Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten Die andere Bibliothek

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Wie konnte ich nur vergessen, wie wunderschön die Bände aus „der anderen Bibliothek“ sind. Kleine Kunstwerke für Bibliophile sind es, Stecknadeln im Heuhaufen der unüberschaubaren Bücherwelt.

Allerdings ist in diesem Band der Inhalt ganz konträr zum schönen Äußeren, so gar kein schöner, zumindest thematisch. Barbara Zoeke schreibt über ein dunkles Kapitel Deutschlands. Man ahnt es vielleicht anhand der Krankenhausbetten und der Schwesterntracht: Es geht um die sogenannte Rassenhygiene und um Euthanasie in der NS-Zeit. „Die Spezialisten“ aus dem Buchtitel sind nämlich genau die Ärzte, die ohne zu zögern „unwertes Leben“ aussonderten und in ihren Tötungsanstalten, skrupellos ums Leben brachten.

„Hitlers Spezialisten, sie sprechen von geistig Toten, von Ballastexistenzen. Sie erproben Tötungsverfahren, elegante, geheime, um die Säle der Landeskrankenhäuser zu leeren und die Rasse rein zu halten.“

Barbara Zoeke gelingt es trotzdem mit ihrer Sprache und dem Ton, der in diesem Roman herrscht, eine sehr gute, wenn auch nicht gut ausgehende (wie auch?), Geschichte zu erzählen. Ich bin beeindruckt von diesem Können. Über solch ein Thema einen Roman zu verfassen, braucht meiner Meinung nach viel Mut.

Der Roman ist in fünf Kapitel geteilt. Im ersten wird aus der Sicht der Hauptfigur Max Koenigs im  Jahr 1940 erzählt. Koenig ist Professor für Altertumsforschung, der mit seiner Frau Fee, einer Italienerin und der Tochter Püppi, in Leipzig lebt. Als sich die Zeichen häufen, dass er an der gleichen ererbten Nervenkrankheit Chorea Huntington, wie sein Vater litt (der hatte sich zusammen mit Koenigs Mutter umgebracht), kommt er zunächst in die Klinik in Wittenau bei Berlin. Sein ehemaliger Mentor warnt ihn, solange noch Zeit ist, er möge auf sich aufpassen und zumindest seine Familie aus Deutschland herausbringen.

„Du ahnst nicht, wie kränkend sie mich behandeln. Diese Medizinbüttel in ihren brettsteifen Kitteln. Lautstark zerpflücken sie meine Vita. Ich liege da, ein Wurm, über den sie reden. Professor für Altertumsgeschichte …“

In Wittenau lernt er drei Mitpatienten, den Jungen Oscar, den Lehrer Carl Hohein und die junge Frau Elfie, (die später als einzige überlebte), näher kennen. Die Klinikleitung entscheidet anhand von Fragebögen, welche Patienten „ausgelagert“ und „entsorgt“ werden sollen. Dazu gehören alle, die nicht mehr arbeiten können. Carl kann zunächst noch arbeiten, stirbt dann aber in einer Klinik an Unterernährung, welche ja auch im Euthanasie-Programm der Nazis vorgesehen war. Max und der mongoloide Junge Oscar werden in Bernburg an der Saale gleich nach Ankunft in der Gaskammer ermordet (14000 Menschen wurden dort zwischen 1940 und 1943 im Rahmen der Euthanasieprogramme vergast).

Die zweite Perspektive ist die von Dr. Friedel Lerbe, Arzt und Leiter der Tötungsanstalt Bernburg. Eine „geheime Reichssache“ übernimmt der Arzt, auch wegen der vielen materiellen Vorteile. An die Tötungen gewöhnt er sich leicht, ist doch alles zum Wohle des deutschen Volkes: das Bewegen des Gashebels, die Beruhigung der „Leichenbrenner“, sie sich über Schwierigkeiten beklagen, die Todes- und später speziell formulierten Trostbriefe, die an die Angehörigen gehen, die ausgedachten Todesarten. Ein ganz normales Leben, so gut wie keine Zweifel an der Tätigkeit, sogar alltägliche Tötungsroutine, bis auf die Begegnung direkt vor der Gaskammer mit Max Koenig, einem flüchtigen Bekannten/Verwandten, der zumindest eine Erinnerung und ein kurzes Zögern hervorruft: „Max Koenig, das war Onkel Gernoths Schwager.“

„Kaum einer wird sich vorstellen können, wie kompliziert und facettenreich meine Tätigkeit ist. Wie sehr ich als Chef dafür stehe, dass alles still und reibungslos funktioniert. Nur sehr naive Menschen können vermuten, dass das Töten unsere Hauptarbeit ist.“

Unfassbar.

In den letzten drei kürzeren Kapiteln schildert die Autorin knapp den Suizid Friedel Lerbes in Gefangenschaft nach Ende des Krieges, kurz vor seinem Prozeß.

Und sie erzählt von der Überlebenden Elfie, die zumindest die Mutter ihres Liebsten, Carl Hohein, am verabredeten Treffpunkt am Meer in Italien nach dem Krieg, wieder sieht. Von ihr erfährt sie die Geschichte von Carls Tod.

Auch Fee und die Tochter scheinen es geschafft zu haben, den Krieg zu überstehen.

„Die Stunde der Spezialisten“ von Barbara Zoeke erschien als 393. Band von „Die andere Bibliothek“. Die Illustrationen des Vor- und Nachsatzblatts stammen von Lars Henkel. Das Buch ist wie alle dieser Reihe auf feinstem Papier gedruckt, fadengeheftet mit Lesebändchen und im illustrierten Schuber. Ein bibliophiles Leuchten!
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