Clairice Lispector: Die Flucht und andere Erzählungen Random House Audio

Schon lange schleiche ich um die brasilianische Autorin Clarice Lispector herum. Immer wieder taucht sie auf, doch scheint sie immer noch ein Geheimtipp zu sein. Zuletzt hat nun der Penguin Verlag ihre Erzählungen neu herausgegeben. Ich höre ab und zu gerne Hörbücher, eher Lesungen als Hörspiele und habe mir deshalb die Lesung von Erzählungen Lispectors von Hannelore Hoger interpretiert, vorgenommen. Hoger ist eine Kennerin und Verehrerin Lispectors. Es sind zwei Cd`s mit kürzeren und längeren Stories, die sie selbst ausgewählt hat. Hannelore Hogers Altersstimme schien mir mitunter etwas zu betulich für die Wucht der Kurzgeschichten Lispectors. Dennoch haben die Geschichten mich in ihren Bann gezogen.

Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren und kam auf der Flucht vor Progromen mit den Eltern nach Brasilien. Sie studierte Jura und arbeitete als Journalistin. Mit nur 23 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der aufgrund seiner Erzählart ein Sensationserfolg wurde. Sie heiratete einen Diplomaten mit dem sie auch nach Europa und in die USA ging. Später lebte sie in Rio de Janeiro von ihren Büchern und Übersetzungen. 

Die Autorin hat eine besondere Art das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. In ihren Geschichten geht es hauptsächlich um die Rolle der Frau. Frauen sind die Heldinnen, nicht immer wirken sie auf die Leserin sympathisch. Bezeichnend ist der dauernde Einblick in die Innenwelten, der einem die Figuren dann doch sehr nahe bringt. Gleich in der ersten Geschichte „Ich und Jimmy“ zeigt sie den Weg vieler folgender vor. Es geht um Mann und Frau und das Ungleichgewicht, dass zwischen beiden herrscht, wenn es um Rechte und eigene Vorstellungen geht. Die Protagonistin, sie mag um die 16 sein, schlägt den gleichaltrigen Freund Jimmy, mit dem sie zusammen ist, obwohl sie ihn gar nicht leiden kann, mit seinen eigenen Waffen, wobei sie im Denken und mit Worten sehr viel schneller und weiter ist als er. Ein ausgezeichneter Einstieg.
Auch in der nächsten Geschichte „Flucht“ geht es um eine Beziehung. Allerdings schafft die Heldin ihre Flucht nur in der Fantasie. Obwohl sie eines Morgens aus ihrem 12 Jahre dauernden Ehealltag ausbricht, kehrt sie doch am Abend zurück. Es liegt weniger am Mut, als am mangelnden Budget, dass sie sich wieder „nach Hause“ begibt.
Die Geschichte „Die kleinste Frau der Welt“ führt uns nach Zentralafrika zu den Pygmäen. Ein Forscher entdeckt den Stamm der kleinsten Pygmäen. Verständigen kann er sich kaum, doch die Leserin merkt schnell, dass die kleine schwangere Pygmäenfrau ganz andere Vorstellungen von Sprache und Ausdruck hat. Später wird in einer bekannten Zeitung das Foto dieser nur 45 cm großen Frau erscheinen und Lispector zeigt uns, wie die Menschen, die das Foto sehen darauf reagieren. Überwiegend wenig schmeichelhaftes tritt da zutage: von Ekel bis Befremdlichkeit, von Bedauern bis Gerührtheit. Aber auch ein „Gott weiß was er tut„. Man muss die Geschichte selbst lesen oder hören, um das ganze Ausmaß zu erkennen und man muss sie natürlich vor dem Hintergrund der Zeit des Entstehens sehen.

Generell erscheinen mir die Stories auf CD 1 stärker als die folgenden. Wobei, die letzte und auch eine der längeren Geschichten mit dem Titel „Einen Tag weniger“ einen krönenden Abschluss bildet. Hier lebt eine Frau seit Geburt an im Elternhaus, seit die Eltern gestorben sind mit der ehemaligen Kinderfrau als Gesellschafterin. Als diese 4 Wochen verreist, merkt sie, wie einsam sie eigentlich ist und wie lang sich ihr Tag hinzieht, den sie mit allerlei Ablenkungen zu füllen versucht. Schließlich klingelt sogar das Telefon. Mit großer Hoffnung nimmt sie ab, nur um festzustellen, dass die Anruferin sich verwählt hat und gar nicht sie erreichen wollte. Als sie, recht früh, zu Bett geht, erinnert sie sich an die Schlaftabletten ihrer Mutter. Eigentlich will sich nicht mehr als zwei einnehmen …

Lispectors Erzählungen haben eine ungemeine Tiefe, oft mit doppelten Böden. Sie wagt den Blick ins menschliche Innere und erzählt unverstellt aus dem darin befindlichen Dunklen. Ihre Sprache ist dicht und schön, oft arbeitet sie mit Wortwiederholungen zur Verstärkung, teils mit Metaebenen und surrealistischen Anteilen. Clarice Lispector ist unbedingt eine Autorin, die es zu entdecken gilt. Das Hörbuch bietet dabei einen guten Einstieg. 

Die Erzählungen sind den beiden Bänden Gesammelte Erzählungen entnommen, die neu übersetzt wurden von Luis Ruby. Die CD erschien bei Random House Audio. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

 

Film-Kunst-Film: Vor der Morgenröte DVD Film von Maria Schrader 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Maria Schrader lässt in ihrem Film „Vor der Morgenröte“ Josef Hader den Stefan Zweig spielen. Und er passt in der Tat vortrefflich in diese Rolle.
Es geht um die Jahre im Exil in Brasilien und es geht um die Position, die Zweig vertritt. Gleich zu Beginn spricht er auf dem PEN-Kongreß 1936 in Buenos Aires. Von Journalisten bedrängt, er möge sich doch zu den Entwicklungen in Deutschland äußern, enttäuscht er seine Zuhörer: Stefan Zweig ist Pazifist, Intelektueller und Künstler. Er steht für die Meinung, jeder solle mit seinen Mitteln für Freiheit und Frieden kämpfen. Zudem glaubte er an ein vereintes Europa. Er macht klar, dass er aus seiner sicheren Position im Exil keine kämpferischen Reden schwingen möchte. Ihm bliebe nur sein Schreiben, doch darin sei er aktiv.
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Der 1881 in Wien geborene Schriftsteller, überaus bekannt und erfolgreich, stand 1935 mit seinen Büchern sogleich auf der Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Autoren. Er lebte aus diesem Grund zunächst in London, dann in New York und schließlich in Petropolis in Brasilien. Begleitet wurde er auf seinen Reisen von seiner Sekretärin Charlotte Altmann, die er schließlich auch heiratete. Seine Exfrau, gespielt von Barbara Sukowa,  lebte derzeit mit ihren Töchtern in New York. Beide behielten auch nach der Trennung steten Kontakt.
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Maria Schrader fängt sehr genau die jeweiligen Gemütsbewegungen Josef Haders alias Stefan Zweigs ein. Gerade diese langen Kameraeinstellungen in ein und derselben Position versinnbildlichen das Ausharrenmüssen, die Bewegungslosigkeit der unfreiwillig ins Exil Verbannten. Zwar ist Stefan Zweig in Brasilien mehr als willkommen, zwar hat er diese Stille und Abgeschiedenheit gesucht nach den vielen Reisen, doch findet er nicht die Ruhe, das Ankommen, das er sich sicher erwünscht hat. Zu schwer wiegen die Geschehnisse in der Heimat, zu aussichtslos die Rückkehr in seine geistige Heimat Europa. Im Februar 1942 nimmt er sich zusammen mit seiner Frau Lotte das Leben.
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Sowohl inhaltlich, als auch aufgrund der beeindruckenden Kraft der Bilder ist dieser Film ein großer Gewinn. Es lohnt sich, ihn mehr als einmal anzusehen. Hier gehts zur offiziellen Film-Website mit Trailer: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/film/

Film-Kunst-Film: Die Poetin DVD Film von Bruno Barreto 2014

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Der Film „Die Poetin“ erzählt vom Leben und Werdegang der New Yorker Dichterin Elizabeth Bishop, deren recht bekanntes Gedicht „One Art“ (deutsch: Die Kunst des Verlierens) mich schon immer sehr angesprochen hat:

The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster.

Lose something every day. Accept the fluster
of lost door keys, the hour badly spent.
The art of losing isn’t hard to master.

Then practice losing farther, losing faster:
places, and names, and where it was you meant
to travel. None of these will bring disaster.

I lost my mother’s watch. And look! my last, or
next-to-last, of three loved houses went.
The art of losing isn’t hard to master.

I lost two cities, lovely ones. And, vaster,
some realms I owned, two rivers, a continent.
I miss them, but it wasn’t a disaster.

—Even losing you (the joking voice, a gesture
I love) I shan’t have lied. It’s evident
the art of losing’s not too hard to master
though it may look like (Write it!) like disaster.

Elizabeth Bishop zählt zu den einflussreichsten US-amerikanischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie lebte von 1911 bis 1979. Der Film setzt 1951 ein, als Bishop sich entschließt ihre alte Studienfreundin Mary in Brasilien zu besuchen, um neue Anregungen für ihr Schreiben zu bekommen. Es wird ein sehr langer inspirierender Aufenthalt, der von enormer Schaffenskraft geprägt sein wird. Das liegt am Land, aber auch an den Menschen, denen sie dort begegnet. Vor allem auch an einer Frau, der Architektin Lota de Macedo Soares, der Lebensgefährtin von Mary. Die extrovertierte, selbstbewusste Lota, die Elizabeth zunächst als aufdringlich und überheblich empfindet, wird nach und nach zur Freundin, zur Geliebten, zur Muse.
In einem eigens für sie gebauten lichtdurchfluteten Atelier im Grünen schreibt sie ihren Gedichtband „North & South – A cold spring“ und erhält dafür 1956 den Pulitzer-Preis für Dichtung. Doch die Dreiecksbeziehung wird immer schwieriger. Als Lota in Rio an einem neuen Projekt arbeitet kommt sie Mary wieder näher. Elizabeth beginnt zu trinken, um die Eifersucht (und das Leben?) aushalten zu können. Als sie eine Einladung für eine Dozentur an einem amerikanischen College erhält, nimmt sie an. Die beiden Frauen sehen sich nur noch einmal 1967, um doch wieder nur Abschied voneinander zu nehmen, diesmal für immer.
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Glória Pires spielt überzeugend die tatkräftige Lota, Miranda Otto die sensible, zerbrechliche Dichterin.
Hier gehts zur offiziellen Film-Website: http://www.diepoetin-film.de
In einer deutsch/englischen Ausgabe liegt der Gedichtband „Alles Meer ein gleitender Marmor“ von Elizabeth Bishop vor. Ansonsten gibt es nur englische Originalausgaben.