Laura Lichtblau: Schwarzpulver C. H. Beck Verlag

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Dieser Name! Schon wegen des wunderbaren Namens der Autorin musste ich mich für diesen Debütroman interessieren. Auch die Covergestaltung finde ich sehr gelungen. Laura Lichtblau hat mich mit „Schwarzpulver“ dann tatsächlich mit ihrer gekonnten poetischen Sprache begeistert (im wahrsten Sinne des Wortes). Zunächst fand ich die Idee der Story spannend: Schauplatz Berlin, womöglich nicht so viele Jahre in der Zukunft. Eine Dystopie (hoffentlich!), denn man wünscht sich wahrhaftig keine Bürgerwehr, keine Partei wie diese an der Macht und keine solchen Verbote und Verhaltensregeln. Man wünscht sich aber solche Charaktere, wie sie Lichtblau erschafft. Ganz unterschiedlich und auf eigene Weise sensibel und aktiv dagegen.

Die Geschichte hat etwas Verspieltes, Leichtes, trotz der unschönen Realität in der sie sich ereignet. Sie hat von Anfang an ein Geheimnis, das auch im Laufe des Lesens nur durch Andeutungen aufscheint. Lichtblau glänzt mit ihrer Gabe und zählt auf die Fantasie ihrer Leser*innen.

Ihre drei Hauptfiguren agieren gleichwertig, sie lässt sie abwechselnd zu Wort kommen:  Burschi, eine junge Frau, auf dem Land aufgewachsen, die in einer WG wohnt und ein altes Ehepaar betreut. Charlie, ein junger Mann, der ein (natürlich unbezahltes) Praktikum bei einem angesagten rebellischen Musiklabel macht, in der Hoffnung selbst als Talent entdeckt zu werden. In Wirklichkeit ist er Mädchen für alles. Charlie, eigentlich Karl, lebt noch bei seiner Mutter Charlotte (den Vater kennt er nicht), die ihm keine Chance zur Abnabelung lässt. Sie arbeitet als Scharfschützin in der Bürgerwehr. Hier wird man zum ersten Mal stutzig, denn die Autorin beginnt sehr langsam aber stetig die neuen Errungenschaften der Politik in die Geschichte einfließen zu lassen.

„Die Konditionen dieses Schießcamps überzeugen mich einfach, hatte sie Tante Liese und Onkel Gabriel erklärt, Es gibt zwanzig verschiedene Waffen zur Auswahl, die Proteinshakes sind auch inklusive.“

Eigentlich steht Charlotte gar nicht hinter ihrem neuen Job, ist eigentlich eher eine Alternative, die vorher einen Töpferladen hatte und an die Alt-68er erinnert.

Die Autorin hat eine absolut sichere Hand, ihre Held*innen liebenswert schrullig darzustellen. Mit wenigen Worten lässt sie sofort ein Bild entstehen. Überhaupt hat sie einen genialen erfrischenden trockenen Humor, der das ganze Buch durchzieht und gleichzeitig weiß sie sicher mit Sprache umzugehen und mit Sprachspielereien bunte Szenarien zu zaubern. Da gibt es beispielsweise einen Anita-Augspurg-Platz, einen zentralen Platz, wie es der Alexanderplatz ist, ein Platz also nach einer Aktivistin der bürgerlich-feministischen Frauenbewegung und Pazifistin benannt. Da gibt es altmodische, fast vergessene Worte, etwa das wunderbare „tramhappert“, was wohl soviel wie schlaftrunken bedeutet. Oder:

„Am Tisch sitzen junge Männer mit feisten Gesichtern, die aussehen, als hätten ihre Mütter sie abgeleckt, ehe sie sie nach draußen gelassen haben.

Es ist die Zeit um Weihnachten und Neujahr, eine aufgeladenen Zeit. Es sind die Raunächte, in denen laut alter Tradition die „Wilde Jagd“ unterwegs ist. Geheimnisvolle Geisterwesen, die nicht unbedingt nur Gutes wollen. Für Burschi wird es eine aufregende Zeit, denn sie begegnet der geheimnisvollen Johanna (die nach Schwarzpulver riecht). Die beiden fühlen sich sofort magisch zueinander hingezogen. Im Weg steht bei der ersten Begegnung nur die Bürgerwehr, die auf Johanna allerdings kaum Eindruck macht. Die Silvesternacht verbringen sie zusammen:

„Konkrete Fragen nach deinem Woher sind deiner Laune überhaupt nicht zuträglich, du bist ein ungefähres Wesen, scheint mir.“

Auch Charlie begegnet nach unzähligen Praktikantendiensten auf der Silvesterparty des Labels seinem Glück in Form der angebeteten Rapperin „Pseudoluchs“. Nur für Charlotte läuft der Jahreswechsel nicht so gut. Als sich die Wege der drei Hauptakteure schließlich unerwartet in der Silvesternacht im U-Bahnschacht kreuzen, ist es eine eher absurde Begegnung, die für Charlies Mutter Charlotte zum Desaster wird.

Was ich hier über das Buch schreibe, wirkt womöglich unspektakulär, vielleicht gar wirr oder seltsam. Aber: es hat eine unglaubliche Strahlkraft! Man muss es selbst lesen. Trotz der schlimmen Entwicklungen: es gibt selten mehr Tageslicht, weil die Sonne die Umweltgifte nicht mehr durchdringt. Die Regierungspartei hat sich rechtes Gedankengut angeeignet. Es gibt Fremdenfeindlichkeit und Homophobie. Der Feminismus wird zurückgedrängt. Obwohl man eigentlich schreien möchte, bitte nicht so ein furchtbar düsteres Szenario, lohnt sich dieses Buch so sehr, aufgrund seines schwer greifbaren Charmes, seiner kaum erklärbaren Anziehungskraft und immer wieder dieser Sprache. Hier ist alles rund, alles passt zusammen, alles fügt sich. Ich habe in diesem Jahr noch keinen anderen Debütroman gelesen und weiß dennoch, dass dieser vermutlich mein Favorit bleiben wird. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Rezension findet sich auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Norbert Scheuer: Winterbienen C. H. Beck Verlag

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Norbert Scheuers neuer Roman „Winterbienen“ ist ein seltsames, aber geniales Buch. Erst beim Versuch, darüber zu schreiben, zeigte sich die enorme Vielschichtigkeit dieser anfangs recht einfach anmutenden Geschichte. Ziemlich geschickt hat der 1951 geborene Autor, der selbst in der Eifel lebt, das konstruiert.

Es ist das Tagebuch eines Mannes, ich glaube sein Alter wird gar nicht erwähnt, das von 3. Januar 1944 bis zum Mai 1945 geführt wurde. Wir befinden uns also in den letzten Kriegsmonaten. Der Mann namens Arimont lebt als Bienenzüchter in der Eifel, war Lehrer, wurde aber suspendiert, da er unter Epilepsie leidet. Nun versucht er mit den Verkäufen aus der Bienenzucht zurechtzukommen. In den Krieg eingezogen wird er nicht, auch nicht deportiert, da sein Bruder, ein gerühmter Jagdflieger, offenbar schützend seine Hand über ihn hält. Medikamente, die er dringend benötigt, sind teuer, oder es gibt sie gar nicht mehr. Zumal für einen wie ihn, der bereits zwangssterilisiert wurde und eigentlich längst als „unwertes“ Leben durch die Nationalsozialisten hätte liquidiert werden sollen. Um sich zusätzlich Geld zu verdienen, schmuggelt er Menschen auf der Flucht vor den Nazis in präparierten Bienenstöcken zur deutsch-belgischen Grenze. So weit. So gut.

Was mir an dem Buch sofort auffällt, ist die Schlichtheit der (Tagebuch-)Sprache und die beinahe vollkommen fehlenden Emotionen des Schreibenden (außer vielleicht wenn es um seine Bienenvölker geht). Anteilnahme scheint der Held nicht zu kennen. Von vielem bleibt er scheinbar völlig unberührt. Sogar die diversen Frauengeschichten lassen ihn irgendwie kalt. Zumindest sobald die Jeweilige problemlos erreichbar ist.

“ Seit er auf Heimaturlaub ist, sehe ich sie kaum mehr; sie erscheint mir nun so begehrenswert wie ne zuvor. Ich hoffe, dass ihr Mann bald wieder an die Front muss.“

Irgendwann frage ich mich, ob dieses Verhalten vielleicht auch der Krankheit geschuldet ist, die, nun unbehandelt, immer mehr hervordrängt. Der Protagonist schreibt selbst oft, es sei ihm als würde er sich an vieles nicht mehr erinnern. So erklärt sich vielleicht auch, dass sich viele Einträge wortwörtlich ähneln, ja für den Leser schon zum Refrain, ja, zum Mantra werden.

Vielleicht denken wir gar nichts Neues, sondern unsere Gedanken sind nur das Echo von bereits Gedachtem.“

Auf dem Land in der Eifel scheint der Krieg zunächst weit weg. Obwohl alle Männer einberufen wurden, scheint sich eine sonderbare Normalität, ja fast Gleichgültigkeit fortzusetzen. Erst spät, als die Alliierten sich der belgischen Grenze nähern, wird er direkt spürbar. Ich überlege, ob hier ein Abbild der deutschen Bevölkerung in Zeiten des Krieges aufgezeigt werden soll. Bereits hier ein einziges Verdrängen um eines „ungestörten“ Lebens willen?

Zunächst begleiten wir unseren Helden jedoch durch das Bienenjahr. Das Tagebuch zieht sich über alle vier Jahreszeiten hinweg und gibt Einblick in die Arbeit der Bienen und ihres Imkers. Das ist höchst interessant und nimmt anfangs viel Raum ein.

„Ich gehe in der Nacht durch den Garten zum Bienenhaus, lege mein Ohr an einen Stock und höre das leise Singen der Winterbienen. Sie hängen alle dicht gedrängt zusammen, sind gesund. Tagsüber summen Bienen auf eine andere Weise als in der Nacht, und im Sommer anders als im Winter; ihr Chor klingt wie eine gleichmäßig schwingende Melodie, die von ihren zarten Flügelchen erzeugt wird.“

Eine Zeit lang sind es die Frauen im Dorf, die Gedanken und Einträge des Helden besetzen (sehr skurril: als Trophäe entwendet er ihnen nach einer Liebesnacht einen Lockenwickler, den er dann als Transportkäfig für seine Bienenköniginnen verwendet).

Dann kommen vermehrt Fliegerangriffe ins Blickfeld. Hier weiß der Erzähler genau, um welches Modell es sich handelt, er erkennt sie schon am Geräusch (vielleicht geschult, durch die Berichte des Bruders?). So sind auch zwischen einigen Kapiteln Zeichnungen von Kriegsflugzeugen eingefügt. So ganz erschließt sich mir der Zusammenhang mit dem Rest der Geschichte nicht. Ich vermute jedoch, sie sollen als Flugkörper mit den Bienen konkurrieren, deren verschiedene Summtöne ähnlich aufschlussreich für den Imker sind.

Desweiteren fügt sich eine Parallelgeschichte ein. Es geht um alte Schriften aus dem 15. Jahrhundert und den Mönch Ambrosius, der, wie der Vater des Protagonisten erzählt, der im nahen Kloster lebte, selbst Gründer von Bienenvölkern war, und somit womöglich den Grundstein zur Familientradition gelegt hat. Darüber recherchiert unser Held in der Bibliothek, in der die alten Folianten des ehemaligen Klosters untergebracht wurden, und wo auch zwischen den Büchern die Informationen zur nächsten Fluchthilfe-Aktion hinterlegt werden.

So pendelt das Leben des Protagonisten zwischen Bienenstock, Frauenbesuchen, epileptischen Anfällen und Verbringung von Flüchtenden in Verstecke in nahe gelegene Stollen und schließlich bis nah an die Grenze. Wie es danach mit ihnen weitergeht, wenn sie diese zu Fuß erreichen und überqueren müssen, scheint ihn zunächst wenig zu interessieren, ihr Schicksal wird nur in einem Nebensatz erwähnt:

„Ich arbeite den ganzen Tag an den Stöcken und übernachte in einem Gasthaus, das abends voller Soldaten ist. Sie reden an der Theke von Flüchtlingen, die sie gefangen und gleich erschossen haben. Ich treffe Anna und besuche danach noch Louis in Malmedy … „

Als Arimont sich in die Frau eines der Nazikommandanten im Ort verliebt, begibt er sich auf gefährliches Terrain. In seiner Naivität oder durch die zunehmenden Anfälle, die ihn in andere Bewusstseinszustände werfen, merkt er das aber gar nicht. Erst als er zum Verhör abgeholt wird, erkennt er, dass er denunziert wurde. Ob nun von der Frau oder vom braun gesinnten Apotheker, der ihm keine Medikamente mehr gab, bleibt offen …

„Winterbienen“ hat mich zunächst irritiert, dann zunehmend fasziniert und schlußendlich begeistert. Ich empfehle dieses Buch sehr. Ein Leuchten!

Der Roman „Winterbienen“ erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs BooksterHRO und Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hans Pleschinski: Wiesenstein C. H. Beck Verlag

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Der neue Roman von Hans Pleschinski begleitet wieder einen deutschen Schriftsteller durch eine Phase seines Lebens. Er ist ganz nach meinem Geschmack. Bereits mit „Königsallee“ hat der Autor mich für sich eingenommen, als er eine Episode aus Thomas Manns Leben erzählte, eine nach dem 2. Weltkrieg in Düsseldorf spielende unerwartete Begegnung mit einem ehemaligen Freund (und Geliebten?). Auch der Roman „Ludwigshöhe“ gefiel mir, in dem drei Geschwister ein Haus erben, allerdings nur mit der Auflage, es in ein Heim für Lebensmüde umzuwandeln.

Und nun „Wiesenstein“. Der Turm des Hauptmann´schen Anwesens in Schlesien ist auf dem Cover abgebildet. Gemälde aus der Empfangshalle, die 1922 entstanden von Johannes Avenarius sind im Buch abgedruckt.
Kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs ist der über 80-jährige mit Frau, Sekretärin und Masseur auf der Reise aus dem zerbombten Dresden gen Osten ins Riesengebirge, ohne zu wissen, ob dort bereits die russischen Truppen angekommen ist.

Und, hier fügt sich einmal mehr eins ins andere, auch Pleschinski erzählt, so wie erst kürzlich Uwe Timm in „Ikarien“, von der anfänglichen Eingenommenheit Hauptmanns für die Idee des gesunden Deutschen, die vom Rassenhygieniker Alfred Ploetz dann auch weitergetragen wurde – Hauptmann wendet sich immerhin davon wieder ab. Auch Barbara Zoeke widmet den Hauptmann-Brüdern in diesem Zusammenhang eine kurze Episode in ihrem starken Roman „Die Stunde der Spezialisten“.

Überhaupt ist das wieder so ein feines Buch, das einem einen Schriftsteller von einer anderen Seite zeigt, Interesse weckt, sich abseits von „Bahnwärter Thiel“ und „Die Weber“ an einem Werk lesend zu versuchen: „Atlantis“, 1912 entstanden, in dem es um einen beinahe hellseherischen Schiffsuntergang geht (kurz danach sank die Titanic auf ähnlicher Strecke).  Man kann den Roman sogar kostenlos online – Projekt Gutenberg – lesen. Ebenso den 1924 entstandenen Roman „Die Insel der großen Mutter“, in dem Hauptmann die Idee eines mystisch-matriarchalen Frauenstaats auf einer einsamen Insel ausarbeitet. Für mich ein sehr überraschendes und mehr als interessantes Unterfangen. Die Gedichte Hauptmanns hingegen, die an manchen Stellen in den Text eingefügt sind, können mich nicht überzeugen.

Kaum vorzustellen ist es, dass Hauptmann mit Frau Margarete auf „Wiesenstein“ selbst in Kriegszeiten so fürstlich leben konnten. Es mangelte fast bis zuletzt an nichts. Es gab noch immer den Gärtner, die Köchin, den Diener in Livree. Erst da wird mir klar, wie berühmt und wie gut bezahlt (und von gewisser Seite aus geschützt?) Hauptmann wirklich war, seine vielen Stücke liefen gut, als Schriftsteller war er weit über die Grenzen hin bekannt und eben auch Nobelpreisträger für Literatur. Dabei hat er sich nie zum aber auch nicht wirklich gegen den Nationalsozialismus bekannt. Er war in vielen Dingen ein Mann, der sich nicht festlegen wollte.

„Was ein Volk der Dichter und Denker und der überwältigenden Mehrheit vielleicht schlichter, aber nicht bösartiger Gemüter hätte sein können, zeigte sich nun als Rotte aus der Vorzeit, wütend, verblendet, hasserfüllt.“

Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Pleschinski seine Geschichte. Der junge Masseur, der zum ersten Mal den schönen Künsten begegnet und durch den der Leser Textauszüge aus Hauptmanns Werken kennen lernt. Der Jurist Behl, der sich um die Sicherung von Hauptmanns Schriften kümmert. Der Gärtner, der mit seinen Pflanzen „dichtet“. Die wenigen Besucher, die zum Tee, echtem!, kommen und um jeden Preis vermeiden wollen, über das Unheil zu reden – „Nichts vom Krieg“. Die Frau des Hauses, Margarete, die Dichtergattin, die seinerzeit selbst Künstlerin war und die trotz der schlechten Augen, alles sieht und voll hinter dem Ehegatten steht. Die Sekretärin, die mit Hauptmann zusammen Korrekturen der älteren Werke vornimmt. Gerade diese verschiedenen Blickwinkel ermöglichen es dem Autor dem Leser alles wissenswerte über Gerhart Hauptmann mitzuteilen, ohne trocken zu referieren.

„Aber werden sich spätere Generationen, die neu leben, immer mit dem Unreich befassen wollen? Vielleicht, und sie sollten es tun, um für ihr eigenes Wohlergehen und zu ihrer eigenen Sicherheit daraus zu lernen. Die Schicksale müssen bekannt werden und bekannt bleiben.“

Die Nachkriegszeit mit ihren Plünderungen und Vertriebenen weiß Pleschinski trefflich aufzuzeigen. Und bevor auch Gerhart Hauptmann seinen Wohnsitz in Agnetendorf, nun das polnische Jagniątków, verlassen muss, stirbt er am 6. Juni 1946 umgeben von nahen Menschen.

Neugierig bin ich geworden. Und wenn das ein Roman erreicht, ist es ein großes Glück. Vielleicht besichtige ich dann doch beim nächsten Hiddensee-Besuch das Hauptmann-Haus, dass mich bisher vor allem wegen der besonders schönen Lage interessierte und in dem der Schriftsteller hauptsächlich auch an „Die Insel der großen Mutter“ schrieb.
Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt. Ein Leuchten!

„Wiesenstein“ erschien im C. H. Beck Verlag. Mehr über Buch und Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Jonas Lüscher: Kraft C. H. Beck Verlag

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„So einfach ist das nicht, Kraft, nie und nichts.“

Nachdem Jonas Lüscher mit seiner vor einigen Jahren erschienen Novelle „Frühling der Barbaren“ überraschenden und zu Recht großen Erfolg hatte, ist nun sein Roman „Kraft“ erschienen. Anfangs brauchte ich etwas Zeit, um mich in Lüschers Sprache einzulesen. Doch ab dem zweiten Kapitel wurde es ein großes Vergnügen, denn Lüscher hat sprachlich echt was drauf, um es salopp auszudrücken. Wirklich gut konstruiert ist dieser Roman, der immer wieder aus Krafts Gedanken in seine Vergangenheit schwenkt. Dabei wird die Hauptsache, nämlich der Millionengewinn, den sich die Hauptfigur Kraft zu erschreiben hofft, eigentlich zu einer Randgeschichte.

Es geht um eine philosophische Frage:„Warum lässt Gott, wenn er doch vollkommen ist, das Böse auf der Welt zu?“  Oder in diesem Fall, leicht abgewandelt: „Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ „Alles ist gut, aber wir können es noch verbessern.“ Diese Theorie soll untermauert werden, so will es ein schwerreicher Millionär aus dem Silicon Valley und er schreibt für die beste Antwort einfach mal eine Million aus. Kraft denkt sich, das kommt ja sehr passend. Er braucht Geld, da er sich monetär vollkommen übernommen hat und zudem scheint die Beantwortung dieser Frage für ihn, den angesehenen Rhetorikprofessor aus Tübingen, ein Leichtes. So fliegt er nach Kalifornien und findet Unterkunft bei seinem alten Freund aus Studentenzeiten in Berlin. Doch die Antwort auf die Frage stellt sich als schwieriger dar als gedacht. Also sitzt Kraft oft grübelnd vor leerem Blatt/Bildschirm und dabei schweifen die Gedanken zu ganz anderen Themen. Und so erfährt der Leser in recht kurzweiliger Art einiges aus dem Lebenslauf Krafts.

Allein eine Episode, ziemlich am Anfang im 3. Kapitel, als Lüscher seinen „Helden“, in den örtlichen Ruderclub schickt und ihn, der sonst nur auf dem stillen Neckar rudert, in allerhand Unwägbarkeiten mit abschließender Bruchlandung schickt, ist eine herrlich witzige, absolut skurrile Geschichte in der Geschichte.

Auch der Exkurs in die Studentenzeit Krafts, sprich in die Zeit des politischen Wechsels der achtziger Jahre, gelingt Lüscher ausgezeichnet. Wo alle Welt links, gegen Atomkraft, für Frauenrechte und für Frieden ohne Waffen war, liefen Kraft und sein Freund István gegen den Strom in Richtung Liberalismus. Witzig erzählt ist auch die Geschichte Istváns, der aus dem Ostblock in den Westen gelangte, eher durch Zufall als als politisch Verfolgter, wie er manchem immer wieder weiß machen will.

Nicht zuletzt geht es um die Frauen in Krafts Leben, die ihm irgendwie immer wieder abhanden kommen, den Kraft ist kein stiller Familienmensch, Kraft ist ein eitler Schwätzer.

„Hatten wir nicht Krafts finanzielle Situation als einen der Gründe ausgemacht, weswegen er sich so schwertut ins Schreiben zu kommen? […] Und haben wir dann nicht vollstes Verständnis dafür, dass er bei dem Gedanken, Heike nicht nur mit leeren Händen, sondern mit Schulden für ein versenktes Kohlefaserboot in der Höhe eines Monatsgehalts entgegenzutreten, von einem lähmenden Gefühl der Scham überwältigt wird, welches wenig hilfreich ist, bei seinen Bemühungen dafür zu argumentieren, weshalb alles gut sei?“

Ein schöner Kniff ist auch (siehe oben), ab und an eine kommentierende Erzählerstimme (oder ist es Krafts Gewissen?) auftauchen zu lassen, die uns, die Leser, und Kraft selbst, auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Überhaupt muss man Lüscher zu seiner weitreichenden Phantasie, zu seiner überschwenglichen Fabulierfreude gratulieren. Dabei schöpft er aus vollstem ihm zur Verfügung stehenden Wortschatz, und das ist nicht wenig.

Wie es mit Kraft und dem Millionengewinn ausgeht, wird hier nicht verraten. Lesen Sie selbst. „Kraft“ ist ein Buch mit viel Sprachwitz und auf unterhaltsame Art anspruchsvoll.
Ein Leuchten!

Das Buch erschien beim C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.