Kunst im Buch 3: Sachbücher – Biographien – Briefe – Filme über Kunst und Künstler

Originale von Hilma af Klint, zur Zeit in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Als selbst Malende und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Bücher oder Filme über Kunst und Künstler*innen. Eine kleine Auswahl meiner bisherigen Highlights habe ich hier zusammengestellt. Es ist mittlerweile der 3. Beitrag zu diesem Thema. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog gehts direkt über den link. Zu Teil 1 hier, zu Teil 2 hier.

Sachbuch – Biographie

Julia Voss: Hilma af Klint >Die Menschheit in Erstaunen versetzen<

Mich hat die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Barbara Beuys: Helene Schjerfbeck Die Malerin aus Finnland

In Skandinavien betrachtet man die Finnin Helene Schjerfbeck (1862-1946) als eine der bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Hierzulande ist sie trotz der großen Ausstellung 2014 in Frankfurt am Main noch nicht so bekannt. Barbara Beuys, die bereits viele Biographien veröffentlichte erzählt sachlich und dennoch kurzweilig über Schjerfbecks Leben und Arbeiten. Die Familie stammte ursprünglich aus Schweden. Helene durfte aufgrund ihres künstlerischen Talents auf die Zeichenschule. Nach ersten Erfolgen geht sie auf Studienreise unter anderem nach Paris, in die Bretagne, nach England. Ab 1890 lebt sie in Helsinki und kämpft um ihr Ansehen als Künstlerin. Ihr Leben ist auch immer wieder von Krankheiten überschattet. Schließlich zieht sie in einen kleineren Ort und verändert ihre Malweise stark. Als ein Kunsthändler sie entdeckt, beginnen sich die materiellen Verhältnisse zu bessern. Sie hinterlässt nach ihrem Tod über 1000 Gemälde, vor allem ihre Porträts stechen hervor. Im Buch gibt es ergänzend zwei Bildteile. Hier gibt es noch keine ausführliche Besprechung, aber auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“.

Annet Mooji: Das Jahrhundert der Gisèle – Gisèle van Waterschoot van den Gracht

Gisèle van Waterschoot van den Gracht (1912 – 2013), Tochter eines Niederländers und einer Österreicherin, studierte in Paris Kupferstich und Radierung, lebte mit den Eltern kurz in den USA. 1941 bezieht sie ein Haus in der Herengracht in Amsterdam. Nachdem sie deutsche Dichter kennenlernte, die hier im Exil lebten, gab sie vielen Zuflucht, darunter Wolfgang Frommel und weiteren jüdischen Freunden in einer Wohnung im eigenen Haus. Selbst in dieser gefährlichen Zeit gab es eine Art Künstlerzirkel, der sich bis über das Kriegsende hinaus erhielt. Es entwickelten sich weitere Kontakte, eine Literaturzeitschrift entstand und ein Verlag: Castrum Peregrini war eine Art männlicher Dichterclub, wie man ihn von Stefan George her kennt, in diesem Fall nicht ganz unproblematisch. Die Künstlerin, die eine schillernde eigensinnige Persönlichkeit war und Max Beckmann kannte, schuf selbst viele Gemälde, die schwer einzuordnen sind. Sie erinnern mitunter an Picasso, an den Kubismus; viele Porträts und Selbstporträts entstanden. Sie kreierte Wandteppiche und renovierte eine Klosterruine auf der griechischen Insel Paros. Ihr Haus ist bis heute als Gesamtkunstwerk erhalten geblieben. Annet Mooij hat eine informative und dennoch leicht lesbare Biographie über eine ungewöhnliche Frau geschrieben. Mehr darüber auf der Seite der Büchergilde.

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Briefe – Graphic Novel – Bildband

Inés Burdow: Sweetheart, es ist alle Tage Sturm – Lyonel Feininger

Auch zu diesem Buch gibt es keine ausführliche Besprechung, aber eine Empfehlung, wenn man sich für den Künstler Lyonel Feininger (1871-1956) interessiert. Gerade erschien der Briefwechsel zwischen der Künstlerin Julia Berg (1881-1970) und Feininger. Ich erlebte die Autorin und Sprecherin Ines Burdow und den Sprecher Ulrich Lipka bei einer kurzweiligen Lesung aus dem Buch. Die Briefe sind Zeichen einer großen Liebe (beide waren anderweitig verheiratet, als sie sich 1905 begegneten), aber auch biographisch und zeitgeschichtlich interessant. Sie zeigen auch sehr persönlich auf, wie Feininger an seiner Kunst zweifelte, von Julia aber sehr unterstützt wurde (auf Kosten ihrer eigenen Kunst). Von Krieg, Weimarer Republik, über die Entstehung des Bauhauses bis zum Nationalsozialismus, von dem Julia als Jüdin direkt bedroht war, spannt sich der literarische Bogen. Das Paar verlies das Land 1937 Richtung New York. Ein einmaliges Werk, welches auch bisher unveröffentlichte Briefe enthält und durchaus als besondere Biographie gelesen werden kann. Siehe auch auf der Seite des Kanon Verlags.

Elisa Maccelari: Kusama – Yayoi Kusama Graphic Novel

Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

I love Women in Art Hrsg. Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy

Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen an den Kunstakademien studieren – das war der Anlass für die beiden Künstlerinnen Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy ein Buchprojekt zu starten, was ich mehr als hervorragend finde. Damit wollen die beiden auf die immer noch andauernde Unterpräsentation von Künstlerinnen im Kunstbetrieb aufmerksam machen. Großformatig auf bestem Papier gedruckt, lese ich von Künstlerinnen, die ich noch nicht kannte, entdecke Neues, was mich selbst für meine Kunst inspiriert oder begegne Kunstfrauen, deren Werk ich bereits kenne und liebe. Ein schöner Kunstbildband von Künstlerinnen mit Künstlerinnen. Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/03/08/i-love-women-in-art-hrsg-janine-mackenrodt-bianca-kennedy/

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DVDs

Film Jenseits des Sichtbaren von Halina Dyrschka

Mit Hilma af Klint habe ich mich sehr eingängig beschäftigt. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zur Biographie von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern auch von der Autorin, der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Der Film lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen, Verwandte von Hilma, Kuratoren, Kunsthistoriker und eben auch Julia Voss.
Mein Beitrag zum Buch: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/02/julia-voss-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-s-fischer-verlag-ylva-hillstrom-karin-eklund-die-unsichtbare-welt-von-hilma-af-klint-henschel-seemann-verlag/

Film Seraphine von Martin Provost

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/19/film-kunst-film-seraphine-dvd-film-von-martin-provost-2010/

Film Final Portrait von Stanley Tucci

Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Alberto Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler. Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/15/film-kunst-film-final-portait-von-stanley-tucci-dvd-2017/

Film Werk ohne Autor von Florian von Donnersmarck

Der Film „Werk ohne Autor“ wartet mit immerhin über drei Stunden Laufzeit auf. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.
Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/11/05/film-kunst-film-werk-ohne-autor-von-florian-henckel-von-donnersmarck-2018/

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Viel Vergnügen beim literarischen/filmischen Kunstentdecken!


Film – Kunst – Film: Final Portait von Stanley Tucci DVD 2017

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Wochen, ja Monate habe ich auf die in der Bibliothek vorbestellte DVD „Final Portrait“ gewartet. Zunächst Tage, dann Wochen hat Alberto Giacometti am Porträt des Schriftstellers James Lord gearbeitet. Viel Geduld brauchte ich und auch der Modellsitzende.
Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler.

 

Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. Obsessiv und chaotisch, kettenrauchend und dem Wein und den Frauen nicht abgeneigt. Frauen, neben seiner Ehefrau Annette, die ihn inspirieren und Modell sitzen. James Lord, der 1964 von Giacometti porträtiert wurde, wusste nicht worauf er sich da einließ: Er musste seine Abreise zurück in die USA verschieben, erst täglich, dann wöchentlich, weil Giacometti nicht fertig wurde, nie zufrieden war, mitunter komplett übermalt hat. Als Zuschauer litt ich selbst Qualen, wenn Giacometti mal wieder von vorne begann. Doch der Künstler hatte bereits anfangs angekündigt, dass es passieren könnte, dass das Porträt nie vollendet wäre. Tatsächlich ist es das letzte Porträt Giacomettis. Der 1901 geborene Künstler starb 1966 in der Schweiz.
Lord erlebt den Künstler in diversen Gefühlszuständen. Im wüsten Atelier, in dem unzählige angefangene Skulpturen der Vollendung harren, erlebt man den Meister ganz aus der Nähe. Wie er wütet, wie er Zeichnungen verbrennt oder schlecht gelaunt ist, weil die Geliebte verschwunden ist, wie er im Ehestreit mit Geldscheinen um sich wirft.

 

James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war.

Der Film lebt vor allem von der großartigen Schauspielkunst Geoffrey Rushs, der für seine Rolle in „Shine“ einen Oscar erhielt. Unzufrieden mit seinen Fähigkeiten, zweifelnd an der Arbeit, verwirrt und exzentrisch spielt er die Figur des Giacometti trefflich. Auch Sylvie Testud als Ehefrau passt stimmig. James Lord wird von Armie Hammer gespielt. Vorrangig in Grautönen ist der Film gehalten, wie auch das Atelier und die Gemälde des Künstlers. Von den gegossenen Bronzefiguren, die jeder kennt, ist im Atelier nichts zu sehen. Der Regisseur setzt kleine Farbakzente, wie etwa der gelbe Mantel von Ehefrau Annette oder das rote Cabrio, dass Giacometti seiner Geliebten schenkte. Tucci hat außerdem ein gutes Gefühl dafür, wie Stimmungen einzufangen sind. Für Giacometti-Fans ein Muss!

Der Film entstand 2017 und ist als DVD erhältlich. Mehr auf der offiziellen Filmseite:  http://finalportrait.prokino.de/
James Lords Biografie von Giacometti ist auch als Buch erhältlich.

Film – Kunst – Film: Die Geträumten DVD Film von Ruth Beckermann 2017 filmedition suhrkamp

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

„Führ mich an die Seine, wir wollen so lange hinein schauen, bis wir kleine Fische geworden sind“

Ingeborg Bachmann, 1948

Der Film „Die Geträumten“ wurde 2016 auf der Berlinale vorgestellt und ist nun auch als DVD erhältlich. Es ist ein gewagtes Experiment. Die bekannte Regisseurin Ruth Beckermann lässt hier den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan von zwei Schauspielern interpretieren, ohne eine eigene Spielfilmhandlung einzusetzen. Die braucht es allerdings auch gar nicht, ja, sie wäre sicher vollkommen verkehrt, denn die Texte wirken von allein sehr stark. Vom Film, gleich vorweg, bin ich etwas enttäuscht.

„Manchmal glaube ich, alles ist ein verworrener Traum und es gibt dich gar nicht und Paris nicht und nur die mich zermalmende, schreckliche hundertköpfige Hydra Armut, die mich nicht loslassen will.“

Ingeborg Bachmann, 1950

Wir hören von zwei höchst sensiblen, leicht zerbrechlichen Menschen, die sich lieben und doch Angst voreinander haben. Beide haben Beziehungen zu anderen Menschen, und so selten die Kraft, einander zu sehen, zu begegnen.

Was mir auffällt: Ich schließe oft die Augen und höre den Briefdialog. Vielleicht ist das Bildhafte bei so starken Zeilen gar nicht notwendig. Die Stimmen der beiden Schauspieler, Anna Plaschg und Laurence Rupp sind gut geeignet für diese Texte und doch muss ich sie nicht unbedingt sprechen sehen, denn ich sehe ja schon Bachmann und Celan im Inneren.

Im Film sieht man dann die beiden in den Drehpausen miteinander: Sie nutzen sie zum Rauchen oder Reden, albern herum, doch kommen sie mir dadurch nicht näher. Im Gegenteil, diese Episoden wirken eher befremdlich, fallen sie doch ganz aus dem Bachmann-Celan´schen Kosmos heraus. Ein Versuch, der hätte glücken können, doch für mich ist, bedauerlicherweise, dieses Filmporträt gescheitert.

Ich empfehle auf jeden Fall aber das Buch, das auch im Suhrkamp Verlag erschien.

Mehr über Film und Schauspieler auf der offiziellen Film-Website:
http://www.diegetraeumten.at/home.php

Der Film kommt aus der filmedition des Suhrkamp Verlags:
http://www.suhrkamp.de/buecher/die_getraeumten-ruth_beckermann_13541.html
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Film-Kunst-Film: Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte DVD Film von Corinna Belz 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Corinna Belz, bekannt durch ihren Film über den Maler Gerhard Richter, hat einen wunderbaren Film über Peter Handke gemacht. Ein Film, der mich sehr für den Schriftsteller einnimmt, ein stiller Film voller Sehnsucht und Passion.

Gedreht wurde vor allem in Peter Handkes Haus nahe Paris, seinem ganz eigen gestalteten Lebensort. Eine kleine Episode auch in dem Landhaus, welches Schauplatz der Verfilmung von Handkes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ war, in dem Sophie Semin, Handkes Frau die weibliche Rolle spielt und er selbst einen sehr kurzen Auftritt als Gärtner hat. Auch diesen Film vom Regisseur Wim Wenders empfehle ich sehr: http://www.dieschoenentagevonaranjuez-derfilm.de/ (gerade neu als DVD)

Es ist schon spannend zu sehen, welch eine Persönlichkeit aus dem jungen, aufmüpfigen und dennoch scheuen Mann, der auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1966 zum ersten Mal von sich reden machte oder dem „Verrückten“, der mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Claus Peymann die Theaterbesucher mehr als irritierte, geworden ist.

Die kleinen Dinge sind es, die den Film so besonders machen. Zuzusehen, wie Handke Pilze schneidet und das Geräusch genießt, wie er draußen im Garten all seine Bleistifte spitzt (er schreibt nur mit der Hand), oder wie er auf seinem Nähsessel sitzt und versucht den Faden in das schmale Nadelöhr zu fädeln, um eines seiner Hemden zu besticken ist schon sehr besonders. Handke gibt diesen Dingen seine ganze Aufmerksamkeit, findet die Sinnlichkeit darin. Die gleiche große Aufmerksamkeit, die er auch für die Sprache seiner Geschichten verwendet. Jedes Wort wird gewogen, damit es auch stimmig ist. Handke nennt das Schreiben auch einen Prozeß der Erfindung.

Schön auch zu sehen, wie die Notizbücher entstehen mit Text und paralleler Zeichnung, sie sind selbst schon kleine Kunstwerke. Das „Notizbuch“ aus dem Insel Verlag zeigt Einblicke. Einige Zeichnungen konnte man bereits in „Von der Baumschattenwand nachts“ aus dem Jung & Jung Verlag sehen.

Noch bis Ende Juli kann man Original-Zeichnungen aus Handkes Notizheften in der Galerie Friese in Berlin sehen.

Einen Trailer zum Film gibt es auf der offiziellen Film-Seite.

Film-Kunst-Film: Vor der Morgenröte DVD Film von Maria Schrader 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Maria Schrader lässt in ihrem Film „Vor der Morgenröte“ Josef Hader den Stefan Zweig spielen. Und er passt in der Tat vortrefflich in diese Rolle.
Es geht um die Jahre im Exil in Brasilien und es geht um die Position, die Zweig vertritt. Gleich zu Beginn spricht er auf dem PEN-Kongreß 1936 in Buenos Aires. Von Journalisten bedrängt, er möge sich doch zu den Entwicklungen in Deutschland äußern, enttäuscht er seine Zuhörer: Stefan Zweig ist Pazifist, Intelektueller und Künstler. Er steht für die Meinung, jeder solle mit seinen Mitteln für Freiheit und Frieden kämpfen. Zudem glaubte er an ein vereintes Europa. Er macht klar, dass er aus seiner sicheren Position im Exil keine kämpferischen Reden schwingen möchte. Ihm bliebe nur sein Schreiben, doch darin sei er aktiv.
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Der 1881 in Wien geborene Schriftsteller, überaus bekannt und erfolgreich, stand 1935 mit seinen Büchern sogleich auf der Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Autoren. Er lebte aus diesem Grund zunächst in London, dann in New York und schließlich in Petropolis in Brasilien. Begleitet wurde er auf seinen Reisen von seiner Sekretärin Charlotte Altmann, die er schließlich auch heiratete. Seine Exfrau, gespielt von Barbara Sukowa,  lebte derzeit mit ihren Töchtern in New York. Beide behielten auch nach der Trennung steten Kontakt.
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Maria Schrader fängt sehr genau die jeweiligen Gemütsbewegungen Josef Haders alias Stefan Zweigs ein. Gerade diese langen Kameraeinstellungen in ein und derselben Position versinnbildlichen das Ausharrenmüssen, die Bewegungslosigkeit der unfreiwillig ins Exil Verbannten. Zwar ist Stefan Zweig in Brasilien mehr als willkommen, zwar hat er diese Stille und Abgeschiedenheit gesucht nach den vielen Reisen, doch findet er nicht die Ruhe, das Ankommen, das er sich sicher erwünscht hat. Zu schwer wiegen die Geschehnisse in der Heimat, zu aussichtslos die Rückkehr in seine geistige Heimat Europa. Im Februar 1942 nimmt er sich zusammen mit seiner Frau Lotte das Leben.
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Sowohl inhaltlich, als auch aufgrund der beeindruckenden Kraft der Bilder ist dieser Film ein großer Gewinn. Es lohnt sich, ihn mehr als einmal anzusehen. Hier gehts zur offiziellen Film-Website mit Trailer: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/film/

Film-Kunst-Film: Die Poetin DVD Film von Bruno Barreto 2014

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Der Film „Die Poetin“ erzählt vom Leben und Werdegang der New Yorker Dichterin Elizabeth Bishop, deren recht bekanntes Gedicht „One Art“ (deutsch: Die Kunst des Verlierens) mich schon immer sehr angesprochen hat:

The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster.

Lose something every day. Accept the fluster
of lost door keys, the hour badly spent.
The art of losing isn’t hard to master.

Then practice losing farther, losing faster:
places, and names, and where it was you meant
to travel. None of these will bring disaster.

I lost my mother’s watch. And look! my last, or
next-to-last, of three loved houses went.
The art of losing isn’t hard to master.

I lost two cities, lovely ones. And, vaster,
some realms I owned, two rivers, a continent.
I miss them, but it wasn’t a disaster.

—Even losing you (the joking voice, a gesture
I love) I shan’t have lied. It’s evident
the art of losing’s not too hard to master
though it may look like (Write it!) like disaster.

Elizabeth Bishop zählt zu den einflussreichsten US-amerikanischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie lebte von 1911 bis 1979. Der Film setzt 1951 ein, als Bishop sich entschließt ihre alte Studienfreundin Mary in Brasilien zu besuchen, um neue Anregungen für ihr Schreiben zu bekommen. Es wird ein sehr langer inspirierender Aufenthalt, der von enormer Schaffenskraft geprägt sein wird. Das liegt am Land, aber auch an den Menschen, denen sie dort begegnet. Vor allem auch an einer Frau, der Architektin Lota de Macedo Soares, der Lebensgefährtin von Mary. Die extrovertierte, selbstbewusste Lota, die Elizabeth zunächst als aufdringlich und überheblich empfindet, wird nach und nach zur Freundin, zur Geliebten, zur Muse.
In einem eigens für sie gebauten lichtdurchfluteten Atelier im Grünen schreibt sie ihren Gedichtband „North & South – A cold spring“ und erhält dafür 1956 den Pulitzer-Preis für Dichtung. Doch die Dreiecksbeziehung wird immer schwieriger. Als Lota in Rio an einem neuen Projekt arbeitet kommt sie Mary wieder näher. Elizabeth beginnt zu trinken, um die Eifersucht (und das Leben?) aushalten zu können. Als sie eine Einladung für eine Dozentur an einem amerikanischen College erhält, nimmt sie an. Die beiden Frauen sehen sich nur noch einmal 1967, um doch wieder nur Abschied voneinander zu nehmen, diesmal für immer.
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Glória Pires spielt überzeugend die tatkräftige Lota, Miranda Otto die sensible, zerbrechliche Dichterin.
Hier gehts zur offiziellen Film-Website: http://www.diepoetin-film.de
In einer deutsch/englischen Ausgabe liegt der Gedichtband „Alles Meer ein gleitender Marmor“ von Elizabeth Bishop vor. Ansonsten gibt es nur englische Originalausgaben.

Film-Kunst-Film: Violette DVD Film von Martin Provost 2013

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun ab und an auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/Kunst zu tun haben.

„Ich bin eine Wüste, die selbst mit sich spricht.“

Der Film erzählt von der Schriftstellerin Violette Leduc (1907-1972), die anfangs der 50er Jahre in Paris lebte und zu schreiben begann. Als einfache Frau mit einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung wagte sie es als erste darüber und unverblümt über Themen wie Abtreibung, weibliche gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität zu schreiben. Eines Tages traut sich Leduc, die gerade „Das andere Geschlecht“ gelesen hat, sich ihrem Vorbild Simone de Beauvoir zu nähern und ihr ihr Romanmanuskript zu übergeben.

Beauvoir liest es und ist überrascht über die Kraft dieser Literatur, hilft ihr bei der Veröffentlichung und wird fortan zum Protegé Leducs. Doch was Leduc wirklich möchte, geschieht nicht. Sie wird nicht hinreichend gesehen. Ihre erstes Buch im Jahr 1946, „L`Asphyxie – Das Ersticken“, das immerhin im Verlag Gallimard in einer Reihe erschienen, die Albert Camus herausgab, bleibt weitgehend erfolglos.
Violette, das uneheliche, ungewollte Kind, sucht nach Liebe, die jedoch immer wieder zum Scheitern verurteilt ist. Für Violette ist Beauvoir mehr als ihre Lektorin, sie betet sie an, wirkt geradezu verliebt. Doch die behält meist ihren kühlen Kopf und ausreichenden Abstand bei. Dennoch ist sie zumindest materiell für sie da, vor allem als sie einen psychischen Zusammenbruch hat: Beauvoir besorgt (und zahlt) ihr einen privaten Klinikplatz, wo Violette langsam wieder zu Kräften kommt. Doch auch das zweite Buch, welches zwar mehr wahrgenommen wird und vor allem bei Frauen viel Zuspruch findet, verhilft ihr nicht zum ersehnten großen Erfolg. Erst mit ihrem 1964 erschienenen Roman „La Bátarde – Die Bastardin“ wird sie für den Prix Goncourt nominiert und schafft endlich auch den Durchbruch. Später wird sie ihren Ruheort, wo sie am besten schreiben kann, auf dem Land in der Provence finden.

Der Film lebt von der großartigen Schauspielkunst seiner Protagonisten, allen voran Emmanuelle Devos, die die Violette beeindruckend verkörpert. Sandrine Kiberlain als Simone de Beauvoir spielt die kühle Intellektuelle perfekt. Zudem gibt er einen etwas anderen Einblick in die Literaturszene dieser Zeit in Paris.
Ein filmisches Leuchten!

Mehr über den Film und den Trailer gibt es auf der offiziellen Film-Website.
Die Bücher von Violette Leduc gibt es in deutscher Sprache leider nur noch antiquarisch.Der Film macht allerdings auch Lust, sich wieder einmal die Bücher von Simone de Beauvoir vorzunehmen.

Film-Kunst-Film: Seraphine DVD Film von Martin Provost 2008

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun in loser Folge auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben oder die sonst bemerkenswert sind.

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Nach außen hin wirkt sie naiv, gar etwas zurückgeblieben, doch spricht aus ihren Gemälden eine ganz eigene Leuchtkraft.

Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau. Durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs musste er Frankreich verlassen und kehrte erst 10 Jahre später zurück und entschied sich zu bleiben. Seraphine malte inzwischen exzessiv weiter, auf immer großflächiger werdenden Leinwänden. Uhde unterstützte sie nun finanziell und materiell. Sie begann jedoch zunehmend an Wahnvorstellungen zu leiden und lebte, nun regelmäßig Geld verdienend, über ihre Verhältnisse. Auch für Uhde blieb das nicht finanzierbar. 1932 wurde sie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, in der sie 1942 aufgrund einer Mangelversorgung während des zweiten Weltkriegs starb. Uhde stellte ihre Bilder aus und machte sie so in aller Welt bekannt.

Seraphine wird authentisch dargestellt von der belgischen Schauspielerin Yolande Moreau, Uhde von Ulrich Tukur; eine starke und überzeugende Besetzung.

Es ist ein stiller Film, bildkräftig, der einmal mehr aufzeigt, wie fragil ein Leben für die Kunst sein kann und wie nah dabei Genie an Wahnsinn grenzt oder umgekehrt.

Zur offiziellen Filmseite mit Trailer gehts hier.