Annie Ernaux: Der Platz Hörspiel Der Audio Verlag

Auf nur einer CD mit Laufzeit von 1 Stunde, 18 Minuten inszenierte Der Audio Verlag Annie Ernauxs Buch „Der Platz“.  Als Hörspiel ist es ausgeschrieben, bleibt aber glücklicherweise überwiegend in Nähe einer raffiniert eingesprochenen Lesung. Die Tonuntermalung empfand ich anfangs gewöhnungsbedürftig, doch dann konzentrierte ich mich ausschließlich auf die ausdrucksstarke warme Stimme der Schauspielerin Stephanie Eidt und freute mich über die gelungene Umsetzung des Textes.

„Wenn ich Proust oder Mauriac lese, kann ich nicht glauben, dass sie über die Zeit schreiben, als mein Vater Kind gewesen ist. Seine Welt ist das Mittelalter.“

Die französische Autorin Annie Ernaux erzählt in dem nur 100 Seiten zählenden, in Frankreich bereits 1983 erschienenen, „Der Platz“ über ihren Vater. Beginnend mit seinem Tod, assoziiert sie frei über sein Leben. Nach und nach erfahren wir, dass er bereits im Alter von 8 Jahren auf dem Bauernhof helfen musste, mit 12 von der Schule abging und dann auf dem Hof arbeitete, wo schon der Großvater Arbeit fand. Irgendwann schafft er den Wechsel zum Arbeiter. Inzwischen ist er mit Annies Mutter verheiratet. Eine Tochter wird geboren (die mit 7 Jahren an Diphterie starb). Es wird gespart, um ein Geschäft zu eröffnen. Im kleinen Ort Lillebonne führen die Eltern schließlich den Kramladen mit Bar im Arbeiterviertel. Doch der Laden wirft nicht genug ab. Der Vater muss zusätzlich arbeiten gehen. Die Mutter managt den Laden. Für die Verwandten gelten sie als reich.

Annie Ernaux erzählt gleichzeitig, wie sie versucht, dieses Buch über den Vater zu schreiben. Ihr wird klar, dass es keinen Roman geben wird. Es wird eine große Herausforderung. Sie bleibt nah am Geschehen, an den erinnerten Worten, nah am tatsächlichen Leben. Die Schwierigkeiten die mit dem Schreiben verbunden sind, das Schwanken zwischen persönlichem Empfinden und möglichen Anklagen, Scham oder gar Verrat.

Annie wird 1940 mitten im Krieg geboren. Der Vater bringt die Familie durch. Die Eltern kehren in den Heimatort Yvetot zurück. Nach dem Krieg übernehmen sie wieder einen Laden mit Kneipe. Wieder arbeitet der Vater zu, diesmal in einer Ölraffinerie, bald als Vorarbeiter.

„Wir hatten alles, was man braucht. Was bedeutete, dass wir uns satt aßen und dass es in der Küche und der Kneipe, den einzigen Räumen, in denen wir lebten, warm war. Zwei Garnituren Kleider, eine für unter der Woche, eine für sonntags.“

Der Vater kauft das Haus und das Grundstück. Soviel hatte keiner in der Familie erreicht. Und dennoch, der Neid, das Sparen, das Misstrauen, die Vergleiche, das Gefühl der Unterlegenheit, die Scham. Der andauernde Streit zwischen den Eltern ist immer präsent. Die Tonlage geprägt von gegenseitigen Vorwürfen.

„Ein andauernder bodenloser Mangel.“

Die Tochter Annie ist eine gute Schülerin, sie geht auf die höhere Schule, das Pensionat, dass die Mutter ausgesucht hat. Sie entfernt sich vom Dialekt des Elternhauses und entwickelt ein Bewusstsein für Sprache. Nach dem Abschluss beginnt sie auf Lehramt zu studieren. Sie reist ins Ausland und wechselt das Studium: Literaturwissenschaft. Dem Vater ist das alles fremd. Er begreift nicht die Lust der Tochter am Denken und Lernen. Aber er akzeptiert, denn so wird sie etwas Besseres, wird keinen Arbeiter heiraten müssen. Tatsächlich heiratet Annie einen Politikstudenten und zieht mit ihm weg. Sie arbeitet als Lehrerin. Ein Sohn wird geboren. Die Besuche bei den Eltern werden rar. Der Ehemann begleitet sie nie. Der Abstand, nicht nur der räumliche, ist zu groß geworden. Annie ist „aufgestiegen“ …

Ernaux beschließt ihren Text wiederum mit dem Blick auf den Tod des Vaters, der kurz vor seinem geplanten Ruhestand mit 68 eintritt. Sie konnte noch Abschied nehmen und beginnt mit dem Buch, dass sie erst Jahre später in der vorliegenden Form beendet.

Im Booklet findet sich Aufschlussreiches über die Autorin und die Entstehung des Hörspiels. Die Übersetzung stammt von Sonja Finck, das Buch erschien im Suhrkamp Verlag, wie alle Neuauflagen der autobiographischen Bände von Annie Ernaux. Hier auf dem Blog habe ich bereits „Die Jahre“ besprochen. Große Empfehlung!

 

Ulrich Alexander Boschwitz: Menschen neben dem Leben Hörbuch Der Audio Verlag

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Der 1915 in Berlin geborene Autor Ulrich Alexander Boschwitz hat nicht viel schreiben können, denn er starb früh mit 27 Jahren. Mit nur 20 schrieb er diesen ersten Roman im skandinavischen Exil, wohin er als Jude mit der Mutter 1935 geflohen war. Das Buch war erfolgreich und so konnte er sich ein Studium in Paris leisten. Doch die Flucht ging weiter nach England, wo man ihn aber nach Kriegsbeginn zunächst internierte und dann in eine Strafkolonie nach Australien brachte. Dass sein Schiff auf der Rückreise aus der Gefangenschaft 1942 von einem deutschen Boot versenkt wurde, ist bittere Ironie des Schicksals. Sein zweiter und leider letzter Roman „Der Reisende“ von 1939 wurde bereits im vorigen Jahr von Wiederentdecker Peter Graf herausgegeben. Ich kann beide sehr empfehlen.

Da eine Reise mit dem Auto anstand und ich beim Fahren gerne Hörbücher höre, hatte ich mich diesmal für das Hörbuch entschieden.

Boschwitz`Debütroman spielt im Berliner Lumpenproletariat anfangs der 30er Jahre: Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Kriegsversehrte, Armut.

„Ein alter Mann betrat den Keller, und Schreiber betrachtete ihn erstaunt. Er war bei seinen Kunden keine große Eleganz gewohnt, aber dieser Mann war nicht bekleidet, sondern behangen. Um seine Schultern schlotterte ein viel zu weites Jackett. Die ehemals wohl amerikanisch geschnittene Sporthose, jetzt eine farblose
Menge Stoff, war viel zu breit und verhüllte sackartig seine Beine. Der ehemalige Besitzer musste ein gut beleibter, großer Mann gewesen sein. Denn anders ließ sich
die Differenz zwischen Träger und Getragenem nicht erklären. Dieser hier war klein, und wenn er ging, so hatte es den Anschein, als würde er einen Rock statt Hosen tragen. Der Schritt reichte ihm bis zu den Knien und die offensichtlich zu langen Hosenbeine waren so abgeschnitten worden, dass sich zahllose Fransen gebildet hatten. Dazu trug er einen Hut, der ihm recht gut passte und das Lächerliche und Vogelscheuchenartige seiner übrigen Erscheinung nur noch mehr hervorhob. Sein Gesicht war gelb und knochig. Mit matten Augen sah er sich in dem Raum um.“

Fundholtz lebt vom Betteln. Zusammen mit dem dicken „Tönnchen“, einem geistig Zurückgebliebenen, den er unter seine Fittiche genommen hat, schlägt er sich durch die Straßen, immer auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht und etwas zu essen. Oft dabei: der arbeitslose Grissmann, vormals Straßenbahnschaffner, der sich mit allerlei kleinen Gaunereien ein Zubrot zur Stütze verdient. Der Leser/Hörer begleitet die drei durch die Stadt und lernt so diverse weitere typische Berliner Zille-Milljöh-Gestalten kennen, wie etwa den Gemüsehändler, der seinen miefigen, feuchten Keller als Absteige vermietet. Oder die Kriegswitwe Fliebusch, die immer noch auf ihren gefallenen Mann Wilhelm wartet. Es taucht der kriegsversehrte Blinde Sonnenberg auf, der sich mit dem Verkauf von Zündhölzern über Wasser hält, im Gefolge seine Frau Elsie, eine die früher „Tippeln“ ging, sprich als Prostituierte auf der Straße arbeiten musste. Der Zuhälter Wilhelm, der nach einer auskurierten Krankheit nicht wieder in die Gilde seiner Zunft zurückkehren, sondern richtig arbeiten will und die junge Hermine, Minchen, die sich von reichen, älteren Männern finanzieren lässt und mit dem Geld auch ihrem Vater, einem ehemaligen, nun entlassenen Bezirksrichter, zuhilfe kommt. Sie alle landen abends oft im „Fröhlichen Waidmann“, einer Kneipe mit Tanzsaal, um den Alltag und ihr wenig frohes Dasein hinter sich zu lassen, beim Tanzen oder beim Trinken. Dort kommt es schließlich auch zu einem Showdown zwischen dem Blinden und Grissmann, als Elsie mit diesem tanzt und turtelt.

Der Roman erinnert an Döblins Berlin Alexanderplatz, an Kästners Fabian, an Tergitts Käsebier und an Brechts Dreigroschenoper, steht aber doch ganz für sich. Boschwitz hat einen Blick für die „kleinen Leute“. Seine Sprache ist nicht so derb, wie bei Döblin oder Brecht. Er wendet sich fast liebevoll seinen Figuren zu, die er typgerecht ausgearbeitet hat. „Menschen neben dem Leben“ ist ein ausgezeichnetes Zeitdokument. Schlimm ist es allerdings, dass die Geschichte fast gleich auch in heutiger Zeit spielen könnte, denn auch in unserer Wohlstandsgesellschaft müssen Menschen immer noch betteln und obdachlos leben.

Das Hörbuch  aus dem Audio Verlag ist ungekürzt (7,46 Stunden) und aus- und eindrucksvoll gelesen von dem Schauspieler Hans Löw. Auch das informative Nachwort von Peter Graf ist beim Hörbuch dabei. Eine Hörprobe gibt es hier.

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele CD Der Audio Verlag

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»Ihr, die ihr Leid über den einfachen Mann brachtet,
ihr, die ihr über sein Leid lachtet, fühlt euch nicht sicher.
Der Dichter erinnert sich.«
Czesław Miłosz

Mit einem Zitat des großen polnischen Dichters Czeslaw Milosz beginnt der 1974 geborene französische Journalist Olivier Guez seinen Roman und auch dem Hörbuch wird dieses gut gewählte Zitat vorangestellt. Die ungekürzte Lesung des Romans „Das Verschwinden des Josef Mengele“, extrem gut interpretiert von Burghart Klaussner, erzählt nicht, wie ich zuerst dachte nur die Geschichte Mengeles nach Ende des zweiten Weltkriegs, sondern führt viel weiter. Sie zeigt auf, welch ein neues Netz aus alten Nazis und Sympathisanten im fernen Südamerika, ja vor allem in Argentinien unter Perron entstehen konnte. Sehr spannend wird hier ein Teil deutscher Nachkriegsgeschichte erzählt, der gleichzeitig erschreckend darstellt, wie viele Nazi-Größen unverfolgt mit dem Leben, sogar einem ausgesprochen guten, davon kamen.

Im ersten Teil „Der Pascha“ wird von Mengeles Flucht berichtet. Von den Menschen, die ihn unterstützten, von der Reise über die Schweiz nach Deutschland, nach Günzburg, als noch kein Verfolger in Sicht war, um den Vater zu besuchen und seine verwitwete Schwägerin kennenzulernen. Sie wird im später folgen und ihn heiraten. Auf das zunächst geschützte, freie Leben in Buenos Aires folgt nach der Entführung Eichmanns durch den Mossad, die richtige Flucht, das unstete Leben.

„Die Bundesrepublik begnügt sich damit, auf den Verbrecher gegen die Menschheit ein Kopfgeld auszusetzen.“

Dank Simon Wiesenthals und Fritz Bauers unermüdlichen Bemühungen wurden doch immer wieder Verhaftungen erreicht.

Im zweiten Teil „Die Ratte“ ändert sich die Stimmung zunächst total. Es geht um die Erinnerung an die Taten. Guez hat aus allen verfügbaren Quellen recherchiert. Es geht nun um die unfassbar hohe Zahl der Menschen, die durch Mengele starben. Es geht um die grausamen Menschenversuche, die Mengele unter dem Thema „wichtig für die deutsche Medizinforschung“ durchführte. Eiskalt und fanatisch durchführte.
Dann geht es weiter mit der Flucht aus Argentinien zunächst nach Paraguay und weiter nach Brasilien mit mehrmaligen Umzügen, mittlerweile in den 1960er Jahren, immer noch mit Alt-Nazi-Hilfe und Geld aus dem Erbe des verstorbenen Vaters.

Der Hörbuchfassung liegt natürlich auch die Buchübersetzung aus dem Französischen von Nicola Denis zugrunde. Die Lesung erschien im Deutschen Audioverlag in Kooperation mit dem Kulturradio rbb.