Jan Bazuin: Tagebuch eines Zwangsarbeiters C.H. Beck Verlag

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Ich mag Barbara Yelins Illustrationen sehr, deshalb fiel mein Blick auch sofort auf diese Neuerscheinung. Der 19-jährige Holländer Jan Bazuin hat Tagebuch geführt über die Ereignisse, die er vor und im Arbeitslager der Deutschen in München-Neuaubing von 9.1.1944 bis zu seiner Flucht am 21.4.1945 erlebte. Barbara Yelin hat dazu ihre typischen Illustrationen beigetragen. Es ist ein hochinteressantes Zeitdokument und hat mich wirklich überrascht, da ich bisher wenig zum Thema gelesen habe.

Am 23.2. wurde das Buch im NS-Dokumentationszentrum in München vorgestellt. Ich war beim Live-Stream dabei und habe unglaublich viel erfahren. Wie das Buch entstand, wie Yelin sich die Illustrationen erarbeitet hat. Der Sohn von Jan Bazuin berichtete, wie das Tagebuch, das eigentlich aus drei kleinen Heften besteht, die er nach dem Tod seines Vaters fand, zum Buchprojekt wurde, Barbara Beuys bereicherte die Runde mit umfassendem historischen Wissen zum Thema.

November 1944, Rotterdam: Die Deutschen besetzen seit 1940 die Niederlande. Jan Bazuin, 19 Jahre alt, lebt bei seinen Eltern. Er beginnt Tagebuch zu schreiben. Die Arbeitslosigkeit ist zu dieser Zeit groß. Der Vater will Jan loswerden, weil es zu wenig zu essen für die Familie gibt. Manchmal hat Jan Arbeit, manchmal organisiert er Essen, das er tagelang im Umland sucht. Die Menschen fällen die Bäume in den Straßen, um Brennholz zu haben. Es herrscht überall großer Mangel. So oft wie möglich trifft er sich mit seiner Freundin. Bei ihr verbringt er auch Weihnachten, hier bekommt er genug zu essen.  Als die Deutschen im Januar wieder alle 16 – 40-Jährigen unter Strafandrohung zum Abtransport ins Arbeitslager nach Deutschland aufrufen, muss auch Jan Rotterdam verlassen. Beim ersten Aufruf hatte Jan Glück, er war als Saisonarbeiter auf dem Land, doch wurde sein Bruder bereits da nach Kassel geschafft. Die Reise führt mit dem Zug quer durch Deutschland bis nach München. Mit langen Unterbrechungen, die die Männer im Viehwaggon verbringen müssen und mit Zwischenaufenthalt in Dachau, landen sie in Neu-Aubing.

Dort hat Jan das Glück die meiste Zeit eine Arbeit in der Küche zu finden, so dass er alles andere als Hunger leiden muss. Die Portionen, die er dort bekommt und die er in seinem Tagebuch genauestens erfasst, lassen fast nicht glauben, dass er sich in einem Zwangsarbeiter-Lager befindet. Dafür arbeitet er von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Doch dann gibt es auch Zeiten in denen er mit Rübensuppe, Brot und Kartoffeln auskommen muss. Er selbst empfindet die Arbeit als gut für ihn, damit er nicht so viel grübelt und an seine Familie und die Freundin denken muss.

„Montag, 19. März. Halb zwölf Fliegeralarm. Erst halb vier Entwarnung. Bei uns keine Bomben, wohl aber 30 km weiter. Das Essen war wie gehabt. Gut, aber wenig. Vielleicht gibt es in Holland gar nichts, ich will also nicht klagen.“

Das Ungewöhnliche an den recht schlichten Tagebucheinträgen ist eine ungebrochene Zuversicht, mit der Jan an alles herangeht. Nie glaubt er, dass er nicht mehr nach Hause kommt. Jeder Tag wird, auch wenn er noch so anstrengend war, mit einem positiven Gedanken bedacht. Tatsächlich darf man sich die Verhältnisse hier nicht wie in einem Konzentrationslager vorstellen. Jan verdient Geld mit seiner Arbeit, er hat oft den halben Samstag und/oder den Sonntag frei. Mehrfach geht er ins Kino, macht sogar Ausflüge ins Umland.

Im Lager begegnet er auch polnischen und italienischen Zwangsarbeitern. Manche lädt er ein, ihm etwas in sein Tagebuch zu schreiben, es bilden sich kleine Zusammenhalte. Doch es wird auch gestohlen, vor allem Nahrung. Nicht alle haben so ein Glück wie Jan. Immer wieder kommen Informationen im Lager an, in denen von der Lage der Front, von der Hilfe der Alliierten und vom möglichen Ende des Kriegs die Rede ist. Die vielen Luftangriffe sprechen ihre eigene Sprache.

Am 21.4.45 entscheidet sich Jan für die Flucht. Mit einem Kameraden legt er Hunderte von Kilometern zurück und schafft es tatsächlich über die Frontlinie zu den Amerikanern. Kurz darauf bricht das Tagebuch ab.

Im informativen Nachwort berichtet Mitherausgeber Paul Raabe vom NS-Dokumentationszentrum, was über Jan Bazuins Leben sonst noch bekannt ist und bindet die Tagebucheinträge in größere Zusammenhänge.

Barbara Yelins Illustrationen sind dunkel gehalten. Grau dominiert. Wenige Bilder sind mit Sprachblasen gezeichnet, die meisten Bilder sprechen für sich. Das Buch ist keine Graphic Novel. Man wollte den Tagebuchcharakter nicht verfälschen, was ich als eine gute Entscheidung betrachte.

Ich finde dieses Buch hochinteressant, zeigt es doch einen weiteren Aspekt zum Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Bisher kenne ich den Roman Sie kam aus Mariupol von Natascha Wodin, in dem sie über ihre Eltern erzählt, die als Zwangsarbeiter aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt wurden und wesentlich schlechter behandelt wurden.

Tagebuch eines Zwangsarbeiters“ erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Olga Lawrentjewa: Surwilo Graphic Novel Avant Verlag

Eine ganz ausdrucksstarke Graphic Novel ist „Surwilo“ von der 1986 geborenen Olga Lawrentjewa. Der Untertitel weist auf den Inhalt hin: Eine russische Familiengeschichte. Der Handlungsort ist überwiegend Leningrad. Die Geschichte erzählt die Großmutter ihren Enkelkindern, die sie gerne auf dem Land besuchen. Sie beginnt dabei mit ihrer Mutter, die 1914 Wikenti Kasimirowitsch Surwila heiratet. Wikenti kommt aus dem Dorf Surwily, das in Polen liegt. Sie leben in Leningrad mit den beiden Töchtern Ljalja und Walja in einer großen Wohnung. Als Wikenti im Jahr 1937 verhaftet wird, angeblich weil er mit anderen polnischstämmigen Kollegen Spionage und Sabotage plante, schreibt seine Frau Briefe an die höchsten Behörden, um herauszufinden, wo er sich befindet und weshalb er unschuldig verhaftet wurde. Antworten kommen keine. Auch in den folgenden Jahren nicht. Für die Familie wird dieser Vorfall zum Verhängnis: Sie werden weit weg aufs Land verbannt. Die Töchter werden in der Schule gemobbt, aufgrund des Makel im Lebenslauf. Der Vater ein Volksfeind! Eine nach der anderen gehen beide nach der Schule zurück nach Leningrad, um ein Studium zu beginnen. Walja erhält ein Stipendium, doch reicht das Geld kaum, sie leidet Hunger. Sie besucht Bekannte, die noch im alten Haus wohnen und trifft dort auch oft Petka, mit dem sie sich gut versteht.


1941 verlässt Walja das Technikum und sucht Arbeit. Doch aufgrund des Fragebogens bei der Bewerbung, in dem die Daten der Eltern abgefragt werden, findet sie keine Stelle. Erst in einem Krankenhaus nimmt man sie. Im September beginnt die Blockade. Gleichzeitig fallen die Bomben. Walja hat im Krankenhaus schwerste Arbeit zu verrichten, doch die Lebensmittel werden knapp. Immer mehr Menschen sterben, entweder durch die Bombenangriffe oder sie verhungern. Einmal noch sieht sie die Schwester, dann kommt die Nachricht ihres Todes. Wenige Frauen bleiben im Krankenhaus, in dem Ausnahmebetrieb herrscht. Kein Strom mehr, keine Lebensmittel. Dennoch werden die Aufgaben von der Armee strengstens überwacht. Eine verschwundene Lebensmittelkarte kann den Tod zur Folge haben. Walja ist geschwächt und ständig kurz vor dem Zusammenbruch. Die Blockade dauert über 2 Jahre. Im Januar 1944 ist sie zu Ende. (Wikipedia schreibt zur Blockade Leningrads: „Verluste: 16.470 Zivilisten durch Bombenangriffe und ca. 1.000.000 Zivilisten durch Unterernährung“)

Das Leben geht weiter. Walja macht einen Buchhaltungskurs, findet endlich eine Arbeitsstelle. Das Leben wird besser. Petja, der als Soldat im Krieg ist, schreibt Walja. Es beginnt ein Briefwechsel. Er kommt 1945 mit Ehrungen und Orden zurück und macht Walja einen Heiratsantrag. Bald bekommen sie eine Tochter. Beide arbeiten. Doch Walja wird von Angstzuständen und Panikattacken heimgesucht, ist schwer traumatisiert. Oft liegt sie nächtelang wach. Die schrecklichen Erfahrungen der Belagerung, die vielen Sterbenden, die vielen lebendigen Toten wird sie ihr Leben lang nicht vergessen. Und doch bietet das Leben mit Petja und der Tochter auch viele frohe Zeiten.


Als sie 1958 einen Brief erhält, in dem man ihren Vater rückwirkend rehabilitiert, ist es wie ein Traum für sie. Manche Hindernisse sind damit aus dem Weg geräumt und sie erhält rückwirkend ihre Medaille für die Verteidigung Leningrads. Dass der Vater bereits 11 Tage nach der Festnahme hingerichtet wurde erfährt sie erst nach der Perestroika, nach 1989 aus seiner Akte.

Olga Lawrentjewa hat diese Geschichte illustriert und auch erzählt. In kurzen Episoden als Rahmenhandlung sind die Enkel immer wieder mit der Großmutter unterwegs, während diese erzählt. Hier wird auch der Grundstein gelegt, dass die Geschichte aufgeschrieben wird. Lawrentjewa hat mit dieser Graphic Novel noch viel mehr getan als eine biographische Geschichte zu erzählen. Sie hat sie illustriert und damit interpretiert. Und ihre Bilder sind durchgängig schwarz/weiß, wobei das Schwarze fast immer überwiegt und wie Kohle und/oder Tusche anmutet. Der allermeiste Text wird dabei in Sprechblasen erzählt, mitunter gibt es kurze erklärende Zeilen. Es gibt zwischendurch immer wieder ganzseitige Bilder. Nie wird es allzu kleinteilig. Dabei hat sie einen höchst expressiven Stil, der einen sofort vereinnahmt. Mitunter gibt es eruptive Szenerien, dann wieder eher verwaschene, nebelhafte. Die Gesichter, die Figuren sind genau und ausdrucksvoll. Was besonders in den Szenen, die im Krankenhaus spielen teils sehr grausam, aber ehrlich sich zeigt: Körper, wie Gerippe, Gesichter wie Totenköpfe. Die Illustratorin erschafft eine Welt, die die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges aufzeigt, aber auch über unschuldige Opfer des Stalinistischen Regimes Zeugnis ablegt. Das tut sie in einer Form, die meisterhaft ist, gerade weil sie so persönlich und direkt ist.

Wir wissen längst, wie schwer auch Kriegskinder und Kriegsenkel noch zu tragen haben, wie schwer und wie lange Körper und Seele noch beeinträchtigt sein können. Ich denke, Olga Lawrentjewa hat mit ihrem eindrucksvollen Buch einen Teil dazu beigetragen (und sei er auch noch so klein), diese enormen Belastungen zu verarbeiten. Bald werden nur noch Texte und Bücher, vielleicht Bilder, über diese Zeiten berichten, wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Und dabei sind Erinnerungen und Lebensberichte so wichtige Warnungen und Mahnungen. Wie wichtig, sehen wir aktuell.

Die Graphic Novel erschien im Avant Verlag. Aus dem Russischen übersetzt wurde sie von Ruth Altenhofer. Surwilo ist einer der wenigen Comics, die überhaupt ins Deutsche übertragen wurden. Eine Leseprobe gibt es hier. Auf der Verlagswebsite gibt es auch Infos zur Autorin, die ich im Buch vermisste. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Indiebookday 26. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen … dazu gibt es den Indiebookday!
Hier sind meine diesjährigen Empfehlungen: Dabei sind: Romane, Gedichtbände, Künstlerbücher, eine Graphic Novel, ein Krimi. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Weitere Indiebuch-Tipps aus den letzten Jahren gibt es hier:

Cynthia Häfliger: Fremde Blicke Graphic Novel Kunstanstifter Verlag

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Aus dem Kunstanstifter Verlag habe ich schon so einige schöne Bücher gelesen und bewundert. „Fremde Blicke“ von der 1994 geborenen Schweizerin Cynthia Häfliger führt uns in die Welt einer psychischen Erkrankung. Die Autorin und Illustratorin zeichnet beeindruckend und stimmig eine Welt, die von Realitätsverlust geprägt ist. Ich finde es gut und wichtig, dass sich die Literatur und die Kunst, auch gerade in dieser Form, mit Erkrankungen wie in diesem Fall einer Psychose beschäftigt. Das Thema Psychische Krankheit wird noch viel zu oft unterdrückt und die Betroffenen stigmatisiert. Da der Text sehr knapp gehalten ist, muss man genau schauen und lesen, um die Geschichte verfolgen zu können. Für Menschen, die sich mit der Thematik bereits befasst haben, ist es leichter. Für andere dennoch ein guter Einstieg.

In dieser Graphic Novel gibt es wenig Text, dafür umso tiefer wirkende Bilder. Sie sind immer dann besonders stark, wenn die Not der Hauptfigur am größten ist. Zuerst fällt mir auf, dass nirgends schwarz oder grau verwendet wird, wie es beispielsweise bei Illustrationen von Depressionen oft benutzt wird. Obwohl auch hier dunkle Phasen herrschen, werden sie sehr eigen und sehr stimmig interpretiert.  Sobald es im Verlauf der Geschichte schwieriger wird, werden auch die Farben „härter“, die Stiftspuren deutlich sichtbar. Vorherrschend sind die Farben Blau, Grün, Rot, Gelb in ihren Nuancen, durch Verwässerung oft farblich abgeschwächt bzw. verfeinert. Aus rein persönlichem Künstlerinteresse hätte mich noch interessiert, mit welchem Material die Bilder gemacht wurden, habe aber keine Angaben dazu gefunden. Ich vermute das vor allem Buntstift, Aquarell- und/oder Ölkreide verwendet wurde.

Die Geschichte wird, denke ich, aus Sicht der Schwester des Protagonisten Lars erzählt. Es beginnt mit einer ganz normalen Familie, Vater, Mutter, Tochter und Sohn. Die Kinder sind altersmäßig nicht so weit entfernt und verstehen sich gut. Lars ist wenig auffällig, bis er zum Studium von zuhause aus- und in eine andere Stadt zieht. Beim ersten Besuch zuhause, fällt den Eltern auf, dass Lars sich seltsam verhält und er sich beobachtet oder verfolgt fühlt. Nach kurzer Zeit zieht er deshalb auch wieder zu Hause ein. Doch auch hier geht es weiter, Lars will die Kaffeebohnen nicht für seinen Kaffee, sie könnten vergiftet sein, der Nachbar, der gegenüber Rasen mäht ist plötzlich böse. Wenn die Eltern versuchen zu verstehen und zu intervenieren, rastet Lars immer öfter aus. Die Schwester recherchiert die Symptome und zusammen mit den Eltern wird klar, dass Lars besser zum Arzt gehen müsste, um die Situation zu klären und um professionelle Hilfe zu bekommen. Als Lars das mitbekommt, verschwindet er.

Hier wird auch gut aufgezeigt, was das ganze mit der Familie macht. Alle sind unsicher, besorgt, können sich schlecht auf den Alltag konzentrieren, die Mutter sucht die Schuld bei sich. Lars taucht nach Tagen wieder auf, sieht aber für sich keinen Handlungsbedarf, da für ihn alles Realität ist, was er in seiner Psychose erlebt. Diese Diagnose erhält er schließlich in der Klinik, in die die Eltern ihn notgedrungen bringen. Über den Klinikaufenthalt und die Behandlung erfährt man nichts. Hier stehen auch wieder die Angehörigen im Fokus. Es braucht Wochen, bis Lars wieder den Kontakt nach draußen sucht und zuhause anruft. Beim ersten Besuch versucht er den Eltern und der Schwester zu vermitteln, was in ihm vorging. Doch das bleibt schwierig. Denn das ganze Ausmaß ist vermutlich nur zu verstehen, wenn man selbst in der Situation ist. Dennoch kommt die Familie wieder in einen stabileren Rhythmus, als Lars Wochen später nach Hause entlassen wird. Es bleibt schwierig, aber nicht unmöglich, dieses neue Zusammenleben …

Cynthia Häfliger ergänzt ihr Buch am Ende mit Adressen, bei denen man Hilfe holen kann, wenn man selbst oder als Angehöriger von dieser Krankheit betroffen ist. Das finde ich eine richtig gute Idee. 

Das Buch erschien gerade im Kunstanstifter Verlag. Mehr darüber hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Weitere Bücher aus dem tollen Verlag, die ich hier bereits besprochen habe:

Dobrot/Knausenberger, Chaumeny/Ehninger: Wenn ich Flügel hätte Kunstanstifter Verlag

Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

Lucia Jay von Seldeneck/Florian Weiß: Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen Kunstanstifter Verlag

Harald Kappel: Stereotomie Neue Gedichte Moloko Print

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Harald Kappels Lyrikband „Stereotomie“ ist für mich eine Überraschung. Ab und an ist man sich in der ein oder anderen Literaturzeitschrift mit dem eigenen Gedicht begegnet oder auf Facebook. Letztes Jahr erhielt er dann den alternativen Poesiepreis genannt Nahbell-Preis. Nun wurde ich angelockt von dem Cover-Bild, das mir in seiner Art als selbst Künstlernde sofort gefiel. Ich war gespannt, wie die Gedichte mit den Illustrationen, die von den beiden Künstlerinnen Marta Magdalena Ferenczy-Kappel und Margareta Loscher stammen,  korrespondieren. Und ich finde, sie tun das sehr gut. Ich weiß gar nicht, was mir besser gefällt, die Bilder oder die Gedichte. Allein die Ausstattung des Gedichtbands ist hochwertig. Schönes Papier, auf dem die Collagen, meist sind es Mischformen aus Collage und Malerei, gut zur Geltung kommen. Und auch die Gedichte sind in einer besonderen Schriftart gedruckt. 

Im Abspann erfahre ich, das Harald Kappel Arzt ist, was mir allerdings während des Lesens schon als Frage im Kopf stand. Denn im Wortrepertoire kommen sehr viele medizinische Begriffe vor, die mir teils bekannt, teils unbekannt sind, die aber unbedingt zu den Gedichten passen, die sich schlüssig einfügen. Tatsächlich mag ich die eigensinnigen Kombinationen, die mitunter wilden Paarungen der Verse sehr. Auffällig sind in den meist kurzen Gedichten die vielen Wiederholungen als technisches Mittel der Verdichtung. Oft in Abwandlung begegnen mir die Anfangsverse am Ende erneu(er)t. Oft trifft mich der Schluss der Gedichte sehr plötzlich; habe ich mich noch gar nicht erholt von der Wucht der vorausgegangen Worte. Vieles muss/will ich mehrmals lesen. Auch in verschiedenen Betonungen. 

Nicht alle Gedichte sind mit einem Bild bedacht, das wäre auch zu viel, aber die, die „bebildert“ sind, verstärken sich gegenseitig aufs Wunderbarste. Es werden Motive aufgenommen, manchmal nur einzelne Worte und diese werden mit Phantasie versponnen und stimmig ergänzt. Es bleibt dabei immer auch viel Raum für die eigenen Bilder, die unvermeidlich durch die Verse hervorgerufen werden. Manche Illustrationen erinnern an die Klecksbilder des Rorschach-Tests aus der Psychologie. Durch Faltung und Abklatsch der Farbe entstehen zwei Hälften, die nie gleich, aber ähnlich sind und hier auch unterschiedlich weiterverarbeitet werden. (Zusammenhang mit dem Titel des Gedichtsbands?) Manche der Bilder bleiben abstrakt, die meisten aber werden konkret. Die, die mir am besten gefallen, Gedicht und/oder Illustration habe ich oben eingefügt.

Gleichheit

ich lebe in einem Leib
oben das hastige Hirn
eine weiße Lunge
draußen
meine schönen Kinder
die Bäume und das Obst
dann grillen wir

ich krieche in einem Leib
unten das krustige Gesäß
ein schwarzer Bronchus
draußen
meine billigen Huren
das Öl und die Pest
dann sterben wir

ich glaube an die Mitte
an die teuren Minister
mit goldenen Nasen
draußen
ein roter Teppich und Chanel No.5
dort verteilen sie 
unser Geld
dann unser Glück
gerecht
unter sich“

Manchmal geht es derb zu, manchmal scheint das Licht hell. Immer finden sich Bezüge zum Alltäglichen, zum Geschehen in der Welt, der inneren und der äußeren. Selten habe ich so gut gelungene Gesellschaftskritik in der aktuellen Lyrik gefunden, die so unauffällig wie direkt ist. Auch die Liebe findet ihren jeweiligen, der Situation angemessenen Raum, kommt körperlich und sinnlich, und zum Glück, wie ich finde, ohne Kitsch und Romantik. Der Tod findet Eingang in die Texte, die Düsternis, Obdachlosigkeit, Alkohol, Social Media, Aktien und Fake News, überhaupt die ganze „schöne neue Welt“. Und das ist gut so. Denn im Gedicht kann sie verwandelt oder zumindest benannt werden, beim Schreiben und dann noch einmal beim Leser. Empfehlung!

„Stereotomie“ erschien im Verlag Moloko Print. Danke, Harald Kappel, für das Rezensionsexemplar!


Kunst im Buch 4: Graphic Novels

Ich habe ein Faible für gut gemachte Graphic Novels. Vermutlich weil ich selbst male, mitunter auch zu eigenen Gedichten und weil ich die vielfältigen Möglichkeiten der Umsetzung von Literatur ins Bild faszinierend finde. Auf dem Blog habe ich bisher 11 Graphic Novels vorgestellt. Hier kommt ein Überblick:

Elisa Macellari: Kusama
Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort
Die beiden Illustratoren Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko haben die Lebensgeschichte von Rose Ausländer ins Bild gesetzt. Die einzelnen Episoden werden dicht an dicht in Szene gesetzt. Das Farbspektrum bewegt sich angeführt von kräftigem Rot in Grün/Schwarz/Hellblau/Weiß. Einzelne Titel der jeweils zu dieser Zeit erschienenen Lyrikbände tauchen auf, ebenso wie kurze Zitate aus Gedichten. Die Texte zu Roses Leben sind anfangs sehr einfach gehalten und wachsen mit der Zeit. Die Frage nach den Beweggründen und den Motiven von Rose Ausländers Schreiben wird gestellt. Auch ihre Heimatstadt und die Bukowina sind immer wieder Themen in Gedichten. Rose Ausländers Werk umfasst die beeindruckende Zahl von 2500 Gedichten. Sowohl Werk als auch diese kunstvoll gelungene Graphic Novel empfehle ich sehr.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/15/oksana-matiychuk-rose-auslanders-leben-im-wort-graphic-novel-danubebooks/

Ambra Durante: Black Box Blues
„Black Box Blues“ von Ambra Durante ist eine Art Graphic Novel. Die Zeichnungen sind comicartig, durchgehend in schwarz/weiß gehalten und oft sehr ausdrucksstark. Schon aus dem Titel heraus kann man ahnen, dass es hier um Depressionen geht. Doch nicht nur das. Der 19-jährigen jungen Frau, die ihre jugendliche Heldin sich selbst und ihr Leben zeichnen lässt, die diversen Abstürze und Dunkelheiten, aber auch das Licht zeigt, das ab und an durchscheint, geht es auch darum, wie schwierig es heute ist erwachsen zu werden. Licht bringt da das Zeichnen. So kann der schwarze Block, der scheinbar immer da ist, zumindest ab und an verkleinert werden.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/10/06/ambra-durante-black-box-blues-wallstein-verlag/

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Thomas Bernhard/Lukas Kummer: Der Keller
Als ich kürzlich entdeckte, dass es die Autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard auch als Graphic Novel gibt, war ich sehr gespannt. Nun habe ich „Der Keller“ in der Hand und freue mich über die gelungenen Zeichnungen von Lukas Kummer. In aller Deutlichkeit und im typischen Bernhard-Stil mit seinen langen Satzschlangen und Wiederholungen gelingt es ihm die Atmosphäre dieser Lokalität, der Ausbildungsstelle Bernhards, darzustellen. Auch die Bilder von Lukas Kummer greifen die vielen Bernhard`schen Wiederholungen auf. Mitunter gibt es auf einer Seite vielfach das gleiche Motiv oder es taucht Seiten später wieder auf. Alles ist sehr einfach dargestellt, schwarz-weiß ohne Schnörkel und das passt schon gut zum Bernhard`schen Sprachkosmos.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/26/thomas-bernhard-lukas-kummer-der-keller-graphic-novel-residenz-verlag/

Hans Fallada/Jakob Hinrichs: Der Trinker
Hinrichs hat Roman und Autobiografisches vermischt, vermutlich lässt sich dies auch kaum trennen. Der Text ist überwiegend wörtlich aus dem Roman übernommen, die Textauswahl geschickt zu den Bildern kombiniert. Auch hat Hinrichs das Buch so gestaltet, dass Inhalt und Illustrationen einen deutlich erkennbaren Bezug zur heutigen Zeit haben. Seine Bilder erinnern an Holzschnitte des Expressionismus. Die Farben sind kraftvoll und auf einige wenige reduziert. Mich fasziniert die immense Wirkkraft der Bilder, die eindrücklich den Text verstärken und die Essenz aus dem Roman gekonnt herausfiltern. Ein Kunstwerk, das anregt, sich mehr mit Falladas Werken auseinanderzusetzen.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/11/05/hans-fallada-der-trinker-graphic-novel-von-jakob-hinrichs-metrolit-verlag-2/
(Die Ausgabe ist nach der Schließung des Metrolit Verlags nun beim Aufbau Verlag lieferbar)

Knut Hamsun/Martin Ernstsen: Hunger
Knut Hamsuns „Hunger“ ist ein Klassiker, eines der bekanntesten Romane Norwegens. Der norwegische Illustrator Martin Ernstsen hat aus dem Roman eine ausdrucksstarke Graphic Novel gemacht, die ich, ebenso wie den Roman selbst, sehr empfehle. Als Grundfarbe hat Ernstsen schwarz gewählt, was auch sehr stimmig zum düsteren Inhalt passt. Die inneren Zustände des getriebenen Protagonisten werden im Bild sehr deutlich und beleben die eigene Phantasie. Auch das, was den Roman ausmacht, was damals 1890 bei Erscheinen neu war, der stete Bewusstseinsfluß, die durchdringende Psychologie, zeigt sich in den Illustrationen durch daumenkinoähnliche Sequenzen.
Meine Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/10/28/knut-hamsun-martin-ernstsen-hunger-avant-verlag/

George Orwell/Fido Nesti: 1984
Wenig optimistisch ist der Roman zu lesen und auch diese Graphic Novel von Fido Nesti. Seine Bilder zum für diese Ausgabe angepassten Text sind eindrücklich, düster und teils drastisch. Die Farbpalette geht von Rot bis Schwarz in ihren jeweiligen Abstufungen. Der Band ist DIN A4 groß und der Buchblock in einen stabilen Karton eingebunden. Teilweise klassisch comicartig mit Sprechblasen zu den Dialogen, teilweise mit beschrifteten Einzelbildern. Manche Bilder sind ganzseitig groß und wirken entsprechend gruselig. Zwischendurch gibt es einzelne Kapitel ausschließlich mit Text. Im letzten dritten Teil geht es in den Bildern sehr schlimm zu, wie ich finde, die Gefängnis- und Folterszenen haben es in sich und sind schwierig für Zartbeseitete. Nesti zeichnet das zwar brillant und sehr vielschichtig in unterschiedlichsten Dimensionen, aber eben auch drastisch.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/30/george-orwell-fido-nesti-1984-graphic-novel-ullstein-verlag/

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Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens
Barbara Yelin, die einfühlsame Zeichnerin dieses Buches, ist als Comic-Autorin keine Unbekannte. Sie hat sie sich längst unter die besten Illustrator*innen gezeichnet und wurde mit Preisen gekürt. In „Der Sommer ihres Lebens“ arbeitet sie erstmals mit dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker zusammen. In 15 Episoden kann gelesen und betrachtet werden, was denn ein Leben ausmacht. In diesem ganz speziellen Fall ist es das Leben von Gerda Wendt, geboren in den 50er Jahren, die aus ihrem Platz im Altenheim heraus in die Vergangenheit zurückdenkt. An die großen und kleinen wichtigen Momente und manchmal auch an das „Was wäre gewesen, wenn …?“ Und wie gelungen ist es Yelin eben diese Rückblicke, die ja im Erinnern auch als Bilder aufscheinen, als gemalte Geschichte aufs Papier zu bringen! Die Zeichnerin übersetzt das Entsinnte aus dem Kopf von Gerda über den Weg der Farbe und Form in unsere Köpfe hinein.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/05/07/barbara-yelin-thomas-von-steinaecker-der-sommer-ihres-lebens-reprodukt/

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit
Fast genau sieben Jahre sind vergangen, seit in Paris auf das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein grausamer Anschlag verübt wurde. Catherine Meurisse, die an jenem Morgen auch an der Teamsitzung hatte teilnehmen wollen, war zu spät dran. Deshalb hat sie überlebt. Die meisten ihrer langjährigen Kollegen und Freunde in der Redaktion wurden getötet. Wie erschütternd das für Meurisse war und wie sie wieder annähernd in einen „Normalzustand“ zurück fand, schildert sie nun in ihren Zeichnungen. Ihre Zeichnungen sind eindeutig und dennoch vielschichtig, die Figuren großartig charakterisiert, jeder Gefühlszustand ist sichtbar. So entstand die berührende Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig die künstlerische Freiheit ist, heute mehr denn je. Es ist ein Buch, das mir sehr nahe geht.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/16/catherine-meurisse-die-leichtigkeit-graphic-novel-carlsen-verlag/

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge
Äußerlich scheint Martin Panchauds Graphic Novel zunächst unspektakulär, zeigt jedoch sofort, auf was die Leserin sich hier einstellen muss. Panchaud erzählt seine Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive. Die farbigen Punkte auf dem Umschlag stehen und bewegen sich stellvertretend für die Protagonisten der ungewöhnlichen Geschichte. Es ist unglaublich, wie extrem gut das funktioniert. Nach einer kleinen Gewöhnungsphase beginnt man diese Art der Darstellung zu lieben. Die Leserin selbst hat hier die Möglichkeit sich mit der eigenen Phantasie den/die Helden „auszumalen“. Diese reduzierte Art wechselt sich ab mit konkreten Bildern, so dass es genügend Abwechslung und genug Raum für die Vorstellungskraft gibt. Sowohl die Idee der außergewöhnlichen bildlichen Umsetzung dieser Story, als auch die Story selbst zeugen von enormem Einfallsreichtum und zeichnerischem Können.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/31/martin-panchaud-die-farbe-der-dinge-graphic-novel-edition-moderne/

Andrea Wulf/Lilian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt
In der Art einer Graphic Novel haben Andrea Wulf und die Illustratorin Lilian Melcher dieses ungewöhnliche Buch gestaltet. Es geht um die amerikanischen Reisen Alexander von Humboldts (1769 – 1859) und zwar nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern erzählerisch und von zauberhaften Illustrationen begleitet. Text und Bild finden hier stimmig zueinander, fließen ineinander und befruchten sich gegenseitig. Bilder, oft collagenhaft, teils skizzenhaft mit Bleistift oder Filzstift gezeichnet, teils mit Sprechblasen wie im Comic und teilweise im Erzählstil weisen auf die wichtigsten Ereignisse der Humboldt`schen Reise hin und sind oft wunderbar detailverliebt. Die Seiten sind meist komplett mit Fotocollagen, Zeichnungen oder Kopien der handschriftlichen Aufzeichnungen Humboldts unterlegt, darüber dann die Sprechblasen einzelner Dialoge oder der Text der Erzählerstimme.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/12/12/andrea-wulf-lilian-melcher-die-abenteuer-des-alexander-von-humboldt-graphic-novel-c-bertelsmann-verlag/

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Viel Vergnügen beim Entdecken!

Titelfoto: Wikimedia Commons

Meine Liebsten im Jahr 2021 – Teil 1: Roman, Debüt, Erzählung, Buchkunst, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick: Es war ein gutes Lesejahr, immerhin …
Mit Überraschungen, wie beispielsweise gleich drei starken Debüts aus dem hohen Norden. Mit wunderbaren Hörbuchstimmen. Und zauberhafter Lyrik. Mit faszinierenden Romanen aus aller Welt und einer deutschen Buchpreisträgerin. Aus unabhängigen und Publikumsverlagen. Von Autoren und Autorinnen, wobei in diesem Jahr die weiblichen Stimmen stark überwiegen, ohne dass ich es bewusst so gewählt hätte.
Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights in der Literatur: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag. Teil 2 mit liebsten Lyrikbänden folgt. Viel Freude beim Entdecken!

Romane:

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Romandebüts:

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Erzählungen & Buchkunst:

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Dobrot/Knausenberger, Chaumeny/Ehninger: Wenn ich Flügel hätte Kunstanstifter Verlag

20210930_1435327649635139788335772.jpgIm Kunstanstifter Verlag habe ich schon einige Buchschönheiten entdeckt. Dieser Band hat mich als Lyrikerin und Malerin besonders angesprochen, da er Lyrik und Kurzprosa in Verbindung mit Collagen enthält. Eine unglaublich vielseitige Technik, mit der ich auch länger gearbeitet habe. Im Band „Wenn ich Flügel hätte“ geht es um Freiheit im Allgemeinen und im Besonderen. Über dieses Thema verständigen sich im künstlerischen Dialog Nina Dobrot und Sarah Knausenberger mit Texten und Corinna Chaumeny und Elke Ehninger mit Collagen. Daraus entstanden ist eine reiche Sammlung von Gedanken und Eindrücken, die sich durch den gegenseitigen Austausch vervielfältigen. Die 4 Künstlerinnen haben ein Jahr lang im Austausch von Text und Collage hin und her assoziiert und fanden das enorm bereichernd. Wer es gerne ordentlich und übersichtlich hat, ist hier vermutlich leicht überfordert, denn die Bilder und Texte verschlingen einander und sogar das Inhaltsverzeichnis und das Impressum sind durch unterschiedliche Handschriften abwechselnd mit Schreibmaschinenzeilen höchst kreativ verzahnt.

Für mich ist das genau das Richtige, denn ich lasse mich gerne einfach hineinfallen ins kreative Chaos und mich einfach inspirieren wohin mein Blick gerade fällt. Da ich meine ganz eigene Vorstellung von Freiheit habe, war es auch ein abgleichen. Und natürlich ein Erkenntnisgewinn. Und in der Tat scheint das Ergebnis bei mir ganz ähnlich auszufallen: Freiheit findet sich vielleicht genau da: im künstlerischen Ausdruck und im eigenen Tun, in der Entfaltung des ganzen Potenzials. Und das alles mit Freude, in tiefer Versunkenheit, in Verbindung mit dem großen Ganzen.

„Der Morgen fühlt sich schal an,
hinter den Augen laufen Tränen ins Herz
und die Farben schmecken bis zum Mittag anders.“

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, die vielleicht einem Lebenslauf entsprechen: Nest, Abflug, Turbulenzen und Landung. Alle vier Begriffe können für jeden einzelnen die verschiedensten Bedeutungen haben und so ist es auch bei den Künstlerinnen. Ich fühle mich darin sehr verstanden.

Im ersten Kapitel finden wir Texte und Bilder von den Startbedingungen; dazu gehören natürlich Familie und das Nest, in dem man flügge werden kann. Je nach Startbedingungen (hier kommen sehr kreativ Biographiearbeit und die Probleme der Kriegskinder/Enkel-Generation zum Tragen) gelingt der erste Flug …

„Der Preis für die Freiheit und das Fliegen:
Sehnsucht.
Sie kommt ihm Schlaf und an Weihnachten,
wenn alle zu ihren Familien fahren“

Das Kapitel Turbulenzen steht mir am nächsten. Hier liegen jede Menge Steine im Weg der Startbahn. Hier verhindern so manche Menschen den pünktlichen Abflug. Sogar Abstürze sind nicht die Ausnahme. Entscheidungen stehen an. Erinnerungen brechen in die Gegenwart ein. Mal dunkel, mal heller.  Bei der Landung gibt es dann aber auch Helfershelfer. Werkzeuge, die man nutzt, weil man sich deren Wirkung jahrelang antrainiert hat und Menschen, die Flugobjekte mögen und auch unkonventionelle Flugbahnen unterstützen. Und natürlich das kreative Tun, das Schreiben, Zeichnen, Malen und Kleben. Das Aufgehen im Werk, gesehen oder ungesehen.

„Eine Bekannte meinte kürzlich neidisch zu mir, nachdem sie sich darüber beklagt hatte, keine wirkliche Leidenschaft im Leben zu haben: „Na ja, du hast ja das Schreiben!“
Wenn die wüsste. Das Schreiben hat man nicht, nie, es muss immer geholt werden, und zwar aus dem Nichts.“

Ich erhalte aus diesem Band auch schöne Anregungen für die eigene künstlerische Arbeit. Er enthält sehr starke mutige Gedanken, aufrichtige Bekenntnisse, Verse aus Licht, verrücktes Geklebtes, zartes Gezeichnetes und Ansporn fürs So-Sein. In meinen Augen ist es ein Buch von Frauen für Frauen. Ein Trostbuch und ein Buch, das sagt: Du bist nicht allein.
Ich empfehle dieses feine Werk nachhaltig und denke, es ist auch perfekt geeignet als Weihnachts- oder Neujahrs- oder Geburtstagsgeschenk.

Der Band ist beinahe DIN A4 groß, gedruckt auf feinstem Papier, fadengeheftet mit Lesebändchen und der Buchrücken ist Leinengebunden. Er erschien im Kunstanstifter Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kunst im Buch 3: Sachbücher – Biographien – Briefe – Filme über Kunst und Künstler

Originale von Hilma af Klint, zur Zeit in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Als selbst Malende und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Bücher oder Filme über Kunst und Künstler*innen. Eine kleine Auswahl meiner bisherigen Highlights habe ich hier zusammengestellt. Es ist mittlerweile der 3. Beitrag zu diesem Thema. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog gehts direkt über den link. Zu Teil 1 hier, zu Teil 2 hier.

Sachbuch – Biographie

Julia Voss: Hilma af Klint >Die Menschheit in Erstaunen versetzen<

Mich hat die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Barbara Beuys: Helene Schjerfbeck Die Malerin aus Finnland

In Skandinavien betrachtet man die Finnin Helene Schjerfbeck (1862-1946) als eine der bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Hierzulande ist sie trotz der großen Ausstellung 2014 in Frankfurt am Main noch nicht so bekannt. Barbara Beuys, die bereits viele Biographien veröffentlichte erzählt sachlich und dennoch kurzweilig über Schjerfbecks Leben und Arbeiten. Die Familie stammte ursprünglich aus Schweden. Helene durfte aufgrund ihres künstlerischen Talents auf die Zeichenschule. Nach ersten Erfolgen geht sie auf Studienreise unter anderem nach Paris, in die Bretagne, nach England. Ab 1890 lebt sie in Helsinki und kämpft um ihr Ansehen als Künstlerin. Ihr Leben ist auch immer wieder von Krankheiten überschattet. Schließlich zieht sie in einen kleineren Ort und verändert ihre Malweise stark. Als ein Kunsthändler sie entdeckt, beginnen sich die materiellen Verhältnisse zu bessern. Sie hinterlässt nach ihrem Tod über 1000 Gemälde, vor allem ihre Porträts stechen hervor. Im Buch gibt es ergänzend zwei Bildteile. Hier gibt es noch keine ausführliche Besprechung, aber auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“.

Annet Mooji: Das Jahrhundert der Gisèle – Gisèle van Waterschoot van den Gracht

Gisèle van Waterschoot van den Gracht (1912 – 2013), Tochter eines Niederländers und einer Österreicherin, studierte in Paris Kupferstich und Radierung, lebte mit den Eltern kurz in den USA. 1941 bezieht sie ein Haus in der Herengracht in Amsterdam. Nachdem sie deutsche Dichter kennenlernte, die hier im Exil lebten, gab sie vielen Zuflucht, darunter Wolfgang Frommel und weiteren jüdischen Freunden in einer Wohnung im eigenen Haus. Selbst in dieser gefährlichen Zeit gab es eine Art Künstlerzirkel, der sich bis über das Kriegsende hinaus erhielt. Es entwickelten sich weitere Kontakte, eine Literaturzeitschrift entstand und ein Verlag: Castrum Peregrini war eine Art männlicher Dichterclub, wie man ihn von Stefan George her kennt, in diesem Fall nicht ganz unproblematisch. Die Künstlerin, die eine schillernde eigensinnige Persönlichkeit war und Max Beckmann kannte, schuf selbst viele Gemälde, die schwer einzuordnen sind. Sie erinnern mitunter an Picasso, an den Kubismus; viele Porträts und Selbstporträts entstanden. Sie kreierte Wandteppiche und renovierte eine Klosterruine auf der griechischen Insel Paros. Ihr Haus ist bis heute als Gesamtkunstwerk erhalten geblieben. Annet Mooij hat eine informative und dennoch leicht lesbare Biographie über eine ungewöhnliche Frau geschrieben. Mehr darüber auf der Seite der Büchergilde.

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Briefe – Graphic Novel – Bildband

Inés Burdow: Sweetheart, es ist alle Tage Sturm – Lyonel Feininger

Auch zu diesem Buch gibt es keine ausführliche Besprechung, aber eine Empfehlung, wenn man sich für den Künstler Lyonel Feininger (1871-1956) interessiert. Gerade erschien der Briefwechsel zwischen der Künstlerin Julia Berg (1881-1970) und Feininger. Ich erlebte die Autorin und Sprecherin Ines Burdow und den Sprecher Ulrich Lipka bei einer kurzweiligen Lesung aus dem Buch. Die Briefe sind Zeichen einer großen Liebe (beide waren anderweitig verheiratet, als sie sich 1905 begegneten), aber auch biographisch und zeitgeschichtlich interessant. Sie zeigen auch sehr persönlich auf, wie Feininger an seiner Kunst zweifelte, von Julia aber sehr unterstützt wurde (auf Kosten ihrer eigenen Kunst). Von Krieg, Weimarer Republik, über die Entstehung des Bauhauses bis zum Nationalsozialismus, von dem Julia als Jüdin direkt bedroht war, spannt sich der literarische Bogen. Das Paar verlies das Land 1937 Richtung New York. Ein einmaliges Werk, welches auch bisher unveröffentlichte Briefe enthält und durchaus als besondere Biographie gelesen werden kann. Siehe auch auf der Seite des Kanon Verlags.

Elisa Maccelari: Kusama – Yayoi Kusama Graphic Novel

Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

I love Women in Art Hrsg. Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy

Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen an den Kunstakademien studieren – das war der Anlass für die beiden Künstlerinnen Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy ein Buchprojekt zu starten, was ich mehr als hervorragend finde. Damit wollen die beiden auf die immer noch andauernde Unterpräsentation von Künstlerinnen im Kunstbetrieb aufmerksam machen. Großformatig auf bestem Papier gedruckt, lese ich von Künstlerinnen, die ich noch nicht kannte, entdecke Neues, was mich selbst für meine Kunst inspiriert oder begegne Kunstfrauen, deren Werk ich bereits kenne und liebe. Ein schöner Kunstbildband von Künstlerinnen mit Künstlerinnen. Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/03/08/i-love-women-in-art-hrsg-janine-mackenrodt-bianca-kennedy/

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DVDs

Film Jenseits des Sichtbaren von Halina Dyrschka

Mit Hilma af Klint habe ich mich sehr eingängig beschäftigt. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zur Biographie von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Der Film lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen, Verwandte von Hilma, Kuratoren, Kunsthistoriker und eben auch Julia Voss.
Mein Beitrag zum Buch: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Film Seraphine von Martin Provost

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/19/film-kunst-film-seraphine-dvd-film-von-martin-provost-2010/

Film Final Portrait von Stanley Tucci

Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Alberto Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler. Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/15/film-kunst-film-final-portait-von-stanley-tucci-dvd-2017/

Film Werk ohne Autor von Florian von Donnersmarck

Der Film „Werk ohne Autor“ wartet mit immerhin über drei Stunden Laufzeit auf. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/11/05/film-kunst-film-werk-ohne-autor-von-florian-henckel-von-donnersmarck-2018/

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Viel Vergnügen beim literarischen/filmischen Kunstentdecken!


Lyrisch-künstlerisches Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute in etwas anderer Form:

Mein Augenmerk gilt heute dem neuen Lyrik- und Kunstband von Marlies Blauth. Die 1957 in Dortmund geborene, in Meerbusch lebende Künstlerin hat nun bereits ihr drittes Buch herausgegeben. Ihre „Bilder aus Kohlenstaub“ sind wunderbar atmosphärische schwarz/weiß-Gemälde, die hauptsächlich aus dem typischen Stoff der Gegend aus dem die Künstlerin stammt gestaltet sind, aus dem Ruhrgebiet. Sowohl Bilder, als auch die dazugehörigen Gedichte durchdringen die Tiefe des jeweiligen Materials und wirken doch oft schwebend. Kohle und Worte fallen aufs Weiß und fließen in ihre ganz eigene Form.
Der Band ist DIN A4 groß, und auf wertigem Papier gedruckt wirkt er wie ein kostbarer Ausstellungskatalog. Erschienen ist er im Athena Verlag. Mehr dazu auf der ohnehin sehenswerten Website der Künstlerin: https://kunst-marlies-blauth.blogspot.com/2021/09/mein-drittes-buch-ist-erschienen.html