#weiterschreiben Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt Ullstein Verlag

Inzwischen hat sich dieses bereits am 16.1.19 hier auf dem Blog vorgestellte Projekt ein großes Stück erweitert und feiert gerade 5-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass gibt es noch einmal den Beitrag zum Buch und den Hinweis auf das Hörbuch, welches gerade erschienen ist: Dabei sind Autoren, die von Anfang an dabei waren, wie auch ganz viele neue. Siehe unten.

Hörbuch: Weiter Schreiben – (W)Ortwechseln

Ein wirklich tolles Projekt haben sich die Autorinnen Annika Reich und Lina Muzur ausgedacht und in die Tat umgesetzt. Es begann mit der Idee eine Möglichkeit zu finden für Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten und/oder im Exil weiter zu schreiben und auch weiter gelesen zu werden. Daraus entstand im Netz eine Website und nun die gedruckte Anthologie.

Das Buch ist innen viel schöner geworden als das Cover verspricht. Ich bin ziemlich begeistert, dass im Buch nicht nur Texte, sondern auch Kunst, bunt sich ausbreitend, enthalten ist. Es ist auch das, was ich zuerst ansehe. Ich bin mit Bildern vertraut, ich nehme vieles wahr, was dahinter steht. Es sind Fotos, Mixed Media-Arbeiten, Malerei und Tusche, die ich selbst als Material so liebe. Ich gehe mit diesem Buch anders um, lese nicht von vorne nach hinten durch, sondern blättere, lese, blättere, schaue.

Deutschsprachige Autorinnen und Autoren trafen sich, real oder über den Bildschirm, um über ihr Schreiben zu sprechen, zu übersetzen oder einfach der Welt des/der anderen zu begegnen. Ob Annett Gröschner mit Lyrikerin Widad Nabi in die Geschichte ihrer Heimathäuser eintaucht, ob Saša Stanišić über ein Lachen von Salma Salem erleichtert ist oder ob der Journalist und Dichter Ramy Al-Asheq überrascht ist, als die Lyrikerin Monika Rinck, bei ihrem Treffen sofort beginnt sein Gedicht zu übersetzen, alle haben einen stimmigen Umgang miteinander gefunden, alle haben sie mich getroffen, nah am Herzen.

Ich werde nicht viel mehr über das Buch schreiben. Das entscheide ich gerade beim Blättern. Ich werde kurz aufzeigen, was es für mich so wertvoll macht, stärker, als ich vorher dachte. Es erzählt von Menschen, die das tun, was ich auch tue, Schreiben, trotz aller Widrigkeiten, innerer und äußerer. Ob im Innen Krieg herrscht oder im Außen – Schreiben bleibt.

Auszug aus dem Gedicht „Briefe an 14 Gazellen“ von Widad Nabi

„Nachts werde ich alt
heimlich vor der Zeit,
ohne dass mich jemand sieht.
Ich werde hundert Jahre alt.
Die Traurigkeit, die unter meiner Haut wächst,
wird zum Gedicht,
und ich bleibe, wie ich bin,
eine kleine Gazelle im Spiegel der Quelle.

Auszug aus „Das Herz eines Wolfes kochen“ von Rabab Haidar

„Wölfe werden immer nur mit Männern in Verbindung gebracht: Männer essen ihre Herzen und die Wölfe essen ihre. Wölfe werden Männer und verwandeln Männer in Wölfe.
Frauen hingegen werden mit Schlangen, Skorpionen, Eulen, Mäusen, Katzen oder Kaninchen assoziert. Mit Wölfen nicht.
Wie soll ich nur von mir erzählen?“

Auszug aus dem Gedicht „Den Dichtern folgt die Traurigkeit“ von Ramy Al-Asheq 

„Den Dichtern
folgt nur die Traurigkeit

Sie erwacht wie ein Funke an Fingerspitzen
und schläft ein
wischt man eine Träne
fort
mit den Fingerspitzen

Geboren wird sie
unbefleckt
bevor die Sprache sie überfällt
und benennt

Sie tritt ein mit dem Wind
und fährt aus mit der Seele“

Ich lege dieses Buch allen sehr ans Herz. Es ist eine Schatztruhe, eine Wunderlampe, ein Leuchten!

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Alle Beteiligten hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen, sie sind aber im Buch und auf der Verlagsseite zu finden, wo es auch eine Leseprobe gibt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Der Beitrag erschien zum ersten Mal am 16.1.19.

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Aus dem Archiv: Riikka Pelo: Unser tägliches Leben C. H. Beck Verlag

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Abbild der Dichterin als Mutter

Marina Zwetajewa und ihre Tochter Ariadna – eine komplexe Beziehung

Über „Unser tägliches Leben“ soll sie schreiben, die kleine Ariadna, das elfjährige Mädchen, das eigentlich nur ein ganz normales Kind sein möchte. So verlangt es ihre Mutter. Und ihre Mutter ist niemand geringeres als die russische Dichterin Marina Zwetajewa. Die behandelt die kleine Tochter wie eine Erwachsene und verlangt oft mehr, als sie selbst geben kann. Das gemeinsame geschriebene Werk soll als großes Prosawerk erscheinen und von ihrem Leben zeugen.

Der Roman der Finnin Riikka Pelo, für den sie den renommierten Finlandia-Preis erhielt, beschreibt Auszüge aus dem Leben der russischen Dichterin Marina Zwetajewas. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Beziehung der Dichterin zu ihrer Tochter Ariadna. Leserinnen und Leser, die keinerlei Vorkenntnisse über die Zwetajewa haben, wird die Lektüre schwerer fallen. Pelos Roman setzt biografische Kenntnisse voraus oder fordert zumindest eine nähere Beschäftigung mit der Biografie der Dichterin. Pelo skizziert die Zwetajewa als eine zerrissene, schwierige Frau, die einem nicht wirklich sympathisch ist.

Marina Iwanowna Zwetajewa, geboren 1892 in Moskau, hatte eine unruhige Kindheit: die Familie lebte ständig an anderen Orten. In Paris studierte sie Literatur und entdeckte für sich die Poesie. Sehr jung heiratete sie Serjoscha Efron, doch auch nach der Heirat ging das unstete Leben ohne Sesshaftigkeit weiter. Ariadna ist die zweite Tochter; die erste, Irina, starb in einem Kinderheim. Viel später folgt der Sohn Georgi, genannt „Mur“. Marina schwankte zwischen dem Wunsch unabhängig zu sein und endlich in Ruhe an ihrer Dichtung arbeiten zu können und an der Verpflichtung, ihre Kinder zu versorgen. Die Eltern hatten beide außereheliche Affären. Marina zog daraus oft ihre Inspiration. Wichtige Rollen spielten dabei Boris Pasternak, Ossip Mandelstam, Anna Achmatowa und Rainer Maria Rilke. Im kommunistischen Stalin-Regime geächtet, gänzlich verzweifelt und ohne Mittel nahm sie sich im Jahr 1941 das Leben.

Zwei Stränge ziehen sich wechselweise durch den Roman. Einer spielt im Jahr 1923 in Vsenory nahe Prags und der andere 1939 in Moskau und Bolschewo jeweils im Monat August. Die Kapitel des Jahres 1923 werden aus der Sicht Marinas erzählt, die aus dem Jahr 1939 von Ariadna und zwar aus der Ich-Perspektive. Der Roman endet mit kurzen Sequenzen aus dem Jahr 1941 aus Jelabuga und Workuta. Unterbrochen werden die Kapitel von losen Gedanken oder Erinnerungen aus dem Bewusstseinsstrom der Tochter Ariadna. Vielleicht sind es Träume, vielleicht sind es sogar Auszüge aus den gemeinsam geschriebenen Heften.

Die Kapitel des Jahres 1923 erzählen von der gemeinsamen Zeit Marinas und Ariadnas in einem Dorf nahe Prags. Serjoscha Efron, Marinas Ehemann, befindet sich in einer Heilklinik aufgrund seiner schwachen Gesundheit und die Tochter Ariadna soll auf Wunsch des Vaters in eine Art Internat geschickt werden. Die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter ist eine zwischen Symbiose, Hingabe und Egozentrik pendelnde; das Kind aufgeweckt und klug, aber eben auch noch Kind. Doch nichts ist spielerisch: Marina meint es ernst. Die Tochter soll ihr folgen …

„Es gibt Geschichten und es gibt Gedichte.
Ich habe den Unterschied gelernt. Geschichten kommen aus der Welt, die alle
haben, aber Gedichte kommen aus dem Herzen, darum sind sie wichtiger. Jeder hat seine
eigenen Gedichtwörter, man muss sie nur finden. Man muss sie hören.“

Im Kapitel des Jahres 1939 steht Ariadna, die inzwischen 27jährige Tochter im Mittelpunkt. Die Geschichte setzt ein mit dem Zeitpunkt, an dem Ariadna vom Arzt erfährt, dass sie schwanger ist. Den Vater des Kindes, Mulja, liebt sie innig, das Kind wird sie zusammenschweißen, dessen ist sie sich sicher. Sie hat, zurückgekehrt aus Paris, in Moskau endlich eine Stelle bei einer Zeitung bekommen. Die Kunstakademie, an der sie Malerei studieren wollte, hat sie aufgrund ihres Lebenslaufs nicht aufgenommen. Jeder, der aus dem Ausland zurückkehrt, wird verdächtigt, ein Spion zu sein. Doch sie glüht ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter für den Kommunismus, für den „neuen“ Menschen, für Stalins Regime.

„Ich hatte gesagt, Sie müssen, Marina, einmal Vater Sonne von Angesicht zu Angesicht sehen, dann verstehen Sie all das, alles. Sie haben dich tatsächlich in ihren Fängen, sagte sie damals, nicht verurteilend wie sonst, sondern traurig, und ich wusste, dass es sinnlos war, den Versuch zu machen, sie in diesen Dingen aufzuklären.“

Mulja jedoch hat bereits Frau und Kind und erfüllt nur einen Auftrag von höherer Stelle. Dass der Mann, den sie so sehr liebt, ihre eigene Familie bespitzelt, erkennt sie nicht. In diesem Kapitel finden sich seitenweise schwärmerische Liebesbekundungen Ariadnas für ihren Geliebten, die man durchaus hätte kürzer halten können. Diese Liebesgeschichte durchdringt dann auch den kompletten zweiten Strang im Jahr 1939, in der Marina deutlich mehr im Hintergrund steht.

In den letzten Kapiteln aus dem Jahr 1941 ändert sich zunächst der Ton, es erfolgt eine Zäsur: Ariadna wird bei einer Familienfeier „abgeholt“. Man wirft ihr Landesverrat vor. Die Szenen, die im Gefängnis und unter der Folter spielen und die schließlich zu einem (falschen) Geständnis Ariadnas führen, werden dem Leser von der Autorin stakkatohaft in kurzen einzelnen Sätzen hingeworfen. Kaum lesbar sind diese grausigen Szenen, in deren Folge Ariadna schließlich auch ihr ungeborenes Kind verliert. Von all dem weiß Marina nichts, auch nicht über ihren Mann, der kurz nach Ariadna verhaftet wurde. Sie versucht dem Sohn Mur eine gute Zukunft zu bieten, doch die Armut scheint aussichtslos und schließlich fasst sie den tödlichen Entschluss.

Sinnvoll wären für das Buch ein Verzeichnis der Protagonisten – die russischen Doppel- und Kosenamen sind nicht immer leicht auseinanderzuhalten – und eine Rubrik mit Anmerkungen zum Verständnis der geschichtlichen und privaten Zusammenhänge gewesen. So muss der Leser sich vieles zusammensammeln, wenn er wirklich tief in die Geschichte eintauchen will. Pelos Roman ist nicht per se ein politischer Roman, blendet aber die politischen Geschehnisse, wie etwa die Folgen der russischen Revolution, den zweiten Weltkrieg und die Stalin-Zeit, nicht aus, sondern verankert ihre Protagonisten, insbesondere Ariadna darin und hält sich an die Fakten.

Die Geschichte der Beziehung Marina Zwetajewas zu ihrer Tochter Ariadna ist in der Tat eine spannende aufgrund ihrer so gegensätzlichen Weltanschauung. Die Autorin verliert sich allerdings leider manchmal in allzu ausschweifenden Beschreibungen. So auch in jenen Zwischenkapiteln, die manchmal wie lyrische Prosa erscheinen, manchmal wie ein verwirrender Bewusstseinsstrom ohne Zusammenhänge, so dass sie den Lesefluss der eigentlichen Geschichte unterbrechen und verlangsamen. Einige Kürzungen hätten dem Roman sicher gut getan. Dennoch kann ich ihn empfehlen: Er ist einer der Interessantesten und Bemerkenswertesten unter so vielen, die es über Schriftsteller oder Dichter zu lesen gibt. Er macht Lust, sich (einmal wieder, einmal mehr) mit dem Werk der Marina Zwetajewa und deren Lebensgeschichte näher zu befassen: Einer Frau, die intensiv lebte, die ohne ihre Dichtung nicht sein konnte, letztlich aber doch zwischen politischem Standpunkt, Familienfürsorge, Überlebenskampf und dem Anspruch an ihr Dasein als Künstlerin aufgerieben wurde und daran zerbrach.

Die Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.

Hamburg

Irmgard Keun: Nach Mitternacht Claassen Verlag

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„Ein Deutschland mit unfrohen rohen Gesängen und drohenden Rundfunkreden, mit der künstlichen Dauer-Ekstase von Aufmärschen, Partei-Tagen, Heil-Jubeln und Feiern. Ein Deutschland voll berauschter Spießbürger. Berauscht, weil sie es ein sollten – berauscht, weil man ihnen Vernunftlosigkeit als Tugend pries – berauscht, weil sie gehorchen und Angst haben durften und berauscht, weil sie Macht bekommen hatten.“

So schreibt Heinrich Detering im Nachwort des Romans über das, was Irmgard Keun 1947 zu ihrem Buch sagte, was sie darin hatte zeigen wollen. Nun wurde „Nach Mitternacht“ neu aufgelegt mit einem wunderbaren Cover, welches der Roman auch bei der ersten Auflage im Jahr 1937 beim Exilverlag Querido in Amsterdam trug. Die 1905 in Berlin geborene Autorin hatte mit ihren Romanen großen Erfolg, besonders mit „Das kunstseidene Mädchen“, musste aber aufgrund der Verbote durch die Nationalsozialisten 1936 ins Exil gehen. Unter anderem ging sie nach Oostende, wo sie auf Josef Roth traf und mit ihm eine Beziehung einging. Sie kehrte 1940 wieder nach Deutschland zurück und lebte mit falschen Papieren aber unerkannt bis 1945 in ihrem Elternhaus in Köln. Nach dem Krieg dauerte es, bis ihre Literatur wieder bekannter wurde. Erst in den Siebziger Jahren wurde sie erneut entdeckt.

Was ich an Irmgard Keuns Romanen so liebe, ist dieser frische, oft naiv aber doch frech anmutende Ton in ihren Texten. Sie erfindet schöne Wortkombinationen, die für mich auch als eine Art Erkennungszeichen fungieren:

„Noch nicht mal mein Haar leuchtet. Es hat eine blonde Farbe, die schläft.“
oder
„Am liebevollsten konnte der Franz es sagen: „Sanna“. Weil er ja überhaupt so langsam und samtig denkt.“
oder
Leise plätscherten ihre Gespräche, es hörte sich an, als regne es im Lokal.“

Die Geschichte um die 19-jährige Susanne, Sanna genannt, spielt innerhalb 48 Stunden in Frankfurt am Main des Jahres 1936. Sanna wohnt dort bei Algin, ihrem Stiefbruder, der bis zur Machtübernahme der Nazis ein bekannter und oft gelesener Schriftsteller ist und seiner Frau Liska in recht wohlhabenden Verhältnissen. Vorher lebte sie bei Ihrer Tante Adelheid in Köln, einer verbitterten Frau, deren Sohn Franz nun allerdings ihr Liebster ist. Sanna musste dort weg, weil die eigene Tante sie bei der Gestapo denunziert hatte und sie nur mit viel Glück nach dem Verhör frei gelassen wurde. Sie hatte ganz unbedarft etwas über die Reden des Führers gesagt, was nicht gut ankam.

„Durch die Diktatur ist Deutschland ein vollkommenes Land geworden. Ein vollkommenes Land braucht keine Schriftsteller. Im Paradies gibt es keine Literatur. Ohne Unvollkommenheiten gibt es keine Schriftsteller und keine Dichter. Der reinste Lyriker bedarf der Sehnsucht nach Vollkommenheit. Wo Vollkommenheit ist, hört die Dichtung auf. Wo keine Kritik mehr möglich ist, hast du zu schweigen.“

In Frankfurt nun ist ihre kleine Welt, die Wohnung von Algin und seiner Frau Liska und deren Freunde und Bekannte. Der Brief von Franz, der eines Tages nach langer Schreibpause eintrifft, lässt sie hoffen, dass er nun nach Frankfurt kommt und ihr gemeinsames Leben doch endlich beginnen könnte. Am gleichen Tag wird der Führer in Frankfurt erwartet, der Opernplatz fühlt sich mit Menschenmassen, während Sanna mit ihrer Freundin Gerti durch die Straßen, Cafes und Kneipen streift. Für die Wartenden wird es eine Enttäuschung, denn Adolf Hitler fährt mit großem Troß durch die gesperrten Straßen, hält jedoch nicht an, die erwartete Rede fällt aus.

„Jetzt heult die Gerti plötzlich los, weil sie den jungen Aaron heute nicht getroffen hat, ich muss sie trösten. So ein Mädchen verliebt sich nun ausgerechnet in einen verbotenen Mischling, wo es doch immer noch Männer gibt, die von der Behörde erlaubt sind.“

Aus Sannas Erzählungen erfahren wir, wie sie, die eigentlich unpolitisch ist, sich mit der „Weltanschauung“ der Nationalsozialisten auseinandersetzen muss. Durch ihre Offenheit und Direktheit ohne Hintergedanken eckt sie mitunter an. Aus verschiedenen Blickwinkeln wird die Situation beleuchtet. Während die Deutschen immer hitlerhöriger werden, verstummen kritische Stimmen, freiwillig oder gezwungenermaßen, während jeder jeden aus den geringsten Gründen denunzieren kann, glauben viele Juden nicht, dass es für sie wirklich gefährlich werden wird.

Keun erzählt davon beeindruckend, oft mit herrlichem Witz, Esprit und Ironie, die trotz des schweren Themas vollkommen angemessen und passend erscheinen. Sie hatte eine echte Gabe fürs Erzählen. Die Protagonistin Sanna, die sich selbst immer als sehr unwissend und einfach sieht, und auch nicht schön genug im Verhältnis zur Freundin Gerti etwa, darf durch das sichere Wissen und Begreifen der Autorin hindurchstrahlen. Sie schafft es auch geschickt, Männer zu entlarven, Männer, die oft groß tun und behaupten sehr viel Wissen und Erfahrung zu haben und dann doch nur in der Kneipe alkoholisiert groß daherreden. Das durchschaut auch Sanna und da passt der ruhige Franz ja eigentlich dann doch am besten zu ihr.

Franz kommt wirklich nach Frankfurt, nach Mitternacht, als ein großes Fest im Haus von Algin und Liska stattfindet. Doch er kommt nicht zum Feiern, er hat Schlimmes mitzuteilen. Ihre gemeinsame Zukunft, sofern sich Sanna wirklich dafür entscheidet, scheint unter keinem guten Stern zu beginnen …

„Wir leben nun mal in der Zeit der großen Denunziantenbewegung. Jeder hat jeden zu bewachen, jeder hat Macht über jeden. Jeder kann jeden einsperren lassen. Der Versuchung, diese Macht auszuüben, können nur wenige widerstehen. Die edelsten Instinkte des deutschen Volkes sind geweckt und werden sorgsam gepflegt.“

Ich habe den Roman als sehr zeitgemäß empfunden und finde ihn gerade auch als Einstieg in Keuns Literatur geeignet, obgleich er wesentlich düsterer ist und schwerer wiegt, als beispielsweise „Das kunstseidene Mädchen“ oder „Kind aller Länder“. Mir scheint, jedes ihrer Bücher hat einen ganz eigenen Reiz und ich lege die Lektüre jedem ans Herz.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Antanas Škėma: Das weiße Leintuch Guggolz Verlag

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Von der alten in die neue Welt oder der Liftboy als Dichter

Antanas Škėma ist ein litauischer Autor, der von 1910 bis 1961 lebte. Über sein Buch „Das weisse Leintuch“ kann man nicht sprechen, ohne auch in die Biografie des Schriftstellers einzutauchen, dessen Roman zum ersten Mal ins Deutsche übertragen wurde. Škėma schrieb seinen Roman in den Jahren zwischen 1952 und 1954. Er wurde in Lódz geborenen, wo sein litauischer Vater als Lehrer arbeitete. Nach Beginn des ersten Weltkriegs floh die Familie zunächst nach Woronesch, weiter in die Ukraine und kehrte schließlich 1921 endlich ins inzwischen unabhängige Litauen zurück. 1929 begann Škėma sein Studium, zunächst Medizin, dann Jura, doch bereits 1944 musste die Familie wieder vor den sowjetischen Besatzern fliehen. Er fand sich in Deutschland wieder, in einem Camp für Displaced Persons. Dort schrieb er an Dramen und Kurzgeschichten. 1949 emigrierte er in die USA. Er arbeitete unter anderem wie seine Romanfigur als Liftboy. Er engagierte sich in Exilkreisen fürs Theater und schrieb Essays und auch Gedichte. Bereits 1961 starb er bei einem Autounfall.

In Škėmas Romanfigur Antanas Garšva spiegelt sich die Spaltung, die eigene und die Litauens, spiegelt sich die jahrhundertelange unruhige Geschichte eines Landes, dass erst seit relativ kurzer Zeit seine Stabilität gefunden hat. Diese Unruhe mag auch verantwortlich sein für die tief verankerten und wohl der eigenen Vergewisserung dienenden traditionellen Eigenarten. Lyrik, beispielsweise, geschrieben oder gesungen gehört als wichtiger Bestandteil dazu.

So finden sich allerlei sprachliche und geschichtliche Eigenheiten im Roman, Symbole und Verschlüsselungen, die sich allerdings anhand der hilfreichen Anmerkungen im Anhang meist erlesen und erklären lassen.

Erstaunlich frisch und modern liest sich Škėmas Roman, der 1958 unter dem Titel „Balta drobulé“ erschien. Der Autor erzählt seine Geschichte in zwei Strängen, zum einen in der Jetzt-Zeit als Liftboy in einem New Yorker Hotel, zum anderen in Rückblenden in die Kindheit und Adoleszenz in der Heimat Litauen. Einige Kapitel sind überschrieben mit „Aus den Aufzeichnungen von Antanas Garšva“ – vermutlich ist es ein Skript, das Garšva in der Geschichte seiner Geliebten Elena zu lesen überlässt, damit sie weiß, auf was sie sich mit ihm einlässt.  Beide Stränge sind jedoch nicht konsequent chronologisch gearbeitet, sie folgen vielmehr dem Gedankenstrom Garšvas. Oft scheinen surreale Elemente (wie etwa ein Auftritt bekannter verstorbener Dichter in der Personalkantine im Hotel:

„Durch die Tür kommt Rimbaud. Er taumelt, Gewehre, Säbel und Dolche in den Händen. Seinen Armen entgleitet das trunkene Schiff. Durch die Tür kommt der betrunkene Verlaine …“

– eine ganz wundersame Szene, wie auch der groteske schwäbische Beerdigungszug mit Kapelle im strömenden Regen), schimmernde Phantasiewelten durch diese Prosa, vornehmlich dann, wenn der Fahrstuhlführer Garšva seinen mitunter langweiligen Dienst versieht.

„Up und down, up und down in einem streng eingerahmten Raum. Sisiphos, von neuen Göttern an diesen Ort versetzt. Diese Götter sind humaner. Der Stein hat die Erdanziehung verloren. Sisyphos braucht keine geäderten Muskeln mehr. Triumph von Rhythmus und Kontrapunkt. Synthese, Harmonie, up und down.“

Anspielungen an die antike Mythologie findet man nicht wenige in Škėmas Geschichte, so löst sich auch das Rätsel um den Titel „Das weisse Leintuch“ gegen Ende des Romans auf. Škėma schöpft aus einem großen Wissensschatz aus Geschichte und Philosophie, aus der baltischen Götterwelt und aus heimischem, mitunter religiösem Volksliedgut; das macht das Buch so faszinierend vielschichtig.

Einführend begleitet der Leser Antanas Garšva auf seinem Weg durch die Straßen New Yorks zur Arbeit. Wir folgen ihm in die Personalräume im Keller des Hotels und lernen seine nächsten Kollegen kennen. Und wir hören von einem Arztbesuch und einer Krankheit. Wir sehen zu, wie Garšva seine Uniform mit der aufgestickten Nummer anzieht: Die Nummer 87 geht an die Arbeit, nicht ohne einen Gedanken an Elena, die unerreichbare Geliebte.

„Elena – eine Jerusalemer Jüdin an der Klagemauer. Elena – Undine, die sich ihren abgerissenen Fischschwanz annäht. Elena – eine kniende Karyatide mit der wankenden Annenkirche auf dem Kopf. Elena – ein Baseballschläger im Gras.“

Durch Garšvas Tagesgedanken spannen sich immer wieder Erinnerungsbögen. So erfahren wir die  wichtigsten Lebensabschnitte:

Der Vater war musikalisch begabt, konnte wie der Teufel Geige spielen, doch die Eltern konnten sich den Beitrag fürs Musikkonservatorium nicht leisten, so dass er Lehrer wurde. Mit seinem Vater lebte Antanas geraume Zeit allein, da die Mutter, ebenfalls Lehrerin, an einer psychischen Erkrankung litt. Sie jagte Antanas als Kind furchtbaren Schrecken ein, wenn wieder ein Schub bevorstand. Als es nicht mehr anders ging, lies der Vater sie in die Psychiatrie einliefern.

Bereits im Alter von 21 Jahren merkt Antanas, dass er Symptome jener Krankheit zeigt, die er vermutlich von seiner Mutter geerbt hat: Schizophrene Schübe oder epileptische Anfälle oder posttraumatische Belastungsstörungen, ganz klar ist das nicht zu deuten, die ihn urplötzlich überkommen. Etwas, was auch die erste Liebe zu dem Mädchen Joné überschattet.

Kurze Zeit darauf schlägt sich Garšva als Partisan durch: Eine weitere Schlüsselszene folgt: die Tötung eines Menschen, eines jungen gleichaltrigen Manns, des Gegners im Kampf. Wir erfahren von Lektüren und ersten Schreibversuchen, wir sind dabei, wenn der Held von der Geheimpolizei bedrängt wird, seine Gedichte doch mehr nach dem gängigen kollektiven Geschmack auszurichten, zunächst noch freundlich, doch später mit roher Gewalt. Einige Monate verbringt er danach in einer psychiatrischen Klinik. Doch es will keine Ruhe einkehren in sein Leben. Allein die Flucht scheint die Rettung und so lebt Garšva längere Zeit in einem Lager für Displaced Persons in Deutschland und macht sich dann auf die Reise in die neue Welt. New York ist das Ziel. Doch als Emigrant und Dichter wird er dort nicht bejubelt, das Dichten wird zur Nebensache, da es gilt, Geld zum Überleben zu verdienen.

„Ein kleiner Gedichtband – danach sehne ich mich. Nun fange ich sogar zu beten an. Ist das ein Zeichen von Schwäche? Ich habe nicht mehr die Kraft, nach der Antwort in Büchern zu suchen. Ich habe nicht mehr die Kraft, nach der Antwort in mir zu suchen. Ich bin ein Überschussprodukt der Natur.“

Škėmas Sprache ist abwechselnd weich und poetisch, zeitweise rau und ruppig, manchmal nur beschreibend. Je nach Szene passt sie sich den Ereignissen an. Mitunter schleicht sich Ironie ein, vor allem dann, wenn Garšva während seiner Tätigkeit im Fahrstuhl über die darin beförderten Hotelgäste vor sich hin sinniert. Auch in seinen Erinnerungen spürt man die Veränderung in der Sprache. Garšvas Frauengeschichten werden in einem ganz anderen Ton erzählt, als beispielsweise das Gespräch mit dem litauischen Dichterkollegen im Camp für Displaced Persons. Sofort merkt der Leser auch, dass es mit der bereits anderweitig liierten Elena etwas ganz besonderes auf sich hat, anders als mit den vorherigen Liebschaften. So spiegelt sich auch jegliche Stimmung wieder, keine innere Befindlichkeit bleibt verborgen.

Der Biografie Škėmas entnimmt man, dass er auch der „litauische Camus“ genannt wurde, aufgrund seiner existenzialistischen Art zu schreiben. Modern und zeitgemäß, auch beeindruckend experimentell ist sie in der Tat. Wie gut, dass dieser Roman nach langer Zeit auch ins Deutsche übertragen wurde (von Claudia Sinnig) – empfehlenswert ist diese Entdeckung des Berliner Guggolz Verlag unbedingt.

Film–Kunst–Film: Schachnovelle Film von Philipp Stölzl 2021 nach Stefan Zweigs gleichnamiger Novelle

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich ab und an auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Schachnovelle von Stefan Zweig las ich schon vor sehr langer Zeit. Es muss in der Ausbildung zur Buchhändlerin (also vor über 30 Jahren) gewesen sein. Sie hat mich sehr nachhaltig beeindruckt. Nun hatte ich Kinokarten bei einer Verlosung vom Diogenes Verlag gewonnen für die gerade angelaufene Neuverfilmung von Philipp Stölzl und habe deshalb die nur knapp 100 Seiten zählende Novelle vorher noch einmal gelesen. Meine Taschenbuchausgabe ist aus dem Fischer Verlag von 1988. Auch beim erneuten Lesen stellte sich wieder die Freude über dieses Buch, über Stefan Zweigs Können ein.

Umso gespannter war ich auf den Film. Mit Verfilmungen ist es ja oft so eine Sache, aber diese hat mir ausgesprochen gut gefallen, obgleich durchaus Veränderungen zur Buchvorlage vorgenommen wurden. Im Buch beginnt es mit einem Erzähler, der sich auf einer Schiffspassage von New York nach Buenos Aires befindet. Das könnte durchaus eine autobiografische Szene sein, denn Stefan Zweig musste Österreich in der NS-Zeit verlassen und nach Südamerika ins Exil gehen.

Im Film ist die Anfangsszene ganz anders gestaltet. Der Notar Dr. Josef Bartok lebt mit Frau Anna gut betucht in Wien und verdrängt den geplanten Einzug der Deutschen nach Österreich. Doch noch bevor er die Stadt verlassen kann, wird er von der Gestapo verhaftet. Er soll die Nummernkonten seiner Klienten verraten, weil die Nazis das Vermögen an sich bringen wollen. Er wird im Hotel Metropol, nun Sitz des Gestapo-Hauptquartiers, in einem kleinen Zimmer wie in Isolierhaft gehalten und zwischendurch zu Verhören geholt. Als er heimlich an ein Buch gelangt, was Ablenkung zu versprechen scheint, ist es ausgerechnet ein Schachbuch. Er lernt alle Partien auswendig, wird zum fanatischen Spieler im eigenen Kopf, sein Bewusstsein spaltet sich, um gegen sich selbst spielen zu können und er verliert sich letztlich vollkommen bis zum Zusammenbruch. Als er schließlich nach einem Jahr als psychisches Wrack auf freien Fuß gesetzt wird mit Anordnung das Land zu verlassen, begibt er sich mit neuen Papieren auf ein Schiff Richtung New York. 

Während im Buch die Zeit in der Haft recht kurz gehalten ist, wird sie im Film stark ausgebaut. Es gibt einige brutale Szenen, die man im Buch nicht findet. Doch die Art und Weise dieser Gefangenschaft, kommt durch die Kameraführung und die immerfort düsteren Lichtverhältnisse gut zur Geltung. Auch die Szenen auf dem Schiff, auf dem immer schlechtes Wetter und trübe Dunkelheit herrscht, unterscheiden sich leicht vom Buch. Hier wird Bartok, der sich nun van Leuwen nennt, zufällig Zeuge einer simultanen Schachpartie zwischen dem ebenfalls anwesenden Schachweltmeister Czentovic (über dessen Werdegang man im Buch sehr viel mehr erfährt) und einigen Passagieren, die natürlich fortwährend verlieren. Er mischt sich ein und erreicht so immerhin ein Remi. Alle sind begeistert und laden ihn auf eine Partie allein gegen den Weltmeister ein. Eine Partie, die ihn in die Gefahr bringt, wieder dem Wahnsinn anheim zu fallen, sich wieder eine „Schachvergiftung“ zu holen. Auch das Ende ist im Film anders als im Buch. Gut wird jedoch bei beiden das Motiv herausgearbeitet, das aufzeigt, dass beim Schachspiel wohl immer versucht wird, den Willen des Gegners zu brechen, was letztlich für einen Gewinn Bartoks über die Gestapo spricht.

„Selbstverständlich bin ich mir heute ganz im klaren, daß dieser mein Zustand schon eine durchaus pathologische Form geistiger Überreizung war, für die ich eben keinen anderen Namen finde als den bisher medizinisch unbekannten: eine Schachvergiftung. Schließlich begann diese monomanische Besessenheit nicht nur mein Gehirn, sondern auch meinen Körper zu attackieren.“

Für mich ist das Buch ein kleines Meisterwerk, was natürlich an der Form und der Sprache liegt, die Zweig hier großartig gelingt. Und doch hat auch der Film mich beeindruckt, was sicher überwiegend an der großartigen Leistung des Schauspielers Oliver Masucci liegt. Wie er die Wandlung vom gut situierten Wiener Notar über den psychisch gefolterten, aus Not immer bessessener werdenden Schachspieler bis zum erschöpften, ins Exil Flüchtenden darstellt ist sehr gekonnt. 

Die Schachnovelle ist das einzige Buch Zweigs, das die politische Gegenwart behandelt. Zweig schrieb sie zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil. Und auf diesen 100 Seiten spiegelt sich beispielhaft das ganze Ausmaß der Geschehnisse beim und nach dem Anschluss von Österreich ans Deutsche Reich unter Hitler. Etwas, das Zweig selbst miterlebte und was ihn schließlich bewog Wien zu verlassen. Ein Schicksal, welches stellvertretend für so viele steht.

Hier gehts zum Trailer auf der offiziellen Website: https://www.arthaus.de/kino/schachnovelle

Ebenfalls empfehlenswert der Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader über Stefan Zweigs Exil in Südamerika. Hier meine Besprechung dazu: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/05/14/film-kunst-vor-der-morgenroete-dvd-film-von-maria-schrader/

Ulrike Draesner: Schwitters Penguin Verlag

Die 1962 geborene Schriftstellerin Ulrike Draesner ist sehr vielseitig in ihrem Tun. Sie schreibt Romane und Lyrik und sie übersetzt. Zuletzt waren ihre Übersetzungen der beiden Lyrikbände „Wilde Iris“ und „Averno“ der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück aus dem Englischen im Gespräch. Mit ihrem neuesten Roman „Schwitters“ über das Leben, des vor allem für sein Gedicht „Anna Blume“(siehe unten) bekannten Merz-Künstlers (1887 – 1948) bringt sie das Thema Sprache und das Schreiben in einer fremden Sprache auf den Tisch. Die Idee zum Roman kam auf sie zu, als sie 2015 als „poet in residence“ in Oxford lebte und plante, einen Roman in englischer Sprache zu schreiben.

Den Roman darf man sich nicht als Künstlerbiographie vorstellen. Es geht eher um den Mensch Kurt, seine Beziehungen und um die Flucht vor den Nazis ins Exil. In Hannover konnte er nicht bleiben. Seine Kunst wurde in den Ausstellungen „Entartete Kunst“ gezeigt. Außerdem litt er an epileptischen Anfällen. So blieb Ehefrau Helma mit den beiden Müttern in der heimischen Villa zurück. Zunächst ging er 1940 nach Norwegen, wo bereits Sohn Erich lebte, der eine Norwegerin geheiratet hatte. Seinen Merzbau zurückzulassen war für ihn das schwerste und so begann er im Exil immer wieder mit kleineren Varianten davon.

Deutschland gewann Schlacht um Schlacht. Land. See. Luft. Militärisch fuhr das Deutsche Reich durch die Welt, als wäre die Welt ein Butterkuchen. Aufschneiden, mit deutschem Quark bestreichen, braune Rosinen drüberstreuen.“

Draesner schildert in drei Teilen (Das deutsche Leben, Das englische Leben, Das Nachleben) zunächst das recht bequeme Leben ohne Geldmangel in der geerbten Villa in Hannover. Dann lebt Kurt bei Sohn und Schwiegertochter in Lysaker, Norwegen, wo die Schwitters auch zuvor schon viele Sommer verbrachten. Doch bald schon sind sie auch dort durch den Einmarsch der Deutschen nicht mehr sicher. Die beschwerliche Reise nach England beginnt, auf der sie nach und nach fast alles an Besitz zurücklassen müssen. In England wird er zunächst als feindlicher Ausländer auf der Isle of Man inhaftiert. Doch sogar da ist er künstlerisch tätig.

Schwitters muss im Exil seine Sprache wechseln. Erst Norwegen, dann England. Da er im Exil nicht in Deutsch schreiben will, beschränkt er seine Kunst auf Collagen, Skulpturen und nach Kriegsende wegen Geldmangel auch auf Porträtmalerei. In England erfährt er, dass die heimische Villa zerbombt wurde, später, dass Helma gestorben ist. Zu dieser Zeit lebt er allerdings schon längst mit einer anderen (wesentlich jüngeren) Frau zusammen und hat kaum noch Kontakt in die Heimat. Edith, genannt Wantee, trifft er in London, beide ziehen zusammen nach dem Krieg aufs Land im Lake Distrikt. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, wieviel Rückenstärkung Schwitters von der jeweils aktuellen Frau erhält (was ja bei vielen großen Künstlern der Fall war), um weiter seiner Kunst nachgehen zu können.

„“Please, help yourself, on all accounts.“ Das fühlte sich besser an als auf Deutsch: Er half sich auf allen Konten, schüttete Hilfe in sich hinein, Zucker, my Dear, Milchtee, knackte den vierten Ingwerkeks aus der Küche von Mrs. Pierce, wobei er Mr. Pierce kontenhaft (sozusagen für alle Fälle) anlächelte. Die englische Sprache kroch ihm in den Kopf und half ihm auf die Sprünge.“

Wantee und Kurt leben in Amberside in ziemlich prekären Verhältnissen. Kurt entscheidet sich dennoch in England zu bleiben. Den Kontakt nach Hannover stellt er fast komplett ein und als der Sohn ihn nach Norwegen einlädt, wo er nun wieder lebt, lehnt Kurt ab. Trotz des Geldmangels und der immer mehr schwindenden Gesundheit hat er eine Art neues Zuhause gefunden. Die raue Natur inspiriert ihn und Wantee steht in allem hinter ihm. Endlich entsteht auch in einer angemieteten Scheune ein neuer Merzbau. Beenden kann er ihn leider nicht mehr. Schon im Jahr 1948 stirbt Schwitters, kurz nachdem er die englische Staatsbürgerschaft erhalten hat.

Im letzten Kapitel „Das Nachleben“ schildert Draesner noch den erbitterten lange währenden Streit zwischen Edith und Ernst um Kurts Testament und das Erbe. Und erzählt vom Transport der letzten Merzbau-Wand in ein englisches Museum.

Draesners Art zu schreiben ist in diesem Roman sehr experimentell (siehe Auszug Foto oben). Oft legt sie Schwitters Sprachspielereien in den Mund, die auf Dauer das Lesen sehr stockend machen. Das mag sicher zu DADA-Schwitters passen, für mein Gefühl ist es manchmal etwas zu übertrieben. So verlieren sich auch oft Zusammenhänge. Im England-Teil spielt sie auch viel mit der englischen Sprache. Etwas, was sie auch in den eigenen Gedichten oft macht. Besonders gefallen mir die Textstellen, in denen Kurt durch die englische Landschaft streift und Ideen für seine Kunst schöpft. Hier gelingt es Draesner die Stimmung und Atmosphäre großartig einzufangen und zu vermitteln.

Der Schutzumschlag birgt eine Besonderheit. Nach dem Aufklappen findet sich eine große Übersichtskarte über die biographischen Daten Schwitters. Das Buch erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. (Fotos: wikimedia commons)

Weitere Rezensionen gibt es z. B. auf den Blogs „Zeichen & Zeiten“ und „Aufklappen“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze Suhrkamp Verlag

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„Ich bin mit Lyrik geladen wie eine Handgranate: bis zum Explodieren.“

Marina Iwanowna Zwetajewa (Мари́на Ива́новна Цвета́ева) wurde am 18. Oktober 1892 in Moskau geboren. Sie ist neben Anna Achmatova die berühmteste russische Dichterin, die mich zunächst aufgrund der Namensgleichheit lockte. In einem literarischen Kalender fand ich auf einem Blatt einen schönen Text, mit dem ich mich sogleich identifizieren wollte. Es war der Auslöser, mich der Dichterin anzunähern, was nicht so leicht ist. Letztlich bin ich immer wieder und immer noch mit ihr beschäftigt.

Wie Selbstgespräche muten sie an, die Zeilen und Texte in Marina Zwetajewas bisher unveröffentlichten Schreibheften, die der Suhrkamp Verlag nun gesammelt herausgegeben hat. Es sind vier Hefte, die überwiegend im Exil in Frankreich geschrieben wurden. Gedankenspuren sind es, Traumnotizen, Lebensüberlegungen. Es sind die einzigen schriftlichen Darlegungen, die sie aus Frankreich mit in die Sowjetunion zurücknahm. Vieles ließ sie zurück, manches versteckt bei Freunden oder nur mündlich weitergegeben. Auf jeden Fall ist es ein Wunder, dass sie erhalten blieben. Die Hefte zeugen außer von großer Dichtkunst, Leidenschaft und innerem Reichtum, auch von bitterer Not und prekärer Armut und von der ewigen Suche.

„Die Begegnung mit einem Dichter (einem Buch) ist für mich eine Wohltat von ganz oben. Nicht anders lese ich.“

Es finden sich sehr zugetane Briefe?, notierte Gespräche? mit Boris Pasternak. Im regen (brieflichen) Austausch war Zwetajewa mit vielen, nicht zuletzt mit Rainer Maria Rilke und Ossip Mandelstam. Manch pathetischer leidenschaftlicher Liebesbrief ist dabei. Mit Konstantin Rodsewitsch, der auch auf einigen der Fotos im Buch zu sehen ist, verband sie eine Liebesgeschichte, die die Ehe mit Sergej Efron gefährdete. Zwetajewas Liebesgeschichten waren höchst intensiv, doch nie hinreichend und von Dauer.

„Bei der Frau ist Kreativität stets ein Normbruch. – Und beim Mann, offenkundig, der Normalfall?“

Eine kritische, hinterfragende Stimme, also auch, was das weibliche Schreiben angeht und die geringere Anerkennung von Schriftstellerinnen, zumal Zwetajewa für ihre Zeit eine absolut unabhängige Frau war.

Viele Sätze und Abschnitte in den Originalnotizheften sind nicht mehr komplett lesbar, so ist es zum Teil recht schwierig zu verstehen, was die Dichterin meint. Die Zeilen erscheinen bruchstückhaft und verrätselt. Ganze Passagen sind in Französisch geschrieben.  Oft erfolgt die Anrufung der antiken Götterwelt. Manches erscheint mir zutiefst spirituell und transzendent. Viele zeugen von einem höchst komplexen Denken, nicht nur im Kleinen, sondern auch in größeren Zusammenhängen. Man darf vor allem auch davon ausgehen, dass sich Zwetajewa unentwegt mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzte, auch und gerade im Exil.

„… Hier (im Exil) bin ich – unbrauchbar, dort (in Russland) bin ich undenkbar.“

Aber auch der teils bissige Humor scheint durch manche Zeilen, wie etwa im Bericht über den Besuch eines Vortrag des Anthroposophen Rudolf Steiner im Jahr 1923:

(deutsch:) „Herr Doktor, sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!“
L(ange) Pause und, himmlisch lächelnd, mit Nachdruck:
(deutsch:) „Auf Wiedersehn!“

Eine wichtige Rolle spielen immer die beiden Kinder. Die Tochter Alja, die dem Vater nacheifert und sich vor allem für Politik, für die große Sache, für den neuen Menschen, wie in Stalin propagiert, interessiert, und Murr, der Sohn, der Zwetajewa am nächsten steht. Von ihren Dialogen und seinen Kindersprüchen gibt es im Buch unzählige Seiten. So erklärt sich auch, weshalb man ihn Murr, nach E.T.A. Hoffmanns Kater, nannte:

„Mama, machen Sie mich klein!“ – „Mama, machen Sie mich zu einem Kater! Zu einem lebendigen Kater, einem echten, mit Pfoten!“

Alja geht zurück nach Moskau, wo der Vater lebt, während Marina in Paris irgendwie versucht sich und den Sohn durchzubringen. Hier entstehen auch die vier Notizhefte, die vielleicht ein klein wenig als Nachlassarchiv gedacht waren, denn sie wusste nicht, was von ihren Werken in der Sowjetunion überdauern würde, für die sie schließlich 1939 auch wieder ein Einreisevisum beantragte. Marina Zwetajewa wählte schließlich 1941 in Jelabuga, wohin sie nach dem Einmarsch der Deutschen verbracht wurde, den Freitod.

„Ich schreibe stoßweise – es ist wie eine Belohnung. Gedichte sind Luxus. Mein ewiges Gefühl, dass ich darauf kein Anrecht habe.“

Weitere Lektüre zum Thema habe ich bereits hier auf dem Blog und auf fixpoetry (Der Beitrag ist leider nicht mehr verfügbar, da fixpoetry den Betrieb eingestellt hat) vorgestellt. Ein Klick auf das Bild führt jeweils zum link der Besprechung. In Romanform widmen sie sich jeweils einer bestimmten Phase in Zwetajewas Leben und Arbeiten: Die Finnin Riikka Pelo nähert sich der Beziehung Marinas zu ihrer Tochter Adriana. Hier wird auch viel von und aus den Notizheften erzählt. Und der Franzose Simon-Pierre Hamelin schreibt intensiv über die Zeit in Paris, als Marina in Clamart, einem Vorort, lebte (wie später auch unter ganz anderen Voraussetzungen Peter Handke).

Zum Schluß: dieses Zitat ist eine sehr schöne, für mich sehr stimmige Idee, wie man Gedichte schreibt, welche Herangehensweise man wählt, was man als Lyriker/in ja oft gefragt wird. Zwetajewa kommt meiner eigenen Idee vom Lyrikschreiben damit ziemlich nah.

„An Gedichten braucht man nicht zu arbeiten, der Vers selbst muss an einem (in einem!) arbeiten.“

Ganz viele Infos und eine Kurzbiographie von Marina Zwetajewa gibts bei FemBio. Bei planet lyrik findet man einen sehr ausführlichen informativen Beitrag über Zwetajewas Schreiben.
„Unsre Zeit ist die Kürze“ erschien im Suhrkamp Verlag. Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen und Französischen ist Felix Philipp Ingold, der auch ein informatives Nachwort dazu verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum sujet Verlag

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Kürzlich hörte man wieder von Demonstrationen im Iran. Unzufriedene, gerade auch Frauen, wenden sich gegen die strikten Gesetze der religiösen Staatsoberhäupter. Eine, die über ihre eigene Situation in ihrer Heimat Iran meist nur aus dem Ausland schreiben kann ist Granaz Muossavi. Ihren Lyrikband habe ich vor einiger Zeit besprochen.

Der vorliegende Band jedoch vereint Stimmen von Dichtern, die meist schon länger nicht mehr in ihrer Heimat leben: „Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum“ ist der Band untertitelt und er enthält eine reiche Fülle an Dichtung aus dem Persischen.

Eine wunderbare Sammlung hat Gerrit Wustmann, selbst Lyriker mit Faible für die Türkei und Iran, herausgegeben. Mit Gedichten vertreten sind unter vielen anderen, die mir bekannten Namen wie Abbas Maroufi, Sudabeh Mohafez, SAID und Farhad Showgi. Von jedem Dichter/jeder Dichterin gibt es mehrere Gedichte zu lesen. Die Autor*innen werden mit einer Kurzbiografie vorgestellt.

Farhad Showghi möchte ich hier aus aktuellem Anlass herausheben, da er soeben den Peter-Huchel-Preis 2018 erhalten hat. Von ihm habe ich bereits vor längerer Zeit einen Lyrikband erworben aus dem Verlag kookbooks: „In verbrachter Zeit“ heißt er und es sind Prosagedichte, die den Lesern vorgestellt werden. Auch in der Anthologie sind es prosaähnliche Texte, die meist weniger als eine halbe Seite in Anspruch nehmen. Inhaltsschwer, dicht, sich nicht sofort öffnend, zumindest nicht auf tieferer Ebene, dabei reich an Bildern und Symbolen. Mir kommen diese Gedichte sehr nah. Showghi wurde 1961 in Prag geboren. Er ist Psychiater und Psychotherapeut in Hamburg.


Abbas Maroufi kam 1996 nach Deutschland und betreibt in Berlin die Buchhandlung Hedayat für persische und orientalische Literatur und schreibt auch Romane und Theaterstücke.
Sudabeh Mohafez wurde 1963 in Teheran geboren, sie schreibt auch Romane und Erzählungen und veröffentlichte ihre letzten Bücher im kleinen Verlag Edition Azur.
Said dürfte wohl der bekannteste Dichter dieses Bandes sein. Der 1947 in Teheran geborene kam 1965 nach Deutschland. Er schreibt Lyrik und Prosa.

Unter den jüngeren Stimmen, die sich intensiv und oft kritisch mit dem Herkunftsland auseinandersetzen, habe ich zwei Favoriten: Die 1974 in Teheran geborene und 2009 nach Deutschland gekommene Pegah Ahmadi. Hier der Auszug eines ihrer Gedichte mit dem Titel Kugelhagel:

„Außer der Republik, deiner Stimme ist in mir
Kein Wort mehr, Genosse, Bruder, Vaterland!
Ganz egal!
Eines Tages
Gehen wir alle zusammen ins Wasser.“

Und die 1980 in Sarab geborene, seit 2010 in Deutschland lebende Sanaz Zaresani. Ihr Gedicht Herzlich willkommen bedichtet die Sprachunterschiede:

„Ich habe so viele Jahre mit den Wörtern meiner
/Muttersprache gespielt,
und jetzt spiele ich in meiner Adoptivmuttersprache mit
/dem Leben.“

Auch der 1968 in Teheran geborene Farhad Ahmadkhan wird sehr deutlich in seinem Gedicht mit dem Titel Nächstenliebe:

„Wieder hat ein Mensch
mit einer Überdosis Gott
am Orte aller Orte
seine Mitmenschen
mit ins Paradies genommen.“

Wir erfahren im Vorwort viel über die Bedeutung der Literatur im Iran und der Lyrik im Speziellen. Wustmann nennt die traditionellen Dichter, wie Rumi, Nizami oder Hafis. Aber auch die europäischen Dichter wie Celan, Rilke, Goethe nehmen Einfluß. Mit vielen Widrigkeiten haben Schriftsteller dort zu kämpfen. Oft thematisieren die Lyriker in ihren deutschsprachigen Gedichten dann auch die Hin- und Hergerissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne oder die Suche nach dem Wer-bin-ich. Was auffällt sind die starken ausdrucksvollen Bilder, die durch die Texte strahlen. Zum Entdecken der Vielfalt persischer Lyrik kann ich diese Sammlung nur empfehlen. Erschienen ist das Buch im sujet Verlag, dessen Inhaber Madjid Mohit selbst in den neunziger Jahren aus dem Iran nach Deutschland ins Exil floh. Ein Interview mit dem Verleger kann man im Börsenblatt lesen.

Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Hisham Matar: Die Rückkehr Luchterhand Verlag

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„Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ lautet der Untertitel dieses Buches, das eindeutig autobiografisch ist. Bereits in seinen beiden vorhergehenden Büchern erzählt Hisham Matar, mehr fiktional, von der Suche nach dem Vater und von dem was dieser Suche vorausging. Nun kommt der Autor, der aus einer gebildeten und wohlhabenden lybischen Familie stammt, zum ersten Mal seit der Kindheit wieder in sein Heimatland zurück und setzt sich vor Ort den Geschehnissen der Vergangenheit aus. Mit seiner Frau Diana, einer Amerikanerin, und seiner Mutter besucht Matar all die Verwandten, die in Lybien zurückgelassen wurden, die Verwandten, die teilweise ebenso wie Matars Vater Jaballa unter der Herrschaft Gaddafis als Regimegegner verhaftet wurden. Im Gegensatz zum Onkel, wurde der Vater, ein ehemaliger Diplomat und ärgster Widerstandskämpfer gegen Gaddafi nicht wieder freigelassen. Er verschwand spurlos. Hisham Matars Leben ist seither geprägt von der Suche nach dem Vater, doch jegliche Recherche läuft ins Nichts. Eine Ungewissheit, die für Hoffnung kaum Platz lässt und die schwer erträglich ist …

Als die Familie nach der Machtübernahme Gaddafis zunächst in New York, wo auch Hisham 1970 geboren wird, danach im Exil in Agypten lebt, fühlt sie sich einigermaßen sicher. Doch wird der Vater aus Kairo entführt und 1990 nach Lybien ausgeliefert. Er landet im berüchtigtesten Gefängnis in Tripolis. Einige wenige Briefe erhält die Familie von ihm. Seit dem Massaker in Abu Salim, in dem über 1000 Gefangene, überwiegend Reigimegegner ermordet wurden, kommt kein Lebenszeichen mehr.

„Gaddafi hatte seine größten Gegner gern nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden.“

Matar zeichnet in seinem Buch auch die wechselhafte Geschichte des Landes auf und dessen unruhige politische Entwicklung. Schwerpunkt ist jedoch die Vatersuche mit all der Hoffnung und all dem Zweifel. Er, der mittlerweile mit seiner Frau in England lebt, setzt von dort aus, später sogar mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen und des Parlaments, alle Hebel in Bewegung. Die Ungewissheit bleibt …

„Die Suche wurde zur Besessenheit, ich verlor jede Zurückhaltung und war bereit zu kontaktieren, wer immer, wie ich dachte, helfen konnte.“

Matar schreibt sehr gut, er findet eine Sprache in seiner Sprachlosigkeit, die wiederum mich sehr eindringlich anspricht. Er erzählt oft in beinahe poetischen Bildern über die eigentlich schrecklichen Ereignisse. Sicher lohnt es sich, auch die beiden vorherigen Romane des Autors zu lesen, die alle um das Thema kreisen. Matar ist einer der Autoren, dem das Schwierige gelingt: aus Biografischem Literatur zu machen.

Hisham Matars Buch „Die Rückkehr“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Eine Leseprobe findet sich hier
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Ruth liest und aus.gelesen

Kurzer Nachtrag: Etwas was nicht direkt mit dem Buch zu tun hat, was mir aber auffiel und trotz allen Mitgefühls unbegreiflich und abstoßend bleibt, ist, dass sich Menschen bei kriegerischen Handlungen gegenseitig fotografieren und filmen, ihre blutigen Taten stolz dokumentieren, so wie Matar das hier in einer Szene von seinem Neffen Issa berichtet.

Film-Kunst-Film: Vor der Morgenröte DVD Film von Maria Schrader 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Maria Schrader lässt in ihrem Film „Vor der Morgenröte“ Josef Hader den Stefan Zweig spielen. Und er passt in der Tat vortrefflich in diese Rolle.
Es geht um die Jahre im Exil in Brasilien und es geht um die Position, die Zweig vertritt. Gleich zu Beginn spricht er auf dem PEN-Kongreß 1936 in Buenos Aires. Von Journalisten bedrängt, er möge sich doch zu den Entwicklungen in Deutschland äußern, enttäuscht er seine Zuhörer: Stefan Zweig ist Pazifist, Intelektueller und Künstler. Er steht für die Meinung, jeder solle mit seinen Mitteln für Freiheit und Frieden kämpfen. Zudem glaubte er an ein vereintes Europa. Er macht klar, dass er aus seiner sicheren Position im Exil keine kämpferischen Reden schwingen möchte. Ihm bliebe nur sein Schreiben, doch darin sei er aktiv.
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Der 1881 in Wien geborene Schriftsteller, überaus bekannt und erfolgreich, stand 1935 mit seinen Büchern sogleich auf der Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Autoren. Er lebte aus diesem Grund zunächst in London, dann in New York und schließlich in Petropolis in Brasilien. Begleitet wurde er auf seinen Reisen von seiner Sekretärin Charlotte Altmann, die er schließlich auch heiratete. Seine Exfrau, gespielt von Barbara Sukowa,  lebte derzeit mit ihren Töchtern in New York. Beide behielten auch nach der Trennung steten Kontakt.
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Maria Schrader fängt sehr genau die jeweiligen Gemütsbewegungen Josef Haders alias Stefan Zweigs ein. Gerade diese langen Kameraeinstellungen in ein und derselben Position versinnbildlichen das Ausharrenmüssen, die Bewegungslosigkeit der unfreiwillig ins Exil Verbannten. Zwar ist Stefan Zweig in Brasilien mehr als willkommen, zwar hat er diese Stille und Abgeschiedenheit gesucht nach den vielen Reisen, doch findet er nicht die Ruhe, das Ankommen, das er sich sicher erwünscht hat. Zu schwer wiegen die Geschehnisse in der Heimat, zu aussichtslos die Rückkehr in seine geistige Heimat Europa. Im Februar 1942 nimmt er sich zusammen mit seiner Frau Lotte das Leben.
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Sowohl inhaltlich, als auch aufgrund der beeindruckenden Kraft der Bilder ist dieser Film ein großer Gewinn. Es lohnt sich, ihn mehr als einmal anzusehen. Hier gehts zur offiziellen Film-Website mit Trailer: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/film/