Frankfurter Buchmesse 2018 Ehrengast Georgien

63984_Georgien-2l-h62998_FBM Logo 2018 Ehrengast Deutsch CMYK Pantone EPS (4)

Wie in jedem Jahr hat die Frankfurter Buchmesse einen Ehrengast eingeladen. Diesmal ist es Georgien. Viele Verlage bringen deshalb extra Bücher aus Georgien heraus, teils Neuauflagen und Neuübersetzungen. Bereits eine ganze Weile vorab habe ich mich hin und wieder mit einem Buch aus Georgien beschäftigt. Was mir immer wieder auffiel, war eine ganz eigene Art von Humor. Hier meine kleine Auswahl:

Aus dem Verbrecher Verlag kommt eine außergewöhnliche Novelle, die von der Kraft der Fantasie erzählt, auch und gerade in schwierigen Zeiten: Naira Gelaschwilis Band „Ich fahre nach Madrid“ hat mir sehr gefallen. Die Übersetzung stammt von Lia Wittek und Mariam Baramidse. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es hier. Außerdem findet man im diesem Verlag auch die Bücher von Giwi Margwelaschwili, einer Ikone der georgischen Literatur. „Das Leseleben“ etwa, ist nicht nur inhaltlich „buchstäblich“ ein Leser/in-Vergnügen, sondern auch außergewöhnlich gestaltet: Jedes Buch der 1500 Exemplare zählenden Auflage ist ein Unikat im feinen Leineneinband.

Nicht umhin kam die geneigte Leserin, den ganz wunderbaren knapp 1000-seitigen Roman „Das achte Leben – Für Brilka“ zu lesen, der bereits vor einigen Jahren in der Frankfurter Verlagsanstalt erschien. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es hier. In diesem Herbst nun erschien das neue Buch von Nino Haratischwili „Die Katze und der General“. Dazu folgt nach Beendigung der Lektüre eine ausführliche Besprechung. Die Autorin und Dramaturgin lebt und arbeitet mittlerweile in Hamburg und schreibt in Deutsch.

 

Auch Zaza Burchuladze lebt inzwischen in Berlin, nachdem er in seiner Heimatstadt Tbilissi tätlich angegriffen und öffentlich angefeindet wurde, weil seine Literatur nicht der Norm entspricht. Er hat sein literarisches Zuhause im Berliner Blumenbar Verlag gefunden. Im Juni sprach er im Rahmen des Europäischen Autorengipfel in Berlin auf dem Blauen Sofa (rechts) über seine Bücher und sein Verhältnis zu Georgien. In seinem aktuellen Roman „Der aufblasbare Engel“ spukt der Meister der Esoterik Georges Gurdjieff durch die leicht verrückte Geschichte. Der Roman wurde von Maia Tabukashvili übersetzt. Hier der Romananfang:

„Viele glauben nicht an Geister. Selbst dann nicht, wenn sie sie beschwören. Auch die Gorosias glaubten nicht daran, dass Georges Gurdjieffs Geist wirklich erscheinen würde. Nino und Niko Gorosia hatten also keine großen Erwartungen.“

 

Gleich zwei Titel aus dem Weidle Verlag habe ich hier vor mir liegen. Es geht um Zurab Karumidzes „Dagny oder Ein Fest der Liebe“ und um Aka Morchiladzes „Der Filmvorführer“. So kompliziert und sprachlich wie inhaltlich anspruchsvoll Karumidzes Roman ist, so schlicht liest sich zunächst Morchiladzes nur 130 Seiten lange Geschichte. Gerade in seiner Einfachheit mag ich dieses Buch sehr. Hier wird erzählt, wie in Georgien üblicherweise eine Hochzeit zustande kommt oder was gemeint ist, wenn Georgier von „Diebe im Gesetz“ sprechen. Viel Weisheit und Witz findet sich zwischen den Zeilen, womöglich dem Mund des „Tartaren“, des alten Filmvorführers, entsprungen, der in Wirklichkeit ein verbannter Khan ist. Er ist der beste Freund von Hauptfigur Beso, dem er schon einmal das Leben rettete. Eine ausführliche Besprechung folgt. Übersetzt hat das Buch Iunona Guruli.

„Islam Sultanow erzählte mir alles – von Dingen, die mich zwangen, darüber nachzudenken, wie ich so alt geworden war, ohne eine Ahnung davon zu haben. Er erzählte mir, wie er als Kind, in einem Sack versteckt, von den Verbündeten seines Vaters, die sich als Hirten verkleidet hatten, aus dem Land geschleust wurde, …“

Karumidzes Roman ist ein wildes Verwirrspiel um göttliche und irdische Liebe und es fließt viel Alkohol. Interessanterweise taucht auch hier wieder Meister Gurdjieff auf, außerdem die norwegische Dichterin Dagny Juel und es geht um den mittelalterlichen Versepos Georgiens „Der Recke im Tigerfell“ von Rustaweli (den es auch in einer Neuauflage gibt).

„Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Postion in Kunst und Leben suchten. Sie war die Königin all der Bohémiens, die Ende des 19. Jahrhunderts in das Berliner Lokal Zum schwarzen Ferkel strömten.“

Der Weidle Verlag ist schon länger um die georgische Literatur bemüht und überzeugt zudem mit feiner Ausstattung und Gestaltung in Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter Friedrich Forssman.

Aus dem Schweizer Rotpunkt Verlag erschien in der Reihe Edition Blau der Roman „Du bist in einer Luft mit mir“. Die inzwischen in Italien lebende und Italienisch schreibende Georgierin Ruska Jorjoliani hat einen Roman über eine lange Freundschaft geschrieben. Dimitri und Viktor kennen sich schon seit Kindertagen. Ihre Freundschaft wird allerdings auf die Probe gestellt, als einer sich mit einer ungewöhnlichen Tat gegen den Staat auflehnt. Übersetzt wurde das Buch von Barbara Sauser.

„Unter Lenins Porträt, das zwischen seinen beiden Lieblingsschriftstellern hing, Turgenjew und Tschechow, blieb er stehen: Lenin wirkte fast wie ein Kind, verloren zwischen den beiden bärtigen alten Männern. Dimitri ergriff den erstbesten Stuhl, zog ihn an die Wand, stellte sich darauf und nahm das Porträt vom Nagel …“

Der kleine Verlag Edition Fototapeta hat in seinem entdeckenswerten Programm (ich sag nur Moishe Kulbak) meist Titel aus dem osteuropäischen Raum. Zur Buchmesse erschien nun ein Band mit Erzählungen Die Erfindung des Ostens. Irma Tavelidse zeigt in ihren Geschichten das Alltägliche, das in kleinen Momenten ins Überraschende dreht. Übersetzt wurde auch dies Buch von Iunona Guruli, die auch selbst Romane schreibt.

 

Und zum Schluß: Lyrik und eine Art georgischer „Klassiker“:

Wunderbare Lyrik findet man immer wieder im Verlag Das Wunderhorn. Die 1974 geborene Georgierin Bela Chekurishvili schreibt Gedichte, die oft biografisch anmuten, vielleicht sogar stellvertretend für eine bestimmte Lebensart in Georgien sind. Sie sind sehr rhythmisch, fast liedhaft, vielfach in Reimform.

„Ich bin ein Wind und rede über alles,
was zum Wind gehört, das Windesübliche,
namentlich Einsamkeit, Wege und Stimmen. „

Außer „Wir, die Apfelbäume“ erschien soeben ganz neu „Barfuß“, in dem sie unter anderem ihren Ortswechsel nach Deutschland verdichtet. Übersetzt hat die Bände der Lyriker Norbert Hummelt nach Interlinearübersetzungen von Tengiz Khachapuridse und Lika Kevlishvili. Erschienen sind beide im Schöffling Verlag. Von Norbert Hummelt gibt es auch beim Deutschlandfunk Kultur einen ausführlichen Beitrag über georgische Lyrik: https://www.deutschlandfunkkultur.de/lyrik-aus-georgien-fortgegangen-bin-ich-ohne-rueckfahrkarte.976.de.html?dram:article_id=426924

1937 erschien zum ersten Mal der Roman „Ali und Nino“.  Unter dem Pseudonym Kurban Said schrieb Elfriede von Ehrenfels zusammen mit Lev Nussimbaum. Lange verschollen, wurde das Buch in den 70er Jahren wiederentdeckt. Es geht darin um alles was auch heute noch brisant ist. Um das Zusammenleben verschiedener Religionen und Völker und die Hoffnung, dass es möglich sein wird miteinander in Frieden zu leben. Die Geschichte spielt in der kaukasischen Stadt Baku und erzählt von Ali und Nino, die sich seit Schulzeiten kennen und sich später verlieben. Ihre Herkunft spielt dabei eine Rolle. Ali ist Muslim und die Georgierin Nino Christin. So ist die Frage, ob sie zusammen kommen …

„Ali Khan, du bist dumm. Gottlob sind wir in Europa. Wären wir in Asien, so wäre ich schon längst verschleiert, und du könntest mich nicht sehen.“

Auch damals gab es bereits die Frage, ob Georgien nun zu Europa gehöre oder zu Asien. Das Nachwort von Nino Haratischwili in der Ausgabe des Ullstein Verlags gibt da Aufschluß.

Das war meine kleine Auswahl. Eine ausführliche sehr informative Übersicht der zur Buchmesse neu erschienenen georgischen Literatur gibt es hier:
http://georgia-characters.com/getmedia/7880c4fe-e35f-4fb2-8c8b-b83f67dab665/neuerscheinengun-PDF.pdf.aspx?ext=.pdf

Einen interessanten Beitrag kann man auf 3sat in der Mediathek sehen: Georgien lesen
http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=75996

Werbeanzeigen

Frankfurter Buchmesse 2017: Ehrengast Frankreich

DSCN2272

Mit Frankreich ist diesmal wieder ein direktes Nachbarland Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Wie ich erfreut feststelle, habe ich bisher schon recht oft literarisch hinüber gelesen. Hier ein kleiner Überblick:

AchterbahnEinen zweisprachigen Lyrikband bringt der Wallstein Verlag in Zusammenarbeit mit Le Castor Astral heraus. Es trafen sich vier französische und vier deutsche Dichter, um gegenseitig im Miteinander ihre Gedichte zu übersetzen – hier findet man zeitgenössische französische Lyrik. Mit dabei unter anderem: Marion Poschmann und Monika Rinck.

Folgende Bücher sind jeweils verlinkt – man gelangt direkt zu meiner Besprechung:

Raymond Queneau: Stilübungen Suhrkamp Verlag 2016
Ein köstliches Spiel mit Sprache von einem der Oulipo-Dichter über eine Busfahrt

Claude Simon: Das Pferd Berenberg Verlag 2017 
Ein sprachliches Meisterwerk: die Grausamkeit des Krieges auf wenigen Seiten

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag 2017
Ein Künstlerroman, der Vincent van Goghs Zerrissenheit in den Mittelpunkt stellt

Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag 2017 
Ein Haus in Paris als Familienhöhle und als Versteck für einen jüdischen Arzt

Valentine Goby: Kinderzimmer Ebersbach & Simon 2017 
Erschütterndes Zeitdokument einer Französin aus dem Frauenlager Ravensbrück

François Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag 2016 
Eine französische Buchhandlung in Berlin und die Flucht vor den Nationalsozialisten

Silvie Schenk: Schnell, dein Leben Hanser Verlag 2016 
Starkes autobiografisches Frauenporträt einer Französin im Nachkriegsdeutschland

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secesssion Verlag 2017
Sprachlich unglaublich dicht: Geschichte eines jungen Mannes auf der Sinn-Suche

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag 2017 
Aktuelles, gut konstruiertes Porträt der französischen Gesellschaft

Leila Slimani: Dann schlaf auch du Luchterhand Verlag 2017
Eine Art Psychothriller, der auch als Gesellschaftskritik durchgehen kann

Véronique Bizot: Menschenseele Steidl Verlag 2016 
Eine sprachlich überzeugende Entdeckung, eine ungewöhnliche eigenartige Geschichte

Saphia Azzeddine: Bilqiss Wagenbach Verlag 2016 
Die mutige junge Bilqiss in ihrem klugen Kampf gegen die Religionspolizei

Julia Deck: Winterdreieck Wagenbach Verlag 2016
Schräger Roman um eine skurrile Protagonistin im Widerstand gegen sich und die Welt

Brigitte Giraud: Einen Körper haben S. Fischer Verlag 2016
Roman, der sich durch Körperlichkeit dem Inneren einer trauernden Frau annähert

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte Dumont Verlag 2016 
Eine Frau mit Schreibblockade erhält (scheinbar) Hilfe von einer mysteriösen Fremden

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen Edition Nautilus 2015 
Eine Emigrantin steht als Dolmetscherin zwischen Herkunft und neuem Land und scheitert an dieser Aufgabe

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus 2016 
Eine Frau kehrt zum Begräbnis des Vaters in ihr Herkunftsland Indien zurück und erinnert sich

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus 2017
Drei Frauen zwischen Tradition und Moderne, zwischen Fremdheit und Ankommen

Aya Cissoko: Ma Wunderhorn Verlag 2017
Geschichte einer jungen Emigrantin aus Mali zwischen Tradition und Moderne

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag 2016 
Ein kleines Kunstwerk über eine brennende Liebe anhand des Malers Nicolas de Stael

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit Carlsen Verlag 2017
Das Wieder-in-die-Welt-finden einer Illustratorin nach dem Attentat bei Charlie Hebdo

Was mir auffällt, wenn ich die Titel so durchgehe: Es sind vor allem Autorinnen. Offenbar haben in Frankreich die schreibenden Frauen das Heft in der Hand, was mich wiederum sehr für sie einnimmt. Unschwer zu erkennen ist, dass Shumona Sinha meine Favoritin ist. Ich habe sie kürzlich in einer Lesung des Literaturfestivals erlebt und finde ihre starke kritische Stimme, die sie mit feiner Sprachpoesie kombiniert, mehr als überzeugend. Leuchtende Leseerlebnisse wünsche ich!