Kerstin Becker: Das gesamte hungrige Dunkel ringsum Edition Azur

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„wir sind am Anfang durchlässig
und weich und lernen fortan
zu verhärten“

Der neue Lyrikband von Kerstin Becker strahlt ins Dunkel hinein, um auf den Titel des Buches zuzugreifen. Das Dunkel wird hier kompromisslos ausgeleuchtet, wie mit einer Taschenlampe punktgenau getroffen. Das Dunkel, das wir alle kennen, aber manche eben wesentlich mehr. Es beginnt mit der Zeugung, weiter mit der Geburt, wo die Dunkelheit verlassen werden muss und der Start ins Leben grell beleuchtet ist. Es beginnt mit dem Babyflaum und was am Ende bleibt, ist die kratzige Kunstwolle, die nach dem Tod aufgedröselt und wieder verwendet wird. Kerstin Beckers Gedichte spannen einen Bogen vom Anfang zum Ende eines Menschenlebens, eine Lebenszeit. Wie unterschiedlich diese verlaufen kann erfahren wir auch. Wir hören viel mehr vom Dunkel, das immer da zu sein scheint ganz in der Nähe, lauernd. Die Helligkeit nimmt ein viel geringes Maß ein. Kommt zu kurz, wie das eben in manchen Menschenleben so ist. Trotz aller Dunkelheit empfinde ich Kerstin Beckers Gedichte nicht bitter oder resignierend, sondern durchaus kraftvoll und weit, die Sprache manchmal rau und dann wieder zart.

Das Aufwachsen, die Kindheit scheinen auf, ein Leben in den Wäldern, den Wiesen, ein ländliches Leben. Immer mit der Natur, erdig, sinnlich, sehr körperlich, auch eklig und dreckig. Wildwuchs, Wachstum. Geräusche, Gerüche. Freundschaft und Blutsschwesterschaft. Hier ist es oft schön hell. Schnell zeigt sich dann aber doch wieder der Unterschied zwischen arm und reich, zwischen weiblich und männlich, zwischen wollen und sollen, zwischen Zwang und Freiwilligkeit. Missbrauch und Gewalt schweben im Raum eines Gedichts, dürfen es auch, dürfen benannt und ausgesprochen werden in diesem Rahmen.

„wir gleichen unseren Puls dem Puls der letzten Wälder an
wie später einmal unsere Mens die Sommersonne
spinnt weiße Waben unter unsre Lider“

Im großen Gegensatz zum Dunklen wird immer wieder die Natur besucht. In den Wald und über die Felder. Durchatmen, Wahrnehmen. Die Bäume, die Wiesen – sie sind Heil- und Ruhemittel. Da ist die Verbindung ganz stark, da wächst nach, was verloren war. Das ist der Raum, den es dem sterilen, künstlichen Klinik- und Pflegebereich entgegen zu setzen gilt. Denn das Dunkle ist auch die schwere Erkrankung, die zieht und zerrt und hilflos und ohnmächtig macht und nicht weichen will.

„wir hätten oft schon tot sein können Wald
wie geht es dir
in dir geh ich am Faden aus Instinkt und ahne Ahnen
und glaub fast an der Menschenhirne Amen“

Kerstin Becker zeigt in einigen Gedichten die prekäre Arbeitssituation auf, in der manche Menschen stecken: es geht um die Dienstleister. Menschen, die saubermachen, Essen ausliefern, an Kassen sitzen und dennoch finanziell kaum über die Runden kommen, und die, die mit ihrem „Bescheid“ mit großer Scham zur Tafel gehen müssen, um zu überleben.

„siehst du den Speckgürtel
und Ghettos um die Städte
Abriegelsystem humanus ich gehör
der Kaste Allerletzter an“

Die Lyrikerin schickt das Lyrische Ich zu Besuch zur Schwester, die zuhause schwer alleine zurecht kommt, die aber auch nicht in die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gehen kann, weil sie geschlossen wurde. Auch ein Familienausflug wird ganz stark verdichtet: ein Besuch des Flughafens, die ungestillte Sehnsucht auf der Zuschauerterasse, weil es für eine Ferienreise im Flieger eben nicht reicht (welches ich allzu gut kenne) oder es gar nicht möglich war, überall hinzufliegen in der DDR.

Am Schluss schließt sich der Kreis. Nach Zeugung, Geburt, Lebenszeit folgt das Sterben, der Tod. Das Stirb und Werde, das niemals aufhört, für jeden Einzelnen allerdings immer das Schönste und das Schlimmste bedeutet.

„muss ich denn Abschied nehmen Welt von deinen süßen
salzgen Wassern grünen Hügelketten
ich habe dich von oben wie ein
Raumfahrer gesehen
du bist so zart und voller Grab“

In den Gedichten gibt es keine Interpunktion, was aber nicht stört, denn die Verse gliedern sich durch ihren Rhythmus. Wie im vorigen Band Biestmilch sind die meisten in der Wir-Form geschrieben. Etwas, was mir besonders auffällt, weil es, wie ich finde in aktuellen Gedichten selten zu finden ist. Dabei hat diese Form den Vorteil, dass man sich mit der Dichterin verbunden fühlt und näher dran ist am Erleben. Und tatsächlich erinnern mich manche Gedichte in Ton und Wortwahl an die Gedichte von Christine Lavant. Und, liebe Kerstin, über das wunderbare kaum mehr gehörte Wort „lavede“ freue ich mich besonders. Ein Leuchten!

Schwarz/Weiß-Fotos ergänzen die Gedichte, grenzen die einzelnen Kapitel voneinander ab. Auch äußerlich ist der Gedichtband schön gestaltet. Er erschien im Verlag Edition Azur bei Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Eine der Lyrikempfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2022“

Carl-Christian Elze: Freudenberg edition Azur/Voland & Quist

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„Freudenberg musste an seine eigene Zunge denken, daran, dass sie ihm lästig war; schon immer. Schon als Kind hatte er instinktiv begriffen: ohne Zunge keine Sprache und ohne Sprache keine falschen Sätze und ohne falsche Sätze keine falschen Gedanken und Gefühle.“

Ich war sehr neugierig auf den Debütroman von Carl-Christian Elze, liebe ich doch seine Gedichte so sehr. Zwei seiner Bände habe ich hier bereits auf dem Blog besprochen. Doch ich muss es sagen, wie ich es empfinde: Der Roman „Freudenberg“ hat für mich nicht die Stärke und Schönheit seiner Gedichte erreicht. Anfangs war ich noch gut dabei: ein 17-Jähriger, der mit den Eltern an die polnische Ostsee in Urlaub fährt und der sich schnell von seinen Eltern abkapselt. Der Vater sehr dominant, die Mutter zurückhaltend, Freudenberg selbst sich immer fort fremd fühlend in der Welt. An einem abgelegenen Strandabschnitt stößt er auf die Leiche eines Jungen, der ihm sehr ähnelt und er entscheidet sich, dessen Identität anzunehmen, die des polnischen Marek. Das versprach spannend zu werden.

Ich habe absolut nichts gegen surreale Szenarien oder gegen magischen Realismus, aber hier fehlte mir die Einordnung. Es gibt viele symbolisch aufgeladene oder traumartige Szenen, wiederholte Zeichen, verrätseltes Schweigen: Sei es die Farbe grün für das Wasser oder rot für die Haarfarbe, die immer wieder zu großen weißen Turnschuhe oder die blauen Beeren. Die Sprache wurde dann zum Halt für mich, gerade auch weil im Inhalt des Romans so viel von fehlender Sprache die Rede ist. Aber obwohl sie schön ist, ist sie bei weitem nicht so wunderbar und verzaubernd, wie sie das in Elzes Lyrik ist.

„Das Meer sah von hier oben viel elender aus als von unten. Es hatte auch keine einheitliche Farbe mehr, wie es vom Strand aus den Anschein erweckt hatte. Bis weit vor die Küste mischte sich in das fleckige Hellblau der Sandbänke noch etwas Grünes hinein. Es war ein schmieriger Grünton, der vielleicht dem Wunsch entsprach, anders zu sein, aber nicht der Fähigkeit dazu. Nur in der äußersten Ferne gab es ein verlässliches unantastbar dunkles Blau, das Freudenberg beruhigte.“

Vielleicht habe ich einfach nicht alles verstanden, hatte zu hohe Erwartungen, kann mich nicht (mehr) in einen 17-Jährigen einfühlen, aber die Hauptfigur, Freudenberg, die sich in der Geschichte eine andere Identität aneignet, mit dieser dann aber auch nichts anfangen kann, hat an mir vorbei gelebt und mich in ihrer „Beschreibung“ nicht genug angeregt. Fragen wurden aufgeworfen: Womöglich ist der Tausch der Identität gar kein wirklicher, sondern findet nur in der Phantasie oder im Traum des Helden statt? Ist es nur ein Versuch der Flucht aus der ungeliebten Elternwelt, aus dem Falsch-sein in dieser Familie, die aus Gründen nicht funktioniert? Sind es Traumsequenzen oder Wahnvorstellungen? Ist es wieder ganz anders, vielleicht eine Nahtoderfahrung? Der Schluss, immerhin, bietet mögliche Lösungen an. Bleibt mir nur noch zu sagen: Es werden viele Zigaretten geraucht in dieser Geschichte.

Ein interessantes Gespräch zwischen Verleger Helge Pfannenschmidt und Carl-Christian Elze hänge ich an. Hier habe ich auch festgestellt, dass der Roman, vorgelesen vom Autor für mich besser funktioniert, als selbst gelesen. Und auch die Hintergründe der Entstehung erklären mir manches und einiges erscheint für mich in neuem Licht.

Der äußerlich schön gestaltete Roman erschien in der Edition Azur. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nun freue ich mich auf den Sommer, wenn der neue Lyrikband Elzes mit dem schönen Titel „panik/paradies“ im Verlagshaus Berlin erscheint.

Damit ich aber wieder etwas Boden gut mache, lieber Carl-Christian Elze, verlinke ich hier – und empfehle leuchtend – die beiden Lyrikbände:

Carl-Christian Elze: langsames ermatten im labyrinth Verlagshaus Berlin

Carl-Christian Elze: Diese kleinen, in der Luft hängenden, bergpredigenden Gebilde Verlagshaus Berlin

3 x Lyrik – Kurzüberblick erlesener Gedichtbände: Eva Maria Leuenberger: Kyung / Anthologie Rote Spindel, schwarze Kreide / Séptimas von Klaus Anders

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Für manche bereits gelesenen Lyrikbände fehlen mir Worte und/oder Zeit, um einen längeren Blogbeitrag zu schreiben, obwohl ich sie sehr mag und empfehle. Deshalb hier ein kurzer Einblick in loser Folge:

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„ein ich /      außerhalb ihrer eigenen äußerung
schwebend, mit beiden füßen fest auf der erde
eine handvoll augen, ohne gesicht, eine handvoll stimmen,
ohne körper

eine leerstelle, wo der name war

erinnerung, fragmentiert zu sprache“

Eva Maria Leuenbergers zweiter Lyrikband nach „dekarnation“ ist ganz anders. Sie hat sich diesmal an einer konkreten Person, an einem konkreten künstlerischen Werk orientiert und macht etwas ganz Besonderes daraus. Wie schon der Titel verrät, geht es um die koreanisch/US-amerikanische Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha (1951-1982), die im Alter von 31 vergewaltigt und ermordet wurde. Leuenberger hat sich intensiv mit deren Werk, vor allem mit „Dictée“ (was erst posthum veröffentlicht wurde) und mit deren Biographie auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Band, der dieser Künstlerin ein Denkmal setzt. Die Wertschätzung für Kyungs Kunst zieht sich durch das ganze Buch, ohne Leuenbergers eigene Stimme zu überdecken. So werden auch Worte und Bilder Kyungs mit eingebunden und in ihrer Tiefe sensibel durchleuchtet. Der Band erschien im Droschl Verlag.

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MärchenTitelMaerchen.jpg Rote Spindel

Ich habe die Märchen vergessen. Sie vergessen mich nicht.
Wir lernen uns näher kennen nach Mitternacht in den Bil-

derbüchern hinter den Bergen. Da deuten uns die Sterne.
Das Zündholzmädchen kocht mir Tee im gesprungenen Glas.
Ich fülle die Schachtel mit Gedanken-Splittern.“

Rose Ausländer

„Rote Spindel, schwarze Kreide“ versammelt Gedichte klassischer und zeitgenössischer Lyriker*innen zu einer wunderbaren Sammlung von Texten über Märchen in einem Band. Herausgegeben von Birgit Kreipe und Ron Winkler, die beide selbst Gedichte schreiben, zeigt sich eine traumhafte Fülle, die die Leser in eine Zauberwelt entführt. Im Vorwort erläutert Birgit Kreipe die Herkunft der Märchen, ihre Beziehung zu Träumen und auch zur Psychologie und erzählt, wie bei der Auswahl der Texte vorgegangen wurde. So überwiegen zeitgenössische Dichter*innen, wobei das älteste Gedicht von 1880 stammt und die neuesten aus dem 21. Jahrhundert. Die meisten Gedichte beziehen sich dabei auf die Grimm`schen Märchen. So gefiel mir beispielsweise besonders gut das Gedicht „Märchen“ von Selma Meerbaum-Eisinger:

„So weit meine Augen sind –
verloren in einem Wald,
spielen sie blind und tot mit dem Wind,
und ich – bin müd und kalt.“,

aber auch Rolf Dieter Brinkmanns „Schneewittchen“

„…wer weiß in der luft die leuchtet weiß her und tanzt geliebte im wind der weiß geliebte vornüber hinunter auf dächern die sterne …“ 

und Werner Söllners „Märchen zur Unzeit“:

Alles und nichts in Käfig und Reuse.
Die Welt ist entzaubert, Hans ist im Glück.
Wer nicht mehr am Gold klebt, sagt leise:
Einmal Bremen, hin und zurück.“

Weiterhin finden sich Gedichte von Birgit Kreipe selbst, von Nora Gomringer und Nora Bossong, von Gertrud Kolmar und Erika Burkart, von Kerstin Hensel und Elke Erb, von Paul Celan und Günter Eich und viele viele mehr. Der Band erschien im Verlag Edition Azur.

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„Lang ging ich in düsteren
Gedanken, die Wälder schlossen sich
hinter mir, keiner folgte, ich blieb
lang allein mit den Bäumen.
Sie schützten mich, sie sprachen mir zu
bis die Düsternis schwand, bis ich sang,
mit neuen Liedern heimkam.“

Klaus Anders` neuer Lyrikband „Séptimas“ versammelt lauter siebenzeilige Gedichte, die meditativ sind wie Haikus, aber durch ihre etwas längere Form mehr verraten. Sie sind wunderbar zum täglichen Lesen geeignet, vielleicht morgens oder abends wie ein Gebet. Für den Geist ist es genau richtig, sieben Zeilen, die leicht zu lesen sind, aber mitunter wie ein Koan zum Weiterdenken herausfordern. Es finden sich Bezüge zur Weltliteratur, zum Menschsein, zur Natur und im letzten Kapitel sind die Verse 7 japanischen Dichtern gewidmet. Der Band erschien in der Edition Rugerup.

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Neue Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2021

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Meine vier Favoriten:

Auf Ulrich Kochs neuen Lyrikband freue ich mich sehr. Er ist ein, wenngleich unerreichbares, Vorbild für mein eigenes Schreiben. Geniale Kostproben gibt es immer wieder auf Facebook. „Diese Gedichte sind groß, groß genug für Gegensätze und Selbstwidersprüche, und sie nehmen sich zurück, als hätten sie sich gekürzt. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn das Ich – »Ein Niemand / Unvergessen« – gestrichen ist.“ (aus dem Vorschautext). „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“ erscheint am 27.8.21 beim Jung und Jung Verlag.

Levin Westermann hat mich mit seinem letzten Gedichtband sehr begeistert. „Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts.“ (aus dem Vorschautext).  „farbe komm dunkel“ erscheint am 26.8.21 im Matthes & Seitz Verlag.

Ich bin Fan von Lutz Seilers Texten, sei es Prosa oder Lyrik. Sein neuer Band heißt  „schrift für blinde riesen“. „Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Erscheinungstermin ist der 16.8.21, wie immer im Suhrkamp Verlag.

Der Debütband „dekarnation“ von Eva Maria Leuenberger hat mich bereits fasziniert und ich bin sehr gespannt auf  „kyung“.  Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk.“ (aus dem Vorschautext) Der Band ist bereits erschienen am 25.6.21 im Literaturverlag Droschl.

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Ron Winklers Bände stehen fast alle in meinem Buchregal. Sein neuer Band trägt den Titel „Magma in den Dingen“. „Ron Winkler untersucht in seinem neuen Band, wie die Sprache in der Bewegung ihre Fließgeschwindigkeit verändert. Unermüdlich sind Winklers Gedichte dem »strapaziösen Schönen« auf der Spur, tragen sie die überraschenden Überschüsse dessen nach, was der Fall ist.“ (aus dem Vorschautext). Der Band erscheint am 20.7.21 im Schöffling Verlag.

Birgit Kreipes neuer Lyrikband aire“ ist gerade bei Kookbooks erschienen. „Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung.“ (aus dem Vorschautext). ET 28.6.21

Herausgegeben von beiden, von Birgit Kreipe und Ron Winkler erscheint eine Anthologie über Märchen im Gedicht: „Rote Spindel Schwarze Kreide“.  Es überrascht nicht, dass Märchen auch die Poesie inspirieren. Es überrascht eher, dass märchenhafte Lyrik bisher nicht in dieser Form zusammengekommen ist. Dabei sind sich beide Genres äußerst nah. Am Wunderbaren rühren, die eigene Zeit verwandeln oder hinterfragen, vertuschen und verblüffen, es mit dem Unergründlichen aufnehmen: Das können Märchen, können Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Ab 13.9.21 bei Edition Azur/Voland Quist.

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Die Gedichte der jungen albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanakus fielen mir schon in der Anthologie „Grand Tour“ positiv auf.  Nun erscheint der Band Die Stadt der Äpfel im Hanser Verlag. „Luljeta Lleshanaku gehört zu den prägendsten Stimmen der neuen Lyrik Osteuropas. In jungen Jahren erlebte sie den politischen Umbruch in Albanien, jene plötzliche Beschleunigung der Zeit, die ihrer Generation eine Welt ohne Anker und Zukunft hinterließ. Lleshanakus Gedichte sind von großer Unmittelbarkeit und Melancholie gezeichnet.“ (aus dem Vorschautext) ET 27.9.21

Ronya Othmann, die bereits beim Gertrud Kolmar-Preis den Förderpreis erhielt, bringt nun nach ihrem Debütroman auch einen Gedichtband heraus. „Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart: „wir werden die detonation rückwärts lesen.““ (aus dem Vorschautext)  „Die Verbrechen“ erscheint am 25.10.21 im Hanser Verlag.

Den Hauptpreis beim Gertrud Kolmar-Preis erhielt Ulrike Draesner mit ihrem Gedichtzyklus  „doggerland“ „Oszillierend zwischen Deutsch und Englisch, zwischen gebundener und freier Rede, wirft Draesners bereits vor der Veröffentlichung preisgekröntes Gedicht einen Blick zurück: vom immer wahrscheinlicheren Ende des Holozäns zu unseren Anfängen. Eine bewegende, von jahrhundertealten, meist männlichen Vorstellungen befreite lyrische Suche nach unseren Wurzeln.“ (Vorschautext) Der Band erscheint am 4.10.21 im Penguin Verlag.

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9783945832462.jpg frau20210624_130415158214244945771143.jpgDas Kettenkarussell

Die 1982 in Syrien geborene Rasha Habbal ist bereits an dem wunderbaren Projekt „Weiterschreiben“ beteiligt. „Rasha Habbals Gedichte machen sich verletzlich. Sie sind immer intim, aber nie privat – immer alltäglich, aber nie belanglos. Szenen und Situationen projiziert Habbal auf den Hintergrund ihrer Entstehung: die syrische Revolution von 2011, den Bürgerkrieg, das Leben in Deutschland. Die Geschehnisse gewinnen aber nicht die Oberhand über das Gewöhnliche, das eine umso größere Symbolkraft entfaltet.“ (aus dem Vorschautext) „Die letzte Frau“ erscheint am 1.9.21. im Verlagshaus Berlin.

Bei Kookbooks erscheint der neue Band des Lyrikers Farhad Showghi. „Ich entwerfe ein Sprechen. Und komme zum Erzählgedicht. Was geschieht, wenn ich sage: Genaugenommen verlasse ich das Haus und die Ortschaft. Die Ort-schaft. Die Silbe schaft beschäftigt mich. Und ich will jetzt einen Zuruf suchen, mit einem mundfernen Sprechgefühl, mir indes einen Namen machen, einen Namen, der von sich aus nichts tut, keiner Anweisung folgt, eher Lautfolge bleibt.“ (O-Ton Showghi in der Vorschau)  „Anlegestellen für Helligkeiten“ erscheint im Oktober 21.

Neue Gedichte der Georgierin Bela Chekurishvili sind bereits am 13.7.21 erschienen. Der Gedichtband heißt „Das Kettenkarussell und erschien beim Wunderhorn Verlag. „Die neuen Gedichte von Bela Chekurishvili haben ihre Ankerpunkte in der Kindheit. Sie rückt umso mehr in den Blick, je länger und je weiter sich die georgische Dichterin aus ihrer Heimat entfernt hat. Die Gedichte Bela Chekurishvilis holen die Ferne heran, mit den uralten Mitteln der Poesie.“ (Text aus der Verlagsvorschau).

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Zwei interessante Lyrikbände erscheinen Mitte September im Elif Verlag. Zum einen ein weiterer Band aus Island, diesmal „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg, wieder zweisprachig und übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason. Eine Empfehlung vom Verleger selbst ist der Band „Schmutzfleck“ von Seyyidhan Kömürcü. 

Şafak Sarıçiçeks neuester Gedichtband scheint mir inhaltlich sehr spannend: „Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere.“ (aus dem Vorschautext)  „Im Sandmoor ein Android“erschien bereits am 14.7.21 beim Quintus Verlag.

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Titelfoto: Constanze Matthes

 

Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen Edition Azur

Es gibt Gedichte, die docken sofort bei mir an, die schwingen sofort, sind mit meinem System sofort im Einklang. Ingrid Mylos Gedichtband „Überall, wo wir Schatten warfen“ enthält solche Gedichte. Alle gefallen mir. Dabei sind es keine hoch verrätselten oder poetologisch aufwendig zu deutende Texte, sondern mit geübter und dabei dennoch spielerischer Hand geschriebene. Es sind Gedichte, die von der Natur erzählen, vor allem auch von der menschlichen und die ernst und still und fein Tiefen ausloten, die ich sehr mag.

"Schon damals,
Schatten und Schmerz.
Und die Schärfe,
die sich verliert mit
den Metern, mit den Minuten.
Dort, wo die Grenze des Dunklen
Aufruhr wird, Vegetation,
lässt sich vergessen, woher
die Traurigkeit rührt."

Mylo erzählt dabei von ihrem Schreiben und vom Erinnern an Menschen, an Erlebnisse. Sie schildert Momente des Innehaltens, kleine Sensationen. Sie zeichnet die Liebe. Sie reflektiert Situationen und betrachtet sie neu im Schreiben. Sie benutzt dabei Farben, grün, rot, blau und auch gelbe Tulpen. Mit Farbsignalen beleuchtet sie ihre Verse und setzt sie in die jeweilige Atmosphäre hinein. Und lässt uns Leser die eigene (innere) Stimmung dabei finden. Schatten sind immer dabei.

"Bleistiftspuren

Ein Flüstern, verstohlen, ein
graues Scharren, das Finten
nach sich zieht und gute
Gründe, wachsende Strophen
wie Kapriolen von Insekten:
die Irrtümer sind sanft, und
die Wahrheiten schlagen
sich nieder wie grüner Regen.
Im Schatten. Im
Schatten stöbern wir die
Freuden von früher auf."

Eine Art Melancholie durchzieht die Zeilen, wie ich sie selbst gut kenne. Hier geht es ums Älterwerden, ums Zurücklassen, um den geweiteten Blick auf das bisher gelebte, mehr als „die Hälfte des Lebens“. Die Verluste, die es bereits zu Beklagen gibt. Die Toten. Was wohl noch kommt? Was wohl immer bleibt? Spürbar ist jedoch auch eine weise Gelassenheit, die von Resignation weit entfernt ist.

"Oktobernacht

Was bleibt, wenn die Freunde
gegangen sind,
die Himmel leerstehen,
die Rätsel heruntergekürzt
auf zwei bloße Ziffern.
Eine Kinderschürze
voller zusammengeraffter Wörter,
ein aufgeschreckter Blick,
unter dem sich der Sand
schneller häuft, als
Gefühle Schatten werfen.
Nichts mehr zu sagen."

Mylo erinnert sich auch an Reisen, an Orte, der besonderen Bedeutung, London, die Provence. Hier ahnt man teilweise nur, welche Erlebnisse sich in Erinnerungen entfalten. Spürbar und sinnlich entdecke ich hier erneut Südfrankreich, wie ich es selbst vor vielen Jahren erlebte.

"Carpentras, Cavaillon, am Kanal entlang,
Kurven und Wald, Cotignac.
Elf dem Abhang abgetrotzte Terassen,
Oliven, Steinschichten, Wind,
die Verschiebung der Pflichten:
man hat, wenn sie auf dem eigenen Land wachsen,
auch für die Feigenbäume Sorge zu tragen, selbst
wenn man die Früchte nicht mag."

Die 1955 geborene vielseitige Ingrid Mylo hat nach vielen anderen Texten, Rezensionen, Regiearbeiten, Essays und Kolumnen nun einen Gedichtband verfasst. Welch ein Glück! Für mich ist dieses Buch ein Schatz geworden, in den ich immer wieder ein- und untertauche. Große Empfehlung! Helles Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Azur im Hause von Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nancy Hünger: 4 Uhr kommt der Hund Edition Azur

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Den Hund kennt man bereits. Der „schwarze Hund“ ist zum Symbol für die Krankheit Depression geworden. Bereits Winston Churchill sprach über seine Depressionen als Schwarzer Hund. Und außer einem kleinen Bilderbüchlein für Erwachsene, welches ich nicht wirklich gelungen finde, hat auch der an Depressionen erkrankte australische Lyriker Les Murray über den „Schwarzen Hund“ geschrieben. Nancy Hünger spricht nur vom Hund, der ihre Heldin regelmäßig in der Nacht um 4 Uhr besuchen kommt.

                                                                    „… bei aller
anstrengung war das anziehen urplötzlich unmöglich
und ich fand nicht mehr hinaus aus dieser nacht die
dem tag glich der der nacht glich und immer so fort
und so weiter urplötzlich unmöglich“

Hünger hat einen sprachlich herausragenden poetischen Band geschrieben. Die Thematik ist keine einfache. Aber die Herangehensweise, damit umzugehen oder zumindest im Nachhinein darüber zu reflektieren ist möglicherweise eine ideale. Die kurzen Sequenzen bilden letztlich eine Einheit und sind aber jede für sich Sprachkonstrukte von besonderer Art. Die Worte reihen sich aneinander, sind im Fluß ohne Punkt und Komma. Die Gedanken sprudeln unaufhörlich, vermeintlich wirr, doch bei wiederholtem Lesen entstehen Zusammenhänge von ganz allein.

                                                           „… jenseits der grenze sind
wir nun ein seltsam fremdes aus seltsam fremden tieren die
einsam immer kleinere runden drehen in den immer
kleineren zimmern die schnüren uns noch die luft schnüren
die uns ab bei lebendigem bewusstsein schnüren wir über
den hof wie kleine halbverhungerte rauchende tiere im zoo
ist man frei denken wir oft dass wir einmal menschen
gewesen sein müssen irgendwie frei bis auf das hemd das
uns trug als wir noch menschen waren die vor einer grenze
standen“

Es geht um eine Frau, die in eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie kommt. Der Eindruck, der beim Lesen entsteht, lässt einen psychischen Zusammenbruch vermuten. Es scheint um eine zerbrochene Beziehung zu gehen. Eine, die glücklich begann, aber unglücklich für die Protagonistin endete. Man könnte aus dem Gelesenen schlussfolgern, dass es sich um eine toxische Beziehung handelte, in der auch Gewalt vorkam, physisch, psychisch und/oder emotional …

Es klingt an, dass die Frau sich vollkommen verloren hat in dieser Verbindung und sinnbildlich nur noch ganz klein ist. Das manifestiert sich aber auch im Körper, der offenbar immer mehr Gewicht verliert. Zumindest stellt das die „Wiegerin“ fest, die täglich nachprüft, ob es denn mehr geworden ist. Denn wenn es nicht mehr wird, gibt es keine Aussicht auf Ausgang, keine Aussicht auf Freiheit. Und dann kommt eben nachts um 4 Uhr der Hund. Und Albträume und der Wunsch nach dem Nicht-mehr-Dasein.

                                                  „ha ha sagen die Kittel c‘ est la vie
oder positiv denken positiv verrecken ha ha
gruppentherapie das leben hat auch schattenseiten carpe
mortem genieße auch die kleinen leiden lerne dich selbst zu
hassen sorge dich nicht sterbe einfach schuldig an dir
selbst“

Es ist so beeindruckend wie die Dichterin diese Erlebnisse sprachlich behandelt. Wie die Worte wirken, wenn sie aus einem gebrochenen Körper, einer verletzten Seele kommen. „Ein unglückliches Sprechen“ heißt es auch im Untertitel. Da kommen Wörter vor wie „Schelf“ oder die „katabatischen Winde“, die ich nicht kannte. Schelf ist ein Begriff aus der Geologie und der Ozeanografie. Katabatische Winde sind z. B. der Mistral oder die Bora, also recht kalte Winde. Und die innerlichen Zustände als Wetter- oder Naturphänomene zu benennen ist da so abwegig nicht.

Ergänzt wird der durchweg kleingeschriebene Text mit Zeichnungen von Tommy Reinhardt, die ebenso überraschen, wie die Worte. Mit Bleistift oder Graphit skizzierte Dinge oder Personen befinden sich jeweils an einigen Stellen in Auflösung, was eine unheimliche Stimmung auslöst, die durchaus zum Geschriebenen passt.

Nancy Hüngers Lyrikband erschien im Verlag Edition Azur. Mehr über die Autorin und ihre bisherigen Bücher gibt es auf der Verlagsseite. Meine Besprechung zum vorherigen Lyrikband „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“ gibt es auf fixpoetry.