Helga Schubert: Vom Aufstehen Deutscher Taschenbuch Verlag

Letztes Jahr im Sommer erhielt die 81jährige Autorin Helga Schubert beim (diesmal virtuellen) Wettlesen in Klagenfurt den Bachmannpreis 2020. Bereits im Jahr 1980 war sie eingeladen, durfte aber nicht aus der DDR ausreisen. Später war sie dann sogar einige Jahre in der Jury mit dabei. Von Insa Wilke eingeladen las sie vor der Jury den Text „Vom Aufstehen“, der als Abschlusstext in ihrem Buch enthalten ist. Der Untertitel des Buches „Ein Leben in Geschichten“ weist auch auf die Form dieser Texte hin, denn es sind Geschichten einer Lebensgeschichte. Schubert gelingt es mit großer Kraft, aus Autobiographischem exzellente Literatur zu machen. Die Autorin, die in der DDR lange als Psychologin arbeitete begann 1960 zu schreiben, durfte aber nicht alles in ihrem Land veröffentlichen. Bei dtv fand sie im Westen einen Verlag für ihre Literatur.

„Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. Für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.“

Obwohl scheinbar leicht zu lesen, besitzen Schuberts Texte eine Tiefe, die man in der aktuellen Literatur selten findet. Für mich tragen sie ein Geheimnis, denn ich kann nicht benennen, weshalb sie so berühren. Vielleicht hat es etwas mit einer bestimmten Verbundenheit mit dem Göttlichen/etwas Höherem zu tun. In einem Interview sprach sie auch davon, dass sie alles direkt aufschreibt, als würde es ihr diktiert. Womöglich hat es außerdem etwas mit Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Intention zu tun, mit den Leerstellen, die ich als Leserin mit Eigenem füllen kann.

Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren und dort aufgewachsen, verfasste unter anderem auch geschichtliche und politische Sachtexte und zeigte den Alltag von Frauen in der DDR auf. Im neuen Buch geht es um ihre aktuelle Lebenssituation in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern ebenso wie um eine Aufarbeitung ihrer schwierigen Beziehung zur Mutter, die 101 Jahre alt wurde. Wie Schubert selbst sagt, ist es ihr wichtig Geschichten so zu erzählen, dass das Autobiographische literarisch verändert wird und dennoch die Essenz durchscheint.

„Manchmal, wenn ich ratlos war oder auch traurig, in mich gekehrt oder mutlos, las oder hörte ich plötzlich einen Satz, eine Gedichtzeile, einen Liedanfang, und ich spürte: Hier ist er ja wieder, der Strom von Einverstandensein, der doch immer da war und immer da ist und immer da sein wird, der mich mit Menschen verbindet, die schon seit Tausenden Jahren tot sind oder weit weg wohnen und andere Sprachen sprechen. Vielleicht hatte ich gerade auf einen solchen Satz gewartet. Dann schrieb ich in auf, als Beweis, als Unterstützung, als Hoffnung“

Im Grunde geht es um Begegnungen und die Art sie besonders zu be-schreiben. Gleich eingangs erleben wir die Erinnerung an ein Kindheitsritual, der Besuch bei der Großmutter zu Beginn der langen Sommerferien. Das Liegen in der Hängematte im Garten, der frisch gebackene Streuselkuchen unter Obstbäumen, das Glück einen Sehnsuchtsort zu haben. Zuverlässig und beständig jeden Sommer. Geborgenheit und Trost, die es bei der Mutter nicht zu finden gab. Der Vater im zweiten Weltkrieg gestorben, als die Autorin ein Jahr alt war. Das Aufwachsen in der DDR. Später der Sohn, der für eine Lehrstelle als Förster nur infrage kommt, wenn er keine Verwandten in der BRD hat.

Im Kapitel „Keine Angst“ erzählt Schubert über die Vorwende- und Wendezeit. Ich erfahre von den Repressionen wenn es um literarische Veröffentlichungen im Westen ging, gar um Ausreiseanträge wegen Einladungen zu Lesungen. Ich erfahre, dass in den späten 80ern das Bespitzeln von Menschen aus dem Kreis der Kirchen beliebter war, weil es Leute waren, die später nie zurückschlagen würden, weil sie gewaltfrei lebten. In vielen Kapiteln dieses Buches, erfahre ich mehr, als in manchem Sachbuch zum Thema.

„Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit.
Nun waren wir, ohne umzuziehen, in eine Welt fremder Regeln gekommen.“

Helga Schubert erzählt vom Besuch ihres Lektors, von der seltsamen Summierung der Selbstmorde in ihrem winzigen Dorf, von der erstmals erlaubten beruflichen Reise in die USA im Alter von 47, von der Reisesehnsucht im Allgemeinen, vom Altweibersommer und von der großen Liebe zum Schreiben. Immer gibt es Menschen, immer eine respektvolle, differenzierte Art über diese zu schreiben. Es gibt die eigene Geschichte und die der Familie. Und die Mutter, bei der die Schreibende schließlich feststellt, wie fremd sie ihr ist und umgekehrt und wie wenig sie beide trotz der engsten Verwandtschaft, die es gibt, verbindet.

Woher kommt der Mut, diese schmale, wankende Brücke zu den Menschen, die am anderen Ufer lärmen, zu bauen, diese Brücke ohne Geländer zu betreten und hoch über dem Abgrund zu balancieren, ganz allein?“

Ich wünsche dieses Buch jedem Leser. Ich vertraue darauf, dass es jede Leserin erreichen wird. Es ist ein Buch voller schöner Überraschungen und warmer Herzlichkeit. Und es zeigt, was Geschichtenerzählen vermag. Funkelndes Leuchten!

„Vom Aufstehen“ erschien im dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Auch die älteren sehr empfehlenswerten Erzählbände sind überwiegend bei dtv erschienen, aber leider nur noch antiquarisch zu erhalten. Leider nur zwei Sachbücher kündigt der Verlag für August als Neuauflagen an. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde dtv Verlag

Ein ausführlicher Beitrag in der ZEIT Anfang des Jahres machte mich neugierig auf dieses Buch. Die Amerikanerin Julia Phillips hat mit ihrem Debütroman, an dem sie zehn Jahre lang arbeitete, wirklich ein für mich besonderes Buch geschrieben. Es ließ mich eintauchen in eine vollkommen fremdartige Welt, der Halbinsel Kamtschatka, die früher zur Sowjetunion gehörte, obwohl die Hauptstadt Moskau sehr weit weg liegt.

Der Roman spielt allerdings nach der politischen Wende und zeigt auf, wie groß die Entfernung in den Rest der Welt auch heute noch ist. Das liegt vor allem auch an der geographischen Lage. Die Hauptstadt ist nur mit dem Flugzeug erreichbar. Straßen gibt es wenige, vor allem im Norden. Ein Großteil der Insel besteht aus einem Naturpark. Dass es auch hier in dieser abgeschiedenen Gegend um Ausgrenzung gehen kann, war mir nicht bewusst. Aber in Kamtschatka leben viele Menschen, die von Ihren Rentierherden leben, nomadische Indigene. Die „Weißen“ leben überwiegend in der Stadt. Von den Bewohnern wird die Halbinsel in Nord und Süd, in Stadt und Land eingeteilt. Es gibt Tanz- und Kulturfeste, organisiert von Indigenen, um die Kultur zu bewahren.

Ihre Großeltern waren stolz darauf gewesen, dass man die Ureinwohner der Halbinsel vereinigt hatte, sowjetisiert, indem man ihre Ländereien verstaatlicht, die Erwachsenen in Arbeitskollektive gesteckt und den Kindern in staatlichen Internaten die marxistisch-leninistische Ideologie eingetrichtert hatte.“

In der Stadt Petropawlowsk-Kamtschatski verschwinden zwei russische Mädchen, neun- und elfjährig. Das erste Kapitel erzählt davon. In den weiteren Kapiteln, die ab dem Monat des Verschwindens ein Jahr umspannen, erzählt die Autorin zunächst scheinbar zusammenhanglos von einzelnen Menschen die in der Stadt oder im nördlich gelegenen Ort Esso leben. Später finden sich einzelne Fäden zu einem roten Faden zusammen.

Die einzelnen Personen sind letztlich alle Hauptfiguren, was ich sehr gelungen finde. Phillips schildert sie sehr anschaulich und genau. Gerne würde ich mehr über jede einzelne erfahren, doch im nächsten Kapitel tauchen neue Personen auf. Großes Ziel für die meisten Protagonisten scheint es, zu studieren und die Halbinsel zu verlassen, nach St. Petersburg oder Moskau oder gar nach Europa zu gehen. Doch die meisten schaffen es nicht, heiraten, gründen Familien, studieren vielleicht, aber bleiben doch in einem der wenigen möglichen Jobs in der Gegend hängen. Auffallend ist es, wie wenig emanzipiert die Frauen in diesem Teil der Welt wirken. Die Männer haben das sagen, verhalten sich teils sexistisch und fühlen sich wohl in ihrem Machogehabe. Trotzdem finden sich zwischendrin immer wieder Frauenfiguren, die aus der Rolle ausbrechen.

„In Sankt Petersburg sahen die Männer vielleicht anders aus. Künstlerischer. Doch einsame Typen aus dem Norden wie Jegor, der viel zu schnell trank, der Mädchen einen Gefallen tat und sich acht Stunden ins Auto setzte, um auf eine Party zu gehen, fand man nur hier auf Kamtschatka.“

Auch in Esso wurde ein Mädchen vermisst, eine Indigene. Die Polizei scheint mehr Zeit und Energie in die Suche nach den beiden weißen Mädchen zu investieren. Lilja, die vermisste aus Esso wird als leichtfertiges Mädchen dargestellt, die eben vielleicht nur abgehauen ist. Doch obwohl das unbemerkte Verlassen der Insel wohl nicht so einfach ist, werden alle drei Mädchen nicht gefunden, nicht tot, nicht lebend.

Erst im vorletzten Kapitel kommt die Mutter der zwei Mädchen zu Wort. Sie leidet nach fast einem Jahr Trauer und immer neuer Hoffnung an Angstattacken mit Atemnot. Ihre Arbeit als Journalistin behält sie bei. Als sie über ein Kulturfest der Indigenen im Norden berichten soll, erfährt sie auch von der verschwundenen Lilja und sie erhält von unerwarteter Seite Hilfe, die womöglich zu einem Täter und einer Aufklärung führen könnte …

Phillips ist ein sehr gut konstruierter Roman gelungen, der mich neugierig auf diese Gegend mit ihren Vulkanen, heißen Quellen, Bären und Lachsen mit einer atemberaubenden Natur gemacht hat. Wobei manche Metaphern für mich sprachlich nicht gelungen wirkten, was vielleicht aber auch an der Übersetzung liegen könnte. Dennoch bleibt: Ein Leuchten!

Julia Phillips hat ihren Roman mit einer Personenliste und mit einer Karte von Kamtschatka ausgestattet, was sehr hilfreich für mich war. Der Roman erschien im dtv Verlag. Die Übersetzer sind Pociao und Roberto de Hollanda. Eine Leseprobe gibt es hier.

Fotos: pixabay/wikimedia commons

Judith Zander: Johnny ohne Land DTV Verlag

Welch ein Sprachfunkeln!

Judith Zander kenne ich bereits als Lyrikerin und es ist der erste Roman, den ich von ihr lese. Ihre Sprache ist wunderbar. Es ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Bei „Lesenswert“ sprechen Ijoma Mangold und Insa Wilke so ziemlich genau das aus, was ich auch über das Buch sagen bzw. schwärmen würde. Ich versuche dennoch eigene Worte zu finden. Denn um Worte geht es ja vorrangig in diesem Roman, die Sprache spielt die Hauptrolle und wird zelebriert in jeder Hinsicht.

„Die dazu notwendige Sprachbefähigung aber schien dir ins Sprechen faul und dilettantisch fehlgeleitet, ein Missverständnis, eine unzulässige Ableitung. Ein Oxidationsprozess, der jeglichen Sinn dunkel anlaufen ließ wie Silber oder die grünen Hüllen der Walnüsse, man setzte die Worte der Luft aus, sozusagen an die Luft, und schon verfielen sie. Es war eine Bewegung in die falsche Richtung, Sprache schien dir nicht für Veräußerung, Äußerungen also, und Verdünnung gemacht, sondern für Verdichtung, ein Innewerden, eine Reduktion. Was du meintest, war Denken, Nachdenken, deine Lieblingsbeschäftigung. „

Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Schon als Kind verhält sich Joana nicht so, wie sich die Eltern eine Tochter vorstellten. Zum Bruder entsteht ein komplexes Verhältnis. Wenig bis gar keine Freund*innen hat sie und das zieht sich durch die Jugendzeit bis ins Erwachsenenalter. Mit der Nachbarstochter Marlen spielt sie „Disco“. Joana, die sich bald Johnny nennt, ist der Junge, Marlen das Mädchen. Später in der Schule gehört sie zu keiner Clique. Sie ist Außenseiterin und will es eigentlich auch sein, denn sie fühlt sich einfach anders, hadert aber gleichzeitig auch damit. Die anderen sind ihr oft zu banal, was sich ebenfalls durch ihr weiteres Leben zieht und sie mitunter auch überheblich wirken lässt viel wahrscheinlicher aber, ist es überspielte Unsicherheit. Als sie 17 ist, verlässt die Mutter die Familie, nur einen nichtssagenden Brief hinterlassend. Seitdem ist es noch stiller im Haus, der Vater, der Bäcker ist, ist ohnehin kaum sichtbar. Die Geschwister wachsen durch diesen Verlust stark zusammen.

„Deine Sehnsucht war groß und ziehend wie ein Zahnschmerz, aber es war doch die nach einem einzelnen Menschen, es zog dich zu der einen Bezugsperson, die dir noch nicht untergekommen war, oder nur halb, nur kurz, einseitig und ansatzweise, und das war doch ein Widerspruch in sich. Und dieses Sehnen hatte nichts mit einer anderen, einer besseren Hälfte zu tun, du wolltest keine Ergänzung, sondern eine Erweiterung. Jemanden zum Reden. Und jemanden zum Anfassen.“

Erst im Studium in Finnland findet Johnny einen Freund und Gefährten, mit dem sie dann auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. 21 ist sie da. Doch der junge Mann hatte das Männliche in ihr gesucht und verlässt sie letztlich, weil sie eine Frau ist. Tröstlich ist da der Besuch Charlies in Finnland, der ihr allerdings dann die Frau ausspannt, in die sie sich verliebt hat. Das Verhältnis der Geschwister zerbricht. Joana kehrt in die Heimat zurück und erlebt einen langweiligen, von Melancholie und der Suche nach dem Sinn und nach der eigenen Identität geprägten Sommer. Die Geschichte führt uns dann weiter mit Johnny nach Leipzig zum Studium und in eine Beziehung mit einem Mann, die eigentlich recht einseitig ist und Johnny nicht das gibt, was sie sucht. Manchmal wirkt Johnny in ihren Ansichten arrogant, wenn sie aus ihrer „Ich bin anders“-Perspektive auf die „Normalen“ herabblickt. Als sie für eine Kollegin ein Auslandsjahr in Australien antritt, ist die Trennung bereits vollzogen. Auch in Australien ist sie nicht recht glücklich, findet kaum Anschluss, wird sich aber immer stärker bewusst, dass sie für eine neue Liebesbeziehung oder Freundschaft keine Kompromisse eingehen will. Das Geschlecht ist nicht so wichtig, eher die Seelenverwandtschaft, das „Erkennen“. Johnnys Suche nach Identität und Verortung ist ein sehr langer Prozeß und womöglich auch mit der letzten Seite nicht abgeschlossen.

Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein und versucht sich ihr Alleinsein und ihr Anderssein zu erklären und zu akzeptieren. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern (die bis auf sehr wenige Ausnahmen stimmig sind). Dabei entstehen oft extrem lange Satzschlangen, die mitunter mehrfaches Lesen nahelegen. Eine weitere Besonderheit ist die Du-Perspektive, in der das Buch geschrieben ist. Es ist, als müsste die Protagonistin sich selbst ansprechen, wenn es schon sonst keiner tut. Auch für mich als Leserin ist diese Sichtweise sehr besonders. Es intensiviert den Leseeindruck noch. Stellt sich nur noch die Frage nach dem Autobiographischen in der Geschichte …
Aber egal, dieser Roman lässt mich fasziniert über 400 Seiten staunen. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

John Williams: Stoner dtv

dscn1682

Zum zweiten Mal habe ich „Stoner“ nun gelesen. Zum ersten Mal 2013 gleich nach Erscheinen und nun, da es in meinem Lesekreis im „Reallife“ als Lektüre gewählt wurde. Schon beim ersten Lesen war ich mehr als begeistert von diesem Roman. Der Autor John Williams, 1922 in Texas geboren wurde nach langer Zeit wiederentdeckt: „Stoner“ war gleich ein Riesenerfolg. Zwei weitere Romane sind inzwischen wieder neu aufgelegt worden.

William Stoner, geboren Ende des 19. Jahrhunderts, lebt mit seinen Eltern in Missouri auf dem Land. Sie bewirtschaften einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb, von dem sich trotz harter Arbeit mehr schlecht als recht leben lässt. Als der Vater dem 19-jährigen vorschlägt, ein Landwirtschaftsstudium zu beginnen, um es einmal besser zu haben, besucht William eine Universität und gerät immer mehr in eine vollkommen neue Welt. Er entdeckt die Literatur.

Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur verstörte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.“

Schon während des geplanten 4-jährigen Studiums der Agrarwirtschaft wechselt Stoner das Fach. Fasziniert und angezogen, belegt er Philosophie und Literatur und entscheidet sich nach dem Abschluss nicht auf die Farm der Eltern zurückzukehren. Bald darauf unterrichtet er selbst die ersten Einführungskurse. Langsam übernimmt er mehr und mehr Kurse, promoviert und bleibt an der Uni von Columbia. Dort lernt er auf einer Feier Edith kennen, eine junge, schüchterne Person, die ihn sofort aufgrund ihrer Andersartigkeit anzieht. Er verliebt sich. Sie heiraten. Doch schon am Anfang, erkennt der Leser, dass für die beiden kein glückliches Beisammensein vorgesehen ist.

Edith verweigert sich ihrem Mann, später ihrer Tochter, ja eigentlich dem Leben. Stoner übernimmt jegliche Arbeiten im Haus zusätzlich zu seiner Dozententätigkeit an der Uni und kümmert sich von Anfang an fürsorglich um seine Tochter, während Edith sich apathisch zurückzieht. Doch Stoner wehrt sich nicht. Zudem verschuldet sich das Paar, weil Edith sich wünscht in einem eigenen Haus zu leben. Dann beginnt die unzufriedene launenhafte Edith ihm mehr und mehr die Tochter zu entziehen und ihn in jeder Hinsicht in die Enge zu treiben.

Stoners alter Mentor an der Universität stirbt und wird von einem neuen Professor namens Lomax ersetzt, der sich als schwieriger und durchtriebener Mensch erweist. Stoner, der sich immer mehr zu einer starken Lehrerpersönlichkeit entwickelt hat, traut sich einen von Lomax` Studenten durchfallen zu lassen, was zu bösem Blut führt. Lomax macht Stoner zu seinem persönlichen Feind und legt ihm fortan Steine in den Weg.

„Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war.“

Bevor Stoner der Lebensmut gänzlich verlässt, passiert es: Die Beziehung zu einer Dozentin, die kurze Zeit an der Universität arbeitet, bringt Stoner eine Spur von ungeahntem Glück, doch auch dies wird ihm wieder aus den Händen gerissen. Das einzige was bis an sein Lebensende bleiben wird, ist die Hingabe an die Literatur, die Leidenschaft ein Gelehrter zu sein.

Das tragische an der Geschichte ist, dass Stoner vieles so hinnimmt, wie es kommt, dass so wenig Aufbruch und Wunsch nach Veränderung seiner Lebenssituation in ihm steckt. Selbst als ihm deutlicher wie nie, die Möglichkeit eines Neuanfangs vor Augen steht, entscheidet er sich pflichtbewusst und gegen das persönliche Glück. Das macht das Lesen dieser Geschichte nicht immer zum Vergnügen, möchte man Stoner doch so manches mal aus seiner Starre wach rütteln.

Und dennoch ist es ein großes Stück Literatur. Williams Sprache ist so klug und zeitweise so poetisch, dass man den oft erdrückenden Inhalt fast vergisst. Und es wendet sich direkt auch an den Leser: Wie steht es um dein persönliches Glück? Wie aktiv gestaltest du dein Leben?

„Stoner“ erschien bei DTV. Die Übersetzung kommt von Bernhard Robben. Informatives über Autor und Entstehung findet man hier.