Thomas Hettche: Herzfaden Kiepenheuer & Witsch Verlag

„Eine Insel mit zwei Bergen …“ und „Tief unter der Erde, da ist es schön …“
Seit ich Thomas Hettches „Herzfaden“ las, habe ich dauernd Ohrwürmer. Ich glaube, an Weihnachten kamen sie immer im Fernsehen, die neuen Geschichten der Augsburger Puppenkiste. Als Kind freute ich mich auf jede neue Folge. Sei es Jim Knopf oder das Urmel, Kalle Wirsch oder die Blechbüchsenarmee, später auch Schlupp oder die Dschungeldetektive. Thomas Hettche hat nun einen Roman über die Augsburger Familie Oehmichen, die Gründer der Puppenkiste geschrieben. Äußerlich schön anzusehen in Leinen gebunden und mit Illustrationen, dazu farbigem Druck. In Rot und Blau sind die zwei Erzählstränge unterteilt (wobei ich das Rot beim Lesen anstrengend für die Augen empfand).

Hettche beginnt mit dem „roten“ Erzählstrang, in dem ein 12-jähriges Mädchen nach dem Besuch eines Theaterstücks mit dem Vater, verschwindet. Es entdeckt eine Geheimtür, die durchs Dunkle auf einen geheimnisvollen Dachboden führt. Ähnlich wie bei Alice im Wunderland, öffnet sich hier eine ganz neue Welt. Die Welt der Marionetten und der Phantasie. Das Mädchen wird selbst klein wie eine Marionette und begegnet Hatü, der Puppenspielerin und vielen der bekannten Gestalten der Puppenkiste. Hatü erzählt ihre Geschichte:

So landen wir im zweiten „blauen“ Strang und treffen Hannelore, genannt Hatü, im Kreis ihrer Familie. Zu Beginn wird die Ferienidylle der Oehmichens auf dem Land jäh unterbrochen, weil der Vater einen Einberufungsbefehl bekommt. Der Krieg hat begonnen. Hatü und ihre Schwester Ulla sind 9 und 10 Jahre alt und werden den Rest ihrer Kindheit im Krieg verbringen. Die Mädchen verstehen noch nicht alles, was passiert. Doch dass die alte Frau Friedmann und eine Schulkameradin verschwinden, weil sie Jüdinnen sind, verwundert sie schon. Der Vater, ein Schauspieler am Augsburger Theater, kehrt zurück und übernimmt, als unverzichtbar eingestuft, die Reichskammer-Theaterleitung. Weihnachten 1941 bekommen die Schwestern vom Vater Marionetten geschenkt. Hatü ist fasziniert davon. Mit dem Vater zusammen spielt sie noch während des Krieges vor der Familie und Bekannten ein improvisiertes privates Marionettenstück. Mir scheint, aus allem, was ich herauslese, dass die Familie eher zu den privilegierteren Bürgern gehörte. Erst als die Allierten deutsche Städte angreifen, wird der Vater noch einmal eingezogen. Doch die Familie übersteht alles und beginnt mit dem Neuaufbau einer echten Marionettenbühne – das Stadttheater hat die Bombadierungen nicht überstanden.

„Und wie der Vater eines Tages wieder in Uniform vor ihnen stand und dann nicht mehr da war. Und dass sie selbst seitdem das Gefühl hat, erwachsen zu sein, ohne zu wissen, was das bedeutet. Nur, dass es sich anfühlt wie ein bitterer Geschmack im Mund, weiß sie. Dass sie keine Schuld hat und sich doch schuldig fühlt. Dass sie nichts Falsches getan hat und doch alles falsch ist.“

Nun wird abwechselnd mit der Geschichte des Mädchens auf dem Dachboden die Geschichte des steten Wachstums und des Erfolgs der Augsburger Puppenkiste erzählt. Die Geschichte spannt sich von ca. 1939 bis in die 60er Jahre. Hatü steht dabei in beiden Erzählsträngen im Mittelpunkt. Die Geschichte der Familie zeigt auf, welch große Veränderungen, oft angekurbelt mithilfe der Amerikaner, in den Nachkriegsjahren ihren Lauf nehmen. Der Vater und Hatü brennen vor Leidenschaft für ihr Projekt und entwickeln nach und nach neue Stücke. Beide sind die tragenden Säulen, doch auch das Personal wächst. So werden außer Märchen dann auch „Der kleine Prinz“ und später Michael Endes „Jim Knopf“ erfolgreich aufgeführt. Schließlich kommen die Verfilmungen mit dem Aufkommen der Fernsehapparate. Der Roman erzählt damit auch viel über das Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahre in Deutschland, ohne dabei allzu politisch zu werden. Nur einige der jungen Mitarbeiter der Bühne, beschäftigen sich kritisch mit den Männern, die schon im Nationalsozialismus und nun auch wieder in der neuen Republik das Sagen haben. Überall zeigt sich die allgemeine Verdrängung, sowohl im Privaten, als auch im öffentlichen Raum. Die märchenhaften Stücke der Marionettenbühne bieten dabei für viele Menschen, nicht nur für Kinder, eine gute Möglichkeit, dem Alltag und der Last der Vergangenheit zu entfliehen. Mit Stücken wie „Faust“, „Der kleine Prinz“ und „Jim Knopf“ wird das Programm aber auch gesellschaftlich relevanter und kritischer. (Wer beispielsweise heute über Jim Knopf herzieht, sollte sich den Text mal im Kontext der Zeit anschauen.)

Hettche hat einen guten biographischen Roman geschrieben, wobei mir der „rote“ Strang, der im Heute spielt, eher als spärlich und nur als Halterung der tatsächlichen Geschichte erscheint. An „Pfaueninsel“ kommt der Herzfaden meiner Meinung nach nicht heran.

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag und war 2020 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Lutz Seiler: Stern 111 Suhrkamp Verlag

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Mit seinem zweiten Roman hat der Lyriker und Prosaautor Lutz Seiler eine Art Fortsetzung seines grandiosen Romans „Kruso““ geschrieben, für den er 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Er ist womöglich sogar noch besser als dieser. War „Kruso“ ein Roman, der kurz vor der Wende überwiegend auf der kleinen Ostseeinsel Hiddensee, also in der ehemaligen DDR spielte, so ist diesmal Berlin der Hauptschauplatz und zwar ganz kurz nach der Grenzöffnung.

Der Mitte 20-jährige Carl Bischoff erhält von seinen Eltern ein Telegramm mit der Bitte sofort nach Hause zu kommen und so reist Carl von Halle nach Gera und fällt dort aus allen Wolken, als seine Eltern ihn informieren, dass sie in den „Westen“ gehen wollen. Der Vater übergibt Wohnungsschlüssel und den „heiligen“ Wagen, einen gepflegten Shiguli an den Sohn und dieser fährt die Eltern an den Grenzpunkt, von wo sie ins Erstaufnahmelager Gießen kommen.

Von diesem Punkt aus teilt Seiler seinen Roman in zwei Erzählstränge. Zum einen folgen wir Carl im Shiguli nach Berlin, zum anderen den Eltern, die im Westen sehr zielstrebig einem ganz bestimmten inneren Plan folgen, das Carl dann immer wieder das „Elterngeheimnis“ nennt.

„Meine Eltern sind verschollen, gleich nach Öffnung der Grenze, das heißt, ich bin jetzt allein und suche eine Höhle, nur für mich und mein Schreiben, für die Suche nach dem Übergang, genauer gesagt, die Passage in eine poetisches Dasein.“

Carl gelangt in Berlin durch Zufall in einen sehr speziellen Kreis, „Das Rudel“ genannt, oder die „Arbeiterguerilla“, die unter ihrem Anführer, des „Hirten“, verlassene Häuser besetzt. Carl, der ehemals Maurer gelernt hat, aber eigentlich nur Dichter werden will, engagiert sich gleich beim Ausbau des Kellers, der Versammlungsraum mit Ausschank werden soll. So gelangt er in alternative Künstlerkreise mit allerlei illustren Gestalten, skurrilen Begebenheiten und trifft schließlich auf Effi, seine angehimmelte Jugendliebe, inzwischen Kunststudentin. Auch Edgar und Kruso (aus dem Vorgängerroman) tauchen in kurzen Szenen auf. Carls Unruhe legt sich durch das Zugehörigkeitsgefühl und er schafft es immer wieder sein Ziel, ein poetisches Leben zu führen, im Fokus zu behalten. Es gibt eine erste Veröffentlichung, Anerkennung von einem Dichterkollegen namens Thomas Kunst (der keinem Lyrikleser unbekannt sein sollte), ein Verlag erbittet ein Manuskript, doch die Beziehung zu Effi ist nicht dauerhaft lebbar. Einer liebt immer mehr, in diesem Fall Carl.

Seiler erzählt hier möglicherweise aus seiner eigenen Geschichte. Die Assel, das Kellerlokal gab es damals wirklich, die besetzten Häuser im Prenzlauerberg zwischen Prenzlauer Allee und Monbijoupark gab es wirklich, die sich daraus entwickelnden Künstlerkreise gab es wirklich. Seiler erzählt von einer sich auflösenden Welt, einer Übergangswelt, von der man noch nicht weiß, wo es hingehen wird. Er erzählt von dem Versuch einer Gruppe von Menschen, die sich nicht dem Konsumkapitalismus ausliefern wollen, wie er allmählich aus dem Westen vordringt. Die Sprache, die der Autor hierfür findet ist eine enorm poetische. Es ist ein Eintauchen in die Tiefe und ein Beschwören der Worte, ein Be-schreiben der zweifelnden Innenschau eines angehenden Dichters.

„Die Vorstellung, sich dorthin zu retten, aus allem heraus in ein Jenseits der Poesie. (Um dann, irgendwann, von dort her wieder einzutreten in diese öde, armselige Welt, jedoch unangreifbar, geschützt, als hätte man in Drachenblut gebadet.“

Im zweiten Strang schafft er es, die Erlebnisse von Carls Eltern als DDR-Bürger in Westdeutschland so nah und berührend zu schildern, dass auch dieser Teil der Geschichte höchst lebendig wird. Egal ob Carls Vater als Experte Kurse für seltene Computersprachen gibt oder seine Mutter als Haushälterin und Putzfrau arbeitet, immer wird das Geld sofort gespart, immer ist das Ziel im Fokus. Carls Mutter ist diejenige, die über Briefe Kontakt zu ihm hält. Diese Briefe sind auch immer Ausgangspunkt für das Weitererzählen des „Elternstrangs“, der auch oft mit Kindheitserinnerungen Carls unterfüttert ist.

Das letzte Kapitel, das den Namen des Romans und den eines DDR-Kofferradiotyps trägt, führt Eltern und Sohn wieder zusammen und auch das Elterngeheimnis wird aufgelöst. Für Carl ist es eine Zeit des Erkenntnisgewinns, für Wachstum und Neuausrichtung.

„Sie hatten ihm das alles verschwiegen und eine Art Ersatzleben geführt. Ein gutes, passables, kein unglückliches jedenfalls, nur das erzwungene Leben. […] Auch in ihm war es verankert gewesen, das zweitbeste Leben. Es entsprach einem Grundgefühl seiner Kindheit: jemand oder etwas zu vertreten, nicht voll und ganz gemeint zu sein – nicht an sich, oder wie sollte man es sagen?“

Wie schon in Kruso gibt es auch in Stern 111 immer wieder kurze traumhafte, surreale Sequenzen, die man vergeblich zu greifen versucht und das ist auch gut so. Denn zum Beispiel die schwebende Ziege Dodo möchte ich keineswegs missen. Diese Art zu schreiben zeigt vielleicht auch, wie es sich anfühlt den Weg ins Poetendasein aufzuzeigen, denn auch in Gedichten geht es mitunter nicht mit rechten Dingen zu, bleiben Geheimnisse.

Lutz Seiler hat seine große Dichtkunst mit feiner Prosa versponnen und einen sprachlich und inhaltlich höchst gelungenen Roman geschrieben, der sehr verdient auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 erhalten hat. Sternenleuchten!

„Stern 111“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Dirk Brauns: Die Unscheinbaren Galiani Verlag

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Allein dass dieser Beitrag kein einziges Zitat enthält, weißt schon darauf hin, dass das Buch mich überwiegend enttäuscht hat. Mich wundert auch, dass die Rezensionen, aufgrund derer ich mich für diesen Roman interessierte, alle so durchweg positiv sind. Was man dem Roman zugute halten kann, ist, dass die Thematik nicht allzu oft in der zeitgenössischen Literatur vertreten ist. Dennoch hatte ich mehr erwartet. Der Roman ist leicht zu lesen, hat aber sprachlich absolut keine Highlights und selbst die Geschichte, die so spannend hätte werden können, plätschert eher so dahin …

Es ist eine Spionagegeschichte in Deutschland, die teils biografisch aus der Sicht des Vaters von Dirk Brauns erzählt wird. Dessen Eltern, also die Großeltern des Autors wurden 1965 in ihrem Haus in Blankenburg, Ostberlin wegen Spionage für den Bundesnachrichtendienst, also für den Westen, verhaftet. Der in Westberlin lebende Schwager hatte die beiden angeworben, für den BND zu arbeiten und war Verbindungsmann. Lange Zeit wusste der Hauptprotagonist, der zur Zeit der Verhaftung 18 Jahre alt war, nichts von den Umtrieben seiner Eltern, er wunderte sich nur manchmal über den materiellen Überfluß, wie Haus, Auto, Fernseher und Westpakete. Letztlich haben sie ihm jedoch das Leben zur Hölle gemacht. Als Spitzelkind wurde er beinahe überall gemieden. Wie die Eltern, die lange in Haft waren, durfte er später in den Westen ausreisen. Zurück blieb die geliebte Freundin Angelika und das Haus, welches, wie sich später herausstellt, ausgerechnet an einen Stasispitzel verkauft wurde.

Erzählt wird die Geschichte 50 Jahre später in Rückblenden. Der Protagonist arbeitete im Westen neben seiner offiziellen Tätigkeit als Tierarzt, schließlich selbst für den BND, was verwundert. Als Chemiker wird er angeworben, um Terroranschläge mit Nervengasen zu verhindern. Als der 68-jährige überlegt, die Tierarztpraxis aufzugeben, wirft ihn eine Interview-Anfrage aus dem Berliner Spionagemuseum, in dem er über seine Sicht auf die Eltern berichten soll, weit zurück in die Vergangenheit. Bei seinen Recherchen findet er neue Erkenntnisse, auch seiner Jugendliebe Angelika begegnet er wieder und selbst seine betagte forsche Mutter erzählt ihm vor ihrem Tod lang gehütete Geheimnisse. Leider wird die Geschichte, die so viel Potenzial hat, wenig spannend auserzählt, eher sehr vorhersehbar.

Mehr gibt es zum Buch leider nicht zu sagen. Empfehlen kann ich es nur denjenigen, die sich für Spionage im Kalten Krieg interessieren, dabei eher plotorientiert lesen und eher keinen hohen Anspruch an die Sprache haben.

Der Roman erschien im Galiani Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel Rowohlt Verlag

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Mit ihrem neuen Roman knüpft Natascha Wodin nahtlos an ihren vorigen Roman, den Buchpreisgewinner 2017 „Sie kam aus Mariupol“ an, in dem sie die Geschichte ihrer Mutter erzählte. Zumindest das, was sie recherchieren konnte. Die Mutter, die sich das Leben nahm, als die Tochter 11 Jahre alt war, blieb immer rätselhaft. Nicht minder der Vater, der wesentlich älter, noch im Zeitalter der Zaren geboren wurde und der schweigsam und für die Tochter unzugänglich blieb. Beide Elternteile kamen als russische Zwangsarbeiter nach Deutschland. Nach dem Krieg und nach der Zeit im Aufnahmelager, wurde ihnen eine Wohnung in einer fränkischen Kleinstadt zugewiesen. „Die Häuser“, in denen sie nun wohnten, lagen außerhalb der Stadt am Fluß und waren von vielen osteuropäischen Familien bewohnt. Schon vor dem Tod der Mutter hatte es die Tochter schwer, dazuzugehören, wurde von Mitschülern gehänselt und als die „Russin“ verfolgt. Nach dem Tod der Mutter schaffte der Vater seine beiden Töchter in eine katholische Klosterschule mit Internat. Auch hier war Natascha wieder Außenseiterin, da sie nicht katholisch war.

“ … Schuld, Schuld ohne Anfang und Ende. Das hatte ich nicht gewusst, dass ich schon kraft Geburt schuldig war und dass man beten , immerzu beten musste, denn sobald eine Lücke beim Beten entstand, konnte durch diese Lücke sofort der Satan in uns fahren. Ich war in ein Schuldgefängnis geraten.“

Die einzig gute Zeit scheint für Natascha die Zeit gewesen zu sein, als sie Nathalie war, als sie auf Kinderlandverschickung ein halbes Jahr auf einem belgischen Bauernhof leben durfte und dort vollkommen angenommen wurde.

Der Vater, 1900 in einem russischen Städtchen an der Wolga geboren, ist ein Schweiger. Seine Erzählungen gehen nie über die Kindheit hinaus. Im Alter von 12 starben seine Eltern. Wie er sich mit den 2 jüngeren Brüdern durchschlug, wusste keiner. Später, als der Vater bereits in einem Altenheim lebt, entdeckt Wodin eine unbekannte Moskauer Adresse bei ihm. Wegen ihrer Arbeit als Dolmetscherin hält sie sich oft dort auf und findet dadurch einen Bruder ihres Vaters. Sie erfährt, dass der Vater schon einmal verheiratet war und Kinder hatte. Wie er dann zu der neuen, so wenig passenden Frau, ihrer Mutter, gekommen war, bleibt unaufgeklärt. Genaueres erfährt sie nie, die Verbindung zu der neu gefunden Verwandtschaft bricht wieder ab.

„Was verband ihn, den Mann aus dem einfachen Volk, mit dem zwanzig Jahre jüngeren, auffallend schönen, fragilen Mädchen aus einer Familie verfolgter ukrainischer Aristokraten und italienischer Kaufleute?“

Eigentlich ist der größere Teil des Buches von Nataschas Leben bestimmt. Der Vater wird ihr immer verhasster. Als sie mit 16 Jahren aus dem Kloster zurückkommt, ist sie ihm vollkommen ausgeliefert. Der Vater schlägt sie, benutzt sie als Haushälterin und als sie heimlich ausgeht, sperrt er sie tagelang ein. Sie wird zu Streunerin, verbringt ihre Tage auf der Straße, die Nächte im Schuppen oder auf dem Dachboden. Der Traum einer Rettung, die sie sich durch einen jungen Mann, durch eine Heirat erhofft, wird jedoch nicht wahr. Erst als sie durch Zufall plötzlich einen Job findet, scheint das Glück nicht mehr fern …

Sprachlich ist dieser Roman etwas gelungener, die Geschichte besser konstruiert, als beim vorigen. Dennoch ist es kein Buch, das mich stark beeindruckt hat. Etwas fehlt.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Die 1945 geborene Autorin lebte einige Jahre mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zusammen.
Eine umfangreiche Besprechung gibt es auf dem Blog LiteraturReich
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Steffen Mensching: Schermanns Augen Wallstein Verlag

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Vom Silberlöffel zum grob geschnitzten Holzlöffel: Schon das Buchcover weist auf den Abstieg hin, den der Protagonist Rafael Schermann erleben musste. Die Geschichte Schermanns erzählt Steffen Mensching in Rückblenden. Entstanden ist ein faszinierendes Monumentalwerk von 820 Seiten.

Der 1958 in Berlin (Ost) geborene Autor hat an diesem Roman zwölf Jahre lang geschrieben. Er muss Unmengen recherchiert haben, ob der Genauigkeit mit der er über Rafael Schermann, einen Graphologen und Hellseher erzählt, den es wirklich gab. Der Roman spielt 1941 in Russland in einem Lager des Gulag. Über ein ganzes Jahr lässt er seine beiden Hauptprotagonisten den polnischen Juden Schermann und den jungen Deutschen Otto Haferkorn zusammen unter widrigsten Umständen verbringen.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter“

Dieses Zitat gibt gleich auf den ersten Seiten den Ton vor, der im Roman in den Lagerszenen herrscht. Mensching lässt seine Figuren ohne explizit gekennzeichnete Dialoge sprechen, was anfangs viel Konzentration beim Leser erfordert. Auf einem beiliegenden Lesezeichen sind die wichtigsten Protagonisten des Romans aufgeführt, ein Überblick, der anfangs durchaus hilfreich ist beim Zuordnen der russischen Namen. Auch sonst trifft eine riesige Menge Personal aufeinander. Es sind die, die wichtige Rollen spielen/spielten, die, auf die die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte trafen.

Wenn Schermann beginnt aus seinem reichhaltigen Leben zu erzählen, fallen unzählige auch der Leserin bekannte Namen. Schermann, der in Wien lebte begegnete unzähligen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik der Zwischenkriegszeit, wie etwa Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria Rilke, Yvan und Claire Goll, Georg Trakl etc.  Viele waren „Kunden“, denn Schermann überzeugte sie alle, selbst die kritischsten, nüchternsten mit seiner hellseherischen Begabung.

Erst ab der zweiten Hälfte wird klar, dass Schermanns Hellseherei nicht nur auf eigener Intuition und Können – er besitzt ein fotografisches Gedächtnis basiert – sondern dass durchaus Methode dahinter steckt. So erzählt er Otto von seinen bisherigen Assistenten, deren Aufgabe es war, vorab über Kunden zu recherchieren und Privates, gar Intimes herauszufinden. Im Lager dolmetscht Otto bei den kein Ende findenden Befragungen, da Schermann angeblich kein Russisch versteht. Otto ist einerseits froh, so lange von der harten Arbeit im Wald beim Holzschlagen befreit zu sein, andererseits ist ihm nicht wohl bei seiner Übersetzer- und Spitzeltätigkeit. Manchmal hält er den alten Polen für einen Spinner, einen ausgebufften Betrüger, manchmal für ein Genie.

„Wo waren Sie? Im Badehaus. Ich erhielt dort etwas, das sich frische Unterwäsche nennt. Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Im Lager wechselt die Leitung. Als Schermann „abgeholt“ wird, beginnt für Otto ein neues Lagerleben, denn Schermann und er werden in die gefürchtete Baracke der „Urki“, einer Gruppe von gewalttätigen Dieben, Räubern und Mördern, verlegt. Und auch hier zeigt der findige Graphologe wieder Geschick: Beide bleiben verschont von Gewalt und leben für Lagerverhältnisse einigermaßen gut. Doch auch diese vermeintliche Sicherheit bleibt nicht bestehen. Vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, vom Bruch des Nichtangriffpakts erfahren die Lagerinsassen erst sehr spät. Otto und Schermann werden aufgrund dessen jedoch getrennt …

Auch aus Ottos Erinnerungen und Erlebnissen ergibt sich eine hochinteressante Geschichte. Er, der Deutsche, der als Setzer bei einer deutschen kommunistischen Zeitung in Moskau arbeitete, hatte eine kurze Liebelei mit der glühenden Kommunistin und Journalistin Maria Osten (die es auch tatsächlich gab). Aus den Gesprächen mit ihr ergibt sich ein umfangreiches Bild der damaligen historischen Lage in der sowjetischen Hauptstadt.

„Wir können von Glück reden, sagte Maria, dass wir hier sind, in der Sowjetunion leben wir in Frieden und Sicherheit. Aber was wird mit unseren Freunden im Westen?“

Oft genug googlete ich Personen, Ereignisse und Zusammenhänge, doch ist dieses Buch ob der Vielfalt gerade sehr reichhaltig. Gegen Ende hin erzählt Schermann Otto von seiner Begegnung im Jahr 1915 mit dem Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Fackel“, Karl Kraus, der sich unglücklich in Sidonie Nádherná von Borutín verliebte und mit ihr regen Briefwechsel hatte. Schermann sollte auf Betreiben von Adolf Loos, dem bekannten Architekten, ihre Briefe graphologisch beurteilen. Dies schien für ihn der Durchbruch zu sein.

„Ich lebte in Wien. Dort brauchte ich, um den Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung zu erhalten, den Kraus. Er machte Leute berühmt, indem er sie feierte oder, was häufiger vorkam, vernichtete.“

Der opulente Roman stellt Verbindungen her zu anderen Romanen deutscher und russischer Geschichte, die ich bereits kenne und liest sich spannender als ein Geschichtsbuch. Solche Romane finde ich bereichernd. Und wenn sie dann auch noch sprachlich so anspruchsvoll sind wie dieser und fesselnd bis zur letzten Seite, bin ich glücklich. Eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen! Ein Leuchten!

Steffen Menschings Roman erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende Klett-Cotta Verlag

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„Man ist ja hilflos wie ein kleines Kind. Wer hätte das denken können? Mitten in Europa – im zwanzigsten Jahrhundert!“

Ohne große Einführung beginnt in diesem wiederentdeckten Roman aus dem Jahr 1938 sofort das Grauen. Als Leser lässt sich dann durchgängig bis zum Ende kein Atem mehr schöpfen. An einem Stück und vollkommen absorbiert habe ich die Geschichte von Otto Silbermann gelesen. Boschwitz schrieb sie gleich nach den Novemberprogromen in Deutschland. Veröffentlicht wurde sie jedoch zunächst erst in England, in den USA und sogar in Frankreich.

Der Verleger Peter Graf hat es nun möglich gemacht, dass das Buch in Deutschland zu lesen ist, also in der Originalsprache. Graf lektorierte, so wie es auch der Wunsch des jungen Autors war, der in tragischer Weise umkam, kurz nachdem er aus Deutschland geflohen war.

Von heute auf morgen ist Silbermann ein Mann auf der Flucht. Seine Wohnung wird gestürmt und verwüstet. Seine arische Frau flieht zu ihrem Bruder aufs Land. Sein Geschäftspartner betrügt ihn und nutzt seine heikle Situation aus. Am Namen erkennt man sofort die jüdische Herkunft. Doch am Aussehen nicht. Das schützt Silbermann zunächst und er distanziert sich zeitweise sogar von seinen jüdischen Bekannten. Zu Anfang noch voller Hoffnung, macht sich Silbermann per Zug auf den Weg Richtung Belgien. Er will zu seinem Sohn nach Paris, der erfolglos versuchte ein Einreisevisum für seine Eltern zu bekommen. Doch trotz des Geldes, dem ausgezahlten Geschäftsanteil, schafft Silbermann nicht die Flucht ins Ausland. So fährt er getrieben mit der Bahn durch das Land, übernachtet in Zügen und die Begegnungen dabei sind ganz unterschiedlicher Art.

„Ein Mensch, dachte Silbermann froh. Das war unbedingt ein Mensch, trotz seines Parteiabzeichens. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm. Leute, mit denen man Schach spielen kann, die verlieren, ohne beleidigt zu sein oder frech zu werden, sind schwerlich Räuber und Totschläger.“

Meisterhaft erzählt Boschwitz von der Hin- und Hergerissenheit Silbermanns. Er, der für Deutschland im ersten Weltkrieg gekämpft hat, kann nicht glauben, dass er plötzlich kein Deutscher mehr sein soll. Doch seine Umgebung, die Menschen spiegeln ihm genau das.

Als seine Aktentasche mit dem Geld gestohlen wird, ist es aus mit Silbermanns Selbstbeherrschung. Er stürmt ins Polizeirevier und will eine Anzeige aufgeben und deckt damit gleichzeitig seine Identität auf. Er fordert sein Recht, dass es für seinesgleichen längst nicht mehr gibt. So nimmt ihn auch keiner der Beamten ernst. Er wird sogar wieder weggeschickt. Als die allerletzte Chance zur Flucht außer Landes kommt, ist es jedoch zu spät …

Genaueres über dieses Buch zu erzählen, ist nicht notwendig. Man muss es selbst lesen, dann spürt man es. Und das ist das Wichtigste bei diesem Buch. Das Mitfühlen, das sich hinein versetzen in diese Lage … das Fühlen, was der Gejagte, Unerwünschte, Verachtete fühlt. Ich empfehle die Lektüre nachdrücklich!

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Peter Graf als Herausgeber und Lektor hat ein aufschlussreiches Nachwort dazu geschrieben. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ich danke dem Kaffeehaussitzer für seine Besprechung und damit die Anregung zur Lektüre. Danke auch an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna Edition Fototapeta

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Nach dem fabelhaften kleinen Roman „Montag“ hat die Edition Fototapeta nun auch Gedichte von Moyshe Kulbak verlegt. Es ist Lyrik, die in der Zeit reifte, als Kulbak von 1920 bis 1923 in Berlin lebte, die er aber erst in Minsk 1928 schrieb. Und es sind mit die besten Berlin-Gedichte die ich bisher gelesen habe, und das, obwohl ich bei durchgängig Gereimtem eher Abstand halte. Es ist ein Zyklus aus 62 Gedichten, der sich am expressionistischen Stil orientiert und Berlin lyrisch beleuchtet.

„O, Land! Wo die Elektrik fließt
in Drähten, und in den Adern – Champagner,
wo jeder Arbeiter ist ein Marxist,
und jeder Krämer ein Kantianer.“

Der Buchtitel entspringt den verschiedenen Lektüren, die Kulbak verinnerlicht hatte: da ist George Byrons „Childe Harolds Pilgrimage“ und Heinrich Heines „Childe Harold“. Kulbak kam nach Berlin, um europäische Literatenluft zu schnuppern, aber auch um möglicherweise die jiddische Literatur im Europäischen zu verankern.

„Und plötzlich sitzt er im Abteil, er fährt zum Studieren
nach Europa. Ein jeder nach seinem Fach: Ein Vogel singt,
ein Bolschewik macht Revolutionen, und Pfeifenmann muss
unbedingt
studieren. Der Tag vergeht. Stählerne Farben zirkulieren.“

Kulbaks Protagonist, sein Alter Ego, der „Pfeifenmann“ im Gedichtzyklus, kommt eigentlich nach Berlin, um zu studieren. Doch daraus wird nichts. So muss er sich mit wenig Geld durchschlagen, kleine Posten annehmen um Geld zu verdienen und lernt dadurch gleich die Arbeiterschicht und die Stadt und was sie bewegt sehr genau kennen.

„Die halbe Nacht im Kabarett
mit Jazzband und Präservativen,
die andere Hälfte – unter dem Joch von AEG
und Borsigs finsteren Lokomotiven.“

Genau wie in seinen Romanen sind Kulbaks Gedichte durchzogen von feinstem Humor. Er schreckt dabei weder vor Selbstironie, vor politischer oder Gesellschaftskritik, noch vor den unangenehmen eher dunklen Seiten der Großstadt zurück. Kulbak war sehr belesen und in jegliche philosophische Richtung interessiert: „ein bisschen Blok, ein bisschen Schopenhauer, Kabbala, Spinoza und Perez“

Er erlebt die Weimarer Republik und gleichzeitig das Aufkeimen des Nationalsozialismus, derer in brauner Kluft.

„Im Staat reift heran eine junge Macht,
die einen Riss bewirken wird in seiner Form …“

In vielen Szenen erinnert er mich an das kürzlich gelesene Buch „Land im Zwielicht“ von Leo Lania, der im gleichen Jahr 1896 in der Ukraine geboren wurde und der ebenfalls in dieser Zeit über Berlin schrieb.

„Childe Harold aus Disna“ erschien in der Edition Fototapeta. Die Übersetzerin Sophie Lichtenstein hat die Gedichte vom Jiddischen ins Deutsche übertragen. Ebenso empfehlenswert ist natürlich „Montag“ und der in der anderen Bibliothek erschienene Roman „Die Selmenianer“ (Besprechung folgt).
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

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Natascha Wodin hat mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Natascha Wodin kann schreiben. Ich weiß es aus dem Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie über die schwierige Beziehung zu dem großen Schriftsteller Wolfgang Hilbig schreibt. Durch die Lektüre von Wolfgang Hilbig (in „Das Provisorium“ erfährt man einiges über ihre Beziehung) habe ich überhaupt erst von ihr erfahren. Nun also der Buchpreis …

„Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“

„Sie kam aus Mariupol“ ist ein sehr persönliches Buch, eines, was zu schreiben, sicher nicht leicht gefallen ist. Man merkt es immer wieder durch das Buch schimmern, wie stark das Thema Wodin berührt: Schwierig daraus Literatur zu machen …  Vielleicht hätte es eines längeren Abstands bedurft zwischen Recherche und fertigem Buch. Jedenfalls fehlt mir in diesem Buch durchgängig Wodins starke Sprache.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt:
Zuerst berichtet Natascha Wodin von ihrer Suche nach den Wurzeln der Mutter, die sich umgebracht hat, als sie selbst noch ein Kind war. Tatsächlich wird sie übers Internet fündig: viele Erinnerungen erweisen sich als wahr, doch noch viel komplexer, als gedacht. Hier erzählt Wodin wie in einem Erlebnisbericht über ihre Recherche und ich als Leserin verheddere mich immer stärker in den immer neuen russischen Namen der gefundenen Verwandten.

„Mein Leben lang hatte ich mich benachteiligt gefühlt, weil ich keine Familie hatte, aber das war nur deshalb so gewesen, weil ich nicht gewusst hatte, dass ich ein glücklicher Mensch war ohne diesen ganzen Ballast.“

Im zweiten Teil erzählt Wodin aus den Tagebüchern und Memoiren ihrer Tante Lidia. Die Hefte wurden in der Wohnung eines neu entdeckten Verwandten aus Sibirien gefunden und ihr zugeschickt. Aus diesen geht hervor in welch schreckliche trostlose Zeit Wodins Mutter 1920 in Mariupol hineingeboren wurde. Anhand von Lidias Lebenslauf gewinnt sie einen kleinen Eindruck vom Leben ihrer Mutter, obgleich diese neun Jahre jünger war als Lidia.

„Wie hat sie ausgesehen mit ihren zwei, drei Jahren? Wie die Kinder in heutigen Hungerländern, kleine Skelette mit geblähten Bäuchen und großen leeren Augen?“

Wodin versucht im dritten Teil das Leben ihrer Mutter von der Flucht (oder Zwangsdeportation?) mit ihrem russischen Mann aus der Ukraine nach Deutschland zu er-schreiben. Sie und ihr Mann arbeiten als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie in Leipzig, wo für die sogenannten Ostarbeiter die schlechtesten Bedingungen herrschen.
Das meiste in diesem Teil ist aus wenigen persönlichen Anhaltspunkten und anhand geschichtlicher Dokumentationen rekonstruiert.

Zuletzt erzählt Wodin von der Zeit, die sie ab ihrer Geburt 1945 selbst mit erlebt hat: das Heranwachsen in Lagern für Displaced Persons, später in einer Kleinstadt in Oberfranken in einem Viertel der „Ausgegrenzten“. Sie erlebt die Ängste der Mutter, versteht sie aber nicht. Die kleine Schwester wird geboren. Die Beziehung zwischen den Eltern ist alles andere als liebevoll. Bei kleinsten Vergehen setzt es Hiebe. Die Mutter verfällt in immer tiefere Depressionen. Der Vater kümmert sich nicht. Die beiden Mädchen verwahrlosen …  Schließlich kommt es dazu: Die Mutter tut das, was sie so oft schon ankündigte. Sie „geht ins Wasser“.

„Immer muss man bei uns alles suchen, obwohl wir eigentlich dauernd aufräumen, aber wir finden einfach keinen festen Platz für die Dinge, wir wissen nicht, welche Ordnung wir dem Chaos entgegensetzen sollen.“

Und auf diesen letzten Seiten blitzt auch endlich etwas durch, was an die Ausdrucks- und Sprachkraft aus Wodins vorherigen Büchern erinnert.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsbuch. Vermutlich war es für Natascha Wodin notwendig und befreiend die Geschichte ihrer Familie nieder zu schreiben. Es ist auch eine erschütternde Dokumentation, ein zeitgeschichtlicher Einblick. Große Literatur, wage ich zu behaupten, ist es nicht. Ein gutes Beispiel einer ganz ähnlichen Recherche, die mir jedoch sprachlich und literarisch gelungener erscheint, ist Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.

„Sie kam aus Mariupol“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Zwei sehr begeisterte Besprechungen findet man bei LiteraturReich und Masuko13

Ursula Krechel: Landgericht btb Verlag

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Kürzlich lief die sehr gute Fernsehverfilmung von Ursula Krechels mit dem Deutschen Buchpreis 2012 ausgezeichneten Roman „Landgericht“. In meinem Lesekreis wurde nun das Buch gelesen und ich war gespannt wie gut die Umsetzung nun wirklich gelungen ist.

Krechels Roman basiert auf einer wahren Geschichte und greift ein Thema aus der deutschen Geschichte auf, welches bisher wenig literarisch beleuchtet wurde: Die Wiedergutmachung an vom Nationalsozialismus geschädigten Personen im Nachkriegsdeutschland.

Für jeden Anspruch mußte ein gesonderter Akt angelegt werden: für die beruflichen Schäden, für die gesundheitlichen Schäden, für die materiellen Verluste. Nur der Verlust an Angehörigen, an Lebensfreude, Lebensgewißheit war nicht aufzulisten, zu beziffern. Mit Grundbüchern und Handelsregistern war leichter umzugehen als mit ideelen Werten wie der seelischen und körperlichen Gesundheit und ihrer Dokumentation. Leichter als mit Leben und Tod.

Was mir sofort auffiel an Krechels Roman war die Sprache. Etwas, was der Film natürlich nicht leisten kann. Die Autorin bedient sich einer wunderbaren Sprache, sie schöpft aus dem ihr innewohnenden Sprachmaterial und macht das Buch sogleich zu etwas einmaligem. Ich kenne Ursula Krechels Lyrik und sie ist es, die man oft beim Lesen hindurch scheinen sieht. Allein die Szene, gleich am Anfang des Romans, das Wiedersehen der Kornitzers nach über 10 Jahren am Bahnhof von Lindau, spiegelt Krechels Poesie. Hier können Gefühle und innere Befindlichkeiten viel stärker ausgedrückt werden als im Film. Das ist eine große Stärke dieses Buches.

Das Ehepaar Kornitzer lebt mit beiden Kindern recht wohlhabend in Berlin. Er ist Richter, sie ist als Geschäftsführerin tätig. Als die Nazis an die Macht kommen, müssen die beiden handeln: Sie schicken die beiden Kinder schweren Herzens mit einem Kindertransport nach England. Richard Kornitzer, jüdischer Herkunft, kann gerade noch rechtzeitig nach Kuba fliehen. Seine Frau Claire, die keine Jüdin ist, flieht aus Berlin nach Süddeutschland und überlebt den Krieg auf einem Bauernhof in einem Dorf überm Bodensee. So zerfällt die Familie ganz.

Nach Richards Rückkehr nach Deutschland nach Kriegsende, zehn Jahre sind vergangen, versuchen die Kornitzers wieder Fuß zu fassen. Er wird nach ewig langem bürokratischem Schriftverkehr ans Landgericht ins total zerstörte Mainz berufen. Was er dort vorfindet, ist unglaublich und undenkbar. Die gleichen Personen, die während des Nationalsozialismus das Sagen hatten, finden sich erneut in hohen Positionen, etwas was für Kornitzer (und für mich beim Lesen ebenso) schwer erträglich ist.
Während ihr Mann in Mainz arbeitet, beginnt Claire die schwierige Suche nach den Kindern. Doch als die Kinder gefunden sind, stellt sich heraus, dass sie ihren Eltern komplett entfremdet sind. Georg und Selma „durchliefen“ mehrere Pflegefamilien, bis sie endlich etwas Ruhe fanden. Beide Kinder wollen lieber in England bleiben und schweren Herzens akzeptieren die Kornitzers letztendlich diesen Wunsch. So furchtbar dieser Entschluss für beide Eltern ist: die Kinder sollen glücklich sein. Während Richard sich im Gericht durch neue Gesetze und immer mehr Anträge kämpft, hat Claire, die vorher selbstständig mit Kinowerbung gearbeitet hat, die Idee in Mainz ein eigenes Kino aufzubauen. Doch Mainz ist nicht Berlin: Claire sollte als Richtersgattin nichts Eigenes machen, schon gar kein Kino. Sowohl die Bank verweigert die Unterstützung, als auch der eigene Ehemann …

Krechel hat ihren Roman nicht komplett chronologisch angeordnet. So folgt auf die oben beschriebene Passage ein Rückblick in die noch „normale“ Zeit als die Kornitzers sich kennen lernen und miteinander leben, jeder mit seinem ausfüllenden Beruf. Beide Kinder kommen zur Welt, doch die Zeichen spitzen sich zu …

Auch die Zeit Richard Kornitzers auf Kuba wird erst später erzählt. Großes Glück hatte er, denn nach der Ankunft seines Schiffes, wurden keine weiteren Flüchtlinge mehr aufgenommen und selbst die Menschen, die weiter in die USA wollten, erfuhren von Amerika die Ablehnung – besonders interessant, wenn man es mit der heutigen politischen Situation vergleicht …

Richard Kornitzer, ein Mann der nach dem Krieg nach Hause, nach Deutschland zurückkehrt, um sein Land in ein neues demokratisches zu verwandeln, der helfen will mit aufzubauen, auf der Grundlage des Grundgesetzes, scheitert. Nach langen Auseinandersetzungen bezüglich Rückerstattungen wird er auch geflissentlich übersehen bei der Nachfolge ins nächsthöhere Richteramt. Kornitzer verstrickt sich immer mehr in seinen Widersprüchen und Klagen, als sei es das einzige was im Leben noch zählt. Seine Gesundheit wird dadurch enorm beeinträchtigt: Herzprobleme, Angst. Es ist letztlich das Gefühl der Schuld, überlebt zu haben, weiterhin der Außenseiter zu sein, dass ihn immer weiter treibt.

„Man behandelt nicht die Angst, nicht die Verletzung, die Empfindlichkeit gegen neue Verletzungen, man sieht nur das Organ. Daß der Knick in der Lebenslinie irreparable Schäden für die Verfolgten nach sich zieht, war den meisten Ärzten in den fünfziger Jahren nicht klar.“

Auch Claire ist gesundheitlich angeschlagen. Als Richard eines Tages, bereits nach seiner Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen, einmal mehr in Berlin ist, um seine Wiedergutmachungsanträge zu verteidigen, bricht Claire zusammen und kommt nicht wieder auf die Beine. Sie stirbt. Währenddessen ändert sich auf Kuba das politische Klima und Kornitzer steht plötzlich seiner kubanischen Tochter gegenüber …

„Landgericht“ ist ein sehr wichtiges Buch, auch heute noch. Ich habe sehr viel Neues erfahren aus der Nachkriegs- und Emigrantengeschichte. Besonders schön, so etwas auch noch auf sprachlich höchstem Niveau zu lesen. Unbedingt empfehlenswert!

Der Roman ist bei Jung und Jung erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch bei btb. Eine Leseprobe gibt es hier.

Françoise Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag

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Im Vorwort schreibt Patrick Modiano über Françoise Frenkel:

„Françoise Frenkels Spur findet man im Staatsarchiv Genf, in der Liste jener Personen, die während des zweiten Weltkriegs an der Genfer Grenze registriert wurden, das heißt, die Erlaubnis bekamen, nach ihrem Grenzübertritt in der Schweiz zu bleiben. Diese Liste verrät uns ihren richtigen Namen und Vornamen: Raichenstein-Frenkel, Frymeta, Idesa; ihr Geburtsdatum: 14.7. 1889, und ihr Herkunftsland: Polen.“

Françoise Frenkel hat die Geschichte ihrer Flucht aus Deutschland aufgeschrieben und konnte sie später, in Sicherheit, in einem Schweizer Verlag veröffentlichen. Viel mehr weiß man nicht über ihr Leben nach dem Krieg, nur dass sie 1975 starb. Es war Zufall, dass das Buch 70 Jahre später in Nizza auf einem Trödelmarkt auftauchte und zunächst in Frankreich wieder neu aufgelegt wurde.

Alles beginnt damit, dass die Polin Frenkel in Frankreich studiert und ihr Herz für die Literatur entdeckt. Daraus entsteht die Idee eine französische Buchhandlung zu eröffnen. Sie plant das Unternehmen in Berlin anzusiedeln und ihre Idee macht sich bezahlt. Sie wird zum ersten Anlaufpunkt der in Berlin lebenden Franzosen und frankophilen Leser. Es ist die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die Situation zwischen den beiden Ländern scheint sich zu entspannen. Doch langsam aber immer deutlicher macht sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten bemerkbar. Frenkel, die selbst Jüdin ist, beschließt, als es gar nicht mehr anders geht, ihr Geschäft zurückzulassen und nach Frankreich zu gehen.

Von da an schildert Frenkel ihre Erlebnisse auf der Flucht. Zunächst scheint Paris trotz Ausbruch des Krieges sicher, doch dann übernehmen die Nazis auch dort die Herrschaft. So beginnt die Odyssee: Frenkel flieht von Ort zu Ort, von Versteck zu Versteck und hat Glück, dass sie so viele gute Freunde und offenbar ein gutes finanzielles Polster hat. Sehr deutlich wird in ihrem Bericht die Stärke der Franzosen geschildert, was den Widerstand angeht: Viele Privatpersonen halfen und schafften Verstecke, besorgten Papiere und Nahrungsmittel, oft in Verbindung mit der Resistance.

„Man könnte ein ganzes Buch schreiben über den Mut, die Großzügigkeit und die Kühnheit dieser Familien, die unter Einsatz ihres Lebens den Flüchtigen in allen Departements und sogar im besetzten Frankreich Hilfe leisteten.“

Nach mehreren Jahren in Angst vor der Deportation, die ständig drohte, gelang Frenkel endlich beim dritten Versuch und in letzter Minute 1943 von Annecy aus die Flucht in die Schweiz.

Frenkels Sprache ist einfach; das Buch ist vor allem aufgrund seiner Handlung interessant, ist es doch eine weitere Dokumentation über eine Zeit, deren Schrecknisse nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Im Anhang findet sich eine Zeittafel, ein aufschlussreiches Dossier und ergänzende Hinweise zur deutschen Ausgabe. Elisabeth Edl übersetzte den Roman ins Deutsche.
„Nichts um sein Haupt zu betten“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Außerdem findet man eine sehr ausführliche Rezension auf dem Blog aus.gelesen.

Als Ergänzung dazu passt, finde ich, Silvie Schenks Roman „Schnell, dein Leben“, das über die Nachkriegszeit aus französischer Perspektive erzählt