Meena Kandasamy: Schläge CultureBooks

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Meena Kandasamys zweiter ins Deutsche übersetzte Roman ist nach „Reis & Asche“ wieder eine bemerkenswerte Lektüre. Die 1984 in Chennai, Indien geborene, in London lebende Autorin schreibt Lyrik und Prosa und ist feministische und politische Aktivistin. Außerdem ist sie promovierte Linguistin und so lebt ihr Schreiben von der Auseinandersetzung mit Sprache. Es ist ein starke kluge Stimme und ich wünsche dieser Autorin sehr viele Leser*innen.

Die namenlose Ich-Erzählerin hat sich aus ihrem Elternhaus befreit, um studieren zu können, was in Indien als Frau nicht unbedingt leicht ist. Sie studiert Literatur und Sprache und fühlt sich wohl mit der neuen unabhängigen Situation. Sie ist belesen und klug. Als sie einem etwa doppelt so alten bekannten Politiker begegnet, verliebt sie sich. Beide beginnen eine Liebesbeziehung, die jedoch immer heimlich bleiben muss. Die Karriere des Mannes steht im Vordergrund. Eine Heirat, um gleichwertig an seiner Seite stehen zu können, ist jedoch von ihm nie beabsichtigt. Es kommt zur Trennung und sie zieht nach Abschluß des Studiums wieder zuhause ein.

Viel zu überstürzt begibt sie sich dann in eine Ehe mit einem Universitätsdozenten. Sie glaubt, dass dieser offensichtlich gebildete Mann mit ihr auf einer Augenhöhe steht. Hier scheint sie gleichberechtigt zu sein. Doch es kommt ganz anders.

„Dass ich mich den Wünschen meines Mannes füge, lässt mich wie eine Frau erscheinen, die aufgegeben hat. Aber ich weiß, das es mir dieser Aufzug möglich macht, die Rolle der guten Hausfrau zu spielen. Nichts Lautes, nichts Auffälliges, nichts Schönes. Ich soll aussehen wie eine Frau, die niemand ansehen möchte, oder genauer, die niemand überhaupt sieht.

Sie lebt nun wie eine Gefangene, versucht zu schreiben, denn sie ist Autorin. Bekommt immer mal wieder Aufträge von Zeitschriften. Doch in erster Linie ist sie nun Hausfrau, die dem Ehemann das Leben leicht macht, abends mit dem Essen auf ihn wartet. Zwar darf sie mit ihm über den kommunistischen Klassenkampf in Indien diskutieren, über das marxistische Manifest, über Maoismus, doch das letzte Wort, wird sie nie bekommen. Der Mann hat recht. Wie sie nach und nach jede Selbstbestimmung verliert, wie sie nur noch begrenzten Internetzugang erhält, wie ihr Ehemann ihre Mails beantwortet, später alle löscht, wie er ihr Telefon einbehält und beim kleinsten Anlass eifersüchtig wird, das ist einfach nur ein Albtraum. So schreibt sie etwa Briefe an imaginäre Liebhaber, die sie wieder komplett löscht, bevor der Mann nach Hause kommt. Alles, was sie sagt oder tut, kann eine Falle sein.

„Als ich in die Realität zurückschalte, macht sich ein Teil von mir über die Möglichkeit lustig, dass er tatsächlich so weit gehen könnte, mich umzubringen. Andererseits hätte ich noch vor vier Monaten über die Vorstellung gelacht,von einem Mann geschlagen oder von meinem eigenen Mann vergewaltigt zu werden.“

Von Prügel über Vergewaltigung bis zur Androhung sie umzubringen. Im öffentlichen Raum setzt sich dieser Mann in Szene, als wäre er ein liebender Ehemann. Die Telefonate, die die Heldin mit ihren Eltern führt, zeugen von unfassbar veralteten traditionellem Rollenverhalten. Doch nach dem zweiten Mordversuch verlässt sie ihn und schafft es sogar ihn anzuzeigen. Dann beginnt der lange Weg der Heilung, die Entdeckung einer neu gewonnenen Unabhängigkeit.

Wie Kandasamy das erzählt, wie sie zurückblickt und immer wieder nur Ausnutzung und Missbrauch sieht, den ihre Protagonistin durch Männer erlebt hat, ist beeindruckend. Sie schildert all dies nicht im Opferton sondern mit klarer direkter Stimme. Ihr Buch kritisiert die Zustände, auch besonders die von „dunklen“ Frauen. Dies ist kein Liebesroman, kein Bollywood-Film, dies ist nackte Realität. Mir wird es immer unverständlich bleiben, wie an sich gebildete Männer im 21. Jahrhundert noch immer glauben, sie wären die Krone der Schöpfung und hätten das Recht ihre Frauen zu verprügeln, zu vergewaltigen, klein zu halten. Wie stark diese überholten traditionellen Rollen immer noch mancherorts das Leben von Frauen bestimmen, ist unfassbar und inakzeptabel. Ein wichtiges Buch!

„Schläge“ von Meena Kandasamy erschien im CultureBooks Verlag. Übersetzt aus dem Englischen hat es Karen Gerwig. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

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Marie Luise Kaschnitzs Erzählung „Eisbären“ erschien bereits im Jahr 1966. Kaschnitz (1901 – 1974), die 1933 ihren ersten Roman veröffentlichte, aber auch Gedichte und Hörspiele schrieb, wird heutzutage wenig gelesen. Was für ein Versäumnis dies ist, merkte ich bei dieser Lektüre. Im Kunstanstifter Verlag erscheinen immer wieder staunenswerte bildschöne Buchkunstwerke und so stieß ich auf den Band „Eisbären“. Die Bilder machten neugierig, die Leseprobe noch mehr.

Die Illustratorin Karen Minden interpretiert die wunderbare überraschende Erzählung, die als Text nur wenige Seiten lang ist, ganz eigen und sehr faszinierend. Sie bewahrt das Geheimnis dieser Geschichte in ihren Zeichnungen, die reduziert und gleichzeitig kraftvoll sind. Der Bleistift ist das Handwerkszeug von Minden und so zeigen sich die Szenen überwiegend in Schwarz/Weiß mit allen Grauschattierungen. Als einzige Farbe kommt ein helles Blau hinzu, was für mich die Kühle symbolisiert, die immer wieder in der Geschichte aufblitzt.

Vor dem Eisbärengehege im Zoo trafen sie sich einst. Das Paar, das die Hauptrolle spielt, ist schon viele Jahre zusammen. Eines Abends, die Frau hat sich bereits zum Schlafen ins Bett zurückgezogen, der Mann lässt auf sich warten. Als er dann nach Hause kommt, möchte er mit ihr reden. Alles verläuft anders als sonst. Das Schlafzimmer ist stockdunkel, doch er will kein Licht. Das Gespräch beginnt er mit der Frage, ob sie noch wisse, wie sie sich kennengelernt haben. Die Frau wundert sich, weiß das aber natürlich noch. Oft nennt sie der Mann Eisbär, weil sie den Kopf drehte, nach rechts und nach links, immer wieder, damals als er sie am Gehege stehen sah, als würde sie sich nach jemandem umsehen, auf jemanden warten. Die Frau besteht wie immer darauf, dass sie auf niemanden wartete.

„Sie zweifelte aber plötzlich daran, dass ihr Mann ihr glauben würde. Sie hatte das Gefühl, als stände hinter seinen Worten eine Unruhe, die sie nicht würde stillen, und eine Angst, die sie ihm nicht würde ausreden können, jedenfalls nicht in dieser Nacht.“

Dass das doch der Fall war, erfahren nur wir Leser. Dass es da einen gab, der sie verlassen hatte, von dem sie hoffte, er käme zurück. Und dass sie ihren Mann nur geheiratet hatte, weil sie nicht allein bleiben wollte. Obwohl sie ihn nun längst liebt. Doch das sagt sie ihm nicht. Das sind nur ihre Gedanken. Sie besteht auf der Unwahrheit. Und der Mann gibt sich nach längerem hin und her letztlich damit zufrieden. Und das ist vielleicht gut so. Denn als es an der Tür klingelt, so spät noch, wundert sich die Frau beim Öffnen der Tür sehr …

So müssen Kurzgeschichten sein. Das ist die große Kunst, auf wenigen Seiten gekonnt mit Sprache spielend eine Spannung aufzubauen, die einen am Ende staunend und womöglich mit offenen Fragen zurücklässt. Kaschnitz setzt hier den Focus auf das Mysterium der Liebe und auf die Frage, ob die volle Wahrheit immer sinnvoll ist.
Ich stelle fest, ich sollte wieder mehr Erzählungen lesen, denn zumindest diese hat mir große Lust darauf gemacht. Marie Luise Kaschnitzs Erzählungen gibt es gesammelt beim Insel Verlag. Für Bibliophile sei aber auf jeden Fall diese zauberhafte Ausgabe empfohlen. Der Band erschien im Kunstanstifter Verlag, wo sich auch eine Leseprobe findet. Auch ein Blick auf die Website der in Berlin lebenden Künstlerin Karen Minden lohnt sich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Tayari Jones: An American Marriage

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Der Roman „An American Marriage“ von Tayari Jones Roman wurde bei Oprah Winfrey, der bekanntesten Literatursendung in den USA vorgestellt, der gestandene Leser Barack Obama empfiehlt ihn und schließlich wurde er mit dem Womans Prize for Fiction 2019 ausgezeichnet. Auch ins Deutsche wurde er übersetzt und erschien im Frühjahr im Arche Verlag unter dem Titel „In guten wie in schlechten Tagen“. Es ist nicht der erste Roman der 48-jährigen US-Amerikanerin, sie erhielt bereits viele Auszeichnungen und unterrichtet Creative Writing.

Ich habe diesmal zum Original gegriffen und nun also meinen ersten Roman in Englisch gelesen, um ihn auf dem Blog vorzustellen. Bisher habe ich mir schwer vorstellen können, etwas in der Originalsprache zu lesen, dazu sind meine Sprachkenntnisse in Fremdsprachen jeweils zu gering. Gerade, wenn es sich um anspruchsvolle Literatur dreht, gar um Lyrik. In der Tat bin ich aber nun mit diesem Roman erstaunlich gut zurecht gekommen und werde in Zukunft vielleicht mutiger.

Es ist eine spannende Beziehungsgeschichte die Jones hier erzählt. Tatsächlich ist es auch die Story, die mich hier am meisten interessiert. Die Sprache ist mir, es geht mir immer wieder so mit US-Autoren, oft zu beliebig, pathetisch, mit Metaphern überfrachtet – handwerklich gut – aber mit wenig Eigenart. Es geht um Roy und Celestial, zwei junge Afroamerikaner, beide geförderte Collegeabgänger mit guten Jobs, die seit einem Jahr verheiratet sind. Eines Tages wird Roy zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt. Beide wissen, dass er es nicht getan hat, dennoch wird er verurteilt und zwar sehr hart (womöglich wegen seiner schwarzen Hautfarbe?): Zwölf Jahre Haft.

Von der Tat und der Verhandlung wird fast gar nichts erzählt, sondern vor allem von den Empfindungen der beiden vor- und nachher. Jones teilt das Buch auf, in Kapitel, die jeweils aus der Sicht von Roy oder Celestial erzählt werden. Einzelne im Lauf der Geschichte auch von Andre, der seit Kindertagen Celestials bester Freund ist. Die Handlung bezieht sich somit vor allem darauf, was aus der Beziehung der beiden wird durch diese ungewollte Trennung. Und es zeigt ein Bild der Südstaaten-Mentalität, in der vor allem Religion, Abstammung und eine extrem traditionsbehaftete Sichtweise auf die Ehe und die Geschlechterrollen vorhanden sind. Auch die Elternbeziehung und der Kinderwunsch, der hier sehr stark im Vordergrund steht, als gäbe es keine Partnerschaft, ohne Kinder zu haben, als wäre es oberste Pflicht, auch von Eltern und Schwiegereltern gefordert, Kinder zu bekommen. (Alles Sichtweisen, die mir mehr als fremd sind.)

So kommt es auch dann zu besonderen Konflikten, als sich Celestial erlaubt ihr Leben mit dem Focus auf ihre Kunst, sie stellt Puppen her, weiterzuleben, auch ohne Roy. Sie emanzipiert sich im Verlauf der Geschichte mehr und mehr und wird zur gefragten und gut bezahlten Künstlerin. So entfernt sie sich von Roy, der Kontakt bleibt immer mehr aus und es entsteht wieder große Nähe zu Andre, der an ihrer Seite bleibt. Als Roy nach fünf Jahren unerwartet frei gelassen wird, kommt es natürlich zu Turbulenzen …

Im Laufe der Geschichte werden auch die bisher schamhaft verschwiegenen Seiten in den Familien aufgedeckt. Roy ist ein adoptiertes Kind, sein biologischer Vater hatte sich noch vor seiner Geburt davon gemacht. Celestials Mutter ist die zweite Ehefrau des Vaters und hat sozusagen die Ehe mit der ersten Frau „zerstört“. Alles Ereignisse, die beiden schwer zu schaffen machen.

Ehrlich gesagt sind mir die beiden männlichen Figuren im Roman eher unsympathisch. Die Heldin Celestial hingegen ist immerhin eine reflektierende, sich entwickelnde Persönlichkeit und so ist es sicher auch von der Autorin beabsichtigt. Im weitesten Sinne könnte man diesen Roman in den Bereich der feministischen Literatur einordnen.

Fazit: Lesenswert durchaus, aber kein Lesehighlight.

Laura Freudenthaler: Geistergeschichte Literaturverlag Droschl

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Nach Erzählungen und dem fantastischen Debütroman „Die Königin schweigt“ ist nun Laura Freudenthalers neuer Roman da. Die Österreicherin schreibt in einer Sprache, durchdacht und oft zweideutig, dass es eine Freude ist. Es ist zu spüren, dass hier ein Text nicht einfach nur plotkonzentriert geschrieben wurde, sondern dass der Sprache Vorrang gewährt wird. Die Geschichte selbst kommt zunächst still daher, faltet sich Seite um Seite auf und zeigt sich. Anfangs erfahren wir wenig über die Hauptfigur Anne, nur dass sie Klavierlehrerin ist und sich auf ein Jahr Auszeit freut.

Anne ist Französin und lebt mit ihrem österreichischen Mann Thomas in Wien. Die beiden sind schon lange ein Paar. Vieles hat sich zur Routine entwickelt, ein Leben, sprichwörtlich aneinander vorbei oder nebeneinander her. Dass sich diese Erkenntnis und auch das Alter des Paares erst nach und nach erschlüsseln lässt, ist Freudenthalers Erzählweise zu verdanken. Sie steigt einfach in die Geschichte ein mit der Vorstellung die Leserin kenne das Paar.

„Was machst du denn? Er wusste, dass sie die Frage Wie geht’s? nicht mag, dieselbe verkürzte Formel wie im Französischen. Zutiefst unehrlich findet Anne es, eine solche Frage zu stellen, ohne sich der Antwort aussetzen zu wollen.“

Für Anne hat die Sprache eine besondere Bedeutung, da Deutsch für sie zunächst eine Fremdsprache ist. So hat sie sich die Sprache erarbeitet und entdeckt immer wieder Mehrdeutigkeiten. Anne ist Pianistin und ihre Sprache ist ebenso die Musik. Töne und Klänge spielen hier immer wieder eine Rolle. Und seit neuestem eben auch neue Geräusche in der Wohnung. Ein Flattern, ein Rascheln, ein Huschen. In Annes Vorstellung sind es die Geräusche des „Mädchens“. Anne vermutet schon lange, dass Thomas eine junge Geliebte hat.

„Ich wollte selber nachschauen, sagt das Mädchen, weil er mir nichts erzählt. Er schafft es, nichts zu sagen. Es muss einem doch das Herz übergehen. Thomas aber hat seine Kammern. Anne nannte sie Herzkammern. Auch wenn er ihr schon vor langer Zeit erklärt hat, es handle sich um einen medizinischen Begriff … „

Deshalb und auch sonst ändert sich Annes Leben in diesem freien Jahr. Weil ihr vom Kaffee zuhause schlecht wird, kann sie nurmehr im Kaffeehaus frühstücken und macht das zur Routine, ebenso wie ihre endlosen Spaziergänge durch die Stadt. Sie schafft es plötzlich nicht mehr Klavier zu spielen. Auch ihr geplantes Klavier-Lehrbuch schreibt sie nicht. Sie gibt sich vielmehr unkontrolliert inneren Impulsen hin.

„Jeden Tag setzt sie sich um vierzehn Uhr vor das Klavier. Jeden Tag verschiebt sich der Zeitpunkt, zu dem sie den Deckel öffnet, nach hinten. (…) Endlich heben die Hände den Deckel hoch. Anne betrachtet sie, hält die rechte und die linke nebeneinander über die Tasten. (…) Sie lässt die Hände sich auf die Tasten legen und richtet den Blick auf das Notenblatt. Die Hände bewegen sich nicht.“

Ihre einzigen Ansprechpartner sind ihre Mutter und eine Freundin. Mit ihr spricht sie auch über den Verdacht, dass Thomas eine Geliebte hat. Doch den Ratschlägen ihrer Freundin geht Anne nicht nach. Obwohl Thomas immer abwesender wird, entwickelt sie ihr ganz eigenes Konzept, damit umzugehen. Für die Leserin wirkt es mitunter, als würde Anne Stoff für einen Roman sammeln, wenn sie Notizen macht, wenn sie die Kassenbelege von Thomas sammelt und daraus Schlüsse zieht, wo Thomas mit dem „Mädchen“ essen war, wo sie gemeinsam übernachtet haben, wie sie vermeintlich sogar dessen Wohnung bei  einem ihrer Rundgänge findet und heimlich betritt.

Man weiß nie so ganz genau, was daran Annes Fantasie ist und was die Wirklichkeit – eine Geistergeschichte eben. Doch man folgt ihr gern, spürt mit ihr, wie es sich anfühlt, das Routine-Leben und der Ausbruch daraus. Und findet es bewundernswert, wie Anne ihre seltsame Art hat, die Dinge anzugehen. Was wird überdauern?

Sprachlich wundervoll und durchdringend passt sich der Text hinein in den tiefen Wortfluss der Autorin. Der Inhalt gleicht mitunter einem Träumen, einem Schweben außerhalb der Zeit. Ich bin be-geist-ert. Ein Leuchten!

Der Roman der Österreicherin Laura Freudenthaler erschien im Literaturverlag Droschl, einem meiner Herzensverlage. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre Hanser Verlag

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An Norbert Gstreins neuen Roman habe ich mich erst herantasten müssen. Es ist sehr lange her, dass ich ein Buch dieses Autors las. Doch dann eröffnete sich mir der Roman in schönster Fülle. Gstrein hat eine starke Geschichte konstruiert, die aus einem Kernthema heraus weite Kreise zieht und sehr differenzierte Betrachtungsweisen aufzeigt.

Die Hauptfigur ist Richard, ein Gletscherforscher, der sich dem ewigen Eis verschrieben hat und darüber an der Uni lehrt, vor allem über den Klimawandel. Ob dabei eine Rolle spielte, dass er in der Kindheit von seinen Eltern, wenn er frech war in einem Kühlraum eingesperrt wurde? Die Eltern hatten in Tirol ein Hotel. Inzwischen lebt er aber längst mit Frau und Kind in Hamburg. Im Roman finden sich Eis und Kälte zuhauf. Und sei es sinnbildlich, wenn etwa Natascha, die Ehefrau, ihn mal wieder Eismann nennt, wenn sie seiner angeblichen Gefühlskälte überdrüssig ist. Diese unterstellt sie ihm ebenfalls in der Sache mit der Flüchtlingsfamilie, die beide in ihrem Ferienhaus im Umland aufgenommen, besser gesagt, es an diese vermietet haben. Während Richard die Familie zur Ruhe kommen lassen will, kümmert sich Natascha jeden Augenblick um das Wohl der Familie, ruft an, fährt hin, ja beginnt sie im Grunde zu bevormunden. Schön, wie Gstrein diesen Zwiespalt herauskehrt und den Leser damit konfrontiert.

„Sicher hätte ich mir meinen Kommentar sparen können, um zu helfen, müsse ich nicht ein Diplom in Ethnologie oder Religionswissenschaftler haben, als sie mich fragte, ob ich mich nicht auch auf unsere Gäste vorbereiten wollte.“

Natascha und Richard entfremden sich aufgrund dieser Differenzen noch mehr als bisher. Natascha ist erfolgreiche Schriftstellerin und vermarktet die Idee mit der Flüchtlingshilfe sogar als Story in einer populären Zeitschrift. Sie lässt Mann und Kind alleine in die Ferien fahren. Sie geht voll in ihrer neuen Rolle als Helferin und Beschützerin auf. Vor allem auch dann, als vermehrt bedrohliche Nachrichten oder sind es Gerüchte? über das Haus am See aus der Nachbarschaft kommen. Die Familie aus Damaskus hingegen, scheint sich einzuleben, die Söhne gehen zur Schule, haben in kürzester Zeit deutsch gelernt. Als der Vater gar zum Christentum übertreten will, ist Natascha entsetzt, hatte sie sich doch gerade mit dem Islam beschäftigen wollen. In der Tat fragt man sich da als Leser/in, ob außer dem Wunsch zu helfen nicht doch auch ein gewisser Narzissmus im Spiel ist.

“ … ob sie der Familie nicht ein bisschen Ruhe gönnen wolle, wenn sie sich wieder einmal bereitmachte, zum Haus hinaus zu fahren, ob sie sicher sei, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit willkommen war, …“

Richard dagegen verhält sich freundlich, doch zurückhaltend. Außerdem denkt er gerade selbst über einen Neuanfang in einem anderen Land nach. Kanada steht zur Debatte, weil ein Studienfreund ihm dort eine Stelle angeboten hat. Doch bevor es zu einer Entscheidung für ein neues Leben und damit verbunden womöglich zur Trennung von Frau und Kind kommt, hat Gstrein eine Idee, die nicht neu ist: Im letzten Teil des Buches schreibt er drei verschiedene Schlusskapitel, wovon er eines „Was wirklich geschah“ nennt. Die anderen beiden kann man getrost weglassen. Sie sind nicht stimmig und lesen sich wie Füllmaterial.

Norbert Gstreins Roman „Die kommenden Jahre“ erschien im Hanser Verlag.

 

Angelika Klüssendorf: Jahre später Kiepenheuer & Witsch

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Angelika Klüssendorfs Roman „Jahre später“ ist nach „Das Mädchen“ und „April“  die Fortsetzung der Geschichte von April. Es ist ein Roman über eine alles in den Schatten stellende Ehe. Ob er von Liebe handelt, ist nicht wirklich gewiss. Klüssendorfs Romane erzählen von einer DDR-Kindheit, Adoleszenz und dem späteren Leben im Westen, sie sind überwiegend autobiographisch.

Nach „Das Mädchen“, in dem sie über das Kind schreibt, das mit dem kleineren Bruder der alkoholsüchtigen und gewalttätigen Mutter und dem oft abwesenden Vater vollkommen ausgeliefert ist und schließlich im Heim landet, folgte der Band „April“. Darin kommt das Mädchen, dass sich von nun an April nennt, mit 18 Jahren aus dem Heim und erhält einen Arbeitsplatz zugewiesen. Nach einem Suizid-Versuch und anschließendem Psychiatrie-Aufenthalt bekommt die labile junge Frau eine neue Tätigkeit. Hier lernt sie auch Leute aus Kunst und Literatur kennen und beginnt selbst zu schreiben. Sie hat eine Beziehung, wird Mutter, ist mit beidem überfordert. Schließlich wird der Ausreiseantrag genehmigt und sie geht nach Westberlin.

Im neuen dritten Band ist aus der jungen April eine echte Autorin geworden. Auf einer Lesung lernt sie einen Mann kennen, der ihr eigentlich gar nicht so sympathisch ist, der sie aber durch seine Hartnäckigkeit im Werben um sie beeindruckt. Schließlich lässt sie sich darauf ein. Die Anfangszeit dieser Beziehung ist leicht und von fast kindlichem Frohsinn und Nonsens geprägt. Beide scheinen noch viel zu wenig erwachsen, um sich ernsthaft in einer Beziehung wieder zu finden.

Sie sind wie Kinder, denken sich komische Geschichten aus, rufen mit verstellten Stimmen fremde Leute an, versuchen in der Markthalle einen Hummer aus dem Bassin zu klauen;“

Ludwig ist Chirurg und startet nach der Hochzeit sofort eine steile Karriere. Als das Paar Ludwigs Arbeit wegen von Berlin nach Hamburg zieht, ist April einer totalen Einsamkeit ausgeliefert. Statt zu schreiben schaut sie sich Horror-Filme an, deren Hauptfiguren sie in ihrer Fantasie immer wieder besuchen, sie sitzt mit ihnen am Tisch und kommuniziert.

Seine rare Freizeit verbringt Ludwig mit Computerspielen. Er lügt sich die Dinge, so wie er sie gebrauchen kann:

Wenn er mit Bekannten oder Kollegen spricht, lässt er seine Vergangenheit in einem gehobenen Milieu stattfinden. April empfindet keine Scham über ihre Herkunft, gleichwohl auch sie versucht, ihr zu entrinnen.“

Als April schwanger wird, scheint sich zunächst alles zum Guten zu wenden, scheint sich der Wunsch nach einer ganz normalen Familie zu erfüllen. Doch auch das ist nicht von Dauer. April fühlt sich klein und nichtig, gerade auch an Abenden, an denen Ludwig seine Kollegen einlädt. Sie gehört nicht dazu. Zunächst kann sie sich aus schrecklichen Tief-Phasen mit Medikamenten herausholen, doch die Wirkung wird schwächer. Sie hat schlimme Alpträume, trinkt, zieht um die Häuser. Der Karriere Ludwigs wegen steht der Umzug zurück nach Berlin an. Ein Freund verschafft April einen Job in einer Werbeagentur.

Ludwig verkündet eines Tages die Trennung, kommt dann doch wieder zurück, nur um mitzuteilen, dass er die Scheidung will und um zu erklären, wie die Aufteilung des persönlichen Eigentums funktioniert. Was darauf folgt, ist ein erbitterter Rosenkrieg, den April kaum verkraftet. Es häufen sich Anschuldigungen Ludwigs, die schließlich nur noch mit Anwalt und vor Gericht gelöst werden können.

Wenige Wochen später liest April in dem Brief seines Anwaltes, dass sie einen Teil seiner beruflichen Existenz vernichtet habe.
Sie denkt nicht mehr, dass es sich um einen Irrtum handelt. Ludwig meint es ernst. Wenn sie zum Briefkasten geht, schlottern ihr die Knie.“

Liest man die Geschichte von April, fragt man sich augenblicklich, ob es nicht doch im künftigen Leben darauf ankommt, was einem als Kind widerfährt. Es scheint hier, als würde sich die Prägung unmittelbar auf die nächsten Lebensphasen fast schicksalhaft ausdehnen. Angst, fehlendes Selbstvertrauen, Verlorenheit. All das spürt April auch als erwachsene Frau und Mutter, obwohl sie versucht, alles „richtig“ zu machen. Für ihren Sohn Julius aus einer früheren Beziehung, sorgt April, hat aber Angst, dass es nicht genug ist. Und auch mit dem zweiten Kind, Sam, bleibt es schwierig. Sie beginnt mit einer Therapie, schafft zwei Hunde an. Einmal noch, trifft sie sich mit ihren beiden Brüdern, doch hier ist kaum mehr Verbundenheit. Und doch fühlt es sich in manchen Momenten wieder wie richtiges Leben an.

April sitzt stundenlang vor dem Schreibtisch, ohne einen Satz zu schreiben, aber sie hält es aus. Sie erinnert sich, dass sie im Kinderheim, wenn sie nicht einschlafen konnte, Geschichten erzählt hat, um die anderen wach zu halten.“

Im Roman raten alle, die mit April befreundet sind, sie solle doch über ihr Leben schreiben. Dies verwirft sie vehement. Doch dann tut sie es doch und diesem Entschluss haben die Leser diese drei Romane zu verdanken, die auch sprachlich in ihrer Reduziertheit überzeugen. Und so endet „Jahre später“ mit dem prägnanten Satz, der den ersten Roman einleitete: „Scheiße fliegt durch die Luft“

Ergänzung, womöglich von Interesse:
Was ich bei Lektüre aller drei Romane noch nicht wusste, erfuhr ich kürzlich aus einem Beitrag zum Buch: Aprils Ehemann Ludwig ist wohl angelehnt an den tatsächlichen ehemaligen Ehemann Klüssendorfs, Frank Schirrmacher, der als Journalist und Autor durchaus sehr bekannt war.

Alle drei Bände erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Eine Leseprobe findet man hier. Auf dem Blog BooksterHRO gibt es Besprechungen aller drei Bände.

Diese Rezension erschien zuerst bei fixpoetry.

Nina Jäckle: Stillhalten Klöpfer & Meyer

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Die 1966 geborene Nina Jäckle hat einen Roman über ihre Großmutter geschrieben. Diese Großmutter wurde auf ewig festgehalten in einem Porträt des berühmten Malers Otto Dix. Wer kann das schon von seiner Großmutter sagen … ? Und es ist auch die Geschichte einer begabten Frau, die aufgrund der Strukturen ihrer Zeit, 1933, Dresden, nicht das tun durfte, wozu sie wohl berufen war … das Tanzen.

Wir lesen von Tamara, als sie bereits zurück blickt. Als sie gealtert ist, zwar zunächst noch materiell gut versorgt, dank des reichen Ehemanns, doch unglücklich. In ihr „Abrechnungsbuch“ trägt sie nicht nur ihre finanziellen Ausgaben ein, sondern schreibt auch alles was ihr im Nachhinein für eine Lebens-Abrechnung notwendig erscheint. Imgrunde spielt sich der ganze Roman in Tamaras Kopf ab. Es ist ein einziges Wechselspiel zwischen jetzt und damals, zwischen der großen Chance und dem großen Versäumnis. Zwischen richtig und falsch. es ist ein Hadern mit sich selbst und den Wegen, die sie in ihrem Leben einschlug.

„So steht man nun in dieser einen Variante, die man zu seinem Leben gemacht hat, schreibt Tamara in ihr Abrechnungsbuch, so versucht man nun immer wieder aufs Neue, dem Bedauern das Gelingen entgegenzusetzen.“

Wie so oft damals ist es das Problem ihrer Zeit, dass sie, als sie sich für die Ehe entschieden hatte, „in der Unbedachtheit der Jugend“, ihre Tanzkarriere vergessen konnte, dass sie aufgeben musste, weil der Ehemann das so wollte. Tamara hatte nicht das Glück einer Käthe Kollwitz, deren Mann hinter ihr und ihrer Kunst stand. Und wer weiß, wie vielen Frauen es ebenso erging.

„Du bist herausragend, hatte die Tanzlehrerin Tamara am Tag zuvor gesagt, herausragend nicht im Sinne des Künstlerischen, aber sehr wohl im Sinne der Zerstreuung und des Vergnügens, du wirst Geld verdienen können mit dem Tanzen …“

Als sie 1933 im Alter von 21 Jahren für Otto Dix Modell steht, stillhalten muss, wo sie sich doch vor allem bewegen will, ist sie noch vollkommen frei, lernt tagsüber den „echten“, den Ausdruckstanz von Mary Wigmann und tanzt abends im Varieté, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Von Dix erfährt sie in vielen Gesprächen, was politisch gerade vor sich geht. Die Mutter, die ihr die Tanzkleider näht, beschwichtigt nur und hofft auf eine gute Partie für die Tochter.

Beinahe unmerklich lässt Jäckle einfließen, was Tamaras Mann, ein wohlhabender Geschäftsmann damals im Nationalsozialismus für Geschäfte machte. Überhaupt ist es Jäckles Sprache, die den Roman trägt, obgleich der Inhalt ebenso interessant ist. Denn die Autorin weiß, Spannung zu erzeugen gerade durch die leeren Stellen, durch das Nichterzählte und durch sprunghaften Wechsel von Gegenwart zu Verganenheit. Der Leser spürt den Überdruss und die Sinnlosigkeit, die Tamara empfindet, beinahe genauso stark. Im endlosen Wiederholen der Gedanken, des Tagesablaufs wird der Leser selbst eingeschlossen. Das ist Jäckles Verdienst.
Der Autorin ist mit ihrer konzentrierten, dichten Erzählweise ein sehr schönes eindringliches, wenngleich trauriges Porträt einer Frau gelungen, die Opfer ihrer Zeit wurde. Ich mag es sehr, Und ich bin ganz hingerissen von Otto Dix´Gemälde, es hält Tamara am Leben.

„Stillhalten“ erschien im Verlag Klöpfer & Meyer. Auf Vorsatzblatt vorne ist ein Foto des von Otto Dix gemalten Bildes und auf dem Vorsatzblatt hinten ein Foto von Tamara als Tänzerin. Eine Leseprobe gibt es hier .