George Orwell/Fido Nesti: 1984 Graphic Novel Ullstein Verlag

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Vor einiger Zeit lief bei einem Themenabend „Demokratie“ der Film „1984“ in der SW-Version von 1956 im Fernsehen. Auch diese ältere Verfilmung verfehlte ihre Wirkung beim Ansehen nicht: Beklemmung angesichts der Aktualität. George Orwell schrieb seinen dystopischen Roman von 1946-48.

Wesentlich ausführlicher und noch weniger optimistisch ist der Roman zu lesen und auch diese Graphic Novel von Fido Nesti. Seine Bilder zum für diese Ausgabe angepassten Text sind eindrücklich, düster und teils drastisch. Die Farbpalette geht von Rot bis Schwarz in ihren jeweiligen Abstufungen. Der Band ist DIN A4 groß und der Buchblock in einen stabilen Karton eingebunden. Teilweise klassisch comicartig mit Sprechblasen zu den Dialogen, teilweise mit beschrifteten Einzelbildern. Manche Bilder sind ganzseitig groß und wirken entsprechend gruselig. Zwischendurch gibt es einzelne Kapitel ausschließlich mit Text, immer dann, wenn Winston aus dem verbotenen Buch liest. Dann erfahren auch wir, was es mit den drei großen Staaten und dem endlosen Kriegszustand auf sich hat. 

1984: Wir lernen eingangs Winston Smith kennen, den Hauptprotagonisten. Er lebt in London, das inzwischen Hauptstadt der Provinz Ozeanien ist. Das Land führt dauerhaft Kriege gegen die anderen zwei Provinzen der Erde. Big Brother ist die absolute, unantastbare oberste Instanz. Ihm gebührt aller Dank, er denkt für alle, er sieht alles. Im zerbombten London gibt es das Ministerium für Liebe, für Wahrheit, für Frieden und für Überfülle, die sich mit genau dem jeweiligen Gegenteil befassen. Winston gehört zur Gruppe der äußeren Partei. Ein Parteimitglied lebt von der Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedankenpolizei. Winston hat in seiner Arbeit Nachrichten zu betreuen. Dabei muss er Nachrichten so verändert schreiben, dass das von der Partei unerwünschte durch Erwünschtes, sprich Lügen, ersetzt wird. Seine ganze Abteilung ist tagein tagaus mit dem „Verbessern“ der Nachrichten beschäftigt. Zuhause beginnt er Tagebuch zu schreiben, was nicht erlaubt ist und was nur gelingt, weil der Monitor von Big Brother, der alles sieht und der in jeder Wohnung installiert ist, eine blinde Stelle hat. Privatheit gibt es nicht mehr. Als eine Kollegin sich in Winston verliebt, suchen die beiden sich geheime Freiräume, um sich zu zweit unbeobachtet zu treffen, was jedoch irgendwann auffliegt, denn es mangelt in diesem System nicht an Denunzianten.

Beide werden verhaftet und es beginnt ein langes Martyrium. Winston weiß nicht mehr, ob Stunden, Tage oder Monate vergehen. Er wird in Einzelhaft gefangen gehalten und in Abständen immer wieder in die Folterkammer gebracht, wo er die schlimmsten Leiden erfährt und sein Wille gebrochen werden soll. Tatsächlich gelingt es sein Denken auszuschalten, nicht aber sofort sein Fühlen. Sein Folterknecht, einer aus der inneren Partei, kennt aber letztendlich Mittel und Wege auch das Fühlen auszuschalten und in einem letzten Schritt ist Winston sogar bereit seine große Liebe Julia zu verraten. Als nun vollkommen automatisch funktionierendes Wesen erhält er eine neue, niedrigere Arbeit und ist schließlich sogar überzeugt davon, Big Brother zu lieben. Selbst als er Julia noch einmal trifft und erfährt, dass auch sie ihn verraten hat, ändert sich nichts, beide sind füreinander verloren. Ein bitteres Ende.

Gerade im letzten dritten Teil geht es in den Bildern sehr schlimm zu, wie ich finde, die Gefängnis- und Folterszenen haben es in sich und sind nichts für schwache Nerven. Nesti zeichnet das zwar brillant und sehr vielschichtig in unterschiedlichsten Dimensionen, aber eben auch drastisch.

Mich hat die Lektüre tatsächlich sehr erschreckt, denn manches aus den ersten beiden Teilen des Buches empfinde ich gar nicht mehr als dystopisch, manches bildet sich schon derzeit in unserer Gesellschaft ab. Wo es bei Orwell noch die täglichen „Hass-Minuten“ gibt, wird in den sozialen Medien tagtäglich alles andere als nur 4 Minuten gehetzt. Wo es die strikte Trennung zwischen Parteiangehörigen, inneren und äußeren, mit entsprechenden Privilegien und dem normalen Volk, den Proles, die trotz anstrengender Arbeit in Armut und Elend lebt, gibt, macht sich in unserer Realität auch bereits eine Spaltung bemerkbar, eine Zweiklassengesellschaft, ein Arm oder Reich und kaum mehr etwas dazwischen. Und auch die Privatsphäre wird mehr und mehr durchleuchtet und überwacht, sei es durch die Algorithmen der sozialen Medien oder durch die neuen Gesundheitsapps und digitalen Zertifikate. Von Datenschutz kann vielerorts kaum mehr die Rede sein. Sogar die Gedankenpolizei scheint in unserer Gegenwart angekommen … Und über allen „Big Brother“. Wie hellsichtig Orwell war, ist schon sehr erstaunlich.

Im Anhang findet sich eine mehrere Seiten lange Appendix, die das „Neusprech“ erklärt, einer sehr einfach gehaltenen Sprache, die man sich als Literatur- und Sprachfreundin nicht wirklich wünscht.

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Es wurde aus dem Englischen übersetzt von Michael Walter. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Laura Lichtblau: Schwarzpulver C. H. Beck Verlag

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Dieser Name! Schon wegen des wunderbaren Namens der Autorin musste ich mich für diesen Debütroman interessieren. Auch die Covergestaltung finde ich sehr gelungen. Laura Lichtblau hat mich mit „Schwarzpulver“ dann tatsächlich mit ihrer gekonnten poetischen Sprache begeistert (im wahrsten Sinne des Wortes). Zunächst fand ich die Idee der Story spannend: Schauplatz Berlin, womöglich nicht so viele Jahre in der Zukunft. Eine Dystopie (hoffentlich!), denn man wünscht sich wahrhaftig keine Bürgerwehr, keine Partei wie diese an der Macht und keine solchen Verbote und Verhaltensregeln. Man wünscht sich aber solche Charaktere, wie sie Lichtblau erschafft. Ganz unterschiedlich und auf eigene Weise sensibel und aktiv dagegen.

Die Geschichte hat etwas Verspieltes, Leichtes, trotz der unschönen Realität in der sie sich ereignet. Sie hat von Anfang an ein Geheimnis, das auch im Laufe des Lesens nur durch Andeutungen aufscheint. Lichtblau glänzt mit ihrer Gabe und zählt auf die Fantasie ihrer Leser*innen.

Ihre drei Hauptfiguren agieren gleichwertig, sie lässt sie abwechselnd zu Wort kommen:  Burschi, eine junge Frau, auf dem Land aufgewachsen, die in einer WG wohnt und ein altes Ehepaar betreut. Charlie, ein junger Mann, der ein (natürlich unbezahltes) Praktikum bei einem angesagten rebellischen Musiklabel macht, in der Hoffnung selbst als Talent entdeckt zu werden. In Wirklichkeit ist er Mädchen für alles. Charlie, eigentlich Karl, lebt noch bei seiner Mutter Charlotte (den Vater kennt er nicht), die ihm keine Chance zur Abnabelung lässt. Sie arbeitet als Scharfschützin in der Bürgerwehr. Hier wird man zum ersten Mal stutzig, denn die Autorin beginnt sehr langsam aber stetig die neuen Errungenschaften der Politik in die Geschichte einfließen zu lassen.

„Die Konditionen dieses Schießcamps überzeugen mich einfach, hatte sie Tante Liese und Onkel Gabriel erklärt, Es gibt zwanzig verschiedene Waffen zur Auswahl, die Proteinshakes sind auch inklusive.“

Eigentlich steht Charlotte gar nicht hinter ihrem neuen Job, ist eigentlich eher eine Alternative, die vorher einen Töpferladen hatte und an die Alt-68er erinnert.

Die Autorin hat eine absolut sichere Hand, ihre Held*innen liebenswert schrullig darzustellen. Mit wenigen Worten lässt sie sofort ein Bild entstehen. Überhaupt hat sie einen genialen erfrischenden trockenen Humor, der das ganze Buch durchzieht und gleichzeitig weiß sie sicher mit Sprache umzugehen und mit Sprachspielereien bunte Szenarien zu zaubern. Da gibt es beispielsweise einen Anita-Augspurg-Platz, einen zentralen Platz, wie es der Alexanderplatz ist, ein Platz also nach einer Aktivistin der bürgerlich-feministischen Frauenbewegung und Pazifistin benannt. Da gibt es altmodische, fast vergessene Worte, etwa das wunderbare „tramhappert“, was wohl soviel wie schlaftrunken bedeutet. Oder:

„Am Tisch sitzen junge Männer mit feisten Gesichtern, die aussehen, als hätten ihre Mütter sie abgeleckt, ehe sie sie nach draußen gelassen haben.

Es ist die Zeit um Weihnachten und Neujahr, eine aufgeladenen Zeit. Es sind die Raunächte, in denen laut alter Tradition die „Wilde Jagd“ unterwegs ist. Geheimnisvolle Geisterwesen, die nicht unbedingt nur Gutes wollen. Für Burschi wird es eine aufregende Zeit, denn sie begegnet der geheimnisvollen Johanna (die nach Schwarzpulver riecht). Die beiden fühlen sich sofort magisch zueinander hingezogen. Im Weg steht bei der ersten Begegnung nur die Bürgerwehr, die auf Johanna allerdings kaum Eindruck macht. Die Silvesternacht verbringen sie zusammen:

„Konkrete Fragen nach deinem Woher sind deiner Laune überhaupt nicht zuträglich, du bist ein ungefähres Wesen, scheint mir.“

Auch Charlie begegnet nach unzähligen Praktikantendiensten auf der Silvesterparty des Labels seinem Glück in Form der angebeteten Rapperin „Pseudoluchs“. Nur für Charlotte läuft der Jahreswechsel nicht so gut. Als sich die Wege der drei Hauptakteure schließlich unerwartet in der Silvesternacht im U-Bahnschacht kreuzen, ist es eine eher absurde Begegnung, die für Charlies Mutter Charlotte zum Desaster wird.

Was ich hier über das Buch schreibe, wirkt womöglich unspektakulär, vielleicht gar wirr oder seltsam. Aber: es hat eine unglaubliche Strahlkraft! Man muss es selbst lesen. Trotz der schlimmen Entwicklungen: es gibt selten mehr Tageslicht, weil die Sonne die Umweltgifte nicht mehr durchdringt. Die Regierungspartei hat sich rechtes Gedankengut angeeignet. Es gibt Fremdenfeindlichkeit und Homophobie. Der Feminismus wird zurückgedrängt. Obwohl man eigentlich schreien möchte, bitte nicht so ein furchtbar düsteres Szenario, lohnt sich dieses Buch so sehr, aufgrund seines schwer greifbaren Charmes, seiner kaum erklärbaren Anziehungskraft und immer wieder dieser Sprache. Hier ist alles rund, alles passt zusammen, alles fügt sich. Ich habe in diesem Jahr noch keinen anderen Debütroman gelesen und weiß dennoch, dass dieser vermutlich mein Favorit bleiben wird. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Rezension findet sich auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

2 x Kein Leuchten: Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung S. Fischer Verlag/ Marie Darrieussecq: Unser Leben in den Wäldern Secession Verlag

Leider, leider gibt es ab und an auch die Enttäuschungen. Nichts leuchtet oder nur ein winziges Flämmchen, obwohl ich mich sehr vorfreudig ins Lesen stürzte. Somit hier nur ganz kurze Überblicke:

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Auf Reinhard Kaiser-Mühleckers neuen Roman „Enteignung“ hatte ich mich riesig gefreut, denn ich fand sowohl seinen Erzählungsband „Zeichnungen“, als auch seinen letzten Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“, der auch für den Deutschen Literaturpreis 2016 nominiert war ziemlich toll. Was mich vor allem freute, war die Sprache: leicht altmodisch, sehr gekonnt. Und genau daran hapert es im neuen Buch; sie ist beliebig. Ich frage mich, wie das passieren kann. Kann man die Sprache verlieren? Auch die Geschichte selbst, die mir bei schöner Sprache oft zweitrangig ist, rettet hier nichts.

Ein Journalist mit Germanistik- und Anglistikstudium beginnt aus einer seltsamen Langeweile heraus als „Praktikant“ auf einem Bauernhof zu arbeiten, um herauszufinden, ob die Frau, die er gerade kennengelernt hat, auch etwas mit dem Landwirt hat. Es geht um Affäre hier, Beziehung da. Ein klein wenig Zeitkritik lugt hindurch, wenn es um Baugenehmigungen und Windkraftanlagen geht und um den aussterbenden Qualitätsjournalismus. Auch Tote gibt es am Schluß. Aber: Ich langweilte mich und habe ab dem letzten Viertel überflogen. Ich wollte sehr gerne, dass es mir gefällt, tat es aber nicht. Sehr schade. Ich hoffe auf den nächsten Roman …

„Konnte ich zurück? Ich hatte es schließlich nicht im Ernst gesagt … Und doch: Ich brauchte ihn nur anzusehen, wie er dastand in seinem schmutzstarrenden Gewand, mit seinem ausdruckslosen Gesicht, und dabei an Ines zu denken, um augenblicklich zu wissen, dass ich nicht zurück konnte., dass ich nicht einmal zurück wollte.“

„Enteignung“ erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

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Marie Darrieussecq
s Roman „Unser Leben in den Wäldern“ wurde mir empfohlen als witzige Dystopie. Leider auch hier nach kürzester Zeit Langeweile. Kein Funke. Da der Band nur 110 Seiten umfasst, dachte ich, das wäre doch zu schaffen. Ich wollte es mögen und zu Ende lesen, vor allem auch, weil die Übersetzung vom genialen Frank Heibert stammt. Aber ich fand keinen Gewinn. Dystopie, ja. Aber nichts Neues: Eine Psychologin, die auf der Flucht vor der Überwachungsgesellschaft mit Gleichgesinnten in den Wäldern lebt und ein trübes, aber freies Dasein fristet. Immerhin mit jeweils einer schlafenden zweiten „Hälfte“, die als Organspeicher,  als „Sicherheit“ dient, also so etwas wie ein kontrollierter Doppelgänger ist. Die Hauptfigur, die Tagebuch führt, um für mögliche Nachkommen zu bezeugen, wie es war, spricht den Leser direkt an. Flapsig ist der Ton, aber weder sprachlich noch inhaltlich war ich zu überzeugen. Etwa die Hälfte habe ich geschafft …

„Marie wurde sehr bald nach meiner Geburt durch eine Leihmutter zur Welt gebracht, mit exakt demselben genetischen Material wie ich, und wurde uns immer als Lebensversicherung verkauft: für mich, aber auch für meine Eltern, da wir alle vom selben Blut waren. Ein haltbarer Körper.“

„Unser Leben in den Wäldern“ erschien im Secession Verlag. Wie immer ist hier die Buchgestaltung ganz wundervoll. Feines Papier, besondere Typographie, Fadenheftung, schönes Cover.

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Georg Klein: Miakro Rowohlt Verlag

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Georg Klein hat eine blühende Phantasie. Das hat er schon immer bewiesen in seinen Romanen, aber hier übertrifft er sich selbst. In der Tat könnte man seinen neuen Roman mit Science-Fiktion untertiteln. Was ihn von diesem Genre allerdings trennt, ist die Sprache. Kleins Sprachinvasionen, Worterfindungen, Satzschlingen sind teilweise hanebüchen, aber wunderbar stimmig für diese herrlich abstruse Geschichte. Mit diesem Roman war er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Klein führt uns in eine Szenerie, in der ein Weltkörper (die Erde?) unberechenbar agiert. Es gibt die Innenwelt mit den Büroarbeitern des Mittleren Büros, mit Arbeitsplätzen an Glastischen, die erst wachsen mit dem Antritt eines Büromenschen. Es gibt Stollen, die sich plötzlich auftun. Meist vom Glastisch, der als eine Art bildgebender Computer fungiert, darüber in Kenntnis gesetzt, macht sich das Büropersonal auf, zur Materialübernahme, die ein Schacht „ausgewandet“ hat oder zum Nährstollen, wo das Wasser aus den Wänden gezapft werden kann und das Essen jedesmal eine Überraschung ist. So plötzlich wie ein neuer Nährstollen auftaucht, ist die Nahrungsquelle auch wieder versiegt. Dann heißt es Dicksprossenkeime aus der Wand zu pulen und das zähe Zeug zu kauen. Klein macht sich zudem ein Vergnügen daraus, dass seine Büromenschen nur noch mit Bildmaterial klar kommen, mit Buchstaben, Worten oder gar ganzen Sätzen haben sie es nicht so.

„Jede Materialschachtübernahme, die in der Bildtiefe ihrer Tische Wirklichkeit wurde, musste den armen Kerl, gleichgültig ob sie mit oder ohne Streit vonstatten ging, an seinen letzten Außeneinsatz, an ihren fatal verunglückten Vorstoß an den Rand der wilden Welt und damit an das Verschwinden des kleinen Wehler erinnern.“

Ihre Schlafstellen sind Nischen in der Wand, in der eine Art faserige Hängematte als Schlafplatz dient. Mitarbeiter, die nicht mehr gebraucht werden, werden „eingewandet“, sprich, die Schlafnische verschließt sich einfach. Jegliche Substanz rundum scheint irgendwie organisch zu sein und ein Eigenleben zu führen.

Dann gibt es die Wandler, die sowohl defekte Glasplatten reparieren, als auch nach erkrankten Büroangestellten sehen. Sie pendeln zwischen Innen- und Außenwelt. Draußen in der „wilden Welt“ lebt das Volk. Dorthin verschlägt es Nettler, den Büroleiter mit drei seiner Kollegen, nachdem seine Zeit als Chef abgelaufen ist. Nur ausgestattet mit Trinkflaschen, einer Gabel und einem „Schockstock“ ziehen sie durch die Gänge. Einer, Guler, kommt aus dem Hohen Büro, wo es jedenfalls zivilisierter zu ging, wo es echtes Wetter gab und gutes Essen. Und er scheint einen Auftrag zu haben.

Etwa in der Mitte des Romans wechselt die Perspektive: Wir Leser betrachten die Geschehnisse jetzt von außen. Fachleutnant und Naturkontrollagentin Xazy, die Frau aus dem mobilen Hauptquartier, soll herausfinden was mit den zum Forschungsgang ausgesetzten Personen passiert ist. Die Hundertschaften, bewaffnete Einheiten leben in einzelnen „Rayons“ und sind offenbar höher gestellt als das Volk. Hier heißen die Wandler Wunderer. Wird ein alter Mensch ausgemustert, wird er zum „Volksgang“ geschickt. Die Rekruten müssen eine „Fünfhundert-wichtige-Worte-Prüfung“ machen. Bücher scheinen etwas kostbares zu sein. Aus den wenigen noch vorhandenen wird vorgelesen:

„Er schlug ihn mittig auf und erwischte eine Doppelseite, auf der die Zahl der schmalen, ausnahmslos schwarzweiß gehaltenen Bildchen die Anzahl der fetten, leuchtend bunten Wörter deutlich übertraf. Eine solche Kombination war grundsätzlich leichter vorzutragen, da das Erraten eines unbekannten Worts eher gelang, wenn dessen Silben von Bildern flankiert wurden.“

Die Erde, so sie es ist, scheint durch nicht genannte Vorgänge vollkommen verändert, teils verwüstet und mit seltsamen mutierten Pflanzen und Pilzen bewachsen.

Dann verbinden sich die beiden Erzählperspektiven und alles gerät durcheinander. Zeit und Raum unterscheiden sich nicht mehr, sind wir womöglich in Parallelwelten unterwegs? Sehr langsam dröselt sich die Geschichte scheinbar auf. Ein allwissender Erzähler spricht von „uns“ und „wir“ und feuert gegen Ende des Romans gar seine Protagonisten an. Verstanden habe ich am Schluss nicht wirklich alles, aber Klein weiß von Anfang an so spannend zu erzählen, dass es sich auch mit einem verwirrenden Ende leben lässt. Dafür, dass ich kein Science-Fiktion-Fan bin, fand ich das Buch richtig gut, was sicher auch Kleins witziger Sprache geschuldet ist.

Georg Kleins Roman ist im Rowohlt Verlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Juli Zeh: Leere Herzen Luchterhand Verlag

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„Anderswo kämpfen die Menschen um ihr Leben, und du sitzt hier und leidest.“
„Du kapierst es nicht.“ Julietta nippt an ihrem Tee. „Nicht ich leide. Wir alle. Das ist das Problem. In einer Welt, in der sich die, denen es am besten geht, am beschissensten fühlen, ist etwas grundverkehrt.“

Kein Wunder, dass Juli Zeh mit diesem Buch auf der Bestsellerliste gelandet ist. Der Roman bedient genau die Wünsche, die die Mehrheit an ein Buch hat. Es ist leicht zu lesen, sprachlich nicht anspruchsvoll, so spannend, das man (angeblich) nicht aufhören kann und spricht über eine erfundene Zukunft, die wir scheinbar bald haben. Darüber kann man prima reden, mitreden und sich abarbeiten. Ich halte es dennoch nicht für ein gutes Buch. Habe ich an „Unterleuten“ noch Gefallen finden können, bei dem die Charaktere gekonnt ausgearbeitet waren, so geht mir diese Story, die inhaltlich leicht an das Vorgängerbuch anknüpfen könnte, doch gegen den Strich. Irgendwie bleibt hier alles flach und konturlos … bieder ist es, ja, das ist der richtige Ausdruck.

Die Hauptprotagonistin Britta lebt in einem Braunschweig der Zukunft, in der Sarah Wagenknecht Innenministerin ist, manche „Menschen das Bedingungslose Grundeinkommen nutzen, um auf Parkbänken zu sitzen“ und die Besorgte-Bürger-Bewegung überall ihre Finger mit im Spiel hat. Britta hat Mann und Kind und eine seltsame Art ihr Geld zu verdienen, das allerdings erfolgreich: Mithilfe eines Computersystems namens Lassie ermitteln Britta und Babak, ihr Geschäftspartner, Menschen die nicht mehr leben wollen, sich den Freitod wünschen. Diesen verhilft „Die Brücke“, falls unabbringbar, zu einem „stimmigen“ Suizid, der auch anderen noch etwas nützt:

„Ihr vermittelt mich an eine Organisation, die meinen Tod gebrauchen kann.“

Dass Britta und Babak dabei ein Stufenprogramm durchführen, um den Willen der Auserwählten zu prüfen und dabei die fürchterliche Foltermethode Waterboarding Teil dieser Prüfung ist, macht die Sache nicht besser. Als sie Konkurrenz von den „Empty Hearts“ bekommen, bricht die Braunschweig-Idylle zusammen …

Ich erinnere mich an ältere Bücher von Juli Zeh, die viel komplexer und eigener waren, Geschichten, die ungewöhnlich und viel raffinierter konstruiert waren, wie Schilf, Corpus Delicti oder Nullzeit. Wie im oben genannten Zitat zu erkennen, geht es Zeh um Gesellschaftskritik, wie fast immer, das ist das Thema, dass sie immer wieder aufgreift, bloß wird mir dabei langweilig. Vor allem wenn dann solche Sätze kommen, die die unsympathische Hauptfigur mit Sauberkeitszwang ausstößt, weil das Hammer-Beruhigungsmittel Tavor nicht mehr wirkt:

„Die Fledermäuse stürzen durch die Dunkelheit, und falls ihr Flug eine Botschaft besitzt, so lautet diese: Hab keine Angst.“

oder

„Sie hatte vergessen, dass es einen Zustand jenseits des Schmerzes gibt. Man nennt ihn Paradies.“

Offenbar neigt sich meine Juli-Zeh-Lesezeit dem Ende zu. Das ist auch nicht weiter schlimm, liegen doch bereits zwei, inhaltlich wie sprachlich, gewichtigere Bücher hier bei mir …

„Leere Herzen“ erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.