Philippe Lançon: Der Fetzen Tropen Verlag

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Bereits auf den ersten Seiten des Buches von Philippe Lançon stehen Sätze, die mich betreffen, in einer Sprache wie ich sie liebe. Besser kann es eigentlich nicht beginnen. Vor allem dann, wenn es sich um ein Buch handelt, dass von einem persönlichen Trauma, einer Verletzung handelt, psychisch und physisch, die letztlich uns alle, ganz Europa, vielleicht die ganze Welt betraf. Der Autor arbeitete für Charlie Hebdo. Und er war am Tag des Anschlags auf das französische Satiremagazin in der Redaktion als der Terroranschlag verübt wurde. Er überlebte mit schweren Verletzungen, äußeren wie inneren. Dass er danach sofort beginnt darüber zu schreiben, ist sein Versuch, zu überleben. Mich persönlich hat dieser Anschlag von allen in dieser Zeit am meisten betroffen, denn es geht um freies Denken, um Schreiben, um die Ausübung der Kunst, um die Meinungsfreiheit.

„Wie die vorherigen Attentate, entfremden mich die Ereignisse in Barcelona und Cambrils einer Geschichte, in der, nachdem die Kerzen ausgelöscht und die kleinen Herzchen aufgeräumt sind, alle so tun, als wäre nichts gewesen – was auch sonst? –, und als wären die Mörder nicht eine verheerende Folge dessen, was wir sind und was wir leben.“

Lançon erzählt nicht durchgehend chronologisch, beginnt jedoch mit dem Abend vor dem Anschlag, dem 6.1.2015, an dem er mit einer Freundin im Theater war und ein Shakespeare-Stück sah. Das Buch von Shakespeare, dass er am Tag des Anschlags dabei hat, um evtl. später in der Redaktion der Zeitung Libération, für die er auch arbeitet, über das Stück zu schreiben, wird er nicht mehr lesen. Auch die Diskussion in der Redaktionsrunde über Houellebeqs neuen Roman „Unterwerfung“, der an diesem Tag erscheinen wird, bleibt eine vage Erinnerung.
Lançon beschreibt, wie er die Minuten des Überfalls erlebte, die schlimme Zeit, als er, irgendwie halb lebendig, halb in einem Zwischenreich, seine erschossenen Kollegen neben sich liegen sieht. Alpträume dieser Bilder verfolgen ihn tage- und nächtelang. Er kann fortan nur noch in ein Leben vor und nach dem Anschlag einteilen.

„Ich hob meinen Blick wieder und sah links über mir das Gesicht meines Bruders Arnaud. Zum ersten Mal spürte ich, dass mir etwas Schlimmes passiert war, dass der Kaffee und alles andere vielleicht  ein Traum sein mochten, das Attentat aber keiner war, …“

Er erzählt von der ersten Zeit nach der ersten Operation, als er wahrnahm, dass ein Teil seines Gesichts, sein Unterkiefer fehlte. Von den Polizisten vor dem Krankenzimmer, die ihn schützen sollten. Vom Bruder, der wichtigster Begleiter in der kommenden Zeit wird, von den alten Eltern, die da waren, den Freunden und Kollegen, der Ex-Frau und der geliebten Frau, deren Beziehung bald schwierig wird. Und er erzählt beinah von jedem einzelnen Arzt, den Schwestern und Pflegern, die ihm bald nahe stehen. Da er aufgrund der Verletzung nicht sprechen kann, kommuniziert er schreibend auf einer abwischbaren Tafel. Auf diese Weise wird alles langsamer, bewusster, wird weniger dauerhaft notiert, wird vieles fortgewischt.

„In der Tat war das Schreiben das Erzeugnis eines anderen ICH, ein Erzeugnis, das mich aus meinem jetzigen Zustand befreien sollte, auch wenn es genau diesen Zustand beschrieb.“

Zu seiner Chirurgin hat er bald ein sehr starkes Verhältnis, denn sie wird ihm in unzähligen weiteren Operationen zu einem neuen Gesicht verhelfen. Lançon erzählt genau, er ist dicht bei sich, enorm reflektiert und doch offen und emotional. Schwierig wäre das alles zu lesen, hätte es nicht ein unglaublich guter Erzähler geschrieben, der sprachlich gewandt und literarisch gebildet immer wieder auch von seinen Lektüren erzählt, die ihm in der Not große Helfer sind. Da sind Kafkas Briefe an Milena, da ist Proust und da ist Thomas Manns Zauberberg.

„In meinem Zimmer machte ich mich wieder auf die Suche nach meinem vergangenen Gedächtnis, nach den Bildern dessen, der ich gewesen war. Ich tat es im Licht eines Satzes von Proust, den ich parallel zu Kafkas Briefen und dem Zauberberg las, meinen drei Zerr- und Erkenntnisspiegeln.“

Wie im Sanatorium des Zauberbergs fühlt er sich dann mitunter, wenn sich der Aufenthalt über Monate hin zieht und er letztlich gar nicht mehr weg will, weil er sich so geborgen dort fühlt. Denn die Welt draußen ist nicht mehr die Seine. Vieles, was er als Journalist wichtig empfand, relativiert sich im Rückblick auf die Geschehnisse an jenem 7. Januar 2015. Die Wahrnehmung verändert sich.

„Ich sah, wie und nach welchen Kriterien ich hätte urteilen können, hatte aber schlichtweg kein Verlangen danach. Ich lebte nur noch als Körper, der nicht mehr ganz meiner war, in einem Leben, das nicht mehr ganz meines war und dessen Bewusstsein alles aufsog, ohne moralische Wertung und ohne Widerstand.“

Ich kann diesen Roman nur jedem ans Herz legen. Er zeigt auf, wie viel sich verändert, wenn man nah am Tod war und wenn der Tod von solch unfassbarer Seite kommt.

„Der Fetzen“ erschien im Tropen Verlag. Die grandiose Übersetzung ist von Nicola Denis. In Frankreich erschien das Buch bereits 2018 und erhielt sehr verdient mehrere Literaturpreise. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ebenfalls empfehle ich eine Graphic Novel von Catherine Meurisse über die ich bereits einen Beitrag schrieb. Sie ist ebenfalls Mitarbeiterin bei Charlie Hebdo. Am Tag des Anschlags hatte sie sich verspätet und so überlebt. Wie sie trotzdem traumatisiert ist und nur ganz langsam in ihren Alltag zurückfindet, zeichnet sie sehr berührend in „Die Leichtigkeit“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit Graphic Novel Carlsen Verlag

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Fast genau zwei Jahre sind vergangen, seit in Paris auf das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein grausamer Anschlag verübt wurde. Catherine Meurisse, die an jenem Morgen auch an der Teamsitzung hatte teilnehmen wollen, war wegen Liebeskummer zu spät dran. Deshalb hat sie überlebt. Die meisten ihrer langjährigen Kollegen und Freunde in der Redaktion wurden getötet.

Wie erschütternd das für Meurisse war und wie sie wieder annähernd in einen „Normalzustand“ zurück fand, schildert sie nun in ihren Zeichnungen. Daraus entstand die berührende Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig die künstlerische Freiheit ist, heute mehr denn je. Es ist ein Buch, das mir sehr nahe geht.

An den Tagen danach wird Meurisse ständig zu ihrem Schutz von Polizisten begleitet.
Nachdem sie mit den hinterbliebenen Hebdo-Leuten allem zum Trotz die neue Ausgabe gemacht hat, spürt Meurisse eine riesige innere Leere: Weder ein Aufenthalt am Meer, noch der geliebte Proust helfen, weder die Ratschläge des Therapeuten und auch nicht der Besuch im Theater, um mit ihrem Ex-Geliebten „Oblomow“ zu sehen. Am schlimmsten scheinen die Trauerbekundungen, die ihr allenthalben begegnen: „Je suis Charlie“ schreit ihr überall entgegen … Der Anschlag auf das Bataclan in Paris im November desselben Jahres verschlechtert erneut ihren Zustand.

Erst ein Aufenthalt in Rom in der Villa Medici, einer Künstlerresidenz, scheint die Erstarrung aufzubrechen. Auf der Suche nach dem sogenannten Stendhal-Syndrom, welches ihre Dissoziation ab- und auflösen soll, stürzt sich Meurisse in die Kunst. Jedes Museum, jede antike Stätte, in ihrer Phantasie begleitet von Stendhal selbst, wird besichtigt.

„Ich warte auf das Stendhal-Syndrom.
Wir haben uns im Museum verabredet, es soll mich angesichts der Schönheit in     Ohnmacht stürzen und mich dann wiedererwecken. Ich soll mich erneuern.“

Meurisses Zeichnungen sind eindeutig und dennoch vielschichtig, die Figuren großartig charakterisiert, jeder Gefühlszustand ist sichtbar. Viele Grafiken würden auch ohne Text wirken. Doch die Sprechblasen-Texte zeigen, mit wie viel Trauer, aber auch mit wie viel bewundernswertem Witz und Selbstironie Meurisse sich wieder ins Leben bringt. Ob als Ophelia, einem bekannten Gemälde von Millais nachempfunden, oder als Überlebende auf dem Gemälde „Das Floß der Medusa“ von Géricault.
„Die Leichtigkeit“ enthält eine wunderbare Hommage an die Kunst und die darin verborgene Schönheit, die so heilsam sein kann. Ein Leuchten!

Meurisse kam unverhofft schon mit 25 Jahren zu Hebdo. Man kann sich vorstellen, wie verbunden sie in den 10 Jahren ihrer Tätigkeit bei der Zeitschrift mit dieser Arbeit und den Menschen ist. Letztlich hat sie sich entschieden, in Zukunft nicht weiter für das Magazin zu arbeiten.

Der Band „Die Leichtigkeit“ erschien im Carlsen Verlag. Übersetzt wurde er von Ulrich Pröfrock. Eine Leseprobe gibt es hier.