Meine Liebsten im Jahr 2021 – Teil 1: Roman, Debüt, Erzählung, Buchkunst, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick: Es war ein gutes Lesejahr, immerhin …
Mit Überraschungen, wie beispielsweise gleich drei starken Debüts aus dem hohen Norden. Mit wunderbaren Hörbuchstimmen. Und zauberhafter Lyrik. Mit faszinierenden Romanen aus aller Welt und einer deutschen Buchpreisträgerin. Aus unabhängigen und Publikumsverlagen. Von Autoren und Autorinnen, wobei in diesem Jahr die weiblichen Stimmen stark überwiegen, ohne dass ich es bewusst so gewählt hätte.
Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights in der Literatur: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag. Teil 2 mit liebsten Lyrikbänden folgt. Viel Freude beim Entdecken!

Romane:

°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Romandebüts:

°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Erzählungen & Buchkunst:

°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Adelheid Duvanel: Fern von hier Limmat Verlag

Adelheid Duvanels „Fern von hier“ kann man eigentlich nur auf dem Silbertablett servieren. Die gesammelten Erzählungen der Schweizerin sind Literatur vom Feinsten. Dieses Buch begleitet mich seit Sommertagen und wird jedenfalls in die Sammlung meiner besten 10 in diesem Jahr aufgenommen. Aufmerksam geworden durch die tolle Besprechung von Michael Krüger in der ZEIT, las ich die Leseprobe und wusste sofort: Das passt zu mir. Das trifft mich. Das trägt mich. Das ist wie für mich geschrieben. Ein Leuchten!

Duvanel stellt die Verlorenen, die Verlierer, die Verschrobenen, die Schrulligen, die Skurrilen, die Verwahrlosten, die Verdrehten und Verlassenen in den Mittelpunkt ihrer Erzählungen. Ich weiß, Erzählungen sind bei vielen Lesern ja nicht so beliebt, aber hier ist es exakt DIE Form, die zum Inhalt passt. Ich konnte das Buch nicht auf einmal durchlesen, das lag zum einen daran, das die Protagonisten in den Geschichten mir so viel zu denken (und zu fühlen) gegeben haben, zum anderen mag man das Buch einfach nicht so schnell beenden, denn man weiß, das ist alles was Duvanel je geschrieben hat.

Gleich in der ersten Geschichte, die „Der Dichter“ heißt, bin ich für diese Schriftstellerin eingenommen:

„Ich versuchte als Kind, mit Hilfe von kleinen Gesten, von andeutenden Worten mit Menschen in Kontakt zu treten, doch sie liebten das Laute, das Deutliche, das ich verabscheute. Sie konnten mich nicht verstehen.“ […] Seit jenem Augenblick frage ich mich, ob nicht Worte über der großen Leere, über den Abgrund, in den mein Leben gefallen ist, eine neue Welt schaffen können.“

Die Helden, ja, es sind alles Helden des (Über-)Lebens, in den Erzählungen fallen aus dem Rahmen. Sie sind ja so unspektakulär, aber faszinierend, sie sind so alltäglich und glitzern schillernd. Adelheid Duvanel muss mit wachem Blick und steter Aufmerksamkeit durch die Welt gegangen sein, dass ihr diese Menschen auffielen. Eigentlich sind sie überall, doch gesehen werden sie kaum. Es sind nicht die Macher, die Lauten, die überall vorne dabei sind. Es sind die Stillen, nach innen Gekehrten. Oft sind es Kinder, die sich ihre eigene Welt erschaffen, weil die reale so unerträglich ist. Es sind Menschen, die nicht immer sympathisch oder schön sind und doch kann man sich mit ihnen identifizieren, denn sie tragen etwas in sich, was manch einer auch kennt: Traurigkeit, Melancholie, Unzufriedenheit, Dunkelheit und das Festhalten am Leben, sei es auch noch so schwer oder prekär.

Es sind oft einzelne Sätze in den nur 1-2, höchstens 3 Seiten langen Geschichten, die so stark sind, dass man sie notieren möchte. Diese einzelnen Sätze tragen oft die Essenz der ganzen Erzählung in sich:

„Hinter der baufälligen Kirche, in der Annas matte Kindersonntage gefangen gehalten wurden, …“

Es ist, als gingen wir durch die Straßen und schauten in die Fenster und sähen eine Momentaufnahme fremden Lebens. Mir kommen sehr viele Bilder daraus entgegen, meist sind es schwarz/weiß-Bilder. Bunt ist es meistens nicht in der Handlung, aber die Erzählerin versteckt einen schönen feinen Humor zwischen den Dunkelheiten.

„Er springt aus dem Bett, wo er ein Nachmittagsschläfchen gehalten hat, und bemüht sich, in Gedanken seine Füße zu begleiten, die auf eine ungewöhnliche Weise vielleicht schwebend in den Korridor gelangen.“

Aus unerfindlichen Gründen erinnert mich der Schreibstil an Texte von Christine Lavant. Vielleicht weil sie manchmal an Gebete erinnern, an Übersinnliches, an Naturereignisse. Teilweise klingen sie wie Märchen, im Stil mitunter altmodisch, immer geheimnisvoll. Jede Geschichte könnte mit „Es war einmal … “ beginnen. Auch Träume spielen häufig eine Rolle und der Versuch sie zu deuten.

Duvanel gelingt jede Erzählperspektive. Sie schafft es sich in jede ihrer Figuren sensibel und feinfühlig hineinzuversetzen. Kinder als Protagonisten wirken aufgrund ihrer Erlebnisse oft schon wie Erwachsene. Ihre skurrilen Held*innen durchwandern eine oft surreale Szenerie. Menschen haben „haferfarbene Augen“, Häuser haben Gesichter, ein Mann hat „ein Faultiergesicht“, eine Frau hat „gasflammenblaue Augen“:

„Er wartet im Schneidersitz auf dem Boden und lässt den Blick seiner schönen, sozusagen in Leid eingelegten Augen über die farbigen Zeichnungen an den Wänden schweifen.“

Nach jeder Geschichte denke ich, viel schräger kann es gar nicht kommen; kommt es aber doch. Noch über Wochen hinweg tauchen Bilder oder Gestalten aus den Geschichten auf. Kaum eine, die mir nicht gefallen oder mich getroffen hat.

„Ein heftiger Wind stieß Sabel vorwärts; anscheinend lag ihm daran, sie zur Schule zu führen, doch plötzlich erlahmte er und fuhr wie ein alter Herr leise und vornehm im Rollstuhl davon.“

Das Buch ist in acht Kapitel mit Erzählungen eingeteilt, die chronologisch angeordnet sind. Der Bogen spannt sich über den Zeitraum von 1980 bis 1997. Dabei sind auch Erzählungen, die bisher nur in Zeitungen veröffentlicht wurden in der Zeit von 1960 bis 1979. Adelheid Duvanel wurde 1936 in der Schweiz geboren. Bereits als Kind schrieb und malte sie. Nach einem Umzug der Familie musste sie 1953 eine zeit lang in einer psychiatrischen Klinik verbringen. Gleichzeitig beginnt aber auch ihre künstlerischen Tätigkeit. Sie veröffentlichte regelmäßig in Zeitungen. In der Ehe mit einem Maler gab sie das eigene Malen auf. Eine Tochter kommt zur Welt. 1980 erscheint ihr erster Erzählband im Luchterhand Verlag. 1981 liest sie in Klagenfurt beim Bachmann-Preis und es folgt die Scheidung. Sie erlangt einige Preise. Es gibt wiederholte Aufenthalte in der Psychiatrie. 1996 stirbt sie in Bern.

„Fern von hier“ ist der treffliche Titel dieses faszinierenden, über 700 Seiten zählenden Buchs, das außerdem auch noch schön gestaltet ist, leinengebunden, gedruckt auf feinem Papier mit Lesebändchen. Es errang den 2. Platz auf der diesjährigen Hotlist der unabhängigen Verlage. Erschienen ist es im Schweizer Limmat Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Clairice Lispector: Die Flucht und andere Erzählungen Random House Audio

Schon lange schleiche ich um die brasilianische Autorin Clarice Lispector herum. Immer wieder taucht sie auf, doch scheint sie immer noch ein Geheimtipp zu sein. Zuletzt hat nun der Penguin Verlag ihre Erzählungen neu herausgegeben. Ich höre ab und zu gerne Hörbücher, eher Lesungen als Hörspiele und habe mir deshalb die Lesung von Erzählungen Lispectors von Hannelore Hoger interpretiert, vorgenommen. Hoger ist eine Kennerin und Verehrerin Lispectors. Es sind zwei Cd`s mit kürzeren und längeren Stories, die sie selbst ausgewählt hat. Hannelore Hogers Altersstimme schien mir mitunter etwas zu betulich für die Wucht der Kurzgeschichten Lispectors. Dennoch haben die Geschichten mich in ihren Bann gezogen.

Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren und kam auf der Flucht vor Progromen mit den Eltern nach Brasilien. Sie studierte Jura und arbeitete als Journalistin. Mit nur 23 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der aufgrund seiner Erzählart ein Sensationserfolg wurde. Sie heiratete einen Diplomaten mit dem sie auch nach Europa und in die USA ging. Später lebte sie in Rio de Janeiro von ihren Büchern und Übersetzungen. 

Die Autorin hat eine besondere Art das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. In ihren Geschichten geht es hauptsächlich um die Rolle der Frau. Frauen sind die Heldinnen, nicht immer wirken sie auf die Leserin sympathisch. Bezeichnend ist der dauernde Einblick in die Innenwelten, der einem die Figuren dann doch sehr nahe bringt. Gleich in der ersten Geschichte „Ich und Jimmy“ zeigt sie den Weg vieler folgender vor. Es geht um Mann und Frau und das Ungleichgewicht, dass zwischen beiden herrscht, wenn es um Rechte und eigene Vorstellungen geht. Die Protagonistin, sie mag um die 16 sein, schlägt den gleichaltrigen Freund Jimmy, mit dem sie zusammen ist, obwohl sie ihn gar nicht leiden kann, mit seinen eigenen Waffen, wobei sie im Denken und mit Worten sehr viel schneller und weiter ist als er. Ein ausgezeichneter Einstieg.
Auch in der nächsten Geschichte „Flucht“ geht es um eine Beziehung. Allerdings schafft die Heldin ihre Flucht nur in der Fantasie. Obwohl sie eines Morgens aus ihrem 12 Jahre dauernden Ehealltag ausbricht, kehrt sie doch am Abend zurück. Es liegt weniger am Mut, als am mangelnden Budget, dass sie sich wieder „nach Hause“ begibt.
Die Geschichte „Die kleinste Frau der Welt“ führt uns nach Zentralafrika zu den Pygmäen. Ein Forscher entdeckt den Stamm der kleinsten Pygmäen. Verständigen kann er sich kaum, doch die Leserin merkt schnell, dass die kleine schwangere Pygmäenfrau ganz andere Vorstellungen von Sprache und Ausdruck hat. Später wird in einer bekannten Zeitung das Foto dieser nur 45 cm großen Frau erscheinen und Lispector zeigt uns, wie die Menschen, die das Foto sehen darauf reagieren. Überwiegend wenig schmeichelhaftes tritt da zutage: von Ekel bis Befremdlichkeit, von Bedauern bis Gerührtheit. Aber auch ein „Gott weiß was er tut„. Man muss die Geschichte selbst lesen oder hören, um das ganze Ausmaß zu erkennen und man muss sie natürlich vor dem Hintergrund der Zeit des Entstehens sehen.

Generell erscheinen mir die Stories auf CD 1 stärker als die folgenden. Wobei, die letzte und auch eine der längeren Geschichten mit dem Titel „Einen Tag weniger“ einen krönenden Abschluss bildet. Hier lebt eine Frau seit Geburt an im Elternhaus, seit die Eltern gestorben sind mit der ehemaligen Kinderfrau als Gesellschafterin. Als diese 4 Wochen verreist, merkt sie, wie einsam sie eigentlich ist und wie lang sich ihr Tag hinzieht, den sie mit allerlei Ablenkungen zu füllen versucht. Schließlich klingelt sogar das Telefon. Mit großer Hoffnung nimmt sie ab, nur um festzustellen, dass die Anruferin sich verwählt hat und gar nicht sie erreichen wollte. Als sie, recht früh, zu Bett geht, erinnert sie sich an die Schlaftabletten ihrer Mutter. Eigentlich will sich nicht mehr als zwei einnehmen …

Lispectors Erzählungen haben eine ungemeine Tiefe, oft mit doppelten Böden. Sie wagt den Blick ins menschliche Innere und erzählt unverstellt aus dem darin befindlichen Dunklen. Ihre Sprache ist dicht und schön, oft arbeitet sie mit Wortwiederholungen zur Verstärkung, teils mit Metaebenen und surrealistischen Anteilen. Clarice Lispector ist unbedingt eine Autorin, die es zu entdecken gilt. Das Hörbuch bietet dabei einen guten Einstieg. 

Die Erzählungen sind den beiden Bänden Gesammelte Erzählungen entnommen, die neu übersetzt wurden von Luis Ruby. Die CD erschien bei Random House Audio. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

 

Feinste Buchkunst: Neues und Bewa(e)hrtes aus der Friedenauer Presse

Die feinen, kleinen Buchwunderwerke aus der Friedenauer Presse habe ich schon zu meinen Buchhändlerzeiten geliebt. Der 1963 in Berlin-Friedenau gegründete Verlag wurde von 1973 bis 2017 von Katharina Wagenbach-Wolff geführt. Unter der neuen Regie von Friederike Jacob in den Räumen des Matthes & Seitz Verlags ist er nun wieder höchst präsent und ich bin jedenfalls immer neugierig, was es hier zu entdecken gibt. Meine kleine bunte Auswahl stelle ich hier vor.

„Norwegen ist, wie allgemein bekannt, ein kleiner Staat, der in Europa keine Rolle spielt.“

Ganz neu erschienen, passend zum Buchmesse Gastland, ist der kleine Band „Briefe aus Norwegen“ von Isidora Sekulić. Die 1877 geborene Serbin bereiste im Herbst 1913 Norwegen und schreibt in ihren Briefen über die Natur und die Menschen, über die Begegnungen, ja, über die Seele dieses nordischen Landes. Ihre Reise führte von Oslo über Bergen nach Trondheim, dann ging es weiter mit dem Schiff über die Lofoten in die Finnmark. Solche Reisen als Frau in dieser Zeit sind durchaus bemerkenswert. Sekulić hatte Mathematik und Naturwissenschaften studiert und verfiel vollkommen der norwegischen Landschaft und den Naturschönheiten. Mitunter verknüpft sie dabei ihre Erlebnisse mit der nordischen oder anderen Mythologien und mit der klassischen Literatur. Der Band beinhaltet eine Auswahl von Texten von 1913 bis 1951. Danach folgt ein informatives Nachwort. Übersetzt wurde der Band von Tatjana Petzer. Der wunderbare Farbholzschnitt auf dem Cover und das Porträt der Autorin auf der ersten Seite stammen von Christian Thanhäuser. Es wurde feines Papier verwendet und fadengeheftet, in Broschur und kleinerem Format in der Reihe Wolffs Broschuren.

„Und wenn man die norwegische Grenze passiert, ist es, also ob man in das Haus eines ernsten, armen, sorgenvoll beschäftigten Menschen tritt, der sich über den Gast wundert und lange nicht glauben kann, dass sich der Gast darüber freut, auf Besuch in Norwegen zu sein.“

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

20191118_1354512460586730539398712.jpgEbenfalls neu erschienen sind unter dem Titel „Der Drang nach Haus“ Gedichte aus dem Exil von Marina Zwetajewa. Die Auswahl der Gedichte dieses schönen Bandes stammt von Richard Pietraß, ebenfalls Dichter, der auch übersetzte und ein aufschlussreiches Nachwort verfasste. Die Gedichte wurden weiterhin übersetzt von Waldemar Dege, Elke Erb, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel und Ilse Tschörtner. Das zauberhafte Umschlagbild mit der zarten Blüte hat Anni von Bergen gemalt. Im Format ist das Büchlein ungewöhnlich zwischen DIN A5 und DIN A4 und es ist auf feinem Papier gedruckt und fadengeheftet in der Reihe Friedenauer Pressedrucke.

„Der Drang nach Haus! Ein dutzendmal
Absurdgeführtes Narrentreiben!
Mir ist es längstens so egal,
Wo ich vollkommen einsam bleibe,“

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

20191118_135109441707848069325688.jpg2012 erschien die kurze Erzählung von J.-K. Huysmans mit dem Titel „Monsieur Bougran in Pension“. Es geht darin um einen Beamten des Justizministeriums, den man vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Als er sich dabei allzu sehr langweilt, richtet er sich zuhause ein, als sei er noch im Büro und bearbeitet Fälle, die er sich selbst ausdenkt …
Höchst amüsant und dennoch recht traurig liest sich die Geschichte, denn auch wenn sie bereits 1888 geschrieben wurde, wirkt sie aktuell wie heute.
Huysmans (selbst Beamter) ist vor allem bekannt durch seinen Roman À rebours/Gegen den Strich, der seinerzeit zum Kultbuch wurde. Gernot Krämer übersetzte, ein Nachwort von Daniel Grojnowski ergänzt den Text.

„Ja, der Gesetzgeber von 1853 hat in dem nachgiebigen Text überall Fußangeln aufgestellt; er hat alles vorhergesehen, folgerte er; den Fall eines Stellenabbaus, eines der gängigsten Mittel, um Leute loszuwerden; man streicht ihre Stelle, richtet sie ein paar Tage später unter anderer Bezeichnung wieder ein, und die Sache ist geritzt.“

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

20191120_1651583685824020650448618.jpgWolfgang Hilbig ist einer meiner Herzensautoren. Der 1941 in Meuselwitz/Thüringen geborene Autor war in der DDR einer der bekanntesten „Arbeiterdichter“. Das bedeutet schlichtweg, dass Hilbig lange als Heizer arbeitete und nur nebenher schrieb. Vieles was er schrieb fiel sofort unter die Zensur des Arbeiter- und Bauernstaats. Die Erzählungen in diesem, von Horst Hussel stimmig gestalteten Band aus dem Jahr 1994 sind aus den Jahren 1983 bis 1994 und sind, wie alles von Hilbig sprachliche Meisterwerke. Gleich in der ersten Geschichte, die den Titel des Buches „Die Arbeit an den Öfen“ trägt, zeigt sich die ganze Absurdität des DDR-Sytems … Erschienen in der Reihe Wolffs Broschuren.

„Unliebsames wurde nicht gedruckt, das war eine Tatsache, die der Heizer C., der seine Tage im Kesselhaus für gezählt hielt, erfahren hatte, als er einmal ein paar Blätter verschiedenen Redaktionen in Berlin einschickte. Nur in einem Fall erhielt er sie mit einer Erwiderung zurück: Er unterstelle den Zuständen des Landes eine Realität, so hieß es, die weit überholt sei, was bei ihm bis in den Wortschatz reiche.“

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

20191120_1640128215027811375285749.jpg

Zu guter Letzt kommt der nachtblaue Band von 1996, ebenfalls von Horst Hussel gestaltet, „Angst“ von Anton Čechov. Mit russischen Schriftstellern begann es auch, da der Gründer Enkel eines Petersburger Verlegers war. In den Erzählungen geht es weniger um Angst, vielmehr sind es sieben Liebesgeschichten, die jedoch alle nicht unbedingt glücklich enden: Es ist kompliziert. Womöglich sind sie deshalb so schön … Dabei ist auch „Die Dame mit dem Hündchen“, die ja in der Tat ein Klassiker aller Liebesgeschichten ist. Erschienen in der Reihe Wolffs Broschuren, übersetzt von Peter Urban.

 

„Man sagte, auf der Strandpromenade sei ein neues Gesicht aufgetaucht: eine Dame mit einem Hündchen. Dmitrij Dmitrievič Gurov, der in Jalta bereits zwei Wochen verbracht und sich eingewöhnt hatte, interessierte sich ebenfalls schon für neue Gesichter.“

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Einen schönen Überblick über das ausgewählte Sortiment und die feine Buchgestaltung der Friedenauer Presse gibt es auf der Verlags-Website.

Buchmesse Leipzig 2018 – Schwerpunkt Rumänien

 

 

Ich habe gesucht und in der Tat etwas Erlesenes aus Rumänien gefunden:

Filip Florian: Alle Eulen
Filip Florians Roman „Alle Eulen“  ist ein Roman der mir leuchtend gut gefallen hat. Es geht ums Aufwachsen in einem kleinen Karpatendorf und ums Geschichtenerzählen, um den oft  schwer erträglichen Alltag unter der Diktatur Ceaușescus und natürlich um Eulen. Ein neuer Roman soll im nächsten Jahr erscheinen, so wie dieser im Verlag Matthes & Seitz.

 

DSCN0518

Dann ist da Dana Grigorcea, die allerdings schon länger in der Schweiz lebt und auf Deutsch schreibt. 2015 nahm sie am Bachmann-Wettbewerb teil mit einem Auszug aus ihrem Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, mit dem sie den 3sat-Preis erhielt. Er bietet einen ganz guten, wenngleich sehr persönlichen Einblick in die Verhältnisse des Landes.

 

DSCN2710

 

 

Ein gerade eben erschienener kleiner Band mit einer Novelle, die an Tschechows „Die Dame mit dem Hündchen“ erinnert, heißt „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“. Beide erschienen im Dörlemann Verlag.

 

 

DSCN1729
Schwer beeindruckt hat mich vor einiger Zeit M. Blecher mit seinen Büchern, die sprachlich überragend und autobiografisch von einem Aufenthalt in einem Sanatorium berichten, wo sich der Autor sehr lange wegen seiner Knochentuberkulose aufhalten musste. Komplett eingegipst, verbrachte er seine Tage, Monate,  liegend und schrieb darüber. Der auf den Büchern basierende Film „Sacred Hearts“ ist künstlerisch ausgezeichnet gemacht und ergänzt die Bücher. Er bietet einen Einblick, manchmal grausigen, manchmal fröhlichen Blick in die Normalitäten der Heilanstalt. Zeitweise taucht man in eine Atmosphäre wie in Thomas Manns „Zauberberg“ ein.
Übersetzt wurden Blechers Bücher von Ernest Wichner, der lange Zeit das Literaturhaus Berlin leitete. Die Bücher erschienen im Suhrkamp Verlag.

Von  Mircea Cartarescu, der soeben mit dem Thomas-Mann-Preis 2018 ausgezeichnet wurde, wollte ich schon lange etwas lesen. Vielleicht ist nun die Gelegenheit dazu. Seine Bücher erscheinen bei Suhrkamp und Hanser.

DSCN1240
Dann komme ich zur Grande Dame der rumänischen Literatur, zur rumäniendeutschen Herta Müller. Zugegeben, für mich hat sich ihre schriftstellerische Arbeit vor allem über ihre wunderbaren Wort-Collagen erschlossen. Einige davon kann man hier von ihr selbst gelesen hören, sogar in rumänisch:

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/no-481-das-duemmste-ist-3001#.Wom18yXOXIU

Für ihre Romane jedoch – damals war „Atemschaukel“ gerade erschienen – erhielt sie 2009 den Nobelpreis für Literatur. Darin erzählt sie von der Gefangenschaft Oskar Pastiors im Arbeitslager. Er war in die Arbeit an diesem Buch integriert. Pastior ist als Lyriker höchst bekannt und war mit Herta Müller befreundet. Seine Gedichte, die zunächst in der Tradition des Dadaismus und des Oulipo standen, erregten damals in Rumänien in den 60er Jahren großes Aufsehen. Umstritten ist seine Tätigkeit als IM im Auftrag der Securitate, des rumänischen Geheimdiensts. Hier eine Hörprobe eines seiner Gedichte: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/immer-183

2018-02-16 13.45.38

 

Die rumänische Lyrik ist mir so gut wie unbekannt. Ich habe allerdings eine Anthologie aus dem Wunderhorn Verlag gefunden, die noch nicht allzu alt ist und die einige zeitgenössische Dichter vorstellt. Herausgeber ist wiederum Ernest Wichner.

Außerdem erscheint im Klak-Verlag eine Rumänisch-Deutsche Lyrik-Anthologie mit dem Thema Grenzen und weitere neue Bände rumänischer zeitgenössischer Autoren. Ebenso im Pop-Verlag .

 

Im Transit Verlag gibt es eine neue Anthologie mit rumänischer Prosa mit dem schönen Titel „Das Leben wie ein Tortenboden“.

Und im Verbrecher Verlag das „Handbuch der Zeiten“ von Stefan Agiopan.
Zitat Verbrecher Verlag: »Handbuch der Zeiten« gilt als moderner Klassiker Rumäniens. Viele der heute jungen Autorinnen und Autoren betrachten Agopian als Vorbild.

Der kleine feine Guggolz Verlag bringt eine Wiederentdeckung heraus: „Humbug und Variationen“ von Ion Luca Caragiale ein Band mit Erzählungen, entstanden zwischen 1890 – 1912.

Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ aus dem Wallstein Verlag bringt ein Heft zum Thema Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt, das einen schönen Überblick gibt.

Eine sehr schöne und ausführliche Besprechung zum „Buch des Flüsterns“ des Rumänen armenischer Abstammung Varujan Vosganian findet sich auf dem Blog „Schriftlichkeit“.

Für mich ist so ein Schwerpunktthema oder ein Gastland immer Anlass, mich mit der jeweiligen Literatur etwas mehr zu beschäftigen. Viel Freude beim Entdecken der rumänischen Literatur!
Im Herbst in Frankfurt dann Georgien …