Spreepartie die Dritte: Ein Debütroman aus dem Literaturverlag Droschl, Vermischtes aus dem Laurence King Verlag und eine kulinarische Reise nach Georgien mit Literatur aus dem Weidle Verlag und der Edition Fototapeta

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Am vergangenen Samstag fand eine Fortsetzung der wunderbaren Reihe „Spreepartie“, organisiert von den famosen Damen von Kirchner Kommunikation statt. Eingeladen waren wieder verschiedene Buchblogger. Diesmal gab es drei Programmpunkte. Wer dann noch nicht zufrieden war, konnte sich noch am Wannsee beim Sommerfest von Kiwi tummeln.

 

Während des Frühstücks erzählte uns Ally Klein, die mit einem Auszug ihres Debütromans „Carter“ beim Bachmannwettbewerb las, wie sie sich sozusagen dazu überreden/überzeugen ließ, daran teilzunehmen und wie hart sie sich darauf vorbereitete. Nun meinte sie, seitdem könne sie nichts mehr erschüttern. Spannend, dass sie sich beim Schreiben immer wieder auf Bloch bezieht und vielleicht noch auf Dostojewski und dass sie zwei Varianten ihres Romans geschrieben hat. Eine, die sch rein auf die Geschichte, die Handlung bezieht, und die zweite, an der dann sprachlich gefeilt wird. Mit dem wunderbaren österreichischen Literaturverlag Droschl und dem dortigen Lektor hat sie einen Glücksgriff getan.

 

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Kurz darauf traf schon Max Erbe ein, der uns vom Entstehen der deutschen Dependance des Laurence King Verlags erzählte, der in England ein gut eingeführter, sehr bekannter Verlag ist. Seit Frühjahr 2018 werden Teile des Programms in Deutschland vertrieben. Hier finden sich fein illustrierte Sach- und Kinderbücher, zudem allerlei Karten- und Wissensspiele, teils mit Bezügen zu Kunst und Design.

 

Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Mittagsmahl, das im georgischen Restaurant Madloba aufgetischt war. Es bestand nicht nur aus leckeren georgischen Spezialitäten, sondern auch aus geistiger Nahrung: Iunona Guruli, die Übersetzerin ist, aus Tbilisi stammt und in Berlin lebt und arbeitet, erzählte über die Besonderheiten der georgischen Sprache, die zudem eine ganz eigene Schrift besitzt, die nur aus Kleinschreibung und vielen Rundungen besteht und fast wie kaligraphiert wirkt. Zwei Romane, die sie übersetzte, stammen aus den kleinen wunderbaren unabhängigen Verlagen Edition Fototapeta und Weidle Verlag und erscheinen im Herbst, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, bei der diesmal das Schwerpunktland Georgien ist.


Ich danke dem tollen Kirchner-Team für die Einladung zur nun schon zur Tradition gewordenen Spreepartie und für die interessanten literarischen Einblicke. Ausführliche Besprechungen folgen nach Lektüre, zudem auch zur Buchmessezeit ein Beitrag über meine Leseerlebnisse mit georgischer Literatur.

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Andrea Scrima: Wie viele Tage Literaturverlag Droschl

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Die 1960 in New York geborene Andrea Scrima ist Künstlerin und lebte zeitweise abwechselnd in Berlin und in New York. Jedes der kurzen Kapitel ihres Debütromans öffnet sie mit der Örtlichkeit, an der sie sich befindet: Ihre jeweiligen Wohnungen oder Ateliers in beiden Städten. Es sind sehr persönliche Notate, fast tagebuchähnlich. Und in der Tat meint man erst einmal nur von Äußerlichkeiten zu hören. Doch je eindringlicher man lauscht, desto mehr öffnen sich die Texte.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren.“

Oft sind es Kleinigkeiten, die dem Text die Stimmung geben. Scrima hat einen übergroßen Wahrnehmungssinn, ein Bewusstsein für Alltagsmuster. Sie ist eine Zweiflerin, eine Gedankenspinnerin im besten Sinne. Sie erzählt auch von nichts geringerem als der Zeit, dem Vergangenen, Gegenwärtigen und dem Zukünftigen. Immer wieder kommt gebetsmühlenartig der Satz: doch das kam später … Der Satz taucht immer wieder auf, kaum hat man ihn vergessen, ist er doch wieder da. Man wundert sich erst, was das soll, doch wird er schließlich zum roten Faden, der die Geschichte trägt.

„Wie viele Tage verbringe ich regungslos, warte, dass diese wirbelnden Gedankenfetzen sich langsam auf dem Boden des Glases absetzen, voller Angst, mich zu rühren, Angst den Tumult wieder aufzuwühlen, und jeder Gedanke enthält seine Widerlegung, jede Einsicht trägt die Spuren ihres Gegenteils.“

Scrima erhielt ein Arbeitsstipendium für Deutschland und landet in Berlin. Für mich ist sehr interessant, dass die Autorin zeitweise im selben Kiez in Kreuzberg lebte, wie ich heute. Und wenn es dann heißt,

„Und Frau Chran erzählte manchmal von den Leichenbergen auf dem Marheinekeplatz gegen Ende des Krieges, wo große Schirme die Tische des Restaurants vor der Sonne schützen und Kastanienbäume ihre weiten Schatten über den Spielplatz werfen, …“

dann weiß ich genau, wo sich alles abspielte, damals wie heute. Scrima erzählt aus dem Berlin der 80/90er Jahre. Fidicinstraße und Eisenbahnstraße in Kreuzberg sind die Stationen der Künstlerin.

Ein großer Teil der Kapitel spielt in New York, wo es drei Adressen gibt, aus denen erzählt wird, jeweils zur entsprechenden Lebensphase: Bedford Avenue, Kent Avenue und Ninth Street. Die Autorin bewegt sich impulsiv zwischen den Zeiten. Gedankensprünge erfordern genaues Lesen und Kombinieren. Scrima schlüpft ab und an in die Kindheit. Manche Ereignisse haben sich so eingebrannt, dass sie Jahrzehnte später noch zu erfühlen sind. Sie erzählt von der ersten eigenen Wohn- und Atelier-Adresse. Hier zeigt sich das Glück der Freiheit, aber ebenso die Ausmaße der Armut eines Künstlerdaseins. Ich erfahre, dass die Künstlerin in Beziehungen lebt, dass Trennungen stattfinden und der Tod des Vaters. Manche Begegnung zeigt sich schemenhaft und nur über neue Namen, die Beziehung wird meist nur kurz angerissen.

Was währenddessen im Außen passiert, woran man erkennt, in welcher Zeit man sich befindet, wird ab und an durch Zeitungsausschnitte oder direktes Erleben, wie etwa die deutsch/deutsche Grenzöffnung in Berlin, angedeutet. Es erscheint mir aber letztlich weniger wichtig als die „innere Zeit“ der Protagonistin, die immer wieder an Grenzen kommt, an die Endlichkeit, ans Vergängliche stößt, welche sie auch in ihrer Kunst darzustellen weiß.

„… und frage mich, wie lange der letzte Moment  eines Lebens dauern kann, kann er sich bis ins Unendliche ausdehnen, frage ich mich, kann die Seele angehalten werden, schwebend gehalten in einer nie enden wollenden Phase des Übergangs.“

Das stete Hinterfragen und das gleichzeitige Staunen macht den Ton in diesem Buch. Scrimas Sprache ist eine oft sehr poetische, manches kurze, nur halbseitige Kapitel könnte ebenso ein Gedicht im Blocksatz sein. Hier verschwimmen die Grenzen und so wird aus Biografischem feinste Literatur. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im feinen österreichischen Literaturverlag Droschl. Übersetzt aus dem Amerikanischen wurde es von Barbara Jung. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ilse Helbich: Im Gehen Literaturverlag Droschl

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Es ist also nie zu spät: Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, hat im Alter von 80 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht und stetig weitergeschrieben. Es gibt zahlreiche Erzählungen von ihr und nun mit über 90 Jahren den ersten Gedichtband. Er enthält sehr dichte und konzentrierte Miniaturen, die für die Entdeckung der Langsamkeit plädieren, für die Anlehnung an die Natur und für die Schönheit der Sprache, die vielleicht sogar in aller Stille darauf achten lassen, wie es einmal sein kann, im Altern, das Leben.

Ein Gedicht passend zum Titel, erzählt vom Verlust einer, die ihr Leben lang gern gegangen ist. Und es zeugt aber auch vom Vertrauen, auf den, der da jetzt den Karren schiebt. Man kann entscheiden, ob es „Er“, der Göttliche oder ein Irdischer ist.

Schwieriges Gehen

Wenn ich jetzt in einem Schubkarren säße und
einer schöbe mich den dämmrigen Weg entlang.
Rollen und Rütteln
und Wiegen.
Blätter streicheln die Wange.
Ich möchte gern wissen, wer
mich schweigend dahin fährt,
aber ich wende den Kopf nicht.
Er ist ja da.
Mein schwieriges Gehen.“

In der Tat lese ich in Helbichs Gedichten die starke Verbindung mit etwas größeren, das All-Eins-Sein, eine spirituelle Dimension.

„Er sagte einmal, unter den Buchen
des Latisbergs habe er an mich gedacht.
Als ich gestern dort ging,
unter den Bäumen allein, da hingen
seine Gedanken als Spinnenfäden
zwischen den Ästen.“

In einem Interview (Die Presse, 2010) sagt Helbich:
„Ich glaube, dass sich im Alter verborgene Schlüssel und Lebensmotive zeigen. Die kann man nie benennen. Jeder Mensch ist sich selbst ein Rätsel. Ich bin jetzt meinen Emotionen mehr ausgeliefert, als ich das mit Ausnahme der Pubertät je empfunden habe. Das ist manchmal sehr angenehm, weil man das Gefühl hat, man kommt in sehr ursprüngliche Schichten. Man ist von so tief unten bewegt, wie das nie vorher im Leben war. Ein fast spirituelles Gefühl.“

Zwei Gedichte widmet Helbich Gottfried Benn und der Leser überlegt und rechnet: Ja, theoretisch könnte es sein, dass sie Briefe an ihn schrieb oder welche erhielt:

„Der Befehl ist: Schreib alles auf. Genauigkeit!
Es gibt nichts als das Wort. Das Wort nagelt das Ding fest.
Das Ding ist Kaffeehaustisch, Marmorplatte, Kühle, weiß,
ferne Gesichter, in Rauchschwaden gefangen;
das Ding heißt auch Rose, heißt: du.“

Vielleicht ist es aber auch einfach eine Hommage an Benns Dichtkunst.

Ein Kapitel heißt Kindergedichte. Es sind allerdings keine heiteren Reime, sondern Texte, die Rückschlüsse ziehen auf ein tiefsinniges ernsthaftes, auch naturverbundenes Kind. Die Bezüge zur Natur und die Freude daran sind auch in anderen Gedichten zu erlesen.

Ich freue mich, diesen Lyrikband entdeckt zu haben, denn er bestärkt und belebt mich auch in meinem eigenen Schreiben. Diese Gedichte sind wunderbare Begleiter auf weiteren Wegen.

Erschienen ist der Lyrikband im Droschl Verlag, wie auch alle anderen Werke von Ilse Helbich. Eine Leseprobe und mehr über die kluge Autorin gibt es hier.

Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Gertraud Klemm: Erbsenzählen Literaturverlag Droschl

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Gertraud Klemms neuen Roman habe ich mit Freude erwartet, bin ich doch bereits länger schon Klemm-Fan. Leider ist die Story diesmal nicht so ganz überzeugend, zu beliebig scheint mir diese Beziehungsgeschichte einer 30-Jährigen. Die letzten drei Bücher der Österreicherin habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Ein wenig geht es mir aber hier nun wie bei Doris Knechts neuesten Roman „Alles über Beziehungen“. Knechts vorherige Romane fand ich ebenso toll, nur beim letzten war ich enttäuscht. „Erbsenzählen“ habe ich aber aufgrund von Klemms gewohnt flapsiger, erfindungsreicher Sprache dann doch ganz gern zu Ende gelesen …  („Alles über Beziehungen“ nicht)

Irgendetwas scheint sich da bei beiden Autorinnen totgelaufen zu haben. Die Themen wiederholen sich, wenn auch in kleinen Variationen, aber immer umkreisen sie die üblichen Mann-Frau-Themen, ohne dass eine Weiterentwicklung zu erkennen wäre.

Bei Klemm ist es diesmal die  30-jährige Annika, die mit einem doppelt so alten Mann, Alfred, einem bekannten Radiomoderator mit pubertierendem Sohn, liiert ist. Eine Frau, die ihren Beruf, Physiotherapeutin, hingeschmissen hat, die kellnert, statt das begonnene Kunststudium zu beenden, die sich so scheinbar vor sich hin treiben lässt ohne Klarheit über das, was sie wirklich will, die aber irgendwie auch nichts mit Alfred anfangen kann. Sie schwankt permanent zwischen Freiheitswunsch und Verbindlickeit: “ Diese wunderbare Freiheit, die immer Hand in Hand daherkommt mit ihrer anhänglichen Schwester, der Einsamkeit.“
Die Eltern messen sie an den Geschwistern, wo sie nicht besonders gut abschneidet.

„Nur über die mittlere Tochter werden sie seufzen, die mittlere Tochter verweigert die biografischen Sollbruchstellen, die berufliche Klimax, sie will partout nicht zusammengefaltet werden zu einer handlichen Biederkeit.“

Sie leidet unter den Erwartungen anderer. Ihre Befindlichkeiten werden mitunter so dargelegt, dass ich mich mehrmals im Verlaufe der Geschichte fragen musste, warum diese Frau überhaupt mit Alfred zusammen ist. Das tut Annika dann später immerhin auch noch …

Ganz ähnlich liegt hier der Fall wie bei Knecht: Eigentlich tolle Frauen, die sich aber durch ihre Beziehungen auf das Leben einer Frau von berühmtem Regisseur oder Geliebten von erfolgreichem Radiomoderator reduzieren lassen. Dazu kommt noch das übliche „Mann in den „besten“ Jahren mit wesentlich jüngerer Frau“ – Schema. Ist das wirklich immer noch das Thema, dass relevant ist in unserer Zeit?

„Leonie ist sieben und hat schon mehr Allüren als Stofftiere und Barbiepuppen. Aber ich darf nichts sagen, denn ich habe erstens keine Kinder und zweitens sind das keine Allüren, sondern persönlichkeitsbildende Grundbedürfnisse.“

Zugegeben, die Gedanken übers Kinderkriegen und den Umgang mit selbigen mag ich schon, das ist ein Thema, dass Klemm schon immer gut konnte, besonders in ihrer sprachlichen Unverfrorenheit (siehe „Muttergehäuse“). Vielleicht ist und bleibt Klemm auch immer bei diesen Themen und umkreist sie von allen erdenklichen Seiten. Ob mich das dann auf Dauer noch fesselt, wird sich zeigen … „Erbsenzählen“ hat es noch mal geschafft, vor allem weil ja trotz allem ihr trockener Humor begeistert und weil sie eine unglaublich scharfe Beobachterin ist. Weil da solche Sätze stehen wie:

„Wenn man wütend ist, sagt die Vortragende gerade, soll man einen Wutkübel ins Eck stellen und in ihn heineinschreien, denn Gefühle unterdrücken, sagt sie jetzt ganz feierlich, ist vor allem bei Buben ein Thema, und sie wird uns das jetzt mithilfe der Seelensuppe veranschaulichen.“

Gertraud Klemms Roman „Erbsenzählen“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr darüber hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Friedrich Kröhnke: Wie Dauthendey starb Literaturverlag Droschl

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„Schon jetzt haben Sie profitiert. Hundert Jahre ist der Todestag Dauthendeys her demnächst, noch dazu 150. Geburtstag, dafür gibt’s Zeilengeld. Der eine oder die andere von Ihnen könnte aus seinen, aus ihren Notizen etwas zusammenstellen,
hier ein wenig gestrichen, da ein paar Formulierungen umgestellt, dort ein bisschen ausgeschmückt, für ein »Kulturradio«, für eine Zeitung: wie Dauthendey starb. Er war ja mal berühmt, für ein kleines Feuilleton reicht’s vielleicht auch heute noch.“

Ziemlich ungewöhnlich gestaltet der Autor Fiedrich Kröhnke seinen neuen Roman um den Dichter Max Dauthendey, der bis heute relativ unbekannt geblieben ist, im Gegensatz zu manch anderen Zeitgenossen. Glücklicherweise gibt es da einen Gastdozenten an einer kleinen Uni, der die Studenten in seinen eigenwilligen Poetikvorlesungen mit Dauthendey konfrontiert. Und mit sich selbst. Friedrich Kröck heißt der Dozent, unschwer zu erkennen als Alter Ego des Autors. Kröck hält seinen Vortrag und der Autor schreibt mit: Zum Glück recht unterhaltsam.

„War Dauthendey ein guter, etwa ein großer Dichter? Wenn ich in seinen Gedichtbänden blättere, stört mich auf fast jeder Seite so eine Inversion, dieses unbeholfene Verkehrtherumstellen von Subjekt und Prädikat, des Verses und des Reimes wegen … Seltsam selbstbewusst spricht er von seiner Tätigkeit des Dichtens, etwa so: Als ich heute Vormittag gerade dichtete … ich setzte mich hin zum Dichten … Das sagt heut keiner mehr.“

In der Tat kann ich persönlich Dauthendeys Lyrik nicht so viel abgewinnen, siehe oben, da spricht mir Kröck aus der Seele. Doch sein Farbenspiel in Texten ist durchaus bemerkenswert. Besser man versuche es mit seiner Prosa. Dauthendey war unglaublich viel auf Reisen, erfährt man weiter von Kröck, was seine Texte auch widerspiegeln, auch in den Kolonien, in entlegensten Gebieten, die seiner Gesundheit nicht unbedingt zuträglich waren. Doch:

„Seine Aufzeichnungen aus Neu-Guinea und Java sind voller Beobachtungen von Ungerechtigkeit und Ausbeutung. An den Klassen- und Rassenkämpfen seiner Zeit nahm er jedoch, wie wir es auch beurteilen mögen, nicht teil.

Dauthendey lebte con 1867 bis 1918, wurde also nur 51 Jahre alt. Er galt als Exotist und Weltreisender. Er starb in den Tropen, auf Java, an einem Ort, an dem er nicht sein wollte. Doch der Krieg in Europa hatte ihn aufgehalten, die Rückreise unmöglich gemacht, so dass er auch seiner schwedischen Frau ungewollt drei Jahre fernblieb, sie dann nie wieder sah. Als Glücksfall für die Literatur bezeichnet das Kröck.
Es hätte zufällige Begegnungen geben können mit Karl May, der endlich doch noch reiste, und mit Emil Nolde, der ebenfalls zu dieser Zeit in den Tropen unterwegs war. Kröck erzählt, dass Dauthendey in Würzburg geboren wurde, wenn er nicht gerade wieder darauf verfällt, aus seinem eigenen verbrauchten Leben zu berichten, wie etwa einem Aufenthalt in Kladow in der Klinik Havelhöhe aufgrund eines Alkoholentzugs oder dem Wunsch im Berliner Westen beigesetzt zu werden. Was dann unwillkürlich dazu führt, dass eine immer geringere Anzahl von Studenten den Kurs frequentiert – immerhin habe ich mich als Leserin nicht vorzeitig abschrecken lassen …

Witzige Idee, schräger kurzweiliger Roman von Friedrich Kröhnke über einen doch eher braven deutschen Dichter, mal wieder aus dem wunderbaren Literaturverlag Droschl (Danke, Frau Knoch!) Leseprobe hier.

Für alle die es genauer wissen wollen: Auf fixpoetry hat ein Dauthendey-Fan sich kürzlich ausführlich über Autor und Werk geäußert.

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl

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Welch ein schönes Buch! Immer und immer wieder entdecke ich in diesem unabhängigen österreichischen Verlag echte Leseperlen. Ein Hoch auf Droschl!
Wie schon vor einiger Zeit Friederike Gösweiner mit ihrem Debüt „Traurige Freiheit“ ist es nun der erste Roman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler der mich mit seiner Konzentriertheit und seiner ruhigen so tiefgründigen Sprache erreicht. Man könnte sagen, es ist eine relativ unspektakuläre Geschichte, die hier erzählt wird, doch sie lebt auch von dem, was verschwiegen wird. Von Anfang an hat mich dieses Buch eingenommen. Freudenthalers Sprache schleicht sich langsam aber stetig in ihre Leser hinein, zunächst ist sie ein zartes Pflänzchen, doch im Verlauf der Geschichte wird sie kräftig und setzt Blüten an. Dazu braucht die Autorin keine modischen Tricks und Kniffe eines Creative-Writing-Seminars. Ihr Arrangement entspringt dem einfachen Leben, dem Alltäglichen und macht es zu großer Literatur.

„Erst als sie Schulmeisterin war wusste sie, dass es immer zwei Wirklichkeiten gab, eine vordergründige, über die laut gesprochen wurde, und eine Wirklichkeit hinter vorgehaltener Hand. Es gab die Ereignisse, die offiziell geschahen, und zugleich gingen immer auch Dinge vor sich, die unsichtbar waren.“

„Die Königin“, die schweigt, ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrer Biografie wird erzählt – sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens:
Fanny lebt mit ihren Eltern und dem Bruder auf dem Bauernhof, darf als einziges Mädchen später auf die Wirtschaftsschule gehen. Der Bruder fällt im Krieg, was die Familie stark erschüttert. Als Fanny den Dorfschullehrer heiratet, zieht sie um ins Schulmeisterhaus. Sie versucht den Eltern weiterhin zu helfen, doch bald schon muss der Hof verkauft werden. Dann erwartet Fanny ein Kind. Toni wird geboren. Der Schulmeister, aktiv in einer kommunistischen Partei, verunglückt tödlich. Die Eltern sterben. Fanny zieht um. In der Großstadt fühlt sie sich nicht wohl und kommt in die kleinere Stadt, nahe des Heimatdorfs, dass sie aber nie wieder betreten will. So lebt sie mit ihrem Sohn, der erwachsen wird und seiner Wege geht und sich schließlich aus für sie unerfindlichen Gründen für den Freitod entscheidet. Auch die Enkeltochter bleibt ihr fern.

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

Alle Männer, die ihr in ihrem Leben näherzukommen versuchen, sterben ihr weg.
Dass sie nach über 40 Jahren doch noch einmal das Dorf besucht, kommt dem Ende des letzten Lebensabschnitts gleich. Nach einem arbeitsreichen Leben mit vielen Erschütterungen begegnet sie ganz im Stillen und selbstbestimmt jenem, der ihr als Gegenspieler immer präsent war …

Eine schöne Melancholie, eine wunderbare Stimmung schwingt durch diese Geschichte. Laura Freudenthaler ist eine brillante Erzählerin, die mit ihrer direkten Einfachheit, mit ihrer bildhaften Sprache verzaubert. Ein Leuchten!

Für mich sehr wohltuend: Es ist nicht der x-ste Berlinroman, nicht die soundsovielte Geschichte einer traumatischen Kindheit. Schauplatz ist zunächst ein Bauernhof, dann ein Dorf, später eine Kleinstadt in Österreich. Das Setting erinnerte mich an Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Josef Winkler, ja anfangs auch an „Winters Garten“ von Valerie Fritsch.

Laura Freundenthalers Roman „Die Königin schweigt“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr über Autorin, Buch und eine Leseprobe gibt es hier . Sie hat bereits einen Band mit Erzählungen veröffentlicht.

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht Literaturverlag Droschl

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Ilma Rakusa hat vor ein paar Tagen den Berliner Literaturpreis 2017 verliehen bekommen, der auch mit einer Gastdozentur in Berlin verbunden ist. Im „Haus der Poesie“ las sie aus ihrem neuen Lyrikband und unterhielt sich darüber mit dem Dichter Lutz Seiler. Nach langer Zeit gibt es also von Ilma Rakusa wieder Gedichte zu lesen. „Gedichte kommen, wenn sie wollen“ sagt sie, die auch Essays und Erzählungen schreibt. Für Lyrik aber, „atme sie anders“.  Rakusa ist halb Slowenin, halb Ungarin, lebt aber schon sehr lange in der Schweiz, mit einer kleinen Depandance in Berlin. Sie beherrscht viele Sprachen und übersetzte beispielsweise Marguerite Duras aus dem Französischen, Marina Zwetajewa aus dem Russischen und Péter Nádas aus dem Ungarischen.

Der Band „Impressum: Langsames Licht“ ist in sieben Kapitel unterteilt, deren Titel alleine mich schon ansprechen, ist es doch Essentielles, was da bedichtet wird. Die Kapitel werden jeweils mit einem Haiku eingeleitet:

„Abend aber lau
das Alleinsein lädt sich auf
macht keine Szene“

Im ersten Kapitel, überschrieben mit „Melancholien“, taucht Rakusa schon beim vorangestellten Haiku (siehe oben) in diese seltsame Stimmung ein. Doch ihre Melancholie speist sich hier vor allem aus der Natur, vielleicht ist sie dabei der beste Gefährte. Wie hier im Gedicht „Erster Schnee“:

„Kälte kam und das ausgerutschte Licht
leuchtete aus den Büschen,
verschneit…“

Aber auch mancher Blick auf die Menschen macht traurig: So stark das Gedicht „Streben oder Sterben“ über einen Obdachlosen – wie überhaupt auch Politisches oder Gesellschaftskritisches nicht ausgelassen werden in Rakusas Gedichten.

Im Kapitel „Orte“ ruft Rakusa Städte, Dörfer, Landschaften in ihr Bewusstsein und verdichtet sie. Dabei führt uns die neugierige Vielgereiste etwa von Lemberg über Odessa, Wien, Bukarest, Prag nach Berlin und weiter über den Nahen in den Fernen Osten. Geschehnisse, Beobachtungen werden wie Nahaufnahmen zu Gedichten gefasst, jedes erzählt eine kleine Geschichte der Welt.

“ … der Moment hat keine Meinung
er leuchtet und nimmt mich
freimütig auf bis ich merke
er hat mich umgetauft
Impressum: langsames Licht“

Sei es bei einem Blick ins Schaufenster oder unter der Weite einer Kirchenkuppel oder bei einem Bücherkauf im Antiquariat, später im Konfuziustempel und beim japanischen Flohmarkt. Die Worte fließen und schließen Vergangenheit, Geschichte mit ein.

Das dritte Kapitel mit dem Titel „Zeiten“ finden sich Gedichte, die auch einem Journal, einem Gedichttagebuch entnommen sein könnten, die sich durch Tages- und Jahreszeiten schlängeln … es sind oft Gedichte, die aus einer Innenschau, ja, auch hier, aus einer melancholischen Stimmung entstanden sein könnten.

„Endlich Regen gegen den Durst des Grases
grau stillt er Pilze Birken Kiefern
den Hohn der sommerfroh lachte
vorbei
das Licht wie verzagt
späht aus dem hinteren Kragen.“

Darauffolgend das faszinierende Kapitel „Dinge“, das mich staunen lässt, wie genau Rakusa Gegenstände und Dinge wahrnimmt und ganze Lebensläufe der Besitzer herausschreibt, welche Lebensgeschichten doch manch „Ding“ erzählt.
Jedes Gedicht im Kapitel „Bilder“ ist einer Person, einem/r Künstler/in gewidmet. Diese Gedichte sprechen von Farbe, vom Licht, vom Pinselschwung, wie überhaupt das Licht in sehr vielen Gedichten eine große Rolle spielt.
Im folgenden Kapitel „Hommagen“ lese ich Gedichte, die an die Dichterin Friederike Mayröcker, an den Schriftsteller Péter Nádas oder an den Regisseur AndrejTarkowskij gerichtet sind.
Als letztes das kurze Kapitel der „Träume. Wünsche“: am schönsten, auch weil am schlichtesten ist das „Gedicht gegen die Angst“ – ein Gedicht, wie eine Litanei, Wortstrom und Beschwörung, das so endet:

„… prüfe dein Herz
geh übers Feld
ruhe dich aus
rühr an die Welt.“

Rakusas beeindruckende Stärke einfache Momente, kurze Wahrnehmungen in Dichtung zu verwandeln lässt mich flüssig lesen. Diese Gedichte sind nicht statisch, sondern immer vorausschauend, vorausahnend. Sie gleitet auf ihrer Sprache geschickt durch Zeit und Raum und findet dabei oft das Wesen der Dinge.

Rakusas Lyrik ist unkompliziert bei großer Tiefe und Nachhaltigkeit. Es sind Texte, die keine besondere Symbolhaftigkeit benötigen. Alles Wichtige wird konkret benannt.

Impressum: Langsames Licht von Ilma Rakusa erschien im Literaturverlag Droschl. Eine Leseprobe gibt es hier .
Ihr Berlin-Journal „Aufgerissene Blicke“ , ebenfalls bei Droschl erschienen, habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen.