Neue Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2021

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Meine vier Favoriten:

Auf Ulrich Kochs neuen Lyrikband freue ich mich sehr. Er ist ein, wenngleich unerreichbares, Vorbild für mein eigenes Schreiben. Geniale Kostproben gibt es immer wieder auf Facebook. „Diese Gedichte sind groß, groß genug für Gegensätze und Selbstwidersprüche, und sie nehmen sich zurück, als hätten sie sich gekürzt. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn das Ich – »Ein Niemand / Unvergessen« – gestrichen ist.“ (aus dem Vorschautext). „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“ erscheint am 27.8.21 beim Jung und Jung Verlag.

Levin Westermann hat mich mit seinem letzten Gedichtband sehr begeistert. „Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts.“ (aus dem Vorschautext).  „farbe komm dunkel“ erscheint am 26.8.21 im Matthes & Seitz Verlag.

Ich bin Fan von Lutz Seilers Texten, sei es Prosa oder Lyrik. Sein neuer Band heißt  „schrift für blinde riesen“. „Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Erscheinungstermin ist der 16.8.21, wie immer im Suhrkamp Verlag.

Der Debütband „dekarnation“ von Eva Maria Leuenberger hat mich bereits fasziniert und ich bin sehr gespannt auf  „kyung“.  Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk.“ (aus dem Vorschautext) Der Band ist bereits erschienen am 25.6.21 im Literaturverlag Droschl.

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Ron Winklers Bände stehen fast alle in meinem Buchregal. Sein neuer Band trägt den Titel „Magma in den Dingen“. „Ron Winkler untersucht in seinem neuen Band, wie die Sprache in der Bewegung ihre Fließgeschwindigkeit verändert. Unermüdlich sind Winklers Gedichte dem »strapaziösen Schönen« auf der Spur, tragen sie die überraschenden Überschüsse dessen nach, was der Fall ist.“ (aus dem Vorschautext). Der Band erscheint am 20.7.21 im Schöffling Verlag.

Birgit Kreipes neuer Lyrikband aire“ ist gerade bei Kookbooks erschienen. „Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung.“ (aus dem Vorschautext). ET 28.6.21

Herausgegeben von beiden, von Birgit Kreipe und Ron Winkler erscheint eine Anthologie über Märchen im Gedicht: „Rote Spindel Schwarze Kreide“.  Es überrascht nicht, dass Märchen auch die Poesie inspirieren. Es überrascht eher, dass märchenhafte Lyrik bisher nicht in dieser Form zusammengekommen ist. Dabei sind sich beide Genres äußerst nah. Am Wunderbaren rühren, die eigene Zeit verwandeln oder hinterfragen, vertuschen und verblüffen, es mit dem Unergründlichen aufnehmen: Das können Märchen, können Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Ab 13.9.21 bei Edition Azur/Voland Quist.

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ARTK_CT0_9783446270800_0001 (1).jpg ÄpfelARTK_CT0_9783446270831_0001 (1).jpg verbrechen9783328601661_Cover.jpg doggerland

Die Gedichte der jungen albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanakus fielen mir schon in der Anthologie „Grand Tour“ positiv auf.  Nun erscheint der Band Die Stadt der Äpfel im Hanser Verlag. „Luljeta Lleshanaku gehört zu den prägendsten Stimmen der neuen Lyrik Osteuropas. In jungen Jahren erlebte sie den politischen Umbruch in Albanien, jene plötzliche Beschleunigung der Zeit, die ihrer Generation eine Welt ohne Anker und Zukunft hinterließ. Lleshanakus Gedichte sind von großer Unmittelbarkeit und Melancholie gezeichnet.“ (aus dem Vorschautext) ET 27.9.21

Ronya Othmann, die bereits beim Gertrud Kolmar-Preis den Förderpreis erhielt, bringt nun nach ihrem Debütroman auch einen Gedichtband heraus. „Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart: „wir werden die detonation rückwärts lesen.““ (aus dem Vorschautext)  „Die Verbrechen“ erscheint am 25.10.21 im Hanser Verlag.

Den Hauptpreis beim Gertrud Kolmar-Preis erhielt Ulrike Draesner mit ihrem Gedichtzyklus  „doggerland“ „Oszillierend zwischen Deutsch und Englisch, zwischen gebundener und freier Rede, wirft Draesners bereits vor der Veröffentlichung preisgekröntes Gedicht einen Blick zurück: vom immer wahrscheinlicheren Ende des Holozäns zu unseren Anfängen. Eine bewegende, von jahrhundertealten, meist männlichen Vorstellungen befreite lyrische Suche nach unseren Wurzeln.“ (Vorschautext) Der Band erscheint am 4.10.21 im Penguin Verlag.

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9783945832462.jpg frau20210624_130415158214244945771143.jpgDas Kettenkarussell

Die 1982 in Syrien geborene Rasha Habbal ist bereits an dem wunderbaren Projekt „Weiterschreiben“ beteiligt. „Rasha Habbals Gedichte machen sich verletzlich. Sie sind immer intim, aber nie privat – immer alltäglich, aber nie belanglos. Szenen und Situationen projiziert Habbal auf den Hintergrund ihrer Entstehung: die syrische Revolution von 2011, den Bürgerkrieg, das Leben in Deutschland. Die Geschehnisse gewinnen aber nicht die Oberhand über das Gewöhnliche, das eine umso größere Symbolkraft entfaltet.“ (aus dem Vorschautext) „Die letzte Frau“ erscheint am 1.9.21. im Verlagshaus Berlin.

Bei Kookbooks erscheint der neue Band des Lyrikers Farhad Showghi. „Ich entwerfe ein Sprechen. Und komme zum Erzählgedicht. Was geschieht, wenn ich sage: Genaugenommen verlasse ich das Haus und die Ortschaft. Die Ort-schaft. Die Silbe schaft beschäftigt mich. Und ich will jetzt einen Zuruf suchen, mit einem mundfernen Sprechgefühl, mir indes einen Namen machen, einen Namen, der von sich aus nichts tut, keiner Anweisung folgt, eher Lautfolge bleibt.“ (O-Ton Showghi in der Vorschau)  „Anlegestellen für Helligkeiten“ erscheint im Oktober 21.

Neue Gedichte der Georgierin Bela Chekurishvili sind bereits am 13.7.21 erschienen. Der Gedichtband heißt „Das Kettenkarussell und erschien beim Wunderhorn Verlag. „Die neuen Gedichte von Bela Chekurishvili haben ihre Ankerpunkte in der Kindheit. Sie rückt umso mehr in den Blick, je länger und je weiter sich die georgische Dichterin aus ihrer Heimat entfernt hat. Die Gedichte Bela Chekurishvilis holen die Ferne heran, mit den uralten Mitteln der Poesie.“ (Text aus der Verlagsvorschau).

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20210711_131959147890374588268838.jpgSchmutzfleck Cover[10237]Scale.jpg Safak

Zwei interessante Lyrikbände erscheinen Mitte September im Elif Verlag. Zum einen ein weiterer Band aus Island, diesmal „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg, wieder zweisprachig und übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason. Eine Empfehlung vom Verleger selbst ist der Band „Schmutzfleck“ von Seyyidhan Kömürcü. 

Şafak Sarıçiçeks neuester Gedichtband scheint mir inhaltlich sehr spannend: „Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere.“ (aus dem Vorschautext)  „Im Sandmoor ein Android“erschien bereits am 14.7.21 beim Quintus Verlag.

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Titelfoto: Constanze Matthes

 

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im friseursalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Ein neuer Band der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir ist im Elif Verlag erschienen. „das kleingedruckte“ schließt in seinem Inhalt fast direkt an den vorherigen Band „Freiheit“ an und ist zweisprachig. Die 1958 geborenen Lyrikerin, die auch Krankenpflegerin ist, ist in ihrer Heimat bestens bekannt und wurde mit verschiedenen Preisen für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre Themen sind Gesellschaftskritik, Frauenrechte und der Blick auf die Veränderungen diesbezüglich im eigenen Land. Der Band ist schön gestaltet, mit durchbrochenem Schutzumschlag, der das kleingedruckte durch zwei Lupen deutlich erkennen lässt. Tatsächlich sind auch alle Gedichte in Kleinbuchstaben gedruckt. 

So startet der neue Band mit einem Zyklus, der den „Bergfrauen“ gewidmet ist. Es ist Tradition am isländischen Nationalfeiertag, dass eine Frau im Bergfrauenkleid ein Gedicht vorliest. (Es gibt also nicht nur Amanda Gormans „The hill we climb). 2018 wurde Vilhjálmsdóttirs Gedichtzyklus gelesen, in dem sie alle Frauen, nicht auf einen Sockel, sondern gleich stellt.

nach
einem halben jahrhundert
blutigen kampfs
das zerbrechliche selbstbildnis
innerhalb einer akzeptablen fehlerspanne aufrecht zu erhalten

kann ich behaupten
dass frauen wie ich
immer noch unbekannte größen sind

Es kommt dann ein Zyklus, der sich sowohl übergeordnet mit der Rolle der Frau beschäftigt, aber eben auch direkt die eigenen persönlichen Erlebnisse dazu mit einbezieht: der ewige Kampf um Gleichstellung, die Reduzierung auf Äußerlichkeiten, die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft.

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
dass es mit der scham eine ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

Im Zyklus „Manchmal fühle ich mich wie …“ versetzt sich die Dichterin in die Lage, derer, die es schwer haben und leiden müssen. Sei es der alte Mensch, den keiner mehr wahrnimmt, das Pelztier im Versuchslabor, die Frau im Pflegeberuf.

Im dritten Zyklus geht es um die Herrschenden, um (korrupte?)Politiker und es geht um Macht(missbrauch) und Männlichkeit. Hier wird Vilhjálmsdóttir sehr direkt in ihrer Wortwahl zu konkreten Ereignissen.

Zu guter Letzt zeigt uns die Autorin Bilder aus der eigenen Familiengeschichte; es geht um die Frauengenerationen. 

bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
unserer vorfahrinnen

wie
wegweiser oder steinwarten
aus den schmelzenden Gletschern ragen

Die Großmutter aus armen Verhältnissen, die 10 Kinder gebar, von denen nicht alle überlebten, die Wolle spinnt für die Enkel, den getrockneten Fisch zubereitet und im Nylonkittel zur Putzstelle geht. Die Mutter, die mit 15 Jahren von der Schule abgehen musste und „im Fisch“ arbeitet. Und dann Linda selbst …

Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichte sind alle sehr bodenständig, direkt und kraftvoll. Es sind keine Gedichte, die man nur mit bestimmtem Vorwissen versteht. Sie sind auch für Kaum-Lyrikleser bestens geeignet. Mir fehlte bisweilen das Geheimnis, das Zwischen den Zeilen, das für mich unbedingt zu einem Gedicht dazugehört. Das fand ich dann aber in der ergänzenden Lektüre, die ich sehr empfehlen kann: Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat in der Ausgabe 280 ein längeres Kapitel der isländischen Lyrik/Kurzprosa gewidmet und einige der Gedichte haben mich eingefangen:

Hier finden sich etwa auch Gedichte von Fríða Ísberg, die demnächst ebenfalls im Elif Verlag erscheinen werden. Schon der Titel lockt: Lederjackenwetter (siehe Gedicht Foto oben). Ebenso Foto oben: Gedichte von Dagur Hjartarson und Steinunn Sigurðardóttir. Auch von Ragnar Helgi Ólafsson finden sich Texte (Besprechung seines Lyrikbandes „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden“ hier). Diese vielen wunderbaren Veröffentlichungen verdanken wir vor allem auch dem Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason, das auch bereits den Band „Freiheit“ und diverse andere Bände übersetzte. Wolfgang Schiffer bringt auf seinem Blog Wortspiele auch immer wieder die isländische Literatur in den Fokus. Es lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Alle Bände isländischer Autoren, die im Elif Verlag erschienen finden sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hüseyin Yurtdas: Der Verkrochene Elif Verlag

In „Der Verkrochene“ klagt ein Ich über sich selbst. Wehleidig, wütend, resigniert, gleichgültig, bitter, vermutlich auch ziemlich traumatisiert. Gleich eingangs erfahren wir, dass der „Verkrochene“ offenbar gar nicht erwünscht ist in der Familie, in die er hinein geboren wird, eine angesehene türkische Familie, wie sich im Verlauf herauslesen lässt. Die Mutter verweigert ihm die Brust, vom Großvater setzt es Prügel. Der Schwester des Ichs geht es da wesentlich besser; sie wird wie eine Prinzessin behandelt. Der männliche Protagonist erhält keinerlei Rückhalt, bekommt kein gutes Selbstwertgefühl mit und kein Handwerkszeug fürs weitere Leben.

„Was ist Liebe letztendlich? Das, was ich von meiner Familie nicht erfahren habe? Die gläserne Galerie. Ich versuche heute die Liebe ganz neu zu erschaffen. Leidend wie ein Hund.
Lachen Sie wenigstens ein bisschen? Seien Sie doch nicht ganz so ernst. Sie dürfen meine Anstrengungen mit einem Lachen belohnen.“

Er sitzt einsam in der Wohnung oder manchmal im Teehaus. Er sieht das Leben um ihn herum, nur er selbst scheint kein Leben zu führen. Langeweile, Frust, Selbsthass. Kurze prägnante Sätze zeigen die ganze Tragik in ein paar Worten. Grübeleien, philosophische Fragen, die im endlosen Nichts verdampfen …  Er, der sich selbst Idiot schimpft, war immerhin Student; doch er lebte mit einem Kommilitonen in einer Kellerwohnung und empfand nur Leere. Freunde gibt es fast keine. Einmal wird ein Nachbar, ein Malerpoet, genannt, dem er zuhört, wenn er von seiner Arbeit erzählt.

Es gibt Momente, in denen alles passt, in denen Möglichkeiten aufscheinen, Möglichkeiten, die nicht soo abwegig sind. Doch dann kommen wieder die Selbstzweifel. Ist der Protagonist wütend, äußert sich das bisweilen auch in einer recht derben Erzählart. Ein andermal erzählt er uns, dass er aus dem Adel stammt, dass er aber nicht die richtige (Haut?)Farbe besitze.

„Wie kann ein vernünftiger Mensch, der die Wahrheit liebt, in dieser Welt leben? Es ist unmöglich aufzusteigen. Wie windet man sich von unterhalb der Erde zum weiten Himmelszelt hinauf? Durch Wahnsinn? So ein Mensch wird keine Freunde haben. Und einen Vertrauten auf keinen Fall. Voll Zorn wird er sich erheben und sich schlafen legen. Er muss sich jeden Tag aufs Neue überreden, bereit zu sein. Um ein falsches Leben zu ertragen.“

Zwischendurch kommen kurze Kapitel, die sich lesen als wären es Träume oder Wachphantasien. Oder ist er doch verrückt? Durchgedreht? Ein Pessimist? Ein Menschenfeind? Niemals wird ganz klar, was unser Held für ein Mensch ist. Spielt er mit uns ein Spiel? Oft bezeichnet er sich selbst als Lügner, als Schauspieler, ja Gaukler. Macht er uns etwas vor? Hält er uns mitunter gar den Spiegel vor? Ist er der unzuverlässigste Erzähler der Welt? Vielleicht ist er aber auch einer, der mit ungewöhnlichen Mitteln den Zustand unserer Gesellschaft reflektiert und mit philosophischen Mitteln überdenkt. Und auch wenn der Erzähler immer wieder die Leserin direkt anspricht, ob sie nicht genervt sei, langsam genug hätte, ist sie das nicht. Im Gegenteil: Ich habe dieses 120 Seiten zählende Buch gern gelesen und den Autor mitunter sehr gut verstanden …

Hüseyin Yurtdas, 1978 in München geboren, lebt in Istanbul, wo er auch Sozialpsychologie studierte, was sicher auch den Roman geprägt hat. Barbara Yurtdas übersetzte das Buch. Es erschien im Elif Verlag, den ich generell für schöne Entdeckungen empfehle. Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens Elif Verlag

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Ragnar Helgi Ólafssons zweites in deutscher Sprache erschienenes Buch beinhaltet 13 mal kurze mal längere Geschichten, die einen an die eigenen Erinnerungen denken lassen und daran wie wenig zuverlässig unser Gedächtnis ist, aber auch wie erfinderisch. Mitunter verdrehen sie einem die Gedanken so, dass man schwer jeder einzelnen Behauptung hinterherdenken kann. Manchmal fragt man sich, ob man nicht doch noch Philosophie oder zumindest die gängigen Experten studieren sollte.

Die erste Geschichte, „Der Fluchtversuch“ ist mir die liebste, zeigt sie doch, wie schwierig es ist, sich zwischen Wunsch/Zukunft und Realität/Gegenwart zu entscheiden. Es ist das typische: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Oder in diesem Fall: Lieber Lakritze im Mund, als ein Busticket in die Unsicherheit.

Manche der Geschichten kann mich nicht genug fesseln oder ich verstehe sie schlichtweg nicht. Manche regen mich zum Nachdenken und Rumspinnen an und entbinden mich von der (gerade ungeliebten) Realität (ihr wisst weshalb). Dazu die Frage, die in einer Geschichte aufgeworfen wird, ob man wirklich ohne Erinnerungen, mit Amnesie leichter und vor allem freier leben könnte: Schwer vorstellbar.

Die längste Erzählung im Buch ist eigentlich ein Brief, der womöglich nie gelesen wird, wie der Schreiber vermutet. Dies hindert ihn aber nicht, in großer Weitschweifigkeit eine einzige Frage seiner Ex-Geliebten zu beantworten. Dabei werden von Byron bis Shelley, von Pessoa bis zur griechischen Mythologie alle Register gezogen.

“ … und mir klar wurde, dass man erstmal etwas vergessen haben muss, um sich daran erinnern zu können: Um etwas noch mal wachrufen zu können, muss es erst vergessen worden sein, zumindest für einen Augenblick.“

Die Geschichte „Funes der Jüngere„, die in der argentinischen Nationalbibliothek spielt, (womöglich eine Hommage an Borges‘ Bibliothek von Babel) gefällt mir nach der ersten am Besten. Hier geht es um eine besondere Begabung: sich alles merken zu können, ein fotografisches Gedächtnis zu haben. Was allerdings in diesem Fall zu massiven Einschränkungen führt.

„Erinnerungen müssen unklar sein. Sonst können sie nicht von der Wirklichkeit unterschieden werden. Sind sie eine vollkommen exakte Kopie von der Welt oder des Erlebnisses, dann gibt es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Erinnerung. Dann wird das Sicherinnern an ein Ereignis das Gleiche sein, wie es zu erleben, und das Sicherinnern, etwas erinnert zu haben, das Gleiche, wie sich daran zu erinnern, was wiederum nicht von dem unterschieden werden kann, was man erlebt.“

Der Isländer Ragnar Helgi Ólafsson ist Schriftsteller, Künstler, Musiker, Verleger und Grafikdesigner. Seine Vielfalt zeigt sich auch hier in diesen Geschichten wieder, denn es geht immer um alles oder nichts, um die Alltäglichkeiten und die Besonderheiten, um Ausgedachtes und Umgedachtes, um Realität und um Trugbilder. Empfehlen möchte ich dazu auch gleich noch den zuvor erschienenen Lyrikband „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“, den ich noch lieber gelesen und hier auf dem Blog auch schon ausführlich vorgestellt habe (Foto siehe oben)

Der Autor hat das im Elif Verlag erschienene Buch mit dem erwähnenswert schönen Cover selbst gestaltet. Das bewährte Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jan Thor Gislason haben diesen Band aus dem Isländischen übertragen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Sätze & Schätze.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Knut Ødegård: Die Zeit ist gekommen Elif Verlag

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Rechtzeitig zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Ehrengast Norwegen erschien im Elif Verlag die erste Übersetzung eines Lyrikbands von Knut Ødegård ins Deutsche. Åse Birkenheier hat dies meisterhaft geschafft. Der Dichter ist in seiner Heimat sehr bekannt und erhielt zahlreiche Preise für sein lyrisches Werk.

Diese Lyrik erzählt. Sie beschäftigt sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart  und einer möglichen Zukunft. Es sind keine verrätselten Gedichte, sondern glasklare in ihrer Direktheit. Eindeutige Aussagen werden von poetischen Zeilen umspült. Das liest sich, als würde man auf einem Boot sitzen, von Wellen bewegt, mal mehr, mal weniger heftig.

Mutter

Ich habe eine Mutter in blauem Mantel.

Sie nimmt meine Hand, ich bin
klein, ich habe Angst, sie
führt mich.

Ihr Mantel ist
mit Sternen übersät.
Der Schnee ist sehr tief
hier, wo wir gehen, auf der nicht geräumten
Milchstraße: Sie
und ich.

Ødegårds Gedicht über Zeit, gleich das erste im Band, welches auch den Titel des Buches vorgibt, ist von unglaublicher Eleganz. Was im nächsten Kapitel folgt, sind eigentlich beinahe Fließtexte, die Geschichten erzählen. Man darf sie dennoch Gedichte nennen, so voller Poesie sind sie. Ødegård hat sich durchweg schwierige Themen auferlegt, die es einem nicht leicht machen. Vielleicht ist aber dies der einzig machbare Weg, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie in eine poetische Form zu bringen, sie sozusagen zu umschließen und in ihrer Brüchigkeit zusammenzuhalten.

Ob der Dichter von der Großtante schreibt, die noch Jahrzehnte nach dem Krieg an einem Schal für den (gefallenen) Sohn strickt,

„Saß da
im Dachgeschoss und schaukelte auf und ab, ab
und auf im schwarzen Schaukelstuhl
mit so langen Kufen, dass die schimmelweißen Locken
in Tantes bakteriengelben Kopf mit roten Geschwüren
manchmal Stern berührten, ferne Spiralgalaxien
im endlosen Raum des Himmels,
und manchmal den gierigen Humusmund der Erde,
der von unten schnappte.“

ob vom Kirchendiener, der sich um die kleinen Ministrantenbuben „kümmert“, oder ob er von dem psychisch kranken Lars erzählt, der mit Elektroschocks und einer Lobotomie „behandelt“ wird, es sind erschütternde Zeugnisse der Vergangenheit.

Ein weiteres wichtiges Thema ist das Altern. Hier lese ich sehr anmutige, berührende Verse über den uns allen bevorstehenden Alterungsprozess und das Glück, jemanden an der Seite zu wissen.

„Ein wenig schief kehren wir heim
vom Spaziergang an diesem Sonntag, wir beide. Du
und ich. Und langsam
streiche ich dir übers Haar, das
noch vor kurzem durchs Universum
flog: Du, noch vor kurzem ein kleines Mädchen
auf einer Schaukel.“

Ergänzt wird dieser Teil durch weitere, wie ich finde, sehr schwere Gedichte. Den längeren Zyklus „Nieselregen“ am Ende des Bandes kann ich fast nicht ertragen. Er erzählt von einer Apokalypse der Menschheit. Hier werden Menschen wieder zutiefst unmenschlich, werden zu Monstern, hier stürzt die Welt wieder ins Chaos. Nicht umsonst werden hier auch Zeilen aus der „Edda“ zitiert. Und hier trifft es wirklich zu: Die Zeit ist gekommen.

Ødegårds Gedichte sind schonungslos, aber oft klingt für mich etwas Höheres durch die Zeilen. Es ist viel vom Universum die Rede und das ist womöglich im Blick des Dichters (oder der Leserin?) auch ein spiritueller Raum. Vielleicht kommen wir dem alle näher, wenn sich unser Dasein gen Ende neigt, vielleicht werden wir alle uns erst dann des Todes bewusster …

Der Lyrikband des 1945 in Norwegen geborenen, teils in Island lebenden Knut Ødegård erschien im kleinen feinen Elif Verlag , auf dessen Programm es lohnt, einen Blick zu werfen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

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Erneut und nun schon zum dritten Mal, kommt ein Lyrikband aus Island im Elif Verlag heraus. Die Zusammenarbeit des Verlegers Dincer Gücyeter mit Übersetzer Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason trägt reiche Früchte. Wieder ist er ganz anders gestaltet, als die beiden Vorgänger. Es ist der letzte Band, der von Sigurður Pálsson veröffentlicht wurde. Er starb 2017. Posthum wurde sein Band für den „Preis des nordischen Rats“ nominiert. Auch zuvor wurde der Dichter bereits mit Preisen geehrt. Interessant an Pálssons Biografie ist, dass der 1948 geborene in Frankreich die Sprache und Literatur studierte, auch die Studentenunruhen 1968 miterlebte, und später zurück in Island neben seiner Dichtertätigkeit und der Arbeit für Film und Radio, diverse literarische Werke vom Französischen ins Isländische übertrug.

Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Das erste Gedicht, welches mich beim Blättern in Bann zog, ist eines über das Schreiben. Es ist mir sehr nah, finden sich doch die Worte meiner eigenen Lyrik oft auf ganz ähnliche Art. Schattiges Glück heißt es und ist unten auch im Isländischen Original abgebildet.

Im ersten Teil finden sich kleine Aberwitzigkeiten, es findet sich Feuer und Glut, eine heitere Vielfarbigkeit, eine Neigung zur Farbe Weiß. Die Worte haben das Sagen, sind Lichter und Laternen und kommen auf ungewohnte aber äußerst wohlwollende Art und Weise. Und die Liebe gedeiht, fließt über die Insel und in Herzensdingen fallen die Worte weich und zart.

Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds.

„Während der Windhauch zum Balkon hoch glitt
fand er ein Buch soeben vom Leben geschrieben
er las es durch von Anfang bis Ende
und entbrannte vor Begeisterung
er fuhr durch alle Straßen
und erzählte den Leuten
was er gelesen hatte

Erzählte den Leuten
von dem großen Wunder

dass das Leben zeichnen und schreiben könne
und er könne lesen“

Dann kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Sie zeugen von einer gelebten Spiritualität, erinnern in mancher Schlichtheit an Haikus, an östliche Weisheiten, an die Verbindung zum Größeren, sei es die Natur, sei es etwas Göttliches. Ich lese eine genaue Wahrnehmung, eine Achtsamkeit, eine enorme Sinnlichkeit, eine Bewusstwerdung. Eine Letztendlichkeit.

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht

Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß

Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben
auf dem Tisch

Der, der am Tisch saß
ist verschwunden“

Mich begleiten Pálssons Gedichte herzlich tröstend. Er leuchtet mir durch die Tage und blinkt wie ein Leuchtturm in der Nacht. Mir scheint, die Isländischen Dichter haben eine Gabe, Tiefes und Dringliches in ihrer Lyrik auf eine angenehm natürliche Art zu vermitteln, die es einem leicht macht, sie zu mögen. Ich empfehle diesen Band sehr und weise auf zwei weitere isländische Lyriker/innen hin, ebenfalls im Elif Verlag erschienen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit Elif Verlag

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Auch in diesem Jahr kommt aus dem Elif Verlag, dessen kleines Programm immer beachtlicher wird, ein Lyrikband aus Island. Ganz eindeutig scheint die Zusammenarbeit  des engagierten Verlegers Dinçer Güçyeter mit Übersetzer und Islandexperte Wolfgang Schiffer reiche Früchte zu tragen.

„zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht“

Diesmal ist es Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, der in Island bereits im Jahr 2015 erschien und großen Erfolg hatte. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor.

Im ersten Teil geht es um das Weltliche. Wir und unsere Bequemlichkeit, unser Wohlstand. Das ist nicht spezifisch isländisch, das gilt generell für die westliche Welt. Es geht um das, was wir haben, um unseren Besitz, sei es der Gasgrill oder das Fitnessgerät.

„das ziel ist es in einer woche
mindestens fünfhundert gramm
menschlichen fetts zu verbrennen.

dazu pumpen wir
auf der veranda und rackern uns ab auf dem crossstepper
und auf dem laufband in der garage

auf diese weise werden wir
in kürze alle bedingungen erfüllt haben
zur auferstehung des fleisches“

Der zweite Teil führt uns ins heilige Land. Doch auch hier ist nicht mehr alles heilig. Hier kämpfen die Religionen um ihre Vorherrschaft, auch hier geht es nicht mehr um den Glauben allein, nicht ums Religiöse. Hier herrscht Fanatismus und wieder geht es um Besitz. Wem gehört das Land? Welche Religion ist die Richtige?

„jahrhundert um jahrhundert durch marmor und metall
durch synagogen moscheen mauerwerk
hinein in die zerrissenen herzen der muslime und der juden
von denen keiner von beiden zögert den sohn des anderen zu opfern
im krieg um das alleinige recht den vorfahren zu ehren
um das alleinige recht in frieden zu leben im heiligen land.“

Der dritte Teil erzählt von der verschwindenden Natur, der Politik des Konsums, der gesellschaftlichen Forderungen, wie wir sein und uns verhalten sollen, das Streben nach immer mehr, immer schneller, immer weiter …

„gut beraten
in andacht
der festansprache zu lauschen

über unverbrauchte ressourcen
ungefangene makrelen ungebändigte energie
unberührte weiden und unbegrenzte möglichkeiten

in andacht zuzuhören
wenn in den kiefern der minister der knisternde markt
zusammenfließt mit dem lukrativen krachen des schmelzenden eises
in nördlichen gebieten und sich das ende der bewohnten welt
in einen strudel neuer weltsicht wandelt.“

„Freiheit“ ist eine zweisprachige Ausgabe, aus dem Isländischen übertragen von
 Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Freiheit in schlichtem Karton mit japanischer Bindung. Mehr über Buch und Autorin findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Özlem Özgül Dündar: Gedanken zerren Elif Verlag

Özlem Özgül Dündar las beim diesjährigen Bachmannwettbewerb einen Text, den die Jury für preiswürdig hielt. Zurecht bekam sie den Kelag-Preis. Mehr über die Autorin, die Lesung und den Text findet man hier: https://bachmannpreis.orf.at/stories/2914730/

Ihre Lyrik steht, wie ich finde, auf einem ganz anderen Blatt. Sie fordert weit mehr heraus, ist sprachlich ganz anders und umfassender, tief und eigensinnig: Pro Seite ein im Blocksatz, mit dauernden Zeilenumbrüchen geschriebenes Gedicht. Durch einzeln stehende  Buchstaben wird der Leser immer wieder unterbrochen: Was mich zunächst nervt, dann aber durch verlangsamtes Lesen gewinnt. Gleichzeitig, falls das überhaupt geht, gewinnen die Zeilen eine unglaubliche Geschwindigkeit, atemlos, ein her und hin. Eine Suchbewegung. Ein Ausleuchten. Wohin? Woher?

„einen krampf um die  komp
osition machen zwei schritte
vorwärts u zwei rückwärts g
ehen eine schiefe beobachtu
ng hinstellen u um den geda
nken von glück u unglück k
reisen bis die perspektive die
augen schief hängen lässt d
…“

Alle Gedichte beziehen sich auf ein Selbst, auf ein lebendiges Wesen in seinem So-Sein. Das lyrische Ich stellt Fragen, stellt fest, erläutert. Begreift etwas körperliches, innen und außen. Die Wechselwirkungen beim Funktionieren, beim Stillstand, die Wunden und Brüche. Die jeweilige Haltung dazu. Die Gedanken, die zerren und nicht vorüber gleiten. Die Wolken, die Sturm bringen. Sprache, die stürmt und stammelt und Worte deutlich platziert, jedes muss da stehen, wo es steht und muss mitunter wiederholt werden. Ein Fluß, ein Strom, ein Er- und Übergießen. Und darin die Welt, die gesellschaftlichen Strukturen mit ihren Hinderungen und Grenzen und ein Du, ein beziehen auf. Das Du und Ich im Austausch, geistig und körperlich. Das durch Sprache zu einander finden. Auch Liebesgedichte, dringlich und durchdrungen vom schöpferischen Ausdruck. Bei mir war es Liebe auf den zweiten Blick …

Dündars Debüt-Lyrikband erschien im Elif Verlag, dessen Programm ich jedem Sprachfreund ans Herz legen möchte.

Lyrik in Farbe: Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt Elif Verlag/ Ron Winkler: Karten aus Gebieten Schöffling Verlag

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Kürzlich fiel mir auf, wie gut doch zwei meiner noch nicht vorgestellten Lyrikbände farblich harmonieren. Als ob es darauf ankäme! Dann hatte ich aber meinen Spaß daran, beide parallel zu lesen und stellte fest, wie unterschiedlich die Gedichte gearbeitet sind, wie stark die Stimmen sich voneinander unterscheiden und wie spannend also Lyrik sein kann, selbst wenn sie durchaus von ähnlichen Themen handelt. Eigentlich weist schon die zwar farblich ähnliche, ansonsten aber sehr unterschiedliche Gestaltung des Covers darauf hin. Zwei sehr eigene Schreibarten und dazu meine eigene Lesart. Und nun sollen beide zusammen hier ihren Platz finden. Mal sehen, ob das geht:

 


Dinçer Güçyeters neuer Gedichtband ist ein Schmuckstück, innen wie außen. Das Cover und die Bilder, ich nehme an, es sind bearbeitete Fotos, sind ornamental und organisch, oft collagenhaft. Dazwischen finden sich alte Fotos, Kinderzeichnungen, Handschriften etc., also Gegenständliches. Der Band enthält Dichtung, die durch das Leben geprägt ist, ein Leben mit Brüchen, wie ich vermute ein sehr intensives Leben. Es sind starke, archaische, oft auch sehr gefühlvolle Gedichte, nicht selten überraschend in ihrer direkten Wortwahl, ungeschönt, wie das Leben selbst. Man merkt dass der Dichter auch mit dem Schauspiel vertraut ist; es sind starke Inszenierungen dabei, kostümierte Szenen. Es wäre falsch, nicht zu erwähnen, dass als Hauptthema die Herkunft, die Familie, die kulturelle Prägung eine große Rolle spielt, ohne darauf reduziert zu sein. Es sind Erinnerungsgedichte, die gleichzeitig auch in die Zukunft blicken. Wenn ich ein Stichwort nennen sollte, würde ich „Leidenschaft“ oder auch „Hingabe“ sagen.

“ sei Schnitt, sei Schlitz, sei Wunde
heile dich mit eigenen Liedern
in der Röte des Morgenlichts
… mehr darf ich dir …
mehr will ich dir nicht sagen!
auf diesem vielschneidigen Weg ist vieles möglich
und falls du eines Tages nach mir suchen solltest
– was ich nicht hoffe –
der verlorene Dichter
geht immer noch auf den gleichen Strich … „

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Ganz anders bei Ron Winkler: Hier fällt mir sofort als Stichwort „kühle Tiefe“ ein. Das Coverbild ist eine abstrakte Malerei, die für mich wie eine kristallene Spiegelwelt im Bergwerk oder ein Diamantenschimmern erscheint. Innen gibt es nur eine kleine witzige Zeichnung mit „Grundstück für ein Gedicht“ betitelt, die es mir sehr angetan hat. Ich mag das, diese Annahme, dass ein Gedicht durchaus bodenständig und beheimatet ist und in eine Form gebracht werden mag. Passend dazu der Titel „Karten aus Gebieten“. Damit sind sicher Landkarten aber auch Ansichtskarten gemeint, die aus dem Werweisswo eintrudeln und Bericht erstatten – Gedichte aus der Ferne, aus Ländern, in denen man womöglich Landkarten braucht. Fremdes Terrain? Neue Einblicke? Der längste Gedichtzyklus bezieht sich auf den Titel und erforscht tatsächlich fremde Gegenden. Meist südliche. Viele schöne Einzeiler findet Winkler für den irischen Regen (siehe oben). Auch dabei: die Entdeckungen und Erkundungen in einer Beziehung, die aufzeigen, dass die Wege in der Welt dann so ganz anders aussehen und gegangen werden (können).

„Gleich nach der Ankunft gingen wir an Bord
des Besonderen.
Machten uns selbst zum Bereisten.
Die Lebenslinien haben wir
noch einmal lasern lassen.
Der Klang der Stimmen,
wenn man mit uns spricht, ist jetzt ein anderer.
Nicht mehr wie zu Kindern.“

Ich wage nun einfach zu behaupten, dass Winklers Gedichte zunächst über den Verstand aufgenommen werden und dann weiter ins Innere dringen, während Güçyeters Lyrik sogleich mit großer Wucht einschlägt ins Innere und dann erst sortiert wird. So zumindest erlebe ich es und mich erreichen beide, auf ihre Art. In ihrer Andersheit treffen beide offenbar an einem lyrischen Ort aufeinander. Wo, kann jeder selbst für sich beim lesen herausfinden …

„Aus Glut geschnitzt“ erschien im Elif Verlag. Dinçer Güçyeter ist Dichter, Schauspieler, Verleger und Herausgeber diverser Anthologien. Cover und Ausstattung von Ümit Kuzoluk und Fotos von Yavuz Arslan.
„Karten aus Gebieten“ erschien im Schöffling Verlag . Ron Winkler ist Lyriker und ebenfalls Herausgeber diverser Anthologien. Das Coverbild ist von Ivonne Dippmann.

Lyrik-Empfehlungen aus Luxemburg, Türkei, Norwegen und Dänemark

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auf licht gehen

auf licht gehen im auge
die gespiegelte welt
den herzwinkel auskleiden
mit randlosen blicken“

Ulrike Bail: Die Empfindlichkeit der LibelleUlrike Bail lebt in Luxemburg. Dort in der Editions Phi ist ihr Gedichtband „Die Empfindlichkeit der Libelle“ erschienen. So zart und filigran wirken Bails lyrische Gebilde, vielleicht weil sie so kurz sind. Und doch sind sie bei genauerem Betrachten pure Energie. Diese enorme Aussagekraft entsteht aus der Verdichtung: Kein überflüssiges Wort, kein Vers zu viel.  Ähnlich habe ich es bereits bei ihrem Lyrikband „sterbezettel“ erlebt.In diesem Bändchen steckt thematische Vielfalt, die sich meist um die Natur, die Tier- und Pflanzenwelt, dreht, aus der so viel Licht gezogen werden kann. Die Natur bewegt mit ihrer Einfachheit das Geschick des Menschen. Das komplexe Wesen Mensch im Spiegel der Natur. 

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„Steinige Gegend

Es war etwas früher,
Kühle gab ich der steinigen Gegend.

Ich kam bis an das Innere des Hauses,
an einem Tisch wurde ich zu Staub.

Aus unerfindlichen Gründen
kam ich gut auf diese Welt.

Es war Herbst,
ich war Wasser ohne Schatten.

Hättet ihr bei geöffnetem Fenster gefroren?
Wenn ich die Worte einen Spalt weiter aufmachte?“

 

Eine weitere Lyrikperle aus dem Elif Verlag ist der Band der türkischen Dichterin Gonca Özmen. Ihre Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Der Band ist zweisprachig und wurde von Monika Carbe aus dem Türkischen übertragen. Özmen schafft kühne Verskonstruktionen, immer in freier Form, die sich oft mit der Sprache selbst auseinandersetzen. Oft sind es Rufe nach dem Geliebten, oft entstehen vor dem Auge archaische Bilder oder aus dem Inneren hervor geholte Traumbilder, in denen große Sehnsucht steckt. Selten habe ich so nachdrückliche Verse, so kraftvolle Weiblichkeit, so starkes Verbundensein im Gedicht gelesen.

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Die Alten

Die Alten, die wieder sie selbst werden, langsam,
und sich auflösen, langsam,
wie ein Rauch, unmerklich gehen sie über
in Schlaf
und Licht.“

Rolf Jacobsen: Nachtoffen
Der Norweger Rolf Jacobsen (1907-1994) ist einer der wichtigsten Dichter seines Landes. Seine Texte spiegeln die Natur, die Abfolge der Jahreszeiten und doch auch die Zivilisation, das Leben in der Stadt und auf dem Land. Er erkannte die Armut und schrieb darüber. Für mich hat seine Lyrik auch mystische und spirituelle Anklänge, wie ich sie oft bei den nordischen Dichtern finde. Jacobsen hat einen tiefergehenden Blick für die Dinge, auch für die inneren. Vieles erschließt sich beim Eintauchen, beim Versinken in die Verse. Übersetzt hat Klaus Anders, der selbst Lyriker ist und unter anderem auch Kjartan Hatløy und Olaf H. Hauge übersetzte. Der schöne Band kommt aus der Edition Rugerup.

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Winterwarten
Für mich
trägt der Spätwinterbaum
noch immer sein Eiskleid,
sein Brautkleid, sein
Trauerkleid weiß“

 

Ebenfalls aus dem Meer schöpft Annegret Friedrichsen ihre Worte. Die 1961 in Schleswig-Holstein geborene Lyrikerin wuchs zweisprachig auf und lebt heute in Dänemark und schrieb ihre Gedichte in deutsch. Der Titel ihres Gedichtbands „Meer im Ohr“, erschienen im elbaol Verlag, sagt bereits viel über ihre Lyrik aus. Ihre Gedichte sind kleine Welten im Großen. Sie verbindet den Alltag mit den kleinen Wundern, die man nur sieht, wenn man aufmerksam ist. In ihren Versen bezieht sich oft ein Ich auf ein Du, sehnsuchtsvoll. Fast jedes Gedicht kann man als Liebesgedicht lesen, auch an die Sprache. Der Lyrikband ist wundervoll illustriert von der dänischen Künstlerin Toril Bækmark.

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