Judith Hermann: Daheim Der Hörverlag

Wie gut, dass ich hier das Hörbuch gewählt habe. Judith Hermann hat ihren neuen Roman „Daheim“ selbst eingelesen und ihre dunkle Stimme trägt den Text ganz wunderbar und schafft die passende Atmosphäre. Ich habe mich regelrecht in diese Stimme verliebt. Da es zur Zeit ja noch kaum echte Lesungen gibt, ist diese ungekürzte Lesung über mehr als 4 Stunden ein echtes Highlight gewesen. 

Hochinteressant ist, und das fällt mir erst ganz am Schluss auf, dass der Titel „Daheim“ irgendwie so gar nicht auf den Inhalt der Geschichte zutrifft. Ich empfinde alle in dieser Geschichte als heimatlos, obwohl die meisten der Protagonisten schon seit ihrer Geburt an diesem Ort zuhause sind. Vielleicht finde ich mich einfach zu sehr in der Heimatlosigkeit der Heldin. Vielleicht kenne ich einen solchen Ort, wie den, an dem diese Geschichte spielt, viel zu gut, nur war er für mich nie Heimat. Das Nächste, was mir auffällt: Alle in dieser Geschichte haben Namen, nur die Hauptfigur nicht.

Da ist der Bruder Arild, in dessen Kneipe sie arbeitet. Die Kneipe am Seglerhafen eines Dorfes an der Nordsee. Von ihm nur gepachtet, vielleicht nur für eine Saison. Das kleine Haus der Heldin angemietet für eine unbestimmte Zeit, nebenan wohnt Mimi, die Malerin, die zur Freundin wird. Die einmal kurz Geliebte des Bruders war. Doch der Bruder hat sich in eine wesentlich jüngere Frau verliebt, Nike, die wie eine Verlorene erscheint und die der Bruder retten will. Und selbst der weit entfernt lebende Exmann der Heldin Otis, mit dem sie immer noch in Briefkontakt steht, ist in seiner Sammelleidenschaft, die vielleicht schon messieartig ist, gefangen, aber nicht beheimatet. Auch die Tochter der beiden, gerade erwachsen geworden, hat ihre Zuhause aufgegeben und ist in der Welt zu Wasser und zu Land unterwegs wie eine Nomadin.

„Neulich war eine Amsel in der Falle, ganz am Anfang eine dicke Katze.“ „So ist das“, sagt Onno, „du fängst selten das, was du fangen willst. Du fängst mitunter was ganz anderes. Dann musst du sehen, was du damit machst.“

Die Protagonistin ist eine, die sich treiben lässt, sich meist auf ihre Intuition verlässt, die jedoch weiß, was sie nicht will. Zum Bespiel wollte sie als junge Frau, die in einer Zigarettenfabrik arbeitete, nicht wie alle anderen zur Mittagszeit „Mahlzeit“ sagen. Und sie wollte dann auch nicht auf das Angebot eines Zauberers eingehen, sich als seine Assistentin auf einem Kreuzfahrtschiff in zwei Teile zersägen zu lassen. Und sie wollte irgendwann nicht mehr Ehefrau sein, als die Tochter ihrer eigenen Wege ging. 

Nun lebt sie an der See und lebt weitestgehend in den Tag hinein. Bis auf die Arbeit in der Kneipe ist ihr Tag kaum strukturiert. Mal kommt Mimi auf einen Kaffee oder holt sie ab zum Schwimmen. Mimi, die Künstlerin, die mit dem großen Selbstvertrauen. Auch Mimis Bruder, der seit jeher nur auf dem Bauernhof der Eltern lebt und der immer das gleiche tut, taucht auf im Leben der Protagonistin. Mit ihm hat sie eine Affäre, die auch einfach zu geschehen scheint, ohne eigenes Zutun. Ihren Bruder versucht sie ein wenig in die Spur zu bringen, doch außer Nike zählt bei ihm meist gar nichts. Wir erleben eine dörfliche Geburtstagsfeier, auf der sich alle kennen, nur sie ist die Neue.

Ein Schuhkarton. Otis hat auf den Deckel geschrieben: Meine Liebe, ich versuche das Archiv aufzulösen, weil die Welt sich auflöst. Es gibt Sachen, die du gebrauchen kannst, die wir gebrauchen werden, damit wir uns nicht aus den Augen verlieren. Und ich klappe den Deckel auf. Er hat mir einen Weltempfänger Salut 001 Made in UDSSR geschickt, der so aussieht, als wäre er ungefähr so alt wie ich.“

In Hermanns Roman geschieht sehr wenig, es wird auch wenig gesprochen. Doch minimalistisch ist das Buch nicht. Es lebt von einer großen Fülle an Ideen und Vorstellungen, von Möglichkeiten und von Hinweisen und natürlich von seiner wunderbaren Sprache. Das Eingesperrtsein taucht mehrmals als Motiv auf: Fallen, Kartons und Zauberkisten. So ist es kein Wunder das gleichzeitig auch der Wunsch nach Befreiung zählt. Befreiung aus einem falschen Leben? Doch was ist ein/das richtige Leben? Dem geht die Autorin und gleichzeitig unweigerlich die Leser*innen auf die Spur. Eine Suche, die auch am Ende des Buches noch nicht abgeschlossen ist. Was bleibt, ist die Atmosphäre, diese besondere Form der Melancholie, die mich umfängt, so bald ich an das Buch zurückdenke, dieser typische Judith Hermann-Space, den es schon ganz am Anfang in ihren Erzählungen gab. Ein besonderes Leuchten!

Das Hörbuch erschien im Hörverlag, das Buch bei Hanser. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Nadine Schneider: Wohin ich immer gehe Jung und Jung Verlag

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Auf Nadine Schneiders zweiten Roman war ich sehr gespannt. Im Jahr 2019 erhielt sie den Bloggerpreis von Das Debüt, bei dem ich auch in der Jury war. Die Besprechung zu ihrem ersten Roman „Drei Kilometer“ gibt es hier auf dem Blog. Auch beim Bachmannpreis-Wettbewerb las Nadine Schneider dieses Jahr. Leider erreichte ihr wunderbarer Text „Quarz“ offenbar nicht alle in der Klagenfurter Jury. „Wohin ich immer gehe“ schließt irgendwie indirekt an ihr Debüt an und ist auch wieder im gleichen ruhigen aber einprägsamen Ton geschrieben. Es ist für mich ein sehr melancholisches, atmosphärisch dichtes Buch, dass mich zeitweise traurig machte, auch weil es mich an ähnliche Erlebnisse erinnerte und starke Bilder erzeugte. Qualitativ ist so eine Art zu schreiben für mich immer wertvoll. Andere, die mehr Wert auf Action und Plot legen, werden sicher damit weniger anfangen können, denn vieles steht hier zwischen den Zeilen.

Die Geschichte erzählt von Johannes, der nach seiner Flucht aus Rumänien in Deutschland ein Auskommen gefunden hat. Deutschland war naheliegend, da er aus einer deutschsprachigen Enklave in Rumänien stammt. Er scheint nicht so richtig angekommen zu sein in seinem neuen Leben, obwohl er bald einen guten Job als Hörgeräteakustiker hat, eine eigene Wohnung und eine nette Kollegin, die eigentlich schon Freundin ist.

„Nur wenn er die Langeweile zu genau ansah, sie von einem Moment ablöste und sie in Gedanken auf die nächsten zwei, drei oder fünf Jahre legte, spürte er ein Unbehagen, das er schon kannte.“

Etwas scheint zu fehlen und womöglich hat es mit seinem Freund David zu tun, der in Rumänien zurück geblieben ist, obwohl die Idee abzuhauen eigentlich von ihm stammte. Durch den Fluss auf die andere Seite der Grenze schwimmen, war der Plan. Deswegen übten sie im See gemeinsam schwimmen und aus ihrer Freundschaft wurde mehr. Ein Mehr, das sie aber im Dorf und den traditionell ausgerichteten Familien nicht leben konnten, sich vielleicht auch nicht sicher waren, ob es richtig war. Als einziges vertraut sich Johannes der einen Großmutter an, die in der nächsten Stadt lebt.

„Sie schüttelten Johannes die Hand, leierten ihr Beileid herunter, so als hätte sie jemand im Jahr 1987 hier abgestellt und sie sehr lange an einem Rädchen in ihrem Rücken aufgezogen, sodass der Mechanismus genau jetzt, sechs Jahre später, ansprang.“

In Deutschland denkt Johannes immer wieder an David. Dass der ungeliebte Vater gestorben ist, teilt die Mutter in einem knappen Brief mit. Johannes reist zur Beerdigung „nach Hause“, wo er seit seiner Flucht niemals war, hält Ausschau nach David. Wir Leser*innen werden Zeuge aus Szenen der Kindheit, die Johannes im Elternhaus sofort wieder einholen. Wie ihm der Vater, ein liebloser Trinker, das Schwimmen „beibrachte“, wie die Großmutter den Bruder erschossen durch eigene Hand im Garten findet, wie bereits der Großvater den Freitod wählte. Johannes erlebt sich wie schon damals oft, erneut als Fremder bei Familienfesten, so auch bei dieser Trauerfeier, die mit dem üblichen Klatsch beginnt und dem üblichen Besäufnis endet.

„Dass sich das über die Jahre gehalten hatte, dass Johannes jetzt als Erwachsener hier schlief und die Ängste wie Ungeziefer wieder aus den Ecken kamen, hätte er nicht erwartet. Wozu verging die Zeit, wenn nicht dazu, eine alte Angst oder einen Schmerz verschwinden zu lassen.“

In Zeitsprüngen lesen wir uns durch prägende Situationen im Leben von Johannes. Manchmal ist Johannes noch Kind, manchmal Jugendlicher, manchmal lebt er bereits in Nürnberg. Als zentralen Punkt platziert Schneider das Hören. Das Zuhörenkönnen, das Lauschen aber eben auch das Schlechthörenkönnen bis zum Hörverlust, vor dem sich Johannes bald selbst fürchtet. Hier besonders wichtig, die Stadt-Großmutter, die nicht mehr hören kann (will?). Sie war die Einzige, die von David wusste, der dann plötzlich aus dem Ort verschwand und womöglich Opfer der Securitate wurde …

Dass was sich Johannes vielleicht von der Reise erhofft hat, bleibt ihm verwehrt; den Lesern allerdings auch. Es gibt keine Aufklärung, aber Verdachtsmomente, die der Erinnerung auf die Sprünge helfen. Und eben auch ganz anderes, neues Leben, ein Leben unter Freunden, unter Menschen, die Wahlfamilie sind.

Mit großer Sprachgewandtheit und Sinn für das feine Dazwischen hat Nadine Schneider auch ihren zweiten Roman geschrieben, der wieder im Jung und Jung Verlag erschien. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Juli Zeh: Über Menschen Luchterhand Verlag

„Dora mag keine absoluten Weisheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.“

Juli Zehs Romanheldin Dora ist eine, die scheinbar perfekt in die Berliner Szene passt. Bestens bezahlter Job in einer hippen Werbeagentur, wo alle „Wir sind eine Familie“ spielen. Super Altbauwohnung in Kreuzberg zusammen mit dem passenden Partner, Robert, Journalist, der über brisante Themen, wie Umweltschutz, Klimawandel etc. berichtet. Gut integriert im Freundeskreis. Alles läuft super, bis Robert zum dogmatischen Klima-Aktivisten wird. Alles dreht sich nur noch um Greta und um Fridays for Future. Dora fühlt sich übersehen bis gegängelt. Als das C-Virus auftaucht stürzt sich Robert mit voller Kraft in die Bekämpfung des Virus, wird zum „Corona-Aktivisten“. Für die Zweiflerin Dora ist es der Albtraum schlechthin. Als er ihr verbieten will, lange Spaziergänge mit ihrer Hündin zu machen, platzt Dora der Kragen. Sie zieht von jetzt auf gleich aus. Nach Bracken im ländlichen Brandenburg, wo sie sich in offensichtlich weiser Voraussicht und mit Einsatz all ihrer Ersparnisse ein Häuschen mit großem Garten gekauft hat.

„Aber dann kam das Virus. Robert konvertierte vom Klimaaktivisten zum Epidemiologen, und die Welt stand Kopf. Man rief das Ende der guten alten Zeiten aus. Nie wieder würde das Leben sein, wie es gewesen war. Virologen wurden zu Medienstars, Zeitungen fragten Prominente, wofür sie beteten. Das große Mitmachen war übermächtig.“

Dass ihr Nachbar, von dessen Grundstück sie eine hohe Mauer trennt, sich gleich als „Dorf-Nazi“ vorstellt und in Laufe der Geschichte auch so gebärdet, ist mir zuwider. Dass Dora sich von ihm Möbel restaurieren lässt, mit ihm bald jeden Abend die letzte Zigarette über die trennende Mauer hinweg raucht, ist mir unbegreiflich. Aber da ist eben auch seine Tochter Franzi, die sich in Doras Hund verguckt, da ist auch eine raue, irgendwie ehrliche Zugewandtheit. Und tatsächlich: immer wenn Dora sich beinahe als befreundet mit ihm fühlt, kommt der nächste Schock – vorbestraft, wegen Messerstecherei, mit dem Vater bei den fremdenfeindlichen Übergriffen der Nazis einst in Rostock-Langenhagen etc. Wie Dora bin ich dauernd hin- und hergerissen. Wie Dora versuche ich mich irgendwo einzuordnen.

„Die Worte klingen richtig, und es hat sich herrlich angefühlt, sie herauszuschreien. „Und ob ich besser bin.“ Aber auf den zweiten Blick ist dieser Satz die Mutter aller Probleme. Am Ortsrand von Bracken und im globalen Maßstab. Ein Langzeitgift, das die ganze Menschheit von innen zerfrisst.“

Juli Zeh hat das sehr geschickt konstruiert. Immer wenn man sich seiner Meinung über die Protagonisten sicher ist, wird sie wieder hinterfragt. Denn in der Provinz ist das Leben eben komplett anders als in Berlin. Da fährt der Bus nur 3x am Tag, da braucht man ein Auto, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren, da wird in kaum etwas investiert, da werden Menschen von „denen da oben“ vergessen.

Zehs Roman hat mich diesmal auch vom Thema her sehr interessiert. Im ersten von drei Teilen überzeugt mich die Autorin am meisten. Das Kapitel, das bereits von Bracken aus rückwirkend über das Berliner Leben und die Zuspitzung der Situation durch C. erzählt, ist brillant, auch sprachlich. Hier zeigen sich auch deutlich die Spaltungen, die das tägliche Leben durchziehen. Immer geht es um die Entscheidung für oder gegen etwas zu sein. Unentschieden und dazwischen gibt es offenbar nicht mehr. Auch das Dorfmilieu schildert sie großartig und mit feinem Humor. Ihre Figuren, wesentlich weniger diesmal als noch in „Unterleuten“, sind glasklar gezeichnet, wie etwa das schwule Paar Tom und Steffen, Heini, der „Serien-Griller“ oder Sadie, die alleinerziehende Mutter. Wenn es um Doras „Beziehung“ zu Gote, dem Nazi geht, wird es mir manchmal zu süßlich, ja fast romantisch. Zum Glück endet das Buch dann aber nicht wie im Märchen von der Verwandlung eines Nazis in einen Gutmenschen. Das wäre zu viel. Aber eben halt doch irgendwie traurig … Ein Buch, dass herausfordernd ist, im besten Sinne, den Blick weitet und Sichtweisen auf den Kopf stellt.

Eine aufschlussreiches, hochinteressantes Interview mit Juli Zeh, die auch ehrenamtliche Richterin in Brandenburg ist, gibt es beim SWR.

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nadine Schneider: Drei Kilometer Jung und Jung Verlag

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Es ist ein stilles, stimmungsreiches Buch. Ich mag das sehr. Keine lauten Protagonisten, keine vom Plot getriebene Story. Nur eine stetig fein fließende Sprache, viel Lesen zwischen den Zeilen. Schön, dass Nadine Schneiders Debütroman auf der Shortlist für den Bloggerpreis von Das Debüt gekommen ist. Sonst hätte ich glatt an diesem schmalen Band vorbeigelesen.

Wir gehen mehrere Jahre in der Zeit zurück. Es ist die Zeit kurz vor der politischen Wende in Osteuropa, der Sommer 1989. Drei junge Leute, Anna, Hans und Misch, leben auf dem Dorf in der rumänischen Provinz im deutschsprachigen Banat nahe der Grenze zu Jugoslawien. Eben genau nur drei Kilometer entfernt. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Flucht in eine bessere Zukunft und den Gedanken zu bleiben, nicht alle Menschen, die man liebt, die eigene Familie zurückzulassen. Immer wieder begeben sich die drei in die Nähe der Grenze. Es ist Hochsommer, noch steht der Mais überreif mannshoch und sichtschützend auf dem Feld. Es wäre die Gelegenheit …

„Hans hätte auf die Universität gehen können. Bevor sein Bruder abgehauen war. Mit seinem Bruder gingen auch Hans`Wünsche, zumindest seine wirklichen. Nicht die, die sich in die Lücken der alten Wunden zwängten, sodass jeder sehen konnte, dass sie dort nicht hingehörten.“

Die Welt der jungen Leute ist begrenzt. Sie arbeiten in einer Fabrik in der nächsten Stadt am Fließband. Der Verdacht auf Spitzel unter den Kollegen ist immer da, Ceaușescus Macht schwindet, verbreitet aber immer noch bis in die hintersten Zipfel des Landes Angst. Die meisten Familien leben an der Armutsgrenze.

„Die Ketten der Hunde klirrten, als sie sich auf die Kochabfälle stürzten, die mein Vater ihnen hinwarf. Ich sah, wie ihnen der Hunger gefährlich aus den Augen sprang, wenn für sie nichts abgefallen war, während wir am Tisch saßen.“

Viele wichtige Lebensmittel fehlen auch in der Stadt. Highlights sind die Kirchweihfeste in den umgebenden Dörfern oder die Fahrradausflüge zum Fluß Temes. Die Winter hingegen sind lang und schwer erträglich. Anna, aus deren Sicht auch erzählt wird, kann sich nicht zwischen den beiden jungen Männern entscheiden, will beide nicht als Freunde verlieren.

Schneider flicht in die Dorfroutine immer wieder geschickt kleine Erschütterungen ein, wie ein Erdbeben, den Tod der Großmutter, den Ausreiseplan des Vaters, mit dem niemand gerechnet hat und verbindet die Gegenwart in kleinen Episoden aus Annas Kindheit mit der Vergangenheit. Schneiders Sprache ist so stark, bildreich und sinnlich, dass ich den Roman lese, wie ich einen Kinofilm sehe. Er ist extrem gut konstruiert und lässt Lücken, die sich als Fragen in mir als Leserin festsetzen und dadurch den Roman bereichern. Ein Leuchten!

Die 1990 geborene Nadine Schneider ist Tochter einer Familie, die aus dem rumänischen Banat auswanderte. Der Roman erschien beim Jung und Jung Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Édouard Louis: Das Ende von Eddy S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Da die Romane von Louis alle autobiografische Züge tragen, begann ich nun mit dem ersten: Mit „Das Ende von Eddy“ gelang Louis in Frankreich 2014 ein Riesenerfolg.

„An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.“

Er schildert darin seine Kindheit in der ländlichen Picardie, im Norden Frankreichs. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, in einem Haushalt in dem schon morgens der Fernseher läuft, allein der Vater das Sagen hat, wo jeder Junge Arbeiter in der Fabrik wird und früher oder später Alkoholiker. Bereits als Junge merkt er, dass er anders ist, sich beispielsweise anders bewegt, als die anderen Jungs. Später in der Schule, wird er aufgrund dessen sogleich als tuntig und schwul gehänselt.

„Meine Eltern nannten das Getue, sie sagten Lass doch das Getue. Sie wunderten sich Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi. Sie sagten Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“

Als Einzelgänger, der eigentlich lieber mit Mädchen zusammen wäre, wird er von anderen Schülern gepiesackt, teilweise misshandelt. Als die Pubertät beginnt, ist klar, dass er auf Jungen steht. Etwas, dass in seiner Familie und generell in dieser macho-dominierten dörflichen Arbeiterregion, wo nur „echte“ Männer etwas zählen, so überhaupt nicht geduldet wird, ja, eigentlich gar nicht vorkommen darf. Mit anderen Jungs, die einen Porno nachspielen wollen, kommt es dann tatsächlich zu ersten körperlichen Begegnungen mit dem eigenen Geschlecht. Was die „Mitspieler“ als ein Ausprobieren ihrer Männlichkeit verstehen, wird für Eddy die Offenbarung seiner Homosexualität. Vom Vater, der die Arbeit in der Fabrik verlor, von der Mutter, die sich als Altenpflegehelferin abrackert, um das Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdient, wird „Eddy“ so überhaupt nicht akzeptiert. Die Schwester Clara versucht ihn mit Freundinnen zu verkuppeln.

Wie ein Studierter reden, das hieß auftreten wie die verhasste Klasse, die Feinde, die was haben, die Reichen. Wie diejenigen, die eine Chance auf höhere Schul- und Universitätsbildung haben.“

Eddy leidet und wünscht sich nichts sehnlicher als „normal“ zu sein, wie alle anderen. Bis es irgendwann nicht mehr geht und er seine Flucht aus dieser Gefangenschaft, aus dieser kleingeistigen Welt plant. Eine Chance bietet die Theatergruppe seiner Schule, Eddy ist begabt. So erhält er ein Stipendium für eine musisch ausgerichtete weiterführende Schule mit Internat und verlässt das Dorf in Richtung Amiens.

In diesem ersten Roman erlebt man den 1992 geborenen Édouard Louis sehr nah und persönlich. Hier ist seine Sprache noch nicht ganz so ausgereift, wie später in „Im Herzen der Gewalt“. Dennoch ist es ein ungewöhnlich dichtes autobiografisches Buch, dass ich sehr empfehle, vor allem, wenn man vielleicht, wie ich, Anknüpfungspunkte, was die Kindheit betrifft, hat.

„Das Ende von Eddy“ erschien im Fischer Verlag und wurde genial wie immer von Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Französischen übersetzt.

Die Besprechung zu „Im Herzen der Gewalt“ folgt im nächsten Beitrag hier auf dem Blog.

Yael Inokai: Mahlstrom Edition Blau im Rotpunkt Verlag

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„Sie hat sich getötet.
Erst ein paar Tage nach der Beerdigung wurde es mir bewusst. Langsam verschob sich das Bild in der Dauerschleife;“

Barbara beging Suizid. Das wird Nora, Barbaras Freundin nun klar, die wechselweise mit Barbaras Bruder Adam und Yann als Erzähler fungiert. Es war kein Unfall. Die 22-jährige Barbara hat sich den schweren Wollmantel ihres Bruder Adams übergezogen und ist in den Fluß gegangen, der für seine gefährlichen Strudel bekannt war. In dem kleinen Schweizer Dorf, will sich keiner etwas anmerken lassen. Erstaunlich schnell gehen selbst die Eltern wieder in die Alltagsroutine über.

Aus drei verschiedenen Blickwinkeln erfahren wir etwas über Barbara. So setzt sich ein Bild zusammen. So erfahren wir aber noch viel mehr. Die Erinnerung reicht zurück in die Kindheit. Alle gingen in die Dorfschule, doch als Yann dazu kam, änderte sich etwas. Yann, dessen Eltern aus der Stadt hinzuzogen, wird ausgegrenzt und wie sich langsam herauskristallisiert zur Zielscheibe ihrer Gewalt. Eine Gewalt, die bereits aus den Familien kommt, und die Gefühle oder ein Anderssein schlichtweg nicht zulässt …

Wie Inokai diese Geschichte erzählt, ist gekonnt und spannend und sprachlich überzeugend. Das Thema ist nicht neu und doch trifft es und fesselt. Das liegt sicher daran, dass die Autorin zeitweise sehr nah an ihre Protagonisten herantritt, dem Leser sozusagen Eintritt gewährt in das soziale Gefüge dieser dörflich eingeschworenen Lebensgemeinschaft und ihn gleichzeitig über Einzelheiten im Unklaren lässt.

„Der Papa hat manchmal gesagt, die Barbara ist ohne Filter zur Welt gekommen. Vielleicht trifft es das ganz gut.“

Der Titel „Mahlstrom“ ist passend gewählt, denn nicht nur der Fluß erweist sich als solcher, auch die Dorfgemeinschaft kann einen Menschen, der kein dickes Fell hat oder eben etwas anders ist, so wie Barbara, tief hinunterziehen, bis es keinen Ausweg mehr gibt: Fliehen oder Untergehen … Bis endlich einer beginnt die Wahrheit zu sagen: „Ich will jetzt endlich mal etwas klarstellen“. So endet der Roman und so kann vielleicht eine Öffnung stattfinden.

Der Roman erschien im Rotpunkt Verlag. Es ist Yael Inokais zweiter Roman. Mehr über die Autorin und eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Irene Diwiak: Liebwies Deuticke Verlag

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„Später würde die Geschichte anders erzählt werden.
[ … ]
Es ist aber nun mal die seltsame Eigenschaft der Zeit, Geschehenes in schwammige Erinnerung und schließlich in Lügen zu verwandeln.“

Mit diesen Sätzen beginnt und endet 334 Seiten später der Debütroman der 1991 in Graz geborenen Irene Diwiak. Ein wenig erinnert das an „Es war einmal … “ und in der Tat hat die Geschichte etwas märchenhaftes. Es ist jedenfalls ein zauberhaftes Buch!
Gut, dass Klaus Kastberger sein Wohlwollen für diesen Roman auf Twitter kund tat, sonst hätte ich ihn womöglich übersehen. Die Leseprobe hat mich dann vollends überzeugt, dass ich diesen Roman lesen will. Er hat eine Atmosphäre wie aus einer fernen Zeit, ein wenig wie aus der Welt gefallen. Dabei spielt er in Österreich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also nach der k und k – Zeit und bereits hineinschlitternd in den Nationalsozialismus. Der genaue Schauplatz wird nicht genannt.

Schon der Titel hat Potenzial (ganz abgesehen vom zauberhaften Coverbild). Liebwies ist gleichzeitig ein schwer zugängliches Dorf im Gebirge, in dem die Geschichte beginnt und Liebwies wird der Nachname einer berühmten Opernsängerin, die eigentlich gar nicht gut singen kann. Liebwies erzählt von den Eitelkeiten und Eigenheiten der Menschen, von Leidenschaften und Lieblosigkeiten, von Schwächen und vor allem von Zufällen und wie daraus sich oft die skurrilsten Möglichkeiten eröffnen oder aber Träume zerfallen. Wie im Märchen gibt es gute Menschen und es gibt Bösewichte. Leider endet es nicht so wie im Märchen …

Wir treffen auf die Hauptfiguren Gisela, später Liebwies genannt und Ida Gussendorf, geborene Padinsky, um die sich sämtliche Geschehnisse drehen und die durch zusätzlich eingeführte sehr gelungene Charaktere ergänzt und durch die Handlung getragen werden – Diwiak hat ein Händchen für ihre Figuren.
Karoline, eine Bauerntochter in Liebwies wird eines Tages vom neuen Dorflehrer als Gesangstalent entdeckt. Da der Herr aus der Stadt, der sie fördern soll, aber die Schönheit seiner verstorbenen Frau in Gisela, ihrer wenig begabten Schwester entdeckt, wird die falsche in die Gesangsschule geschickt.

„Sie war ganz offensichtlich sehr stolz auf ihre Leistung. Sie strahlte über das ganze Gesicht, was sie noch hübscher, aber zu keiner besseren Sängerin machte.“

Nur aufgrund der wunderbar komponierten Oper „Die Gräfin der Stille“, in der sie nur ein Lied zu singen hat, wird sie berühmt. Dass auch hier wieder eine Verwechslung vorliegt, ein echter Betrug, ist ebenso tragisch. Ida, die mit dem wesentlich älteren Dichter und Möchtegernkomponisten Gussendorf verheiratet wurde, ist in Wirklichkeit diejenige die die Kompositionen geschrieben hat. Ihr eitler Ehemann gibt sie als die eigenen aus.

„Nun, da er selber schwanger war, und zwar mit einer Oper, hatte er keinen Bedarf mehr an Idas Körper. Er lebte in seiner Welt der Melodien, der mythischen Sagen und der wechselhaften Liebesgeschichten. Dabei vergaß er aber noch etwas. Er vergaß die Oper zu schreiben.“

Auch Ida verfällt der Schönheit Giselas, doch die egoistische Gisela ist auf ihren gesellschaftlichen Aufstieg und ihre Berühmtheit bedacht und wendet sich einem vielversprechenden Arzt zu. Dass sich Jahre später die Rollen, gerade auch in Sachen Schönheit, vertauschen, kann Gisela nicht ertragen. Sie sinnt auf Rache …

„Im besten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das viele Menschen begeistert. Im schlimmsten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das nur meine Mama interessiert.“

So sagt Irene Diwiak in einem Interview. Ich wünsche mir und ihr, dass recht viele Leser in den Genuss dieses Buches kommen. Mit „Liebwies“ ist der Autorin nämlich ein ganz und gar überzeugendes, unterhaltsames und auch sprachlich geglücktes Romandebüt gelungen. Mit sehr viel Humor und in charmant österreichischem Stil hat die Autorin eine so unwahrscheinliche wie geschickt entwickelte Geschichte erzählt, die zu lesen ein große Freude ist. Alles ist von vorn bis hinten stimmig. Diwiak beherrscht ihr Handwerk. Ein Leuchten!
Überhaupt scheint mir dieses Jahr ein Jahr der überraschend schönen Debüts zu sein.

„Liebwies“ von Irene Diwiak erschien im Deuticke Verlag. Eine Leseprobe und mehr über Buch und Autorin gibt es hier .

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl

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Welch ein schönes Buch! Immer und immer wieder entdecke ich in diesem unabhängigen österreichischen Verlag echte Leseperlen. Ein Hoch auf Droschl!
Wie schon vor einiger Zeit Friederike Gösweiner mit ihrem Debüt „Traurige Freiheit“ ist es nun der erste Roman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler der mich mit seiner Konzentriertheit und seiner ruhigen so tiefgründigen Sprache erreicht. Man könnte sagen, es ist eine relativ unspektakuläre Geschichte, die hier erzählt wird, doch sie lebt auch von dem, was verschwiegen wird. Von Anfang an hat mich dieses Buch eingenommen. Freudenthalers Sprache schleicht sich langsam aber stetig in ihre Leser hinein, zunächst ist sie ein zartes Pflänzchen, doch im Verlauf der Geschichte wird sie kräftig und setzt Blüten an. Dazu braucht die Autorin keine modischen Tricks und Kniffe eines Creative-Writing-Seminars. Ihr Arrangement entspringt dem einfachen Leben, dem Alltäglichen und macht es zu großer Literatur.

„Erst als sie Schulmeisterin war wusste sie, dass es immer zwei Wirklichkeiten gab, eine vordergründige, über die laut gesprochen wurde, und eine Wirklichkeit hinter vorgehaltener Hand. Es gab die Ereignisse, die offiziell geschahen, und zugleich gingen immer auch Dinge vor sich, die unsichtbar waren.“

„Die Königin“, die schweigt, ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrer Biografie wird erzählt – sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens:
Fanny lebt mit ihren Eltern und dem Bruder auf dem Bauernhof, darf als einziges Mädchen später auf die Wirtschaftsschule gehen. Der Bruder fällt im Krieg, was die Familie stark erschüttert. Als Fanny den Dorfschullehrer heiratet, zieht sie um ins Schulmeisterhaus. Sie versucht den Eltern weiterhin zu helfen, doch bald schon muss der Hof verkauft werden. Dann erwartet Fanny ein Kind. Toni wird geboren. Der Schulmeister, aktiv in einer kommunistischen Partei, verunglückt tödlich. Die Eltern sterben. Fanny zieht um. In der Großstadt fühlt sie sich nicht wohl und kommt in die kleinere Stadt, nahe des Heimatdorfs, dass sie aber nie wieder betreten will. So lebt sie mit ihrem Sohn, der erwachsen wird und seiner Wege geht und sich schließlich aus für sie unerfindlichen Gründen für den Freitod entscheidet. Auch die Enkeltochter bleibt ihr fern.

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

Alle Männer, die ihr in ihrem Leben näherzukommen versuchen, sterben ihr weg.
Dass sie nach über 40 Jahren doch noch einmal das Dorf besucht, kommt dem Ende des letzten Lebensabschnitts gleich. Nach einem arbeitsreichen Leben mit vielen Erschütterungen begegnet sie ganz im Stillen und selbstbestimmt jenem, der ihr als Gegenspieler immer präsent war …

Eine schöne Melancholie, eine wunderbare Stimmung schwingt durch diese Geschichte. Laura Freudenthaler ist eine brillante Erzählerin, die mit ihrer direkten Einfachheit, mit ihrer bildhaften Sprache verzaubert. Ein Leuchten!

Für mich sehr wohltuend: Es ist nicht der x-ste Berlinroman, nicht die soundsovielte Geschichte einer traumatischen Kindheit. Schauplatz ist zunächst ein Bauernhof, dann ein Dorf, später eine Kleinstadt in Österreich. Das Setting erinnerte mich an Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Josef Winkler, ja anfangs auch an „Winters Garten“ von Valerie Fritsch.

Laura Freundenthalers Roman „Die Königin schweigt“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr über Autorin, Buch und eine Leseprobe gibt es hier . Sie hat bereits einen Band mit Erzählungen veröffentlicht.

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind Eichborn Verlag

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Es gibt sie also glücklicherweise noch immer, die bemerkenswerten Debüts, die sich keiner Mode und keinem Schreibschuleneinerlei unterordnen. Ich bin ziemlich beeindruckt von Andreas Mosters Roman, der in keiner Großstadt spielt, schon gar nicht in Berlin … Ganz ähnlich erging es mir erst kürzlich mit Juliana Kalnays Erstling „Eine kurze Chronik des Verschwindens“ und auch bei Laura Freudenthalers Romandebüt „Die Königin schweigt“ (Besprechung folgt nach Erscheinen). Es macht mich sehr froh, solche Talente zu entdecken.

Allen drei ist gemein, dass sie den Leser sofort, obwohl eigentlich noch nichts weiter passiert ist, von Anfang an in einen Spannungszustand versetzen, der sich durchs ganze Buch hält. Schwer erklärbar, wie sie das schaffen. Vielleicht ist das genau das Geheimnis eines guten Schriftstellers.

„Die Zeit ist eine Fliege an der Wand. Wir sehen hin, gezwungenermaßen, weil sich sonst nichts bewegt. Die Fliege läuft über die Wand, ohne Spuren zu hinterlassen. So ist es immer: Die Zeit geht spurlos an uns vorüber.“

Mosters Roman spielt in einer archaischen von Männern dominierten Welt, wie man sie sich nur in abgelegenen Gegenden, in Dörfern noch vorstellen kann. Die Frage in welcher Zeit der Roman spielt, drängt sich auf, bleibt aber unbeantwortet und wird schließlich unwichtig. Er handelt von fünf Mädchen im Übergang zur Frau begriffen, die dieser eintönigen gewalttätigen Welt ausgeliefert sind, und die fort von dort wollen. „wir leben hier, seit wir geboren sind“ – und normalerweise ließe sich daran auch nichts ändern. Um wegzukommen bedarf es jedenfalls Hilfe, am besten in Form eines männlichen Wesens.

In dieses Bergdorf, dass von Kalkfelsen mit einem Steinbruch umgeben ist, in dem die meisten der Männer arbeiten, kommt ein junger Mann. Georg Musiel soll überprüfen, wie rentabel der Steinbruch noch ist, der laut Bilanz nur rote Zahlen schreibt. Moster schreibt vom Steinbruch wie einem körperhaften Wesen, wie überhaupt viel auf Körperlichkeit und Sinnlichkeit in dieser Geschichte gesetzt wird: schön auch das Titelbild des Buches, das an ein steinernes Gesicht erinnert, dass einem erst auffällt, wenn Moster die absolut gelungene Szene von der Sprengung erzählt. Georg und der Berg bestimmen schließlich das Schicksal der Männer, die ihn los werden wollen, aber auch das, der fünf Mädchen, die ihn nicht allein wieder gehen lassen wollen.

„Die Sonne steht tief über den Gipfeln, und wir setzen und auf die Mauer, müde vom Tag, müde von der Langeweile, müde von der Rätselhaftigkeit dieses fremden Mannes, der durch unser Dorf geht und Dinge berührt, die keine Bedeutung für uns haben, keinen Sinn, außer da zu sein und es immer zu bleiben.“

Diese vibrierende Stimmung hält sich durch den ganzen Roman. Der Faden ist zuäußerst gespannt und es kommt wie es kommen muss zu einer Zerreißprobe zwischen jung und alt, alt und neu, zu einem Showdown, der Verluste aber auch Hoffnung hervorbringt und keinen der Protagonisten so zurücklässt wie vorher.

„Die beiden Hälften einer Welt: Georg der Tag, unsere Väter die Nacht, dazwischen die lose Naht der Dämmerung.“

Moster erschafft eine dichte Atmosphäre und passt seine Sprache dem Erzählten an. Durch häufige Wiederholungen ganzer Sätze, die wie Beschwörungen anmuten rhythmisiert er seinen Text und macht ihn gleichzeitig zu einem ewigen Kreislauf. Er durchbricht die unendliche Eintönigkeit seiner Figuren durch das Auftauchen des „Fremden“, scheinbar Bedrohlichen. Keiner bleibt davon unberührt. Seltsame Rituale und Traditionen werden plötzlich aufgebrochen. Moster nimmt außerdem verschiedene Erzählperspektiven – Ich, Wir, Er – ein: vor allem die, eines der fünf Mädchen, dessen Name erst am Schluss genannt wird und einmal – toller Kniff – die eines Hundes, der einen Mord beobachtet.

Womöglich wirkt meine Beschreibung des Buches etwas wirr, überfrachtet gar, doch kommt das nur aus schierer Begeisterung:  Alles ist stimmig, alles fügt sich zu einem Ganzen. Ein literarisches Leuchten!

Andreas Mosters Roman „wir leben hier, seit wir geboren sind“ erschien im Eichborn Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit dem Autor gibt es hier .
Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten und ein weiteres Interview mit dem Autor bei Zeilensprünge .

Meena Kandasamy: Reis und Asche Verlag Das Wunderhorn

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Dass die Suche nach bester Lektüre auch gerade bei kleineren Verlagen so lohnenswert ist wie nie, zeigte mir Meena Kandasamys Debütroman „Reis und Asche“. Die 1984 geborene Inderin ist auch Lyrikerin und hat bereits einen Band namens „Fräulein Militanz“ in Deutschland veröffentlicht. Beide Bücher erschienen im Wunderhorn Verlag. Diese Autorin ist eine echte Entdeckung! Ich habe mit größtem Genuss dieses Buch gelesen, das trotz des schrecklichen Themas ein helles Licht in der literarischen Landschaft ist. Ein Leuchten!

Das liegt vorrangig, aber nicht ausschließlich, an der Form die sie für ihre Geschichte wählt. Wenn man die kurze Inhaltsangabe liest, vermutet man zunächst einen Roman über ein Drama, ein Massaker, dass sich in Indien im Jahre 1968 abgespielt hat und das die Ungleichheiten zwischen Armen und Reichen thematisiert. Das ist es letztendlich auch. Aber eben noch viel mehr.

„Wenn man auf eine neue, originelle Idee für einen Roman gekommen ist, muss man sicher gehen, dass Kurt Vonnegut nicht bereits dieselbe Idee hatte.“

Kandasamy macht gleich von Anfang an klar, dass das keine einfache Lektüre für den Leser wird, in jeder Hinsicht. Sie spricht uns Leser/innen direkt an, sie zieht uns damit hinein und überträgt uns damit sogar Verantwortung. Sie plappert, moniert, referiert, lamentiert und erklärt sich gleich selbst als Romandebütantin für möglicherweise unperfekt und schiebt gleich nach, dass sie dennoch über unsere Köpfe hinweg entscheiden kann und überhaupt sei ohnehin die Form des Romans zig mal variabler als die lyrische Formen. Sie kommentiert sich während der fortlaufenden Geschichte selbst, mischt sich als Allwissende ein und scheut nicht davor zurück alle Prosa-Regeln über den Haufen zu werfen.

„Ich könnte Ihnen die Freude bereiten, auf dieser exotischen Zeitreise eine Economy-Class-Voyeurin zu sein. So würde es immer weitergehen, ad nauseam, und Sie hätten das widerwärtig Süßliche bald über.
Die einzige Alternative hierzu ist meine Vorgehensweise,“

Es ist ein überaus gelungenes Experiment!

Je weiter die Geschichte erzählt wird, die von den Ärmsten, den unberührbaren Landarbeitern und deren Kampf um ihre Rechte handelt, desto tiefer versinkt man in diese Geschichte aus unsagbarer Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Die Grundbesitzer haben das Sagen, stecken mit Polizei und Politikern unter einer Decke und beuten die weit unter ihnen stehenden aus. Zu alldem kommt noch das (offiziell abgeschaffte) Kastensystem dazu. Als ein Dorf sich dem Kommunismus zuwendet und beginnt auf die roten Politiker zu zählen, zu streiken, um wenigstens ihre Familien ernähren zu können, kommt es zu unglaublichen Gewaltszenerien in jenem Dorf. Der Gerichtsprozess, der sich über Jahre hinzieht, schafft keine Gerechtigkeit und zeigt nur auf, wie korrupt das System über Menschenrechte hinweg agiert.

„Wir wussten, dass alle nur wegen des Todes in unser Dorf kamen. Das wussten wir, weil nie jemand kam, wenn wir uns abmühten oder Hunger litten oder still auf den Tod warteten. Der Tod war der Höhepunkt. Der Tod war wie der Augenblick im Kino, den keiner verpassen will und wo alle weinen.“

Kandasamy verleiht den Menschen in diesem Dorf eine Stimme, eine Stimme, die gehört werden sollte, die stellvertretend für so viele Dörfer, so viele Länder steht und sie tut dies in ungewöhnlicher Weise, dennoch mit großem Respekt. Ihr Buch ist ein Aufruf, sich endlich gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur Wehr zu setzen. Es ist ein Plädoyer an alle und besonders auch an Frauen, dafür aufzustehen und aufzubegehren.

Meena Kandasamys Buch erschien im Wunderhorn Verlag und wurde von Claudia Wenner aus dem Englischen übersetzt. Es enthält ein Glossar und ein erklärendes Nachwort dieser klugen Autorin, die sich auch stark für Frauenrechte und gegen Gewalt und gegen das Kastensystem einsetzt.
Eine Leseprobe gibt es hier.
„Reis und Asche“ steht außerdem auch auf der Liste der Nominierten für den Liberaturpreis 2017. Bis zum 31.5. kann man noch für dieses Buch abstimmen.