Svenja Leiber: Kazimira Suhrkamp Verlag

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In Svenja Leibers neuem Roman stellt sie eine unangepasste Frau in den Vordergrund, eben die titelgebende Kazimira. Die Geschichte führt ins Baltikum in eine Zeit, in der mit Bernstein gut zu verdienen war, eine Zeit, in der Bernstein in Gruben gefördert wurde wie Kohle, in eine Zeit des wachsenden Fortschritts, der Mechanisierung. Anhand dreier Familien von unterschiedlicher Herkunft erleben wir die privaten aber auch die politischen Auseinandersetzungen, die für diese Zeit stellvertretend sind. Es geht um weibliche Emanzipation ebenso wie um den wachsenden Antisemitismus in Ostpreußen. Der Roman spielt in zwei unterschiedlichen Strängen einmal ab 1871 (mit kurzer Pause von 1918 bis 1930) bis 1945 und einmal im Jahr 2012. Beide werden am Schluss zusammengeführt. Mir hat die Geschichte so gut gefallen, dass ich mir gewünscht habe, die Autorin hätte auch die „Zwischenzeiten“ auserzählt.

Es beginnt an der kurischen Nehrung und in Königsberg. Kazimira, eine Frau, die sich noch auf die Natur mit ihren Geistern und eigenen Gesetzen versteht, lebt mit Antas Damerau zusammen in einer Hütte in den Dünen und sammelt Bernsteine, die ihr Mann schnitzt und drechselt. Sie verkaufen die Sachen an die wohlhabende jüdische Familie Hirschberg (angelehnt an die tatsächlich existierende Familie Becker) und Kazimira macht Näharbeiten ihm Haus. So verdienen sie ihren Lebensunterhalt. Als Hirschberg eine Grube zur Förderung von Bernstein bauen lässt, wird Antas sein bester Arbeiter.

„“Sie ist eine undurchsichtige Person. Angeblich ungetauft.“ Hier möchte sich Kowak auf die Zunge beißen. Stattdessen redet er etwas lauter weiter: „Hängt wohl einem Animismus an. Glaubt an Naturgötter. Eine gewisse Verehrung hege ich ja selbst dem Boden gegenüber, schon als Wissenschaftler.“ Er räuspert sich. „Und als Deutscher. Aber diese Anbetung von Kröten ist widerlich.““

Kazimira lernt unterdessen durch Henriette Hirschberg, einer gebildeten und emanzipierten Frau, Jadwiga Kowak kennen. Zwischen beiden entsteht eine zarte vorsichtige Anziehung, die sie später auch für sehr kurze Zeit vertiefen können. Doch in dieser Zeit (Ende 19. Jhdt.) lässt sich eine Liebe zwischen zwei Frauen nicht offen leben. Man trennt die beiden. Später finden jedoch Kazimiras Sohn Ake und Jadwigas Tochter Ilse zueinander. Kazimira möchte in der Grube arbeiten, würde gerne Hosen tragen, doch als Frau darf sie das nicht, Mann darf sie schon gar nicht sein. Als sie sich aus Protest die Haare abschneidet, meidet man sie offen bzw. greift sie sogar an.

„Ein Jahr später steht die Kaz an Jadwigas Grab. Das Grab liegt auf dem katholischen Friedhof.
Kazimira betrachtet die Erde und denkt an die Ahne und dass die noch wusste, was all das zu bedeuten hat, der Tod und das Leben und die Erde und der Himmel.
„Jetzt bist du schon auf unserem Stern“, flüstert sie. „Und bald komm ich auch.“

Nach und nach baut Hirschberg seinen Betrieb aus und auch ein soziales System für seine Arbeiter auf, das ihnen eine gewisse Absicherung bietet. So zeigt sich der Fortschritt auf vielen Ebenen. Doch nicht alle sind Hirschbergs wohlgesonnen. Sie haben mit Antisemitismus und mit Neid und später auch mit Ausgrenzung zu kämpfen. Letztlich verkaufen sie das Unternehmen und ziehen nach Wien.

Im zweiten Teil des Romans um 1930 begegnen wir Helene Damerau, Ilse und Akes Tochter, die sich in Pavel Petrov verliebt. Helenes Eltern sind in die USA ausgewandert. Helene wollte bleiben und gründet mit Pavel eine große Familie mit 7 Kindern. Um den Lebensunterhalt zu sichern, ziehen sie von Hof zu Hof, leben kurz in Königsberg und landen schließlich auf Gut Eilung, wo sie ein Auskommen finden. Die so lebendige Tochter Jela, die mit Trisomie geboren wird und zeitweise bei Kazimira lebt, wird noch als Kind in ein „Sanatorium“ gebracht und wird dort im Zuge der Eugenik als „unwertes Leben“ ermordet. Wir begleiten das weitere Schicksal der Familie bis in und durch den zweiten Weltkrieg bis zum Einmarsch der russischen Armee. Hier wird die Familie auseinander gerissen …

Im Erzählstrang, der im Jahr 2012 spielt, ist die Grube in Kaliningrad selbst in der nachkommunistischen Zeit marode und bringt kaum etwas ein. In Jantarnyj arbeitet die junge Nadja im Verkaufspavillon für Bernsteinschmuck und Souvenirs, doch der Umsatz ist mau. Das Geschäft mit Bernstein ist fast zum Erliegen gekommen. Zwar kommen noch deutsche Touristen, aber die tun überheblich, als wären sie immer noch auf deutschem Boden, sagt Nadjas Kollegin. Nadja hat eine kleine Tochter zu versorgen. Sie kommt schließlich mit Anatolij zusammen, der gerade seine Arbeit im Werk verloren hat. Durch einen nicht ganz sauberen Deal mit einem russischen Händler, der in China einen neuen Markt für Bernstein aufgetan hat, kommen die beiden zu etwas Geld, um ihren Heimatort hinter sich zu lassen. Durch den Tod von Nadjas Vater führen schließlich die beiden Erzählstränge zusammen …

Svenja Leiber hat echtes Talent, was Sprache angeht. Beim Lesen freue ich mich immer wieder über diese schöne Sprache, die von großer Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit zeugt. Auch die Handlung wird von dieser Sprache getragen und wirkt durch sie stark und dicht. Nicht zuletzt durch sie habe ich Kazimira in mein Herz geschlossen. Ein Leuchten wie Bernstein!

Der Roman erschien beim Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und ein aufschlussreiches Interview mit der 1975 geborenen in Hamburg aufgewachsenen Autorin, auch über ihre umfangreichen Recherchen vor Ort, gibt es hier hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Film-Kunst-Film: Werk ohne Autor von Florian Henckel von Donnersmarck 2018

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Schon mehrmals habe ich nun über einen Social Media Kanal Kinokarten gewonnen. Facebook scheint mir Glück zu bringen (Dank an Suhrkamp für die Ausdauer beim Zusenden). Zuletzt war es der Film „Werk ohne Autor“, der mit immerhin über drei Stunden Laufzeit aufwartet. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.

Kurt Barnert heißt der Künstler im Film und er durchlebt drei politische Systeme: als Kind den Nationalsozialismus, als junger Mann die Anfänge der DDR und durch „Flucht“ in den Westen kurz vor dem Mauerbau die Bundesrepublik. Als Künstler fängt Barnert im Westen wieder ganz neu an, nachdem er im Osten bereits ein hoch angesehener Maler war, der mit sozialistischen Wandgemälden den Arbeiter- und Bauernstaat porträtierte. Die Initiation (siehe Szene oben) an der Kunsthochschule in Düsseldorf erhält er im Film von einem Kunstprofessor, der unschwer als Joseph Beuys (sehenswert der Film „Beuys“)  erkennbar ist. Beeindruckend wie der Regisseur die oft verzweifelte Suche des Malers nach dem künstlerischen Ureigenen darstellt. Mit seinen fotorealistischen Gemälden, die er minimal verändert durch Verwischungen wird er sich auf den Weg begeben und erste Erfolge erzielen. Als Vorlage dienen zum Teil Familienfotos, unter anderem von der psychisch labilen Tante, die ausgerechnet von Barnerts Schwiegervater, der im nationalsozialistischen Deutschland bekannter Professor der Gynäkologe war und Zwangssterilisierungen durchführte, später als „unwertes Leben“ in den Tod geschickt wurde. Dieser Teil der Geschichte stimmt genau mit Gerhard Richters Biografie überein.

Ich kann diesen Film nur empfehlen. Er ist mit hochkarätigen Schauspielern besetzt, allen voran Tom Schilling (Mein Kampf, oh boy) und Paula Beer (Poll, Frantz, Transit) Das Filmbuch, erschienen bei Suhrkamp, enthält ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur und ein interessantes Gespräch zwischen Alexander Kluge und Thomas Demand. Desweiteren empfehle ich den Film „Gerhard Richter Painting“ von Corinna Belz (die auch den wundervollen Film über Peter Handke drehte). Hier werden auf achtsame Weise die Malprozesse, die Entstehung von großformatigen Gemälden Richters dokumentiert. Die Biografie von „Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter: Das Drama einer Familie“, welche unter anderem Donnersmarck als Vorlage diente ist ebenso lesenswert.

Werke von Richter, der in Dresden zur Welt kam, kann man im Gerhard-Richter-Archiv in Dresden sehen. Ich war kürzlich in der Ausstellung „Abstraktion“ (siehe Fotos) im Museum Barberini in Potsdam, die allerdings bereits beendet ist.

Uwe Timm: Ikarien Kiepenheuer & Witsch

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Gleich eingangs, vielleicht schon vom Cover her, fiel mir eine gewisse Ähnlichkeit zu Christoph Heins „Trutz“ auf. Hier ein Eugeniker, dort ein Mnemoniker. Hier ein Ploetz, dort ein Trutz, jeweils ein schwarz-weiß-rotes Cover und die Geschichte eines Erzählers in Rückblenden erzählt und zwei in etwa gleich alte Autoren …
Natürlich ist es dann doch etwas ganz anderes, schließt aber gut an das kürzlich besprochene Buch „Die Stunde der Spezialisten“ an, welches mir letztlich – Hand aufs Herz – auch besser gefiel, obwohl ich Uwe Timms Romane sehr mag..

„Es sind keine Monster, recht normale Menschen. Und solange sie leben, haben sie tausend kleine Erklärungen, wie sie zu diesem bereitwilligen Pflichttöten gekommen sind, warum es „normal“ erschien. Am Anfang vielleicht noch begleitet von einem schlechten Gewissen, das ihnen sagte, es ist nicht recht, ein Tun, das dann durch die Gewöhnung selbstverständlich wurde.“

Timm siedelt seine Handlung kurz nach dem Krieg 1945 in Deutschland an. Der junge amerikanische, aber deutschstämmige Nachrichtenoffizier Hansen soll einen überlebenden Zeitzeugen und Dissidenten befragen, um herauszufinden, was dessen ehemals enger Freund Alfred Ploetz (den es tatsächlich gab), ein Eugeniker, also ein Wissenschaftler, der die Erbanlagen von Menschen untersucht, um etwa zukünftige Erbkrankheiten zu verhindern, mit dem Thema Rassenhygiene zu tun hat. Mit seinen Theorien und seiner Forschung arbeitete er offensichtlich direkt den Nationalsozialisten in die Hände.

„Langweile ich sie?“

fragt der Zeuge Wagner einmal im „Verhör“, eigentlich sind es wohlwollende Gespräche. Und ich als Leserin muss leider antworten: „Ja, mitunter schon“.

Denn so richtig kommt der Roman nicht in Schwung. Irgendwo hakts; ich weiß nicht genau wo. Die Zeugenbefragung erweist sich als sehr langatmig, da der 81-Jährige, der versteckt in einem Antiquariat lebte, sehr weit ausholt, auch mit seiner privaten Lebensgeschichte aufwartet. Das ist allerdings noch relativ interessant, im Gegensatz zum Privatleben des befragenden Offiziers, das immer zwischen den (Verhör-)Gesprächen eingeschoben wird: So sieht man Hansen, den amerikanischen Offizier durch das zerstörte München laufen, Kaugummis verteilen oder den Erörterungen seines Mitbewohners, des GI´s George, im beschlagnahmten Haus am Ammersee über Vogelkunde lauschen. Ansonsten liest man, wie Hansen mit dem ebenfalls beschlagnahmten Cabrio Frauen durch die oberbayerische Landschaft chauffiert, ganz abgesehen von den folgenden Bettgeschichten. Hier hätte Timm die Person Hansens interessanter machen oder diese Zwischenspiele gleich gänzlich weglassen können.

Interessant wird der Roman immer dann, wenn er tatsächlich zum Thema der ganzen Untersuchungen kommt, der Eugenik, was leider nur oberflächlich der Fall ist. Noch interessanter sind die Teile, die den Besuch der neuen Siedlungen der „Ikarier“ oder der „Amanen“ in den USA schildern, bei denen die Suche nach einer neuen Gesellschaftsform, einer neuen Lebensart im Mittelpunkt steht. Wagner und Freund Ploetz begaben sich auf die Erkundungsreise, die Auserwählten aus einem Kreis, zu denen auch die Gebrüder Carl und Gerhart Hauptmann gehörten.

„Sie haben Posten verteilt, die Idee war groß, diese Idee, dass es eine Gesellschaft geben müsse, die beides vereint, die soziale Gerechtigkeit und die Weiter- und Höherentwicklung der Menschen.“

Ikarien, ist die Idee einer utopischen Gemeinschaft, die vom französischen Revolutionär Étienne Cabet 1840 in Amerika gegründet wurde und bei der alle Besitztümer verstaatlicht sind. Interessanterweise funktionierten die Kommunen, die religiös-spirituell ausgerichtet sind gut, während bei den kommunistischen Denkmodellen bald große Unzufriedenheit unter den Bewohnern herrschte.

Timms Roman erscheint mir mitunter etwas zu ausschweifend erzählt, wo hingegen die tatsächliche Thematik „Ikarien“, das Nachdenken über neue Möglichkeiten des Zusammenlebens in sozialer Gemeinschaft, das ja aktueller ist, denn je, etwas zu vage blieb …

Uwe Timms „Ikarien“ erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier .

Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten Die andere Bibliothek

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Wie konnte ich nur vergessen, wie wunderschön die Bände aus „der anderen Bibliothek“ sind. Kleine Kunstwerke für Bibliophile sind es, Stecknadeln im Heuhaufen der unüberschaubaren Bücherwelt.

Allerdings ist in diesem Band der Inhalt ganz konträr zum schönen Äußeren, so gar kein schöner, zumindest thematisch. Barbara Zoeke schreibt über ein dunkles Kapitel Deutschlands. Man ahnt es vielleicht anhand der Krankenhausbetten und der Schwesterntracht: Es geht um die sogenannte Rassenhygiene und um Euthanasie in der NS-Zeit. „Die Spezialisten“ aus dem Buchtitel sind nämlich genau die Ärzte, die ohne zu zögern „unwertes Leben“ aussonderten und in ihren Tötungsanstalten, skrupellos ums Leben brachten.

„Hitlers Spezialisten, sie sprechen von geistig Toten, von Ballastexistenzen. Sie erproben Tötungsverfahren, elegante, geheime, um die Säle der Landeskrankenhäuser zu leeren und die Rasse rein zu halten.“

Barbara Zoeke gelingt es trotzdem mit ihrer Sprache und dem Ton, der in diesem Roman herrscht, eine sehr gute, wenn auch nicht gut ausgehende (wie auch?), Geschichte zu erzählen. Ich bin beeindruckt von diesem Können. Über solch ein Thema einen Roman zu verfassen, braucht meiner Meinung nach viel Mut.

Der Roman ist in fünf Kapitel geteilt. Im ersten wird aus der Sicht der Hauptfigur Max Koenigs im  Jahr 1940 erzählt. Koenig ist Professor für Altertumsforschung, der mit seiner Frau Fee, einer Italienerin und der Tochter Püppi, in Leipzig lebt. Als sich die Zeichen häufen, dass er an der gleichen ererbten Nervenkrankheit Chorea Huntington, wie sein Vater litt (der hatte sich zusammen mit Koenigs Mutter umgebracht), kommt er zunächst in die Klinik in Wittenau bei Berlin. Sein ehemaliger Mentor warnt ihn, solange noch Zeit ist, er möge auf sich aufpassen und zumindest seine Familie aus Deutschland herausbringen.

„Du ahnst nicht, wie kränkend sie mich behandeln. Diese Medizinbüttel in ihren brettsteifen Kitteln. Lautstark zerpflücken sie meine Vita. Ich liege da, ein Wurm, über den sie reden. Professor für Altertumsgeschichte …“

In Wittenau lernt er drei Mitpatienten, den Jungen Oscar, den Lehrer Carl Hohein und die junge Frau Elfie, (die später als einzige überlebte), näher kennen. Die Klinikleitung entscheidet anhand von Fragebögen, welche Patienten „ausgelagert“ und „entsorgt“ werden sollen. Dazu gehören alle, die nicht mehr arbeiten können. Carl kann zunächst noch arbeiten, stirbt dann aber in einer Klinik an Unterernährung, welche ja auch im Euthanasie-Programm der Nazis vorgesehen war. Max und der mongoloide Junge Oscar werden in Bernburg an der Saale gleich nach Ankunft in der Gaskammer ermordet (14000 Menschen wurden dort zwischen 1940 und 1943 im Rahmen der Euthanasieprogramme vergast).

Die zweite Perspektive ist die von Dr. Friedel Lerbe, Arzt und Leiter der Tötungsanstalt Bernburg. Eine „geheime Reichssache“ übernimmt der Arzt, auch wegen der vielen materiellen Vorteile. An die Tötungen gewöhnt er sich leicht, ist doch alles zum Wohle des deutschen Volkes: das Bewegen des Gashebels, die Beruhigung der „Leichenbrenner“, sie sich über Schwierigkeiten beklagen, die Todes- und später speziell formulierten Trostbriefe, die an die Angehörigen gehen, die ausgedachten Todesarten. Ein ganz normales Leben, so gut wie keine Zweifel an der Tätigkeit, sogar alltägliche Tötungsroutine, bis auf die Begegnung direkt vor der Gaskammer mit Max Koenig, einem flüchtigen Bekannten/Verwandten, der zumindest eine Erinnerung und ein kurzes Zögern hervorruft: „Max Koenig, das war Onkel Gernoths Schwager.“

„Kaum einer wird sich vorstellen können, wie kompliziert und facettenreich meine Tätigkeit ist. Wie sehr ich als Chef dafür stehe, dass alles still und reibungslos funktioniert. Nur sehr naive Menschen können vermuten, dass das Töten unsere Hauptarbeit ist.“

Unfassbar.

In den letzten drei kürzeren Kapiteln schildert die Autorin knapp den Suizid Friedel Lerbes in Gefangenschaft nach Ende des Krieges, kurz vor seinem Prozeß.

Und sie erzählt von der Überlebenden Elfie, die zumindest die Mutter ihres Liebsten, Carl Hohein, am verabredeten Treffpunkt am Meer in Italien nach dem Krieg, wieder sieht. Von ihr erfährt sie die Geschichte von Carls Tod.

Auch Fee und die Tochter scheinen es geschafft zu haben, den Krieg zu überstehen.

„Die Stunde der Spezialisten“ von Barbara Zoeke erschien als 393. Band von „Die andere Bibliothek“. Die Illustrationen des Vor- und Nachsatzblatts stammen von Lars Henkel. Das Buch ist wie alle dieser Reihe auf feinstem Papier gedruckt, fadengeheftet mit Lesebändchen und im illustrierten Schuber. Ein bibliophiles Leuchten!
Mehr über Buch und Autorin findet sich hier.