Hari Kunzru: Red Pill Liebeskind Verlag

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Welch ein Roman! Er stellt die große Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

„Das Sonnenlicht war kein Sonnenlicht, sondern Code, das visuelle Ergebnis unglaublich komplexer Berechnungen. Der Baum, das Geländer, der schnüffelnde Hund, alles war modelliert, eingefärbt, strukturiert und ausgeleuchtet, um möglichst lebensecht zu wirken. Nichts davon hatte vor meinem Hinsehen existiert, …)

Red Pill kommt auf jeden Fall auf meine diesjährige Bestenliste. Es ist mein erster Roman von Hari Kunzru und ich bin begeistert von seiner Sprache und den komplexen philosophischen Gedankengängen. Dass er hochliterarisch und nicht plakativ und künstlich aufgeblasen, wie derzeit so oft, brisante politische Themen aufgreift, macht diesen für mich noch bedeutender. So sieht gute Literatur aus.

Ein amerikanischer Schriftsteller hat ein Stipendium einer Berliner Kulturstiftung am Wannsee erhalten. Es kommt ihm zupass, denn zuhause kriselt es gerade etwas mit Frau und Kind, er selbst steckt in einer Sinnkrise und er hofft dort wieder gut ins Schreiben und Leben zu finden. Doch die Stiftung, die sich Transparenz und Weltoffenheit auf die Fahnen schreibt, wird für ihn eher zu einer Art Gefängnis. Er soll im großen gläsernen Arbeitsraum mit den anderen Stipendiaten schreiben und das geht für ihn gar nicht. Er muss dafür allein sein. Gleich mit dieser ersten Beschwerde eckt er bei den Betreibern der Stiftung an. Er müsse sich nur öffnen und darauf einlassen. So versucht er auf seinem Zimmer zu arbeiten, doch lässt sich immer wieder ablenken. Er trifft bei langen Spaziergängen auf das Kleist-Grab und beschäftigt sich fortan mit der Lektüre seiner Werke und den Umständen des Suizids. Die Mahlzeiten mit den anderen Stipendiaten sind für ihn eine Qual, da er von seiner Arbeit kaum etwas berichten kann. Oft sitzt er im Zimmer und konsumiert eine brutal-gewalttätige Fernsehserie, zugleich angezogen und angewidert. Er denkt über das Böse nach. Was, wenn dunkle Mächte die Welt zunehmend beherrschen? Wenn die Katastrophe direkt bevorsteht?

Dass er kurze Zeit später zufällig auf einer Berlinale-Party in Berlin, auf die ihn zwei Kollegen mitschleppen, auf den Regisseur jener Serie, Gary Bridgeman, auch Anton genannt, trifft und sogar mit ihm ins Gespräch kommt, findet er zunächst hoch interessant. Doch im weiteren Verlauf des Abends, der in einem Döner-Imbiss in Kreuzberg mit illustren Begleitern endet, gerät er ins Abseits: Er wird real mit den merkwürdigen Theorien des Regisseurs konfrontiert, die ziemlich rassistisch und identitär sind und die dessen Begleiter direkt an ihm ausprobieren. Erschüttert macht er sich auf den Rückweg zum Wannsee. Doch auch dort lässt ihn Anton nicht los. Er recherchiert alles, was er über Anton im Netz finden kann.

Im Haus geschehen seltsame Dinge: Werden die Stipendiaten tatsächlich mit versteckten Kameras beobachtet? Ist er der einzige, der das bemerkt? Warum werden seine Arbeitszeiten am Computer kontrolliert? Der Kontakt zu seiner Frau in New York wird immer sporadischer. Als dann auch noch Anton unter einem falschen Namen am Wannsee auftaucht, und sich vermeintlich für die Historie des Wohltäters der Stiftung interessiert, und sich vom Leiter des Hauses alles zeigen lässt, brennen die Sicherungen unseres Helden durch. Er fühlt sich verfolgt und gleichzeitig angezogen. Statt vorzeitig nach Hause zu fliegen, wie es seine Frau sich wünscht und die Stiftung es mittlerweile verlangt, da er beständig gegen die Regeln des Hauses verstößt, fliegt er nach Paris, weil Anton dort einen Film vorstellen wird. Dort kommt es in einem Kino zu einer kurzen scharfen Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit, bei der unser Held wegen seiner unbequemen Fragen rausfliegt.

„Meine üppige Geistesausstattung, meine Feinfühligkeit, meine Intelligenz und mein Geschmack, alles würde zu Asche und Staub. Und so würde es allen auf dieser Welt gehen. Die Zerstörung der Kultur war nur der Anfang. Sinn und Bedeutung würden als Artefakte einer Zeit entlarvt werden, die hinter dem Vorhang der Geschichte verschwand. Danach würde es nur noch Funktion geben.“

Er recherchiert weiter und findet im Netz einige Gruppen, die die rechten Theorien Antons verbreiten und Vorbereitungen treffen, um nach der Macht zu greifen. Er hat Angst, dass die Demokratie in Gefahr ist. Er zweifelt an sich selbst und daran, dass er seine Familie schützen kann. Auf Anrufe seiner Frau reagiert er indes gar nicht mehr. Als er glaubt, den nächsten Aufenthaltsort Antons gefunden zu haben, ja, dass dieser ihm Zeichen gibt, reist er dorthin, um das Schlimmste zu verhindern. In einer schottischen Wanderhütte kommt es dann nicht etwa zu einem Treffen mit Anton, sondern mit der Polizei …

Kunzru lässt uns an der Seite seines Protagonisten in eine verwirrende Welt eintauchen, bei der nicht mehr ganz klar ist, ob der Held sich diese zusammenspinnt oder ob sie der Realität entspricht. Dieser verstrickt sich immer mehr in eine Geschichte, die böse enden kann, für ihn und damit auch für seine Familie. Er glaubt, dass es in dieser Welt bald keine Menschlichkeit mehr geben wird, dass Macht und Gewalt herrschen werden, dass demokratisches Denken bald von faschistischem abgelöst wird und dass Kultur und Kunst langsam verschwinden werden, dass die meisten Menschen, neben einer kleinen Elite zu Untertanen werden.

Und mit solch einem Szenario liest sich dieser Roman mitunter zwar wie eine unrealistische Dystopie, aber andererseits auch wie ein womöglich nicht auszuschließendes Schreckensbild einer nahen Zukunft. Dass am Ende des Romans (unser Held ist inzwischen wieder zuhause in den USA) der von den meisten ausgeschlossene Wahlgewinn Donald Trumps bei der Präsidentschaftswahl 2017 in den USA steht, kommt nicht von ungefähr. Manche Horrorszenarien treten also doch ein. Und in diesem Sinne wirkt auch das eingeschobene Kapitel, in dem eine ehemalige DDR-Punkerin, nun Reinigungskraft in der Stiftung, dem Schriftsteller aus ihrer Zeit erzählt, als Stasi-Überwachung ihr Leben bestimmte und sie gleichzeitig vom individuellen Leben abhielt, zu einem stimmigen Teil des Romans. Es gab und gibt Diktaturen. Und die Sorge um die Demokratie ist aktueller denn je.

„Meine Ärzte waren grundsätzlich Diener des Status Quo. Ihre Arbeit fußte auf der Annahme, dass die Welt erträglich ist, und jeder, der es anders sieht, sollte lernen oder medikamentös dazu gebracht werden, sie zu akzeptieren. Aber was, wenn sie es nicht ist?“

(Diese Fragestellung lässt mich auch kleine Parallelen zu dem aktuellen französischen Roman „Die Anomalie“ finden, der mit ähnlichen Szenarien für Spannung sorgt.) Für mich ist Kunzrus Roman jedenfalls ein wirkliches Highlight; ich kann seiner Sprache, der gelungenen Konstruktion und dem melancholischen Unterton viel abgewinnen. Ich bekam vielfältige philosophische Lektüre- und Denkanregungen und fühlte mich direkt angesprochen. Ein Leuchten!

Der Roman des 1969 in London geborenen Autors erschien im Liebeskind Verlag. Aus dem Englischen übersetzt hat es Werner Löcher-Lawrence. Eine Leseprobe gibt es hier.

Stephen Uhly: Finsternis Secession Verlag

Stephen Uhly ist ein höchst interessanter Erzähler. Seine Stories könnten verschiedener nicht sein, und sie überraschen immer. Sein letzter Roman „Den blinden Göttern“ hat mir auch vor allem wegen des Themas Lyrik gefallen, aber eben auch weil er so abgedreht ist. Dem steht „Finsternis“ in nichts nach. Obgleich der neue Roman als eine Art Krimi angelegt ist, zudem mit einem Thema, das ich durchaus heikel finde, bin ich in kürzester Zeit in dieser spannenden Story verschwunden. Die 200 Seiten habe ich an einem einzigen Tag absolviert.

Man darf über den Inhalt eigentlich gar nicht viel verraten, weil sonst die Spannung wegfällt, die die Geschichte trägt. Also relativ kurz diesmal:

Schauplatz Berlin: Der junge Kriminalbeamte Abid Malik wird zu einem Tatort gerufen. Eine weibliche Leiche um die 60 wurde auf einer Trage auf einer Brachfläche in einem belebten Berliner Kiez abgestellt. Mit seinem erfahrenen älteren Kollegen und Freund Jan West arbeitet er an der Aufklärung des Falles. Was man schnell herausfindet, ist, dass die Tote in der BDSM-Szene unterwegs war. Das stellt die Pathologie anhand des Zustand des Körpers fest. Was man nicht herausfindet, ist die Identität der Toten. Die beiden Ermittler versuchen den wenigen Hinweisen, die sie haben nachzugehen, kommen jedoch nicht weiter. Als Jan ein anonymes Video zugeschickt bekommt, nimmt die Geschichte eine hochspannende Wende. Jan und Abid beginnen ab nun in einer geheimen „Mission“ alleine weiter zu ermitteln, die wahrhaftig in die Finsternis führt.

Kripo-Chef Ballmann fällt währenddessen die zunehmende Unruhe und Abwesenheit Abid Maliks auf und er schickt ihn zu einer Polizei-Psychologin. Das Buch beginnt mit der ersten Sitzung der beiden und so erfährt die Leserin nach und nach in 12 Gesprächen die unheimliche Geschichte der versuchten Aufklärung der Tat, die Abid extrem zusetzt und die er sichtlich schlecht verarbeiten kann. Dabei gelingt es Uhly sehr geschickt, die inneren Zerwürfnisse und Selbstzweifel Abids aufzuzeigen. Er, der anfangs ein souveräner von seiner Arbeit und deren Sinn vollkommen überzeugter Kriminalbeamter war, hinterfragt seine Tätigkeit.

„Wenn ich als Polizist anfange, das Verhalten der Bürger zu beurteilen, hebe ich de facto die Gewaltenteilung auf. Ich mache mich zum Richter. Der Staat funktioniert aber nur, solange die Exekutive nicht damit beginnt, die Kompetenzen der Judikative auszuüben. Das erfordert Disziplin. Dafür wurden wir ausgebildet.“

Unter seiner ausufernden Arbeit leidet auch seine Frau und die beiden Kinder. Jan gegenüber zeigt er absolute Loyalität, auch als dieser die Grenzen seiner Zuständigkeit als Beamter schließlich überschreitet. Seiner Frau gegenüber bleibt er verschlossen. Die Psychologin Dr. Roth kann ihn zunächst durchaus unterstützen, bleibt aber im Verlauf von Abids Erzählung nicht unberührt. Ohne Supervision und mit eigenen Problemen belastet, gerät sie selbst an die Grenzen der Professionalität und unterläuft schließlich das Berufsethos.

Uhly gelingt es in dieser abgedrehten Geschichte in teils bizarrer Szenerie wichtige philosophische Fragen einzubinden: Wie frei sind wir wirklich? Was bedeutet Freiheit für jeden Einzelnen? Was bedeutet absolute Loyalität?

„Als du Polizist wurdest, unterschriebst du deinen Vertrag, mit dem du deine Macht zugunsten der Staatsgewalt aufgabst. Seitdem handelst du nicht als Jan West, sondern als Staatsdiener, nicht wahr? Aber wer ist Jan West, der Staatsdiener? Jan West, der Staatsdiener, ist ein Unfreier, der in der Lage ist, seine Unfreiheit aufzugeben und gegen eine andere Unfreiheit einzutauschen. Darin besteht deine einzige Freiheit.“

Ob das Ende dann am Ende tatsächlich so war, hinterfragt der Autor durch seinen Helden Malik und bietet Varianten des Möglichen an.

Der Roman erschien im Secession Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Besonders erwähnenswert finde ich bei Büchern aus dem Secession Verlag immer die ästhetische Aufmachung. Hier findet sich echter Leineneinband, Lesebändchen, Fadenheftung und Druck auf hochwertigem feinem Papier, dass beim Umblättern ein haptischer Genuss ist. Auch Satz und Schrift heben sich frisch und besonders ab.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.