Judith Kuckart: Café der Unsichtbaren Dumont Verlag

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Ein neuer Roman von Judith Kuckart ist ein sicherer Ort! Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich bisher fast jeden ihrer Romane gelesen und gemocht. So auch diesmal. In „Café der Unsichtbaren“ geht es um die Unsichtbaren, die für ein Sorgentelefon arbeiten und den ebenso unsichtbaren Anrufern draußen am Telefonhörer lauschen. Zuhören, einfach zuhören, fragen, da sein und andererseits einfach jemanden zum Zuhören haben. Um Problemlösungen geht es hier nicht, nur um das Gefühl, nicht allein zu sein mit der eigenen Not.

„Irgendjemand musste es geben, der all diese Unglücklichen in den gleichen Regenmantel gesteckt hatte, an dem das Leben so schmerzlich abperlte.“

Berlin: Wir begleiten sieben grundverschiedene Menschen bei ihrer Arbeit für das Sorgentelefon. Alle haben zusammen eine zweijährige Ausbildung absolviert, um diese Tätigkeit ausüben zu können. Da ist Matthias, 45, Haustechniker, Emilia, 23, Bankangestellte, in die er sich verliebt, Rieke, die Theologie studiert und für die das Sorgentelefon eine Art Weiterbildung ist, Wanda, um die vierzig, die im Archiv des DDR-Museums arbeitet, Marianne, 55, die Buchhalterin, die mal etwas ganz anderes machen wollte, ehe sie sich verloren ging, Lorentz, der pensionierte Redakteur und als älteste Frau von Schley mit ihren achtzig Jahren. Sie ist auch die einzige Ich-Erzählerin in dieser Geschichte, die eigentlich aus vielen kleinen Episoden besteht, die sich auch in das Privatleben der Protagonisten ausdehnen. Unweigerlich, hängt ihre Tätigkeit, doch mit ihren speziellen Lebenserfahrungen eng zusammen. Wir Leser*innen beobachten, wie sich die Beziehungen der Mitarbeiter untereinander gestalten, verändern, wie sie sich beeinflussen, sich verhalten, wenn sie sich in der Dienstküche beim Kaffeeholen oder nach der Nachtschicht beim Frühstück  begegnen.

Gleichzeitig hören wir von den Menschen auf der anderen Seite des Telefons Geschichten, die traurig machen, zeugen sie doch von soviel Einsamkeit, von der Notwendigkeit einer Gemeinschaft. Besonders viele Anrufe erreichen die Seelsorger von Menschen aus dem Osten Deutschlands, was mich nicht verwundert. Spannend wird es auch, wenn Rieke am Telefon plötzlich erschrickt, weil sie glaubt der Teufel persönlich spräche mit ihr. Und wie reagiert man beispielsweise auf den Hilferuf eines Mannes, der sich als pädophil outet?

„Als Matthias sich vor vier Jahren für das Ehrenamt bei Sorgentelefon e. V. beworben hat, hat er nicht erwartet, dass der größte Teil der Anrufer arm, schon älter, einsam und oft aus jenem Teil des Landes sein würde den der Westen als ehemaligen Osten bezeichnet, so als würde es die Himmelsrichtung Osten seit 89 nicht mehr geben.“

Judith Kuckarts Roman ist vor allem ein Roman über die Zeit. Darüber wie Vergangenheit, Gegenwart und womöglich auch Zukunft auf gleicher Ebene, im gleichen Raum geschehen. Geschickt spielt sie mit den Zeiten. Geräusche, wie Vogelgesang und Düfte durchziehen den Roman und schaffen Sinnlichkeit. Immer wieder werden Erinnerungen oder Zukunftshoffnungen beschworen. Zugleich legt der Roman immer wieder den Blick auf Religiöses, auf die hohe Symbolkraft der Theologie; er spielt zudem passend an einem Osterwochenende von Gründonnerstag bis Ostermontag. (Also großartig geeignet als Lektüre fürs kommende Wochenende)

So treffen sich am Ostersonntag die Nothelfer zum Osterfrühstück bei Lorentz in der Frankfurter Allee. Hier zeigt sich auch, wie sich Freundschaften, gar Beziehungen untereinander gebildet haben und wie brüchig diese dann andererseits wieder sind, weil die Vergangenheit winkt oder der Alltag im Jetzt auch allein schwer genug ist. Doch Sehnsucht haben sie alle. Immer noch und immer wieder.

„Doch sind ihm wie mir jene Gespräche die bedrückendsten, bei denen man sehr allein, aber doch an beiden Enden der Leitung gleichzeitig sitzt, weil der Anruf klingt, als käme er von einem selbst.“

Ich freue mich sehr über Judith Kuckarts reiche bildhafte Sprache. Man merkt, dass sie auch fürs Theater  arbeitet, Choreographien auch fürs Tanztheater macht. Im Buch finden sich außerdem Bezüge zu Shakespeare-Stücken. Großartig sind viele erfindungsreiche, manchmal auch etwas verrückte Wortverbindungen wie: „saß der Abend gegenüber auf dem Haus“ oder „ein Haus, das wie ein Kindermädchen aussah“ oder „durch das innere Wäldchen des Alters laufe(n) …“ oder „seinen Nachnamen bei der Vorstellung weggemurmelt hatte“. Ich hatte das Gefühl, das angenehm wenig passiert in diesem Roman und gleichzeitig auf einer tieferen Ebene ganz viel. Fazit: Roman wieder gelungen!

Das Buch erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein wirklich schönes Interview mit Judith Kuckart auf dem „Blauen Sofa“ hänge ich hier an:
https://www.zdf.de/kultur/das-blaue-sofa/kuckart-blaues-sofa-leipzig-18-03-2022-100.html

Weitere Besprechungen von Judith Kuckarts Romanen hier auf dem Blog:

Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter Dumont Verlag

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen Hanser Verlag

Seit „Eileen“ und „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ bin ich großer Fan von Ottessa Moshfegh. Deshalb freute ich mich sehr auf den neuen Roman, der nun nicht mehr im Liebeskind Verlag erschien, wie seine Vorgänger. Zunächst war ich allerdings etwas enttäuscht. Mir erschien die Art der Sprache, der ganze Duktus anders als vorher. Ich dachte, vielleicht liegt es an der Übersetzung. Doch es war die gleiche Übersetzerin, Anke Caroline Burger. Ich las weiter und langsam aber sicher sprang der Funke über. Denn auch die Tiefe der Geschichte zeigt sich erst in ihrer fortdauernden Entwicklung. Ab der Hälfte war ich dann gespannt wie ein Flitzebogen. (Inzwischen weiß ich, dass das Buch bereits vor den beiden oben genannten erschien, vielleicht erklärt das meine anfängliche Zögerlichkeit). Und als ich das Buch zuklappte, war ich wieder höchst beeindruckt, was die Autorin da mit ihren Lesern macht. Vor allem nun auch gerade in der Vielfalt ihrer Figuren der einzelnen Romane. Das ist sehr gekonnt, immer wieder andere Charaktere vollkommen überzeugend und immer einzigartig in ihrer Seltsamheit und Verlorenheit wirken zu lassen.

„Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“

So beginnt die Geschichte um Vesta und ihren Hund Charlie, die gerade in ein kleines einsam am See in Levant, Maine, USA gelegenes Holzhaus gezogen ist. Auf einem ihrer Spaziergänge durch die nahen Wälder findet sie einen Zettel mit diesen Worten. Nun könnte man dieses Zettel einfach liegenlassen und ignorieren und weiter spazieren. Doch das macht Vesta nicht. Sie nimmt den Zettel mit und beginnt zu rätseln. Vesta ist nach dem Tod ihres Mannes ans andere Ende des Landes gezogen und lebt sparsam und zurückgezogen mit dem geliebten Hund Charlie. Sie begegnet kaum anderen Menschen und ist auch froh darum. Umso mehr erschüttert sie diese Botschaft. Sie fühlt sich angesprochen und verpflichtet der Sache nachzugehen. Zunächst überlegt sie wer hinter dem Namen Magda stecken könnte. Dann versucht sie die wenigen Menschen, die sie in der Umgebung kennt, ihre Nachbarn, die Leute aus dem Supermarkt, sogar den unangenehmen Polizisten, damit in Verbindung zu bringen. Sie fährt zur Recherche in die kleine Stadtbücherei, weil sie im Haus kein Internet, ja nicht mal Telefon hat. Je mehr Zeit sie in diesen scheinbaren Hilferuf investiert, je stärker sie sich als Aufklärerin des Mordes an Magda identifiziert, desto undurchsichtiger werden die Geschehnisse für uns Leser/innen. 

Zwischendurch erfahren wir von Vestas Ehemann, der alles andere als liebevoll und zugewandt war, sondern ein regelrechter Macho, Tyrann und Ehebrecher. Wir lesen über die lieblose Kindheit in der italienischen Auswandererfamilie und den Versuch des Aufstiegs durch die Heirat, die vom Regen in die Traufe führt. Wir lesen, wie befreit sie sich nach der langen Pflege durch den Tod des Mannes fühlte. Wir lesen aber auch von der Einsamkeit einer alten Frau, die selbst am Essen sparen muss und deren Hund ihr einziger Vertrauter ist. Als Charlie dann eines Tages verschwindet, bricht die ganze Trauer aus ihr heraus.

„Und dann dachte ich an meine Einsamkeit, an den näher rückenden Tod, dass mich niemand kannte, dass mein Tod niemandem nahegehen würde. Ich dachte an meine seit Langem tote Eltern, wie wenig Liebe sie mir geschenkt hatten. Ich dachte an Walter mit seinen widerlich nachsichtigen Zärtlichkeiten. Selbst wenn er liebevoll zu mir sein wollte, bevormundete er mich und behandelte mich von oben herab. Ich war noch nie richtig geliebt worden.“

Sowieso passieren im Laufe der Geschichte allerlei seltsame Dinge. Die im Garten ausgesäten gerade gekeimten Pflänzchen wurden über Nacht ausgebuddelt, von Weitem vom See aus sieht es aus, als wären Leute im Inneren des Hauses, der Polizist verhält sich noch sonderbarer als sonst und bei einem unangekündigten Besuch bei den Nachbarn, bei denen ein Fest stattfindet, fällt Vesta aus unerfindlichen Gründen in tiefe Ohnmacht. Im Verlauf der Geschichte ist auch nicht mehr so klar, ob das alles in Wirklichkeit passiert oder in Vestas Fantasie oder gar durch ein allzu sehr gereiztes Nervenkostüm. Möge jede Leserin selbst erkunden, ob die Geschehnisse sich wirklich so zugetragen haben. Ich kann das Buch jedenfalls sehr empfehlen. Ein Leuchten!

„Der Tod in ihren Händen“ erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 
 
 

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde Rowohlt Verlag

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„Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

Bereits damals mit ihrem ersten Erzählband „Melancholie der Ankunft“ hat mir Jhumpa Lahiris Schreibstil gefallen. Es folgten weitere Erzählungen und die Romane „Der Namensvetter“, „Einmal im Leben“ und „Das Tiefland“. Im Jahr 2000 erhielt sie den Pulitzer-Preis. Die 1967 in London geborene Autorin mit bengalischen Wurzeln verliebte sich in die italienische Sprache, zog mit ihrer Familie nach Rom und schrieb schließlich diesen Roman in Italienisch. Bewundernswert schon deshalb. Aber vorrangig wegen des eigenwilligen Inhalts.

Waren ihre bisherigen Bücher oft geprägt von ihrer bengalischen Herkunft und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne, so geht es in „Wo ich mich finde“ um eine namenlose, in einer nicht namentlich genannten italienischen Großstadt allein lebende Frau, die sich vor einem Ortswechsel zunächst scheut. Lahiri erzählt in kurzen Kapiteln, die immer die Überschrift des Schauplatzes tragen, von den scheinbar unspektakulären alltäglichen Erlebnissen ihrer Hauptfigur. Ich möchte sie Heldin nennen, denn sie schafft es den Blick konzentriert auf die kleinen Begebenheiten zu werfen, ja, die Dinge überhaupt wahrzunehmen. Mitte 40 ist sie, ohne Familie, Single und genau dieses Alleinsein ist es auch, das den Blick der Wahrnehmung schärft. Allein bekommt man viel mehr mit, kann getrost die Anderen beobachten, Geschichten spinnen, Schwächen entlarven oder über die jeweilige Position sinnieren. Dass sie dabei nicht immer glücklich ist, sich mitunter einsam fühlt, sich danach sehnt, was andere haben, ist zutiefst menschlich und wird dann wieder relativiert durch die Tatsache, dass die anderen mit ihrem Leben auch nicht unbedingt zufriedener sind. Eine Überschrift heißt: Bei der Psychoanalytikerin.

„Bei jeder Sitzung sollte man etwas Positives erzählen. Aus meiner Kindheit kamen leider keine Anregungen dafür. Also sprach ich über den Balkon meiner Wohnung, wenn die Sonne darauf scheint, während ich frühstücke. Und ich erzählte ihr von dem Wohlgefühl, im Freien einen aufgewärmten Stift in die Hand zu nehmen und zwei Zeilen damit zu schreiben.“

Zudem hat sie etwas, was die anderen nicht haben. Etwas was womöglich nur aus einer Melancholie, aus dem Alleinsein entstehen kann. Sie kann schreiben und darin Zustände verwandeln, Umstände verändern. So lesen wir auch über die Eltern, die Schwierigkeiten und Brüche, die in deren Beziehung passierten und die Auswirkungen auf das spätere Leben der einzigen Tochter. Letztlich geht es um das Recht auf Selbstbestimmung. Auch der Buchtitel sagt genau, was zählt: die eigene Verortung.

„Es hat keinen Sinn, darauf zu beharren, denn es will ihr (Anm.: der Mutter) nicht in den Kopf, dass mir das Alleinsein auch eine gewisse Genugtuung verschafft. Trotz ihrer angeblichen Verbundenheit interessiert sie mein Standpunkt nicht, und darin liegt meine wahre Einsamkeit.“

Da ist die Liebe zum Theater in Erinnerung an den früh gestorbenen Vater. Aber auch der Zwang der selbst auferlegten Sparsamkeit, der längst nicht mehr sein müsste. Wir lesen, dass sie nie einen Ehemann hatte, aber mit diversen Ehemännern zusammen war.

„Bis eines Tages im April jemand bei mir klingelte. Ich dachte, er sei es. Doch es war eine andere Frau, die meinen Freund genauso gut kannte wie ich. Sie traf ihn an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Mit dieser Frau habe ich fast fünf Jahre lang denselben Mann geteilt.“

Auf nur 160 Seiten gelingt Jhumpa Lahiri ein sprachliches Meisterwerk. Die Bilder, die aus dieser feinen sensiblen Sprache aufsteigen, lassen mich mit der Heldin durch italienische Städte und Landschaften gehen. Ich erlebe den „Ferragosto“, wenn die Stadt sich leert, weil alle Bewohner in die Sommerfrische fahren, ich schmecke den „caffè“ und das „panino“ im quirligen Leben in der italienischen Bar an der Piazza. Ich darf aber auch eine Schicht tiefer gehen. Ich spüre, was in ihr vorgeht, spüre die Seele in allem, das so überreiche Innenleben und die Traurigkeit, die Melancholie, von der auch die Stadt geprägt ist an manchen Orten. Ich bin restlos eingenommen von dieser Literatur, die mir einen verzauberten Sommer-Sonntag geschenkt hat. Ein Herzensbuch! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Margit Knapp aus dem Italienischen übersetzt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung Liebeskind Verlag

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Nach „Eileen“ von Ottessa Moshfegh brauchte ich Nachschub. Es geschieht gar nicht so oft, dass ich von einem/r Autor/in alle Bücher lesen will. (Zuletzt war es Dag Solstad, der brillante norwegische Erzähler). Aber in Moshfeghs Bücher bin ich verliebt. Sie ist so eine brillante Erzählerin mit so einer eigenen Stimme und so abwechslungsreichen Themen, dass sie für mich wirklich die Entdeckung des Jahres ist.

In „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ habe ich mich enorm wohlgefühlt. Obwohl die Protagonistin alles andere als sympathisch, eher Antiheldin ist, wirkt sie auf mich zutiefst menschlich. In aller Verschrobenheit der Figuren, in aller Absurdität der Geschichten liegt so viel Wahrheit, und ja, so viel Gesellschaftskritik, die nicht auf den ersten Blick zu sehen ist. Wie schon in „Eileen“ ist es eine Figur, die es in der Wirklichkeit sicher häufiger gibt, nur will selbst niemand so sein. Dass die Autorin manches überspitzt darstellt, macht gerade den Reiz ihres Schreibens aus.

Diesmal erzählt sie von einer jungen Frau, die scheinbar alles hat was sie braucht. Ausreichend Geld, Schönheit, einen Job in einer angesagten Kunstgalerie, eine Wohnung in einer guten Gegend, ein hippes Leben in New York. Von ein auf den anderen Tag, gibt sie ihren Job auf und bleibt zuhause. Sie verlässt die Wohnung nur noch, um etwas zu Essen oder Kaffee zu holen. Sie will vor allem nur noch schlafen. Dass das ohne Hilfsmittel nicht funktioniert, merkt sie schnell und kontaktiert eine Psychotherapeutin, der sie so manche Befindlichkeit vorspielt. Und es gelingt: sie erhält unzählige Rezepte über diverse Schlaf- und Beruhigungsmittel. Die Gespräche mit der selbst höchst skurrilen Therapeutin Dr. Tuttle wiederholen sich einmal pro Monat.

„Aus ärztlicher Sicht muss ich Ihnen vom Bedienen schwerer Maschinen abraten – fahren Sie keine Sattelschlepper oder Schulbusse. Haben Sie es schon mit dem Infermiterol probiert?“

Zwischen den Schlafphasen der namenlosen Heldin erfahren wir etwas über deren Lebensumstände, die dann doch nicht immer so rosig waren. Kühles Elternhaus, früher Krebstod des Vaters, emotional abwesende alkohol- und tablettenabhängige Mutter, bald ebenfalls tot. Und zuletzt die Trennung von Trevor, einem Mann, der sie ausnutzte.

„Ich wollte mich auch am Gefühl der Verlassenheit festklammern, der Leere des Hauses, die mich daran erinnern sollte, dass es besser war, allein zu sein als umgeben von Menschen, die einen eigentlich lieben müssten, aber nicht dazu in der Lage waren.“

Während die Heldin ihre Medikamente durcheinander und in hoher Anzahl nimmt, wird sie nach dem Aufwachen gewahr, dass sie während des vermeintlichen Schlafs doch aktiv ist: auf einer Single-Seite chattet, in angesagten Clubs trinkt, mitunter horrende Rechnungen über Internet-Bestellungen erhält, Unmengen an Liefer-essen auf dem Tisch steht, etc. Ab und an bekommt sie Besuch von ihrer einzigen Freundin Reva, die ihre seltsame Verwandlung so gar nicht verstehen kann und sich sorgt. Doch für unsere Heldin ist sogar Reva nur ein Störfaktor. Reva selbst leidet an Magersucht und an dem Idealbild der toughen erfolgreichen hoch gestylten (aber mageren) jungen Frau. Dass unsere Heldin ihre Freundin doch mehr braucht, als sie denkt, merkt sie viel später erst.

„Ich setzte große Hoffnung auf das Ambien. Vier Ambien, dazu ein schöner Hustensaft, und ich wäre mindestens vier Stunden lang weg. „Denk positiv“, wie Reva immer sagte.“

Als eine Art Selbstfindungsprozeß, wenngleich sehr skurril und nicht unbedingt nachahmenswert, kann man diese Geschichte lesen. Die Heldin erkennt, dass alles was sie besitzt, nicht die Einsamkeit und innere Leere, vertreiben kann und versucht dieses Selbstexperiment. Denn um sich tatsächlich gänzlich von der äußeren Welt fernzuhalten, verbringt sie die letzten Monate tatsächlich nur im Tiefschlaf, der endlich Läuterung bringen soll. Wie und ob das gelingt, wird nicht verraten. Sicher ist jedoch, dass Moshfegh das Ende der Geschichte höchst gelungen konstruiert hat. Was ich bereits in „Eileen“ sehr zu schätzen wusste, ist ihr wirklich tiefschwarzer Humor, der seinesgleichen sucht. Ein Leuchten!

Der Roman der US-amerikanischen Autorin erschien im Liebeskind Verlag. Die wunderbare Übersetzung stammt von Anke Caroline Burger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar und stürze mich gleich in die Erzählungen im neuen Buch „Heimweh nach einer anderen Welt“. Besprechung folgt.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ottessa Moshfegh: Eileen btb Verlag

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Lange schon habe ich diese Autorin im Auge. Endlich habe ich nun nach Erscheinen des Taschenbuchs nach „Eileen“ gegriffen. Und bin sehr froh darüber. Ottessa Moshfeghs Stil ist so herrlich unverblümt, geschrieben ohne ein Blatt vor dem Mund, sehr ehrlich, mitunter zum Fremdschämen. Ich bin mir sicher, dass es Menschen wie die entzückende Antiheldin Eileen auch in der Wirklichkeit gibt, vielleicht öfter als man glaubt. Der raue Ton, die feine Selbstironie, sie passt so gut zum Schauplatz und zur Situation.

USA 1964, eine Kleinstadt in der Nähe von Boston: Die 24-jährige Eileen arbeitet in einem Gefängnis für jugendliche Straftäter. Ihr Vater, ein Polizist im Ruhestand ist Trinker, der mitunter Wahnvorstellungen hat. Durch ihn hat sie den Job bekommen. Um ihn kümmert sie sich notgedrungen, obwohl er sie extrem schlecht behandelt. Zuvor musste sie ihr Studium aufgeben, um die kranke Mutter zu pflegen, die schließlich starb. Eileen hat Minderwertigkeitsgefühle, wird ihr doch dauernd gespiegelt, dass sie nichts wert ist, zu nichts taugt. Für eine 24-jährige ist sie sehr naiv, hat keine Freundinnen, geschweige denn einen Freund. Dafür schwärmt sie für Randy, einen Gefängniswärter, dem sie sich aber nur ihn ihrer Fantasie, in ihren Tagträumereien nähert und regelmäßig vor seinem Haus heimlich beobachtet. Ihr Job ist langweilig und anspruchslos und sie malt sich aus, das alles bald hinter sich zu lassen und abzuhauen.

„Alles, was populär oder in Mode war, verstärkte nur mein Gefühl von Einsamkeit. Ich wollte nichts davon wissen, dann konnte ich wenigstens so tun, als hätte ich mir dieses Leben selbst ausgesucht.“

Wie Moshfegh ihre Hauptprotagonistin schildert ist extrem gut gemacht. Sie dringt tief in deren Psyche ein und arbeitet jedes intime Detail aus. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird das Ausmass der Schrecknisse, desto tiefer tun sich die Abgründe auf.

„Ich war melancholisch veranlagt, könnte man sagen. Launisch. Aber ich glaube, durch und durch herzlos war ich nicht. Wäre ich in eine andere Familie hineingeboren worden, wäre ich vielleicht als ganz normaler Mensch aufgewachsen.“

So erleben wir, dass Eileen in einem Feldbett auf dem Dachboden schläft, kaum etwas isst oder sich sehr schlecht ernährt. Ihre Verstopfung bekämpft sie mit reichlich Abführmitteln. Zu dieser Essstörung kommt dazu, dass auch sie dem Alkohol zugetan ist und beinahe genau so viel verträgt wie der Vater. Befremdlich auch, dass sie die altbackenen Kleider ihrer Mutter aufträgt und die Schuhe ihres Vaters wegsperrt, damit er nicht auf Sauftouren gehen kann. Mitunter denkt sie auch über Suizid nach.

„Aber ganz ehrlich: Selbst in diesen dunkelsten Augenblicken war die Vorstellung, dass jemand meinen nackten Leichnam untersuchen würde, schlimm genug, um mich am Leben zu halten. So sehr schämte ich mich meines Körpers.“

Eileen beginnt aufzublühen, als sie eine neue Kollegin bekommt. Eine hübsche, bewundernswert selbstbewusste Rothaarige, die sich ausgerechnet für Eileen zu interessieren scheint. Sogleich fängt diese an, Rebecca anzuhimmeln. Eileen ist so bedürftig, dass sie die Zuwendung so überhöht und glaubt, von nun an ändere sich ihr Leben komplett. Sogar Randy ist plötzlich uninteressant geworden.

Als Rebecca sie für den Heiligabend (Eileen hasst die Heile-Welt-Familienweihnachtsfeiern) zu sich nach Hause einlädt, schwebt sie im 7. Himmel. Doch alles kommt ganz anders, als sie es sich ausmalt …

„Eileen“ erschien im Liebeskind Verlag und als Taschenbuch bei btb. Großartig übersetzt hat es Anke Caroline Burger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Han Kang: Deine kalten Hände Aufbau Verlag

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„Als H. viele Jahre später fragte, warum ich Abdrücke von Menschen nähme, wusste ich nichts zu erwidern. Hätte sie etwas geschickter gefragt, wie ich dazu gekommen war, hätte ich vielleicht reagieren können.“

Wie schon mit dem ungewöhnlichen Roman „Die Vegetarierin“, mit dem die südkoreanische Autorin Han Kang Aufsehen erregte, taucht sie nun wieder in eine Welt der Sinnlichkeit, der Körperbefindlichkeiten ein. Es ist erstaunlich, wie diese junge Autorin es schafft enorme Tiefe in all ihre Texte zu bringen und das bei großer inhaltlicher Vielfalt. Zugrunde liegt diesem Roman die Suche nach der Wahrheit, nach dem was hinter den Masken der Menschen zu finden ist. Der Roman erschien im Original wesentlich früher als die beiden anderen, die in Deutsch erschienen.

Die Geschichte spielt in Seoul und der erste von drei Teilen in der Stadt Gwangju, deren historische Ereignisse bereits die Hauptrolle in Han Kangs Roman „Menschenwerk“ spielten. Diese Geschichte ist allerdings in der Gegenwart verortet und erzählt von dem Bildhauer Unhyong, dessen Werk von Körperinszenierungen der besonderen Art durchdrungen ist.

Der erste Teil handelt ganz von der Kindheit und Jugend des Bildhauers. Scharf beobachtet der kleine Junge schon, wie selbst seine eigenen Eltern hinter ihren Masken leben. Selten sieht und erlebt er sie ungeschützt. Zwei Erlebnisse prägen die Kindheit: Zum einen der alkoholsüchtige Onkel, dessen Hand leicht deformiert ist und die deshalb große Faszination auf das Kind ausübt. Zum zweiten ist es die Züchtigung und das Verhalten des Vaters, als die Familie ihn beschuldigt, Geld entwendet zu haben. Sich selbst versucht der Junge hinter seinen dicken Brillengläsern zu verstecken:

„Ich versteckte meine Unruhe hinter meiner Brille und ging in mein Zimmer.“

oder

„Die bittere Abscheu versteckte ich hinter meinen Brillengläsern.“

Er merkt schnell, dass es im Leben nicht ums Echtsein geht, sondern um die Leistung, um das, was man tut, nicht was man ist. In diesem Bewusstsein, dass keiner sich wirklich zeigt, wächst der Junge als Außenseiter heran, wird, weil ein Lehrer seine Begabung entdeckt, Kunststudent, aber ein recht einsamer Mensch.

Im zweiten Teil „Die heilige Hand“ lernt der Künstler eine junge Frau, nur L. genannt, kennen. An ihr, die stark übergewichtig ist, findet er zunächst vor allem ihre Hände faszinierend. Er wird sie abformen und in Gips zu Kunst machen. Mehr und mehr vertraut sich L. ihm an, erzählt ihm ihre Geschichte und wird sein Ganzkörpermodell und auch er beginnt sich zu öffnen. Sie werden ein Liebespaar, doch nicht auf Dauer. Als er L. nach vielen Monaten nach ihrer Trennung wieder begegnet, ist sie schlank, leidet aber unter Bulimie und ist psychisch labil. Es geht ihr schlechter als zuvor. Da sie ihre Bleibe verliert, zieht sie zu ihm ins Atelier. Er unterstützt sie, wo er kann. Doch auch das ist nicht von Dauer, denn als ihr Geliebter, dem zuliebe sie sich dünn gehungert hatte, sich wieder meldet, verschwindet sie erneut. Unhyong zieht sich enttäuscht fast ganz von der Welt zurück, kann kaum mehr arbeiten.

„Ich hatte die Bildhauerei als Berufung angenommen und war nun über dreißig Jahre alt. Aber das allein befähigte mich natürlich nicht dazu, Schönheit zu erkennen. Als schön empfand ich, was mich elektrisierte. Ich wurde dann hellwach, das Blut pulsierte schneller in meinen Adern und manchmal stiegen mir Tränen in die Augen. Was mich auf diese Weise berührte, unterschied sich vom Schönheitsempfinden der anderen. (…) Was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie womöglich nicht in Kontakt kommen wollten.“

Im dritten Teil, sehr bezeichnend „Maskenball“ genannt, lernt Unhyong eine Innenarchitektin kennen, E., deren kühle Ausstrahlung schwer zu durchschauen ist, die ihn aber gerade deshalb interessiert. Er verliebt sich in sie. Als er eines Tages fragt, ob sie ihm ihr Gesicht als Modell zum Abformen zur Verfügung stellen würde, willigt sie schließlich ein. Diese Entscheidung führt für beide zu ungeahnten weiteren Entscheidungen, die sie schließlich dazu zwingen, nach langem inneren und äußeren Kampf voreinander ihre Masken fallen zu lassen. Möglicherweise ist dies der Beginn einer tieferen Ebene ihrer Geschichte …

„Deine kalten Hände“ ist ein faszinierendes, teils erschreckendes Buch. Einzig in seiner Art, die menschlichen Masken zu durchdringen und den Spiegel vorzuhalten. Wer sind wir wirklich, wenn wir uns nicht mehr geschützt von unseren Alltagsmasken befinden, wenn wir verletzlich werden? Werden wir dann noch gewollt und geliebt? Sprachlich ist es absolut gelungen, wenngleich die Story minimal hinter ihren beiden vorher erschienen Romanen zurücksteht.

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Übersetzt aus dem Koreanischen wurde es von Kyong-Hae Flügel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nataliya Deleva: Übersehen eta Verlag

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Wer kennt das nicht? Man sitzt im Cafe, richtet sich ein, zieht das Buch aus der Tasche und wartet. Einen Kaffee will man trinken. Endlich … Doch es kommt niemand, der die Bestellung aufnimmt. Die Kellner wuseln durch den Raum, doch man wird übersehen.      „Übersehen“ heißt auch der Roman der Bulgarin Nataliya Deleva. Doch hier bedeutet Übersehen werden etwas Anderes, etwas Größeres, Überlebenswichtiges. Gerade erschienen ist dieser Debütroman, der mich mit seinen ersten Sätzen sofort ergriff:

„Unsichtbare Menschen sind überall um uns herum. In der Bahn, auf der Straße, im Wohnblock, im Laden, in der Schule, auf der Arbeit, seltener in Nachtclubs, aber auch dort tauchen sie ab und zu auf. Sie gehen in der Menge auf und beobachten die Leute ringsumher mit ihren traurigen, unsichtbaren Augen. Doch weil sie unsichtbar sind, bemerkt sie niemand.“

Deleva porträtiert Menschen, die wir überall finden könnten, wären sie nicht  in unseren Augen unsichtbar. Es geht um Außenseiter, um Zurückgelassene, um Einsamkeit und Sehnsucht. Ihre Geschichte beginnt sie mit einem fiktiven Dialog zwischen Mutter und kleiner Tochter. Ein Dialog, den eine Tochter sich ausdachte, weil sie wünschte, es hätte ihn gegeben. Doch die Mutter war nicht da. Es gab nur das Heim, die anderen Kinder und die Betreuerinnen. Auch wenn an Besuchstagen Paare kamen, die sich ein Kind aussuchen wollten, sich ein Adoptivkind wünschten, fiel deren Blick nie auf die verlassene Tochter. So entstand das Gefühl, des Übersehenwerdens, so wurde das kleine Mädchen unsichtbar.

„Ich frage mich, ob die Mütter ins Heim kommen, um einen von uns zu retten, oder weil sie Rettung für sich selbst suchen.“

Geschickt schildert die Autorin auf Nebenwegen, was Unsichtbarkeit bedeutet. In Zwischenkapiteln tauchen aus den unterschiedlichsten Gründen Übersehene auf. Nicht von ungefähr sind es oft Mädchen oder Frauen. Wie der Begriff der Unsichtbarkeit auf künstlerische Art bereits in Galerien Einzug fand, beschreibt Deleva. Leere Leinwände, ungefilmte Filme, ungespielte Musik. Alles als Anregung, die Leerräume mit dem Eigenen, mit Phantasie auszufüllen. Oder das Experiment: Was passiert, wenn sich zwei Menschen vier Minuten lang nur in die Augen schauen (man denke an Marina Abramovic). Oder, haarsträubend, die App, mit der man Eltern und Bekannten vorspielen kann, man hätte eine/n feste/n Partner/in.

Diese Phantasie, vielmehr dieses Improvisationsvermögen der Übersehenen erfährt eine kuriose Steigerung, wenn sich beispielsweise ein Straßenjunge auf die Suche nach einer neuen Niere für die im Krankenhaus liegende Mutter macht und in einer Fleischerei landet. Wenn eine Frau an Elektroschocktherapie denkt, um ihre Traumata vergessen zu machen. Wenn eine Mutter in ihrem zweitgeborenen Sohn die zuvor bei einem Verkehrsunfall getötete Tochter reinkarniert glaubt und der Sohn leidet. Wenn zwei Frauen ihre gleichgeschlechtliche Liebe lieber im Geheimen leben, weil sie sonst angepöbelt werden. Und wenn eine dieser Frauen ein Mädchen aus dem Heim, das sie lieb gewinnt, nicht adoptieren darf, weil das Gesetz so etwas nicht vorsieht.

Die Heldin des Buches, und so nenne ich sie hier bei dieser Lektüre besonders gerne, schafft es ihre eigenen Traumata zu heilen oder zumindest zu lindern, indem sie sich um Kinder kümmert, denen es ähnlich erging wie ihr selbst und ihnen so gut es geht beisteht und ihnen Freude bereitet. So gibt es zwischen den oft sehr traurigen Kapiteln doch auch Momente des Trostes. In diesem Buch geht es um Nähe, um das Bedürfnis nach Nähe und den Verlust von Nähe im Übersehenwerden. Es ist ein Plädoyer für die Abschaffung der Unsichtbarkeit durch Fürsorge, Mitgefühl und Menschlichkeit.
Ein unübersehbares Leuchten für dieses intensive Buch!

Die Übersetzerin aus dem Bulgarischen ist Elvira Bormann-Nassonowa. Der eta Verlag ist ein kleiner unabhängiger Verlag mit Sitz in Berlin, der südosteuropäische, vorwiegend bulgarische Literatur verlegt. Es gibt viel zu entdecken. Unter anderem einen Gedichtband von Georgi Gospodinov, der durch einen Roman und Erzählungen im deutschsprachigen Raum bereits etwas bekannter ist.

Céline Minard: Das große Spiel Matthes & Seitz Verlag

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„Die einzige Grenze ist der Tod.“

Anfangs erinnerte mich Minards Roman in manchen Szenen an „Gehen“ von Tomas Espedal. Es ist ein Buch, dass von einer Herausforderung erzählt, vom Leben in Extremen, exzessiv und intensiv, von der Fortbewegung und irgendwie auch von der Suche nach dem Sinn.

Unter den neuartigen Begriff des Nature Writing könnte man das Buch stellen, wobei es auch ein Humans Writing ist. Denn Minard taucht auf dem Umweg über die Natur, in das Aushalten des Alleinseins, in ihr eigenes Ich ein. Und das ziemlich bewundernswert. Dieses sich vollkommen der Einsamkeit aussetzen ist ziemlich mutig. Dabei überschreitet ihre Protagonistin Grenzen, wenn sie allein auf gefährlichen Klettersteigen an Steilwänden hängt oder über dreißig Stunden am Stück im selbst angelegten Garten arbeitet, weil sie das Zeitgefühl völlig verliert und erst an der eigenen Erschöpfung merkt, dass es Zeit ist für eine Ruhepause.

„Identität ist kein Zustand, sondern ein aktives Handeln. Und das Leben: ein Zustand oder aktives Handeln? Lebendig sein.“

Minard hatte eine ungewöhnliche Idee und erzählt eine außergewöhnliche Geschichte. Irgendwo in den französischen Bergen auf 2800 m Höhe stellt ihre Protagonistin auf gekauftem Land eine kleine Behausung auf, die nur das allernötigste bietet. Sie versucht sich dort selbst zu versorgen. Einziger Luxus ist das mitgebrachte Cello. Von dort aus plant sie ihre Streifzüge durch die Bergwelt. Sie begibt sich allein auf Wanderungen ja Klettertouren und scheut kein Risiko. So wie Minard das beschreibt, was sie erlebt, hört es sich oft nach anderen Bewusstseinszuständen, nach tiefen Verbundenheitsgefühlen an. Mit der Natur. Mit Gott oder wie auch immer man es nennen will, mit etwas Größerem. Immer wieder stellt sie sich und damit auch dem/r Leser/in existenzielle Fragen.

„Ich verstehe >betrachten was kommt, sich damit begnügen< als einen Akt der Weisheit. Die urteilsfreie Beschreibung ohne Neigung ist vielleicht die einzig notwendige Disziplin. Wofür? Um die Welt zu empfangen.“

Was dann passiert, als das Fremde in Form einer nicht klar benennbaren Person in ihre Idylle, in ihr Reich eindringt, ist schon ein wenig gruselig. Ist es echt oder Einbildung? Die Seele einer Verstorbenen? Ein Guru? Eine Abgesandte des Göttlichen? Oder ist das eigene Fremde, dass in uns allen wohnt gemeint? Die dunkle, die unbekannte Seite?

Mit der Zeit hat die Erzählerin vor allem mit den Wetterwidrigkeiten zu kämpfen. Alles wird klamm, die Behausung, die Kleider. Unmut kommt auf. „Jetzt kannst du loswettern“. Auch ein heftiges Gewitter – die Naturgewalten zwingen sie in die Knie, doch sie gibt nicht auf. Sät, erntet, sammelt Holzvorräte. Irgendwann befindet sie sich in einem Höhenrausch oder ist es ein alkoholischer, ein Drogentrip? Oder ist es die Essenz der Existenz, die sie erlebt, die Verbindung mit allem, das All-eins-sein, die Transzendenz? Dabei ist dies alles sogar nur die Vorbereitung auf das wirkliche „Große Spiel“.

Und dann der wunderbare Abschlußsatz, der mir irgendwie sehr gefällt, denn das Leben ist ein großes Spiel:

„Wie könnte einer die Welt empfangen, der sich nicht selbst zum Einsatz des Spiels macht?“

Ein Buch, dass aus Fragen besteht, sehr essentiellen, philosophischen, spirituellen. Die Antworten darf man bei sich während und nach der Lektüre mitsuchen … Ein Leuchten!

Céline Minards Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz und wurde von Nathalie Mälzer aus dem Französischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere spannende Besprechungen dazu gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf Poesierausch.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.