Doris Knecht: Die Nachricht Hanser Berlin Verlag

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Die Österreicherin Doris Knecht hat mich vor einigen Jahren mit ihrem Roman „Wald“ sehr begeistert. Auch „Besser“ gefiel mir. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie mich nicht so sehr überzeugt. Aber nun mit „Die Nachricht“ bin ich wieder dabei. Dieser Roman beleuchtet ein Thema, mit dem man eigentlich lieber nichts zu tun haben möchte, aber jede, die sich in Soziale Netzwerke begibt, könnte jederzeit ähnliches erleben. Cyber Mobbing sagt man wohl dazu, Stalking im Netz. So gut wie Vernetzungen hier funktionieren, können sie aber auch Menschen auf den Plan rufen, die nichts Gutes wollen, die anderen das Leben zur Hölle machen. Mit „Die Nachricht“ hat Doris Knecht ein brisantes Thema aufgegriffen und höchst spannend im Roman in Szene gesetzt.

Es geht um Ruth, deren Mann vor einigen Jahren gestorben ist, und die sich inzwischen mit ihrem Alleinleben ausgesöhnt hat, es sogar genießt. Es gibt im Haushalt noch den 15-jährigen Benni, Sohn Manuel ist bereits aus dem Haus. Doch auch ihre Stieftochter Sophie mit der neugeborenen Molly ist oft im Haus am Fluß im Grünen. Ruth kann überwiegend zuhause arbeiten, ihr Job ist Schreiben, Drehbücher und anderes. Um Freundinnen zu treffen fährt sie dann ab und an auch ins unweit gelegene Wien. Eines Tages erhält sie eine Email, in der unschöne Dinge über sie und ihren Mann stehen, dass er eine Affäre hatte z. B., was Ruth allerdings schon wusste. Sie vertraut sich Freundinnen an, vor allem Johanna, die sie schon ewig kennt, denn es bleibt nicht bei der einen Nachricht. Und die Nachrichten werden auch an Verwandte, ja an einen ihrer Arbeitgeber verschickt. Die meisten sagen dennoch, sie solle das einfach löschen und nicht weiter drüber nachdenken, irgendwelche Trolle eben. Das gelingt Ruth aber nicht so gut.

„Es fordert Leute heraus, wenn sie deine Stärke spüren und deine Unabhängigkeit, und manche von ihnen wollen dir das dann wegnehmen. Sie wollen dir zeigen, dass du gar nicht so stark bist und so unabhängig, wie du glaubst. Und sie beginnen ein Kräftemessen, ihre Kraft gegen deine, ohne dass du es merkst, und dann merkst du es.“

Glücklicherweise lernt sie in dieser Zeit einen Mann kennen, Simon, den ehemaligen Therapeuten ihres Sohnes Ben (Ben musste den tödlichen Skiunfall des Vaters quasi mit ansehen und benötigte Hilfe zum Verarbeiten). Die beiden treffen sich mehrmals und Ruth beginnt an eine neue Beziehung zu denken. Auch ihm erzählt sie von den immer ekliger werdenden Nachrichten. Doch Simon zieht sich oft zurück, findet Ausreden. Es kommt zu einer seltsamen On/Off-Beziehung. Allmählich merkt Ruth, dass ihr das nicht guttut und sie konzentriert sich wieder mehr auf ihre Familie und die Freunde. Wolf, ein guter Freund hat Krebs und sie beginnt sich um ihn zu kümmern. Und auch um Sophie und das Baby sorgt sie sich mit Hingabe. Als ihr die Idee kommt, dass die Freundin ihres Mannes die Nachrichten schreiben könnte, scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Viel später erst und mit Johannas Hilfe ergeben sich noch andere Verknüpfungen …

Doris Knecht schreibt fesselnd und entwirft ein Szenario, welches man wirklich nicht selbst erleben möchte. Dass Freundinnen, von denen Ruth glaubte, dass sie immer zu ihr stehen, plötzlich die Schuld bei ihr selbst suchen oder die Nachrichten klein reden wollen, dass man ihr rät, mal ein wenig zu entspannen oder eben wirklich etwas dagegen zu tun (Anzeige etc.), wenn die Nachrichten sie so sehr stören, ist für sie ein Schock. Wem kann sie eigentlich noch trauen? Auf wen ist Verlass?

„Was ich spürte: dass ich nicht nur allein war, ich war auf mich gestellt. Die Liste der Leute, auf die ich zählen konnte, war plötzlich viel kürzer geworden, sehr kurz. Ich musste es ab hier allein schaffen.“

Der Roman erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert Kein & Aber Verlag

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Nach „Löwen wecken“ ist dies mein zweiter Roman der Israelin Ayelet Gundar-Goshen. Die Autorin greift brisante Themen auf, in denen sich menschliche Verhaltensweisen in Extremsituationen spiegeln. Das ist hochinteressant und spannend zu lesen, wobei mir Löwen wecken etwas besser gefiel, was vielleicht am für mich interessanteren Thema lag. Was ich jedoch immer wieder feststelle bei Autoren aus Israel – erst kürzlich las ich auch den sehr empfehlenswerten neuen Roman „Siegerin“ von Yishai Sarid – ist, dass in Israel im Lebensalltag Waffen, Militärdienst und Krieg eine offenbar große, ja selbstverständliche Rolle spielen. Etwas, was mich irgendwie sehr erschreckt. War es in „Siegerin“ die Militär-Psychologin, die Soldaten beim Töten und den traumatischen Folgen unterstützen soll, so ist es hier der ehemalige Soldat Uri, der für Jugendliche Kurse in Krav Maga, einer israelischen Selbstverteidigungsart gibt, unter dem Motto „Bevor dich ein anderer tötet, töte du ihn“. Und auch in Zeruya Shalevs neuem Roman „Schicksal“, den ich als Hörbuch höre, wird gleich in den ersten Abschnitten von der Militärausbildung des Sohns gesprochen.

Lilach und Michael Schuster sind von Israel in die USA ausgewandert, um eine ruhigeres Leben für sie und den kleinen Sohn Adam zu finden. Michael tritt eine gut bezahlte Stelle im Silicon Valley in einer IT- Sicherheitsfirma an und wird rasch befördert. Lilach kümmert sich um das Haus und den mittlerweile 16 Jahre alten Sohn und arbeitet ehrenamtlich in einem Altenheim. Doch auch hier im bunten Kalifornien sind Juden nicht vor Anfeindungen geschützt. Das erste Mal wird ihre Sicherheit erschüttert, als es in einer Synagoge der israelischen Gemeinde zu  einem antisemitischen Anschlag kommt. Ein junges Mädchen stirbt.

Beim zweiten Mal sind die Schusters unmittelbar betroffen, als ein Mitschüler Adams bei einer Party stirbt. Wie sich bei den polizeilichen Ermittlungen herausstellt waren Drogen im Spiel. Auch Adam gerät in den Fokus der Ermittlungsbeamten, da er nicht gut auf den schwarzen Jamal zu sprechen war. Lilach versucht alles, um ihren Sohn zu schützen, aber auch alles, damit er sich ihr anvertraut. Doch der öffnet sich neuerdings nur seinem Trainer Uri, den er sich als großes Vorbild auserkoren hat. Uri freundet sich auch mit Adams Vater an und Michael bringt ihn in seiner Firma unter, mehr oder weniger aus Dankbarkeit, dass sich Uri so gut um seinen Sohn kümmert. Michael freut es, dass Adam endlich nicht nur am Computer sitzt, sondern nun lernt, sich körperlich gegen andere zur Wehr zu setzen.

Lilach verhält sich ziemlich überbehütend und kommt gleichzeitig ihrem Sohn nicht nahe. Sie schafft es nicht, zu erfahren, was wirklich am Abend der Party geschah. Uri wird immer wichtiger für die Familie, wird sogar zum Wochenendausflug eingeladen. Als Michael auf Dienstreisen ist, quartiert er sich im Haus ein und wirkt als Beschützer. Was zunächst durchaus hilfreich ist, denn die islamische Clique von Jamal verdächtigt Adam und schreckt auch nicht vor direkten Bedrohungen und handgreiflichen Einschüchterungsversuchen zurück.

Was für eine Rolle Uri in dieser Geschichte wirklich spielt, zeigt sich, als die Familie nach einem Trauerurlaub wegen des Todes von Michaels Mutter aus Israel zurückkehrt …

Ich fand den Roman anfangs etwas lang gezogen, erst im letzten Drittel gewinnt die Geschichte wirklich an Fahrt. Sprachlich gibt es hier keine großen Highlights. Doch die überraschenden Kapitelanfänge sorgen für Spannung. Gundar-Goshen hat einen leicht lesbaren Roman zu einem brisanten Thema geschrieben, der jedoch an manchen Stellen wichtige Fragen offen lässt. Ob das absichtlich so konstruiert ist, habe ich nicht herausbekommen.

Das Buch erschien im Kein & Aber Verlag und wurde von Ruth Achlama übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Ein klein wenig hat es mich auch an Ben Lerners „Topeka Schule“ erinnert, bei dem es auch um den Tod eines Schülers geht, wenngleich es sprachlich eine viel größere Herausforderung ist.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nadine Schneider: Wohin ich immer gehe Jung und Jung Verlag

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Auf Nadine Schneiders zweiten Roman war ich sehr gespannt. Im Jahr 2019 erhielt sie den Bloggerpreis von Das Debüt, bei dem ich auch in der Jury war. Die Besprechung zu ihrem ersten Roman „Drei Kilometer“ gibt es hier auf dem Blog. Auch beim Bachmannpreis-Wettbewerb las Nadine Schneider dieses Jahr. Leider erreichte ihr wunderbarer Text „Quarz“ offenbar nicht alle in der Klagenfurter Jury. „Wohin ich immer gehe“ schließt irgendwie indirekt an ihr Debüt an und ist auch wieder im gleichen ruhigen aber einprägsamen Ton geschrieben. Es ist für mich ein sehr melancholisches, atmosphärisch dichtes Buch, dass mich zeitweise traurig machte, auch weil es mich an ähnliche Erlebnisse erinnerte und starke Bilder erzeugte. Qualitativ ist so eine Art zu schreiben für mich immer wertvoll. Andere, die mehr Wert auf Action und Plot legen, werden sicher damit weniger anfangen können, denn vieles steht hier zwischen den Zeilen.

Die Geschichte erzählt von Johannes, der nach seiner Flucht aus Rumänien in Deutschland ein Auskommen gefunden hat. Deutschland war naheliegend, da er aus einer deutschsprachigen Enklave in Rumänien stammt. Er scheint nicht so richtig angekommen zu sein in seinem neuen Leben, obwohl er bald einen guten Job als Hörgeräteakustiker hat, eine eigene Wohnung und eine nette Kollegin, die eigentlich schon Freundin ist.

„Nur wenn er die Langeweile zu genau ansah, sie von einem Moment ablöste und sie in Gedanken auf die nächsten zwei, drei oder fünf Jahre legte, spürte er ein Unbehagen, das er schon kannte.“

Etwas scheint zu fehlen und womöglich hat es mit seinem Freund David zu tun, der in Rumänien zurück geblieben ist, obwohl die Idee abzuhauen eigentlich von ihm stammte. Durch den Fluss auf die andere Seite der Grenze schwimmen, war der Plan. Deswegen übten sie im See gemeinsam schwimmen und aus ihrer Freundschaft wurde mehr. Ein Mehr, das sie aber im Dorf und den traditionell ausgerichteten Familien nicht leben konnten, sich vielleicht auch nicht sicher waren, ob es richtig war. Als einziges vertraut sich Johannes der einen Großmutter an, die in der nächsten Stadt lebt.

„Sie schüttelten Johannes die Hand, leierten ihr Beileid herunter, so als hätte sie jemand im Jahr 1987 hier abgestellt und sie sehr lange an einem Rädchen in ihrem Rücken aufgezogen, sodass der Mechanismus genau jetzt, sechs Jahre später, ansprang.“

In Deutschland denkt Johannes immer wieder an David. Dass der ungeliebte Vater gestorben ist, teilt die Mutter in einem knappen Brief mit. Johannes reist zur Beerdigung „nach Hause“, wo er seit seiner Flucht niemals war, hält Ausschau nach David. Wir Leser*innen werden Zeuge aus Szenen der Kindheit, die Johannes im Elternhaus sofort wieder einholen. Wie ihm der Vater, ein liebloser Trinker, das Schwimmen „beibrachte“, wie die Großmutter den Bruder erschossen durch eigene Hand im Garten findet, wie bereits der Großvater den Freitod wählte. Johannes erlebt sich wie schon damals oft, erneut als Fremder bei Familienfesten, so auch bei dieser Trauerfeier, die mit dem üblichen Klatsch beginnt und dem üblichen Besäufnis endet.

„Dass sich das über die Jahre gehalten hatte, dass Johannes jetzt als Erwachsener hier schlief und die Ängste wie Ungeziefer wieder aus den Ecken kamen, hätte er nicht erwartet. Wozu verging die Zeit, wenn nicht dazu, eine alte Angst oder einen Schmerz verschwinden zu lassen.“

In Zeitsprüngen lesen wir uns durch prägende Situationen im Leben von Johannes. Manchmal ist Johannes noch Kind, manchmal Jugendlicher, manchmal lebt er bereits in Nürnberg. Als zentralen Punkt platziert Schneider das Hören. Das Zuhörenkönnen, das Lauschen aber eben auch das Schlechthörenkönnen bis zum Hörverlust, vor dem sich Johannes bald selbst fürchtet. Hier besonders wichtig, die Stadt-Großmutter, die nicht mehr hören kann (will?). Sie war die Einzige, die von David wusste, der dann plötzlich aus dem Ort verschwand und womöglich Opfer der Securitate wurde …

Dass was sich Johannes vielleicht von der Reise erhofft hat, bleibt ihm verwehrt; den Lesern allerdings auch. Es gibt keine Aufklärung, aber Verdachtsmomente, die der Erinnerung auf die Sprünge helfen. Und eben auch ganz anderes, neues Leben, ein Leben unter Freunden, unter Menschen, die Wahlfamilie sind.

Mit großer Sprachgewandtheit und Sinn für das feine Dazwischen hat Nadine Schneider auch ihren zweiten Roman geschrieben, der wieder im Jung und Jung Verlag erschien. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Leïla Slimani: Das Land der anderen Luchterhand Verlag

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Das Land der Anderen“ habe ich mit Gewinn gelesen. Nachdem ich kürzlich „Der Charme von Marokko“ von Sophia Yablonska las, war Leïla Slimanis neuer Roman eine gute Ergänzung und Erweiterung für meine bislang dürftigen Kenntnisse, was die Kolonialzeit Frankreichs in Nordafrika angeht. Slimani erzählt bilderreich aus ihrer Familiengeschichte, es sollen noch zwei weitere Bände folgen.

Mathilde, eine junge Elsässerin begegnet am Ende des zweiten Weltkriegs dem Marokkaner Amine und beide verlieben sich. Amine hat als Soldat für Frankreich gekämpft. Frisch verheiratet entscheiden sie sich 1947 nach Marokko zu ziehen, wo Amine in der Nähe der Stadt Meknès unweit des Atlasgebirges Land von seinem Vater geerbt hat. Doch das Land ist schwierig zu bearbeiten, das Haus zunächst eher eine Hütte. Viel Arbeit steht an. Mathilde, die neugierig auf ihr neues Leben war, ist ernüchtert. Es dauert nicht lange und sie bekommt ihr erstes Kind, die Tochter Aïscha. Zum Glück gibt es eine Haushaltshilfe und Feldarbeiter. So lernt Mathilde auch Arabisch und leider auch, dass in Marokko Frauen ans Haus gebunden sind und einen ganz anderen Stellenwert als in Europa haben. Eine Mischehe ist zudem nicht gern gesehen. Einheimische und Franzosen leben in strikt getrennten Vierteln. Wenn beide im Auto durch die Stadt fahren, wird Amine nicht selten für Mathildes Chauffeur gehalten, was diesen natürlich demütigt.

Mathilde kämpft sich durch. Im Sommer ist es brennend heiß, im Winter eiskalt. Als Aïscha in die Schule kommt, die von Nonnen geleitet wird, muss Mathilde sie jeden Tag nach Meknès fahren. Doch die Tochter ist gut in der Schule, wenngleich sie aufgrund ihres Aussehens und ihrer schlichten Kleidung gemieden wird und findet Trost im christlichen Glauben. Der Sohn Selim wird geboren. Und Mathilde beginnt sich mit Heilmethoden zu beschäftigen, denn der Arzt ist teuer und fern. So erwirbt sie sich einen Ruf und es kommen viele Nachbarn zu ihr, die Rat suchen. Währenddessen arbeitet Amine wie besessen, um neue Olivensorten zu züchten und Südfrüchte nach Osteuropa zu liefern.

Als Mathildes Vater stirbt, reist sie zur Schwester ins Elsaß. Den Verwandten verschweigt sie allerdings wie schwierig ihr Leben ist. Sie spürt die Leichtigkeit ihrer Jugendzeit wieder und ist sogar versucht, nicht mehr nach Marokko zurückzukehren.  Dennoch reist sie nach vier Wochen wieder ab.

Im Land spitzt sich die Situation zu. Die Marokkaner wollen sich nicht mehr mit der Herrschaft Frankreichs zufrieden geben. Es kommt immer häufiger zu Aufständen, an denen auch Amines Bruder Omar maßgeblich beteiligt ist. Währenddessen versucht Amines Schwester Selma auszubrechen aus dem strengen Korsett, dem muslimische Frauen unterworfen sind. Sie verliebt sich in einen französischen Offizier. Doch als Amine das herausbekommt, wütet er und schlägt zum ersten Mal seine Frau, die davon wusste. Er besteht darauf, dass Selma seinen ehemaligen Mitsoldaten Mourad heiratet, den er auf seinem Hof als Vorarbeiter angestellt hat. Was er nicht weiß, ist, dass Mourad homosexuell ist. Der Roman endet 1955 als es zu schwersten Ausschreitungen zwischen Marokkanern und Franzosen kommt. Der Hof von Mathilde und Amine bleibt verschont …

Leïla Slimani hat einen spannenden und informativen Roman geschrieben, der zwar sprachlich keine Finessen bietet (es gibt einige kitschnahe Sequenzen, vor allem, wenn es um Liebe und Sex geht), aber Geschichte, auch persönliche, sehr gut aufarbeitet. Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Übersetzt hat ihn Amelie Thoma. Ebenfalls gelesen und bereits hier besprochen habe ich Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“, der sich ganz anders zeigt.

Sadie Jones: Die Skrupellosen Penguin Verlag

Sadie Jones ist meines Wissens noch nicht so bekannt im deutschsprachigen Raum. Ich habe sie entdeckt durch den schönen Roman „Jahre wie diese“, der im Schauspielmilieu in London spielt. Die 1967 geborene Britin, die auch Drehbuchautorin ist, schreibt Romane, die zwar nicht hochliterarisch sind, aber in die Tiefe der jeweiligen Themen eintauchen und absolut mitreißend erzählt sind. Also durchaus mehr als gute Unterhaltung. Diesmal sogar mit Elementen eines Kriminalromans.

Im neuen Roman geht es um das junge Paar Bea und Dan, die in London leben. Eine Eigentumswohnung muss abbezahlt werden. Dan, der eigentlich Künstler sein will, verdient sein Geld als Immobilienmakler, Bea ist Psychotherapeutin. Gleich eingangs wird klar, dass die beiden sehr sparsam leben müssen, denn das Leben in London ist teuer. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, führen sie eine liebevolle Beziehung. Als beide vom Leben und Arbeiten frustriert sind, beschließen sie eine Auszeit zu nehmen. Vom finanziellen „Polster“ und von der Vermietung ihrer Wohnung wollen sie drei Monate lang durch Europa reisen. Ein altes Auto wird gekauft und die erste Station ist Frankreich, wo Beas Bruder Alex ein Hotel leitet.

Alex scheint es endlich geschafft zu haben, Drogen und Alkoholmissbrauch hinter sich gelassen zu haben. Doch als sie ankommen entpuppt sich das Hotel als Luftnummer. Es gibt keine Gäste außer ihnen selbst, vieles ist marode und Alex scheint sich dennoch dort wohl zu fühlen. Im Gespräch erfahren Dan und Bea, dass der durch allerlei illustre Immobilienspekulationen extrem reich gewordene Vater von Bea das Hotel für Alex gekauft hat. Dan, der kaum etwas von Beas Familie weiß, da Bea keinen Kontakt zu den Eltern hat, wundert sich immer mehr. Sie versuchen die freien Tage zu genießen, doch irgendwie schwebt Unheil in der Atmosphäre. Als schließlich auch die Eltern mit teurem Auto auftauchen, nicht wie sonst mit dem Privatjet (!), fragt sich Dan, wieso er nichts über den immensen Reichtum seiner Schwiegereltern weiß und weshalb Bea nicht die immer wieder angebotene Unterstützung ihres Vaters annimmt. Sie hätten damit ein so viel leichteres Leben.

„Dan dachte, dass er sie gerade zum ersten Mal in einer solchen Umgebung sah, und es verstörte ihn, mit welcher Sicherheit sie sich in diesem Habitat bewegte. Nur ein Mädchen, das mit dem goldenen Löffel im Mund geboren war, würde ihre Missachtung für den Luxus demonstrieren, indem sie etwas bestellte, was gar nicht auf der Karte stand.“

Doch für Bea ist es ein rotes Tuch, etwas von den Eltern anzunehmen. Sie hat ihre Gründe. Nach und nach bekommen wir Einblick in das merkwürdige Familienkonstrukt, dass von einem dominierenden Vater beherrscht wird, der über den dunkelhäutigen Schwiegersohn so gar nicht froh ist. Wir tauchen in die Kindheit der Geschwister, zu denen noch ein älterer Bruder gehört, der es im Gegensatz zu Alex „geschafft“ hat. Doch die, die Bea mit aller Macht von sich schiebt, ist die Mutter. Als Kind hat sie die Mutter zusammen mit dem 7 Jahre älteren Bruder gesehen, in einer übergriffigen Situation …

„Schwarze waren in den vergangenen Jahren hochgestuft worden, denn jetzt hatten sie noch ausländischere Ausländer mit Akzenten und Religionen, vor denen sie sich fürchten konnten.“

Es herrscht statt Urlaubsfeeling eine extreme unangenehme Spannung zwischen allen. Als Alex eines Abends losfährt, um für den Vater etwas zu erledigen, kommt er nicht mehr zurück. Dafür taucht die Polizei auf, die ihnen mitteilt, dass Alex einen tödlichen Unfall hatte. Die Erschütterung ist groß, bei der Mutter extrem. Vor allem als langsam klar wird, dass Alex vermeintlicher Unfall ein Mord war.

Es folgt eine äußerst spannende, bestens gelungene Geschichte, in der sich sichtlich Abgründe dieser Familie auftun. Und Dan als eine Art Außenstehender kommt aus dem Fragen nicht mehr heraus. Die Beziehung der beiden leidet unter den Geschehnissen. Kann man sich noch gegenseitig vertrauen? Kennt man einander wirklich? Und inwiefern ist Beas Vater, der den Sohn mit einem Auftrag losschickte mit Schuld an den Ereignissen?

Psychologisch interessant und erwähnenswert ist noch das Motiv der Schlange, das immer wieder auftaucht, in Beas Träumen und in echt. Das englische Original übernimmt das Motiv sogar in den Titel: The Snakes.

Mehr verrate ich nicht vom Inhalt, denn es würde dem Lesen die Spannung nehmen. Neugierig gemacht habe ich hoffentlich auf diesen gut konstruierten Roman, der mit feiner Gesellschaftskritik und einem für mich überraschenden, wenngleich heftigem Ende aufwartet. Einige wenige Male begegneten mir sprachliche Unfeinheiten, die vielleicht der Übersetzung geschuldet sind.

„Die Skrupellosen“ erschien im Penguin Verlag. Übersetzt wurde es von Wibke Kuhn. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Helga Schubert: Vom Aufstehen Deutscher Taschenbuch Verlag

Letztes Jahr im Sommer erhielt die 81jährige Autorin Helga Schubert beim (diesmal virtuellen) Wettlesen in Klagenfurt den Bachmannpreis 2020. Bereits im Jahr 1980 war sie eingeladen, durfte aber nicht aus der DDR ausreisen. Später war sie dann sogar einige Jahre in der Jury mit dabei. Von Insa Wilke eingeladen las sie vor der Jury den Text „Vom Aufstehen“, der als Abschlusstext in ihrem Buch enthalten ist. Der Untertitel des Buches „Ein Leben in Geschichten“ weist auch auf die Form dieser Texte hin, denn es sind Geschichten einer Lebensgeschichte. Schubert gelingt es mit großer Kraft, aus Autobiographischem exzellente Literatur zu machen. Die Autorin, die in der DDR lange als Psychologin arbeitete begann 1960 zu schreiben, durfte aber nicht alles in ihrem Land veröffentlichen. Bei dtv fand sie im Westen einen Verlag für ihre Literatur.

„Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. Für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.“

Obwohl scheinbar leicht zu lesen, besitzen Schuberts Texte eine Tiefe, die man in der aktuellen Literatur selten findet. Für mich tragen sie ein Geheimnis, denn ich kann nicht benennen, weshalb sie so berühren. Vielleicht hat es etwas mit einer bestimmten Verbundenheit mit dem Göttlichen/etwas Höherem zu tun. In einem Interview sprach sie auch davon, dass sie alles direkt aufschreibt, als würde es ihr diktiert. Womöglich hat es außerdem etwas mit Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Intention zu tun, mit den Leerstellen, die ich als Leserin mit Eigenem füllen kann.

Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren und dort aufgewachsen, verfasste unter anderem auch geschichtliche und politische Sachtexte und zeigte den Alltag von Frauen in der DDR auf. Im neuen Buch geht es um ihre aktuelle Lebenssituation in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern ebenso wie um eine Aufarbeitung ihrer schwierigen Beziehung zur Mutter, die 101 Jahre alt wurde. Wie Schubert selbst sagt, ist es ihr wichtig Geschichten so zu erzählen, dass das Autobiographische literarisch verändert wird und dennoch die Essenz durchscheint.

„Manchmal, wenn ich ratlos war oder auch traurig, in mich gekehrt oder mutlos, las oder hörte ich plötzlich einen Satz, eine Gedichtzeile, einen Liedanfang, und ich spürte: Hier ist er ja wieder, der Strom von Einverstandensein, der doch immer da war und immer da ist und immer da sein wird, der mich mit Menschen verbindet, die schon seit Tausenden Jahren tot sind oder weit weg wohnen und andere Sprachen sprechen. Vielleicht hatte ich gerade auf einen solchen Satz gewartet. Dann schrieb ich in auf, als Beweis, als Unterstützung, als Hoffnung“

Im Grunde geht es um Begegnungen und die Art sie besonders zu be-schreiben. Gleich eingangs erleben wir die Erinnerung an ein Kindheitsritual, der Besuch bei der Großmutter zu Beginn der langen Sommerferien. Das Liegen in der Hängematte im Garten, der frisch gebackene Streuselkuchen unter Obstbäumen, das Glück einen Sehnsuchtsort zu haben. Zuverlässig und beständig jeden Sommer. Geborgenheit und Trost, die es bei der Mutter nicht zu finden gab. Der Vater im zweiten Weltkrieg gestorben, als die Autorin ein Jahr alt war. Das Aufwachsen in der DDR. Später der Sohn, der für eine Lehrstelle als Förster nur infrage kommt, wenn er keine Verwandten in der BRD hat.

Im Kapitel „Keine Angst“ erzählt Schubert über die Vorwende- und Wendezeit. Ich erfahre von den Repressionen wenn es um literarische Veröffentlichungen im Westen ging, gar um Ausreiseanträge wegen Einladungen zu Lesungen. Ich erfahre, dass in den späten 80ern das Bespitzeln von Menschen aus dem Kreis der Kirchen beliebter war, weil es Leute waren, die später nie zurückschlagen würden, weil sie gewaltfrei lebten. In vielen Kapiteln dieses Buches, erfahre ich mehr, als in manchem Sachbuch zum Thema.

„Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit.
Nun waren wir, ohne umzuziehen, in eine Welt fremder Regeln gekommen.“

Helga Schubert erzählt vom Besuch ihres Lektors, von der seltsamen Summierung der Selbstmorde in ihrem winzigen Dorf, von der erstmals erlaubten beruflichen Reise in die USA im Alter von 47, von der Reisesehnsucht im Allgemeinen, vom Altweibersommer und von der großen Liebe zum Schreiben. Immer gibt es Menschen, immer eine respektvolle, differenzierte Art über diese zu schreiben. Es gibt die eigene Geschichte und die der Familie. Und die Mutter, bei der die Schreibende schließlich feststellt, wie fremd sie ihr ist und umgekehrt und wie wenig sie beide trotz der engsten Verwandtschaft, die es gibt, verbindet.

Woher kommt der Mut, diese schmale, wankende Brücke zu den Menschen, die am anderen Ufer lärmen, zu bauen, diese Brücke ohne Geländer zu betreten und hoch über dem Abgrund zu balancieren, ganz allein?“

Ich wünsche dieses Buch jedem Leser. Ich vertraue darauf, dass es jede Leserin erreichen wird. Es ist ein Buch voller schöner Überraschungen und warmer Herzlichkeit. Und es zeigt, was Geschichtenerzählen vermag. Funkelndes Leuchten!

„Vom Aufstehen“ erschien im dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Auch die älteren sehr empfehlenswerten Erzählbände sind überwiegend bei dtv erschienen, aber leider nur noch antiquarisch zu erhalten. Leider nur zwei Sachbücher kündigt der Verlag für August als Neuauflagen an. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andreas Maier: Die Städte Suhrkamp Verlag

Der achte Band des auf elf Teile angelegte Romanzyklus „Ortsumgehung“ von Andreas Maier ist erschienen! Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Band, der von mir immer sehnlichst erwartet wird, denn ich bin großer Fan des Erzählstils von Maier. Es sind autobiographische Schriften, womöglich in Anlehnung an Thomas Bernhard, dessen Prosa Thema der Dissertation Maiers war. Auch Maier hat einen sehr eigenen Stil, den ich sehr amüsant finde, zudem ergibt sich bei mir oft ein Wiedererkennungseffekt, da ich im selben Jahr wie Maier geboren bin und somit ähnliche Kindheitsszenarien kenne. 

Andreas Maier wuchs in der Wetterau Nähe Frankfurt am Main auf und nimmt uns diesmal mit auf Reisen. Da sind die Kindheitsreisen mit den Eltern und den Geschwistern in den Ferien. Meist immer ans gleiche Ziel: Das eigene Ferienhaus in Brixen in Südtirol, wo immer die gleichen Abläufe vor sich gehen. Die selben Touren immer mit dem Auto, mit dem Mercedes Benz, denn der Vater ist wohlhabender Rechtsanwalt. Die täglichen Ausflüge und das Köfferchen mit den geliebten Asterixheften, die zum xten Mal gelesen werden, bereits auf der Anreise beim Autofahren.

Auch bei einer klassischen Bildungsreise der Eltern nach Griechenland ist Andreas noch dabei. Der 13-jährige Teenager sitzt dann allerdings meist an der Hotelbar und trinkt Ouzo in südländischer Langsamkeit, statt die Eltern bei den Besichtigungstouren zu begleiten. Die erste Reise allein, bzw. mit einem etwas älteren Schulfreund führt nach Frankreich, nach Biarritz und zwar per Anhalter. Schnell zeigen sich allerdings die Unterschiede zwischen den beiden Jungen. Der eine interessiert sich vor allem für Strand und Mädchen, während Andreas sich irgendwie so gar nicht zielgerichtet lieber treiben und überraschen lässt. 

Der interessanteste Teil spielt in einem piemontesischen Dorf, in dem Andreas, durch eine Freundin vermittelt, viele Wochen in einer Ferienwohnung verbringt. Mit dem Vorsatz, sich umzubringen ist er losgefahren, hadert jedoch von Tag zu Tag damit. Das Wie und Wo will bedacht sein. Das Warum erfährt die Leserin nicht, vermutet aber, dass es eine typische melancholische Stimmung einer bestimmten Altersgruppe ist, die dazu neigt. Auch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Schreiben scheint eine Rolle zu spielen. Trotz des scheinbaren Ernsts der Situation, ist dies auch die witzigste Geschichte im Buch. Denn A. beginnt plötzlich Italienisch zu lernen und seine ersten Kenntnisse im Laden und in der Pizzeria bei der hübschen Kellnerin anzuwenden. Das ist natürlich eine Zukunftszugewandtheit in der ein Suizid keinen Platz hat.

„Besuch hatte sich angekündigt. Mein Freund Jan Plaumann und ein weiterer Bekannter würden nach Oulx kommen, in meine Wohnung. Da konnte ich mich natürlich auch wiederum nicht umbringen. Vorher wollte ich nicht, denn der Besuch würde spaßig werden, das wußte ich im voraus. Den Besuch konnte ich gerne noch mitnehmen.“

Zuletzt, Andreas ist nun bereits 32, Doktorand und hat einen Roman geschrieben, geht es nach Weimar. Es ist das Jahr 2000, ein Jahr nachdem Weimar Kulturhauptstadt Europas war. Ich erinnere mich gut daran, habe ich doch damals in Thüringen gelebt und selbst viele der Veranstaltungen besucht. Maier ist angereist zu einer Lesung anlässlich des Nietzsche-Geburtstags. Er erzählt vor allem von den vielen Nazis, die ihm dort begegnen und von den Weimarern, die er, aufgrund einer einzigen skurrilen Begegnung als sehr provinziell darstellt, was ich ein wenig unglücklich bis überheblich finde, denn an zwei Besuchen in Weimar kann man sicher keinen hinreichenden Eindruck von der Bevölkerung erlangen. Ich selbst habe die kulturellen Veranstaltungen dort mit sehr aufgeschlossenem und buntem Publikum erlebt. 

„Die Städte“ erschien im Suhrkamp Verlag. Die Besprechung zum letzten Band „Die Familie“ findet sich hier. Dort kann man auch die jeweils vorherige Besprechung der einzelnen Bände finden. 

Eine weitere Besprechung des Buches gibt es auf dem Blog BooksterHRO

 

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob Hanser Verlag

Gerade zur Zeit ist sie wieder häufiger in den Medien: die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Der Grenzzaun, der unter Trump zur Mauer werden sollte, hält mexikanische Bürger ab, in die Staaten abzuwandern auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Norbert Gstreins neuer Roman spielt zumindest in Teilen in der texanischen Grenzstadt El Paso, die direkt ins mexikanische Juarez übergeht. Wäre da nicht die Grenzkontrolle. Hauptprotagonist ist Jakob, der aus einer wohlhabenden Tiroler Skilift- und Hotelbesitzerfamilie stammt. Recht schnell hat er sich abgegrenzt und ist weggegangen aus dem Heimatort, aus dieser einengenden Dorfwelt. Ein halbwegs bekannter Schauspieler ist aus ihm geworden, der sich mithilfe des Erbes der Großmutter schadlos hält. Er ist der „zweite Jakob“ in der Familie, der etwas „anders“ ist.

In der Wüste rund um El Paso dreht er einen Film, in dem er einen Grenzpolizisten spielt, der je eine Geliebte auf beiden Seiten des Zaunes hat. Sein Part ist es am Schluss die mexikanische Geliebte umzubringen. Als Film-Mörder hat er schon Erfahrungen und dennoch macht ihm die Szene mehr zu schaffen als die Male zuvor. Weshalb erfahren wir aus einem Gespräch mit der Tochter Luzie 15 Jahre nach dem Vorfall.

Luzie, die mit 12 ins englische Internat abgeschoben wurde und nun mit 20 den bereits drei mal geschiedenen Vater vor einer geplanten gemeinsamen Reise in die USA fragt, was das Schlimmste war, dass er in seinem Leben getan hat. Eine interessante Frage, die von einer jungen Frau gestellt wird, die ebenfalls als „etwas anders“ beschrieben wird. Im Grunde erscheint sie mir als hochsensibler Mensch auf der Suche nach Halt und Stabilität, die sie nie von den Eltern bekommen hat. Nach einigen Ausflüchten erzählt Jakob von dem unheilvollen Geschehnis in der texanischen Wüste. Mit einer exaltierten betrunkenen Schauspielerkollegin war er im Auto mitgefahren und in der Dunkelheit überfuhren sie auf einer abgelegenen Straße eine Frau und begingen Fahrerflucht. Als Luzie das hört, ist sie entsetzt und distanziert sich von ihrem Vater. Die gemeinsame Reise fällt ins Wasser. Auch meine Reaktion als Leserin ist Entsetzen über diese Fahrerflucht. Wie schafft man es eine solche Schuld über 15 Jahre hinweg für sich zu behalten und damit zu leben?

In Vor- und Rückblenden, einmal Texas, einmal Innsbruck, wo Jakob und Luzie wohnen, taucht die Leserin tief in die Geschichte ein. In den Beschreibungen der Grenzregion mit ihren großen Problemen erfahren wir auch wie besonders hart es einmal mehr die Frauen trifft, die teilweise als halbe Kinder täglich in den Fabriken arbeiten und sich zusätzlich oft als Prostituierte verdingen, weil das Geld nicht reicht. Geschickt packt Gstrein diese Themen mit in die Story, indem er einen Journalisten in die Geschichte einführt, der in El Paso über unzählige Frauenmorde recherchiert. Jakob hat ihn in Verdacht, womöglich etwas über die Fahrerflucht heraus gefunden zu haben.

Auch das Vater-Tochter-Verhältnis erhält eine wichtige Rolle im Roman. Luzie als Hinterfragende und Jakob, der seine eigene Tochter im Prinzip gar nicht kennt. Und obwohl beide sich recht ähnlich sind, kommen sie dennoch selten gut miteinander aus. Luzies Freund behagt dem Vater nicht und seinem Biographen, einem windigen Typ, scheint sie mehr zu erzählen, als ihm lieb ist. Am Ende verbessert sich die Beziehung aber doch und Luzie begleitet den Vater sogar zu den Geburtstagsfeierlichkeiten in die Heimat, von der Jakob sie immer fern gehalten hatte.

Vor dem letzten Kapitel fügt Gstrein noch zwei kurze Kapitel ein, die meiner Meinung nach vollkommen überflüssig sind und keinerlei Mehrwert bringen, in dem der am Altern leidende, bald 60 werdende Jakob von einer möglicherweise tödlichen Krankheit erfährt und in dem er die obligatorische Affäre mit einer 30 Jahre jüngeren Frau hat. Sorry, das ist mir zu einfallslos und altmännerhaft. Hier wird manches in Frage gestellt, was es vorher an inhaltlicher Tiefe und Sprachgewandtheit gibt. Und auch weil der Roman nicht in Allem stimmig konstruiert ist, finde ich, dass es nicht der beste von Gstreins Romanen ist.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Besprechungen zu Die kommenden Jahre und Als ich jung war von Gstrein, die mir auch besser gefielen, gibt es schon auf meinem Blog.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Monika Helfer: Vati Der Hörverlag

Gerade ein Jahr nach dem Roman Die Bagage, den ich auch als Hörbuch hier besprochen habe, gibt es nun „Vati„, wieder von Monika Helfer selbst eingelesen. Nachdem sie in „Die Bagage“ die Familie ihrer Mutter vorstellte, spricht sie nun über ihren Vater. Immer mehr erinnern mich ihre kurzen Romane an die autobiographischen Bände von Annie Ernaux. Zwar hat jede ihren eigenen Stil zu erzählen, doch geben beide auch Einblick in eine Familienwelt, die auch immer die Gesellschaft dieser Zeit spiegelt. Bei Helfer ist es sogar der Wortschatz, der teilweise gar nicht mehr verwendet wird. Sie liest das Buch ungekürzt auf 4 CD`s ganz wunderbar mit ihrer ausdrucksvollen, rauhen, teils hinterfragenden Stimme. Denn sie hat natürlich recherchiert, aber die eigenen Erinnerungen und die der noch lebenden Familienmitglieder unterscheiden sich oft voneinander.

„Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste. An dem eine andere Vergangenheit abzulesen wäre. Untertags und auch nachts denk ich an ihn, wie er da in seinem Lehnstuhl sitzt unter der Stehlampe, rundum die eigenen Kinder und fremde, zum Beispiel die vom Erdgeschoss. Ihr Ball rollt um seine Füße, unter den Stuhl, ihn schreckt es nicht. Er liest.“

So beginnt Monika Helfers Roman. Ihr Vater lernt schon vor dem ersten Schultag lesen und war schon als Kind den Büchern verfallen. In der Bibliothek des Vaters eines Schulkameraden liest er nicht nur, sondern beginnt die Bücher abzuschreiben. Er wird deshalb auch auch gefördert und darf aufs Gymnasium. Doch kurz vor der Matura wird er in den Krieg eingezogen. In einem Lazarett muss ihm der erfrorene Unterschenkel abgenommen werden, doch er lernt hier auch seine zukünftige Frau kennen, die als Krankenschwester da arbeitet. Wir kennen sie bereits aus „Die Bagage“. Bereits im Lazarett macht sie Josef einen Heiratsantrag.

Für den Vater, der auf der „Tschengla“, einem Ort in den österreichischen Bergen auf 1200 m Höhe, nur über eine Seilbahn zu erreichen, nach dem Krieg ein Kriegsopfererholungsheim leitet, ist es ein guter Schritt. Hier blüht er wieder auf. Einer der Stiftungsmitglieder spendet dem Heim eine große Bibliothek, die für den Vater ein Schatz ist. In der Abendschule macht er seine Matura nach. Der Familie geht es gut, die Kinder wachsen dort glücklich auf, bis das Heim zum Hotel ausgebaut werden soll. Aufgrund einer Buchprüfung glaubt der Vater Schuld auf sich geladen zu haben und begeht einen Selbstmordversuch mit Gift. Den Kindern wird das natürlich als „Versehen“ verkauft. Der Vater bleibt lang in der Klinik, die Mutter folgt bald darauf. Sie hat Krebs.

Die drei Schwestern Monika, Gretl und Renate leben nach dem frühen Tod der Mutter bei ihrer Tante Kathi in Bregenz, die selbst drei Kinder hat. Mit der Freiheit ist es nun aus. In beengten Verhältnissen wachsen die Mädchen heran. Der Vater lässt sich nicht mehr blicken, lebt eine Zeitlang nah am Absturz in Klausur in einem Kloster. Über ihn oder die Mutter wird nicht geredet. Viel später nach einer psychischen Krise, als der Vater wieder heiratet, nimmt er die Töchter wieder zu sich. Es geht wieder aufwärts. Er wird Finanzbeamter und übernimmt schließlich die Leitung der Gemeindebibliothek. Im Alter von 67 Jahren stirbt der Vater in der Bibliothek, beim Auspacken von Bücherkisten.

Nach „Die Bagage“ ist auch dieser Roman wieder sehr berührend. Ich selbst erinnere mich noch an Kinderzeiten, wo das Familienleben in der Küche stattfand, Hausaufgaben am Küchentisch gemacht wurden und das Wohnzimmer erst gegen Abend geheizt und betreten wurde. Das Hörbuch erschien beim Hörverlag, das Buch bei Hanser. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Karin Smirnoff: Mein Bruder Hanser Berlin Verlag

Dass Karin Smirnoffs Roman ein Debüt ist (das sie erst mit 54 Jahren schrieb), merkt man ihm in keinster Weise an. Sowohl in ihrem individuellen Sprachstil, als auch mit der Geschichte selbst, ist ihr ein wirklich beeindruckendes Buch gelungen. Die 1964 geborene Schwedin siedelt ihre Geschichte im nördlich ländlichen Schweden an, in dem sich die Bewohner des Ortes alle kennen. Sie taucht damit tief ein in eine Lebensform, über die etwa Großstädter, die nie auf dem Land gelebt haben, nur staunen können. Hier scheinen noch archaische Grundstrukturen von Zusammenhalt und Zugehörigkeit zu herrschen, die man nur vom Dorf noch kennt. Doch was auch schön sein könnte, ist es eben bei den Hauptprotagonisten gerade nicht. Und geredet wird selten direkt, nur hinter vorgehaltener Hand.

„Dann fingen wir an zu reden. Wir redeten über alles außer das was uns kaputtmachte.“

Jana Kippo, um die 35, besucht nach langer Zeit ihren Zwillingsbruder Bror, der noch auf dem elterlichen Hof lebt. Eigentlich soll es nur über die Osterfeiertage sein, doch dann begegnet sie gleich bei der Ankunft im wenig frühlingshaften Schneesturm einem Mann, der sie fasziniert und alle Vorsätze ins Wanken bringt. Der Bruder, alkoholabhängig, die ungeliebte Mutter im Pflegeheim – eigentlich ein Grund gleich wieder in das Leben in der Stadt zurückzukehren. Doch Jana bleibt, nimmt einen Job bei einem mobilen Pflegedienst an und wird durch die Begegnungen mit den Pflegebedürftigen, die sie fast durchweg von früher kennt, immer mehr in die Kindheit und Jugend zurückgestoßen.

„All diese Namen. Mit den Alten war es genau dasselbe. Unendliche Erzählungen über Menschen. Lebende und Tote Bekannte und Unbekannte die irgendwas gesagt oder getan oder an irgendwas gestorben waren. Das weckte in mir sofort die Sehnsucht nach der Stadt.“

Nach und nach erfahren wir, warum alle Jana und ihren Bruder im Dorf so bekannt sind. Alle wissen von den Ereignissen auf dem Kippo-Hof, vom grausigen Tod des Vaters. Dass sich die Geschwister gegen den gewalttätigen, trinkenden Vater in solcher Form wehrten, scheint unglaublich. Doch immer mehr Abgründe tun sich auf, immer mehr Risse zeigen die Geschichten, die die Erinnerung beschwört. Immer mehr Lügen werden aufgedeckt. Niemandem ist zu trauen, nicht einmal dem eigenen Liebhaber.

„Ich konnte mir niemanden aus meiner Familie verliebt vorstellen. Wir waren keine liebende Familie. Wir waren einfach nur Erbgutträger die Nachfahren in die Welt setzten und taten was getan werden musste. Oft auf die denkbar schlechteste Weise und mit erbärmlichem Ergebnis.“

Smirnoff tut das in grundlegend anderer Weise, wie sonst solche Familiengeschichten aufgebaut sind. Schon in ihrer Sprache wird deutlich, dass hier ein anderer Ton vorherrscht. Die direkte Rede erfolgt ohne sie durch Satzzeichen kenntlich zu machen. Kurze Sätze ohne Kommas. Knallhart, unverschnörkelt. Und dabei doch mit einem eigenen unterschwelligen Humor, der der Geschichte die allzu große Schwere nimmt. Die Übersetzerin hat hier sicher Großes geleistet, da das Original offenbar auch mit Dialekt-Begriffen der Gegend um Västerbotten durchzogen ist.

Eine verlorene Tochter taucht auf und eine neue Schwester, die aber schon tot ist. Viele Menschen sterben in diesem Buch, aufgrund des Alters, der Einsamkeit, an schweren Erkrankungen. Und trotzdem gelingt es der Autorin, ihre Protagonistin immer wieder den Blick nach vorne zu werfen zu lassen. Jana Kippo ist, wie man im Laufe des Romans merkt eine Überlebenskünstlerin, die sich mit immenser Kraft, die sie auch aus der eigenen Kreativität schöpft, durch die alten seelischen Verletzungen und die immer wieder neu auftauchenden Widrigkeiten kämpft. Sie packt an. Den Bruder schickt sie in den Entzug, für die Pflegebedürftigen wird sie bald unentbehrlich, den Respekt der Männer im Dorf holt sie sich durch die Teilnahme an der Jagd, für die sie allerdings ihre eigenen Regeln aufstellt und ihren Liebhaber, der großflächige Bilder mit Motiven aus ihrer Kindheit malt, bringt sie dazu, sich für eine Ausstellung zu öffnen.

„Mein Bruder“ ist ein durchaus erschütterndes, familienpsychologisch jedoch hochinteressantes Buch, welches in mir gleich Resonanz erzeugte, zudem spannend wie ein skandinavischer Krimi. Ich hoffe sehr, dass die beiden weiteren, in Schweden bereits erschienenen Bände auch noch ins Deutsche übertragen werden. Dunkles Leuchten!

Der Roman erschien im Hanser Verlag Berlin. Übersetzt hat ihn Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.