Das Debüt 2020 – Bloggerpreis für Literatur: Meine Favoritinnen

Es ist soweit!

Heute wurde der Debütroman bekanntgegeben, der den Bloggerpreis für Literatur 2020 erhält. Die Gewinnerin ist auch gleichzeitig meine Favoritin. Herzliche Gratulation an Deniz Ohde!
In diesem Jahr war das Jury-Lesen für den Bloggerpreis von Das Debüt für mich überwiegend beschwerlich. Es war schwer Punkte zu verteilen, zumindest ab Platz zwei. Denn der erste Platz stand für mich eigentlich von Anfang an fest. Das Buch hatte ich schon lange vorher gelesen. Wäre es nicht auf der Shortlist gewesen, wäre ich aus allen Wolken gefallen. So sieht meine Wahl aus:

Platz 1 für „Streulicht“ von Deniz Ohde

Der für mich beste Debütroman des Jahres kommt von der 1988 in Frankfurt am Main geborenen Deniz Ohde.

Mit noch viel größerem Abstand zu Platz eins steht „Wir verlassenen Kinder“ auf Platz 3.

Dieser dystopische Roman erzählt von einem Dorf in dem nur noch von ihren Eltern verlassene Kinder leben. Die Eltern, heißt es, sind in die Stadt gezogen, um Geld zu verdienen. Rätselhaft, weshalb sie ihre Kinder nicht mitnahmen …
Im Dorf leben auch noch einzelne Erwachsene, die etwa einen Laden oder Fleischer betreiben. Und auch die Großeltern mancher Kinder. Die namenlosen Kinder schließen sich zu einer Bande zusammen und erschaffen Regeln, die bei Fehlverhalten unmittelbar zu Bestrafungen führen. Diese Idee erinnerte mich an „Herr der Fliegen“. Die Geschichte bleibt jedoch sprachlich und inhaltlich hinter dem Klassiker zurück. Die Außenseiterin Mira, Tochter der Bürgermeisters, der seltsamerweise auch noch im Dorf lebt, sich aber keineswegs für die Kinder zuständig fühlt, will sich nicht in die Bande einfügen. Dadurch ist sie stets in Gefahr. Die Gemeinschaft wird immer kleiner, der Hunger greift um sich und auch die Gewalt. Die Eltern schreiben mitunter noch Briefe, haben aber längst den Bezug zu den Kindern und deren Realität verloren. Der Krieg hat das Land eingeholt, auch auf dem Dorf der Kinder wird das spürbar, deren Leben immer prekärer wird.

Bis zum Schluss gelesen habe ich das Buch vor allem, weil ich wissen wollte, wie der Roman zu Ende geht. Für mich blieb die Geschichte aber ein Rätsel, leider keines, über das ich mir weiter Gedanken machte. Es blieb kaum Nachhall.

Die zwei weiteren Romane der Shortlist sind leider sofort rausgeflogen.

Cihan Acars „Hawaii“ ist immerhin gut konstruiert und anfangs auch ganz interessant und locker zu lesen. Doch ist die Story eines jungen Fußballprofis, der wegen einer Verletzung nun auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist, nicht unbedingt mein favorisierter Lesestoff. Als in der Geschichte, die in Heilbronn spielt, die Gewalt zwischen türkischstämmigen Bewohnern und Rechten eskaliert, bin ich ausgestiegen.

Bei „Schatten über den Brettern“ von David Misch bin ich gar nicht erst eingestiegen. Ich wäre gerne, den ein Roman der im Theatermilieu spielt, könnte mich schon interessieren, aber die Sprache, die ich anfangs noch extravagant interessant fand, wirkte nach einer Weile nur noch künstlich. Eine Geschichte, die so lange braucht, um sich darin orientieren zu können, überzeugt mich nicht. Die Lektüre war und blieb eine Qual, auch nach mehreren Anläufen. Und so etwas sage ich wirklich so gut wie nie über ein Buch, schon gar nicht über ein Debüt.

Die einzelnen Beiträge der anderen Jurymitglieder findet man verlinkt auf dem Blog von Das Debüt .

Das Debüt 2018 – Bloggerpreis für Literatur: Meine Favoritinnen

2018-logo-trans debütDSCN2873

Favoritin von Anfang an und mit 5 Punkten meine Gewinnerin ist Verena Stauffer mit „Orchis“:

Es ist ein sehr sinnlicher Roman, den Verena Stauffer als ihr Debüt geschrieben hat. „Orchis“ ist ein Abenteuerroman, ein Roman der in eine duftende, bunte, mystische Welt entführt, die seinen Hauptprotagonisten nicht mehr aus lässt. Und mich als Leserin auch nicht. Ich bin vollkommen entzückt von dieser Geschichte, die von wundervoller Phantasie und großer Erzählbegabung der Autorin zeugt. Blühendes Leuchten!

Auf Madagaskar wächst nicht nur der Pfeffer, sondern auch die seltensten Orchideenarten. Der junge Botaniker Anselm ist auf der Suche nach einer ganz bestimmten Art. Der kühle europäische Wissenschaftler gelangt schon beim Betreten der Insel in eine andere Sphäre. Mithilfe eines einheimischen Führers und in Begleitung eines englischen Forscherkollegen gelingt tatsächlich der sensationelle Fund: Die Orchidee der weiße Stern wächst hier zuhauf und wird schleunigst auf ein Schiff Richtung Europa gebracht.

Die Insel hat ihn verzaubert. Die Pflanzen und wohl auch der einheimische Führer Isaac. Als bei einem Sturm die kostbare Fracht über Bord geht, gerät Anselm vollends in wahnhafte Verzweiflung. Und so darf der/die Lesende erleben, wie Anselm selbst bewachsen wird von einer seiner Stern-Orchideen. Nie ist man im Verlauf sicher, ob die Orchidee wirklich auf Anselms Schulter wächst. Doch scheint sie sonst keiner zu sehen. Aufgrund des totalen Rückzugs in sich selbst, schicken in die besorgten Eltern schließlich in eine Nervenheilanstalt. Doch es dauert Monate und bedarf eines Tricks des Arztes, bis Anselm wieder der alte ist.

„Er habe den Eindruck, Anselm sei seelisch gestürzt, er sei, um den Vergleich mit einer Blume anzustellen, […] in vollster Blüte, vielleicht mitten in einem Moment der Euphorie plötzlich abgeknickt worden, und hätte daraufhin, gleich einer Blütenpflanze, beschlossen, sich in das tiefste Innere seiner Zwiebel zurückzuziehen, um eine schwierige Zeit zu überdauern.“

Dann folgt flugs die Berufung an die Universität. Es ist die Zeit von Darwins späten botanischen Forschungen, denen Anselm mit eigenen Theorien beikommen will. Vollkommen überdreht und impulsiv verhält er sich, wenn es um neu zu entdeckende Orchideen geht. Anselm hat enorm viel Fantasie und keinerlei Zweifel an seinem Können und Erfolg. Und statt einen prominent angekündigten Vortrag in London zu halten, bricht er kurzerhand und überstürzt auf, um in China eine sagenumwobene neue Schönheit zu finden und seiner Sammlung einzuverleiben. Dass ihm ein neidischer Botaniker damit eine böse Falle stellen wollte, merkt Anselm nicht und das ist auch gut so, denn so landet er nach langer Schiffsreise in der Tat im fernen China auf der Suche nach dem chinesischen Frauenschuh und findet viel mehr als das.

„Wenn es regnete, spürte Anselm, wie unbeeinflussbar der Lauf der Dinge war. Es war, als sei alles immer genauso gewesen und als würde es nie anders sein, deshalb war jede Zeitmessung irrelevant, dachte er, da es keine Möglichkeit des Hinauskommens über das >Jetzt< gab, …“

Verena Stauffers Sprache ist poetisch und sie weiß damit sehr plastisch und sinnesfreudig ihre Figuren und Geschehnisse zu formen. So fügt sie immer wieder Träume und Abzweigungen in Anselms Gedankenwelten ein, dass man ins Überlegen kommt, was ist nun Traum, was Wirklichkeit. Oft haben Anselms Erlebnisse auch etwas märchenhaftes. Man könnte wohl auch das Stichwort „Magischer Realismus“ ins Spiel bringen. So weiß man nicht genau aus welchem Land Anselm kommt. Es ist von Krieg und Umstürzen die Rede, die Anselm jedoch nicht interessieren. Manchmal hätte ich gerne bei einem Erzählstrang, mit mancher Figur noch länger verweilt, doch die Autorin strebt weiter und findet schließlich einen ganz wunderbaren stimmigen Abschluss dieser exotisch leuchtenden Geschichte.

Der Roman erschien im Verlag Kremayr & Scheriau und ist auch äußerlich fein ausgestattet.

 

2018-logo-trans debütCover

Sehr dicht, fast gleichauf, folgt Bettina Wilpert mit „Nichts, was uns passiert“. Sie erhält von mir 3 Punkte:

„Auch wenn man als Frau anscheinend immer damit rechnen muss
und es das Schlimmste zu sein scheint, was passieren kann, ist es doch
nichts, was wirklich geschieht. So wie es keinen Krieg in Deutschland
gibt oder man ständig Angst haben muss zu sterben. Vergewaltigung
passiert anderen Leuten.“

Ungewöhnlich angelegt hat Bettina Wilpert ihren Debütroman über eine Vergewaltigung. Er speist sich aus verschiedensten Stimmen, die alle über das Geschehnis berichten und doch sagt jede etwas anderes. Selbst die beiden Stimmen der tatsächlich Beteiligten werden hinterfragt. Dieses Buch zu lesen, bedeutet, auch die eigene Stimme am Ende einzubringen, sich ein Bild zu machen, nicht unbeteiligt zu bleiben.

Ausgangspunkt ist Leipzig im Sommer der Fußball-WM 2014. Die Studentin Anna und der Doktorand Jonas lernen sich durch Freunde kennen und merken, dass sie ähnliche Interessen haben, nämlich Literatur und Osteuropa. Anna selbst stammt aus der Ukraine, Jonas hat ein Praktikumsjahr dort verbracht und so kommt es zwischen beiden zu regen Diskussionen.

„Anna mochte es nie, wenn jemand fragte: Wie geht’s? Niemand erwartete eine ehrliche Antwort, die Lüge war gesellschaftlich akzeptiert. Die Leute wurden aus dem Konzept gebracht, wenn man die Wahrheit sagte: Schlecht. Oder: Scheiße. Anna hasste es, ein Gespräch auf Lügen aufbauen zu müssen, am liebsten hätte sie immer die Wahrheit gesagt, ihre echte Gefühlslage geschildert, aber das hätte gegen die Konventionen verstoßen.“

Als beide bei einer Gartenparty zuviel getrunken haben und kaum mehr zurechnungsfähig sind, kommt es laut Anna zur Vergewaltigung, laut Jonas zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr. Anna erzählt zunächst nur ihrer Schwester davon. Als Anna die Tat später anzeigt, fällt Jonas aus allen Wolken. Die „Sache“ breitet sich in Studentenkreisen recht schnell aus und je nachdem, wird Jonas oder Anna gemieden, ja ausgeschlossen. Je nachdem auf welcher Seite man steht. Denn dass man sich entscheiden muss, wem man glaubt und wem nicht, scheint ein Muss zu sein. Ein Dazwischen gibt es nicht …

„Alle sprachen darüber. Vor der Albertina diskutierten Studenten, die Hannes nie zuvor gesehen hatte, über den Fall: Über den jungen Doktoranden, der von einer Studentin angezeigt wurde, weil er sie vergewaltigt haben soll. Abends, wenn er sich beim Späti ein Radler holte und sich mit Freunden am Herderpark traf, gab es kein anderes Thema als den gewalttätigen Vergewaltigter und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.“

Wie schwierig und unangenehm alles ist, zeigt unter anderem dann die Szene auf dem Polizeipräsidium, als sich Anna nach langem Zögern doch entscheidet Anzeige zu erstatten. Es ist eine unüberlegte impulsive Aktion, die sie später bereut. Wilpert führt hier über eine ganze Seite einen Katalog an Fragen auf, die Anna gestellt wurden, durch die man immer die Frage nach der eigenen Schuld erkennen kann, obgleich sie nie direkt gestellt wird.

„Anna wollte das alles nicht. Sie wünschte, sie hätte nie Anzeige erstattet, dann hätte niemand davon erfahren. Es ging ihr nicht darum, Jonas zu bestrafen. Nein. Sie wollte eine Entschuldigung. Sie wollte, dass er ihr in die Augen blickte und sagte: Ich habe dich vergewaltigt, es tut mir leid.
Dass sie niemals mit all dem gerechnet hätte.“

Aufgrund der vielen Stimmen, die im Roman zu Wort kommen, breitet sich eine große Spannweite aus, was denn eine Vergewaltigung genau sei, wo sie beginne und was als einvernehmlich gelte. Sehr spannend dabei ist, was die unterschiedlichen Meinungen in einem selbst als Leser auslösen. Wer lügt? Wem „glaube“ ich als Leser*in und warum? Zu welchem Schluss komme ich? Wen spreche ich schuldig? Wen frei? Wer ist Opfer, wer Täter?

Dass das alles nicht so einfach ist, verdeutlicht Bettina Wilpert in ihrem Roman. Dass, was aus einem Blickwinkel als klar und logisch erscheint, sieht von der anderen Seite womöglich anders aus. Dass die Rechtsprechung sich mit einem einfachen „Nein“ auf Annas Seite nicht zufrieden gibt und das Verfahren gegen Jonas eingestellt wird, gibt zu denken. Eine Klärung scheint schlicht unmöglich …

Der 1989 geborenen Autorin, die selbst in Leipzig studierte, macht sprachlich keine Experimente. Das Thema ist hier Experiment genug. Ihr ist ein spannendes und nachdenklich machendes Buch gelungen, dass ein Thema anpackt und damit sichtbar macht, welches in Romanen so sonst kaum zu finden ist.

Der Roman erschien im Verbrecher Verlag.

 

2018-logo-trans debütDSCN2828

Mit größerem Abstand folgt Marie Gamillscheg mit „Alles was glänzt“. Sie erhält gerade so einen Punkt. Ihre Geschichte, die in einem Gebirgsdorf spielt, dass mehr oder weniger vom Aussterben bedroht ist, gefiel mir zwar sprachlich ganz gut, bleibt aber doch sehr weit hinter den ersten beiden Plätzen zurück. Der Berg ist ausgehöhlt, das Bergwerk stillgelegt. Und auch die wenigen Menschen, die noch geblieben sind scheinen abgestumpft und leer. Ein Autounfall in den Serpentinen zum Dorf hin und der Besuch eines Fremden, der das Dorf und den Berg wiederbeleben soll, bringt kurzfristig ein wenig Bewegung in die Bewohner.

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag.

 

46498140_10218021794959196_1662220942769651712_n verschwinden 46674517_10218021814839693_7928858667523244032_n huelsenbeck
Zum Abschluss und in der Tat meilenweit entfernt von jeglicher Punktezahl:
David Fuchs mit „Bevor wir verschwinden“ und Christian Y. Schmidt mit „Der letzte Huelsenbeck“. Beide Bücher sind sofort ausgeschieden, da sie mich sowohl thematisch als auch sprachlich kein bisschen überzeugten.

Ich danke den Damen von Das Debüt, dass ich dabei sein konnte und freue mich schon aufs nächste Jahr. Nun bin ich gespannt, wie meine Jurykolleg_innen entscheiden:

Petra von Literaturreich:
 https://literaturreich.wordpress.com/2019/01/05/das-debuet-2018-bloggerpreis-meine-entscheidung/

Ruth von Ruth liest:
http://ruthjusten.de/das-debuet-2018

Fabian von Mokita:
https://www.mokita.de/blog/2019/01/06/das-debuet-2018-meine-juryentscheidung/

Janine von Frau Hemingway:
https://frau-hemingway.de/meine-stimme-fuer-den-bloggerpreis-das-debuet-2018/

Silvia von Leckere Kekse:
https://leckerekekse.de/wordpress/bloggerpreis-debuets-2018/

Eva Jancak von Literaturgeflüster:
https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/12/08/wuerfelspielereien/

Marc von Lesen macht glücklich:
https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2019/01/06/debuetpreis-2018-meine-entscheidung-keine-grossen-ueberraschungen/

Angelika von Angelikaliest:
https://angelikaliest.wordpress.com/2019/01/06/kurz-knapp-das-debuet-2018/

Jessica von misspaperback:
https://www.misspaperback.de/2019/01/meine-drei-besten-debutromane-2018-das.html

 

 

 

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis für Literatur

Favorit von Anfang an und mit fünf Punkten meine Gewinnerin ist Juliana Kálnay mit „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“:

Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten.

Kálnays kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von dessen seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird. Kálnays Roman erschien im Wagenbach Verlag.

Klaus Cäsar Zehrer erhält für sein Debüt „Das Genie“ von mir drei Punkte. Er liegt mit seinem vielschichtigen Roman nahe an Kálnay.
Zehrer schreibt handwerklich versiert und spannend, als würde er schon immer schreiben. Sprachexperimente macht er keine; das muss er bei dieser interessanten Story auch nicht. Fast würde ich „Das Genie“ als Pageturner bezeichnen. Was mich permanent zum weiterlesen trieb, war der Wunsch zu erfahren, wie es dem armen Billy, der von seinen Eltern, speziell von seinem mir ausgesprochen unsympathischen Vater Boris, von klein auf auf Genie getrimmt wurde und der außergewöhnlich begabt war, und dem gleichzeitig ohne eigenes Verschulden jegliche Empathie, Körperlichkeit und soziale Kompetenz fehlten, letztlich ergangen ist. Es ist wirklich lohnend zu lesen, wie Sidis versucht seine Einsamkeit zu überwinden und seinen eigenen Weg zum Glück und vor allem zur Freiheit zu finden, unabhängig von Berühmtheit und Besonderheit. Zudem gibt der Roman einen Einblick in die US-amerikanische Geschichte und die starke Entwicklung des Faches Psychologie dieser Zeit. Der Roman ist im Diogenes Verlag erschienen.
Zudem reizt es mich nun den Roman „Das perfekte Leben des William Sidis“ von Morten Brask, der etwas früher als Zehrers Roman erschienen ist, zu lesen, um zu sehen, wie verschiedene Autoren an diese ungewöhnliche wahre Biografie herangehen.

Einen Punkt erreicht Jovana Reisinger mit „Stillhalten“, einem Roman, bei dem ich immer noch nicht entschieden habe, ob ich ihn außergewöhnlich und großartig finde, oder ihn total ablehne. Reisingers provokanter Schreibstil scheint auch so angelegt. Gerade deshalb ist er allerdings auch noch auf Platz 3 gelandet. Es geht um die Befindlichkeit einer Frau, die sich einem althergebrachten Frauenbild unterordnet, sich daran misst, sich damit lächerlich und zugleich todunglücklich macht. Ob sie davon krank wird? Burnout? Depression? Jedenfalls schickt sie der Tod der Mutter in eine hübsch verdrängte Kindheit, die alles andere als gelungen scheint und irgendwann eben massiv hervorbricht. Der Roman spielt in Österreich, wobei mir auffällt, dass sich so einige österreichische Autorinnen in unterschiedlichster Weise dem „Frauenbild“ in der Gesellschaft widmen – die Nachkommen von Jelinek und Streeruwitz? Der Roman ist im Verbrecher Verlag erschienen.

Die anderen beiden Romane der Shortlist, „Immer ist alles schön“ von Julia Weber (das Beste daran sind für mich die Illustrationen der Autorin am Ende des Buches, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen) und „Oder Florida“ von Christian Bangel sind für mich sogleich herausgerutscht aus der Bewertung, da sie mich auf ganz unterschiedliche, ja fast gegensätzliche Weise, was sich sowohl auf Sprache, als auch auf Inhalt bezieht, so überhaupt nicht erreichten.

Herzlichen Dank dem Debüt-Team und den Verlagen für die Rezensionsexemplare!
Ich bin gespannt, wer diesmal den Preis erhält.

Meine eigentlichen Favoriten-Debüts in 2017 waren zwar auf der Longlist, haben es aber seltsamerweise nicht auf die Shortlist geschafft. Meine Besprechungen dazu:
„Die Königin schweigt“ von Laura Freudenthaler
„Liebwies“ von Irene Diwiak
„Wir leben hier seit wir geboren sind“ von Andreas Moster