Anne von Canal: Whiteout Mare Verlag

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Schade … Anne von Canals Debütroman „Der Grund“ war richtig gut. Im Prinzip ist zwar gegen den nun vorliegenden neuen Roman „Whiteout“ nichts zu sagen. Er ist solide gemacht, recht gut konstruiert, aber er haut mich eben nicht um, weder inhaltlich noch sprachlich. Er fesselt mich bei weitem nicht so, wie „Der Grund“ es in seiner Vielschichtigkeit tat.

Von Canals „Whiteout“ ist eine Freundschaftsgeschichte, die in Rückblenden erzählt wird, ausgehend und erzählt von der Hauptperson Hanna, einer Glaziologin. Sehr schade finde ich, dass das Thema Gletscherforschung imgrunde nur als Ausganspunkt für die Geschichte gewählt wurde, die sich dann größtenteils aus den Erinnerungen Hannas speist. Viel erfährt man leider über diese Wissenschaft und über die Forschung im Eis nicht. In der Tat hatte ich gerade diese Ausgangssituation für äußerst spannend gehalten. Natürlich bieten sich die Bohrungen im Eis als Metapher für „Bohrungen“ in der Vergangenheit an …

Der Inhalt ist kurz erzählt: Hanna und ihr Bruder Jan lernen als Kinder die Pfarrerstochter Friederike, genannt Fido kennen und die drei werden unzertrennlich. Sie planen nach der Schulzeit ein gemeinsames Studium in Hamburg. Doch bevor es dazu kommt verschwindet Fido ohne Erklärung auf Nimmerwiedersehen.
Ausgerechnet während der wichtigen Forschungsarbeit in der Antarktis erhält Hanna eine Nachricht ihres Bruder Jan, mit dem sie kaum mehr Kontakt hat. In seiner Mail schreibt er, Fido sei tot. Diese Nachricht verwirrt Hanna so, dass sie zunehmend unkonzentrierter in ihrer Arbeit wird, da sie ständig in Erinnerungen an die Zeit mit Fido gestürzt wird.

Ein „Whiteout“ ist ein meteorologisches Phänomen, dass auf eine besondere Sonnenreflexion in Polargebieten zurückzuführen ist. Sie kann bei Beobachtern psychisch zu Beklemmungen und physisch zu Desorientierungen führen. Insofern ist der Titel stimmig gewählt, denn Hannas Zustand verstärkt sich durch das Whiteout noch. Ein aufkommender Schneesturm tut sein Seiniges …

Anne von Kanals Roman erschien im Mare Verlag, ebenso wie ihr voriger Roman, den ich deutlich besser fand. Eine Leseprobe gibt es hier . Eine weitere Blog-Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten

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Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind Eichborn Verlag

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Es gibt sie also glücklicherweise noch immer, die bemerkenswerten Debüts, die sich keiner Mode und keinem Schreibschuleneinerlei unterordnen. Ich bin ziemlich beeindruckt von Andreas Mosters Roman, der in keiner Großstadt spielt, schon gar nicht in Berlin … Ganz ähnlich erging es mir erst kürzlich mit Juliana Kalnays Erstling „Eine kurze Chronik des Verschwindens“ und auch bei Laura Freudenthalers Romandebüt „Die Königin schweigt“ (Besprechung folgt nach Erscheinen). Es macht mich sehr froh, solche Talente zu entdecken.

Allen drei ist gemein, dass sie den Leser sofort, obwohl eigentlich noch nichts weiter passiert ist, von Anfang an in einen Spannungszustand versetzen, der sich durchs ganze Buch hält. Schwer erklärbar, wie sie das schaffen. Vielleicht ist das genau das Geheimnis eines guten Schriftstellers.

„Die Zeit ist eine Fliege an der Wand. Wir sehen hin, gezwungenermaßen, weil sich sonst nichts bewegt. Die Fliege läuft über die Wand, ohne Spuren zu hinterlassen. So ist es immer: Die Zeit geht spurlos an uns vorüber.“

Mosters Roman spielt in einer archaischen von Männern dominierten Welt, wie man sie sich nur in abgelegenen Gegenden, in Dörfern noch vorstellen kann. Die Frage in welcher Zeit der Roman spielt, drängt sich auf, bleibt aber unbeantwortet und wird schließlich unwichtig. Er handelt von fünf Mädchen im Übergang zur Frau begriffen, die dieser eintönigen gewalttätigen Welt ausgeliefert sind, und die fort von dort wollen. „wir leben hier, seit wir geboren sind“ – und normalerweise ließe sich daran auch nichts ändern. Um wegzukommen bedarf es jedenfalls Hilfe, am besten in Form eines männlichen Wesens.

In dieses Bergdorf, dass von Kalkfelsen mit einem Steinbruch umgeben ist, in dem die meisten der Männer arbeiten, kommt ein junger Mann. Georg Musiel soll überprüfen, wie rentabel der Steinbruch noch ist, der laut Bilanz nur rote Zahlen schreibt. Moster schreibt vom Steinbruch wie einem körperhaften Wesen, wie überhaupt viel auf Körperlichkeit und Sinnlichkeit in dieser Geschichte gesetzt wird: schön auch das Titelbild des Buches, das an ein steinernes Gesicht erinnert, dass einem erst auffällt, wenn Moster die absolut gelungene Szene von der Sprengung erzählt. Georg und der Berg bestimmen schließlich das Schicksal der Männer, die ihn los werden wollen, aber auch das, der fünf Mädchen, die ihn nicht allein wieder gehen lassen wollen.

„Die Sonne steht tief über den Gipfeln, und wir setzen und auf die Mauer, müde vom Tag, müde von der Langeweile, müde von der Rätselhaftigkeit dieses fremden Mannes, der durch unser Dorf geht und Dinge berührt, die keine Bedeutung für uns haben, keinen Sinn, außer da zu sein und es immer zu bleiben.“

Diese vibrierende Stimmung hält sich durch den ganzen Roman. Der Faden ist zuäußerst gespannt und es kommt wie es kommen muss zu einer Zerreißprobe zwischen jung und alt, alt und neu, zu einem Showdown, der Verluste aber auch Hoffnung hervorbringt und keinen der Protagonisten so zurücklässt wie vorher.

„Die beiden Hälften einer Welt: Georg der Tag, unsere Väter die Nacht, dazwischen die lose Naht der Dämmerung.“

Moster erschafft eine dichte Atmosphäre und passt seine Sprache dem Erzählten an. Durch häufige Wiederholungen ganzer Sätze, die wie Beschwörungen anmuten rhythmisiert er seinen Text und macht ihn gleichzeitig zu einem ewigen Kreislauf. Er durchbricht die unendliche Eintönigkeit seiner Figuren durch das Auftauchen des „Fremden“, scheinbar Bedrohlichen. Keiner bleibt davon unberührt. Seltsame Rituale und Traditionen werden plötzlich aufgebrochen. Moster nimmt außerdem verschiedene Erzählperspektiven – Ich, Wir, Er – ein: vor allem die, eines der fünf Mädchen, dessen Name erst am Schluss genannt wird und einmal – toller Kniff – die eines Hundes, der einen Mord beobachtet.

Womöglich wirkt meine Beschreibung des Buches etwas wirr, überfrachtet gar, doch kommt das nur aus schierer Begeisterung:  Alles ist stimmig, alles fügt sich zu einem Ganzen. Ein literarisches Leuchten!

Andreas Mosters Roman „wir leben hier, seit wir geboren sind“ erschien im Eichborn Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit dem Autor gibt es hier .
Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten und ein weiteres Interview mit dem Autor bei Zeilensprünge .

Ursula Krechel: Landgericht btb Verlag

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Kürzlich lief die sehr gute Fernsehverfilmung von Ursula Krechels mit dem Deutschen Buchpreis 2012 ausgezeichneten Roman „Landgericht“. In meinem Lesekreis wurde nun das Buch gelesen und ich war gespannt wie gut die Umsetzung nun wirklich gelungen ist.

Krechels Roman basiert auf einer wahren Geschichte und greift ein Thema aus der deutschen Geschichte auf, welches bisher wenig literarisch beleuchtet wurde: Die Wiedergutmachung an vom Nationalsozialismus geschädigten Personen im Nachkriegsdeutschland.

Für jeden Anspruch mußte ein gesonderter Akt angelegt werden: für die beruflichen Schäden, für die gesundheitlichen Schäden, für die materiellen Verluste. Nur der Verlust an Angehörigen, an Lebensfreude, Lebensgewißheit war nicht aufzulisten, zu beziffern. Mit Grundbüchern und Handelsregistern war leichter umzugehen als mit ideelen Werten wie der seelischen und körperlichen Gesundheit und ihrer Dokumentation. Leichter als mit Leben und Tod.

Was mir sofort auffiel an Krechels Roman war die Sprache. Etwas, was der Film natürlich nicht leisten kann. Die Autorin bedient sich einer wunderbaren Sprache, sie schöpft aus dem ihr innewohnenden Sprachmaterial und macht das Buch sogleich zu etwas einmaligem. Ich kenne Ursula Krechels Lyrik und sie ist es, die man oft beim Lesen hindurch scheinen sieht. Allein die Szene, gleich am Anfang des Romans, das Wiedersehen der Kornitzers nach über 10 Jahren am Bahnhof von Lindau, spiegelt Krechels Poesie. Hier können Gefühle und innere Befindlichkeiten viel stärker ausgedrückt werden als im Film. Das ist eine große Stärke dieses Buches.

Das Ehepaar Kornitzer lebt mit beiden Kindern recht wohlhabend in Berlin. Er ist Richter, sie ist als Geschäftsführerin tätig. Als die Nazis an die Macht kommen, müssen die beiden handeln: Sie schicken die beiden Kinder schweren Herzens mit einem Kindertransport nach England. Richard Kornitzer, jüdischer Herkunft, kann gerade noch rechtzeitig nach Kuba fliehen. Seine Frau Claire, die keine Jüdin ist, flieht aus Berlin nach Süddeutschland und überlebt den Krieg auf einem Bauernhof in einem Dorf überm Bodensee. So zerfällt die Familie ganz.

Nach Richards Rückkehr nach Deutschland nach Kriegsende, zehn Jahre sind vergangen, versuchen die Kornitzers wieder Fuß zu fassen. Er wird nach ewig langem bürokratischem Schriftverkehr ans Landgericht ins total zerstörte Mainz berufen. Was er dort vorfindet, ist unglaublich und undenkbar. Die gleichen Personen, die während des Nationalsozialismus das Sagen hatten, finden sich erneut in hohen Positionen, etwas was für Kornitzer (und für mich beim Lesen ebenso) schwer erträglich ist.
Während ihr Mann in Mainz arbeitet, beginnt Claire die schwierige Suche nach den Kindern. Doch als die Kinder gefunden sind, stellt sich heraus, dass sie ihren Eltern komplett entfremdet sind. Georg und Selma „durchliefen“ mehrere Pflegefamilien, bis sie endlich etwas Ruhe fanden. Beide Kinder wollen lieber in England bleiben und schweren Herzens akzeptieren die Kornitzers letztendlich diesen Wunsch. So furchtbar dieser Entschluss für beide Eltern ist: die Kinder sollen glücklich sein. Während Richard sich im Gericht durch neue Gesetze und immer mehr Anträge kämpft, hat Claire, die vorher selbstständig mit Kinowerbung gearbeitet hat, die Idee in Mainz ein eigenes Kino aufzubauen. Doch Mainz ist nicht Berlin: Claire sollte als Richtersgattin nichts Eigenes machen, schon gar kein Kino. Sowohl die Bank verweigert die Unterstützung, als auch der eigene Ehemann …

Krechel hat ihren Roman nicht komplett chronologisch angeordnet. So folgt auf die oben beschriebene Passage ein Rückblick in die noch „normale“ Zeit als die Kornitzers sich kennen lernen und miteinander leben, jeder mit seinem ausfüllenden Beruf. Beide Kinder kommen zur Welt, doch die Zeichen spitzen sich zu …

Auch die Zeit Richard Kornitzers auf Kuba wird erst später erzählt. Großes Glück hatte er, denn nach der Ankunft seines Schiffes, wurden keine weiteren Flüchtlinge mehr aufgenommen und selbst die Menschen, die weiter in die USA wollten, erfuhren von Amerika die Ablehnung – besonders interessant, wenn man es mit der heutigen politischen Situation vergleicht …

Richard Kornitzer, ein Mann der nach dem Krieg nach Hause, nach Deutschland zurückkehrt, um sein Land in ein neues demokratisches zu verwandeln, der helfen will mit aufzubauen, auf der Grundlage des Grundgesetzes, scheitert. Nach langen Auseinandersetzungen bezüglich Rückerstattungen wird er auch geflissentlich übersehen bei der Nachfolge ins nächsthöhere Richteramt. Kornitzer verstrickt sich immer mehr in seinen Widersprüchen und Klagen, als sei es das einzige was im Leben noch zählt. Seine Gesundheit wird dadurch enorm beeinträchtigt: Herzprobleme, Angst. Es ist letztlich das Gefühl der Schuld, überlebt zu haben, weiterhin der Außenseiter zu sein, dass ihn immer weiter treibt.

„Man behandelt nicht die Angst, nicht die Verletzung, die Empfindlichkeit gegen neue Verletzungen, man sieht nur das Organ. Daß der Knick in der Lebenslinie irreparable Schäden für die Verfolgten nach sich zieht, war den meisten Ärzten in den fünfziger Jahren nicht klar.“

Auch Claire ist gesundheitlich angeschlagen. Als Richard eines Tages, bereits nach seiner Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen, einmal mehr in Berlin ist, um seine Wiedergutmachungsanträge zu verteidigen, bricht Claire zusammen und kommt nicht wieder auf die Beine. Sie stirbt. Währenddessen ändert sich auf Kuba das politische Klima und Kornitzer steht plötzlich seiner kubanischen Tochter gegenüber …

„Landgericht“ ist ein sehr wichtiges Buch, auch heute noch. Ich habe sehr viel Neues erfahren aus der Nachkriegs- und Emigrantengeschichte. Besonders schön, so etwas auch noch auf sprachlich höchstem Niveau zu lesen. Unbedingt empfehlenswert!

Der Roman ist bei Jung und Jung erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch bei btb. Eine Leseprobe gibt es hier.

Jonas Lüscher: Kraft C. H. Beck Verlag

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„So einfach ist das nicht, Kraft, nie und nichts.“

Nachdem Jonas Lüscher mit seiner vor einigen Jahren erschienen Novelle „Frühling der Barbaren“ überraschenden und zu Recht großen Erfolg hatte, ist nun sein Roman „Kraft“ erschienen. Anfangs brauchte ich etwas Zeit, um mich in Lüschers Sprache einzulesen. Doch ab dem zweiten Kapitel wurde es ein großes Vergnügen, denn Lüscher hat sprachlich echt was drauf, um es salopp auszudrücken. Wirklich gut konstruiert ist dieser Roman, der immer wieder aus Krafts Gedanken in seine Vergangenheit schwenkt. Dabei wird die Hauptsache, nämlich der Millionengewinn, den sich die Hauptfigur Kraft zu erschreiben hofft, eigentlich zu einer Randgeschichte.

Es geht um eine philosophische Frage:„Warum lässt Gott, wenn er doch vollkommen ist, das Böse auf der Welt zu?“  Oder in diesem Fall, leicht abgewandelt: „Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ „Alles ist gut, aber wir können es noch verbessern.“ Diese Theorie soll untermauert werden, so will es ein schwerreicher Millionär aus dem Silicon Valley und er schreibt für die beste Antwort einfach mal eine Million aus. Kraft denkt sich, das kommt ja sehr passend. Er braucht Geld, da er sich monetär vollkommen übernommen hat und zudem scheint die Beantwortung dieser Frage für ihn, den angesehenen Rhetorikprofessor aus Tübingen, ein Leichtes. So fliegt er nach Kalifornien und findet Unterkunft bei seinem alten Freund aus Studentenzeiten in Berlin. Doch die Antwort auf die Frage stellt sich als schwieriger dar als gedacht. Also sitzt Kraft oft grübelnd vor leerem Blatt/Bildschirm und dabei schweifen die Gedanken zu ganz anderen Themen. Und so erfährt der Leser in recht kurzweiliger Art einiges aus dem Lebenslauf Krafts.

Allein eine Episode, ziemlich am Anfang im 3. Kapitel, als Lüscher seinen „Helden“, in den örtlichen Ruderclub schickt und ihn, der sonst nur auf dem stillen Neckar rudert, in allerhand Unwägbarkeiten mit abschließender Bruchlandung schickt, ist eine herrlich witzige, absolut skurrile Geschichte in der Geschichte.

Auch der Exkurs in die Studentenzeit Krafts, sprich in die Zeit des politischen Wechsels der achtziger Jahre, gelingt Lüscher ausgezeichnet. Wo alle Welt links, gegen Atomkraft, für Frauenrechte und für Frieden ohne Waffen war, liefen Kraft und sein Freund István gegen den Strom in Richtung Liberalismus. Witzig erzählt ist auch die Geschichte Istváns, der aus dem Ostblock in den Westen gelangte, eher durch Zufall als als politisch Verfolgter, wie er manchem immer wieder weiß machen will.

Nicht zuletzt geht es um die Frauen in Krafts Leben, die ihm irgendwie immer wieder abhanden kommen, den Kraft ist kein stiller Familienmensch, Kraft ist ein eitler Schwätzer.

„Hatten wir nicht Krafts finanzielle Situation als einen der Gründe ausgemacht, weswegen er sich so schwertut ins Schreiben zu kommen? […] Und haben wir dann nicht vollstes Verständnis dafür, dass er bei dem Gedanken, Heike nicht nur mit leeren Händen, sondern mit Schulden für ein versenktes Kohlefaserboot in der Höhe eines Monatsgehalts entgegenzutreten, von einem lähmenden Gefühl der Scham überwältigt wird, welches wenig hilfreich ist, bei seinen Bemühungen dafür zu argumentieren, weshalb alles gut sei?“

Ein schöner Kniff ist auch (siehe oben), ab und an eine kommentierende Erzählerstimme (oder ist es Krafts Gewissen?) auftauchen zu lassen, die uns, die Leser, und Kraft selbst, auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Überhaupt muss man Lüscher zu seiner weitreichenden Phantasie, zu seiner überschwenglichen Fabulierfreude gratulieren. Dabei schöpft er aus vollstem ihm zur Verfügung stehenden Wortschatz, und das ist nicht wenig.

Wie es mit Kraft und dem Millionengewinn ausgeht, wird hier nicht verraten. Lesen Sie selbst. „Kraft“ ist ein Buch mit viel Sprachwitz und auf unterhaltsame Art anspruchsvoll.
Ein Leuchten!

Das Buch erschien beim C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Lukas Bärfuss: Hagard Wallstein Verlag

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Endlich ist er da, der lange schon vom Verlag angezeigte neue Roman von Lukas Bärfuss. Zwischendurch, in der Zeit des Wartens, hat man immer mal wieder etwas von Bärfuss gehört. Der Schweizer hat sich mit diversen politsch-philosophischen Essays oder Beiträgen zu Wort gemeldet. Seine vorherigen Romane „Hundert Tage“ und vor allem „Koala“ habe ich gern gelesen. Und nun „Hagard“, ein schmaler Band, wie die beiden anderen auch unter 200 Seiten.

„Ich bin ein Zeuge jener Märztage, und als Zeuge werde ich von ihnen berichten, vollständig und ungeschönt. Manches wird mich in ein schlechtes Licht rücken, aber das ist mir einerlei.“

So sind die Worte des in den Roman einführenden Erzählers: Eine Stimme aus dem Off. Diese Stimme prägt die Geschehnisse, sie erzählt die Geschichte und auch wieder nicht: Philip, der Protagonist, ein Endvierziger, der mit Immobilien sein Geld verdient, verfolgt eines Tages aus einem Impuls heraus, statt einen geschäftlichen Termin einzuhalten, eine junge Frau durch die Stadt, die unschwer als Zürich zu erkennen ist. Über Philip erfährt der Leser nur bruchstückweise etwas. Die Verfolgung, die letztlich einer Suche nach dem eigenen Ich gleicht, dauert schließlich ganze 36 Stunden lang, obwohl der Leser und auch der Held selbst sich immer wieder fragen, welchen triftigen Grund es dafür gibt. Davon berichtet uns der Erzähler, der Schöpfer dieser Romanfigur ist. Er lässt Philip tun und hinterfragt gleichzeitig, was und warum seine Kunstfigur das tut, was sie tut. So fährt er, der Erzähler, eines Tages nach Venedig und lässt Philip einfach in einem Bahnwaggon auf einem Züricher Bahnhof schmoren bis er nach Hause zurückkehrt. Doch auch dann ist der Protagonist nicht bereit, sein seltsames Verfolgungsunterfangen aufzugeben, mit dem Ergebnis: eine sonderbare, nicht erklärbare Wandlung der Persönlichkeit zum Outsider …

„In allen Dingen muss ein Geheimnis bleiben, das uns zum Sehen bringt. Was wir verstanden haben, ist verloren.“

Bärfuss` Roman läuft auf mindestens zwei Ebenen. Das ist höchst spannend und hintersinnig erdacht. Ehrlich gesagt frage ich mich, ob es nicht sogar der Tatsache geschuldet sein könnte, dass der Autor mit seinem Schreiben im Verzug war und er den Verlauf seiner Geschichte sich deshalb so hat entwickeln lassen. Inhaltlich gibt es manche Hinweise, die man schlichtweg so deuten könnte. „Hagard“ war ja, wenn ich mich recht erinnere, bereits im letzten Frühjahr vom Verlag angekündigt (genau der Zeitpunkt, als Peter Stamms „Weit über das Land“ erschien, das ja mit einer ähnlichen Thematik aufwartet). Dann wäre ihm ein echtes Schelmenstück gelungen …

Was manchmal ein wenig gewollt wirkt, sind die kurzen häppchenweise verteilten zeitkritischen Anmerkungen wie etwa über den Ukraine-Krieg, die ausbeuterische Bekleidungsindustrie mit ihren asiatischen Arbeitern oder der unerklärliche Absturz eines malaysischen Flugzeugs. Vermutlich soll dies die Geschichte in der Zeit verankern, ist aber eigentlich für die Handlung wenig bis gar nicht nötig. Aber der Röntgenblick, den Philip alias Erzähler alias Bärfuss auf seine Leistungsgesellschafts-Mitbürger während des Wartens auf die Verfolgte, inzwischen seine Göttin, nun als nicht mehr Zugehöriger richtet, gelingt absolut. Weshalb er den Selbstmord eines japanischen Mathematikers (Yutaka Taniyama, 1927-1958) allerdings mit einflicht und den Werdegang eines kriminellen Taxifahrers ausführlich beschreibt, ist nicht ganz nachvollziehbar, passt aber zur Rätselhaftigkeit des ganzen Romans.

In der Tat erinnert auch mich Bärfuss` Werk an die Romane „Kraft“ von Jonas Lüscher und „Weit über das Land“ von Peter Stamm, wie es kürzlich im Feuilleton einer Zeitung zu lesen war. Im Vordergrund sind jeweils immer Männer, die eigentlich „voll im Leben stehen“ und doch plötzlich ausscheren und ungeahnte Wege gehen. Verläuft so die Krise des heutigen Mannes?  Und hat es eine Bedeutung, dass alle drei Autoren Schweizer sind?

Lukas Bärfuss ist mit „Hagard“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Roman erschien im Wallstein Verlag, wie auch seine vorherigen Bücher. Eine Leseprobe gibt es hier.

Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens Wagenbach Verlag

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Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Ich war vor kurzem bei der Buchvorstellung in der Lettretage in Berlin und von da an war mir klar, dass das vollkommen gerechtfertigt ist. Nun nach der Lektüre ist es sicher: Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten. Sie erzählt an diesem Abend auch von der Herangehensweise ihres Schreibens und von den Stimmen, die sie dabei geprägt haben.

Kalnáys kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von ihren seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird.

Tatsächlich kann man sich diese Geschichte gut als Theaterinszenierung vorstellen, wie Hauke vom Blog Leseschatz schreibt.

Zudem ist es mehr als passend, dass ein solcher Text im wunderbaren Wagenbach Verlag seine literarische Heimat gefunden hat.

Für immer: Peter Kurzeck erzählt sein Schreiben Hörbuch supposé

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Und wieder ein Hörereignis:
Eine „neue“ CD von Peter Kurzeck, dem wunderbaren Erzähler, der nun bereits seit drei Jahren tot ist und der die vielen schönen Geschichten in seinem Kopf nicht mehr alle aufschreiben konnte. Das Hörbuch beinhaltet zusammengeschnittene Erzählstücke, konzipiert von Klaus Sander, der bei supposé schon mehrere Hörbücher von Peter Kurzeck bearbeitete.

Diesmal geht es vor allem um Kurzecks Einstellung zum eigenen Schreiben und seine persönliche Herangehensweise. Wie immer redet Kurzeck ohne Konzept frei drauf los in seiner wunderbar weitschweifenden Art und lässt den Zuhörer gebannt lauschen. Peter Kurzeck ist wie kein anderer in der Lage zu schildern, wie wichtig und dringlich bei ihm das Bedürfnis zu schreiben ist.

„Es gehört eine andere Art von Mut dazu, nachts zu arbeiten, als morgens anzufangen.“

Er erzählt vom Ablauf eines normalen Tags in seinem Leben. Die meiste Zeit des Jahres lebte er in Uzés in Südfrankreich, wo er eine kleine Wohnung in der Innenstadt bewohnte, in einem Haus, in dem auch André Gide einge Zeit lebte. Er berichtet, wann er schreibt, wann er spazieren geht, Kaffee trinkt, isst, was er wahrnimmt. Für Kurzeck war diese Routine  wichtig für sein Schreiben.

So erzählt er, dass er schon als Kind das Wissen hatte, ein Schriftsteller zu werden, bereits mit 16 sein erstes Buch schrieb, welches die Schwester dann abtippte. Es folgte mit 20 das zweite Buch, welches an Abenden nach der Brotarbeit innerhalb eines halben Jahres entstand, aus dem nach mehreren Überarbeitungen Jahre später 1987 der Roman „Keiner stirbt“ entstand.

Und dann kommt der Tag, der 19.8.1971, an dem Kurzeck aufwacht und weiß, er will nun nur noch Schriftsteller sein. So kündigt er seine sichere Stelle und beginnt auf einem langen harten Weg sein Schriftstellerleben.

Überaus plausibel scheint mir der eigentliche Grund, den er für sein Schreiben nennt: Er wollte nichts vergessen. Sein Möglichkeit dafür fand er im Schreiben und Malen – die beste Umwandlung zur Konservierung der Erlebnisse. Überaus begreifbar vor allem auch, weil Kurzeck, geboren 1943, eine Flüchtlingskindheit erlebte.

„Insgeheim träume ich eigentlich davon, ein Buch zu schreiben, dass so gut ist,  dass die Leute dann, so wie sie bisher gelebt haben, nicht mehr weiterleben können.“

Und wenn ein Peter Kurzeck so etwas sagt, kann man gewiss sein, dass es sich nicht um eine narzisstische Befindlichkeit handelt, sondern, dass er in der Tat jedem auf der Welt nur das Beste wünscht.

Mehr über Kurzeck bei supposé.
Einige Erzählauszüge sind bereits im Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“ enthalten.
Ich habe bereits das Hörbuch „Da fährt mein Zug“ und das Romanfragment „Bis er kommt“ aus dem Nachlass hier auf der Seite besprochen.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein Aufbau Verlag

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Berliner Gedanktafel, Wikimedia commons.

Vor einiger Zeit begann Birgit von Sätze & Schätze auf ihrem vielseitigen Blog Lieblingsklassiker von diversen Bloggern unter dem Motto #MeinKlassiker zu sammeln. Mittlerweile ist einiges zusammengekommen. Ich habe über Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ geschrieben:

Als Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzens alias Hans Falladas letzter Roman „Jeder stirbt für sich allein“ im Jahr 2002 teils zum ersten Mal ins Englische und weitere Sprachen übertragen wurde, wurde er zum Weltbestseller. Die deutsche Neuauflage der ungekürzten Version auf der Grundlage des Originalmanuskripts kam 2011 auf den Markt und plötzlich wurde Fallada wieder gelesen!

Falladas Romane sind leicht zu lesen, keine Bücher, die sprachlich besonders hervorstechen, aber es sind Geschichten, die mitreißen und deren Stoff auch immer ein Stück deutscher Geschichte aufzeigt. Ob „Kleiner Mann – was nun?“, mit dem er 1932 weltbekannt wurde, ob „Ein Mann will nach oben“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, es sind Werke, die Zeiten überdauern und dennoch aktuell sind. Gerade „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein einzigartiges Zeitdokument, wurde es doch von einem Schriftsteller geschrieben, der in der Zeit des Nationalsozialismus nicht emigriert war, sondern in Deutschland lebte, wenn auch als `unerwünschter Autor` völlig zurückgezogen im mecklenburgischen Dorf Carwitz.

weiterlesen:
#MeinKlassiker (9): Hans Fallada – und was “Jeder stirbt für sich allein” uns heute noch zu sagen hat — Sätze & Schätze