Emmanuel Carrère: Yoga Matthes & Seitz Verlag

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„… und zuerst Pythagoras zitieren, der die Frage gestellt hat: >Wozu ist der Mensch auf Erden?< Antwort: >Um den Himmel zu betrachten.< Um den Himmel zu betrachten? Wenn das wahr ist, dann wissen es die meisten Menschen nicht.“

Dieses Zitat ist die Essenz, die ich aus dem neuen teils autobiographischen Roman von Emmanuel Carrère für mich herausziehe. „Yoga“ ist kein Ratgeber oder Mode-Yogabuch. Der französische Autor praktiziert seit 20 Jahren Yoga und beschäftigte sich auch mit der Philosophie dahinter. Denn Yoga beschränkt sich nicht auf die Asanas, die Körperübungen, die manche sogar als Sport verkaufen wollen. Yoga hat mit Sport überhaupt nichts zu tun, was ich aus eigener langer Erfahrung weiß. Spannend wird es nämlich erst, wenn man sich mit den weiteren Aspekten tiefer beschäftigt. Auch Carrère geht es um die philosophischen Ideen der östlichen Lehren. Er praktizierte lange Tai Chi und meditiert.

“ Die Atmung verändert sich. Die Gedanken verändern sich. Sie verändern sich, weil sich sowieso immer alles verändert, aber auch, weil man sie beobachtet. Beim Meditieren tut man nichts anderes und soll auch gar nichts anderes tun als zu beobachten. Man beobachtet das  Auftauchen von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen im Bewusstsein, und man beobachtet ihr Verschwinden. […] Man folgt ihrem Strom, ohne sich davon mitreißen zu lassen. Und dadurch, dass man genau das tut, verändert sich das Leben selbst.“

Der Roman ist in 3 Teile mit Kapiteln unterteilt. Der erste Teil des Buches wird von den oben genannten Erfahrungen bestimmt. Doch es geht um weit mehr. Es geht um das, was im Leben passiert, unabhängig von unseren Plänen, Vorstellungen und Hoffnungen.

Beim Einstieg in das Buch finden wir den Autor/Protagonisten auf dem Weg zu einem Schweige-Meditationsseminar, ein 10tägiger Kurs mit Vipassana Meditation, bei dem man sich bei strengem Tagesablauf vollkommen von der Außenwelt abschottet. Diese Erfahrungen sollen in ein geplantes Buchprojekt zum Thema Yoga einfließen. Bereits in diesem Kapitel, wie auch in den weiteren, erzählt Carrère immer wieder abschweifend kleine Geschichten in die eigentliche Handlung hinein: teilweise amüsante Episoden aus dem Alltag oder mit Mitmenschen oder auch Teile aus gelesenen Lektüren. Der erste Teil also, in dem wir vor allem aus dem Inneren und dem Denken des Helden erfahren, endet damit, dass er das Seminar bereits nach 4 Tagen beenden muss, da genau in dieser Zeit der terroristische Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo geschah. Ein Freund Carrères wird dabei getötet und er soll die Trauerrede halten.

Von da an gerät das Leben des Protagonisten mehr und mehr aus den Fugen. Die genauen Ursachen werden nicht auserzählt, sind aber bei psychischen Zusammenbrüchen ohnehin meist vielseitig. Er gerät zusehends in eine Depression, seine Gedanken kreisen – auch Suizidgedanken – das einzige, wozu er sich noch aufraffen kann, ist der Weg ins Stammcafé, um an seinem geplanten Buch zu arbeiten. Doch stattdessen sitzt er nur da und schafft es nicht mehr sich zu konzentrieren. Kurz drauf wird ein Psychiater eine Form einer bipolaren Störung diagnostizieren. Und dem Protagonisten wird klar, dass er endlich eine Erklärung für seine psychische Befindlichkeit hat, an der er schon länger schwer trägt.

„Die Sache ist: Ich bin krank, so krank, als hätte ich einen Schlaganfall gehabt oder eine Bauchfellentzündung, und deshalb legt man mich ins Bett und wird nach der geeigneten Medizin suchen, wobei man mir nicht verschweigt, dass diese Suche eher tastend verlaufen wird und man das Mittel, das mir hilft, wohl nicht gleich auf den ersten Griff finden wird …“

Verschiedene Medikamente und Therapien werden ausprobiert, doch nichts hilft dauerhaft. Die Ärzte gehen sogar soweit, es mit Elektrokonvulsionstherapie zu versuchen. Letztlich verbringt der Patient vier Monate in der Psychiatrie. Sehr interessant finde ich, dass Carrere um seine Konzentration und Merkfähigkeit zu trainieren, die bei Depressionen oft zu wünschen übrig lässt, später Gedichte auswendig lernt. Einige Kostproben sind auch abgedruckt.

Nach der Entlassung bei neu gewonnener Stabilität will er sich mit der Familie und mit Freunden auf der Insel Patmos erholen und wieder schreiben. Doch auch hier kommt es anders. Er hält das Zusammensein nur schwer aus und verlässt Hals über Kopf die Insel, um einer Bekannten auf der griechischen Insel Leros zu helfen. Frederica kümmert sich dort um unbegleitete Jugendliche (es ist die Flüchtlingswelle 2015). Hier verbringt er mehrere Monate und lebt in Fredericas Haus, übernimmt später sogar ihre Aufgaben, die Jugendlichen zu unterrichten und zukunftsweisend zu unterstützen.

„Was hieße es, ein anderer zu sein als der, der man ist? Sie (die Frage) ist einer der Gründe, die Leute dazu zu bringen, Bücher zu schreiben – so wie ein anderes sein kann zu erforschen, was es heißt, man selbst zu sein.“

Das Buch endet offen, wie das Leben. In Frankreich gab es helle Aufregung um das Buch, denn Carrères Exfrau legte Veto ein (dazu ein interessanter Beitrag in der FAZ aus dem Jahr 2020). Tatsächlich hatte der Autor vorher eingewilligt keine privaten Einblicke zu geben. Für mich wirkt der Roman dann auch nicht durchweg stimmig, eher so als hätte der Autor versucht, einzelne Teile zu einem ganzen zusammenzufügen und eben auch wichtige Stellen ausgelassen (möglicherweise die von der Exfrau monierten). Der Spagat zwischen Autobiographischem und Fiktion gelingt hier nicht hundertprozentig. Aber vielleicht ist genau diese Schreibart die richtige, wenn man sich selbst plötzlich zerrissen und instabil im Leben vorfindet. Ich habe das Buch gern gelesen und viele Aspekte für mich herausgezogen, obgleich manchmal auch die Eitelkeit, das Ego des Schriftstellers überhand nimmt, dann wieder die Selbstzweifel. Eben auch wie im richtigen Leben.

„Solange man kann, stirbt man noch nicht. Man stirbt immer noch nicht, doch das Herz ist nicht mehr dabei. Man glaubt nicht mehr daran. Man glaubt, man habe sein Guthaben aufgebraucht und nichts könne mehr kommen. Und dann kommt eines Tages doch etwas.“

Der Roman erschien im Matthes & Seitz Verlag. Übersetzt hat es Claudia Hamm. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein weiteres, ganz anderes Buch von Emmanuel Carrère habe ich bereits auf dem Blog besprochen:

Emmanuel Carrère: Der Widersacher Matthes & Seitz Verlag

Emmanuel Carrère: Der Widersacher Matthes & Seitz Verlag

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Emmanuel Carrère ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Matthes & Seitz Verlag hat sich in Deutschland seines Werkes angenommen und bringt nun eine Neuauflage des 2003 unter dem Titel „Amok“ erschienenen Romans  „L`Adversaire“, der bereits 1999 in Frankreich erschien. Für mich ist es der erste Roman Carrères. Ganz bewusst habe ich diesen gewählt, da mich die Geschichte sehr angezogen hat, begibt man sich mit ihr doch sehr tief in die Abgründe der menschlichen Seele.

Und in aller Grausamkeit ist es in der Tat eine faszinierende Geschichte: Ein Mann um die 40 tötet seine Frau, die beiden Kinder und die Eltern. Die Selbsttötung gelingt nicht, er überlebt schwer verletzt. Nach einer kurzen Einführung in den Familien- und Freundeskreis schwenkt Carrère die Kamera um und lässt aus der Sicht eines Schriftstellers erzählen. Dieser verfolgt den Fall Jean-Claude Romands und wendet sich schließlich schriftlich an den mittlerweile in Haft befindlichen Mörder.

Aus diesem Briefwechsel und der Beobachtung der Gerichtsverhandlung macht der Schriftsteller seine Geschichte zu einem Buch. In diesem tatsächlich so begangenem Verbrechen fand Carrère den Stoff für seinen Roman.

Jean-Claude Romand, angeblich wohlhabender Arzt und in hoher Stellung bei der WHO in Genf tätig, hat ein riesiges Lügengerüst erbaut. Seit seinem Studium erfindet er für sich einen Lebenslauf, der unfassbarerweise niemals hinterfragt wird. Nachdem er eine Examensprüfung ausgelassen hat, und somit nicht Arzt werden kann, beginnt er sein weiteres Leben auf Lügen aufzubauen. Es ist hanebüchen zu welchen Mitteln der Mann greift, um gesehen, geschätzt und geliebt zu werden. Er heiratet seine Studienfreundin, zeugt Kinder, veruntreut Gelder, die ihm von Verwandten  als Anlage anvertraut werden, mietet ein nobles Landhaus, fährt teure Autos, gibt Unsummen für seine Geliebte aus und …  keiner merkt etwas. Einmal in diesem Lügen-Karussell gefangen, schreibt sich die Geschichte von allein weiter. Eins folgt dem anderen, bis es scheinbar keine Möglichkeit zurück gibt.

„Eine Lüge dient normalerweise dazu, eine Wahrheit zu verbergen, etwas vielleicht Beschämendes, aber Wahres. Die seine verbarg nichts. Hinter dem falschen Doktor Romand gab es keinen echten Jean-Claude Romand.“

Der Autor versucht nicht aus der Vergangenheit heraus, womöglich aus einer unglücklichen Kindheit heraus den Täter zu entschuldigen. Er zeigt jedoch auf, wie „leicht“ es ist, in eine Spirale der Lügen zu geraten und lässt den Leser dieses unglückliche Leben spüren. Dass der Protagonist sich selbst töten wollte ist absolut nachvollziehbar, denn die Möglichkeit aufzufliegen rückte plötzlich sehr schnell näher. Wie es zu der unglaublichen mörderischen Tat kommen konnte, ist absolut unbegreiflich (Psychologen würden von erweitertem Suizid sprechen). Dafür gibt es keine Antwort, die will auch der Autor nicht finden. Dass der Täter vor Gericht und auch in der Haft sich zunehmend religiös und bußfertig zeigte, um Vergebung bittet, ist möglicherweise eine erneute Lebensflucht. Zudem ist sie wenig glaubwürdig und wirkt wie eine Farce auf die zurückgebliebenen Trauernden.

„Wenn Jesus in sein Herz einzieht, wenn die Gewissheit, trotz allem geliebt zu werden, ihm Freudentränen auf die Wangen treibt, ist es dann nicht immer noch der Widersacher, der ihn täuscht?“

Je weiter ich las, desto bekannter kam mir die Geschichte vor. Ich glaubte sie schon verfilmt gesehen zu haben und dem ist tatsächlich so. Es lief auf Arte die Verfilmung aus dem Jahr 2002 unter dem Titel L’adversaire mit Daniel Auteuil in der Hauptrolle.

Obwohl es sich letztlich nicht um einen vergleichbaren Fall handelt, wurde ich immer wieder an Åsne Seierstads „Einer von uns“ über den Osloer Massenmörder Anders Breivik erinnert. Schon da fragte ich mich, ob ein Mensch grundsätzlich böse sein kann oder ob ihm das Leben so mitspielt, dass er es wird … Eine Frage, die auch in Truman Capotes „Kaltblütig“ mitschwingt, welches für Carrère auch ein gewisses Vorbild war.

Der Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz. Er wurde aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm. Im Anhang gibt es ein höchst interessantes Gespräch zwischen Autor und Übersetzerin. Eine Leseprobe gibt es hier.