Kunst im Buch 4: Graphic Novels

Ich habe ein Faible für gut gemachte Graphic Novels. Vermutlich weil ich selbst male, mitunter auch zu eigenen Gedichten und weil ich die vielfältigen Möglichkeiten der Umsetzung von Literatur ins Bild faszinierend finde. Auf dem Blog habe ich bisher 11 Graphic Novels vorgestellt. Hier kommt ein Überblick:

Elisa Macellari: Kusama
Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort
Die beiden Illustratoren Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko haben die Lebensgeschichte von Rose Ausländer ins Bild gesetzt. Die einzelnen Episoden werden dicht an dicht in Szene gesetzt. Das Farbspektrum bewegt sich angeführt von kräftigem Rot in Grün/Schwarz/Hellblau/Weiß. Einzelne Titel der jeweils zu dieser Zeit erschienenen Lyrikbände tauchen auf, ebenso wie kurze Zitate aus Gedichten. Die Texte zu Roses Leben sind anfangs sehr einfach gehalten und wachsen mit der Zeit. Die Frage nach den Beweggründen und den Motiven von Rose Ausländers Schreiben wird gestellt. Auch ihre Heimatstadt und die Bukowina sind immer wieder Themen in Gedichten. Rose Ausländers Werk umfasst die beeindruckende Zahl von 2500 Gedichten. Sowohl Werk als auch diese kunstvoll gelungene Graphic Novel empfehle ich sehr.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/15/oksana-matiychuk-rose-auslanders-leben-im-wort-graphic-novel-danubebooks/

Ambra Durante: Black Box Blues
„Black Box Blues“ von Ambra Durante ist eine Art Graphic Novel. Die Zeichnungen sind comicartig, durchgehend in schwarz/weiß gehalten und oft sehr ausdrucksstark. Schon aus dem Titel heraus kann man ahnen, dass es hier um Depressionen geht. Doch nicht nur das. Der 19-jährigen jungen Frau, die ihre jugendliche Heldin sich selbst und ihr Leben zeichnen lässt, die diversen Abstürze und Dunkelheiten, aber auch das Licht zeigt, das ab und an durchscheint, geht es auch darum, wie schwierig es heute ist erwachsen zu werden. Licht bringt da das Zeichnen. So kann der schwarze Block, der scheinbar immer da ist, zumindest ab und an verkleinert werden.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/10/06/ambra-durante-black-box-blues-wallstein-verlag/

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Thomas Bernhard/Lukas Kummer: Der Keller
Als ich kürzlich entdeckte, dass es die Autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard auch als Graphic Novel gibt, war ich sehr gespannt. Nun habe ich „Der Keller“ in der Hand und freue mich über die gelungenen Zeichnungen von Lukas Kummer. In aller Deutlichkeit und im typischen Bernhard-Stil mit seinen langen Satzschlangen und Wiederholungen gelingt es ihm die Atmosphäre dieser Lokalität, der Ausbildungsstelle Bernhards, darzustellen. Auch die Bilder von Lukas Kummer greifen die vielen Bernhard`schen Wiederholungen auf. Mitunter gibt es auf einer Seite vielfach das gleiche Motiv oder es taucht Seiten später wieder auf. Alles ist sehr einfach dargestellt, schwarz-weiß ohne Schnörkel und das passt schon gut zum Bernhard`schen Sprachkosmos.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/26/thomas-bernhard-lukas-kummer-der-keller-graphic-novel-residenz-verlag/

Hans Fallada/Jakob Hinrichs: Der Trinker
Hinrichs hat Roman und Autobiografisches vermischt, vermutlich lässt sich dies auch kaum trennen. Der Text ist überwiegend wörtlich aus dem Roman übernommen, die Textauswahl geschickt zu den Bildern kombiniert. Auch hat Hinrichs das Buch so gestaltet, dass Inhalt und Illustrationen einen deutlich erkennbaren Bezug zur heutigen Zeit haben. Seine Bilder erinnern an Holzschnitte des Expressionismus. Die Farben sind kraftvoll und auf einige wenige reduziert. Mich fasziniert die immense Wirkkraft der Bilder, die eindrücklich den Text verstärken und die Essenz aus dem Roman gekonnt herausfiltern. Ein Kunstwerk, das anregt, sich mehr mit Falladas Werken auseinanderzusetzen.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/11/05/hans-fallada-der-trinker-graphic-novel-von-jakob-hinrichs-metrolit-verlag-2/
(Die Ausgabe ist nach der Schließung des Metrolit Verlags nun beim Aufbau Verlag lieferbar)

Knut Hamsun/Martin Ernstsen: Hunger
Knut Hamsuns „Hunger“ ist ein Klassiker, eines der bekanntesten Romane Norwegens. Der norwegische Illustrator Martin Ernstsen hat aus dem Roman eine ausdrucksstarke Graphic Novel gemacht, die ich, ebenso wie den Roman selbst, sehr empfehle. Als Grundfarbe hat Ernstsen schwarz gewählt, was auch sehr stimmig zum düsteren Inhalt passt. Die inneren Zustände des getriebenen Protagonisten werden im Bild sehr deutlich und beleben die eigene Phantasie. Auch das, was den Roman ausmacht, was damals 1890 bei Erscheinen neu war, der stete Bewusstseinsfluß, die durchdringende Psychologie, zeigt sich in den Illustrationen durch daumenkinoähnliche Sequenzen.
Meine Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/10/28/knut-hamsun-martin-ernstsen-hunger-avant-verlag/

George Orwell/Fido Nesti: 1984
Wenig optimistisch ist der Roman zu lesen und auch diese Graphic Novel von Fido Nesti. Seine Bilder zum für diese Ausgabe angepassten Text sind eindrücklich, düster und teils drastisch. Die Farbpalette geht von Rot bis Schwarz in ihren jeweiligen Abstufungen. Der Band ist DIN A4 groß und der Buchblock in einen stabilen Karton eingebunden. Teilweise klassisch comicartig mit Sprechblasen zu den Dialogen, teilweise mit beschrifteten Einzelbildern. Manche Bilder sind ganzseitig groß und wirken entsprechend gruselig. Zwischendurch gibt es einzelne Kapitel ausschließlich mit Text. Im letzten dritten Teil geht es in den Bildern sehr schlimm zu, wie ich finde, die Gefängnis- und Folterszenen haben es in sich und sind schwierig für Zartbeseitete. Nesti zeichnet das zwar brillant und sehr vielschichtig in unterschiedlichsten Dimensionen, aber eben auch drastisch.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/30/george-orwell-fido-nesti-1984-graphic-novel-ullstein-verlag/

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Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens
Barbara Yelin, die einfühlsame Zeichnerin dieses Buches, ist als Comic-Autorin keine Unbekannte. Sie hat sie sich längst unter die besten Illustrator*innen gezeichnet und wurde mit Preisen gekürt. In „Der Sommer ihres Lebens“ arbeitet sie erstmals mit dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker zusammen. In 15 Episoden kann gelesen und betrachtet werden, was denn ein Leben ausmacht. In diesem ganz speziellen Fall ist es das Leben von Gerda Wendt, geboren in den 50er Jahren, die aus ihrem Platz im Altenheim heraus in die Vergangenheit zurückdenkt. An die großen und kleinen wichtigen Momente und manchmal auch an das „Was wäre gewesen, wenn …?“ Und wie gelungen ist es Yelin eben diese Rückblicke, die ja im Erinnern auch als Bilder aufscheinen, als gemalte Geschichte aufs Papier zu bringen! Die Zeichnerin übersetzt das Entsinnte aus dem Kopf von Gerda über den Weg der Farbe und Form in unsere Köpfe hinein.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/05/07/barbara-yelin-thomas-von-steinaecker-der-sommer-ihres-lebens-reprodukt/

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit
Fast genau sieben Jahre sind vergangen, seit in Paris auf das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein grausamer Anschlag verübt wurde. Catherine Meurisse, die an jenem Morgen auch an der Teamsitzung hatte teilnehmen wollen, war zu spät dran. Deshalb hat sie überlebt. Die meisten ihrer langjährigen Kollegen und Freunde in der Redaktion wurden getötet. Wie erschütternd das für Meurisse war und wie sie wieder annähernd in einen „Normalzustand“ zurück fand, schildert sie nun in ihren Zeichnungen. Ihre Zeichnungen sind eindeutig und dennoch vielschichtig, die Figuren großartig charakterisiert, jeder Gefühlszustand ist sichtbar. So entstand die berührende Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig die künstlerische Freiheit ist, heute mehr denn je. Es ist ein Buch, das mir sehr nahe geht.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/16/catherine-meurisse-die-leichtigkeit-graphic-novel-carlsen-verlag/

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge
Äußerlich scheint Martin Panchauds Graphic Novel zunächst unspektakulär, zeigt jedoch sofort, auf was die Leserin sich hier einstellen muss. Panchaud erzählt seine Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive. Die farbigen Punkte auf dem Umschlag stehen und bewegen sich stellvertretend für die Protagonisten der ungewöhnlichen Geschichte. Es ist unglaublich, wie extrem gut das funktioniert. Nach einer kleinen Gewöhnungsphase beginnt man diese Art der Darstellung zu lieben. Die Leserin selbst hat hier die Möglichkeit sich mit der eigenen Phantasie den/die Helden „auszumalen“. Diese reduzierte Art wechselt sich ab mit konkreten Bildern, so dass es genügend Abwechslung und genug Raum für die Vorstellungskraft gibt. Sowohl die Idee der außergewöhnlichen bildlichen Umsetzung dieser Story, als auch die Story selbst zeugen von enormem Einfallsreichtum und zeichnerischem Können.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/31/martin-panchaud-die-farbe-der-dinge-graphic-novel-edition-moderne/

Andrea Wulf/Lilian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt
In der Art einer Graphic Novel haben Andrea Wulf und die Illustratorin Lilian Melcher dieses ungewöhnliche Buch gestaltet. Es geht um die amerikanischen Reisen Alexander von Humboldts (1769 – 1859) und zwar nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern erzählerisch und von zauberhaften Illustrationen begleitet. Text und Bild finden hier stimmig zueinander, fließen ineinander und befruchten sich gegenseitig. Bilder, oft collagenhaft, teils skizzenhaft mit Bleistift oder Filzstift gezeichnet, teils mit Sprechblasen wie im Comic und teilweise im Erzählstil weisen auf die wichtigsten Ereignisse der Humboldt`schen Reise hin und sind oft wunderbar detailverliebt. Die Seiten sind meist komplett mit Fotocollagen, Zeichnungen oder Kopien der handschriftlichen Aufzeichnungen Humboldts unterlegt, darüber dann die Sprechblasen einzelner Dialoge oder der Text der Erzählerstimme.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/12/12/andrea-wulf-lilian-melcher-die-abenteuer-des-alexander-von-humboldt-graphic-novel-c-bertelsmann-verlag/

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Viel Vergnügen beim Entdecken!

Titelfoto: Wikimedia Commons

Meine Liebsten im Jahr 2021 – Teil 1: Roman, Debüt, Erzählung, Buchkunst, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick: Es war ein gutes Lesejahr, immerhin …
Mit Überraschungen, wie beispielsweise gleich drei starken Debüts aus dem hohen Norden. Mit wunderbaren Hörbuchstimmen. Und zauberhafter Lyrik. Mit faszinierenden Romanen aus aller Welt und einer deutschen Buchpreisträgerin. Aus unabhängigen und Publikumsverlagen. Von Autoren und Autorinnen, wobei in diesem Jahr die weiblichen Stimmen stark überwiegen, ohne dass ich es bewusst so gewählt hätte.
Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights in der Literatur: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag. Teil 2 mit liebsten Lyrikbänden folgt. Viel Freude beim Entdecken!

Romane:

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Romandebüts:

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Erzählungen & Buchkunst:

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Dobrot/Knausenberger, Chaumeny/Ehninger: Wenn ich Flügel hätte Kunstanstifter Verlag

20210930_1435327649635139788335772.jpgIm Kunstanstifter Verlag habe ich schon einige Buchschönheiten entdeckt. Dieser Band hat mich als Lyrikerin und Malerin besonders angesprochen, da er Lyrik und Kurzprosa in Verbindung mit Collagen enthält. Eine unglaublich vielseitige Technik, mit der ich auch länger gearbeitet habe. Im Band „Wenn ich Flügel hätte“ geht es um Freiheit im Allgemeinen und im Besonderen. Über dieses Thema verständigen sich im künstlerischen Dialog Nina Dobrot und Sarah Knausenberger mit Texten und Corinna Chaumeny und Elke Ehninger mit Collagen. Daraus entstanden ist eine reiche Sammlung von Gedanken und Eindrücken, die sich durch den gegenseitigen Austausch vervielfältigen. Die 4 Künstlerinnen haben ein Jahr lang im Austausch von Text und Collage hin und her assoziiert und fanden das enorm bereichernd. Wer es gerne ordentlich und übersichtlich hat, ist hier vermutlich leicht überfordert, denn die Bilder und Texte verschlingen einander und sogar das Inhaltsverzeichnis und das Impressum sind durch unterschiedliche Handschriften abwechselnd mit Schreibmaschinenzeilen höchst kreativ verzahnt.

Für mich ist das genau das Richtige, denn ich lasse mich gerne einfach hineinfallen ins kreative Chaos und mich einfach inspirieren wohin mein Blick gerade fällt. Da ich meine ganz eigene Vorstellung von Freiheit habe, war es auch ein abgleichen. Und natürlich ein Erkenntnisgewinn. Und in der Tat scheint das Ergebnis bei mir ganz ähnlich auszufallen: Freiheit findet sich vielleicht genau da: im künstlerischen Ausdruck und im eigenen Tun, in der Entfaltung des ganzen Potenzials. Und das alles mit Freude, in tiefer Versunkenheit, in Verbindung mit dem großen Ganzen.

„Der Morgen fühlt sich schal an,
hinter den Augen laufen Tränen ins Herz
und die Farben schmecken bis zum Mittag anders.“

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, die vielleicht einem Lebenslauf entsprechen: Nest, Abflug, Turbulenzen und Landung. Alle vier Begriffe können für jeden einzelnen die verschiedensten Bedeutungen haben und so ist es auch bei den Künstlerinnen. Ich fühle mich darin sehr verstanden.

Im ersten Kapitel finden wir Texte und Bilder von den Startbedingungen; dazu gehören natürlich Familie und das Nest, in dem man flügge werden kann. Je nach Startbedingungen (hier kommen sehr kreativ Biographiearbeit und die Probleme der Kriegskinder/Enkel-Generation zum Tragen) gelingt der erste Flug …

„Der Preis für die Freiheit und das Fliegen:
Sehnsucht.
Sie kommt ihm Schlaf und an Weihnachten,
wenn alle zu ihren Familien fahren“

Das Kapitel Turbulenzen steht mir am nächsten. Hier liegen jede Menge Steine im Weg der Startbahn. Hier verhindern so manche Menschen den pünktlichen Abflug. Sogar Abstürze sind nicht die Ausnahme. Entscheidungen stehen an. Erinnerungen brechen in die Gegenwart ein. Mal dunkel, mal heller.  Bei der Landung gibt es dann aber auch Helfershelfer. Werkzeuge, die man nutzt, weil man sich deren Wirkung jahrelang antrainiert hat und Menschen, die Flugobjekte mögen und auch unkonventionelle Flugbahnen unterstützen. Und natürlich das kreative Tun, das Schreiben, Zeichnen, Malen und Kleben. Das Aufgehen im Werk, gesehen oder ungesehen.

„Eine Bekannte meinte kürzlich neidisch zu mir, nachdem sie sich darüber beklagt hatte, keine wirkliche Leidenschaft im Leben zu haben: „Na ja, du hast ja das Schreiben!“
Wenn die wüsste. Das Schreiben hat man nicht, nie, es muss immer geholt werden, und zwar aus dem Nichts.“

Ich erhalte aus diesem Band auch schöne Anregungen für die eigene künstlerische Arbeit. Er enthält sehr starke mutige Gedanken, aufrichtige Bekenntnisse, Verse aus Licht, verrücktes Geklebtes, zartes Gezeichnetes und Ansporn fürs So-Sein. In meinen Augen ist es ein Buch von Frauen für Frauen. Ein Trostbuch und ein Buch, das sagt: Du bist nicht allein.
Ich empfehle dieses feine Werk nachhaltig und denke, es ist auch perfekt geeignet als Weihnachts- oder Neujahrs- oder Geburtstagsgeschenk.

Der Band ist beinahe DIN A4 groß, gedruckt auf feinstem Papier, fadengeheftet mit Lesebändchen und der Buchrücken ist Leinengebunden. Er erschien im Kunstanstifter Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kunst im Buch 3: Sachbücher – Biographien – Briefe – Filme über Kunst und Künstler

Originale von Hilma af Klint, zur Zeit in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Als selbst Malende und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Bücher oder Filme über Kunst und Künstler*innen. Eine kleine Auswahl meiner bisherigen Highlights habe ich hier zusammengestellt. Es ist mittlerweile der 3. Beitrag zu diesem Thema. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog gehts direkt über den link. Zu Teil 1 hier, zu Teil 2 hier.

Sachbuch – Biographie

Julia Voss: Hilma af Klint >Die Menschheit in Erstaunen versetzen<

Mich hat die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Barbara Beuys: Helene Schjerfbeck Die Malerin aus Finnland

In Skandinavien betrachtet man die Finnin Helene Schjerfbeck (1862-1946) als eine der bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Hierzulande ist sie trotz der großen Ausstellung 2014 in Frankfurt am Main noch nicht so bekannt. Barbara Beuys, die bereits viele Biographien veröffentlichte erzählt sachlich und dennoch kurzweilig über Schjerfbecks Leben und Arbeiten. Die Familie stammte ursprünglich aus Schweden. Helene durfte aufgrund ihres künstlerischen Talents auf die Zeichenschule. Nach ersten Erfolgen geht sie auf Studienreise unter anderem nach Paris, in die Bretagne, nach England. Ab 1890 lebt sie in Helsinki und kämpft um ihr Ansehen als Künstlerin. Ihr Leben ist auch immer wieder von Krankheiten überschattet. Schließlich zieht sie in einen kleineren Ort und verändert ihre Malweise stark. Als ein Kunsthändler sie entdeckt, beginnen sich die materiellen Verhältnisse zu bessern. Sie hinterlässt nach ihrem Tod über 1000 Gemälde, vor allem ihre Porträts stechen hervor. Im Buch gibt es ergänzend zwei Bildteile. Hier gibt es noch keine ausführliche Besprechung, aber auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“.

Annet Mooji: Das Jahrhundert der Gisèle – Gisèle van Waterschoot van den Gracht

Gisèle van Waterschoot van den Gracht (1912 – 2013), Tochter eines Niederländers und einer Österreicherin, studierte in Paris Kupferstich und Radierung, lebte mit den Eltern kurz in den USA. 1941 bezieht sie ein Haus in der Herengracht in Amsterdam. Nachdem sie deutsche Dichter kennenlernte, die hier im Exil lebten, gab sie vielen Zuflucht, darunter Wolfgang Frommel und weiteren jüdischen Freunden in einer Wohnung im eigenen Haus. Selbst in dieser gefährlichen Zeit gab es eine Art Künstlerzirkel, der sich bis über das Kriegsende hinaus erhielt. Es entwickelten sich weitere Kontakte, eine Literaturzeitschrift entstand und ein Verlag: Castrum Peregrini war eine Art männlicher Dichterclub, wie man ihn von Stefan George her kennt, in diesem Fall nicht ganz unproblematisch. Die Künstlerin, die eine schillernde eigensinnige Persönlichkeit war und Max Beckmann kannte, schuf selbst viele Gemälde, die schwer einzuordnen sind. Sie erinnern mitunter an Picasso, an den Kubismus; viele Porträts und Selbstporträts entstanden. Sie kreierte Wandteppiche und renovierte eine Klosterruine auf der griechischen Insel Paros. Ihr Haus ist bis heute als Gesamtkunstwerk erhalten geblieben. Annet Mooij hat eine informative und dennoch leicht lesbare Biographie über eine ungewöhnliche Frau geschrieben. Mehr darüber auf der Seite der Büchergilde.

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Briefe – Graphic Novel – Bildband

Inés Burdow: Sweetheart, es ist alle Tage Sturm – Lyonel Feininger

Auch zu diesem Buch gibt es keine ausführliche Besprechung, aber eine Empfehlung, wenn man sich für den Künstler Lyonel Feininger (1871-1956) interessiert. Gerade erschien der Briefwechsel zwischen der Künstlerin Julia Berg (1881-1970) und Feininger. Ich erlebte die Autorin und Sprecherin Ines Burdow und den Sprecher Ulrich Lipka bei einer kurzweiligen Lesung aus dem Buch. Die Briefe sind Zeichen einer großen Liebe (beide waren anderweitig verheiratet, als sie sich 1905 begegneten), aber auch biographisch und zeitgeschichtlich interessant. Sie zeigen auch sehr persönlich auf, wie Feininger an seiner Kunst zweifelte, von Julia aber sehr unterstützt wurde (auf Kosten ihrer eigenen Kunst). Von Krieg, Weimarer Republik, über die Entstehung des Bauhauses bis zum Nationalsozialismus, von dem Julia als Jüdin direkt bedroht war, spannt sich der literarische Bogen. Das Paar verlies das Land 1937 Richtung New York. Ein einmaliges Werk, welches auch bisher unveröffentlichte Briefe enthält und durchaus als besondere Biographie gelesen werden kann. Siehe auch auf der Seite des Kanon Verlags.

Elisa Maccelari: Kusama – Yayoi Kusama Graphic Novel

Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

I love Women in Art Hrsg. Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy

Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen an den Kunstakademien studieren – das war der Anlass für die beiden Künstlerinnen Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy ein Buchprojekt zu starten, was ich mehr als hervorragend finde. Damit wollen die beiden auf die immer noch andauernde Unterpräsentation von Künstlerinnen im Kunstbetrieb aufmerksam machen. Großformatig auf bestem Papier gedruckt, lese ich von Künstlerinnen, die ich noch nicht kannte, entdecke Neues, was mich selbst für meine Kunst inspiriert oder begegne Kunstfrauen, deren Werk ich bereits kenne und liebe. Ein schöner Kunstbildband von Künstlerinnen mit Künstlerinnen. Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/03/08/i-love-women-in-art-hrsg-janine-mackenrodt-bianca-kennedy/

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DVDs

Film Jenseits des Sichtbaren von Halina Dyrschka

Mit Hilma af Klint habe ich mich sehr eingängig beschäftigt. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zur Biographie von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Der Film lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen, Verwandte von Hilma, Kuratoren, Kunsthistoriker und eben auch Julia Voss.
Mein Beitrag zum Buch: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Film Seraphine von Martin Provost

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/19/film-kunst-film-seraphine-dvd-film-von-martin-provost-2010/

Film Final Portrait von Stanley Tucci

Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Alberto Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler. Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/15/film-kunst-film-final-portait-von-stanley-tucci-dvd-2017/

Film Werk ohne Autor von Florian von Donnersmarck

Der Film „Werk ohne Autor“ wartet mit immerhin über drei Stunden Laufzeit auf. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/11/05/film-kunst-film-werk-ohne-autor-von-florian-henckel-von-donnersmarck-2018/

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Viel Vergnügen beim literarischen/filmischen Kunstentdecken!


Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute in etwas anderer Form:

Mein Augenmerk gilt heute dem neuen Lyrik- und Kunstband von Marlies Blauth. Die 1957 in Dortmund geborene, in Meerbusch lebende Künstlerin hat nun bereits ihr drittes Buch herausgegeben. Ihre „Bilder aus Kohlenstaub“ sind wunderbar atmosphärische schwarz/weiß-Gemälde, die hauptsächlich aus dem typischen Stoff der Gegend aus dem die Künstlerin stammt gestaltet sind, aus dem Ruhrgebiet. Sowohl Bilder, als auch die dazugehörigen Gedichte durchdringen die Tiefe des jeweiligen Materials und wirken doch oft schwebend. Kohle und Worte fallen aufs Weiß und fließen in ihre ganz eigene Form.
Der Band ist DIN A4 groß, und auf wertigem Papier gedruckt wirkt er wie ein kostbarer Ausstellungskatalog. Erschienen ist er im Athena Verlag. Mehr dazu auf der ohnehin sehenswerten Website der Künstlerin: https://kunst-marlies-blauth.blogspot.com/2021/09/mein-drittes-buch-ist-erschienen.html

Oksana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort Graphic Novel danubebooks

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Rose Ausländer ist eine der vielen Lyrikerinnen, die nicht vergessen werden darf. Als Rosalie Ruth Scherzer wurde sie am 11.5.1901 in Czernowitz in der Bukowina geboren. Ein bewegtes Leben erwartet Rose. Später wird sie in einem Gedicht einmal schreiben: „Ich wohne nicht, ich lebe“ und bewahrt alle ihre Habseligkeiten in mehreren Koffern auf. Eine Graphic Novel erinnert nun zum 120. Geburtstag an die Dichterin.

Wegen des ersten Weltkriegs flieht Roses Familie nach Wien, kehrt aber unversehrt zurück, nur dass Czernowitz inzwischen zu Rumänien gehört. Als der Vater stirbt, schickt die Mutter ihre nur 19 jährige Tochter zu Verwandten in die USA. Dort heiratet sie einen Freund, Ignaz Ausländer, lebt in New York, doch die Ehe wird nach drei Jahren getrennt. Sie kehrt 1931 zurück in die Bukowina.  Auch ihre große Liebe zu Helios Hecht, der auch Gedichte schreibt, geht in die Brüche. 1939 erscheint ihr erster Gedichtband „Der Regenbogen“. Die Familie überlebt den zweiten Weltkrieg im Ghetto von Czernowitz, inzwischen Russland zugehörig, dass von den Deutschen eingenommen wird.

Nach der Befreiung geht Rose 1946 erneut in die USA und lebt dort bis 1964. Mutter und Bruder bleiben zurück. Sie schreibt weiter Gedichte, nun in englischer Sprache. Sie reist und liest viel, interessiert sich für Kunst und kehrt schließlich ganz nach Europa zurück, zunächst nach Wien. Ab 1965 lebt sie in Düsseldorf, nach einem Unfall im Pflegeheim der jüdischen Gemeinde. Erst hier erscheint ihr zweiter Lyrikband, wieder in deutscher Sprache, aber Rose entwickelt einen neuem Stil: „Der Reim ging in die Brüche“. 

Die beiden Illustratoren Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko haben die Lebensgeschichte, die uns von der Rose Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk erzählt wird ins Bild gesetzt. Die einzelnen Episoden werden dicht an dicht in Szene gesetzt. Das Farbspektrum bewegt sich angeführt von kräftigem Rot in Grün/Schwarz/Hellblau/Weiß. Teils in quadratische Flächen wie in einem Memory-Spiel unterteilt, teils ganz frei durch den vorhandenen Spielraum bewegen sich Bild und Text. Rose selbst durchquert die Bilder oft auffällig immer in Weiß gekleidet. Einzelne Titel der jeweils zu dieser Zeit erschienenen Lyrikbände tauchen auf, ebenso wie kurze Zitate aus Gedichten. Große Blüten und Käfer queren die Seiten. Die Texte zu Roses Leben sind anfangs sehr einfach gehalten und wachsen mit der Zeit. Die Frage nach den Beweggründen und den Motiven von Rose Ausländers Schreiben wird gestellt. Ähnlich wie der Philosoph Adorno fragt sich Rose, ob und wie man nach dem Holocaust noch Poesie schreiben kann. Auch ihre Heimatstadt und die Bukowina sind immer wieder Themen in Gedichten.

Rose schreibt und schreibt. Ihre Gedichte werden durchaus bekannt, sie erhält mehrere Literaturpreise, lebt dennoch zurückgezogen. Ihr späterer Nachlassverwalter Helmut Braun hilft ihr mit allem was das Schreiben und Verlegen betrifft. An einem Tag im Juni 1986 entscheidet sie sich, nicht mehr zu schreiben. Es ist alles da. 1988 stirbt sie. Rose Ausländers Werk umfasst die beeindruckende Zahl von 2500 Gedichten. Sowohl Werk als auch diese kunstvoll gelungene Graphic Novel empfehle ich sehr.

Der Band erschien im danube books Verlag. Die Übersetzung stammt von Kati Brunner. Eine Leseprobe, mehr über die Dichterin und ein aufschlussreiches Video gibt es hier.

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge Graphic Novel Edition Moderne

Die Debüt-Graphic Novel des Schweizer Zeichners Martin Panchaud „Die Farbe der Dinge“ begegnete mir auf der Liste für den Max und Moritz-Preis 2020 des Erlangener Comic-Salons. Graphic Novels sind eine meiner Meinung nach unterschätzte Sparte der Literatur. Hier kann viel mehr experimentiert werden, was Panchaud auch hinreichend ausnutzt. Seine Geschichte ist vor allem in der zeichnerischen Umsetzung ein echtes Highlight. 

Äußerlich scheint es zunächst unspektakulär, zeigt jedoch sofort, auf was die Leserin sich hier einstellen muss. Panchaud erzählt seine Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive. Die farbigen Punkte auf dem Umschlag stehen und bewegen sich stellvertretend für die Protagonisten der ungewöhnlichen Geschichte. Es ist unglaublich, wie extrem gut das funktioniert. Nach einer kleinen Gewöhnungsphase beginnt man diese Art der Darstellung zu lieben. Die Leserin selbst hat hier die Möglichkeit sich mit der eigenen Phantasie den/die Helden „auszumalen“. Diese reduzierte Art wechselt sich ab mit konkreten Bildern, so dass es genügend Abwechslung und genug Raum für die Vorstellungskraft gibt.

Am besten man prägt sich gleich die jeweiligen Farben ein, vor allem die von Simon, dem 14-jährigen Helden. Zu Anfang wenig heldenhaft, ausgenutzt und getriezt von seinen Mitschülern, hängt auch im prekären Zuhause der Haussegen schief. Als er auf Befehl seiner Peiniger einer Wahrsagerin die Einkäufe nach Hause trägt, gibt sie im unverhofft einen Tipp fürs Pferderennen. Simon setzt alles Geld, was er zuhause finden kann auf den Außenseiter Black Caviar – und gewinnt! Und zwar richtig viel. Das Problem: als Minderjähriger darf er seinen Wettgewinn nicht einlösen.

Zuhause angekommen, um den Vater Dan unterschreiben zu lassen, ist nichts mehr wie zuvor. Die Mutter, vermutlich vom Vater ins Koma geprügelt, weil er glaubt, sie hätte sein Geld entwendet, wird ins Krankenhaus eingeliefert, der Vater taucht unter. Simon muss ins Heim. Als ein Foto von ihm, dem glücklichen Gewinner in der Zeitung erscheint, tauchen plötzlich jede Menge Leute auf und wollen ihm den Wettschein abknöpfen. Nur einer, Alan, scheint vertrauenswürdig. Er sagt, er wäre Simons Mutter etwas schuldig und die beiden machen sich gemeinsam auf die Suche nach Dan. Es beginnt eine Art Roadmovie. Doch Simons Vater weiß die Umstände für sich zu nutzen. Er beschuldigt Alan der Kindesentführung und die Polizei schlägt unerbittlich zu. Was Alan Simon kurz vor der Verhaftung verrät, stellt Simons bisheriges Leben auf den Kopf. Alan sein Vater?

Dan verschwindet erneut, nicht ohne den Wettschein eingelöst zu haben, sprich mit dem ganzen gewonnen Geld. Simon sitzt wieder im Heim. Die Mutter liegt noch immer im Koma. Wie sich das Blatt dann doch noch für Simon wendet und die Gerechtigkeit siegt und was das ganze mit einem Blauwal zu tun hat, verrate ich nicht.

Martin Panchaud hat mit dieser Graphic Novel gezeigt, dass es doch immer noch und immer wieder Neues zu entdecken gibt, gerade in diesem Genre, und dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Sowohl die Idee der außergewöhnlichen bildlichen Umsetzung dieser Story, als auch die Story selbst zeugen von enormem Einfallsreichtum und zeichnerischem Können. Ich bin sehr begeistert! Ein Leuchten!

„Die Farbe der Dinge“ erschien im Schweizer Verlag Edition Moderne. Das Buch steht auch auf der Hotlist der unabhängigen Verlage 2020 . Natürlich habe ich dafür abgestimmt und ich wünsche dem Buch viel Erfolg. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine kurzer Beitrag auf Arte über Martin Panchauds Arbeit am Buch ist zusätzlich aufschlußreich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Arthur Miller: Fokus Büchergilde Gutenberg

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In ihrem Nachwort dieser Büchergilde-Ausgabe von Arthur Millers (1915 – 2005) Fokus, schreibt die Illustratorin und Grafikerin Franziska Neubert darüber, wie erschrocken sie war, als sie das Buch las, um sich auf die Illustrationen vorzubereiten. Genauso erging es mir. Arthur Miller, vor allem bekannt durch seine Theaterstücke, schreibt in seinem einzigen Roman über Antisemitismus in den USA. Die Geschichte erschien erstmals 1945, sie spielt kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in New York. Bisher war mir nicht bewusst, dass der Antisemitismus auch in den Vereinigten Staaten solche Ausmaße besaß. Nach einiger Recherche ist mir nun klar, dass es vor allem christliche Organisationen waren, die massiv gegen Juden hetzten, wie in Millers Roman die „Christliche Front“.

Zitat aus Wikipedia„Nach einer Umfrage von 1939 waren 53 Prozent der US-Bürger der Ansicht, dass Juden anders seien und Einschränkungen unterliegen sollten. Verschiedene Untersuchungen zwischen 1940 und 1946 belegten, dass sie als eine größere Gefahr für das Wohl der Vereinigten Staaten angesehen wurden als jede andere national, religiös oder rassisch definierte Gruppe“ 

In „Fokus“ erleben wir, wie der als Personalchef in einem großen Unternehmen tätige Lawrence Newman nach jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit plötzlich aus seiner leitenden Position verdrängt wird. Der Grund: Er muss wegen eingeschränkter Sehkraft eine Brille tragen, die ihn in den Augen vieler wie ein Jude aussehen lässt. Erschreckend, wie allein anhand der Physiognomie hier Ausgrenzung stattfindet. Auch als Personalchef hatte Newman strenge Anweisungen „solche“ Bewerber gleich abzuwimmeln. Nun trifft es ihn selbst. Lange findet er keinen Job und auch in den Augen seiner Nachbarn wird er plötzlich zum Feind. Vor allem, weil er einer antisemitisch ausgerichteten Organisation nicht beitreten will, für die sein Nachbar Fred wirbt. In der gleichförmigen Einfamilienhaussiedlung in Queens gibt es jedoch schon Anfeindungen gegen den Ladenbesitzer Finkelstein. Man will das Viertel „säubern“.

„Finkelstein war noch ein junger Mann, als Jude aber war er alt. Er wusste, was da vorging; er musste es wohl wissen. Zweimal hatte er in den letzten drei Wochen, wenn er um sechs Uhr früh aus seinem Haus gekommen war, seinen Mülleimer auf der Seite liegend gefunden und die Abfälle vor seinem Haus verstreut.“

Newman, der, selbst voller Vorurteile, zuvor nie darüber nachgedacht hatte, warum man Juden ausgrenzt, erfährt nun selbst, was es bedeutet. Er wird nicht mehr als Einzelner gesehen, sondern aufgrund der vermeintlichen Zugehörigkeit einer Rasse behandelt. Newman versucht anfangs alles zu tun, weiter dazuzugehören, doch das ändert nichts. Etwas verändert sich nun in seinen Gedanken.

Als er an seiner neuen Arbeitsstelle eine Frau trifft, deren Bewerbung er ehemals aufgrund ihres Aussehens als Personalchef abgelehnt hatte, scheint sich sein Leben noch einmal grundlegend zu ändern: Er verliebt sich, sie heiraten. Zunächst scheint alles leichter, doch als beide in einem Hotel aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft kein Zimmer erhalten, beginnt auch hier die Schmach. Lawrences Frau Gertrud möchte nun, dass er auch zu den Versammlungen geht, dass sie endlich auch zeigen, auf welcher Seite sie sind. Newman hingegen erlebt am eigenen Leib, was die Fanatiker anrichten können. Das, was vorher allein Finckelstein zu ertragen hatte, trifft nun auch ihn. Er erlebt Ablehnung bis hin zur physischen Gewalt. Doch all das sensibilisiert ihn umso mehr. Und so steht er schließlich Finkelstein näher als allen anderen …

Arthur Miller hat einen Roman geschrieben, der mich aufgrund seiner perfekten Konstruktion und seiner gekonnten Sprache stark beeindruckt. Vollkommen mit genommen und mit wachsender Erschütterung las ich dieses Buch und möchte es hier bedingungslos empfehlen. Zumal Franziska Neuberts Holzschnitte sich in ihrer Zurückgenommenheit perfekt in die Geschichte einpassen, genug Raum lassen für eigene Bilder. Nie zeigt sie Gesichter, nie sieht man Newman genau. Absichtlich nicht, sagt Neubert. Das leuchtet ein, zumal allein die Atmosphäre und die Farbgebung hinreichend Auskunft geben, dass hier Unheimliches geschieht. Ein Leuchten!

„Fokus“ erschien in der Büchergilde Gutenberg wie immer in feinster Ausstattung. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzte es Doris Brehm. Von der 1977 geborenen Graphikerin Franziska Neubert stammen die ausdrucksstarken Illustrationen.

Weiter Besprechungen zum Buch gibt es bei Zeichen & Zeiten und bei Gute Literatur – Meine Empfehlung.

Ergänzend bietet sich als Lektüre an: „Der Empfänger“ von Ulla Lenze.

Thomas Böhm/Carsten Pfeiffer (Hrsg.) Die Wunderkammer der Deutschen Sprache Verlag Das kulturelle Gedächtnis

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„In welchen Teil des Wortvorrats man immer greift, wird, nach überwundener erster Scheu, man sich bald davon angezogen fühlen.“

Jacob Grimm

In der Einleitung dieses von Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer herausgegebenen Bandes heißt es: Wunderkammer – das Wort selbst gab den Anstoß zu diesem Buch.“ In der Tat findet sich hier ein oft spannender Einblick in die Vielfalt der deutschen Sprache. Manch Ausgefallenes, manch Banales wird hier vorgestellt. Und das eingebunden in außergewöhnlicher Gestaltung und Illustration, für die 2x Goldstein+Schöfer verantwortlich ist:

Feinstes, schweres Papier, mehrfarbiger Druck, Farbschnitt und Lesebändchen in orange. Und auch innen besonders illustriert und ungewöhnlich gesetzt in verschiedenen Schriftarten und Größen. Die Farbe Orange wiederholt sich auch hier und wechselt sich, wie schon auf dem Einband, mit dunklem Blaugrau ab.

Tabellen, Listen, Collagen, Photos, Auszüge aus alten Büchern, alles jeweils zu einer Thematik der deutschen Sprache sind in der Wunderkammer enthalten. Einige Schriftsteller*innen wurden nach ihren Lieblingswörtern und deren Geschichten befragt. Mit dabei etwa Karen Duve, Erik Fosnes Hansen, Felicitas Hoppe, Georg Klein oder Franz Hohler. Goethe darf natürlich nicht fehlen. Er taucht hier anhand von Zitaten aus dem Mund seiner Kritiker auf. Dialekte und die diversen Sprachvarianten der DDR-Sprache werden betrachtet. Anhand von einer Deutschlandkarte wird aufgezeigt wie unterschiedlich manche Dinge in verschiedenen Regionen heißen. Um Kindersprache geht es oder Kunstsprache, um Geheimsprachen und Küchenlatein. Konkrete Lyrik und Figurengedichte, Schriften an Hausfassaden, Grabinschriften, Letzte Worte und vieles mehr versammelt sich in diesem Band.

Sehr schön zu lesen und eines meiner Lieblingskapitel ist die Liste der ungebräuchlich gewordenen Wörter: Brosamen kenne ich noch, an die Manchesterhose meines Vaters erinnere ich mich noch gut, bei Funeralien wirds schon kritisch und dass verleitgeben Bier und Wein ausschenken bedeutet, weiß ich schon nicht mehr. Ein spannendes Kapitel sind auch die Äquivokationen, nämlich Homonyme, Polyseme, Homographe und Homophone (wer kennt sie nicht!?). Palindrome und Anagramme fehlen nicht. Auch den Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch kann ich einiges abgewinnen: Geliebtes Blitzzwiebelblau, feierliche Flitterherrlichkeit oder wüstes Planetengetriebe.

Es gibt viel zu entdecken, Wichtiges und Unwichtiges, Witziges und Schräges, Notwendiges und Unsinniges. Wer Spaß an Sprache in allen Facetten und Spielereien hat, dem sei dieses gut recherchierte Buch empfohlen.

Ach und fast hätte ich mein Highlight vergessen: Es gibt ein wirklich lustiges Kapitel über die haarsträubenden Namen von Berliner Friseursalons im Jahr 2019. Will man sich wirklich die Haare bei James Blond, Hairforce One oder Mata Haari schneiden lassen?

Das Buchkunstwerk erschien im Verlag Das kulturelle Gedächtnis. Mehr über Buch und Verlag hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Noëmi Lerch: Willkommen im Tal der Tränen Verlag Die Brotsuppe

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„Alpaufzug. Zoppo, der Tuinar und der Lombard sitzen im Jeep. Die Kühe sind im Lastwagen. Nach dem Tunnel sagt Zoppo, willkommen im Tal der Tränen.“

Ich freu mich! Ich freue mich so sehr über dieses Buch. Dass es so etwas noch gibt in der Literaturlandschaft, in der Bücherwelt, die auch immer mehr auf Schnelligkeit und Konsum setzt. Ich bin dankbar, dass es solche Verlage gibt, solche Autor*innen, solche Künstler*innen. Noëmi Lerch hat einen Text geschrieben, der auf Langsamkeit und Hingabe besteht, der, von der Sprache einer bald vergessenen Zeit lebt. Sie erzählt, wie es kaum jemand mehr tut. Aber ich schwärme noch weiter, denn das Buch ist eine Perle der Gestaltung, ein feinstes Kunstwerk. Dass es ausgezeichnet wurde mit dem Schweizer Literaturpreis 2020 ist vollkommen nachvollziehbar.

Das Buch ist eingeteilt in 4 Kapitel: Leben, Natur, Arbeit, Sterben. Jede Seite ist mit einer feinen Illustration immer weiß auf schwarzem Papier gearbeitet. Auf der gegenüberliegenden hellgrauen Seite steht der Text. Oft ist es nur ein Satz. Immer nicht mehr als eine halbe Seite. In dieser Reduzierung steckt auch die Besonderheit dieser Geschichte.

„Der Nachtfalter trägt einen pastellfarbenen Mantel und eine rote Lockenperücke. Er schläft an der Mauer hinter dem Radio, seit drei Tagen schon. Heute ist er heruntergekommen, um in der Kaffeetasse vom Tuinar zu ertrinken.“

Es ist auch keine Geschichte im üblichen Sinn, sondern lässt einfach Bilder aus dem Alltag der drei Bauern auf einer Alm in einem abgelegenen Tal im Tessin aufscheinen. Doch aus dieser Knappheit wächst auch die Schönheit. Denn es entstehen auch berührende Bilder aus dem Inneren der Männer. Die harte Arbeit prägt sie, doch sie leben auch aus ihrem ganz unterschiedlichen Inneren heraus und sie leben mit der Natur. Viel steht zwischen den Zeilen, eröffnet sich im Hingeben an die wenigen Worte, im Lauschen auf das eigene Innere oder in der Versenkung in die Abbildungen. Es ist ein meditatives Buch, dass dennoch hinweist auf die zunehmenden Veränderungen dieser archaischen Strukturen. Immer mehr Touristen kommen, die Natur nimmt Schaden, die Landwirtschaft muss subventioniert werden.

Drei Männer und ein lächelnder Hund. Der Tuinar, der vom Land am Meer kommt, dem das Sprechen schwerfällt und der nur der „Zusenn“ ist, dem nichts selbst gehört. Der singende Lombard mit dem lächelnden Hund und Zoppo, der dem Tuinar zeigt, wie man die Harfe durch den Käsebruch ziehen muss und wie still die weite Ebene ist.

„Der Tuinar weiss nicht mehr was sagen. Fallen ihm an einem Tag zwei Sätze ein, die er sagen könnte, spart er einen davon auf. Für den nächsten Tag.“

Noëmi Lerch schreibt so geheimnisvoll, so wissend und spürend, aber auch so poetisch und zart, wie man es sich für diese Arbeit gar nicht vorstellen kann, aber genau so ist es vielleicht, wenn etwas mit Hingabe und aus Liebe getan wird, egal, ob Schreiben oder Käse machen. Ein Leuchten!

Das Buch haben Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch (Künstlerinnen-Duo Walter Wolff) bebildert. Sie haben dabei ihre ganz eigenen Gedanken als Bilder auf den Text gelegt, Bilder die die eigenen entstehenden nicht stören, vielmehr anregen. Außen in naturfarbenes grobes Leinen gebunden mit schwarzer Titelprägung geht es auch innen schwarz und und naturgrau auf schwerem Papier weiter. Beim Blättern riecht man noch die Druckfarbe. Das weiße Garn der Fadenheftung blitzt auf. Ein Lesebändchen reicht eigentlich nicht, um die vielen Seiten zu markieren, die besonders bemerkenswert sind.

Das Buch erschien im Schweizer Verlag Die Brotsuppe. Es ist bereits das dritte Buch der 1987 geborenen Autorin, die in Aquila im Tessin lebt, als Hirtin und Schriftstellerin. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Und hier ein Interview mit den beiden Gestalterinnen des Buches und eine kleine Lesung der Autorin:

 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.