Kaśka Bryla: Roter Affe Residenz Verlag

Bereits das Cover dieses Buches lockte mich. Schwarz/weiß, Kohle? Tusche? Graphit? eine herausgearbeitete Landschaft? Da ich selbst viel mit diesen Materialien und in schwarz/weiß arbeite, interessierte mich die Künstlerin. Das Buch passte dann auch ausgezeichnet zu einer meiner Graphitfrottagen und wurde darauf abgelichtet.

Der Debütroman von Kaśka Bryla ist allerdings alles andere als schwarz-weiß. Obwohl es um Gut und Böse geht, über das auch heftig und klug diskutiert wird. Die Figuren rund um die Heldin Mania sind allesamt bunt schillernd und auf der Höhe der Zeit und gleichzeitig auch wieder ganz normal menschlich. Da ist Mania selbst, die Psychologie studierte, in Indien lange in Ashrams meditierte, und als Gefängnispsychologin mit Mördern und Vergewaltigern in Berlin Moabit arbeitet. Da ist die Hackerin Ruth, die in Wien lebt, deren Großeltern als Juden Polen verlassen (mussten) und die Mania sehr vermisst. Da ist Zahit, aus Syrien geflüchtet und von Mania 2015 über diverse Grenzen nach Österreich gerettet, der noch keine Aufenthaltsgenehmigung hat, dafür aber mit Drogen dealt und bei Frauen gut ankommt. Da ist Tomek, Kindheitsfreund von Mania, der in Wien lebt, Mania vermisst, aber nun mit der geheimnisvollen düsteren Marina lebt. Der allerdings plötzlich verschwunden ist. Und nicht zu vergessen, die kluge Labradorhündin Sue, die womöglich sogar die eigentliche Heldin des Romans ist.

Mit Tomeks Verschwinden beginnt auch die Reise Manias auf den Spuren der Vergangenheit. Es beginnt mit dem Aufbruch von Berlin nach Wien, wird aber sofort durch Rückblenden gebrochen. So erleben wir prägende Szenen aus der Kindheit Manias und Tomeks, deren beider Eltern aus Polen nach Österreich emigriert sind. Mania schon damals die stärkere der beiden, Tomek oft in sich gekehrt. Ein Erlebnis im Alter von 10 Jahren, aufgrund dessen beide Kinder in psychologische Behandlung gehen müssen, schmiedet beide zusammen. Was es damit auf sich hat, erfährt die Leserin im Verlauf des Romans. Bryla schafft es extrem gut, die Spannung steigen zu lassen und zwar auf mehreren Ebenen.

Aufgrund von Aufzeichnungen, die Mania in Tomeks Wohnung findet, begeben sich Mania, Ruth, Zahit und Sue in Richtung Warschau, woher das letzte Lebenszeichen von Tomek kommt. Auf der Reise im Auto kommt es zu Meinungsverschiedenheiten, zu philosophischen Diskussionen, zu Offenbarungen und zu Unvereinbarkeiten. So klärt sich zumindest Ruths und Manias Verhältnis zueinander, welches dadurch wohl nie wieder so eng und vertraut sein wird, wie es während ihrer Liebesbeziehung war. Während Zahit eher eine Randfigur bleibt, mausert sich Hündin Sue zur echten Heldin, als es auf der Fahrt zum fast erreichten Ziel zu einem Unfall kommt. Sie ist diejenige, die schließlich Tomek durch Geruchsverfolgung aufspürt und ja, letztlich rettet. Sehr einfallsreich, die beiden Kapitel in der direkt aus der Perspektive von Sue erzählt wird.

Was meiner Meinung nach sehr diffus bleibt, ist die Beziehung von Marina und Tomek, obwohl ich darüber sehr viel in den tagebuchartigen Aufzeichnungen Tomeks lesen kann. Psychologisch lässt sich allerdings vieles im Roman deuten. Offenbar zieht Marina Tomek mit all ihren „Schatten“ so in ihren Bann, dass Tomek selbst zum Schattenträger wird. Oder hat er diese ohnehin aufgrund seiner Vergangenheit in sich?

„Heute denke ich, dass ich ihr und dem Schatten bereits am Tag unserer ersten Begegnung verfallen war. Dass sie mich damals schon überzeugt hatte. […] Der Unterschied zwischen Marina und mir bestand nur darin, dass sie die Wahrheit schon ihr ganzes Leben kannte. Die Wahrheit war der Schatten, und ich hatte ihn weit fortgesperrt.“

Der Selbstmord der Mutter Kaja spielt dabei sicher eine Rolle, aber eben auch jenes Ereignis als 10-jähriger. Dieses wiederum treibt Mania so sehr um, dass sie ihr ganzes Leben bisher darauf ausgerichtet hatte, eine vermeintliche Schuld zu tilgen. Dass sie dabei zwar erfolgreich vorgeht und letztlich Rache ausübt, macht sie selbst wiederum schuldig. Findet jedenfalls Ruth … Ich als Leserin irgendwie auch.

„Letztens habe ich gelesen, dass sich unser Gehirn in der frühesten Kindheit nicht über die Wahrnehmung von Objekten programmiert, sondern über die Wahrnehmung von Diskrepanzen. […] Dieser Theorie nach kann unser Gehirn nur etwas wahrnehmen, das unterschieden ist von etwas anderem.“

Geht also doch immer um Schwarz und Weiß, um Schuld und Unschuld, um Gut und Böse? Das eine gibt es nicht ohne das andere, wie es auch Tomek in seinen Aufzeichnungen festhält. Wenn ich jetzt nach der Lektüre ent-spannt auf die Geschichte zurückblicke, bemerke ich erst, wie vielschichtig das Ganze angelegt ist, wieviel Tiefe und doppelte Böden sich darin befinden. Wie viel man über dieses Buch sagen könnte, wie gut man darüber diskutieren könnte. So wünsche ich diesem Buch viele Leser*innen, auf das Diskussionen entbrennen. Ein Debüt, das mir auch sprachlich höchst gelungen erscheint und das trotz seiner spannenden Handlung und aufgrund seiner perfekten Konstruktion viel viel mehr als ein Krimi ist.

„Roter Affe“ erschien im Residenz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ambra Durante: Black Box Blues Wallstein Verlag

„Black Box Blues“ von Ambra Durante ist eine Art Graphic Novel. Schon aus dem Titel heraus kann man ahnen, dass es hier um Depressionen geht. Doch nicht nur das. Der 19-jährigen jungen Frau, die ihre jugendliche Heldin sich selbst und ihr Leben zeichnen lässt, die diversen Abstürze und Dunkelheiten, aber auch das Licht zeigt, das ab und an durchscheint, geht es auch darum, wie schwierig es heute ist erwachsen zu werden. Der, durch die bunte social media Welt vorgegebenen tollen Dauerstimmung kann jemand, der unter Depressionen leidet nicht standhalten. Das drohende Scheitern schwebt immer darüber, das Gefühl, es nicht so gut zu können, wie die anderen. Tröstlich für die Heldin ist der „Klub 27“: diverse Musiker*innen (wie Amy Winehouse, Curt Cobain), die bereits mit 27 den Tod fanden und womöglich mit ähnlichen Dunkelheiten zu kämpfen hatten. Musik machen ist somit auch eine Option, mit der Verlorenheit umzugehen. Mit den diversen Therapeuten ist es schwieriger. Mehr Licht bringt da das Zeichnen. So kann der schwarze Block, der scheinbar immer da ist, zumindest ab und an verkleinert werden. Familie und Freunde sind auch in den dunkeln Phasen von unschätzbarem Wert.

Die Zeichnungen sind comicartig, durchgehend in schwarz/weiß gehalten und oft sehr ausdrucksstark. Mir scheint das Buch allerdings eher für Jugendliche und junge Erwachsene geeignet und vielleicht auch eher für Außenstehende, die gerne einen Einblick in die Krankheit, die das Leben wirklich arg verändert, bekommen möchten. Betroffene werden sich sicher auch wiederfinden und vielleicht wird irgendwo ein kreativer Raum eröffnet. Dann wäre schon viel gewonnen. Mehr Worte möchte ich über das Buch nicht verlieren, denn es wirkt allein durch seine Bilder.

Ergänzend gibt hier es ein aufschlussreiches Interview mit der 19-jährigen Autorin, die in Berlin und Mecklenburg Vorpommern lebt: https://www.ndr.de/…/Black-Box-Blues-Graphic-Novel-ueber-De…

Das Buch erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Die dunkle Nacht der Seele – Psychische Erkrankungen in Roman und Lyrik

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Wenn ich so meine Besprechungen der letzten 5 Jahre überblicke, finde ich immer wieder das Thema Psyche: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Mich interessieren diese Themen brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft autobiographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute, nach „Kunst im Buch“, ein Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in der Lyrik habe ich Hervorragendes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur Besprechung.

Depression

Allen voran der große amerikanische Autor David Foster Wallace, der in seinem frühen Text über seine beginnenden Depressionen als „die üble Sache“ schreibt. David Vann, der in seinem neuesten Roman sehr anschaulich über die Depression seines Vaters schreibt. Connie Palmen, die aus der Sicht Ted Hughes auf Depression und Suizid Sylvia Plaths blickt. Die Sprachzauberin Merethe Lindstrøm, die über Depressionen in Familienkonstellationen schreibt und zuletzt gelesen und aktuell ganz neu: Benjamin Maacks sehr persönliches Buch über die eigenen Depressionen.

andere psychische Erkrankungen

Nancy Hünger schreibt sich mit ihren Gedichten ausdrucksstark in den Selbstverlust einer Frau ein. Die Amerikanerin Julia Cohen schreibt in poetischer Form außergewöhnlich über die eigene (oder die des lyrischen Ichs) Psychotherapie. Akwaeke Emezi erzählt den abgründigen Weg einer seit der Kindheit traumatisierten jungen Frau. Der Lyriker und Romanautor John Burnside schreibt umfassend über eine ganz und gar labile Persönlichkeit. Und der Finne Juha Hurme lässt sich mit seinem „ver-rückten“ Romanhelden durch die Abteilungen einer psychiatrischen Klinik treiben.

Psychiatrie und Psychoanalyse, wie sie einmal war und zum Glück nicht mehr ist

Hier begleiten wir die wohl erste investigative Journalistin der USA, Nelly Bly, die sich 1887 für ihre Recherche freiwillig für 10 Tage ins „Irrenhaus“ einweisen ließ. Die großartige Lyrikerin Christine Lavant lebte nach einem Suizidversuch für 6 Wochen in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt und schrieb 1946, 11 Jahre später, über diese Zeit als 20-jährige. Auf der finnischen Schäreninsel Själö befand sich eine Nervenheilanstalt. Johanna Holmström erzählt aus dem Leben zweier Frauen, die dort 1891 und 1931 eingeliefert wurden. Katharina Adler schreibt in ihrem Roman über ihre Urgroßmutter, die auf der Couch Sigmund Freuds lag und unter dem Namen „Dora“ als Hysterie-Patientin bekannt wurde. Und die Norwegerin Amalie Skram erzählt von einer Malerin, die unter der Doppelbelastung Familie/Künstlerin einen Zusammenbruch erleidet und 1894 von ihrem Mann in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Alle diese Bücher sind auch ohne den speziellen Fokus Psyche uneingeschränkt zu empfehlen. Über weitere Tipps zum Thema würde ich mich freuen.

 

 

Nancy Hünger: 4 Uhr kommt der Hund Edition Azur

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Den Hund kennt man bereits. Der „schwarze Hund“ ist zum Symbol für die Krankheit Depression geworden. Bereits Winston Churchill sprach über seine Depressionen als Schwarzer Hund. Und außer einem kleinen Bilderbüchlein für Erwachsene, welches ich nicht wirklich gelungen finde, hat auch der an Depressionen erkrankte australische Lyriker Les Murray über den „Schwarzen Hund“ geschrieben. Nancy Hünger spricht nur vom Hund, der ihre Heldin regelmäßig in der Nacht um 4 Uhr besuchen kommt.

                                                                    „… bei aller
anstrengung war das anziehen urplötzlich unmöglich
und ich fand nicht mehr hinaus aus dieser nacht die
dem tag glich der der nacht glich und immer so fort
und so weiter urplötzlich unmöglich“

Hünger hat einen sprachlich herausragenden poetischen Band geschrieben. Die Thematik ist keine einfache. Aber die Herangehensweise, damit umzugehen oder zumindest im Nachhinein darüber zu reflektieren ist möglicherweise eine ideale. Die kurzen Sequenzen bilden letztlich eine Einheit und sind aber jede für sich Sprachkonstrukte von besonderer Art. Die Worte reihen sich aneinander, sind im Fluß ohne Punkt und Komma. Die Gedanken sprudeln unaufhörlich, vermeintlich wirr, doch bei wiederholtem Lesen entstehen Zusammenhänge von ganz allein.

                                                           „… jenseits der grenze sind
wir nun ein seltsam fremdes aus seltsam fremden tieren die
einsam immer kleinere runden drehen in den immer
kleineren zimmern die schnüren uns noch die luft schnüren
die uns ab bei lebendigem bewusstsein schnüren wir über
den hof wie kleine halbverhungerte rauchende tiere im zoo
ist man frei denken wir oft dass wir einmal menschen
gewesen sein müssen irgendwie frei bis auf das hemd das
uns trug als wir noch menschen waren die vor einer grenze
standen“

Es geht um eine Frau, die in eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie kommt. Der Eindruck, der beim Lesen entsteht, lässt einen psychischen Zusammenbruch vermuten. Es scheint um eine zerbrochene Beziehung zu gehen. Eine, die glücklich begann, aber unglücklich für die Protagonistin endete. Man könnte aus dem Gelesenen schlussfolgern, dass es sich um eine toxische Beziehung handelte, in der auch Gewalt vorkam, physisch, psychisch und/oder emotional …

Es klingt an, dass die Frau sich vollkommen verloren hat in dieser Verbindung und sinnbildlich nur noch ganz klein ist. Das manifestiert sich aber auch im Körper, der offenbar immer mehr Gewicht verliert. Zumindest stellt das die „Wiegerin“ fest, die täglich nachprüft, ob es denn mehr geworden ist. Denn wenn es nicht mehr wird, gibt es keine Aussicht auf Ausgang, keine Aussicht auf Freiheit. Und dann kommt eben nachts um 4 Uhr der Hund. Und Albträume und der Wunsch nach dem Nicht-mehr-Dasein.

                                                  „ha ha sagen die Kittel c‘ est la vie
oder positiv denken positiv verrecken ha ha
gruppentherapie das leben hat auch schattenseiten carpe
mortem genieße auch die kleinen leiden lerne dich selbst zu
hassen sorge dich nicht sterbe einfach schuldig an dir
selbst“

Es ist so beeindruckend wie die Dichterin diese Erlebnisse sprachlich behandelt. Wie die Worte wirken, wenn sie aus einem gebrochenen Körper, einer verletzten Seele kommen. „Ein unglückliches Sprechen“ heißt es auch im Untertitel. Da kommen Wörter vor wie „Schelf“ oder die „katabatischen Winde“, die ich nicht kannte. Schelf ist ein Begriff aus der Geologie und der Ozeanografie. Katabatische Winde sind z. B. der Mistral oder die Bora, also recht kalte Winde. Und die innerlichen Zustände als Wetter- oder Naturphänomene zu benennen ist da so abwegig nicht.

Ergänzt wird der durchweg kleingeschriebene Text mit Zeichnungen von Tommy Reinhardt, die ebenso überraschen, wie die Worte. Mit Bleistift oder Graphit skizzierte Dinge oder Personen befinden sich jeweils an einigen Stellen in Auflösung, was eine unheimliche Stimmung auslöst, die durchaus zum Geschriebenen passt.

Nancy Hüngers Lyrikband erschien im Verlag Edition Azur. Mehr über die Autorin und ihre bisherigen Bücher gibt es auf der Verlagsseite. Meine Besprechung zum vorherigen Lyrikband „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“ gibt es auf fixpoetry.

David Vann: Momentum Hanser Berlin Verlag

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Liest man David Vanns neuen Roman „Momentum“ und kennt seine vorigen Romane, spürt man, dass alles was zuvor geschrieben wurde auf dieses Buch hinausläuft. Man weiß dann auch, dass einige autobiographisch sind und imgrunde alle auf ein Thema zulaufen: den Suizid des Vaters des Autors.

„Kennt man Vanns Romane, sei es „Die Unermesslichkeit“, „Dreck“ oder „Im Schatten des Vaters“ erscheint „Aquarium“ zunächst um einiges zivilisierter. Alle Romane jedoch basieren auf dem genauen schonungslosen Blick auf menschliche Beziehungen mit all ihren Abgründen. Vater – Sohn, Ehefrau – Ehemann, Mutter – Sohn, immer geht es um Familienbande, die bedingungslos aneinanderketten, obgleich jegliche Liebe erzwungen zu sein scheint und es dann zur Eskalation kommen muss. Fast immer mit Gewalt.“

So schrieb ich in meiner Besprechung zu „Aquarium“. In Momentum geht es nun um eben jenen Moment, der zwischen jeder Zeit liegt und der vielleicht der eine ist/war, der das Leben hätte total verändern oder zum Positiven wenden können. Jedenfalls wünscht sich Hauptfigur Jim immer wieder an diesen Punkt, der für ihn jedoch nie einzutreten scheint. Jim ist depressiv. Leicht manische Phasen wechseln mit absoluten Tiefs. Der 39-jährige Vater von zwei Kindern, von deren Mutter er längst getrennt ist, kommt auf Anraten von Ärzten aus Alaska zu seiner Familie nach Kalifornien zurück. Jim hat sich als gut verdienender Zahnarzt Steuerschulden angehäuft und auch die zweite Ehe mit Rhoda zerbricht an seiner Untreue. Die Familie soll nun Hilfe leisten, rettend eingreifen, weil Jim suizidal ist. Wie das in den USA so ist, hat Jim, wie scheinbar jeder andere, eine Waffe. Und in Gedanken benutzt er diese nicht nur, um sich selbst umzubringen, sondern auch um die eigene Familie auszulöschen.

„Worauf es jetzt ankommt, ist herauszufinden, wie er nur zum Selbstmörder werden kann und nicht zum Massenmörder. Das ist das hohe Ziel, das Jim anstreben kann, der Ertrag eines Lebens voller harter Arbeit. Herzlichen Glückwunsch.“

Vann erzählt direkt und ohne Zurückhaltung von den Rache- und Gewaltphantasien, von der Maßlosigkeit eines Mannes, der nicht mehr ganz bei sich ist. Er erzählt aber auch von den inneren Nöten, von der familiären Prägung, der immer verschwiegenen indigenen Herkunft und von der Unsicherheit eines Mannes, der nirgends mehr Halt findet. Und er erzählt von den fantasiereichen Geschichten, die der Vater seinen Kindern auftischt, etwa die vom fliegenden Heilbutt auf dem Mond (engl. Originaltitel: Halibut on the moon). Der 13-jährige David (=Autor David Vann) und die 8-jährige Tracy himmeln ihren fast immer abwesenden Vater an und folgen gebannt, mitunter verstört seinen Geschichten und seinen sprunghaften Launen.

„Die Wahrheit ist, dass er gerade keinerlei Kontrolle über sich hat. Verschiedene Gefühle überwältigen ihn Tag und Nacht, immer ohne Warnung, ohne eine Ahnung, was als nächstes kommt. Keine Kontrolle zu haben ist erschreckend, ganz besonders vor seinen Kindern. Er will nicht, dass sie das mitbekommen.“

Die Besuche bei Eltern und Bruder, Exfrau und Kindern wirken auf Jim jedoch alles andere als stabilisierend, obwohl alle nach ihrem Empfinden das Beste geben. Das vom Arzt verordnete Medikament wirkt nicht schnell genug. Jims Aufenthalt gleicht einem Wettlauf mit sich selbst, einem ziel- und ruhelosem Treiben durch den Heimatort, einer Reise in die Vergangenheit. Einzig der Vater öffnet sich überraschenderweise kurzzeitig und lässt Nähe erkennen: er gesteht ihm, dass er selbst schon immer ein falsches Leben lebt, dass es schmerzt die eigene Abstammung von einem Cherokee-Vater fortwährend verheimlicht zu haben. Doch wie eine Depression eben ist, kann Jim die Worte nicht wirklich annehmen. Nach nur zwei durchwachten schmerzvollen Nächten kehrt er nach Fairbanks, Alaska zurück und nimmt die Waffe zur Hand …

David Vann gelingt es brillant, Erscheinungsformen der Krankheit Depression darzustellen. Mit großer sprachlicher Klarheit durchdringt er die ewige Sinnsuche und die Ratlosigkeit seines Helden angesichts dieser großen existentiellen Frage.

David Vanns neuer Roman erschien zum ersten Mal im Hanser Verlag und wurde von Cornelius Reiber übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Merethe Lindstrøm: Aus den Winterarchiven Matthes & Seitz Verlag

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“  … über ihm die Decke, unten der Boden, darauf hat er vertraut, darauf muss er vertrauen, er ist gerade eingeschlafen, er schläft, oder vielleicht liegt er denkend da, und dann lässt ihn das alles im Stich, mit einem Mal ist ein offenes Loch unter ihm, die Erde und das Zimmer verschwinden in der Tiefe, alles, was er hatte.

So fühlt es sich an. Merethe Lindstrøm muss es kennen. Sie kennt Depression, Manie und Schizophrenie.  Und wenn nicht aus eigener Erfahrung doch aus nächster Nähe. Jemand der so schreibt, muss das Wesen der Krankheit durchdrungen haben. In ihrem Buch „Aus den Winterarchiven“ schreibt sie über ihr Leben mit ihrem depressiven Mann. Sie kennt psychische Krankheiten auch von ihrem Vater und ihrer Schwiegermutter. Es sind Zeitmomente die sie sammelt, Erinnerungen, die eigene Geschichte, aus der das aktuelle Dasein resultiert. Es ist die Geschichte einer Partnerschaft, einer Familie mit drei Kindern. Einer Familie, die zeitweise in Armut lebt, Möbel verkaufen muss, ja sogar manch Spielzeug der Kinder, um zu überleben.

Später wird es finanziell etwas besser. Die Familie ist aufs Land gezogen, 3 Hunde kommen dazu. Die Frau arbeitet als Schriftstellerin, der Mann ist Künstler, Maler, wenn er es denn schafft. Denn ihn ereilen immer wieder depressive Schübe. Dann ist er kaum erreichbar, dann braucht er Drogen und Medikamente zum Dämpfen, zum Durchhalten. Er leidet noch immer unter der Willkür der schizophrenen Mutter und dem alkoholsüchtigen wenig ansprechbaren Vater in der Kindheit. Für die Frau ist das schwer auszuhalten und dennoch bleibt sie, versucht zu stützen, muss sich zeitweise abgrenzen. Und gerade das ist wichtig für den Mann. Auch die Frau hatte eine unsichere Kindheit, die Mutter alleinerziehend und überfordert, die kleine Tochter viel zu früh zur Selbständigkeit gezwungen. Wir hören von langen heilsamen Spaziergängen in der Natur, von durchwachten Nächten und der Abgrenzung der eigenen Kinder. Wir erfahren über den Alltag, über den Kampf, den ja gerade Künstler mit sich und der Welt auszutragen haben, vor allem wenn davon der Lebensunterhalt abhängt. Kreativität ist eben nicht immer sofort abrufbar.

„Mit Rausch oder ohne, in der Nacht geschriebene Notizen sind am Morgen immer fremd. Die Nacht befördert etwas hoch, zeigt es, wie es ist, das Vergessene, ist denn die Sprache nachts nicht eine andere, die Nachtsprache, ist sie nicht wahrer, ich glaube schon.“

Merethe Lindstrøms Aufzeichnungen sind in feinster Sprache verfasst und verdichtet. Jedes Wort sitzt. Sie hat ein Talent, ein schwieriges Leben aus der Schönheit ihrer Sprache heraus in etwas besseres zu verwandeln. Nie geht sie so weit, ihre Biografie vollkommen aufzublättern, sich zu entblößen. Und das macht gerade Biografisches zu gelungener Literatur. Und so finden sich unendlich viele hochpoetische Sätze:

„Als stünde ein Minuszeichen davor. Vor deinen Tagen, vor diesen Orten, deinen Sätzen, als würdest du auslöschen, sie löschen.“

oder

„…man möchte am liebsten den Blick und nicht nur die Augen schließen, …“

Was hier zu erlesen ist: Gute Literatur hat immer mit faszinierender Sprachkunst zu tun, auch wenn das Thema ein schweres ist. Ein Buch, dass mich entfernt an die Notizbücher ihres Landsmanns Tomas Espedal erinnert.

Die Autorin und gleichzeitig Heldin dieses Buches wurde 1963 in Bergen in Norwegen geboren. Die deutsche Übersetzung kommt von Elke Ranzinger. Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem wunderbaren Blog Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis CD Der Hörverlag

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Am heutigen 14. Mai wurde vor 70 Jahren der Staat Israel gegründet. Aus diesen Zeiten erzählt auch Amos Oz, (eigentlich Klausner) der große israelische Schriftsteller in „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Es ist die Geschichte des kleinen Jungen, der er war, ausgehend von der Geschichte seiner Familie, die aus Osteuropa kommt und im Nahen Osten ein neues Zuhause fand. In Jerusalem leben sie, in der Stadt, in der beide Eltern studierten und sich kennen lernten, in der er zur Welt kam. Ungetrübt bleibt weder die Liebe von Vater Arie und Mutter Fanja, noch die Freude über die Gründung des eigenen Staates, in dem die Juden endlich ihre rechtmäßige Heimat finden wollten.

Oz`Mutter, deren Depression alias Migräne er einfühlsam und ausführlich schildert, nimmt sich das Leben. Und der neue Staat wird bereits kurz nach der Gründung vom arabischen „Feind“ angegriffen, der das Land keineswegs teilen wollte. Wie schrecklich, dass die Juden, gerade geflohen und überlebt, sogleich in eine neue Zeit des Krieges und der Unsicherheit gerieten. So einen genauen geschichtlichen Überblick über die Vorkommnisse bei der israelischen Staatsgründung hatte ich bisher nicht. In Verbindung mit einer so persönlichen Geschichte in Form eines Romans finde ich mich am besten ein in ein fremdes Land. Oz ist das wunderbar und überzeugend gelungen.

„Der Rest der Welt hieß bei uns gewöhnlich »die ganze Welt«, […] Die Ganzewelt
war fern, anziehend, wunderbar, aber sehr gefährlich und uns feindlich gesinnt: Sie mochte die Juden nicht, weil sie klug, scharfsinnig und erfolgreich waren, aber auch lärmend und vorwitzig. „

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ – stimmiger könnte der Titel dieses Romans gar nicht sein. Wechselweise erzählt Oz von der Geschichte Israels und der Geschichte seiner Familie und es ist schwer zu sagen, welcher Teil erschütternder ist. Dennoch schafft es der Autor auch humorvoll zu erzählen, vor allem wenn er die Sicht des kleinen Jungen einnimmt. Über die Krankheit und den Suizid seiner Mutter reden bzw. schreiben konnte Oz erst viele Jahre später, umso eindringlicher geschah es in diesem Buch.

Ulrich Matthes bringt Oz` wunderschöne Sprache zum Leuchten. Matthes liest eindringlich und mit sehr viel Leidenschaft, so dass die 6 Cd´s, es ist eine gekürzte Fassung, im Nu angehört sind, aufhören kann man dabei nicht. Das Hörbuch erschien bereits 2005 bei Der Hörverlag. Auf der Verlagsseite gibt es eine Hörprobe.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Er wurde auch verfilmt von Natalie Portman. Der Film hat mich allerdings nicht überzeugen können.