Ulrike Bail: sterbezettel edition offenes feld

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memento mori – Bedenke, dass du sterblich bist

Ich war neugierig: Wer nennt seinen Lyrikband „sterbezettel“?

Ich vermutete, es würde jemand sein, die sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt hat. Die Autorin, davon ging ich aus, muss zutiefst mit dem Thema verbunden sein. In der Kurzbiografie von Ulrike Bail las ich dann, dass sie Germanistik und Theologie studiert hat und Professorin für Altes Testament ist. Sie lebt in Luxemburg und hat dort für „sterbezettel“ bereits einen Preis erhalten.

Beim Lesen der Gedichte zeigte sich schließlich, dass es in ihrem Band nicht nur ums Sterben geht, sondern vielmehr um ein „Stirb und Werde“.

Sterbezettel, auch Totenzettel genannt, haben eine lange Tradition in der katholischen Kirche. Es sind gedruckte Blätter, die die wichtigsten Lebensdaten eines Verstorbenen enthalten und die bei einer Trauerfeier verteilt wurden oder auch als Einladung zum Begräbnis und Gedenken galten. Eine Tradition, die es auch heute gebietsweise noch gibt.

Sogleich fand ich die Vorstellung schön, einem Verstorbenen ein persönliches Gedicht zu widmen, und dieses mit auf dem Sterbezettel abzudrucken. Wer weiß, vielleicht war das auch ein Gedanke von Ulrike Bail beim Schreiben ihrer Gedichte?

auf einen sterbezettel
rückseitig notiert

rollt hin und her
sandschwer die trauer
hinunter die grube
hinauf
die weißen blumen
sie wurzeln wortüber“

Ulrike Bails kurze, ja Kürzestgedichte sind außerordentlich bewusste Anordnungen von Wörtern, von auserwählten Wörtern, Wörtern, über denen womöglich meditiert wurde, bis sie klar sichtbar waren und exakt ihren Platz fanden. So entstanden starke Bilder. Bails Gedichte ähneln in ihrer Art auch Haikus, keines ist länger als acht Zeilen, keine Zeile länger als sieben Worte. Jedoch übernehmen sie nicht deren strikt formale Regeln. Sie könnten aber einen ähnlichen Entstehungsprozess durchlaufen haben, denn sie zeigen Sinnbilder, die deutlich im hier und jetzt verankert sind. Es sind Stillleben – immer wieder kamen mir beim Lesen Bilder der großen flämischen oder holländischen Maler in den Sinn. So wie in diesen Gemälden, die niemals Bilder des Zufalls, sondern bewusst symbolhaft angeordnete Szenarien waren, so erscheinen mir auch Bails Gedichte. Bilder der Vergänglichkeit, Erinnerungen an die Endlichkeit allen Lebens.

Der schmale Band ist unterteilt in vier Kapitel.

Im ersten Kapitel „nature morte“ findet sich auch gleich der Begriff wieder, der mir schon beim Betrachten des Cover-Bildes „Besteckkasten Erde“ von Annette Wiercke ins Gedächtnis kam: Natura morta – Stillleben. Auf dieser Fotografie finden sich Pflanzenfasern, trockene Zweige, Samenkapseln, Pappelschnee – Dinge aus der Natur, wie sie auch verschiedentlich in Bails Gedichten wieder auftauchen. Natura morta (italienisch) – Tote Natur oder Stillleven (holländisch) – unbewegtes Dasein. Einerseits findet sich dieses „tote“ Dasein in jedem Gedicht und doch wächst andererseits jedes Mal etwas aus der Unbewegtheit heraus auf den Leser zu und diese Bewegung wiederum lässt den Lesenden innehalten. So beginnt etwas zu fließen, was wiederum zu einem Kreislauf hinführt: Einer Endlosschleife, einem Möbiusband.

„vogelbeute
an einem nagel
hängend
flügel gefaltet
silbrig
fällt licht
gehacktes blei“

Im zweiten Kapitel „schneefall“ öffnet sich dem Leser eine Winterlandschaft, die von verschiedenen Arten von Weiß geprägt ist, in der russische Wiegenlieder erklingen und in der die ersten Tulpen blühen. Es herrscht eine weiche Stille, in der Begegnungen mit einem du, mit Mensch oder Tier, sich ganz anders anfühlen, sich einbetten in den Schnee.

leicht

der schnee sei still
sanft streiche er sich übers gesicht
man sterbe so schön im schnee
man sterbe an der stille im ohr
lose und leicht gewogen
bajuschki baju“

Das letzte Kapitel heißt, wie der Titel „sterbezettel“ und beinhaltet Gedichte, die einen Prozess vom Sterben über Tod und Trauerphase hin, bis zu einem Trostfinden beschreiben. Trost und Hoffnung finden sich hier im Schreiben, im Finden und Bewegen von Worten.

falten

schreibs dem papier
auf die gefaltete haut
bis in den ritzungen
die tinte weint schwarz
sich anschwemmt dort“

Alle Gedichte, auch die im dritten Kapitel „herzpassagen“ haben einen Bezug zur Natur, zu Flora und Fauna. Vielfach tauchen hier Vögel auf, Früchte, Blumen, Farben, Geräusche und Gerüche. Immer wieder fallen Lichtstrahlen in die Dunkelheit. Eine innere Landschaft im Außen gespiegelt?

dunkelgrün

schweigt der fuchs
schiebt die gänsefeder
unter das moos
ungebügelter Samt
über den wipfeln
vielfach vernäht“

Nach wiederholtem Lesen lässt sich das Anordnungsmuster der Gedichte erkennen – von Trauer zur Hoffnung. Es geht immer um die Verbindung zur Quelle, zum Ursprung – die Natur als Bindeglied zwischen dem Menschen und dem Göttlichen. Die Begriffe Transzendenz, Spiritualität und Mystik fallen mir bei der Lektüre der Gedichte immer wieder ein: Der Bezug auf etwas Übernatürliches im Anblick des Natürlichen, des Absoluten, eine Vollkommenheit in allen Dingen, die zu beschreiben womöglich am besten, wie hier, in Form von Verdichtung gelingt. Bail ist dabei eine Meisterin in der Kunst der Verknappung – nichts fehlt, nichts ist überflüssig.

Für mich sind Ulrike Bails Gedichte erfüllt von Stille, einer tiefen meditativen Ruhe, die eine große Kraft birgt, die wiederum Schritt für Schritt zu einer lebendigen Leichtigkeit der Dinge führt.

Der Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.com

Hamburg

Johanna Hansen: zugluft der stille edition offenes feld

Blau ist, wie mir scheint, die Farbe von Johanna Hansen. Das Coverbild ihres Lyrikbands „zugluft der stille“ betrachte ich immer wieder wie hypnotisiert. Das  Porträt einer Frau, umschmeichelt von blauestem Blau. Ein Blau, dass mich direkt hineinzieht in die Gedichte. Innen gibt es weitere Malereien der Autorin, die gleichzeitig auch bildende Künstlerin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Wortschau“ ist, immer als Unterteilung der einzelnen Kapitel.

Noch vor dem Blau kommt in den Gedichten allerdings die Farbe weiß. Der weiße Schnee – das weiße Blatt. Winterlandschaften, äußere und innere. Grenzen kennen die Verse scheinbar keine. Weder zwischen Körper und Seele noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Scheinbar … wären da nicht die Punkte. Die vielen Punkte, die andere Satzzeichen nicht benötigen. Das verlangsamt die Lektüre, das macht die Leserin achtsamer. Mir kam es mitunter vor, als würden die Verse zwischen den Punkten meine Atemzüge begleiten. Ein. Aus. Der Rhythmus vorgegeben. Und der Punkt als winzige Atempause. Ein Innehalten. Wer die Gedichte so liest, kommt ins Fließen.

„sobald mir die stimme wegbleibt im digitalen dauerregen.
konzentriere ich mich auf das geräusch meines atems.
ganz dicht neben dir. beim spaziergang im park höre ich
es deutlicher. und heute fiel dort von einem ulmenzweig
beiläufig und leise ein ach“

Und Wasser gibt es in der Tat auch in Hülle und Fülle. Ostseewasser ist dabei: Die Dichterin brachte Verse mit von einem Künstleraufenthalt in Lettland. Im Kapitel „schwimmschnee“ sind sie aneinandergereiht wie Perlen. Sie erzählen Geschichten …

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich der Kindheit. Es ist mir das eindrucksvollste. Von Geburt an, womöglich schon vorgeburtlich. Es sind mit Zeilen von Kinderliedern oder Sprichwörtern durchzogene Texte, die kaum kindlich kuscheliges haben. Es ist die Kindheit eines Mädchens in Nachkriegszeiten, der Vater stumm, die Mutter fleißig und gläubig.

“ … mama sagt. gott teilt alles zu. auch die schuld. aber der
krieg passt in keine schuld. sie ist einfach zu groß und verschlingt
uns vollständig. eimerweise schütten wir vergib uns unsere schuld
aus den tagen. waschen den krieg ab. der bleibt trotzdem schmutzig.
kann nicht aufgeräumt und nicht weggeputzt werden. so viele
wörter werden ans kreuz geschlagen. vollkommene wörter. tauber
kram. unsichtbar. wie ich.“

Es sind starke teils albtraumhafte Sequenzen, die mitunter Bilder aus meiner eigenen Kindheit wecken. Zwischendurch immer wieder Momente der Lebendigkeit wie im Gedicht „kopfüber herzunter“. Wenn ich es richtig interpretiere geht es hier um die große Entdeckung des Schreiben- und/oder Lesenlernens. Die Schönheit des geschriebenen Worts, das Glück des Ent-zifferns. Und auch Tröstliches wie die Anna im „Porträt in Sepia“. Die Köchin, die Haushälterin?

„… sie den kopf ungeniert in den nacken legt. einfach
lacht. kind sagt. und winkt über die wicken
am zaun …“

Dann ein Sprung. Die Dichterin ist mit Paris verbunden, das Lyrische Ich ist dort unterwegs. Im Gedicht „madame“ folgen Stadtimpressionen. Sinnlich. Womöglich beeinflusst durch den Eindruck eines Bildes im Museum? Womöglich durch den Wandteppich Dame mit Einhorn? Eine poetische Bildbeschreibung mit vielfältigen Assoziationen und Wendungen folgt.

Und dann geht es zum Abschluss wieder in den Schnee. Es geht nach Davos. Das gefällt mir gut, denn ich bin Liebhaberin des „Zauberberg“ der von Thomas Mann hier angesiedelt wurde. Und es schließt sich auch ein Kreis – der des Ein- und Ausatmens. Denn hier fanden sich, die Lungenkranken in Sanatorien. Die Liegekur an der frischen Luft sollte heilen. Die Dichterin lässt das Lyrische Ich tief im Archiv der Sanatorien kramen. Hier finden sich „kulissen für inspiration. expiration“ und dem letzten Satz kann ich als ebenfalls Dichtende nur zustimmen:

“ … erst beim überschreiten des sprachraums zur stille öffnet sich das wort wie eine tür zum gedicht.“

Johanna Hansens Band weist auf ein künstlerisches Doppeltalent, was mich immer ganz besonders staunen lässt. Vor allem wenn, wie hier zu erkennen ist, sich das Eine mit dem Anderen verbindet und jede Trennung sich auflöst. Der Gedichtband erschien in der Edition offenes Feld. Danke für das Rezensionsexemplar!