Das Debüt 2017 – Bloggerpreis für Literatur

Favorit von Anfang an und mit fünf Punkten meine Gewinnerin ist Juliana Kálnay mit „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“:

Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten.

Kálnays kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von dessen seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird. Kálnays Roman erschien im Wagenbach Verlag.

Klaus Cäsar Zehrer erhält für sein Debüt „Das Genie“ von mir drei Punkte. Er liegt mit seinem vielschichtigen Roman nahe an Kálnay.
Zehrer schreibt handwerklich versiert und spannend, als würde er schon immer schreiben. Sprachexperimente macht er keine; das muss er bei dieser interessanten Story auch nicht. Fast würde ich „Das Genie“ als Pageturner bezeichnen. Was mich permanent zum weiterlesen trieb, war der Wunsch zu erfahren, wie es dem armen Billy, der von seinen Eltern, speziell von seinem mir ausgesprochen unsympathischen Vater Boris, von klein auf auf Genie getrimmt wurde und der außergewöhnlich begabt war, und dem gleichzeitig ohne eigenes Verschulden jegliche Empathie, Körperlichkeit und soziale Kompetenz fehlten, letztlich ergangen ist. Es ist wirklich lohnend zu lesen, wie Sidis versucht seine Einsamkeit zu überwinden und seinen eigenen Weg zum Glück und vor allem zur Freiheit zu finden, unabhängig von Berühmtheit und Besonderheit. Zudem gibt der Roman einen Einblick in die US-amerikanische Geschichte und die starke Entwicklung des Faches Psychologie dieser Zeit. Der Roman ist im Diogenes Verlag erschienen.
Zudem reizt es mich nun den Roman „Das perfekte Leben des William Sidis“ von Morten Brask, der etwas früher als Zehrers Roman erschienen ist, zu lesen, um zu sehen, wie verschiedene Autoren an diese ungewöhnliche wahre Biografie herangehen.

Einen Punkt erreicht Jovana Reisinger mit „Stillhalten“, einem Roman, bei dem ich immer noch nicht entschieden habe, ob ich ihn außergewöhnlich und großartig finde, oder ihn total ablehne. Reisingers provokanter Schreibstil scheint auch so angelegt. Gerade deshalb ist er allerdings auch noch auf Platz 3 gelandet. Es geht um die Befindlichkeit einer Frau, die sich einem althergebrachten Frauenbild unterordnet, sich daran misst, sich damit lächerlich und zugleich todunglücklich macht. Ob sie davon krank wird? Burnout? Depression? Jedenfalls schickt sie der Tod der Mutter in eine hübsch verdrängte Kindheit, die alles andere als gelungen scheint und irgendwann eben massiv hervorbricht. Der Roman spielt in Österreich, wobei mir auffällt, dass sich so einige österreichische Autorinnen in unterschiedlichster Weise dem „Frauenbild“ in der Gesellschaft widmen – die Nachkommen von Jelinek und Streeruwitz? Der Roman ist im Verbrecher Verlag erschienen.

Die anderen beiden Romane der Shortlist, „Immer ist alles schön“ von Julia Weber (das Beste daran sind für mich die Illustrationen der Autorin am Ende des Buches, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen) und „Oder Florida“ von Christian Bangel sind für mich sogleich herausgerutscht aus der Bewertung, da sie mich auf ganz unterschiedliche, ja fast gegensätzliche Weise, was sich sowohl auf Sprache, als auch auf Inhalt bezieht, so überhaupt nicht erreichten.

Herzlichen Dank dem Debüt-Team und den Verlagen für die Rezensionsexemplare!
Ich bin gespannt, wer diesmal den Preis erhält.

Meine eigentlichen Favoriten-Debüts in 2017 waren zwar auf der Longlist, haben es aber seltsamerweise nicht auf die Shortlist geschafft. Meine Besprechungen dazu:
„Die Königin schweigt“ von Laura Freudenthaler
„Liebwies“ von Irene Diwiak
„Wir leben hier seit wir geboren sind“ von Andreas Moster

Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens Wagenbach Verlag

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Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Ich war vor kurzem bei der Buchvorstellung in der Lettretage in Berlin und von da an war mir klar, dass das vollkommen gerechtfertigt ist. Nun nach der Lektüre ist es sicher: Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten. Sie erzählt an diesem Abend auch von der Herangehensweise ihres Schreibens und von den Stimmen, die sie dabei geprägt haben.

Kalnáys kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von ihren seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird.

Tatsächlich kann man sich diese Geschichte gut als Theaterinszenierung vorstellen, wie Hauke vom Blog Leseschatz schreibt.

Zudem ist es mehr als passend, dass ein solcher Text im wunderbaren Wagenbach Verlag seine literarische Heimat gefunden hat.