Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde Rowohlt Verlag

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„Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

Bereits damals mit ihrem ersten Erzählband „Melancholie der Ankunft“ hat mir Jhumpa Lahiris Schreibstil gefallen. Es folgten weitere Erzählungen und die Romane „Der Namensvetter“, „Einmal im Leben“ und „Das Tiefland“. Im Jahr 2000 erhielt sie den Pulitzer-Preis. Die 1967 in London geborene Autorin mit bengalischen Wurzeln verliebte sich in die italienische Sprache, zog mit ihrer Familie nach Rom und schrieb schließlich diesen Roman in Italienisch. Bewundernswert schon deshalb. Aber vorrangig wegen des eigenwilligen Inhalts.

Waren ihre bisherigen Bücher oft geprägt von ihrer bengalischen Herkunft und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne, so geht es in „Wo ich mich finde“ um eine namenlose, in einer nicht namentlich genannten italienischen Großstadt allein lebende Frau, die sich vor einem Ortswechsel zunächst scheut. Lahiri erzählt in kurzen Kapiteln, die immer die Überschrift des Schauplatzes tragen, von den scheinbar unspektakulären alltäglichen Erlebnissen ihrer Hauptfigur. Ich möchte sie Heldin nennen, denn sie schafft es den Blick konzentriert auf die kleinen Begebenheiten zu werfen, ja, die Dinge überhaupt wahrzunehmen. Mitte 40 ist sie, ohne Familie, Single und genau dieses Alleinsein ist es auch, das den Blick der Wahrnehmung schärft. Allein bekommt man viel mehr mit, kann getrost die Anderen beobachten, Geschichten spinnen, Schwächen entlarven oder über die jeweilige Position sinnieren. Dass sie dabei nicht immer glücklich ist, sich mitunter einsam fühlt, sich danach sehnt, was andere haben, ist zutiefst menschlich und wird dann wieder relativiert durch die Tatsache, dass die anderen mit ihrem Leben auch nicht unbedingt zufriedener sind. Eine Überschrift heißt: Bei der Psychoanalytikerin.

„Bei jeder Sitzung sollte man etwas Positives erzählen. Aus meiner Kindheit kamen leider keine Anregungen dafür. Also sprach ich über den Balkon meiner Wohnung, wenn die Sonne darauf scheint, während ich frühstücke. Und ich erzählte ihr von dem Wohlgefühl, im Freien einen aufgewärmten Stift in die Hand zu nehmen und zwei Zeilen damit zu schreiben.“

Zudem hat sie etwas, was die anderen nicht haben. Etwas was womöglich nur aus einer Melancholie, aus dem Alleinsein entstehen kann. Sie kann schreiben und darin Zustände verwandeln, Umstände verändern. So lesen wir auch über die Eltern, die Schwierigkeiten und Brüche, die in deren Beziehung passierten und die Auswirkungen auf das spätere Leben der einzigen Tochter. Letztlich geht es um das Recht auf Selbstbestimmung. Auch der Buchtitel sagt genau, was zählt: die eigene Verortung.

„Es hat keinen Sinn, darauf zu beharren, denn es will ihr (Anm.: der Mutter) nicht in den Kopf, dass mir das Alleinsein auch eine gewisse Genugtuung verschafft. Trotz ihrer angeblichen Verbundenheit interessiert sie mein Standpunkt nicht, und darin liegt meine wahre Einsamkeit.“

Da ist die Liebe zum Theater in Erinnerung an den früh gestorbenen Vater. Aber auch der Zwang der selbst auferlegten Sparsamkeit, der längst nicht mehr sein müsste. Wir lesen, dass sie nie einen Ehemann hatte, aber mit diversen Ehemännern zusammen war.

„Bis eines Tages im April jemand bei mir klingelte. Ich dachte, er sei es. Doch es war eine andere Frau, die meinen Freund genauso gut kannte wie ich. Sie traf ihn an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Mit dieser Frau habe ich fast fünf Jahre lang denselben Mann geteilt.“

Auf nur 160 Seiten gelingt Jhumpa Lahiri ein sprachliches Meisterwerk. Die Bilder, die aus dieser feinen sensiblen Sprache aufsteigen, lassen mich mit der Heldin durch italienische Städte und Landschaften gehen. Ich erlebe den „Ferragosto“, wenn die Stadt sich leert, weil alle Bewohner in die Sommerfrische fahren, ich schmecke den „caffè“ und das „panino“ im quirligen Leben in der italienischen Bar an der Piazza. Ich darf aber auch eine Schicht tiefer gehen. Ich spüre, was in ihr vorgeht, spüre die Seele in allem, das so überreiche Innenleben und die Traurigkeit, die Melancholie, von der auch die Stadt geprägt ist an manchen Orten. Ich bin restlos eingenommen von dieser Literatur, die mir einen verzauberten Sommer-Sonntag geschenkt hat. Ein Herzensbuch! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Margit Knapp aus dem Italienischen übersetzt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

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Lutz Seiler: Stern 111 Suhrkamp Verlag

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Mit seinem zweiten Roman hat der Lyriker und Prosaautor Lutz Seiler eine Art Fortsetzung seines grandiosen Romans „Kruso““ geschrieben, für den er 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Er ist womöglich sogar noch besser als dieser. War „Kruso“ ein Roman, der kurz vor der Wende überwiegend auf der kleinen Ostseeinsel Hiddensee, also in der ehemaligen DDR spielte, so ist diesmal Berlin der Hauptschauplatz und zwar ganz kurz nach der Grenzöffnung.

Der Mitte 20-jährige Carl Bischoff erhält von seinen Eltern ein Telegramm mit der Bitte sofort nach Hause zu kommen und so reist Carl von Halle nach Gera und fällt dort aus allen Wolken, als seine Eltern ihn informieren, dass sie in den „Westen“ gehen wollen. Der Vater übergibt Wohnungsschlüssel und den „heiligen“ Wagen, einen gepflegten Shiguli an den Sohn und dieser fährt die Eltern an den Grenzpunkt, von wo sie ins Erstaufnahmelager Gießen kommen.

Von diesem Punkt aus teilt Seiler seinen Roman in zwei Erzählstränge. Zum einen folgen wir Carl im Shiguli nach Berlin, zum anderen den Eltern, die im Westen sehr zielstrebig einem ganz bestimmten inneren Plan folgen, das Carl dann immer wieder das „Elterngeheimnis“ nennt.

„Meine Eltern sind verschollen, gleich nach Öffnung der Grenze, das heißt, ich bin jetzt allein und suche eine Höhle, nur für mich und mein Schreiben, für die Suche nach dem Übergang, genauer gesagt, die Passage in eine poetisches Dasein.“

Carl gelangt in Berlin durch Zufall in einen sehr speziellen Kreis, „Das Rudel“ genannt, oder die „Arbeiterguerilla“, die unter ihrem Anführer, des „Hirten“, verlassene Häuser besetzt. Carl, der ehemals Maurer gelernt hat, aber eigentlich nur Dichter werden will, engagiert sich gleich beim Ausbau des Kellers, der Versammlungsraum mit Ausschank werden soll. So gelangt er in alternative Künstlerkreise mit allerlei illustren Gestalten, skurrilen Begebenheiten und trifft schließlich auf Effi, seine angehimmelte Jugendliebe, inzwischen Kunststudentin. Auch Edgar und Kruso (aus dem Vorgängerroman) tauchen in kurzen Szenen auf. Carls Unruhe legt sich durch das Zugehörigkeitsgefühl und er schafft es immer wieder sein Ziel, ein poetisches Leben zu führen, im Fokus zu behalten. Es gibt eine erste Veröffentlichung, Anerkennung von einem Dichterkollegen namens Thomas Kunst (der keinem Lyrikleser unbekannt sein sollte), ein Verlag erbittet ein Manuskript, doch die Beziehung zu Effi ist nicht dauerhaft lebbar. Einer liebt immer mehr, in diesem Fall Carl.

Seiler erzählt hier möglicherweise aus seiner eigenen Geschichte. Die Assel, das Kellerlokal gab es damals wirklich, die besetzten Häuser im Prenzlauerberg zwischen Prenzlauer Allee und Monbijoupark gab es wirklich, die sich daraus entwickelnden Künstlerkreise gab es wirklich. Seiler erzählt von einer sich auflösenden Welt, einer Übergangswelt, von der man noch nicht weiß, wo es hingehen wird. Er erzählt von dem Versuch einer Gruppe von Menschen, die sich nicht dem Konsumkapitalismus ausliefern wollen, wie er allmählich aus dem Westen vordringt. Die Sprache, die der Autor hierfür findet ist eine enorm poetische. Es ist ein Eintauchen in die Tiefe und ein Beschwören der Worte, ein Be-schreiben der zweifelnden Innenschau eines angehenden Dichters.

„Die Vorstellung, sich dorthin zu retten, aus allem heraus in ein Jenseits der Poesie. (Um dann, irgendwann, von dort her wieder einzutreten in diese öde, armselige Welt, jedoch unangreifbar, geschützt, als hätte man in Drachenblut gebadet.“

Im zweiten Strang schafft er es, die Erlebnisse von Carls Eltern als DDR-Bürger in Westdeutschland so nah und berührend zu schildern, dass auch dieser Teil der Geschichte höchst lebendig wird. Egal ob Carls Vater als Experte Kurse für seltene Computersprachen gibt oder seine Mutter als Haushälterin und Putzfrau arbeitet, immer wird das Geld sofort gespart, immer ist das Ziel im Fokus. Carls Mutter ist diejenige, die über Briefe Kontakt zu ihm hält. Diese Briefe sind auch immer Ausgangspunkt für das Weitererzählen des „Elternstrangs“, der auch oft mit Kindheitserinnerungen Carls unterfüttert ist.

Das letzte Kapitel, das den Namen des Romans und den eines DDR-Kofferradiotyps trägt, führt Eltern und Sohn wieder zusammen und auch das Elterngeheimnis wird aufgelöst. Für Carl ist es eine Zeit des Erkenntnisgewinns, für Wachstum und Neuausrichtung.

„Sie hatten ihm das alles verschwiegen und eine Art Ersatzleben geführt. Ein gutes, passables, kein unglückliches jedenfalls, nur das erzwungene Leben. […] Auch in ihm war es verankert gewesen, das zweitbeste Leben. Es entsprach einem Grundgefühl seiner Kindheit: jemand oder etwas zu vertreten, nicht voll und ganz gemeint zu sein – nicht an sich, oder wie sollte man es sagen?“

Wie schon in Kruso gibt es auch in Stern 111 immer wieder kurze traumhafte, surreale Sequenzen, die man vergeblich zu greifen versucht und das ist auch gut so. Denn zum Beispiel die schwebende Ziege Dodo möchte ich keineswegs missen. Diese Art zu schreiben zeigt vielleicht auch, wie es sich anfühlt den Weg ins Poetendasein aufzuzeigen, denn auch in Gedichten geht es mitunter nicht mit rechten Dingen zu, bleiben Geheimnisse.

Lutz Seiler hat seine große Dichtkunst mit feiner Prosa versponnen und einen sprachlich und inhaltlich höchst gelungenen Roman geschrieben, der sehr verdient auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 erhalten hat. Sternenleuchten!

„Stern 111“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andreas Maier: Die Familie Suhrkamp Verlag

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Ein neuer Band der autobiografischen, auf 11 Bände angelegten Romanserie „Ortsumgehung“ des 1967 in Bad Nauheim geborenen Andreas Maier wird von mir immer freudig erwartet. Hier kann ich sicher sein, dass ich mich auf hohem Niveau amüsiere. Thomas Bernhard lässt grüßen – Maier schrieb seine Dissertation zu Bernhard. Zu meinen Besprechungen bereits gelesener Bände gelangt man durch Klick auf die Buchcover unten.

Nach sechs Bänden, in denen er das möglicherweise schwierigste „Kapitel“ nur umkreist, schlägt Maier diesmal, im siebten, zu: Es geht um die eigene Familie. Und in der Tat schlägt dieses Buch einen raueren Ton an. Es geht um die Verschwiegenheit der Nachkriegseltern, um den vermeintlichen inneren Zusammenhalt einer recht wohlhabenden Familie, um die Leichen im Keller, die wohl jede Familie hat und von denen Maier nun zum ersten Mal genauer erzählt. Seinem Erzählton meine ich anzumerken, dass dieses Buch auch eine Art Abrechnung mit den Eltern ist, zumindest zeigt er schonungslos die einzelnen Beziehungen der Mitglieder zueinander auf. Das klingt mitunter recht bissig. Sogar die Sprache erscheint mir weniger ausgefeilt als sonst. Vielleicht, weil das Thema dem Autor doch auch sehr nahe geht.

„Ich hatte als Kind das Bild: Immer wenn jemand eine Person von außen kennenlernt, beginnt die Entfremdung (wie bei den funktionalen Miterziehern). Alles, was von außen kommt, ist schädlich und gefährlich.“

Maier erzählt zunächst von einzelnen Familienmitgliedern, von Onkeln, von Geschwistern, den Eltern. Wichtig ist, wie immer in seinen Geschichten die Verortung. Maiers Familie lebt in der hessischen Wetterau, in der kleinen Stadt Friedberg. Die Eltern besitzen ein riesiges Grundstück, auf dem das neue Haus gebaut wurde, auf dem aber auch noch Reste der alten Firma der Großeltern, einem Steinmetzbetrieb, stehen, unter anderem eine zerfallende Wassermühle.

Die unter Denkmal stehende alte Mühle spielt dann auch die Hauptrolle in einem sich über Jahre hinziehenden Gerichtsprozess, der die Familie in den Ruin bringen könnte. Hier erlebt der Erzähler zum ersten Mal den Vater als unaufrichtige, janusköpfige Person, die er im Verlauf Avatar nennt. Von nun an, beginnt er die Entscheidungen und Aussagen der Eltern stärker zu hinterfragen. Wir kennen das alle: Als Kind scheint einem alles richtig, was Eltern einem erzählen – später wird man klüger.

„Als Kinder transzendierten wir den Horizont der Familie zunächst nicht, sondern wuchsen mit ihren Positionen auf.“

Das Familienoberhaupt ist Jurist mit einer guten Position und sehr konservativ. Als der ältere Bruder des Erzählers zusehends in linke Kreise gerät, hängt bald der Haussegen schief. Der Bruder lässt sich nicht beirren und macht so bald als möglich den Abgang nach Berlin. Die Schwester ist ebenfalls ein Sorgenkind. Sie heiratet einen Amerikaner, zieht mit ihm in die USA, bekommt Kinder, kehrt zurück, geht wieder weg, kehrt zurück, etc. pp. Und alles auf Kosten der Eltern.

Wie wir wissen, im letzten Roman „Die Universität“ wird ausführlich darüber erzählt, beginnt unser Held ein Studium in Frankfurt am Main und ist somit ebenfalls aus der Schusslinie der elterlichen Instanz.

Im zweiten Teil des Buches wird es nun wirklich brenzlig. Hier erfährt der Protagonist von der örtlichen Buchhändlerstochter (und Ex-Freundin) aus alten, wieder gefundenen Tage- und Meldebüchern, dass das Grundstück nicht schon ewig lange der Familie gehörte, wie es immer in den Erzählungen der Eltern hieß. Vielmehr ist es naheliegend, dass das Land enteignet wurde und die jüdische Besitzerin die Zeit des Nationalsozialismus nicht überlebte …

„Die Frage nach Parteimitgliedschaft mußte aus irgendwelchen düsteren Gründen bei meiner Mutter einen solchen Adrenalinausstoß verursachen, daß sich eine alles vernebelnde Wolke in ihrem Gehirn ausbreitete und sie nicht einmal merkte, daß sie mir das schon zehnmal erzählt hatte und ihr Wortlaut dabei immer exakt ein und derselbe war.“

Ziemlich erschüttert über dieses Nichtwissen, dieses Verschweigen der Eltern und Großeltern, fragt sich der Autor, was er hier eigentlich schreibt, wie naiv er tatsächlich bisher über die Geschichte, den Ort, die Geschehnisse in der Familie schrieb. Wie kann es nun weitergehen? Wie mit der plötzlich „neuen“ Vergangenheit schriftlich umgehen?

Im Zuge der Lektüre wurde mir klar, dass ich den Band „Das Haus“ auch noch einmal lesen wollte, da es hier genau um das Grundstück, den Hausbau und Einzug ging und um das Problemkind Andreas, dem es am besten ging, wenn er allein zuhause war. Zu wenig erinnerte ich noch von dem bereits vor Jahren Gelesenen. Das war in der Tat sinnvoll und ergänzte die Gedächtnislücken. Die Stimmung in diesem Band ließ mich sehr oft an meine eigene Kinderzeit denken (Ich wurde im selben Jahr geboren wie Maier). So sind alle Bände des Zyklus separat mit Gewinn lesbar, ergeben aber schließlich ein stimmiges Bild durch die komplette Lektüre. Da die einzelnen Bände sehr schmal sind, ist nichts einfacher als das. Mehr- und unbändiges Leuchten!

Alle Bände erschienen im Suhrkamp Verlag. Eine 10-Seiten-Lesung des Autors gibt es hier:

Eine weitere begeisterte Besprechung (von allen Bänden) gibt es beim Blog BooksterHRO.