Andrea Scrima: Kreisläufe Literaturverlag Droschl

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„Wenn wir nur die Vergangenheit hinter uns bringen könnten und mit ihr die Fehler der Menschen, die uns erschaffen und dann beinah gebrochen haben, könnten wir glücklich sein.“

Es ist der zweite Roman der 1960 in New York geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Andrea Scrima. Nach Wie viele Tage , das mir sehr gefiel, lese ich nun „Kreisläufe“ und finde eine Art Ergänzung zum vorigen Roman vor. Ebenso wie zuvor ist es vor allem auch die Sprache, der Ausdruck innerer Vorgänge und Reflexionen, die Komplexität und die Vielschichtigkeit, die mir das Buch zu etwas Besonderem machen. Ging es zuvor vorrangig um die Lebenswege und Verortungen in der Vergangenheit und Gegenwart, wird nun einerseits die Beziehung zur Mutter und zum Vater thematisiert, aber auch die zum Lebensgefährten.

„Berlin war eine ganz eigene Variante von Nirgendwo; ich hatte meinen Platz unter den Außenseitern und Ausreißern der Stadt gefunden […] Ich redete mir ein, geblieben zu sein, um abseits des Kunstmarkts arbeiten zu können, in Wirklichkeit versteckte ich mich vor etwas, aber das war mir damals nicht bewusst.“

Die Künstlerin Felice lebt in Berlin und hat ihre erste Einzelausstellung in New York, ihrer Heimatstadt. Sie verbindet den Anlass ihrer Reise mit dem Besuch bei der Mutter. Der Vater ist bereits tot, die drei Geschwister an unterschiedlichen Lebensorten angekommen. Sobald sie das Haus betritt, umfängt sie die düstere Atmosphäre der Kindheit. Sie beschreibt gleich eingangs ganz wunderbar, was mit ihr passiert: Sie öffnet den Küchenschrank und findet Büchsen von Nahrungsmitteln vor, eine fällt ihr direkt entgegen. Und nun öffnet sich sinnbildlich eine nach der anderen, jede enthält Erinnerungen, die meisten davon sind keine schönen. Nach und nach und in vielen Zeitsprüngen gelangen wir tiefer in die Familie der Heldin. Anhand von einzelnen Ereignissen, zeigt sich das Bild immer deutlicher, das Bild einer dysfunktionalen Familie. Zwischen der unberechenbaren, manipulierenden Mutter und der Tochter herrscht ein gespanntes Verhältnis, das beide wie eine unsichtbare Mauer voneinander trennt. Jeder Versuch der Aussprache seitens der Tochter ist zum Scheitern verurteilt. Über eine Art Smalltalk geht es nie hinaus, die Mutter blockt, wo die Tochter sich Erklärungen und Anerkennung wünscht. Tatsächlich blitzt die Anerkennung dann einmal kurz hervor, als die Mutter, die Schwester und eine Nachbarin die Ausstellung Felices in der Galerie besuchen, obwohl es womöglich eher darum geht, diese mit dem Berühmtsein der Künstler-Tochter zu beeindrucken.

Zwischendurch erinnert sich Felice an die Zeit, als sie von zuhause auszog, an die Beziehung mit einem Mitstudenten, an die konzentrierte Atelierarbeit während des Studiums, diese magische Zeit, die immer auch mit Geldmangel verbunden war, aber auch ihr Schwangerschaftsabbruch wird thematisiert. Auch später beim Studium in Berlin öffnen sich manche Türen und Felice hat mehrere Ausstellungen an verschiedenen Orten Deutschlands.

„Meine Familie hatte mich aus der Bahn geworfen. Uns alle hatten unsere Familien aus der Bahn geworfen – Bobby, Rick, Sunny und mich – und die Kunst war unser Versuch wieder eine Ordnung herzustellen.“

Im zweiten Teil rückt der Vater in den Vordergrund, dessen Tagebuchkalender Felice nach dem Tod des Vaters findet und mit zurück nach Berlin nimmt. Sie entdeckt, dass der Vater an Depressionen litt und Psychopharmaka nahm, dass er fortweg arbeitete, um die 6-köpfige Familie zu ernähren. Ich spüre hier eine besondere Zuneigung der Tochter zum Vater; das Verhältnis scheint ein viel innigeres gewesen zu sein, als zur Mutter. Jeder Tagebucheintrag weckt Erinnerungen und ruft Bilder hervor; doch manches bleibt für immer im Dunklen. Scrima schreibt sich hier an den Tagebucheinträgen entlang, die meist nur aus kurzen Stichworten bestehen und auch keine spektakulären Ereignisse aufzeigen. Oft geht es um die Arbeit, manchmal ums Wetter oder neue Anschaffungen. Diese Art des Schreiben ist anders, als der erste Teil, der für mich persönlich ausdrucksstärker wirkte, weil sich die Sprache mehr ausdehnen darf. Auch Träume und ihre möglichen Deutungsvarianten spielen durchweg eine Rolle.

In beiden Teilen liegt auch immer wieder der Fokus auf der Partnerschaft mit Michael. Michael ist in der DDR aufgewachsen und wegen zu viel Widerstand und Eigenwillen gegen das System in einen Jugendwerkhof und in Haft gebracht worden. Die Geschehnisse haben in extrem traumatisiert, so dass er nach dem Fall der Mauer zunächst begeistert die neu gewonnene Freiheit nutzt, bald jedoch von der Vergangenheit wieder eingeholt wird und aus mangelndem Vertrauen immer mehr auf Rückzug geht. Auch Felice gegenüber. Gespräche sind kaum möglich. Scrima beschreibt hier sehr klar und eindringlich, wie stark die Veränderungen durch den Fall der Mauer, die Menschen, die in viel zu kurzer Zeit in einer vollständig anderen Staatsform leben sollten, verunsicherte und teils komplett aus der Bahn warf.

„Ich würde ihm (Anmerkung: dem Vater) erzählen, wie mit der Wiedervereinigung eine einzige entzweigerissene Psyche, deren eine Hälfte ihre schlimmsten Ängste auf die andere projizierte, in eine deutsch-deutsche Romanze verfiel, in einen plötzlichen Rausch, der die verheerenden Schäden verleugnete, die das Verschmelzen der beiden grundsätzlich verschiedenen Staaten an den Menschen der früheren DDR anrichtete, deren Land sich mit einer schwindelerregenden Plötzlichkeit in Luft aufgelöst hatte, mit allem, wofür es einst gestanden hatte.“

Die beiden bekommen einen Sohn und trotzdem bestreitet Felice fast allein den Lebensunterhalt mit Übersetzungen. Die Kunst bleibt dabei auf der Strecke. Erst mit der Trennung beginnt ein neues Kapitel, mit dem auch Sohn Max im Text in den Mittelpunkt rückt.

Der Roman ist sprachlich so gekonnt und formell so gut gelungen, dass ich einfach nur beeindruckt bin, wie die Autorin Erinnerungen so aufbereitet, dass sie literarisch leuchten. Dennoch hat mich die Geschichte, obwohl sie mich tief berührt, zeitweise ziemlich mitgenommen, da ich so einige Übereinstimmungen zu meinem eigenen Leben fand. Wenn Literatur so tief auf mich wirkt, ist das für mich doch immer ein großer Gewinn. Besonders intensiv und wunderschön zu lesen, fand ich die Sequenzen, in denen fast nichts passiert, die nur einen Augenblick einfangen, eine Betrachtung, eine Empfindung und diese dann durch Nachdenken und Nachspüren ausdehnen und ins Literarische überführen. Ein Leuchten!

„Kreisläufe“ erschien im Literaturverlag Droschl. Aus dem Amerikanischen übersetzt hat es Andrea Scrima selbst zusammen mit Christian von der Goltz. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens Elif Verlag

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Ragnar Helgi Ólafssons zweites in deutscher Sprache erschienenes Buch beinhaltet 13 mal kurze mal längere Geschichten, die einen an die eigenen Erinnerungen denken lassen und daran wie wenig zuverlässig unser Gedächtnis ist, aber auch wie erfinderisch. Mitunter verdrehen sie einem die Gedanken so, dass man schwer jeder einzelnen Behauptung hinterherdenken kann. Manchmal fragt man sich, ob man nicht doch noch Philosophie oder zumindest die gängigen Experten studieren sollte.

Die erste Geschichte, „Der Fluchtversuch“ ist mir die liebste, zeigt sie doch, wie schwierig es ist, sich zwischen Wunsch/Zukunft und Realität/Gegenwart zu entscheiden. Es ist das typische: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Oder in diesem Fall: Lieber Lakritze im Mund, als ein Busticket in die Unsicherheit.

Manche der Geschichten kann mich nicht genug fesseln oder ich verstehe sie schlichtweg nicht. Manche regen mich zum Nachdenken und Rumspinnen an und entbinden mich von der (gerade ungeliebten) Realität (ihr wisst weshalb). Dazu die Frage, die in einer Geschichte aufgeworfen wird, ob man wirklich ohne Erinnerungen, mit Amnesie leichter und vor allem freier leben könnte: Schwer vorstellbar.

Die längste Erzählung im Buch ist eigentlich ein Brief, der womöglich nie gelesen wird, wie der Schreiber vermutet. Dies hindert ihn aber nicht, in großer Weitschweifigkeit eine einzige Frage seiner Ex-Geliebten zu beantworten. Dabei werden von Byron bis Shelley, von Pessoa bis zur griechischen Mythologie alle Register gezogen.

“ … und mir klar wurde, dass man erstmal etwas vergessen haben muss, um sich daran erinnern zu können: Um etwas noch mal wachrufen zu können, muss es erst vergessen worden sein, zumindest für einen Augenblick.“

Die Geschichte „Funes der Jüngere„, die in der argentinischen Nationalbibliothek spielt, (womöglich eine Hommage an Borges‘ Bibliothek von Babel) gefällt mir nach der ersten am Besten. Hier geht es um eine besondere Begabung: sich alles merken zu können, ein fotografisches Gedächtnis zu haben. Was allerdings in diesem Fall zu massiven Einschränkungen führt.

„Erinnerungen müssen unklar sein. Sonst können sie nicht von der Wirklichkeit unterschieden werden. Sind sie eine vollkommen exakte Kopie von der Welt oder des Erlebnisses, dann gibt es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Erinnerung. Dann wird das Sicherinnern an ein Ereignis das Gleiche sein, wie es zu erleben, und das Sicherinnern, etwas erinnert zu haben, das Gleiche, wie sich daran zu erinnern, was wiederum nicht von dem unterschieden werden kann, was man erlebt.“

Der Isländer Ragnar Helgi Ólafsson ist Schriftsteller, Künstler, Musiker, Verleger und Grafikdesigner. Seine Vielfalt zeigt sich auch hier in diesen Geschichten wieder, denn es geht immer um alles oder nichts, um die Alltäglichkeiten und die Besonderheiten, um Ausgedachtes und Umgedachtes, um Realität und um Trugbilder. Empfehlen möchte ich dazu auch gleich noch den zuvor erschienenen Lyrikband „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“, den ich noch lieber gelesen und hier auf dem Blog auch schon ausführlich vorgestellt habe (Foto siehe oben)

Der Autor hat das im Elif Verlag erschienene Buch mit dem erwähnenswert schönen Cover selbst gestaltet. Das bewährte Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jan Thor Gislason haben diesen Band aus dem Isländischen übertragen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Sätze & Schätze.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe Hoffmann und Campe

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Was für ein fantastischer Erzähler! Selten habe ich so einen Erfindungsreichtum im Roman gefunden bei sprachlich so hohem Niveau. Nun „bearbeitet“ Otremba auch genau die Themen die mich brennend interessieren. Es geht hier darum, wie wirklich die Wirklichkeit ist, was die Zeit bedeutet, wie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sich zueinander verhalten. Wie kann ich mein Bewusstsein schulen und zu außergewöhnlichem bringen? Gibt es die Möglichkeit der Unsterblichkeit? Was, wenn wir keine Sprache für all das hätten?

Wie schon vor einiger Zeit Don DeLillo in „Null K“ beschäftigt sich auch Hendrik Otremba in seinem neuen Roman mit dem Thema Kryonik. Menschen, die hoffen, den Tod dadurch überwinden zu können, dass sie sich einfrieren lassen, um später, wenn es ausreichend technische Möglichkeiten gibt, wieder erweckt zu werden, sind bisher noch relativ selten. In den USA gibt es schon mehr Möglichkeiten. Hier spielt auch überwiegend das Buch. Auch Thea Dorn hat das Thema Unsterblichkeit in ihrem Roman „Die Unglückseligen“ ausgearbeitet, aber auf ganz andere Art und Weise. In seinem Stil erinnert mich der Roman irgendwie an den letzten von Christian Kracht, aber auch an Georg Kleins Miakro, die ich ebenfalls sehr mochte.

Im einführenden Kapitel begegnen wir den Protagonisten. Doch von allen erfährt man zunächst wenig, so wie sie auch untereinander wenig miteinander kommunizieren. Es ist ein stilles Unterfangen, denn die Kunden sind schließlich tot. Kachelbad, ein älterer Mann und Rosary, eine jüngere Frau sind Angestellte von Lee Won-Hong, dem das Kryonische Institut „Exit U.S.“ gehört. Sie arbeiten meist zusammen, holen die Leichen ab und bringen sie in Eis gepackt in die mit flüssigem Stickstoff gefüllten Behälter. Warum Kachelbad gerade Rosary für diesen Job angeworben hat, erklärt sich in der Entdeckung, dass sie das gleiche Talent hat wie er. Es ist die Kunst zu verschwinden, unsichtbar zu sein. Mit Kachelbads Hilfe erlernt sie die Methode, für die nicht jeder begabt ist.

„Ich spürte, wie ich dem Verschwinden immer näherkam, spürte ein Kitzeln in meinem Körper. Wie Kachelbad gesagt hatte, ging es bei der gewählten Unsichtbarkeit um eine Geisteshaltung. Ich schien im Begriff, dieses Denken in ein Handeln umzusetzen.“

In weiteren Kapiteln werden uns die „kalten Mieter“ des Tank C 87 vorgestellt. Es sind alles skurrile Gestalten mit tragischen Lebensgeschichten. Was alle vereint, ist die unter gewissen Umständen entstandene Fähigkeit zur willentlichen Unsichtbarkeit.

„Kallmann gelang zu der Überzeugung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seien simultane Zeitebenen, die das menschliche Gehirn jedoch nicht in ihrer Simultanität auffassen könne, was im Bewusstsein dazu führe, dass es zu einer stetigen Selbstverortung des Individuums in der Gegenwart komme …“

Im dritten Teil erfahren wir, dass Kachelbad die Firma nach dem plötzlichen Tod seines Chefs Lee Won-Hong weiterführt. Dafür ist der junge Asiate Kim an seiner Seite, ein zukünftiger kalter Mieter, der unsichtbar nach LA gelangt und von Kachelbad aufgenommen wird. Kim ist ein spezieller Fall, denn er erinnert Kachelbad an eine tiefe Liebe und an den Schmerz des Verlusts. Doch das Unternehmen droht Konkurs zu gehen. Die Finanzen werden immer knapper. Die teuren Unterhaltskosten für die Tanks mit den kalten Mietern werden bald unbezahlbar. Kachelbad nutzt seine Unsichtbarkeit notgedrungen, um illegal Geld zu beschaffen, doch ein neugieriger Reporter ist ihm auf de Spur. Eine Naturgewalt in Form eines Erdbebens enthebt Kachelbad dann von seinen Verpflichtungen. Er kann sich retten und verschwindet …

Im letzten Teil schließlich, dass aus den Tagebüchern eines jungen Mannes aus New York aus den Jahren 1979-87 erzählt, erfahren wir dann auch mehr aus Kachelbads Vergangenheit. Es ist sehr persönlich geschrieben in der Ich-Form. Der junge Mann ist drogenabhängig, beschafft sich Geld dafür als Stricher. Als er auf Kachelbad trifft, ändert sich sein Leben. Kachelbad hilft im clean zu werden. Sie werden ein Paar. Es ist die Anfangszeit von AIDS, damals noch GRID genannt, weil man glaubte, es wäre die Krankheit der Schwulen. Kachelbad lebt bei dem schrulligen Schriftsteller Krekov. Krekov, der höchst klug über Sinn und Unsinn der Sprache überhaupt philosophiert, wird der erste zukünftige kalte Mieter, den Kachelbad betreut.

„Und was heißt das eigentlich: Sprachlosigkeit? Es bedeutet doch, dass dem Menschen etwas begegnet, das er nicht in Worte fassen kann. Vor Glück, weil es seine Vorstellungskraft übersteigt, die ja durch die Worte begrenzt ist – oder weil das Erleben so unfassbar ist, dass die Sprache dafür einfach nicht mehr ausreicht.“

Gerade dieses fast letzte Kapitel, dass so viel Licht und Liebe, das Entschleunigung und Bewusstsein in die Geschichte bringt, endet, wie könnte es anders sein, mit dem Exitus.

Einen wundersamen, furiosen Erzählreigen fächert Otremba hier auf. Kachelbads Erbe ist ein vielschichtiges, eindringliches Buch. Ein Ereignis jagt das andere, teils unerklärlich, geisterhaft, obwohl es irgendwie gleichzeitig ein stiller, nachdenklicher Roman ist. Der Held Kachelbad scheint, wie auch Katze „Zettel“ mehr als sieben Leben zu haben. Otrembas Roman ist klug und genial konstruiert, hebt sich so ganz ab von manch vorhersehbaren Titeln dieses Herbstes. Dass er nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist enttäuschend. Ich wünsche ihm jedenfalls viele Leser und viel mehr Aufmerksamkeit. Es ist ein Buch, dass still leuchtet, aber sehr hell!

Der Roman des 1984 geborenen, in Berlin lebenden Hendrik Otremba erschien im Hoffmann & Campe Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Siri Hustvedt: Damals Rowohlt Verlag

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„Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer dieses Buchs? Wie kommt es, dass ich Ihren Schritt neben mir fühle, während ich schreibe?“

Siri Hustvedts neuer Roman beginnt schon auf den ersten Seiten zu leuchten. Ihr Thema ist nach vielen Essays und dem Roman „Der Sommer ohne Männer“ Biografisches. Die Autorin gleitet zurück in die Zeit, in der sie als junge Frau ihre erste eigene winzige Wohnung in New York bezog. Aus Tagebucheinträgen der 21-jährigen, einem ersten Romanmanuskript und aus der Perspektive der 61-jährigen, setzt sich ihr Buch zusammen. Zeit scheint dabei nicht wichtig. Das Damals mit dem Heute momentweise zu verschmelzen. Sich Erinnerungen auszusetzen, einzelne Stücke zu einem plausiblen Ganzen zusammen zu setzen.

„In der Erinnerung“, sagte sie, „gibt es kein wirkliches Voraus oder Hinterher, nicht wahr? Die Erinnerung wallt im Jetzt auf, in der vertikalen Zeit. Und erinnerte Zeit ist, wie Sie wissen, mit Imagination durchsetzt. Wer bin ich eigentlich?“

S.H., genannt Minnesota, hat sich nach dem Schulabschluss ein Jahr Frist gesetzt, um einen Roman zu schreiben, bevor sie ihr Studium antritt. Ziel ist die Stadt New York. In einer heruntergekommenen Wohnung liest sie, schreibt und lauscht der seltsamen Nachbarin Lucy, die abends und nachts eine Suada von Tönen und imaginären Gesprächen los lässt. S. H. lernt ihre beste Freundin Whitney kennen und sie ziehen durchs Viertel. Intellektuelle Parties und alternative Lesungen werden besucht. Liebesaffären ausgelebt. Anhand eines wiederentdeckten Tagebuchs rekonstruiert die heutige Siri Hustvedt ihr damaliges Leben. Zwischendurch lesen wir Abschnitte aus dem Romanmanuskript, dass eine Detektivgeschichte werden soll. Erlebnisse aus dem Alltag fließen hinein.

Die Erinnerung an den Vater, der Arzt war, den sie manchmal als Kind begleiten durfte zu seinen Hausbesuchen. Der, als sie stolz ihre Anatomiekenntnisse vorführte, nur meinte, sie würde bestimmt eine gute Krankenschwester – „Ich werde mich weit über dich hinauslesen, Vater.“ Die Entscheidung über den Vater hinauszuwachsen. Zu lesen und nochmal zu lesen, um zu wissen. Und dann im Jetzt, die Telefonate der heutigen Siri mit der alten Mutter, die immer mehr vergisst, wiederholt nach ihrem Schreiben fragt, vielleicht stolz auf die Tochter ist.

Das Erinnern und Reflektieren der Fünferbande, des damaligen engen Freundeskreises von S.H. Wie sich alle eine eigene Geschichte zu S.H.`s sonderbarer Nachbarin Lucy zusammenspinnen. Die Entdeckung der DADA-Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Freundin von Marcel Duchamp, dessen berühmt gewordenes Werk „Fountain“ eigentlich ihre Idee war, die mit der Schriftstellerin Djuna Barnes befreundet war.

Sie beschreibt außerdem genau das, was in einem Essay in Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ dargestellt wird. Ganz klar. Männer überall tun das immer und immer wieder und auch die junge Siri hat damit zu kämpfen. Einmal erfährt sie Gewalt und entgeht dabei nur knapp einer Vergewaltigung, weil die Nachbarin mit ihren Freundinnen zur Stelle ist. Die Siri aus dem Jetzt hinterfragt diese Szene und hadert noch immer mit sich selbst, zu „brav“ gewesen zu sein.

Von Lucy erfährt S. H. dann auch deren traurige Familiengeschichte. Bei einer Dinnerparty, zu dem S.H. von Lucys esoterisch spirituellen Freundinnen eingeladen ist, geschieht schließlich so etwas wie eine, man könnte sagen „Initiation“. Der zunächst kluge, sympathische Philosophieprofessor, entpuppt sich als seine Ehefrau unterdrückender und überheblicher, Frauen die Welt erklärender Macho. Wie Hustvedt die Geschehnisse dieses Dinners schildert, diese Verwandlung, diese Erkenntnis, auch im inneren S. H.`s, deren Widerstand endlich auflebt und als hoch intelligente Suada zu Tage treten darf,  ist grandios. Das ist Erzählkunst par Excellence!

„Aber ich zitierte Wittgenstein, dem ich mich so viele Stunden gewidmet hatte, und um Sarahs Mann, den ich, wie ich merkte, angefangen hatte zu hassen, noch weiter zu verletzen, zitierte ich hochtrabend auf Deutsch …“

Dass S. H. schließlich offenbart wird, sie sei in einen Hexenzirkel geraten – „Wir sind entschieden gegen alle patriachalen Religionen. (…) Wir sind gegen den Hass des Patriarchats auf den Körper und die Sinnlichkeit, die Natur und die Frauen. Wir glauben an die alte Ökologie, an Harmonie und Heilen.“  – beschäftigt diese noch lange. Und wer weiß, vielleicht hat dieses Erlebnis die Frau und Autorin Siri Hustvedt ja doch auch geprägt in ihrer feministischen Entwicklung?

„Wenden Sie sich nicht von Ihren Gaben ab. Entschuldigen Sie sich nicht dafür. Fürchten Sie auch nicht Ihre Wut. Die kann nützlich sein. Und merken Sie sich: Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen. Ich weiß das. Die Welt wird sie strafen, aber Sie müssen daran festhalten.“

Später trägt S.H. immer ein Springmesser bei sich, dass ihr eine Freundin nach dem Angriff zur Selbstverteidigung schenkte. Sie nennt es liebevoll „Baroness“. Und mit der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven schließt sich der Kreis: Frauen im Schatten der Männer … so gern ich Paul Austers Bücher lese, Siri Hustvedt sollte nie im Schatten ihres Ehemanns stehen. Ihr Werk ist klug und reif und zeugt von unglaublicher sprachlicher und erzählerischer Stärke! Ein strahlendes Leuchten!

„Damals“ erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzung kommt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Es gibt zudem einige karikaturhafte Illustrationen von der Autorin selbst. Ebenso empfehlenswert: die gleichzeitig erschienenen Essays zum Thema Kunst, Geschlecht und Geist unter dem Titel: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Und natürlich, wer ihn noch nicht kennt, der 2003 erschienene bekannteste Roman „Was ich liebte“, den ich noch aus Buchhändlerzeiten im Regel stehen habe.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar von „Damals“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Julian Barnes: Die einzige Geschichte Kiepenheuer & Witsch

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Der 72-jährige Engländer Julian Barnes schreibt mit zuverlässiger Regelmäßigkeit gute Romane. Nach „Der Lärm der Zeit“, in dem er den sowjetischen Komponisten Schostakowitsch porträtiert, kommt er wieder zu seinem großen Thema „Erinnerung“ zurück.

Diesmal geht es wieder um die Liebe und die Erinnerung daran und die Reflektion. Gleichzeitig wirkt die Story wie eine Art Ergänzung zum Roman „Vom Ende einer Geschichte“. Der Roman beginnt mit diesen Zeilen und zeigt bereits alles vom Inhalt auf:

„Die meisten von uns haben nur eine einzige Geschichte zu erzählen. Damit meine ich nicht, dass uns im Leben nur einmal etwas geschieht: Es gibt unzählige Ereignisse, aus denen wir unzählige Geschichten machen. Aber nur ein Ereignis ist von Bedeutung, nur eins ist letzten Endes erzählenswert. Hier ist meins:“

Julian Barnes legt diese Geschichte sehr geschickt an. Er teilt den Roman in drei Teile und bleibt dabei nicht strikt chronologisch. Der erste wird direkt aus der Ich-Perspektive erzählt. Es ist die Anfangszeit der Liebe, die Verliebtheit, die Verrücktheit, all das Schöne. Im zweiten Teil wendet sich das Blatt; die Untiefen, das Unschöne, Leidvolle taucht auf: die intensive Du-Perspektive, die die Leser/innen direkt anspricht.

„Doch du glaubst immer noch an die Liebe und an das, was die Liebe bewirken kann, dass sie ein Leben, ja das ganze Leben zweier Menschen verwandeln kann. Du glaubst an die Unverletzlichkeit der Liebe, an ihre Beharrlichkeit, ihre Fähigkeit, jeden Widersacher aus dem Feld zu schlagen. Genau genommen ist das bisher deine einzige Theorie über das Leben.“

Dann im dritten Teil das „Er …“. So erleben die Leser/innen, was mit der Liebe oder zumindest der Liebesbeziehung passiert. Die Distanz wird immer größer. Der Ich-Erzähler und Hauptprotagonist entfernt sich, wird zum Betrachter und stellt sogar seine Erinnerungen in Frage.

Aber inzwischen war das Ungestüm der ersten Person in ihm zur Ruhe gekommen. Es war, als betrachte – und lebe – er sein Leben in der dritten Person. Was ihm erlaubte, es richtiger zu beurteilen, glaubte er.“

Paul ist der Held. Der 19-jährige verliebt sich in eine wesentlich ältere Frau, die in einer Ehe steckt, die alles andere als glücklich ist. Die beiden erleben eine leichte, frohe Zeit miteinander. Paul ist stolz darauf, mit dieser Beziehung gegen alle gesellschaftlichen Regeln dieser Zeit zu leben und seine konservativen Eltern vor den Kopf zu stoßen.
Paul wird schließlich sogar regelmäßiger Hausgast in Susans Familie und erlebt dort zum ersten Mal die gewalttätige Seite von Susans Ehemann.

Die beiden entschließen sich, trotz der äußeren Widerstände, (in den 60er Jahren ist das in einer englischen Vorstadt ein Tabu) zusammenzuziehen und leben in London. Susan ist sehr mutig, sich von ihrem Mann zu lösen. Es folgen einige gute Jahre, in denen sich die beiden wirklich frei fühlen. Während Paul dann seinen Platz zwischen seinen Studienfreunden und seiner Arbeit findet, leidet Susan bald mehr, als sie zugeben möchte. Sie befindet sich trotz des Ausbruchs aus der Ehe in einer erneuten Abhängigkeit. Ohne Arbeit und trotz Pauls zuverlässiger Liebe verliert sie sich und wird zur Alkoholikerin.

Spätestens hier merkt Paul, dass es eben doch nicht so leicht ist mit der Liebe. Es ist keineswegs so, dass alles gut ist, wenn man nur genug liebt. Susan bringt im Gegensatz zu ihm ein Vorleben mit, dass nicht einfach war und dass sie stark geprägt und auch beschädigt hat. Paul versucht Susan immer wieder vor der Sucht zu retten –  jahrelang – scheitert jedoch und trennt sich entkräftet von seiner großen Liebe. Jahrzehnte später blickt Paul zurück und fragt sich, ob er damals mutig oder feige war. Er erkennt, dass er sich seither nie mehr voll auf eine Beziehung einlassen konnte …

Julian Barnes hat eine meisterhafte Analyse einer gegen die damaligen Konventionen verstoßende Liebe geschrieben und regt an über die eigene „einzige Geschichte“ nachdenken.

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Übersetzt wurde er von Gertraude Krueger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein schönes Gespräch über den Roman gab es im Schweizer Literaturclub:

https://www.srf.ch/play/tv/redirect/detail/798b076a-2bbe-481e-a0f4-318cf84b0738

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Robert Seethaler: Das Feld Hanser Verlag

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Ich liebe Friedhöfe. Ich halte mich gern dort auf, weil es still ist. Ich kann dort weitab vom Berliner Lärm schreiben, lesen und meditieren. Und so war ich durchaus erfreut, als ich bei den Neuerscheinungen zwei „Friedhofsromane“ vorfand: Seethalers Das Feld und George Saunders Lincoln im Bardo. Enttäuscht haben mich beide.

Robert Seethaler habe ich schon gelesen, bevor er zum „Geheimtipp“ wurde. Seine Romane „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ fand ich ganz wunderbar und kann sie nur empfehlen. Der neue Roman, der auf Episoden basiert, die Verstorbene im Rückblick auf die Essenz ihres Lebens erzählen, hat längst nicht die Kraft der beiden Vorgänger. An was es liegt? Mein Gefühl sagt mir, es sind zu viele Personen, die da „vorgestellt“ werden. Mancher erhält nur eine halbe Seite. Durch diese Vielzahl erreicht jeder einzelne nicht die Tiefe, die man von Seethalers Figuren kennt und liebt. Und mich stört auch diese Verknüpfung der Lebensgeschichten um jeden Preis. Das hört sich manchmal schon weit hergeholt an, dass sich alle Toten kannten in dieser Kleinstadt. Das soll den Roman sicher komplexer machen. Mich überzeugt es nicht.

Ich habe das Buch bis zur Hälfte gelesen, angestrichen habe ich mir nichts (!). Seethaler erreicht mich diesmal nicht, doch zähle ich einfach auf den nächsten Roman. Aufgeben mag ich diesen Autor nicht. Denn er sagt so schöne Sätze wie:

„Der Reichtum eines Lebens hängt ja nicht von Erlebnissen ab, sondern vom Erleben, das ist es, was mich interessiert.“

Außerdem: ein belletristisches Buch, dass kein Krimi und keine Schmonzette ist, auf Platz 1 der Spiegel-„Bestsellerliste“ ist nicht das Schlechteste …

„Das Feld“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens Reprodukt

Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens Reprodukt

Wo beginnen? Wo in dieser Bilderfülle einen Anfang machen? Wie die Essenz dieser Geschichte, die so stark von ihren Bildern und den kleinen Akzenten darin lebt, wörtlich hinterfragen?

Barbara Yelin, die einfühlsame Zeichnerin dieses Buches, ist als Comic-Autorin keine Unbekannte. Mit ihrer Geschichte „Irmina“ hat sie sich längst unter die besten Illustrator*innen gezeichnet und wurde mit Preisen gekürt. In „Der Sommer ihres Lebens“ arbeitet sie erstmals mit dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker (Die Verteidigung des Paradieses etc.) zusammen. Die gemalte Story, die nun als Buch im Format einer Graphic Novel vorliegt, war geplant als Fortsetzungs-Bildergeschichte zunächst für eine Zeitung, wurde dann aber auf der Seite Einhundertvierzehn des S. Fischer Verlags veröffentlicht. Dort kann man auch Ergänzungen der Autoren zur Entstehungsgeschichte lesen.

Die beiden Autoren haben die Geschichte für das Format Buch überarbeitet und erweitert. Es geht um die essentiellen großen Fragen: Wie bewege ich mich in der Welt? Was ist Lebensglück? Was Liebesglück? Wie wirke ich als Frau? Wie wichtig ist Beruf als Berufung? Was bedeutet das alles? Was ist der Sinn? In 15 Episoden kann gelesen und betrachtet werden, was denn ein Leben ausmacht. In diesem ganz speziellen Fall ist es das Leben von Gerda Wendt, geboren in den 50er Jahren, die aus ihrem Platz im Altenheim heraus in die Vergangenheit zurückdenkt. An die großen und kleinen wichtigen Momente und manchmal auch an das „Was wäre gewesen, wenn …?

„Oft denke ich, ich bin bereits tot. Und das hier ist die Ewigkeit.“

Sie tut das, um das Leben noch zu spüren. Denn das Tageseinerlei im Heim, scheint kein Leben mehr zu sein. Vielleicht aber ein Wandelgang des Erinnerns.

„Früher … raste die Zeit. Erinnere ich mich daran … sticht es.“

Das Damals ist also das, was noch zu spüren ist. Das Damals wird zum Lebenshelfer. Und dieses Stechen spürt auch der Betrachter.

Und wie gelungen ist es Yelin eben diese Rückblicke, die ja im Erinnern auch als Bilder aufscheinen, als gemalte Geschichte aufs Papier zu bringen! Die Zeichnerin übersetzt das Entsinnte aus dem Kopf von Gerda über den Weg der Farbe und Form in unsere Köpfe hinein. Der Leser ist hier nicht nur Leser, sondern auch Betrachter, Aufarbeiter und Interpret. Ohne Gefühle wird es dabei nicht gehen. Ohne eigene Erinnerungen. Diese Geschichte erreicht den Leser wahrhaft persönlich.

Auf der allerersten Seite, die man leicht überblättern könnte, singt eine einzelne Amsel. Solch kleine beinahe unscheinbare Details baut Yelin ein, die jedoch immer auch eine weiterführende Rolle spielen. Dann kommt die erste Begegnung mit Gerda, die mit ihrem Rollator ihr Zimmer sucht. Sie irrt durch die Gänge und Stockwerke des Heims und überlegt: Flur Zwei? Flur Eins? Und schon kommt ein Switch in die Schulzeit von Gerda: Sie hat eine Eins in Mathematik, nicht zum ersten Mal und das als Mädchen! Yelin schafft innerhalb der Bilder einen direkten Übergang vom Jetzt ins Damals, von Alt nach Jung. Das ist ein starkes Mittel zur Verdeutlichung der inneren Erlebnisse Gerdas. Es geht weiter mit dem Vater, der Gerda für die Note Eins lobt: „Willst wohl Einstein heiraten?“ Doch Gerda hält Einstein natürlich für viel zu alt. Und schon sind wir, im gleichen Bild, wieder im Altenheim und der Blick fällt auf die betagte Gerda. So geht es weiter mit Gerdas über den Rollator gebeugten Körper – Switch: Gerda durch den schweren Schulranzen gebeugt gehend auf dem Weg zur Schule: Gerda ist als Schülerin durch ihre Begabung eine Außenseiterin. Sie lebt in der Welt der Bücher und der Wissenschaften. Sie möchte dazu gehören, doch sie bleibt unsichtbar. Etwas, was im Alter wiederkehrt.

Der Vater hat in der Tochter das Interesse am Sternenhimmel geweckt. Doch Gerda möchte nicht nur schauen, sondern auch wissen und verstehen. Sie wählt den Weg der Wissenschaftlerin. Sie wird Astrophysikerin und geht komplett auf in ihren Studien und Forschungen. Dieser Weg ist steinig, nicht weil Gerda nicht brillant wäre, sondern weil Gerda eine Frau ist. Der Text Thomas von Steinaeckers weiß das deutlich zu machen. Auch Yelin zeigt es im ganzseitigen Bild der verzweigten Treppenaufgänge von M.C. Escher`schem Format, durch die sie ihr Chef führt, der ihr Potenzial erkennt, ihr Wissen aber für sich auszunutzen gedenkt, vom Verdienst ganz zu schweigen. Und Gerda arbeitet hart, sie bleibt Einzelgängerin, bis sie eines Tages einem Mann begegnet und echte Zuneigung erfährt – die Liebe: eine andere, neue Welt. Yelin verdeutlicht diese Schwerelosigkeit gekonnt mit lichten Wasser-Farben. Und von Steinaecker findet die Worte:

„Im Sommer des Jahres 1973 … waren alle Gesetze außer Kraft gesetzt. Und ich verstand, dass sich unter Umständen … sogar auf der Erde die Anziehungskraft … in Schwerelosigkeit verwandeln kann.“

Für ihr berufliches Weiterkommen wäre es förderlich als Wissenschaftlerin nach England zu gehen, doch es kommt, was kommen muss: Gerda entscheidet sich gegen die Karriere für die Liebe, für eine Familie. Doch die Ehe scheitert. Gerda beginnt wieder zu lernen, kann wieder in ihren Beruf zurückkehren: „Ich fühlte mich so glücklich, wie schon lange nicht mehr.“

Yelin gelingen stimmige Skizzen, passende Farbtöne. Mit Gouache und Tusche arbeitet sie von Preussischblau bis Türkis für die melancholische Grundstimmung der gesamten Geschichte und dazwischen von Apricot bis Ocker, oft durchmischt mit weißen Lichtstreifen. Ganzseitige Bilder wechseln mit den typischen Comic-Kästchen ab und verstärken die Erzählwirkung. Thomas von Steinaecker füllt die Sprechblasen mit den aktuellen Dialogen und überschreibt die Kästchen mit Gerdas Gedanken.

„Von den etwa hundertzwölf Milliarden menschlichen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Planeten … seit Anbeginn der Zeit … werde ich …eine … gewesen … sein.“

Dazwischen, immer am Anfang eines Kapitels finden sich wiederholt Bilder, die die Routine im Heim aufzeigen und den Alterungsprozess Gerdas verdeutlichen: Die alltägliche Waschung durch die Pflegerin wird immer schwieriger, durch die zunehmend weniger bewegliche Gerda, die sich schließlich nur noch im Rollstuhl sitzend fortbewegen kann. Doch immer gibt es auch Lichtblicke, wie die Begegnung mit dem dementen alten Mann, die in eine beiderseitige Zuneigung mündet. Wie in einer Wiederholung – damals Vater und Gerda – stehen nun die beiden betagten Schlaflosen nachts am Fenster des Heimzimmers und vertiefen sich in Betrachtungen des nächtlichen Sternenhimmels. Und diesmal erklärt Gerda.

Es ist keine leidvolle Geschichte, sondern eine versöhnliche, die auch darauf hinweisen könnte, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, dass die Seele womöglich unsterblich ist. Im Abspann am Ende des Buches wird sich Gerda als kleines Mädchen von der Familie verabschieden und ihren eigenen Weg Richtung Berufung gehen.
Und der einzelne rufende Vogel schließt sich am Schluss einem Schwarm an.

„Der Sommer ihres Lebens“ erschien im Reprodukt Verlag.
Die Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.com.

 

Esther Kinsky: Hain Suhrkamp Verlag

2018-02-14 09.51.49

Esther Kinsky kenne ich bisher vor allem von ihren Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, obgleich sie schon einige Romane und auch Lyrik veröffentlicht hat. Zum Beispiel hat sie John Clares „Reise aus Essex“ übersetzt. Dass sie sich mit dem sogenannten „Nature Writing“ beschäftigt, merkt man auch im neuen Roman „Hain“. Kinskys „Geländeroman“ besteht in der Tat vor allem aus Beobachtungen und Beschreibungen im „Gelände“. Es sind Momente der Achtsamkeit und der Hingabe. Die Autorin zeichnet, trägt Farben auf, sie entdeckt die Bildhaftigkeit der Sprache und wandelt alles in Ausdruck.

„Wörter rollten in der Hand wie Murmeln, versehrte Glasmurmeln mit stumpfer, zerkratzter Oberfläche und winzigen Scharten, gescheuert an Sand, Erde, Beton, am Glas anderer Murmeln. Ein kleines Klicken, wenn sie aneinander stießen, ein Geräusch, in das der ganze Körper angespannt horchte, ob es zu einem Bild wurde.“

Jedenfalls ist es ein Trauer-Tagebuch. Die Protagonistin ist in einer Situation der Trauer um M. Das spürt man als Leser in den ganz kleinen erzählten, eigentlich fast aufgezählten Dingen. Die Protagonistin lebt in die Dinge hinein. Sie lässt sich treiben und ist gleichzeitig enorm aufnahmefähig für Atmosphärisches, erblickt in Alltäglichem Geheimes und erzählt uns davon. Die genauen Beschreibungen mögen manchem/r Leser*in zu viel werden. Mir nicht. Ich genieße diesen Blick, denn es ist ein Blick des wahrnehmenden Innehaltens. Des Durchatmens, der Langsamkeit, der Zeitlosigkeit. Anfangs in dem kleinen italienischen Ort Olevano, nahe Rom. Genau gegenüber der Unterkunft, auf der anderen Talseite liegt der kleine Friedhof, der zentraler Punkt ihres Blickes wird. Ein Ort, an dem sie mit ihrer Trauer richtig ist.

„Ich stand Stunden am Fenster wie in einer Glocke, die sich über mich gestülpt hatte und mich in die Kindheit versetzte, als ich mich nachmittags und abends oft unfähig fühlte, etwas anderes zu tun, als aus dem Fenster zu sehen.“

Kinsky erzählt weiter und wechselt die Richtung. Zwar bleiben wir in Italien, aber nun werden Kindheitserinnerungen aufgerollt, die Familienreisen, nach Chiavenna, nach Rom und zu den Grabstätten der Etrusker, in denen der Vater eine dominante Rolle spielt. Hier kommt Kinsky ab vom Beschreibenden, hier kommt erinnertes Erzählen. Hier sind wir dichter am Leben. Der Vater ist italophil, interessiert sich rege für die Kunst und die Sprache.

„Dieses langsame Buchstabieren an der Stadt Rom fiel in den Abschnitt des Heranwachsens, in dem ich – wie jedes Kind irgendwann – fast unvermittelt, von einem Zufall angestoßen, die Welt ohne mich erkannte.“

Von seinem Tod wird hier ebenfalls berichtet, von dem Verlust eines Vaters, der gegen Ende des Lebens so ganz anders war, als bei den Familienausflügen. Es ist ein seltsamer Nähe/Distanzwechsel zwischen Tochter und Vater, der nicht aufgelöst wird. Dennoch oder gerade darum führen die nächsten Reisen nach Ferrara und in die ehemaligen Salinen am Meer nach Comacchio, wo die eintönige Landschaft des Po-Deltas zahlreiche Vogelarten beheimatet und schließlich nach Ravenna, wo die Mosaiken an die kulturgeschichtlichen Ausführungen des Vaters erinnern.

„Manchmal ging er auch aus, aber nur kurz, zu seinen nachtlangen Abwesenheiten fehlte ihm in Rom wohl der Mut, oder er spürte die Kleinheit, die er sich an den Sehenswürdigkeiten zugezogen hatte.“

Kinsky ist auf den Spuren des Zerfalls und findet in Italien weitab der Touristenströme außerhalb der Saison im Herbst und Winter einen Raum, ihre ganz eigene Trauerlandschaft und ich mag diese Art an den Tod geliebter Menschen heranzugehen. Es ist vielleicht die beste Art mit den Toten zu kommunizieren, bis das Neue, das Alte ablöst.

„Todesnachrichten sind Scheren oder scharfe Messer, die den Film der Welt durchtrennen. Messer oder Schere – was schneidet glatter? Eine müßige Frage, die sich ohnehin erst Jahre nach dem Ereignis stellt, etwa bei nachträglichen Flickversuchen an dem durchtrennten Band.“

Ich habe diesen Roman in mein Herz geschlossen, vor Genuss sehr langsam gelesen. Es begann eigentlich schon mit dem Titel und der Covergestaltung. Und dann bin ich in Kinskys Sprache gefallen und habe mich aufgehoben gefühlt. Zudem haben mich diese Streifzüge durch italienische Landschaften an eigene unzählige Italienreisen erinnert. Sogar die Besuche auf Friedhöfen mit den vielen Plastikblumen, aber auch die der Etruskergräber sind mir geläufig. Ich freue mich sehr über einen Roman, der mit seinem Inhalt sicher nicht jeden Leser erreichen wird, manche ab- oder verschrecken lässt aufgrund der melancholischen Grundstimmung. Ich fühle mich in diesem Roman sehr wohl. Ein Wunder und ein Glück, dass der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein sehr ausführliches aktuelles Interview mit Esther Kinsky gibt es beim Deutschlandfunk .
Sie steht außerdem auf der SWR-Bestenliste im März auf Platz 1.
Eine weitere Besprechung findet sich auf Blog letteratura.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nachtrag: 
Seltsam eigentlich, dass mich Kinskys Roman an den thematisch grundlegend anderen Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann erinnert, den ich kurz zuvor las. Doch bei genauerer Betrachtung haben beide Geschichten eine Hauptperson, die sich treiben lässt, verloren, irritiert und in Trauer. Und nicht zuletzt haben beide jeweils eine phantastische Sprache dafür gefunden.

Anne von Canal: Whiteout Mare Verlag

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Schade … Anne von Canals Debütroman „Der Grund“ war richtig gut. Im Prinzip ist zwar gegen den nun vorliegenden neuen Roman „Whiteout“ nichts zu sagen. Er ist solide gemacht, recht gut konstruiert, aber er haut mich eben nicht um, weder inhaltlich noch sprachlich. Er fesselt mich bei weitem nicht so, wie „Der Grund“ es in seiner Vielschichtigkeit tat.

Von Canals „Whiteout“ ist eine Freundschaftsgeschichte, die in Rückblenden erzählt wird, ausgehend und erzählt von der Hauptperson Hanna, einer Glaziologin. Sehr schade finde ich, dass das Thema Gletscherforschung imgrunde nur als Ausganspunkt für die Geschichte gewählt wurde, die sich dann größtenteils aus den Erinnerungen Hannas speist. Viel erfährt man leider über diese Wissenschaft und über die Forschung im Eis nicht. In der Tat hatte ich gerade diese Ausgangssituation für äußerst spannend gehalten. Natürlich bieten sich die Bohrungen im Eis als Metapher für „Bohrungen“ in der Vergangenheit an …

Der Inhalt ist kurz erzählt: Hanna und ihr Bruder Jan lernen als Kinder die Pfarrerstochter Friederike, genannt Fido kennen und die drei werden unzertrennlich. Sie planen nach der Schulzeit ein gemeinsames Studium in Hamburg. Doch bevor es dazu kommt verschwindet Fido ohne Erklärung auf Nimmerwiedersehen.
Ausgerechnet während der wichtigen Forschungsarbeit in der Antarktis erhält Hanna eine Nachricht ihres Bruder Jan, mit dem sie kaum mehr Kontakt hat. In seiner Mail schreibt er, Fido sei tot. Diese Nachricht verwirrt Hanna so, dass sie zunehmend unkonzentrierter in ihrer Arbeit wird, da sie ständig in Erinnerungen an die Zeit mit Fido gestürzt wird.

Ein „Whiteout“ ist ein meteorologisches Phänomen, dass auf eine besondere Sonnenreflexion in Polargebieten zurückzuführen ist. Sie kann bei Beobachtern psychisch zu Beklemmungen und physisch zu Desorientierungen führen. Insofern ist der Titel stimmig gewählt, denn Hannas Zustand verstärkt sich durch das Whiteout noch. Ein aufkommender Schneesturm tut sein Seiniges …

Anne von Kanals Roman erschien im Mare Verlag, ebenso wie ihr voriger Roman „Der Grund“, den ich deutlich besser fand. Eine Leseprobe gibt es hier . Eine weitere Blog-Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten

Anna Baar: Als ob sie träumend gingen Wallstein Verlag

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Da ist sie wieder, die so ganz eigene Sprache der Anna Baar. Nach ihrem Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“, der mir überaus gefallen hat und aus dem sie vor zwei Jahren auch beim Klagenfurter Bachmannwettbewerb gelesen hat, halte ich nun ihren neuen, ein wenig kürzeren, aber nicht weniger intensiven Roman in Händen. Vielleicht geht die österreichische Autorin diesmal sogar noch einen Schritt weiter in der Sprache: sie verdichtet so stark, dass man sich manchmal inmitten von Poesie befindet. Wenn es so etwas gibt, dann ist es ein lyrischer Roman. Doch auch die Geschichte selbst hat es in sich.

„Nur der Hebamme war es gegeben, in die Seele des Kinds zu sehen. An der Schwelle des Lebens, noch vor dem ersten Schrei, hat sie Klee den Finger auf die Lippen gedrückt, damit er die Weisheit der Engel nicht an die Irdischen verriete.“

Da liegt einer im Fieber, der alte Klee, fantasiert im Fieberwahn. Liegt im Klinikbett, meist stumm gemacht, sediert durch Medikamente. Und dazwischen liegen die klaren Augenblicke, die Erinnerungsmomente. Immer präsent ist Lily, die Eine, die Geliebte, die er verließ und verlor. Und dann sind da all die Kriegsszenarien. Wie viele Kriege und Kämpfe kann ein einziger Mensch überleben? Überstehen ohne zu brechen? Klee, Bauernsohn und doch die meiste Zeit Krieger, wenn nicht Krieger, dann auf den Weltmeeren unterwegs. Auf der Flucht. Vor der Ehefrau, die die falsche ist. Und vor der geliebten Frau, die außer in seinen Gedanken, nicht mehr ist. Vor sich selbst.

„Wollte man ihm nahe sein, musste man mit in den Krieg, denn in seine Dunkelheit ließ er sonst keinen ein.“

In Gedanken an die glückliche kindliche Zeit, als der Bruder Malik und Lily und Klee selbst auf der Heimatinsel unzertrennlich waren. Bis die Zeit der Kriege kam. Erst die Italiener, dann die Deutschen und Klee war immer bei den Partisanen dabei – Widerstand gegen die Besetzung der Heimat. Die schlimmsten waren die mit dem Totenkopf an der Uniform. Sie nahmen ihm Lily.
Klee kommt als Kriegsheld aus dem Kampf. Mit Orden geschmückt, im Denkmal der Insel verewigt. Er heiratet, bekommt ein Kind, bekommt Enkel. Glücklich ist er nicht. Etwas frisst ihn von innen auf. Als alter Mann muss er schließlich auch noch die Anfänge des dritten Kriegs miterleben. Kämpfen kann er nicht mehr. Für seine Enkelin(?), die ihm nah ist, bespricht er Tonbänder, erzählt ihr seine Geschichte: „Schreib es auf“.

Meine vorsichtige Vermutung: Es ist die Geschichte des Großvaters der Autorin. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber was zählt, ist, dass solche Geschichten erzählt werden. Und Anna Baar hat sprachlich besondere Literatur daraus gemacht. Mit ihrer oft altmodisch (im besten Sinn) wirkenden Erzählweise, erinnert Klees Geschichte auch an Märchen mit ihren mythischen Bräuchen und Aberglauben. Und Teile davon stammen ja vielleicht tatsächlich noch aus dem Zauberkästchen der Ahnen, aus bewahrten Überlieferungen. Eine Eigenart liegt bei Anna Baars Roman auch in den vielen Auslassungen begründet, die die Leser*innen selbst füllen können/müssen, was ich persönlich sehr bereichernd finde. Eine große Leseempfehlung also an alle, die die Kraft der Sprache zu schätzen wissen … Ein Leuchten!

„Als ob sie träumend gingen“ erschien im Wallstein Verlag. Mehr über die Autorin und eine Leseprobe gibt es hier .