Norbert Gstrein: Als ich jung war Hanser Verlag

Ein Roman über einen Tiroler Skilehrer in Wyoming, USA? Kann das was werden? Obwohl ich den 1961 geborenen österreichischen Autor Norbert Gstrein mit seinem letzten Roman „Die kommenden Jahre“ für mich entdeckte, war ich skeptisch. Doch das Lesen hat sich gelohnt. Gstrein ist einer der unspektakulären und gerade deshalb ausgezeichneten Schriftsteller, wie etwa Ralf Rothmann, Karl-Heinz Ott oder Christoph Hein, die mit leisen, aber sehr tiefen Tönen punkten und die sich ihrer Sprache absolut sicher sind. So schafft es Gstrein auch in „Als ich jung war“ mich als Leserin zu gewinnen. Sein Roman ist wie ein steter fließender Fluß, dessen Untiefen jedoch nicht zu umgehen sind.

Franz fotografiert schon im Jugendalter auf Hochzeiten, die sein Vater in seinem Hotel und Restaurant ausrichtet. Wir sind in den Tiroler Bergen und die „Hochzeitsfabrik“ boomt. Später, als Franz schon studiert, wird er noch zweimal aushilfsweise vom Vater engagiert und beide Male sind für Franz prägend, denn einmal trifft auf er ein anziehendes junges Mädchen und einmal kommt die Braut zu Tode. Die Eltern des Mädchens lassen keinen Kontakt mehr zu und der Todesfall hetzt ihm den ermittelnden Kommissar auf den Hals, der klären will, ob es Mord oder Selbstmord war. Kurz darauf reist Franz in die USA, wo er in Wyoming seine „Karriere“ als Skilehrer startet. Für Außenstehende und die Zurückgebliebenen sieht es beinah aus wie eine Flucht. Dass er dort ganze 13 Jahre verbringen wird, ahnt er selbst nicht.

Franz ist ein Träumer, er ist und bleibt eine Art Außenseiter in der kleinen Stadt Jackson, hat keine Freundin und haust in einem billigen Apartment. Er fotografiert nun als Hobby Landschaften und ist trotz seiner Arbeit in der Skischule von den Geldsendungen seines Vaters abhängig. Schnell findet er in einem älteren Professor der Atomphysik einen Stammgast, der nur von ihm unterrichtet werden will. Der Professor ist eine merkwürdige Figur, noch mehr Außenseiter als Franz und doch werden beide Freunde. Der Professor erzählt ihm aus seiner Biografie. Franz ist zurückhaltender, berichtet aber eines Tages doch von Sarah, dem Mädchen auf der Hochzeit, dass er damals verliebt geküsst hat.

Erst viel später erfährt der Leser, dass jene Sarah gerade mal 13 Jahre alt war und der 24-jährige Franz sie trotz ihres „Nicht!“ geküsst hat. Auch der Professor ist nicht der, der er vorgab zu sein, zumindest nicht nur. Nach dessem überraschenden, inszeniert wirkenden Selbstmord auf der Piste, taucht ein seltsamer Briefwechsel auf, taucht sogar eine Ehefrau auf, die der Professor nie erwähnt hatte. Von ihr erfährt Franz nun eine Geschichte, die den Professor in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Die dunkle Seite, die kaum einer kennt und die jeder in sich trägt.

„Er fragte mich, wovor ich Angst gehabt hätte, und ich wusste im selben Moment, dass es sich noch ganz anders verhielt, als er behauptet hatte, nämlich dass nicht nur jeder Mensch wenigstens eine Geschichte in seinem Leben hatte, von der er nicht wollte, dass jemand anderes sie zu hören bekam, sondern dass es auch Geschichten gab, die man nur erzählte, um andere Geschichten nicht erzählen zu müssen.“

Als Franz kurz darauf nach einem Skiunfall wieder in seine Heimat zurückkehrt, stellt er fest, wie wenig sich seitdem dort geändert hat und auch der Kommissar taucht wieder auf und stellt neugierige Fragen, die Franz nicht ganz unberührt lassen, obwohl er stets so tut …

In Gstreins Roman kommen viele verstorbene oder verschwundene Menschen vor, geht es um Wahrheit und Erfindung und die Frage, ob man einen anderen Menschen je genau kennen kann, ja gar sich selbst. Es geht um Selbstbild und Fremdwahrnehmung, um Täuschung und Schuld. Gstrein spricht viele aktuelle Themen an, wie etwa Kindesmissbrauch und die Me too-Debatte, lässt dabei aber alle Fragen offen und viel Raum für eigene Gedanken dazu, was ich sehr geschickt finde. Es freut mich, dass dieser Roman zumindest für den österreichischen Buchpreis nominiert wurde.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Mehr über Roman und Autor gibt es auf der Verlagsseite.

Eine weitere Besprechung zu Gstrein:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/04/27/norbert-gstrein-die-kommenden-jahre-hanser-verlag/

Andreas Maier: Die Familie Suhrkamp Verlag

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Ein neuer Band der autobiografischen, auf 11 Bände angelegten Romanserie „Ortsumgehung“ des 1967 in Bad Nauheim geborenen Andreas Maier wird von mir immer freudig erwartet. Hier kann ich sicher sein, dass ich mich auf hohem Niveau amüsiere. Thomas Bernhard lässt grüßen – Maier schrieb seine Dissertation zu Bernhard. Zu meinen Besprechungen bereits gelesener Bände gelangt man durch Klick auf die Buchcover unten.

Nach sechs Bänden, in denen er das möglicherweise schwierigste „Kapitel“ nur umkreist, schlägt Maier diesmal, im siebten, zu: Es geht um die eigene Familie. Und in der Tat schlägt dieses Buch einen raueren Ton an. Es geht um die Verschwiegenheit der Nachkriegseltern, um den vermeintlichen inneren Zusammenhalt einer recht wohlhabenden Familie, um die Leichen im Keller, die wohl jede Familie hat und von denen Maier nun zum ersten Mal genauer erzählt. Seinem Erzählton meine ich anzumerken, dass dieses Buch auch eine Art Abrechnung mit den Eltern ist, zumindest zeigt er schonungslos die einzelnen Beziehungen der Mitglieder zueinander auf. Das klingt mitunter recht bissig. Sogar die Sprache erscheint mir weniger ausgefeilt als sonst. Vielleicht, weil das Thema dem Autor doch auch sehr nahe geht.

„Ich hatte als Kind das Bild: Immer wenn jemand eine Person von außen kennenlernt, beginnt die Entfremdung (wie bei den funktionalen Miterziehern). Alles, was von außen kommt, ist schädlich und gefährlich.“

Maier erzählt zunächst von einzelnen Familienmitgliedern, von Onkeln, von Geschwistern, den Eltern. Wichtig ist, wie immer in seinen Geschichten die Verortung. Maiers Familie lebt in der hessischen Wetterau, in der kleinen Stadt Friedberg. Die Eltern besitzen ein riesiges Grundstück, auf dem das neue Haus gebaut wurde, auf dem aber auch noch Reste der alten Firma der Großeltern, einem Steinmetzbetrieb, stehen, unter anderem eine zerfallende Wassermühle.

Die unter Denkmal stehende alte Mühle spielt dann auch die Hauptrolle in einem sich über Jahre hinziehenden Gerichtsprozess, der die Familie in den Ruin bringen könnte. Hier erlebt der Erzähler zum ersten Mal den Vater als unaufrichtige, janusköpfige Person, die er im Verlauf Avatar nennt. Von nun an, beginnt er die Entscheidungen und Aussagen der Eltern stärker zu hinterfragen. Wir kennen das alle: Als Kind scheint einem alles richtig, was Eltern einem erzählen – später wird man klüger.

„Als Kinder transzendierten wir den Horizont der Familie zunächst nicht, sondern wuchsen mit ihren Positionen auf.“

Das Familienoberhaupt ist Jurist mit einer guten Position und sehr konservativ. Als der ältere Bruder des Erzählers zusehends in linke Kreise gerät, hängt bald der Haussegen schief. Der Bruder lässt sich nicht beirren und macht so bald als möglich den Abgang nach Berlin. Die Schwester ist ebenfalls ein Sorgenkind. Sie heiratet einen Amerikaner, zieht mit ihm in die USA, bekommt Kinder, kehrt zurück, geht wieder weg, kehrt zurück, etc. pp. Und alles auf Kosten der Eltern.

Wie wir wissen, im letzten Roman „Die Universität“ wird ausführlich darüber erzählt, beginnt unser Held ein Studium in Frankfurt am Main und ist somit ebenfalls aus der Schusslinie der elterlichen Instanz.

Im zweiten Teil des Buches wird es nun wirklich brenzlig. Hier erfährt der Protagonist von der örtlichen Buchhändlerstochter (und Ex-Freundin) aus alten, wieder gefundenen Tage- und Meldebüchern, dass das Grundstück nicht schon ewig lange der Familie gehörte, wie es immer in den Erzählungen der Eltern hieß. Vielmehr ist es naheliegend, dass das Land enteignet wurde und die jüdische Besitzerin die Zeit des Nationalsozialismus nicht überlebte …

„Die Frage nach Parteimitgliedschaft mußte aus irgendwelchen düsteren Gründen bei meiner Mutter einen solchen Adrenalinausstoß verursachen, daß sich eine alles vernebelnde Wolke in ihrem Gehirn ausbreitete und sie nicht einmal merkte, daß sie mir das schon zehnmal erzählt hatte und ihr Wortlaut dabei immer exakt ein und derselbe war.“

Ziemlich erschüttert über dieses Nichtwissen, dieses Verschweigen der Eltern und Großeltern, fragt sich der Autor, was er hier eigentlich schreibt, wie naiv er tatsächlich bisher über die Geschichte, den Ort, die Geschehnisse in der Familie schrieb. Wie kann es nun weitergehen? Wie mit der plötzlich „neuen“ Vergangenheit schriftlich umgehen?

Im Zuge der Lektüre wurde mir klar, dass ich den Band „Das Haus“ auch noch einmal lesen wollte, da es hier genau um das Grundstück, den Hausbau und Einzug ging und um das Problemkind Andreas, dem es am besten ging, wenn er allein zuhause war. Zu wenig erinnerte ich noch von dem bereits vor Jahren Gelesenen. Das war in der Tat sinnvoll und ergänzte die Gedächtnislücken. Die Stimmung in diesem Band ließ mich sehr oft an meine eigene Kinderzeit denken (Ich wurde im selben Jahr geboren wie Maier). So sind alle Bände des Zyklus separat mit Gewinn lesbar, ergeben aber schließlich ein stimmiges Bild durch die komplette Lektüre. Da die einzelnen Bände sehr schmal sind, ist nichts einfacher als das. Mehr- und unbändiges Leuchten!

Alle Bände erschienen im Suhrkamp Verlag. Eine 10-Seiten-Lesung des Autors gibt es hier:

Eine weitere begeisterte Besprechung (von allen Bänden) gibt es beim Blog BooksterHRO.

Édouard Louis: Das Ende von Eddy S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Da die Romane von Louis alle autobiografische Züge tragen, begann ich nun mit dem ersten: Mit „Das Ende von Eddy“ gelang Louis in Frankreich 2014 ein Riesenerfolg.

„An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.“

Er schildert darin seine Kindheit in der ländlichen Picardie, im Norden Frankreichs. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, in einem Haushalt in dem schon morgens der Fernseher läuft, allein der Vater das Sagen hat, wo jeder Junge Arbeiter in der Fabrik wird und früher oder später Alkoholiker. Bereits als Junge merkt er, dass er anders ist, sich beispielsweise anders bewegt, als die anderen Jungs. Später in der Schule, wird er aufgrund dessen sogleich als tuntig und schwul gehänselt.

„Meine Eltern nannten das Getue, sie sagten Lass doch das Getue. Sie wunderten sich Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi. Sie sagten Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“

Als Einzelgänger, der eigentlich lieber mit Mädchen zusammen wäre, wird er von anderen Schülern gepiesackt, teilweise misshandelt. Als die Pubertät beginnt, ist klar, dass er auf Jungen steht. Etwas, dass in seiner Familie und generell in dieser macho-dominierten dörflichen Arbeiterregion, wo nur „echte“ Männer etwas zählen, so überhaupt nicht geduldet wird, ja, eigentlich gar nicht vorkommen darf. Mit anderen Jungs, die einen Porno nachspielen wollen, kommt es dann tatsächlich zu ersten körperlichen Begegnungen mit dem eigenen Geschlecht. Was die „Mitspieler“ als ein Ausprobieren ihrer Männlichkeit verstehen, wird für Eddy die Offenbarung seiner Homosexualität. Vom Vater, der die Arbeit in der Fabrik verlor, von der Mutter, die sich als Altenpflegehelferin abrackert, um das Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdient, wird „Eddy“ so überhaupt nicht akzeptiert. Die Schwester Clara versucht ihn mit Freundinnen zu verkuppeln.

Wie ein Studierter reden, das hieß auftreten wie die verhasste Klasse, die Feinde, die was haben, die Reichen. Wie diejenigen, die eine Chance auf höhere Schul- und Universitätsbildung haben.“

Eddy leidet und wünscht sich nichts sehnlicher als „normal“ zu sein, wie alle anderen. Bis es irgendwann nicht mehr geht und er seine Flucht aus dieser Gefangenschaft, aus dieser kleingeistigen Welt plant. Eine Chance bietet die Theatergruppe seiner Schule, Eddy ist begabt. So erhält er ein Stipendium für eine musisch ausgerichtete weiterführende Schule mit Internat und verlässt das Dorf in Richtung Amiens.

In diesem ersten Roman erlebt man den 1992 geborenen Édouard Louis sehr nah und persönlich. Hier ist seine Sprache noch nicht ganz so ausgereift, wie später in „Im Herzen der Gewalt“. Dennoch ist es ein ungewöhnlich dichtes autobiografisches Buch, dass ich sehr empfehle, vor allem, wenn man vielleicht, wie ich, Anknüpfungspunkte, was die Kindheit betrifft, hat.

„Das Ende von Eddy“ erschien im Fischer Verlag und wurde genial wie immer von Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Französischen übersetzt.

Die Besprechung zu „Im Herzen der Gewalt“ folgt im nächsten Beitrag hier auf dem Blog.

Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag

Ein Haus in Paris, ein Innenhof in der Rue de Grenelle, ein Fiat 500 im Hof, ein Haus, in dem sich die Wohnung der Familie Boltanski befindet, eine Wohnung unterteilt in viele Räume, eine Wohnung mit zwei Stockwerken, in einem Raum das Versteck.

„Diese Familie ist nichts als eine lange Folge von Pseudonymen, Spitznamen, gekauften oder erfundenen Decknamen. Von nicht mehr ganz eigenen Namen, da sich dahinter andere verbergen, die alle dieselbe Frage stellen: „Wer sind wir?“

Christophe Boltanskis Buch besteht aus Räumen, angefüllt mit Dingen, an denen Erinnerungen haften, begehbare Einheiten einer Familiengeschichte, ein Durchlaufen der Ereignisse, ein intimer Einblick in einen geschlossenen Kosmos. Das hier gelebte Konstrukt heißt Familie und es scheint zu funktionieren vor dem Hintergrund der permanenten Angst ihrer Mitglieder. Die Idee dieses Romans erinnert leicht an Georges Perecs „Das Leben – Gebrauchsanweisung, das eine ebensolche Einteilung in Wohnungen und ihre Bewohner eines Mietshauses in Paris beinhaltet oder an Xavier de Maistres „Die Reise um mein Zimmer. Die Wohnung spielt in der Tat eine wichtige Rolle, ist Schutzraum, Abgrenzungsort, ist wie ein Mitglied der Familie, ja vielleicht der eigentliche Hauptprotagonist. Erst spät wird sie auch zu einem Begegnungsort der intellektuellen Freunde der Familie.

Boltanski gliedert diese autobiografische Geschichte nicht chronologisch, sondern in Kapitel, die jeweils nach einem Zimmer des Hauses benannt sind. Dass diese Gliederung im Fall von Boltanskis Familie stimmig ist, zeigt sich im Laufe des Lesens. Jedes Zimmer wird betreten, der Autor hat eingeladen: Er schildert, was darin geschah. Anhand der einzelnen Familienmitglieder bildet er das Familienleben und die Stellung eines jeden darin ab. Er erzählt von den wichtigen Gegenständen und der unterschiedlichen Erinnerung daran. Beginnend mit dem Auto, dem Fiat 500, der letztlich eine Erweiterung der Wohnung war.

„Der Fiat befriedigt unseren Wunsch, fliehen und sich einschließen zu können, zur Welt zu kommen und in den Zustand eines Fötus zurückzukehren.“

Im nächsten Kapitel geht es um Küche und Esszimmer. Hier taucht Boltanski weit zurück in der Zeit und erzählt etwa von der Urgroßmutter aus Odessa, die wenig Hab und Gut auf die Reise nach Frankreich mitnehmen konnte, aber eben einen Samowar: „Das Totem der Boltanskis.“ Hier spricht er von den seltsamen Essgewohnheiten, die auf die Sparsamkeit der Großmutter zurückzuführen sind. In diesem Zusammenhang schildert er auch die denkwürdigen Urlaubsreisen mit einem Volvo 144, in dem unzählige Familienmitglieder Platz fanden. Doch ging es eigentlich nur um eine möglichst lange zurückgelegte Strecke, keineswegs um den erreichten Ort oder um eine etwaige Erholung.

„Meine Familie lebte nicht zurückgezogen, sondern zusammengeschweißt.“

Es geht hier weniger um Einzelpersonen. Diese Familie ist lebensfähig nur im Ganzen. Zumindest ist dies die unumstößliche Ansicht der Großmutter Boltanskis, die mehr noch als der Großvater im Mittelpunkt des Buches und auch in dem der Familie steht. Sie ist es, die trotz (oder wegen) ihrer körperlichen Gebrechen die Starke ist, die alles mit eiserner Hand trägt und zusammenhält, die den anderen oft die Luft zum Atmen nimmt. Die Großmutter ist es auch, die entscheidet, dass im Haus „das Versteck“ eingerichtet wird, in dem sich der Großvater letztlich 20 Monate während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aufhält und überlebt.

Das Kapitel „Salon“ erzählt von der Kindheit der Großmutter, die von den Eltern zur Adoption zu einer reichen Bekannten geschickt wird, dass sie es einmal besser habe. In dieser Zeit ist sie unglücklich, aber materiell versorgt, beerbt schließlich sogar die Adoptivmutter.

„Über dem Taufbecken hatte man sie an eine alleinstehende Dame verkauft, die ein zurückgezogenes Leben führte und ihr mit spitzen kaum angedeuteten Küssen Moralpredigten hielt.“

Im Anschluss daran, zeigt das Kapitel „Treppe“, das weitere Schicksal der Großmutter auf. Sie beginnt ein Medizinstudium und schreibt unter Pseudonym Romane und Essays. Alles ändert sich, als sie sich als junge Frau mit Polio infiziert und seitdem unter diversen Lähmungen leidet und nur unter größter Anstrengung zu gehen vermag. Auf der Straße sieht man sie nur im Fiat, wo nichts von ihrer Gebrechlichkeit zu sehen ist. Diese Krankheit und ihr Stolz treibt sie dazu, die restliche Familie permanent um sich herum zu scharen, sie zu isolieren.

„Es ist logisch, dass sie nach einer solchen Kindheit nicht ruhte, das zu erschaffen, was sie selbst nicht gehabt hatte: eine Familie, die wie ein kompakter Block war. Sie bewegte sich nur umgeben von den Ihren. „Meine Kinder sind meine Stöcke, erklärte sie.“

Im Kapitel „Arbeitszimmer“ wird die Geschichte des Großvaters Etienne erzählt, der Arzt war und jüdischer Abstammung. Als junger Mann war er mit dem Dadaisten Théodore Fraenkel befreundet und verkehrte im club des sophistes. Aus Überzeugung trat er mit dreißig zum Christentum über, was ihn später nicht vor der Verfolgung durch die Nazis rettete. Der Großvater war gleich nach dem Studium als Arzt zwei Jahre im 1.Weltkrieg an der Front tätig und stark traumatisiert zurückgekehrt. Als in Paris die Verfolgung durch das Vichy-Regime begann, musste er seine Tätigkeit in einer Klinik beenden. Seine Frau hatte schließlich die rettende die Idee, sich offiziell von ihm scheiden zu lassen und ihn in Wirklichkeit im „Zwischenraum“ genannten Versteck direkt neben ihrem Zimmer unterzubringen. Von der Zeit im Versteck erfahren wir wenig, nur, dass es dem Großvater danach schwerfiel wieder ins Leben zurückzufinden.

„Er vermisste sein Versteck, das Leid, das ihn geläutert hatte. Er hat es nie wieder verlassen. Überall, wo er war, baute er sein Gefängnis um sich herum. Er errichtete hohe Mauern zwischen denen er sich aufhielt.“

Dennoch waren die Boltanskis später politisch und gesellschaftlich aktiv, die Großmutter nach dem Krieg bei diversen Hilfsorganisationen, die Eltern des Autors vor allem was die Algerienpolitik Frankreichs betraf,

Der Autor reiste auf den Spuren seiner Familie nach Odessa, wohin bisher keiner der Verwandten zurückgekehrt war. Er wollte wissen, wie sehr die Erinnerungen der von ihm befragten Verwandten mit der Realität übereinstimmen. Doch trotz aller Bemühungen gelang es ihm nicht, etwas in Erfahrung zu bringen.

Boltanski wuchs im Haus der Großeltern auf. Er erzählt die Geschichte seiner Familie offen mit liebevollem Blick und mit ehrlichem Respekt, verschweigt auch die dunklen Seiten nicht, vermutet sogar eine Traumatisierung der gesamten Familie, die sich bis auf seine Generation übertragen hat.

„Diese Furcht hat mir meine Familie schon sehr früh vermittelt, fast bei der Geburt.“

Aufgrund der vielen Zeitsprünge und der unglaublich vielen Namen von Familienangehörigen, die Großmutter hatte aufgrund der Adoption allein drei verschiedene, ist es mitunter etwas schwierig der Geschichte zu folgen. Ein Namensregister im Anhang wäre hilfreich gewesen.

Der 1962 in Paris geborene Christophe Boltanski ist Journalist und Kriegsreporter gewesen. Sein erster Roman ist ideenreich und eigen konstruiert, spannend und humorvoll erzählt. Er ist ein bewegendes Porträt einer ungewöhnlichen Familie von Freigeistern und Künstlern. Ihm gelingt es aus diesem biografischem Material wirklich Literatur zu machen. Seine Sprache ist bilderreich und, mir fällt kein treffenderes Wort ein, schlichtweg elegant.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Dieser Beitrag erschien erstmals auf fixpoetry

Merethe Lindstrøm: Aus den Winterarchiven Matthes & Seitz Verlag

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“  … über ihm die Decke, unten der Boden, darauf hat er vertraut, darauf muss er vertrauen, er ist gerade eingeschlafen, er schläft, oder vielleicht liegt er denkend da, und dann lässt ihn das alles im Stich, mit einem Mal ist ein offenes Loch unter ihm, die Erde und das Zimmer verschwinden in der Tiefe, alles, was er hatte.

So fühlt es sich an. Merethe Lindstrøm muss es kennen. Sie kennt Depression, Manie und Schizophrenie.  Und wenn nicht aus eigener Erfahrung doch aus nächster Nähe. Jemand der so schreibt, muss das Wesen der Krankheit durchdrungen haben. In ihrem Buch „Aus den Winterarchiven“ schreibt sie über ihr Leben mit ihrem depressiven Mann. Sie kennt psychische Krankheiten auch von ihrem Vater und ihrer Schwiegermutter. Es sind Zeitmomente die sie sammelt, Erinnerungen, die eigene Geschichte, aus der das aktuelle Dasein resultiert. Es ist die Geschichte einer Partnerschaft, einer Familie mit drei Kindern. Einer Familie, die zeitweise in Armut lebt, Möbel verkaufen muss, ja sogar manch Spielzeug der Kinder, um zu überleben.

Später wird es finanziell etwas besser. Die Familie ist aufs Land gezogen, 3 Hunde kommen dazu. Die Frau arbeitet als Schriftstellerin, der Mann ist Künstler, Maler, wenn er es denn schafft. Denn ihn ereilen immer wieder depressive Schübe. Dann ist er kaum erreichbar, dann braucht er Drogen und Medikamente zum Dämpfen, zum Durchhalten. Er leidet noch immer unter der Willkür der schizophrenen Mutter und dem alkoholsüchtigen wenig ansprechbaren Vater in der Kindheit. Für die Frau ist das schwer auszuhalten und dennoch bleibt sie, versucht zu stützen, muss sich zeitweise abgrenzen. Und gerade das ist wichtig für den Mann. Auch die Frau hatte eine unsichere Kindheit, die Mutter alleinerziehend und überfordert, die kleine Tochter viel zu früh zur Selbständigkeit gezwungen. Wir hören von langen heilsamen Spaziergängen in der Natur, von durchwachten Nächten und der Abgrenzung der eigenen Kinder. Wir erfahren über den Alltag, über den Kampf, den ja gerade Künstler mit sich und der Welt auszutragen haben, vor allem wenn davon der Lebensunterhalt abhängt. Kreativität ist eben nicht immer sofort abrufbar.

„Mit Rausch oder ohne, in der Nacht geschriebene Notizen sind am Morgen immer fremd. Die Nacht befördert etwas hoch, zeigt es, wie es ist, das Vergessene, ist denn die Sprache nachts nicht eine andere, die Nachtsprache, ist sie nicht wahrer, ich glaube schon.“

Merethe Lindstrøms Aufzeichnungen sind in feinster Sprache verfasst und verdichtet. Jedes Wort sitzt. Sie hat ein Talent, ein schwieriges Leben aus der Schönheit ihrer Sprache heraus in etwas besseres zu verwandeln. Nie geht sie so weit, ihre Biografie vollkommen aufzublättern, sich zu entblößen. Und das macht gerade Biografisches zu gelungener Literatur. Und so finden sich unendlich viele hochpoetische Sätze:

„Als stünde ein Minuszeichen davor. Vor deinen Tagen, vor diesen Orten, deinen Sätzen, als würdest du auslöschen, sie löschen.“

oder

„…man möchte am liebsten den Blick und nicht nur die Augen schließen, …“

Was hier zu erlesen ist: Gute Literatur hat immer mit faszinierender Sprachkunst zu tun, auch wenn das Thema ein schweres ist. Ein Buch, dass mich entfernt an die Notizbücher ihres Landsmanns Tomas Espedal erinnert.

Die Autorin und gleichzeitig Heldin dieses Buches wurde 1963 in Bergen in Norwegen geboren. Die deutsche Übersetzung kommt von Elke Ranzinger. Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem wunderbaren Blog Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ursula Krechel: Geisterbahn Jung und Jung Verlag

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In ihrem neuen Roman spielt der Geburtsort der Autorin eine zentrale Rolle. Ursula Krechel wurde 1947 in Trier an der Mosel geboren. Von hier aus schreibt sie sich in verschiedene Lebensgeschichten ein. Ihre Protagonisten sind teils frei erfunden, teils lebten sie tatsächlich. Zu Beginn des Buches führt die Autorin ihre Hauptfiguren ein, um später immer wieder im Wechsel auf sie zurückzukommen. Da ist die Schaustellerfamilie, die Sinti, die von ihrem Standort Trier aus mit dem Karussell flussab- und aufwärts zieht. Da sind die jungen Kommunisten Willi und Aurelia, Da ist der Arzt und die Hotelierstochter und der Psychologe mit seiner unscheinbaren Ehefrau und da ist immer wieder der Polizist, im Roman fortan vom Sohn und Erzähler mit MEINVATER betitelt, immer in Großschrift. Da ist gleich zu spüren, welche Vater-Kind-Geschichte darunter schwelt.

Wir erfahren jeweils von der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier bleibt Krechel auch wieder ihrem Lebens-Thema treu. Ein Großteil des Romans wird von der Zeit kurz nach dem Krieg bestimmt, wie schon im Roman „Landgericht“. Es ist schwierig diesen Roman in seiner ungeheuren Fülle für eine Rezension zusammenzufassen. Zwar ist er in fünf Kapitel unterteilt, doch hält sich innerhalb eines jeden kaum eine Struktur, eine mäandernde Sprache lässt sich auf jeden Wink hin auf Experimente ein, bezieht sich auf Welt- und Literaturgeschichte. Wir lesen von Marx, dessen Geburtshaus in Trier steht oder von Nikolaus Lenau, dem österreichisch-ungarischen Dichter, dessen ziemlich abfälliges Lied „Drei Zigeuner fand ich einmal“ im Grundschulunterricht gesungen wird und das Sinti-Mädchen Anna zum Weinen bringt:

„Der Lehrer sagte nichts, der Text stand auf der Tafel. Ännchen hatte, wie Iris, kein Taschentuch. Dann hatte Ännchen genug geweint, nun schniefte sie nur noch und gab sich einen Ruck: Mir sinn net solche Zigeuner wie die.

Inhaltlich gibt es durchaus eine chronische Abfolge, zeitweise mit Rückblenden. Jede Figur lebt, jede Person wird ernst genommen, jeder Protagonist durchlebt in Zeiten des Krieges entstandenes körperliches und seelisches Leid, das das ganze spätere Leben durchdringt. Nachkriegswachstum durch Verdrängung.

Anfangs begegnen wir der Schaustellerfamilie Dorn und lernen die Mitglieder kennen, eine große Familie, in dem jeder gebraucht wird. Als der Nationalsozialismus mit seinen Repressalien bis nach Trier gelangt, erfahren die Dorns unglaubliches Leid. Tochter Kathi wird zwangssterilisiert, Mutter Lucie wird im Lager Lublin ein Kind gebären (Ignaz), welches überlebt, während 4 andere sterben. Vater Alfons überlebt mit schweren körperlichen Behinderungen. Lucie wird später am Erlebten und am Verlust der Kinder wahnsinnig.

Die Geschwister Aurelia und Willi Torgau, die es tatsächlich gab, versuchen im Widerstand für den Kommunismus zu arbeiten. Doch beide werden in Haft und ins Lager gebracht. Aurelia verbringt 8 Jahre in Ausschwitz, überlebt das Lager. An Tuberkulose erkrankt, medikamentenabhängig stirbt sie später auch aufgrund ihrer Traumata.

„Nach Monaten kam eine Postkarte mit einer Adresse aus der sowjetischen Zone. Sie lebte, Aurelia war mit heiler Haut aus Auschwitz zurückgekommen. Was bedeutet die Haut, pergamentdünn, wenn das, was sie umspannte, Trostlosigkeit war?“

Grit, die Hotelierstochter, verliert ihren Mann im Krieg, weiß sich in der Besatzungszeit als starke Frau durchzusetzen, und bekommt später eine uneheliche Tochter, Iris.

Die Neumeisters, er arbeitet nach dem Krieg als Kinderpsychologe, sie bleibt unausgefüllt Hausfrau. bekommen ein Wunschkind, Cecilia.

In der Nachkriegszeit begegnen sich schließlich die Kinder der Hauptfiguren in der Schule, Ännchen, Ignaz, Cecilia, Iris, Kurt, Gerwin und der Sohn des Polizisten, der gut durch die NS-Zeit kam und auch im neuen System wieder bestens Fuß fassen kann. Sohn Bernhard wird später alles aufschreiben, er ist derjenige, der recherchiert und der Erzähler der vorliegenden Geschichte. Sie wachsen zusammen auf und scheinen später sehr viel bessere Möglichkeiten zu haben. Doch die Kriegstraumata sind so leicht nicht abzulegen. Sie müssen aufgearbeitet werden.

„Und wenn ich über Iris, Cecilia, Gerwin, Kurt und mich nachdachte: Man hatte etwas anderes von uns erwartet. Wir erfüllten nicht die Erwartungen, die man in uns gesetzt hatte.“

Krechel schafft wieder vorzüglich, die Stimmung der Nachkriegszeit einzufangen, den Aufbruch, die Verdrängung, den Kleinstadtmief, das Gerede, die Gerüchteküche, die Entrüstung, wenn eine Frau allein ein uneheliches Kind aufzieht, der weiterhin schwelende Hass auf die Sintifamilie, die trotz aller Widrigkeiten später eine Gastwirtschaft eröffnet, also sesshaft wird, das Familienleben unter der Knute des Katholizismus, der Verhütungsmittel oder Schwangerschaftsabbruch verbietet und die Frau brav ins Haus verbannt. Ihre schwungvolle Sprache, das mitunter Lyrikhafte, Kunstvolle unterstützt durch Varianten und Wiederholungen bestärkt die jeweiligen Stimmungen.

Gegen Schluss, je mehr die Gegenwart eintritt, wird es zeitweise etwas langatmig, abwegig, teils kitschig. Es ist der schwächste Teil des Romans und zählt zum Glück nur an die 40 Seiten von 640. Das ist verzeihlich und ändert nichts am Ergebnis: Krechel ist erneut ein mächtiger, absolut dichter, sprachlich wie inhaltlich beeindruckender, wichtiger Roman gelungen. Große Empfehlung!

Das Buch erschien im Verlag Jung und Jung, wie bisher alle Romane und auch die feine Lyrik. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weiteres hier auf dem Blog zum Thema Sinti und Roma:
Zoni Weisz erzählt seine Biografie
Der Sonnenwächter von Charles Haldeman

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen Ullstein Verlag

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Bereits das Buchcover, das mir ziemlich gut gefällt, weist auf die folgende Geschichte hin. Da ist es aus mit der Romantik eines Caspar David Friedrich (Umschlagbild: Hügel mit Bruchacker bei Dresden), aus mit der heilen ländlich, dörflich, kleinstädtischen Welt, da kreuzt die Faust, die Gewalt das ruhige Dahinleben. Auch in der Epoche der Romantik gab es zeitgleich den Drang zur Weltflucht und die Ausrichtung ins Private, aber auch ein Suchen der Identität in Richtung Nationalismus. Und natürlich Heinrich Heine: Deutschland Ein Wintermärchen, seinerzeit als Schrift eines „Vaterlandsverräters“ beschimpft.

Dass der Roman teils biografisch ist, sagt der Autor selbst. Und dieses Debüt des 23-jährigen Lukas Rietzschel lebt von seiner Geschichte, von einer Geschichte, die aktueller und brisanter nicht sein könnte. Er zeigt, wie Misstrauen und Hass sich langsam und unscheinbar, aber stetig entwickelt in einer zunächst heilen Welt …

Die Geschichte einer zerfallenden Familie ist es. Sie zieht sich über 15 Jahre hinweg von 2000 bis 2015 und ist angesiedelt in Neschwitz in der Lausitz. Zwei Jungs, Philipp und Tobi, kleiner Altersunterschied, und Eltern, die gerade ein Haus bauen, die beide Arbeit haben. Ihnen geht es besser, als anderen in dem kleinen Ort in Sachsen. Viele haben ihre Arbeit verloren und mancher versinkt in Alkohol und Sinnlosigkeit.

Ganz langsam baut sich ein Szenario auf: Die Jungs, denen langweilig ist, die auf der Suche sind und die „falschen“ Freunde finden. Viele ziehen weg, von Zukunft kann hier keine Rede sein. Die Ehe der Eltern zerbricht. Der geliebte Großvater stirbt. Viel Hoffnung bleibt da nicht. Zunächst sind da die Sorben, diese kleine nationale Minderheit mit der eigenen Sprache die in der Lausitz lebt und die von der Clique der Brüder als Fremde angefeindet werden. Und dann all diese Massen von Fremden aus Afrika und Arabien, die Unterkunft und Geld bekommen, während im Ort Schule, Sparkasse, Läden geschlossen werden. Leise schleicht sich der Hass in die Gemüter der Menschen, die sich zurückgelassen fühlen. Rietzschel macht das sehr glaubwürdig, buhlt aber nicht um Verständnis, klärt nur auf.

„Deshalb ist man doch kein Nazi“, sagte Philipp und drehte sich um. Das erste Mal sah er Christoph wieder ins Gesicht. „Alle anderen dürfen stolz auf ihr Land sein“, sagte er, „nur in Deutschland ist das verboten!“.

Einer der Brüder, Philipp, der ältere, zieht sich zurück aus der Szene, will selbständig werden, will weg an einen besseren Ort. Tobias hingegen macht mit und zwar aktiv. Er will nicht hinnehmen, dass „sein“ Land, dass, was ihm zusteht, von diesen Fremden genommen wird. Was anfangs noch als Ausraster im betrunken Zustand an Silvester geschieht, wird immer aggressiver. Tobias und seine Freunde werden gezielt gewalttätig. Übergriffe werden genau geplant und rigoros durchgeführt. Tobias, der sich von Mutter, Vater und Bruder missverstanden und abgelehnt fühlt, sich aber eigentlich nach Zugehörigkeit sehnt, findet nirgends mehr Halt und übergibt sich voll dem Hass und der Gewalt.

Lukas Rietzschels Sprache mit ihren stakkatohaften, teils abgehackten und fragmentartigen Sätzen wirkt zunächst unbeholfen, unvollständig, passt aber zunehmend zur bedrohlichen Entwicklung der Geschichte. Ein wenig mehr Tiefe hätte dem Roman dennoch gut getan. Trotzdem ein recht gutes Debüt!

Der Roman des erst 23-jährigen Autors erschien im Ullstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Maxim Biller: Sechs Koffer Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Mal sehen, ob Maxim Billers hohe Ansprüche, was gute Literatur angeht, auch auf seinen eigenen Roman zutreffen, dachte ich mir, als ich „Sechs Koffer“ zu lesen begann. Leider, gleich vorweg, kann ich nichts finden, was diesen Roman als besonders anspruchsvoll auszeichnet. Weder inhaltlich noch sprachlich hat er mich in Gänze überzeugt. Zwischendurch hat er mich sogar gelangweilt und nach der Lektüre ist die Geschichte schnell vergessen. Das macht Arno Geiger besser, das kann Ralf Rothmann besser, Uwe Timm und auch Christoph Hein, die alle ähnliche Themen in ihren Romanen bearbeiten.

Die Geschichte, die sich rund um den in der Sowjetunion wegen seiner Schmugglergeschäfte hingerichteten Großvater des Erzählers (aka Autor) dreht, ist zeitweise leicht konfus. Es geht darum, wer in der Familie den Großvater verraten hat, ihn an die Obrigkeit ausgeliefert hat, wer für seinen Tod verantwortlich ist und es geht darum, wer mit wie vielen Dollarscheinen durch den eisernen Vorhang gen Westen flüchten wollte. Der Enkel versucht die ewig unter Verschluss gehaltenen Wahrheiten zu erforschen und aufzudecken. Vater und Mutter, drei Onkel und eine Tante könnten dabei die Finger im Spiel gehabt haben. Jeder Leser kann letztlich anhand der „Aussagen“ selbst entscheiden, wer der Schuldige ist. Ganz klar ist es aus der Geschichte nicht herauszulesen.

Der Roman spielt teils in der Tschechoslowakei, später in Hamburg und Zürich und wechselt dauernd die Zeiten, einmal 1965, dann 1978.  Keine der Figuren kommt mir nahe. Keine berührt mich oder bleibt im Gedächtnis haften. Auch ist nicht immer klar, aus wessen Perspektive eigentlich erzählt wird. Interessant immerhin, dass Biller versucht den 15-Jährigen eine zeitlang anhand einer Brechtlektüre (Flüchtlingsgespräche) durch seine Suche auf den Spuren der Familie zu führen.

Ich finde den Roman trotz seiner Thematik weder tragisch noch eindringlich, ab und an klingt ein wenig trockener Witz hindurch. Nichts jedoch, was einen hohen Anspruch an Literatur erfüllen könnte. Schade, ich hatte mir mehr erhofft.

Im Literarischen Quartett und auch im Feuilleton so wie bei vielen Buchbloggern ist er durchweg besser angekommen. Etwa bei „Die Buchbloggerin“.

Der Roman steht auf der Longlist, ist also nominiert für den Deutschen Buchpreis. Er erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen Hanser Verlag

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Margriet de Moor ist eine der bedeutendsten niederländischen Autorinnen und hat auch mit diesem Roman einmal mehr überzeugt. Jedesmal staune ich über ihren ganz eigenen Erzählton und gebe mich diesem gerne hin. De Moor weiß aus jedem Thema besondere Literatur zu machen.

Diesmal ist es eine Art Kriminalroman, unglaublich spannend, geradlinig und geheimnisvoll zugleich und gut in einem Rutsch zu lesen. Ich lerne außerdem einen neuen Beruf kennen, der mich fasziniert: Vogelvertreiber auf einem Flughafen, offizielle Bezeichnung: Vogelschlag-Beauftragter für Flughäfen. Rinus, der mit der Hauptfigur Marie Lina, die als Krankenschwester arbeitet, verheiratet ist, übt diesen Beruf auf dem Flughafen Amsterdam/Schiphol aus und nimmt manchmal auch den Sohn Olivier mit zum Dienst. Er versteht seinen Beruf eher als Vogelretter, während es eigentlich darum geht, zu verhindern, dass Vögel in den Triebwerken landen und die Maschine beschädigen und ein Unglück geschieht.

„Eine weitläufige Fläche. Ein Traumbuch für Vögel. Auf dem Polderflughafen mit seinen sechs Start- und Landebahnen in einer von Wassergräben und Äckern gesäumten Prärie ist die Anwesenheit des Menschen eine zu vernachlässigende Größe. Der Mensch sitzt in einem brüllenden Getöse, das aufsteigt oder sich senkt, je nachdem. Kein Vogel schert sich darum.“

Marie Lina und Rinus und der Sohn sind eine ganz normale Familie. Beide gehen arbeiten, beide haben ein wunderbares Selbstverständnis davon, wie sich ihr Zusammenleben gestalten soll. Eines Tages geschieht etwas, dass die Familie erschüttert, letztlich jedoch nur noch mehr zusammenschweißt. Eine ältere Frau stürzt bei einer körperlichen Auseinandersetzung mit Marie Lina am Amsterdamer Bahnhof in eine Baugrube. Die Frau überlebt nicht. Marie Lina wird am nächsten Morgen von der Polizei abgeholt, gesteht und kommt in Haft. Dass sich somit das Schicksal ihrer Mutter wiederholt, ist ihr ganz offensichtlich klar und gewollt.

„Ihre Mutter war jemand der las und vorlas. Und ihre unstillbare Neigung, das Leben mit Geschichten zu korrigieren und zu vertiefen, auf ihre Tochter übertrug.“

In Rückblenden erfährt man dann Zug um Zug, was es mit dem Geschehnissen um Marie Linas Mutter auf sich hat. Louise arbeitete als Haushaltshilfe in einer Seniorenwohnanlage und regelmäßig auch bei dem 90-jährigen Bruno. Dieser verehrt die sanftmütige Frau. Eines abends wird Bruno in seinem Zimmer getötet und beraubt. Man klagt sofort Louise an. Die Beweislage spricht gegen sie. Doch sie wehrt sich nicht, obwohl sie die Tat nicht begangen hat. Erstaunlich schnell, wie ein Justizirrtum zustande kommen kann. Sie sitzt die Strafe ab. Ihr Mann, ein Fernfahrer trennt sich von ihr. Die kleine Tochter, die miterlebt hat, wie die Mutter von der Polizei abgeholt wird, kommt zu Verwandten in Pflege. Ein Trauma wird dennoch bleiben. Jahre später wird Louise wegen guter Führung früher entlassen und sogar rehabilitiert. Doch die wahre Täterin kommt nicht hinter Gittern. Nach dem Tod der Mutter spürt Marie Lina diese auf und in ihr reift ein Plan …

De Moor schildert die Vorgänge innerhalb der Familie während der Ereignisse sehr feinfühlig echt und doch bleiben sie immer auch rätselhaft. Nichts wird in Gänze aufgelöst. Es ist das Gespür des Lesers/der Leserin gefragt, um die Geheimnisse zu durchdringen. Der Roman hält über die ganzen 260 Seiten seine Spannung. De Moor führt ihre Protagonisten ausführlich ein, so dass sie stark hervortreten, allerdings mehr über das innere Geschehen. In zwei Kapiteln, die von Festnahme bis Justizvollzugsanstalt erzählen, steigert sich die Intensität, da in der Ich-Form erzählt wird.

Was, wie mir scheint, in dieser Geschichte dabei immer vorhanden ist, ist eine besondere Art stetiger Liebe und eine Selbstverständlichkeit des Zusammenhalts – vielleicht so, wie es sich jeder wünscht. Was es genau mit den Zusammenhängen zwischen Vögeln und Menschen auf sich hat, habe ich nicht gänzlich herausgefunden und fand doch die Episoden auf dem Flughafen sehr eindrücklich. De Moor´sches Leuchten!

„Von Vögeln und Menschen“ erschien im Hanser Verlag. Übersetzt wurde es von Helga van Beuningen. Den vorigen Roman von Margriet de Moor „Schlaflose Nacht“ habe ich als Hörbuch gehört und auch hier besprochen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) Frankfurter Verlagsanstalt/ Ullstein Verlag

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Was für eine Geschichte! Nino Haratischwili hat mit „Das achte Leben“ einen hochkarätigen Roman über eine georgische Familie geschrieben, der auch gleichzeitig die Geschichte Georgiens als Teil der Sowjetunion aufzeigt. Beginnend im Jahr 1900 spannt Haratischwili einen Bogen fast bis zur Gegenwart. Sie hat auch soeben den Bertolt-Brecht-Preis und das Stipendium des Lessing-Preises 2018 gewonnen. Beinahe 1300 Seiten dick ist der Roman und es ist keine Seite, keine Zeile zuviel.

„Weil es ein Geheimrezept ist. Eine kleine Dosis meines Geheimnisses mische ich in alle unsere Schokoladenwaren, aber das Rezept ist ursprünglich für diese Heiße Schokolade erfunden worden, die du nun kosten durftest. Aber … Er hielt inne und sah seine Tochter unablässig an. – Aber sie ist gefährlich.“

Seit der Lektüre dieses beeindruckenden Romans habe ich ein Faible für Heiße Schokolade. Denn alles beginnt in einer Schokoladenfabrik in einer Kleinstadt in Georgien. Es beginnt mit dem Konditormeister, Stasias Vater und dessen Geheimrezept für Heiße Schokolade. Es beginnt mit Stasia, die im Jahr 1900 geboren wird und sich später in Simon Jaschi verliebt, einem Oberstleutnant der weißen Garde. Haratischwili teilt den opulenten Roman in 7 Kapitel auf, die jeweils vorwiegend einem Familienmitglied gewidmet sind, das 8. und letzte Kapitel heißt Brilka und es ist noch leer, denn es wird gerade erst gelebt. So entsteht dann ein beeindruckender Familienstammbaum, wie er am Ende des Buches abgedruckt ist, der hilfreich ist, um den Überblick über die Figuren zu behalten, die einem allesamt ans Herz wachsen, egal wie schrullig oder kompliziert sie auch sind.

Immer wieder ist es spannend zeitgeschichtliches statt mit dem westlichen Blick, mit dem Georgiens zu betrachten. Was beispielsweise dort geschah, nachdem Gorbatschow Staatsoberhaupt der Sowjetunion wurde, sieht von dieser Warte aus betrachtet ganz anders aus. Wirklich spannend vermischt die Autorin georgische und sowjetische Geschichte mit dem Leben der zahlreichen Familienmitglieder. Die Personen sind rundweg großartig geschildert: ob nun hoher Parteifunktionär, Spion, Popsängerin, Geisterseherin, Schauspielerin, Filmemacher, bildschöne Tante, jähzorniger Großvater, Tänzerin, alle tragen schwer an ihrer Vergangenheit, an ihrer Herkunft, immer beeinflusst von der wechselvollen Geschichte ihres Landes. Schauplätze sind außer Tbilissi, wo die Erzählerin 1973 geboren wurde, Petrograd, Leningrad, Prag, Wien, London. So gerät der/die Leser*in die Wirren der Revolution in Moskau, hört von der Straße des Lebens, die zur Versorgung Leningrads während des Krieges übers Eis führte, erlebt das Prag zur Zeit des Prager Frühlings und die Zeit des Kalten Krieges. Bis zum Ende bleibt es spannend.

Ich danke Nino Haratischwili für diesen Roman, der mir in unvergleichlicher Weise so viel über ihr Land und eine schier unglaubliche mitreißende Familiengeschichte erzählt. Ich bin gespannt auf den neuen Roman. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman ist gebunden in der Frankfurter Verlagsanstalt und auch als Taschenbuch bei Ullstein erhältlich, wobei sich die gebundene Ausgabe aufgrund des Seitenumfangs als stabiler anbietet. Eine Leseprobe gibt es hier.