Leseprojekt Dag Solstad II: Elfter Roman, achtzehntes Buch / Scham und Würde Dörlemann Verlag

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Bevor er sich in schriftstellerisch andere Bahnen bewegte, war der 1941 im norwegischen Sandefjord geborene Dag Solstad ein politischer Autor, dem Kommunismus zugetan. Als äußerst Linker versuchte er engagiert den Kapitalismus zu bekämpfen, was allerdings wenig am Boom desselben änderte. Solstad ist in Norwegen einer der bekanntesten Autoren und hat viele Preise erhalten. Möge er hierzulande auch gelesen werden. Seine Texte begeistern mich alle. Sie leuchten!
Nach „T. Singer“ und „Professor Andersens Nacht“ stelle ich nun noch diese beiden älteren Romane vor:

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Mit „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ steht nun der Einzelne, nicht mehr die Gesellschaft im Vordergrund von Solstads Schreibens. Das Buch erschien in Norwegen bereits 1992. Es ist eine ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte.

Wir begegnen Björn Hansen, wie er am Bahnhof steht und auf seinen 20-jährigen Sohn wartet, der während seines Studiums in Kongsberg bei ihm wohnen will. Hansen hat den Sohn nicht mehr gesehen, seit dieser als 14-jähriger die Ferien bei ihm verbrachte. Von der Mutter Peters hatte er sich getrennt, als dieser gerade zwei Jahre alt war, weil er sich in eine andere Frau verliebte, zu der er Hals-über-Kopf von Oslo nach Kongsberg zog. Doch irgendwann war es auch hier aus mit der Liebe, obwohl beide die Leidenschaft zum Laientheaterspiel verbindet. Durch Turid lernt er auch den Arzt Dr. Schioch kennen (der später noch eine wichtige Rolle spielt), denn sie lädt gerne ihre Theatergruppe in ihre Villa ein. Als Stadtkämmerer hat Björn Hansen, nun alleine lebend ein gutes Einkommen. Sein soziales Leben beschränkt sich fast vollkommen auf ein befreundetes Ehepaar. Vom Zusammenleben mit dem erwachsenen Sohn erhofft sich Hansen Abwechslung und neue Energie in seinem Leben. Doch der Sohn hat seine eigenen Vorstellungen und bleibt unnahbar. Die beiden reden meist aneinander vorbei. Er erlebt, dass dieser bei Studienkollegen ein Außenseiter bleibt und merkt, dass er seinen Sohn eigentlich auch nicht wirklich gut leiden kann.

„Er redete ununterbrochen. Mit der immergleichen eintönigen, viel zu lauten Stimme. Über die Augen des Vaters hinweg, aber direkt in sein Ohr. Der Sohn nahm seine Ohren unter Beschuß. Das Ganze hatte sich völlig anders entwickelt, als er es sich vorgestellt hatte.“

Scheinbar aus einer Laune heraus, die in bitterem Ernst endet, spinnt Hansen einen spektakulären Plan, wie er sich aus dem Leben fast ganz zurückziehen kann. Dr. Schioch spielt dabei eine tragende Rolle und ein weiterer Arzt in Litauen, wohin Hansen zu einer Dienstreise aufbricht und als ein vollkommen Anderer zurückkehrt …

Auch hier spielt die Gedankenwelt des Hauptprotagonisten wieder eine große Rolle. Ein Großteil des Romans spielt sich im Kopf von Hansen ab. Denn auch Hansen ist ein Grübler, ein Zweifler und ein seltsamer Zeitgenosse, über den man sich am Ende nur wundern kann. Wunderbar drückt Solstad hier die Distanz aus, die zwischen dem Vater und dem Sohn entsteht, nicht nur aus dem Persönlichen heraus, sondern auch durch den Generationenunterschied, der immer schnelleren Veränderungen unterworfen ist.

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„Scham und Würde“ erschien 1994 in Norwegen. Hier geht es um Elias Rukla, Lehrer um die fünfzig, der plötzlich im Pausenhof seines Gymnasiums ausrastet. Kurz davor hat er im Unterricht ein Ibsen-Drama behandelt und urplötzlich eine vollkommen neue Erkenntnis über das Stück erhalten. Und das nach 25 Jahren des Studiums und des Lesens dieses Stückes im Unterricht. Doch damit einher geht auch die Erkenntnis, dass seine Schüler so gar kein Interesse mehr am norwegischen Kulturgut haben, was er ihnen mühevoll zu vermitteln versucht. Draußen im Schulhof will er seinen Regenschirm aufspannen, da es regnet, doch es klappt nicht. Da brennt eine Sicherung bei ihm durch. Mit dem Schirm prügelt er wie besessen auf einen Brunnen ein und beschimpft gaffende Schüler. Danach verlässt er die Schule und beginnt ziellos durch die Straßen zu laufen. Nur weg. Dahin zurück kann er nicht mehr, denkt er. Und was wird dann aus ihm? aus seiner Frau?

Und dann beginnt langsam aber immer tiefer ein Zurückdenken. Ein Erinnerungsstrom daran, wie es überhaupt dazu kam, dass er seine Frau Eva traf und wie turbulent anfangs seine Studienzeit verlief: Dass der geniale, begabte Philosophiestudent, Luftikus und bald bester Freund Johan Corneliussen daran großen Anteil hatte und dass er mit ihm durch dick und dünn ging, bis dieser für alle vollkommen überraschend nach Abschluß seines Langzeitstudiums alle Brücken in Norwegen abbrach, die Philosophie aufgab und nach USA auswanderte …

„Man muss Studienrat Rukla einen zufriedenen Mann nennen, der leichten Fußes in dünnen Schuhen zu seinen täglichen Pflichten am Fagerborg Gymnasium aufbrach, die Jacob Aalls Gate hinaufging, im milden Monat März zur Zeit der Schneeschmelze an den Schlammlachen vorbei, etwa um das Jahr 1978 herum, und auch später noch, obwohl Eva Linde mit keinem Wort je gesagt hatte, sie würde ihn lieben.“

Auch hier wieder die Innenschau, die Reflektion. Doch spielt hier auch einmal eine Frau eine wichtige Rolle, eine Partnerschaft, die unter unguten Vorzeichen begann, die zwar hält, aber wenig trägt, aus Gründen, die dem Protagonisten wenig durchschaubar erscheinen. So wie seine Frau, einst eine Schönheit, die sich im Verlauf der Geschichte vom Schicksal der „schönen Frau“ emanzipiert und ihr aufgegebenes Studium wieder aufnimmt, ihn ebenso wenig in die Karten blicken lässt.

Beide Romane erschienen im Dörlemann Verlag in einer broschierten Ausgabe.  Übersetzt wurden beide von Ina Kronenberger. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen Dörlemann Verlag

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Weiter mit Lektüre aus Russland …
Jetzt also Lydia Tschukowskajas Roman „Untertauchen“. Bereits vor ein paar Jahren ist es neu aufgelegt worden in einer Übersetzung der genialen Swetlana Geier. Lydia Tschukowskaja war eine Zeitgenossin der großen russischen Dichterinnen Anna Achmatova und Marina Zwetajewa. Und auch sie geriet aufgrund ihrer Direktheit, wie die beiden anderen im Stalinregime immer wieder ins Visier der Oberen. „Untertauchen“ erschien erst 1988, obwohl es bereits 1947 geschrieben wurde. Als es 1972 in den USA veröffentlicht wurde, schloss man die Autorin kurz darauf aus dem Schriftstellerverband aus. Die Rede, die sie aus diesem Anlass schrieb, findet man im Anhang des Buches und man staunt über Mut und Offenheit der Dichterin.

„Das machen sie plötzlich. Unterwegs. Genickschuss.“
Während er sprach drückte er mit dem Hinterkopf das Kissen zurecht. Wahrscheinlich spürte er jetzt seinen Nacken, so wie ich. Die Ufer des Kissens traten auseinander, und sein Gesicht lag jetzt tief auf dem Grund.

Dass ihr Mann auf diese Weise von den Schergen des Stalinregimes getötet wurde, erfährt die Schriftstellerin Nina Sergejewna erst 12 Jahre später. Bis dahin gab es für sie noch Hoffnung, erklärte man ihr doch, dass ihr Mann 10 Jahre Lagerhaft mit Schreibverbot vor sich habe. Dass das nur eine Geheimformel für den sofortigen Tod ist, wissen die wenigsten.
Einer, der es weiß, weil er selbst 5 Jahre Lagerhaft mit Zwangsarbeit hinter sich hat, ist der Schriftsteller Bilibin. Ihn lernt die Hauptfigur Nina in einem Sanatorium, eine Stunde von Moskau entfernt auf dem Land, kennen. Zunächst zögerlich erzählen sich die beiden auf ihren Spaziergängen durch die verschneiten Wälder schließlich aus ihrem Leben. Bald schon kommen sie sich näher, werden Vertraute. Während Nina an einer Übersetzung arbeitet, beendet Bilibin seinen Roman. Nina geniest das „Untertauchen“, weitab der beengten Wohnverhältnisse in Moskau. Sie findet endlich Zeit und Ruhe für das eigene Schreiben.

„All das wird mir wieder genommen werden. All das werde ich wieder hergeben müssen. Niemand Bestimmter wird es zurückverlangen, nur etwas Ungreifbares wird dann vorübergegangen sein, jenes etwas, was wir >Zeit< nennen.“

Im Sanatorium lebt zur gleichen Zeit auch der jüdische Lyriker Weksler, dem Nina mit ihrem Gespür für gute Lyrik weiterhilft. Doch dieser wird eines Nachts abgeholt und verschwindet, was Nina enorm erschüttert. Die vier Wochen Erholungskur gehen schneller vorbei als gewünscht. Gegen Ende des Aufenthalts gibt Bilibin Nina seinen Roman zu lesen. Sie ist erschüttert, hatte sie doch gerade ihn nicht für einen Mitläufer gehalten: Der Roman erhält eine geschönte und für regimetreue Augen geschriebene Variante der furchtbaren Geschichte, die Bilibin ihr aus seiner Zeit im Lager berichtete. Nina bricht sofort den Kontakt zu ihm ab. Doch wie kann sie ihn verurteilen, da sie nie das erlebt hat, was verbannte Verurteilte durchmachen mussten, die letztlich auch immer wieder in der Gefahr einer wiederholten Inhaftierung lebten? Dennoch verabschieden sich beide kühl am Bahnhof von Moskau und jeder kehrt zurück in seine eigene Welt.

Ich bin sehr angetan: „Untertauchen“ von Lydia Tschukowskaja überzeugt sowohl sprachlich als auch inhaltlich.
Der Roman erschien bereits 2015 im Dörlemann Verlag in schönem Leineneinband mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes. Die Übersetzung stammt von Übersetzer-Koryphäe Swetlana Geier. Eine Leseprobe gibt es hier.