.

Ich empfehle auch „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“. Alle Bücher von Tomas Espedal sind im Matthes & Seitz Verlag erschienen. Eine Hörprobe findet sich hier. Die Übersetzung kommt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Eine weitere Besprechung liest man bei Zeichen & Zeiten.