Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer Dumont Verlag

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Andreas Schäfers neuer Roman „Das Gartenzimmer“ erzählt die Geschichte eines Hauses. Ein junger Architekt, Max Taubert (teils angelehnt an den realen Architekten Max Taut?), verwirklicht gleich anfangs seiner Laufbahn ein ungewöhnliches privates Hausprojekt in Berlin, das ihn auch eng an die Personen bindet, die ihn beauftragten und nun darin leben. Entstanden ist das Haus bereits vor dem ersten Weltkrieg und wir erleben die Entwicklung von 1908 bis in die heutige Zeit ins Jahr 2013. Alle Bewohner beschäftigt oder beeinträchtigt dieses Haus auf jeweils eigene Art und Weise …

In diversen Zeitsprüngen, die durch die Jahreszahl als Kapitelüberschrift gekennzeichnet sind, geht es im Roman kreuz und quer, recht verwirrend. Es entsteht dadurch keine Spannung, wie das normalerweise bei dieser Technik der Fall ist, sondern eher viel Unklarheit, auch bezüglich der handelnden Personen, die zudem für mich auch kaum Tiefe besitzen. Die weiblichen Protagonisten empfinde ich als klischeehaft dargestellt. Die Männer sind durchweg unsympathisch. Zudem wurde mir beim Lesen langweilig.

Trotzdem las ich weiter, immer in der Hoffnung es würde noch die Kehrtwendung kommen, die mich vom Buch überzeugt. Doch trotz der vielversprechenden Ansätze von Erzählsträngen finde ich den Roman nicht gelungen. Zu viele Personen werden vorgestellt, ihr Schicksal kurz angerissen, aber nicht hinreichend auserzählt. Das ist schade, denn so manche Person scheint mir durchaus interessant und erkundenswert. Wie etwa Julius Sander, der offenbar im „Gartenzimmer“ des Hauses, dass die Nazis beschlagnahmten und zum Eugenik-Labor ausbauten und für ihre furchtbaren Experimente nutzten, selbst Schreckliches erlebt hat. Auch über die Lebensgeschichte des Architekten selbst hätte ich gerne mehr gelesen. Für mich ergibt sich aus diesen unzähligen Windungen letztendlich kein stimmiges Ganzes.

Dabei fand ich den Erzählstrang um die Familie Rosen, die das Haus in Auftrag gab und 1909 einzieht, noch am Interessantesten. Nach meiner Ansicht wäre es sinnvoller gewesen, sich auf deren Geschichte zu beschränken. Doch gibt es eine Menge übersprungene Zeit, bis die Geschichte wieder zur Zeit des Nationalsozialismus andockt. Aber auch hier gibt es viele Ungereimtheiten und vage Andeutungen. Der Strang, der in der heutigen Zeit ab 2001 spielt hat mich eher gelangweilt. Man lernt die neureiche Familie Lekebusch kennen, die das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Haus renovieren lässt und neu bezieht. Aber ich finde keine Verbindung zu ihr. Auch wird nie genau klar, weshalb die Bewohner, das Haus als unheilbringend empfinden. Mir scheint eher, die Protagonisten leiden an sich selbst oder ihrer Lebensüberdrüssigkeit.

Zu guter Letzt hätte nur noch die Sprache diesen Roman für mich retten können, doch auch sie ist unauffällig (was schon daran zu merken ist, dass ich nichts zu zitieren fand). Sehr schade, dass das Potenzial dieser an sich guten „Haus“-Idee nicht genutzt wurde. Kein Leuchten, sorry!

„Das Gartenzimmer“ erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zwei weitere Blogs sind deutlich mehr angetan von diesem Buch:
Buch-Haltung und Fräulein Julia

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Benjamin Myers: Offene See Dumont Verlag

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Auf der Bestsellerliste also. Platz 13. Eigentlich finden sich selten richtig gute Romane auf der Bestsellerliste. Dann schon eher an der SWR-Bestenliste orientieren, denke ich. Trotzdem bestellte ich „Offene See“ in meiner Bibliothek vor, um zumindest hineinzulesen. Die Welle auf dem Cover lockte. Gleich auf den ersten Seiten scheint mein Eindruck bestätigt: Gewollte missglückte Metaphern – so etwas ist für mich schwer erträglich:

“ … und ich kam an Kühen vorbei, deren Euter, wie Partyballons herumbaumelten“ […] und deren Rippen hervortraten wie die Rümpfe von gestrandeten Booten.“

oder

„Das graue Meer brüllte in der Ferne wie ein Fußballstadion, das eine Fehlentscheidung in der Nachspielphase erlebt, …“

Ich sehe in der Biographie des Autors, dass er auch Lyrik schreibt. Na gut. Vielleicht kann er das besser. Und doch lese ich weiter, irgendetwas lockt. Die Dialoge sind auch gut gelungen. Und sehr spät, auf Seite 148, kriegt er mich dann. Kein Wunder: es geht um ein gefundenes Manuskript einer Lyrikerin. Und wie Benjamin Myers da beschreibt, wie ein 16-jähriger das Gedichtelesen für sich entdeckt, was er dabei erlebt, das trifft es schon sehr gut. Das kann ich nachvollziehen. Als ich die genannte Dichterin google, erfahre ich, dass es sie tatsächlich gab: Romy Landau, 1912 in Bayern geboren, später in England lebend und erfolgreich mit ihrem Debütlyrikband von 1936 „The Emerald Chandelier“, doch als Deutsche mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgegrenzt. Ihr Manuskript „The Offing“, nach dem dieser Roman benannt ist, erschien posthum.

„Bis zu diesem Sommer war Lyrik eine Geheimsprache gewesen, die nur von vornehmen Leuten gesprochen wurde, […]
Jetzt jedoch tat sich mir dieses geheime Universum durch die Gedichte, die ich im Atelierhaus las, jeden Abend etwas weiter auf, und nirgends mehr als in den Worten, die John Clare, Landarbeiter und Prophet der Scholle, über ein Jahrhundert zuvor geschrieben hatte.“

Der 16-jährige Robert erlebt den 2. Weltkrieg in Nordengland in einer Bergbaustadt und geht kurz nach dessen Ende 1946 auf eine Wanderung. Er will in die Natur, er will ans Meer, bevor er wie schon der Vater und Großvater zuvor Grubenarbeiter werden wird. Etwas in ihm sträubt sich gegen diesen vorgegebenen Lebenslauf. Auf einem kleinen Cottage an der Westküste begegnet er schließlich nach langem Wandern der weltoffenen Dulcie, die allein mit ihrem Schäferhund lebt und trotz der Nachkriegsarmut, die überall herrscht, über große Lebensmittelvorräte verfügt. Zwischen den beiden entwickeln sich Gespräche, die Robert zum Nachdenken anregen, die ihn auf Gedanken bringen, auf die er in heimatlicher Enge nie gekommen wäre. Er hilft ihr mit Arbeiten auf dem Grundstück mit Meerblick und sie kocht für ihn und bringt ihm manche Lektüre nahe.

Als Robert das kleine Gartenhaus, das Atelier, renoviert, entdeckt er ein Manuskript, liest die Gedichte und versenkt sich hinein. Hier spürt er zum ersten Mal, was es mit Gedichten wirklich auf sich haben könnte (unter anderem liest er auch John Clare, von dem ich hier bereits einen Band besprochen habe). Nach und nach erzählt ihm Dulcie von der Herkunft des Manuskripts …

Und hier an dieser Stelle wundere ich mich ein wenig. Ein Roman, in dem es um Lyrik geht auf der Bestsellerliste? Okay. Wahrscheinlich liegt es an der bezaubernden Landschaft, am Nature Writing„, was ja sehr beliebt ist und hier mit Ausnahmen (siehe oben) ja durchaus funktioniert. Und doch wünsche ich mir sehr, dass die, die das Buch gekauft und damit auf die Bestsellerliste gebracht haben, auch entflammen und sich wie Robert mutig ans Lyriklesen wagen. Und wenn dann ein Bruchteil davon ähnliche Initiationserlebnisse hätte wie er, wäre schon viel gewonnen. Denn Lyrik ist ein Geschenk, Lyrik birgt Geheimnisse, die man in keinem Roman findet. Lyrik leuchtet und dieses Buch insofern schlussendlich mit ihr!

Der Roman des 1976 geborenen Engländers Benjamin Myers erschien im Dumont Verlag. Übersetzt haben ihn Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter Dumont Verlag

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Der wunderbaren Autorin Judith Kuckart wünsche ich mehr Aufmerksamkeit für ihre Bücher. Ich lese ihre Romane schon lange und bin jedesmal angenehm überrascht über die Vielfalt, die sie in aller Ruhe in ihren Geschichten ausbreitet. Das Unspektakuläre liegt ihr, denn sie schafft es durch ihre fantasiereiche Sprache etwas ganz Besonderes daraus zu machen.

„Ob das neue teure Stadthaus, einen Steinwurf von meinem alten Hinterhaus entfernt, das so prunkvoll Licht und Luft verdrängt, sich daran erinnert, dass es mal eine Lücke war?“

Schwierig zu erläutern, um was es in diesem Roman geht. Oberflächlich gesehen, geht es um eine 54jährige Frau, die über die vergangenen Partnerschaften und daraus resultierend übers Älterwerden in ihrem Leben nachdenkt. Zu recht ein wenig melancholisch, aber extrem reflektiert sieht das dann aus, wenn Judith Kuckart eine solche Geschichte erzählt.

Der Überbau der Geschichte: Eine Frau sitzt als recht spezielle Freizeitbeschäftigung an Wochenenden am Flughafen Tegel Berlin, trinkt, und beobachtet die Menschen rundherum. Fliegen wird sie nicht, darum geht es nicht. Eines Sonntags kommt sie mit einem Mann ins Gespräch. Sie erfährt, dass er 36 ist, beruflich nach Sibirien fliegt und am nächsten Samstag zurückkehrt. Sie findet ihn sympathisch.

Die 36 scheint eine magische Zahl im Leben unserer Heldin Konstanze zu sein und so gerät sie ob dieser Begegnung in einen Erinnerungsstrom. Sie begibt sich rückblickend auf ihre Verflossenen auf eine Reise in die Vergangenheit. Als Studentin mit 18 lernt sie den politisch engagierten, unruhigen Viktor kennen, der damals 36 Jahre alt war. Doppelt so alt wie sie. Gleich zu Beginn entdeckt sie Dinge an Viktor, die sie eigentlich eher abschrecken, sich auf ihn einzulassen. So ist diese Beziehung immer eine Gratwanderung.  Dennoch verbringt sie viele viele Jahre mit ihm.

„Wie war er an dem Abend eigentlich an den raschen Urteilen ihres Verstands vorbeigekommen? Hatte er das richtige Passwort … ?“

Als sie selbst dann 36 ist, lernt sie ihren zukünftigen Partner Johan kennen, der ebenfalls 36 ist und erlebt eine lange, zunächst sehr ausgeglichene Beziehung, welche allerdings mehr und mehr von beider beruflich prekären Situation geprägt wird.

„In seinem [Zimmer] baute er sich einen riesigen neuen Schreibtisch mit zwei Telefonanschlüssen, Scanner und großem Computerbildschirm, auf dem er seine Ratlosigkeit verwaltete.“

Das Ende der Beziehungen kommt dann jeweils wenig überraschend. Hier zitiert Kuckart das Gedicht „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner, welches ich hier mit einbinde, weil es so stimmig zum Roman und so schön ist:

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Bei Lyrikline liest Kästner es vor.

Und nun der 18 Jahre jüngere, also wieder 36-jährige Robert Sturm am Flughafen. Noch während des Gesprächs, malt sie sich aus, wie dieser Sturm lebt, ob sie sich wiedersehen und gerät in den Bann des jüngeren Manns. Sturm fliegt davon und sie bewegt sich in Gedanken immer ihren Fantasien über ein Wiedersehen folgend, durch ihren Alltag, ihre Arbeitswoche in einem wissenschaftlichen Versuchslabor. Sie hat ihm eine Visitenkarte entwendet und sucht sein Wohnhaus, ruft seine Telefonnummer an, obwohl sie weiß, dass er nicht da ist. Was wie Stalking klingt, wenn ich es hier so hinschreibe, ist etwas ganz anderes. Ich bin mir sicher, dass es eine unbenennbare Sehnsucht ist, die die Heldin vorantreibt, vielleicht die Sehnsucht nach tiefer Liebe, nach dem großen Sinn. Vielleicht vom Alleinleben, vom Älterwerden geprägt, äußert sich dieser Wunsch in einer schrulligen, skurrilen Art und Weise. Kuckarts Hauptfigur ist mir sehr sympathisch.

Sie hinterfragt, wie die Beziehungen zu Ende gehen konnten, ob sie es nicht lang zuvor schon waren und nur noch in der Gewohnheit gelebt wurden. Was war gut, was war schlecht? Wie hätte es besser gemacht werden können? Sie erinnert sich an ihr Studienfach Neurobiologie und an das Schreiben ihrer Doktorarbeit unter dem Titel „Emotionale Ansteckung“, die im Grunde vielleicht Antworten auf die Fragen hätte geben können. Denn oft hatte sie sich angepasst an die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Partner.

Kuckart teilt ihren Roman in 7 Kapitel ein, die jeweils einem der Wochentage entsprechen, bis Sturm von seiner Reise zurückkehrt. Zwischen den Kapiteln fügt sich eine Art Traumtagebuch ein, falls ich das richtig definiere, welches einmal mehr Auskunft gibt über den Gemütszustand der Heldin. Es sind solche Sätze, solche Passagen, die das Lesen zur Freude machen:

„Sie hatte dem zukünftigen Vermieter nicht widersprechen wollen. Er war ein munterer Rheinländer, den die Welt erst etwas anging, wenn sie lustig zusammengefasst als Karnevalsumzug direkt durch die Straße kam.“

Wer so virtuos und mutig und auch witzig mit Sprache umgeht, hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis sollte dieses Jahr eigentlich mal drin sein …

„Kein Sturm, nur Wetter“ erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Einen weiteren Roman von Judith Kuckart mit dem wunderbaren Titel „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ habe ich hier auf dem Blog besprochen. Und kann ihn ebenso wie alle zuvor erschienenen sehr empfehlen.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip Dumont Verlag

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Angelockt von Titel und kurzer Inhaltsangabe in der Vorschau war ich gespannt auf diesen Roman. Von der amerikanischen Autorin habe ich bisher nichts gelesen. Um den Feminismus im 21. Jahrhundert geht es in Wolitzers Roman, so war es angekündigt. Um die stille, etwas schüchterne College-Absolventin Greer geht es, die gleich zu Anfang des ersten Semesters von einem Kommilitonen sexuell bedrängt und tätlich belästigt wird und dadurch sensibilisiert wird. So lernt sie nach einem Vortrag die Feminismus-Ikone Faith Frank kurz persönlich kennen. Deren Ausstrahlung beeinflusst sie so stark, dass sie versucht ihrem Leben eine neue Richtung, ein Ziel zu geben.

Da Greer die beeindruckende Faith vergöttert, ist sie erfreut, als sie nach ihrem College-Abschluß von ihr zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Offenbar erinnert sich Faith Frank noch an ihr College-Gespräch. Weil Greers fester Freund Cory für seinen ersten Job nach dem Abschluß nach Manila versetzt wird, entfernen die beiden sich mehr und mehr. Da sie sich seit ihrer Jugend kennen, planten sie in New York eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Nun lebt Greer allein und steckt bis über den Kopf in Arbeit, die ihr allerdings aufgrund der Nähe zur verehrten Faith, leicht von der Hand geht. Greer geht in ihrer, ja, man kann es fast Hörigkeit nennen, sogar soweit, ihre College-Freundin Zee zu verraten oder als überzeugte Vegetarierin ein blutiges Steak zu essen. Als Corys kleiner Bruder bei einem Unfall zu Tode kommt, den die eigene Mutter mitverschuldete, opfert Cory Karriere und schließlich auch die Beziehung zu Greer. Und Greer selbst wird mit der Arbeit für Faith immer unzufriedener …

Wolitzer hat ihr Buch in Kapitel unterteilt, in denen nach und nach Greer, Cory, Zee und Faith als Hauptperson fungieren. Hier erfährt man mehr über Familiengeschichte und Hintergrund der jeweiligen Person.

Gleich zu Anfang stelle ich fest, dass ich mich schwer tue mit der amerikanischen Art zu schreiben. Wolitzers Stil liest sich nach Creative-Writing-Seminar, nach Handwerk und Technik, aber nicht nach Sprachgefühl, nach Eintauchen in die Sprache. Das merke ich immer wieder, vor allem, wenn sie übertriebene oder künstlich wirkende Metaphern verwendet (dass es an der Übersetzung liegt, kann ich mir nicht vorstellen, aber wer weiss …), was sie oft tut, von den Sexszenen ganz zu schweigen, siehe unten:

„Niemand wusste, wie es kam, dass man diesen konzentrierten Ehrgeiz in sich trug. Er glich einer Fliege, die heimlich ins Haus eindrang, und da war sie dann: deine Stubenfliege.“

oder

„Herzlichen Glückwunsch, Franny, sagte Linda an dem Tag, und wie ein Sofapolster beim Daraufsetzen Luft entlässt, entließ sie durch den Druck der Umarmung ein sehr weibliches Parfüm.“

oder

„Sie dachte an die Gesichter aller Menschen, die sie kannte, zitternd in der Gelatine ihrer Gegenwärtigkeit.“

Ich las den Roman nur zu Ende, weil ich die Story hören wollte, wissen wollte, wie es mit Greer und dem Feminismus weiterging. „Das weibliche Prinzip“ ist, nicht wie erwartet, ein explizit auf Feminismus und Emanzipation ausgerichteter Roman, sondern ein leicher Unterhaltungsroman. Die Autorin überzeugt mich auch inhaltlich nicht, bedient sie doch in ihrer Sprache selbst (unbewusst?) so manch verkrustetes Frauenbild, dabei spielt der Roman überwiegend in der Jetzt-Zeit, mit kurzen Rückblenden in die 70er.

Schlussendlich haben mir die letzten Kapitel noch am besten Gefallen (obwohl es eine Art Happy End gibt). Und da fand ich dann auch endlich ein paar schöne Zeilen:

„Vielleicht bestand das wahre Geheimnis des Todes darin, dass er einen Menschen aus dem Leben riss und zwang, an einem fernen Ort zu leben – ein ähnlicher Vorgang wie die Reinkarnation, nur dass es sofort geschah, nicht in der Zukunft. Eine Art Zeugenschutzprogramm auf Grundlage des Todes.“

Das Buch erschien im Dumont Verlag. Übersetzt hat es Henning Ahrens. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann Dumont Verlag

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„Wenn wir etwas anschauen, kann es aus unserer Sicht verschwinden, aber wenn wir nicht versuchen, es zu sehen, kann dieses etwas nicht verschwinden.“

Nicht nur mit diesem japanischen Koan, mit Mon Cherie mit der Piemontkirsche und einer weisen Frau, die wie Rudi Carell aussieht, sondern auch mit einer hinreißenden Geschichte, mit ungewöhnlichen Redewendungen und Sprachspielereien, mit witzigen Dialogen, mit eigenartigen und liebenswerten Protagonisten und mit märchenhaft-alltäglichen Ereignissen darf man als Leser*in hier rechnen. Der Roman ist ein Leichtgewicht unter den Neuerscheinungen diesen Herbsts und selten zuvor gab es so viele positive Stimmen zu einem Buch. Alle sind des Lobes voll … und haben recht.

Der Optiker nahm immer die mittlere Heimliche Liebe ohne Sahne. „Die große Heimliche Liebe schaffe ich nicht“, sagte er und sah Selma aus den Augenwinkeln an. Selma aber hatte keinen Sinn für Metaphern, auch wenn sie direkt vor ihrer Nase auf einem Eiscafétisch standen, mit Schirmchen.

Ob Leky nun von der Kinderfreundschaft zwischen der Hauptfigur Luise und Martin erzählt, der Gewichtheber werden will oder von einem riesengroßen grauen Hund namens Alaska oder von Selma, Luises Großmutter, die manchmal im Traum ein Okapi sieht, von der traurigen Marlies, die immer verbitterter wird oder vom Optiker, der in Selma verliebt ist, diese Liebe aber sich nie zu gestehen traut, ob später ein paar buddhistische Mönche plötzlich am Waldrand des Dorfes im Westerwald auftauchen und den verschwundenen Alaska suchen und einer davon Luise den Kopf verdreht und trotzdem wieder ins Kloster nach Japan zurückkehrt, ob Luises Vater von seinem Psychoanalytiker durch die weite Welt geschickt wird, während Luises Mutter in ihrem Blumenladen Kränze und Sträuße bindet und mit dem Eisdielenbesitzer liiert ist, immer ist da ganz viel Herzenswärme für ihre Figuren. Und das bringt einem die Protagonisten sehr nah, bald gehört man selbst zur Familie. Besonders geschickt empfinde ich, wie Leky es schafft, durch ritualisierte, immer wiederkehrende Geschehnisse in ihrem Roman, die Zeit vergehen zu lassen. Denn es vergehen Jahrzehnte, in denen vermeintlich wenig passiert in diesem Dorf und doch bewegen sich alle in einem fort.

Frederik und ich schreckten hoch, als das Telefon klingelte, ich erschrak, weil ich wusste, dass so früh nur bei unaufschiebbarem Sterben oder unaufschiebbarer Liebe das Telefon klingelt, und weil alles was die Liebe für Unaufschiebbarkeit gebraucht hätte, auf meinem Klappsofa lag, dachte ich: Jetzt ist jemand gestorben.“

Alles an diesem Roman ist klug konstruiert und wirkt dennoch vollkommen natürlich und ungekünstelt. In der Tat braucht es dann keinen hippen Großstadtroman mehr, wenn man Lekys tragikomischen Dorfroman in Händen hält und auch so schnell nicht mehr weglegt. Mit diesem Buch ist Leky nach langer Pause seit dem 2010 erschienenen ebenfalls empfehlenswerten Roman „Die Herrenausstatterin“, endlich eine neue zauberhafte, eigenartige, unbedingt und ausnahmslos lesenswerte Geschichte gelungen.

Das Buch erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.