Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied Frankfurter Verlagsanstalt

Auf der Shortlist des Bloggerpreises von Das Debüt 2020 steht auch Amanda Lasker-Berlins Roman „Elijas Lied„. Es geht um drei Schwestern, die sich seit langem wiedersehen um eine Wanderung zu machen, die sie früher mit den Eltern öfter machten. Die Einladung kommt von Loth und die Schwestern sind nicht gleich begeistert davon. Eines Tages ist es dann doch soweit und die Autorin nutzt den Wandertag, der in Uhrzeiten aufgeteilt ist, die gleichzeitig als Kapitelüberschriften fungieren, um die drei jungen Frauen vorzustellen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Und ich frage mich tatsächlich das ganze Buch hindurch, warum sie sich auf diese Wanderung überhaupt einlassen, denn leiden können sie sich eigentlich nicht. Sie stehen sich selbst im Weg. Sie verbindet nur, dass sie Schwestern sind. Echte Nähe mag einzig in der Szene auf dem als Wanderziel gesetzten Berggipfel zu erkennen sein. Als Elija das Lied singt, dass der Vater für sie gedichtet hat …

Jede für sich hätte einen Roman füllen können, denn viel mehr Ungewöhnlichkeit geht fast gar nicht. Dazu kommen die bedeutungsschwangeren biblischen Namen, die alle drei tragen. Da ist Loth, die rechtsextreme Ansichten öffentlich vertritt, für eine rechtsextreme Partei arbeitet, entsprechende Lieder singt und Videos postet. Sie lebt in einer WG mit Gleichgesinnten und ist gleichzeitig Narzisstin und Magersüchtige mit Reinlichkeitszwang. Dann gibt es Noa, die einen Job in einer großen Kantine hat, sich ein Zubrot mit Sexdiensten in Pflegeeinrichtungen verdient und gleichzeitig mit einem gut verdienenden jungen Workaholic liiert ist.

„Aber Elija wirbelt ihre Arme durch die Luft. So wie sie es im Theater zum Aufwärmen macht. Sie kreist die Schultern, damit sie Flügel werden, sie beugt die Knie, knickt den Rumpf. Auf einer Bühne muss man kein Mensch sein. Da kann man das sein, was die Natur aus einem gemacht hat, findet sie.“

Und es gibt Elija, die mit Trisomie geboren wurde. Sie wurde als Teenager schwanger, musste durch die Eltern veranlasst abtreiben und wurde zwangssterilisiert (was mich wundert, da die Eltern praktizierende Christen sind). Elija schafft es jedoch mittels ihrer Tätigkeit in einem Theater, in dem die Regisseurin ein Soloprogramm für die begabte Elija produzieren will, ihren Schmerz zumindest heilsam auszugleichen. Meiner Ansicht nach sind alle drei Schwestern extrem traumatisiert. Beim Lesen denke ich unwillkürlich, dass die Autorin zu viel in ihre Geschichte gepackt hat. Weniger wäre hier womöglich mehr gewesen.

Auch sprachlich ist es ein Balanceakt. Manche Metaphern wirken sehr künstlich („Ihre Pulsader pocht blau in den Wald hinein.“) . Manche Szenen jedoch, wie etwa die, in denen Elija sich mit der ausgestopften Eule in einem Gasthaus identifiziert, weil sie dabei an ihre Abtreibung, den Verlust des Ungeborenen denkt, finde ich sehr gelungen. Teils sind es extrem kleinteilige sinnliche Beschreibungen, viel Haut, viel Geruch, viel Körper, die großen Themen hingegen werden kaum verdichtet. Erklärungen sucht man sich zwischen den Zeilen und so wirkt das Buch auch nach der Lektüre noch lange als Denkanstoß.

Die  1994 geborene Autorin schreibt vor allem fürs Theater. Ihr Romandebüt erschien bei Frankfurter Verlagsanstalt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Ein schönes Porträt der Autorin gibt es hier:

 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Thomas Hettche: Herzfaden Kiepenheuer & Witsch Verlag

„Eine Insel mit zwei Bergen …“ und „Tief unter der Erde, da ist es schön …“
Seit ich Thomas Hettches „Herzfaden“ las, habe ich dauernd Ohrwürmer. Ich glaube, an Weihnachten kamen sie immer im Fernsehen, die neuen Geschichten der Augsburger Puppenkiste. Als Kind freute ich mich auf jede neue Folge. Sei es Jim Knopf oder das Urmel, Kalle Wirsch oder die Blechbüchsenarmee, später auch Schlupp oder die Dschungeldetektive. Thomas Hettche hat nun einen Roman über die Augsburger Familie Oehmichen, die Gründer der Puppenkiste geschrieben. Äußerlich schön anzusehen in Leinen gebunden und mit Illustrationen, dazu farbigem Druck. In Rot und Blau sind die zwei Erzählstränge unterteilt (wobei ich das Rot beim Lesen anstrengend für die Augen empfand).

Hettche beginnt mit dem „roten“ Erzählstrang, in dem ein 12-jähriges Mädchen nach dem Besuch eines Theaterstücks mit dem Vater, verschwindet. Es entdeckt eine Geheimtür, die durchs Dunkle auf einen geheimnisvollen Dachboden führt. Ähnlich wie bei Alice im Wunderland, öffnet sich hier eine ganz neue Welt. Die Welt der Marionetten und der Phantasie. Das Mädchen wird selbst klein wie eine Marionette und begegnet Hatü, der Puppenspielerin und vielen der bekannten Gestalten der Puppenkiste. Hatü erzählt ihre Geschichte:

So landen wir im zweiten „blauen“ Strang und treffen Hannelore, genannt Hatü, im Kreis ihrer Familie. Zu Beginn wird die Ferienidylle der Oehmichens auf dem Land jäh unterbrochen, weil der Vater einen Einberufungsbefehl bekommt. Der Krieg hat begonnen. Hatü und ihre Schwester Ulla sind 9 und 10 Jahre alt und werden den Rest ihrer Kindheit im Krieg verbringen. Die Mädchen verstehen noch nicht alles, was passiert. Doch dass die alte Frau Friedmann und eine Schulkameradin verschwinden, weil sie Jüdinnen sind, verwundert sie schon. Der Vater, ein Schauspieler am Augsburger Theater, kehrt zurück und übernimmt, als unverzichtbar eingestuft, die Reichskammer-Theaterleitung. Weihnachten 1941 bekommen die Schwestern vom Vater Marionetten geschenkt. Hatü ist fasziniert davon. Mit dem Vater zusammen spielt sie noch während des Krieges vor der Familie und Bekannten ein improvisiertes privates Marionettenstück. Mir scheint, aus allem, was ich herauslese, dass die Familie eher zu den privilegierteren Bürgern gehörte. Erst als die Allierten deutsche Städte angreifen, wird der Vater noch einmal eingezogen. Doch die Familie übersteht alles und beginnt mit dem Neuaufbau einer echten Marionettenbühne – das Stadttheater hat die Bombadierungen nicht überstanden.

„Und wie der Vater eines Tages wieder in Uniform vor ihnen stand und dann nicht mehr da war. Und dass sie selbst seitdem das Gefühl hat, erwachsen zu sein, ohne zu wissen, was das bedeutet. Nur, dass es sich anfühlt wie ein bitterer Geschmack im Mund, weiß sie. Dass sie keine Schuld hat und sich doch schuldig fühlt. Dass sie nichts Falsches getan hat und doch alles falsch ist.“

Nun wird abwechselnd mit der Geschichte des Mädchens auf dem Dachboden die Geschichte des steten Wachstums und des Erfolgs der Augsburger Puppenkiste erzählt. Die Geschichte spannt sich von ca. 1939 bis in die 60er Jahre. Hatü steht dabei in beiden Erzählsträngen im Mittelpunkt. Die Geschichte der Familie zeigt auf, welch große Veränderungen, oft angekurbelt mithilfe der Amerikaner, in den Nachkriegsjahren ihren Lauf nehmen. Der Vater und Hatü brennen vor Leidenschaft für ihr Projekt und entwickeln nach und nach neue Stücke. Beide sind die tragenden Säulen, doch auch das Personal wächst. So werden außer Märchen dann auch „Der kleine Prinz“ und später Michael Endes „Jim Knopf“ erfolgreich aufgeführt. Schließlich kommen die Verfilmungen mit dem Aufkommen der Fernsehapparate. Der Roman erzählt damit auch viel über das Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahre in Deutschland, ohne dabei allzu politisch zu werden. Nur einige der jungen Mitarbeiter der Bühne, beschäftigen sich kritisch mit den Männern, die schon im Nationalsozialismus und nun auch wieder in der neuen Republik das Sagen haben. Überall zeigt sich die allgemeine Verdrängung, sowohl im Privaten, als auch im öffentlichen Raum. Die märchenhaften Stücke der Marionettenbühne bieten dabei für viele Menschen, nicht nur für Kinder, eine gute Möglichkeit, dem Alltag und der Last der Vergangenheit zu entfliehen. Mit Stücken wie „Faust“, „Der kleine Prinz“ und „Jim Knopf“ wird das Programm aber auch gesellschaftlich relevanter und kritischer. (Wer beispielsweise heute über Jim Knopf herzieht, sollte sich den Text mal im Kontext der Zeit anschauen.)

Hettche hat einen guten biographischen Roman geschrieben, wobei mir der „rote“ Strang, der im Heute spielt, eher als spärlich und nur als Halterung der tatsächlichen Geschichte erscheint. An „Pfaueninsel“ kommt der Herzfaden meiner Meinung nach nicht heran.

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag und war 2020 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Ben Lerner: Die Topeka Schule Suhrkamp Verlag

Foto: pixabay, gemeinfrei

Das Buch „Wohin mit meiner Wut?“ – Neue Beziehungsmuster für Frauen von Harriet Lerner (damals in der Fischer Taschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“) kennen wahrscheinlich heute nur noch meine Altersgenossinnen. Es war bei Erscheinen 1985 eines der ersten psychologischen, feministischen „Ratgeber“, die sich kritisch mit der Rolle der Frau in Beziehungen befassten. Aufgrund der Lektüre von Ben Lerners neuem Roman habe ich es aus meinem Buchregal gezogen und die damals angestrichenen Stellen nachgelesen. Verstaubt war es aber nur äußerlich, vieles ist auch heute noch aktuell. Dass Harriet Lerner Ben Lerners Mutter ist, merkte ich erst, als sie in seinem Roman vorkam.

In „Die Topeka Schule“ wird sie als Jane gehörig angefeindet von Männern nach Erscheinen dieses damals aufsehenerregenden Werks.

„Einmal fragte ich einen anderen leitenden Analytiker, warum er männliche Postdocs mit >Doktor< und weibliche Postdocs mit dem Vornamen ansprach, und prompt bekam ich beim nächsten Mal auf der Couch wieder den Penisneid-Vortrag. Der Diagnose Penisneid zu widersprechen war ein sicheres Zeichen für Penisneid.“

Ben Lerner erzählt also teils autobiographisch einen Teil eines Erwachsenwerdens in den 90ern in Topeka im Mittleren Westen der USA. Die einzelnen Kapitel handeln von der Hauptfigur Adam, seinem Vater Jonathan und seiner Mutter Jane, beide Psychologen an der Topeka Foundation. Zumeist wird aus der Sicht der jeweiligen Person erzählt. In Zwischenkapiteln, die schräg gesetzt sind, lesen wir von Darren, in Adams Alter und Umfeld, als auch Patient von Darrens Vater.

Adam, wohlbehüteter Sohn zweier Psychologen, in der letzten Klasse der Highschool ist ein Champion im Debattieren. Er gewinnt alle Schulwettkämpfe und erhält professionelle Unterstützung für sein Training. Ansonsten ist er aber ein gewöhnlicher Junge, eher sensibel sogar, vermutet man, von Migräneanfällen geplagt. Die Mutter deutet alles was in der Familie geschieht, nach ihrem Wissen als Familientherapeutin. Die Familie ist befreundet mit einem anderen Psychologenpaar, Sima und Eric. Sima hat iranische Wurzeln, hatte es mit ihrem übermächtigen Vater schwer, ebenso wie Jane. Die beiden sind nicht nur befreundet, sondern Sima wird auch zur Analytikerin von Jane. Was dabei durchklingt, ist der Missbrauch Janes durch ihren Vater.

Jonathan sieht sich in seiner Tätigkeit nach Alternativen zur Psychoanalyse um. So beschäftigt er sich viel mit Biofeedback, Meditation und anderen alternativen Methoden der Psychotherapie. Der stärkere Part in der Beziehung scheint durchaus Jane zu sein, auch klingt durch, dass Adam sich mehr an seine Mutter bindet. Zudem gibt es noch Klaus, einen älteren deutschen Psychologen, an dem sich Adam ebenfalls orientiert. Im Verlauf der Geschichte kommt es zwischen Adams Eltern immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Schon im Teenageralter interessiert sich Adam nicht nur für die Debattensprache, sondern auch sein Interesse für Lyrik wird geweckt. Hier scheint es für ihn Möglichkeiten zu geben, freier und eigener Sprache zum Klingen zu bringen. So wie Sprache überhaupt das Thema des Romans ist. Sprache in jeder Ausdrucksform: Dialekt, Teenagerslang, Rap, Körpersprache, Hochsprache, gesprochene, geschriebene, irgendwie artikulierte, manipulierende Sprache. Sprache, die weit ab vom Inhalt nur noch für bestimmte Zwecke missbraucht wird.

Lerners Buch ist so komplex, dass man es eigentlich mindestens ein zweites Mal lesen müsste, um die verschiedenen Ebenen und tieferen Schichten zu entschlüsseln. Sicher auch, weil es keine leicht zu lesende Lektüre ist, sondern mit speziellem Wortschatz aufwartet und vom Leser enorme Konzentration verlangt. Mir haben die psychologischen, mitunter feministischen Teile mehr gefallen, als beispielsweise die ganzen ausführlichen Sequenzen über die Debattenkultur in den USA. Als Verbindungsglied fungieren die Parts, in denen es um Darren geht, der aufgrund seiner Herkunft nicht so richtig zur Collegeclique um Adam passt, in denen letztlich auch die Gewalt eskaliert. Für mich ist dieser Roman doch sehr typisch amerikanisch.

„In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte – auch wenn beides dazu beitragen konnte, einen in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste zu bringen, von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte.“

Und das ist es, was Ben Lerner letztendlich tut. In seiner Rückblende mischt er sich auch immer mal wieder als Schriftsteller der Heute-Zeit ein und verwischt die zeitlichen Grenzen. Das ganze letzte Kapitel widmet er seiner inzwischen in New York gegründeten Familie und der aktuellen politischen Situation und seiner Position als Autor. Aus dieser Person heraus rührt er an Themen, die er gesellschaftskritisch durchleuchtet.

„Die Topeka Schule“ erschien im Suhrkamp Verlag und wurde übersetzt von Nikolaus Stingl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Annie Ernaux: Der Platz Hörspiel Der Audio Verlag

Auf nur einer CD mit Laufzeit von 1 Stunde, 18 Minuten inszenierte Der Audio Verlag Annie Ernauxs Buch „Der Platz“.  Als Hörspiel ist es ausgeschrieben, bleibt aber glücklicherweise überwiegend in Nähe einer raffiniert eingesprochenen Lesung. Die Tonuntermalung empfand ich anfangs gewöhnungsbedürftig, doch dann konzentrierte ich mich ausschließlich auf die ausdrucksstarke warme Stimme der Schauspielerin Stephanie Eidt und freute mich über die gelungene Umsetzung des Textes.

„Wenn ich Proust oder Mauriac lese, kann ich nicht glauben, dass sie über die Zeit schreiben, als mein Vater Kind gewesen ist. Seine Welt ist das Mittelalter.“

Die französische Autorin Annie Ernaux erzählt in dem nur 100 Seiten zählenden, in Frankreich bereits 1983 erschienenen, „Der Platz“ über ihren Vater. Beginnend mit seinem Tod, assoziiert sie frei über sein Leben. Nach und nach erfahren wir, dass er bereits im Alter von 8 Jahren auf dem Bauernhof helfen musste, mit 12 von der Schule abging und dann auf dem Hof arbeitete, wo schon der Großvater Arbeit fand. Irgendwann schafft er den Wechsel zum Arbeiter. Inzwischen ist er mit Annies Mutter verheiratet. Eine Tochter wird geboren (die mit 7 Jahren an Diphterie starb). Es wird gespart, um ein Geschäft zu eröffnen. Im kleinen Ort Lillebonne führen die Eltern schließlich den Kramladen mit Bar im Arbeiterviertel. Doch der Laden wirft nicht genug ab. Der Vater muss zusätzlich arbeiten gehen. Die Mutter managt den Laden. Für die Verwandten gelten sie als reich.

Annie Ernaux erzählt gleichzeitig, wie sie versucht, dieses Buch über den Vater zu schreiben. Ihr wird klar, dass es keinen Roman geben wird. Es wird eine große Herausforderung. Sie bleibt nah am Geschehen, an den erinnerten Worten, nah am tatsächlichen Leben. Die Schwierigkeiten die mit dem Schreiben verbunden sind, das Schwanken zwischen persönlichem Empfinden und möglichen Anklagen, Scham oder gar Verrat.

Annie wird 1940 mitten im Krieg geboren. Der Vater bringt die Familie durch. Die Eltern kehren in den Heimatort Yvetot zurück. Nach dem Krieg übernehmen sie wieder einen Laden mit Kneipe. Wieder arbeitet der Vater zu, diesmal in einer Ölraffinerie, bald als Vorarbeiter.

„Wir hatten alles, was man braucht. Was bedeutete, dass wir uns satt aßen und dass es in der Küche und der Kneipe, den einzigen Räumen, in denen wir lebten, warm war. Zwei Garnituren Kleider, eine für unter der Woche, eine für sonntags.“

Der Vater kauft das Haus und das Grundstück. Soviel hatte keiner in der Familie erreicht. Und dennoch, der Neid, das Sparen, das Misstrauen, die Vergleiche, das Gefühl der Unterlegenheit, die Scham. Der andauernde Streit zwischen den Eltern ist immer präsent. Die Tonlage geprägt von gegenseitigen Vorwürfen.

„Ein andauernder bodenloser Mangel.“

Die Tochter Annie ist eine gute Schülerin, sie geht auf die höhere Schule, das Pensionat, dass die Mutter ausgesucht hat. Sie entfernt sich vom Dialekt des Elternhauses und entwickelt ein Bewusstsein für Sprache. Nach dem Abschluss beginnt sie auf Lehramt zu studieren. Sie reist ins Ausland und wechselt das Studium: Literaturwissenschaft. Dem Vater ist das alles fremd. Er begreift nicht die Lust der Tochter am Denken und Lernen. Aber er akzeptiert, denn so wird sie etwas Besseres, wird keinen Arbeiter heiraten müssen. Tatsächlich heiratet Annie einen Politikstudenten und zieht mit ihm weg. Sie arbeitet als Lehrerin. Ein Sohn wird geboren. Die Besuche bei den Eltern werden rar. Der Ehemann begleitet sie nie. Der Abstand, nicht nur der räumliche, ist zu groß geworden. Annie ist „aufgestiegen“ …

Ernaux beschließt ihren Text wiederum mit dem Blick auf den Tod des Vaters, der kurz vor seinem geplanten Ruhestand mit 68 eintritt. Sie konnte noch Abschied nehmen und beginnt mit dem Buch, dass sie erst Jahre später in der vorliegenden Form beendet.

Im Booklet findet sich Aufschlussreiches über die Autorin und die Entstehung des Hörspiels. Die Übersetzung stammt von Sonja Finck, das Buch erschien im Suhrkamp Verlag, wie alle Neuauflagen der autobiographischen Bände von Annie Ernaux. Hier auf dem Blog habe ich bereits „Die Jahre“ besprochen. Große Empfehlung!

 

Nell Zink: Das Hohe Lied Rowohlt Verlag

Nach „Virginia“ ist es der zweite Roman, den ich von der in Bad Belzig nahe Berlin lebenden Amerikanerin Nell Zink lese und es bestätigt sich, dass diese Autorin eine ungewöhnlich gute Erzählerin ist. Ich frage mich, warum sie so selten im Feuilleton oder auf Blogs besprochen wird. Ihre Erzählweise ist so mitreißend, kraftvoll und witzig, dass es eine Freude ist. So schafft sie es mit Themen, in denen ich mich gar nicht auskenne oder für die ich mich normalerweise nicht so brennend interessiere, dass ich trotzdem bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr von ihrer Story los komme.

In „Das Hohe Lied“ spannt sie einen Bogen vom New York der 80er Jahre über Washington DC bis übers Jahr 2016 hinaus, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Wir lernen Joe, Daniel und Pam kennen. In einzelnen Kapiteln werden diese Hauptprotagonisten mit ihrer Herkunft vorgestellt, bis sie in der Geschichte schließlich in New York zusammen treffen. Alle drei wollen Musik machen. Alle drei können es aber gar nicht so toll. Trotzdem planen sie mit einem von Daniel getragenen Musiclabel Joes unverblümt spontane Musik zu veröffentlichen. Daniel und Pam werden ein Paar. Pam ist früh von zuhause, sprich Washington DC abgehauen und hat als Programmiererin einen guten Job gefunden. Daniel arbeitet für Zeitarbeitsfirmen. Als Pam sehr jung schwanger wird, ist es für beide trotzdem keine Frage das Kind zu bekommen. Sie engagieren Joe als Babysitter für Flora und produzieren nebenbei Musik. Unverhofft wird ein Song von Joe tatsächlich erfolgreich, er unterschreibt einen Plattenvertrag und geniesst künftig sein hedonistisches Leben. Die raffinierte drogenabhängige Freundin, die der unbedarfte Joe aufgabelt, lässt Pam und Daniel sich um ihn sorgen …

Dennoch läuft alles ganz gut, bis am 11.9.2001 in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center donnern. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Leben. Daniel und Pam packen die kleine Flora ins Auto und fahren zu den Großeltern. Dort kommt es schließlich zum Entschluss, Flora dort im sicheren Wohnviertel zur Schule gehen zu lassen. Die beiden Alt-Punks kehren ins in die Jahre gekommene Loft nach New York zurück.

„Die Stadt hatte ihren Billigtouch verloren. […] Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel. In ganz Manhattan stand die Mittelschicht mittleren Alters inmitten der Trümmer ihrer privaten Altersvorsorge und wartete darauf, ihre Positionen im mittleren Management zu verlieren.“

Wir begleiten sowohl die persönliche Entwicklung und Ausbildung von Flora, als auch die der politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Der Bankencrash, der erste schwarze Präsident, und dann der Wahlkampf, der auf die Wahl Trumps zusteuert, in dem sich Flora nach Ende ihres Studienabschlusses in Biochemie für die Grünen engagiert. Flora steht stellvertretend für die junge Generation, die mit den Sozialen Medien aufwächst und sich in diesen sicher bewegt.

„Sie war damit groß geworden, der potenziell sofortigen weltweiten Verbreitung eines jeden von ihr geäußerten Wortes eine Kosten-Nutzen-Analyse vorauszuschicken.“

Sie steht für die Generation, die sich aufgrund des Klimawandels um ihre Zukunft sorgt, die die Welt retten und sich politisch engagieren will, die sich aber auch mit einer gewissen Desillusionierung auseinandersetzen muss.

„Der Krieg gegen öffentliche Güter und privates Auskommen hatte einen Namen: Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, der zum Kapital – den natürlichen Ressourcen, wie etwa Flüssen voller kostenlosem Fisch – im selben Verhältnis stand wie der Islamismus zum Islam. Es war ein Fetisch, der „Güter“ produzierte, die nicht „gut“ waren.“

Mit dem Ergebnis, dass Flora mehr als einmal hinterfragt, wohin die Reise gehen soll und erst recht wozu. Auch in ihren ersten Beziehungen zeigt sich dieses Schwanken, dieses nicht genau wissen wohin. Der Professor, der an der Uni ihre Arbeit betreut, der wesentlich ältere eloquente Politik-Berater, der junge unbedarfte Praktikant, der an Joe erinnert? Manchmal erfordern dann die Ereignisse doch Entscheidungen, so auch bei Flora.

Nell Zink hat einen überzeugenden, wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der durchaus kritisch brandaktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Zink brachte mir dabei zum Beispiel die Funktionsweise des Wahlkampfs in den USA, die mich bisher gar nicht interessiert hat oder aber auch, wie die Musikszene und der Musikbusiness wirklich funktioniert, nah. Sie ist eine kluge Erzählerin, die nie langweilt, ganz gleich um was es geht. Sie schreibt in einer ebenso flotten, wie gründlichen Sprache mit sehr gelungenem Humor. Die hohe Qualität hält sie geschickt bis zum perfekt konstruierten Schluss durch.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt wurde es von Tobias Schnettler. Eine Leseprobe gibt es hier.

Sandra Gugić: Zorn und Stille Hoffmann und Campe Verlag

„Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Vorstellungen zu überschreiben.
Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Erinnerungen zu überscheiben.“

Die beiden Sätze könnten ein Leitmotiv des neuen Romans „Zorn und Stille“ von Sandra Gugić sein. Er weist auch auf die Lyrikerin Gugić hin. Erst 2019 erschien ihr Lyrikdebüt „Protokolle der Gegenwart“ im Verlagshaus Berlin. Für mich ist Sprache immer ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Aspekt für mein Lesen. Und hier treffe ich auf einen Roman, der es vor allem mit der Sprache schafft, sich abzuheben von den vielen Geschichten, die es bereits zum Thema gibt. Und hebt eben auch durch die Sprache das Besondere dieser Familiengeschichte hervor.

Billy Bana ist Fotografin, angesagt und erfolgreich, mit Ausstellungen in ganz Europa. Eigentlich heißt Billy Biljana Banadinović und hat die erste Zeit ihres Lebens bei den Großeltern im ländlichen Jugoslawien gelebt. Ihre Mutter Azra und ihr Vater Sima haben das Land lang vor den großen Kriegen verlassen und sind nach Wien emigriert. Die Tochter holten sie nach und in Wien kam dann auch Sohn Jonas Neven zur Welt. Die beiden Geschwister hielten fest zusammen. Erst als sich die 16-jährige Billy vom einengenden Elternhaus löst und in eine Kommune zieht, kommt es auch zum Abschied vom Bruder. Erst Jahre später werden sich die beiden wieder sehen, als Billy längst Karriere gemacht hat und mit der Galeristin Ira in Berlin zusammenlebt. Dass der labile Jonas sich rückbesinnt auf sein Herkunftsland, dass es so nicht mehr gibt und sich auf eine Reise durch das zerbrochene Land begibt, von der er nicht mehr zurückkehrt, macht das Familienzerwürfnis total.

„An diesem Punkt der Geschichte klafft die Lehrstelle. Von hier aus schien Jonas Nevens Abwesenheit stetig zu wachsen und zu wuchern. Von hier aus dachten wir uns wund, spielten alle möglichen Szenarien durch, versuchten zu rekonstruieren, was geschehen sein könnte und warum, ohne echte Anhaltspunkte zu haben.“

Die Autorin erzählt in Rückblenden, ausgehend vom Anruf der Mutter, die Billy mitteilt, dass der Vater gestorben ist. Beide begeben sich getrennt auf die Reise nach Beograd, wo der Vater beigesetzt werden wollte. Im ersten Teil erinnert sich Billy, während sie am Flughafen auf ihren Flug wartet, endlich an die bis zuletzt gemiedene Familienvergangenheit. Im zweiten Teil lesen wir aus dem Blickwinkel der Mutter und im dritten aus der Sicht des Vaters. Sowohl Azra als auch Sima kommen aus ländlichem traditionellem Elternhaus. Beide wollten raus, hatten ganz eigene Pläne von einem freien Leben. Beide gehen nach Beograd und begegnen sich zufällig. Azra wird schwanger, Sima verschwindet. Als sie dann doch wieder zusammen kommen, reisen sie nach Österreich mit dem Wunsch ein vollkommen anderes Leben als die Eltern zu leben. Doch was anfangs noch gelingt, dehnt sich in eine lange Zeit mit sich im neuen Land zurechtzufinden, Geld verdienen, Kinder versorgen und als Ausländer möglichst nicht aufzufallen. Alle Träume sind ausgeträumt, Wünsche unerfüllt geblieben. Der Ausbruch der Kinder aus dem ehernen „Familiengesetz“ verschlimmert die Entfremdung der beiden Eltern noch (die das ja eigentlich verstehen könnten, da sie ja einmal dasselbe wollten).

„Alles was wir machen, absolut alles, tun wir nur, um glücklicher zu werden. Selbst derjenige, der sich umbringt, tut das, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein.“

Gugić` Blick ist ein genauer. Sie versucht einerseits die Innenwelt ihrer Protagonisten auszuleuchten, andererseits die Verbindung zu den äußeren Geschehnissen nicht zu verlieren. Alle Mitglieder der Familie sind eigentlich verschlossen, unstet und irgendwie verloren, jeder auf seine Weise. Dass Sohn Jonas Neven wirklich verloren geht und das auch noch im Land seiner Wurzeln, wirkt wie eine Verdeutlichung der Tragik. Für ihn ist diese Reise wichtig zum Verständnis seiner selbst, wie sich im Epilog zeigt. Und auch wenn der Jugoslawien-Krieg erst gegen Ende des Romans stärker in den Fokus rückt, wirkt er tief auf die Figuren ein. Am Beispiel Billys am Flughafen, als sie bei der Ankunft auf Serbisch angesprochen wird und die Sprache kaum mehr versteht, weil sie eben vor dem Krieg Serbokroatisch war und sie ohnehin nur noch deutsch spricht, zeigt sich wieder der Zwiespalt. Auch die zwei Ausweise, die sie besitzt machen sie zur Außenseiterin. Oder bei Vater Sima, der von seinen Arbeitskollegen ausgefragt wird, wie er denn zum Krieg seiner „Landsleute“ stehe und auf welcher Seite.

Die 1976 in Wien geborene, in Berlin lebende Autorin hat die Geschichte eines starken und dennoch fragilen Familiengeflechts geschrieben, die mir sehr gefällt und mit ihrer ausgefeilten Sprache durch ihre Bilder lebt; womöglich so wie aus dem genauen Blickwinkel einer Fotografin …

Der Roman erschien im Hoffmann und Campe Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

Stephan Roiss: Triceratops Kremayr & Scheriau Verlag

Mit seinem Debütroman „Triceratops“ wurde der Österreicher Stephan Roiss gleich für die Longlist des Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch ist schon äußerlich eine dunkle Schönheit. Das Cover mit diesem seltsamen Tier ist aufgeraut und sieht aus wie glänzender dunkelgrauer Stahl mit fliederfarbener Schrift. Mit Fliederfarben geht es auch innen auf dem Vorsatzblatt weiter, auf dem man die Hautstruktur des Triceratops, einer Dinosaurierart erkennt. Auch durch die Seiten schleicht sich das Tier.

Die Hauptfigur, ein namenloser Junge, der von sich selbst als „wir“ spricht, hat mich zutiefst berührt. Dieses „wir“, über das ich immer wieder erschrecke, als ich mir klar mache, dass der Junge allein ist, das mir immer wieder neu suggeriert, dass es vielleicht als eine Art Stärkung fungiert, eine Art „ich bin nicht allein“. Vielleicht eine Nachahmung der Schwarmbildung der kleinen Fische, die er im Naturkundemuseum sah, ein Versuch nicht gefressen zu werden? Auch der Triceratops, die Dinosaurierspielfigur wird eine Art Verstärker der Abwehr.

„Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn um werfen. Er stand fest auf der Erde.“

Dem kleinen Schuljungen wird eine Bürde auferlegt, der er niemals gerecht werden kann, auch wenn er sich noch so anstrengt. Er soll auf seine Mutter achten, sie stabilisieren, sie nicht aus den Augen lassen, sie trösten. Und weil ein kleines Kind auf die Liebe seiner Mutter angewiesen ist, tut er sein möglichstes und verliert dabei seine Kindheit. Die Mutter leidet unter schweren Depressionen, muss immer wieder in die Klinik für längere Aufenthalte. Bei ihrem Sohn zeigt sich die psychische Anspannung schnell: er bleibt lange Zeit Bettnässer, er kratzt sich die Arme blutig, kaut die Nägel bis ins Fleisch ab. Der Vater übernimmt keinerlei Verantwortung, schützt den Sohn nicht, die ältere Schwester ist ebenfalls seltsam abwesend. Die guten Tage sind für ihn die, an denen er zu seiner Großmutter darf. Sie nimmt ihn wie er ist und fordert nichts von ihm. Doch die guten Tage sind selten.

„Bitte mach, dass es ihr besser geht“, flüsterten wir vor uns hin, während wir über den vereisten Schotterweg nach Hause trotteten.“

Im zweiten Teil des Buches ist der Junge älter geworden. Pubertät, Teenageralter. In den Ferien bei der Großmutter, beginnt er seinen dicklichen Körper zu trainieren, rasiert sich die Haare ab. Dann stirbt die Großmutter. Er versucht auf den Spuren des Großvaters dessen Geheimnis zu erkunden. Besetzt dessen Hütte im Wald. Bald schließt er sich einem Punkmädchen und dessen Bruder an. Doch auch da ist der Halt nicht von Dauer. Die ältere Schwester zieht zu ihrem Freund, wird schwanger und immer labiler. Monate nach der Geburt tötet sie ihr Kind. Auch sie landet in der Psychiatrie: „Es wird nicht mehr schön.“ Die Mutter gibt sich für alles die Schuld.

Unser Held lässt sich treiben. In der Schule häufen sich Fehltage, schlechte Zensuren. Das „wir“ bleibt. Die Suche. Die Fragen. Die Möglichkeiten sich aus der Familie zu lösen. Einen Halt in sich selbst zu finden.

Ein sehr kurzer dritter Teil schließt sich an. Ein sehr schöner, weil vollkommen offener Schluss. Nicht mehr aus der Ich- bzw. Wir-Perspektive erzählt. Unsere Hauptfigur ist einfach nur „der Junge“.

Roiss erzählt nie direkt, was ich sehr gelungen finde. Ich setze Bauteilchen zusammen und erkenne die Zusammenhänge. Ich habe die Geschichte quasi mitzutragen, ich muss mitgehen, sonst lese ich zwar eine Geschichte, aber nicht das zwischen den Zeilen. Der Wahnsinn, der in dieser so brüchigen Familie herrscht, wird niemals so beschrieben, dass es mir zu viel wird (wie es kürzlich beim Debütroman von Ulrike Almut Sandig mit dem Thema Gewalt war). Die traurigsten und furchtbarsten Passagen wechseln mit alltäglichen Szenen ab. Überwiegend sind es einfache Satzkonstruktionen, teilweise sind die Seiten nur halb gefüllt. Und doch ist da etwas an der Art der Anordnung, das aus dieser einfachen Sprache Literatur macht. Vollkommen zurecht nominiert. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Kremayr & Scheriau Verlag in feiner Ausstattung. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge Graphic Novel Edition Moderne

Die Debüt-Graphic Novel des Schweizer Zeichners Martin Panchaud „Die Farbe der Dinge“ begegnete mir auf der Liste für den Max und Moritz-Preis 2020 des Erlangener Comic-Salons. Graphic Novels sind eine meiner Meinung nach unterschätzte Sparte der Literatur. Hier kann viel mehr experimentiert werden, was Panchaud auch hinreichend ausnutzt. Seine Geschichte ist vor allem in der zeichnerischen Umsetzung ein echtes Highlight. 

Äußerlich scheint es zunächst unspektakulär, zeigt jedoch sofort, auf was die Leserin sich hier einstellen muss. Panchaud erzählt seine Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive. Die farbigen Punkte auf dem Umschlag stehen und bewegen sich stellvertretend für die Protagonisten der ungewöhnlichen Geschichte. Es ist unglaublich, wie extrem gut das funktioniert. Nach einer kleinen Gewöhnungsphase beginnt man diese Art der Darstellung zu lieben. Die Leserin selbst hat hier die Möglichkeit sich mit der eigenen Phantasie den/die Helden „auszumalen“. Diese reduzierte Art wechselt sich ab mit konkreten Bildern, so dass es genügend Abwechslung und genug Raum für die Vorstellungskraft gibt.

Am besten man prägt sich gleich die jeweiligen Farben ein, vor allem die von Simon, dem 14-jährigen Helden. Zu Anfang wenig heldenhaft, ausgenutzt und getriezt von seinen Mitschülern, hängt auch im prekären Zuhause der Haussegen schief. Als er auf Befehl seiner Peiniger einer Wahrsagerin die Einkäufe nach Hause trägt, gibt sie im unverhofft einen Tipp fürs Pferderennen. Simon setzt alles Geld, was er zuhause finden kann auf den Außenseiter Black Caviar – und gewinnt! Und zwar richtig viel. Das Problem: als Minderjähriger darf er seinen Wettgewinn nicht einlösen.

Zuhause angekommen, um den Vater Dan unterschreiben zu lassen, ist nichts mehr wie zuvor. Die Mutter, vermutlich vom Vater ins Koma geprügelt, weil er glaubt, sie hätte sein Geld entwendet, wird ins Krankenhaus eingeliefert, der Vater taucht unter. Simon muss ins Heim. Als ein Foto von ihm, dem glücklichen Gewinner in der Zeitung erscheint, tauchen plötzlich jede Menge Leute auf und wollen ihm den Wettschein abknöpfen. Nur einer, Alan, scheint vertrauenswürdig. Er sagt, er wäre Simons Mutter etwas schuldig und die beiden machen sich gemeinsam auf die Suche nach Dan. Es beginnt eine Art Roadmovie. Doch Simons Vater weiß die Umstände für sich zu nutzen. Er beschuldigt Alan der Kindesentführung und die Polizei schlägt unerbittlich zu. Was Alan Simon kurz vor der Verhaftung verrät, stellt Simons bisheriges Leben auf den Kopf. Alan sein Vater?

Dan verschwindet erneut, nicht ohne den Wettschein eingelöst zu haben, sprich mit dem ganzen gewonnen Geld. Simon sitzt wieder im Heim. Die Mutter liegt noch immer im Koma. Wie sich das Blatt dann doch noch für Simon wendet und die Gerechtigkeit siegt und was das ganze mit einem Blauwal zu tun hat, verrate ich nicht.

Martin Panchaud hat mit dieser Graphic Novel gezeigt, dass es doch immer noch und immer wieder Neues zu entdecken gibt, gerade in diesem Genre, und dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Sowohl die Idee der außergewöhnlichen bildlichen Umsetzung dieser Story, als auch die Story selbst zeugen von enormem Einfallsreichtum und zeichnerischem Können. Ich bin sehr begeistert! Ein Leuchten!

„Die Farbe der Dinge“ erschien im Schweizer Verlag Edition Moderne. Das Buch steht auch auf der Hotlist der unabhängigen Verlage 2020 . Natürlich habe ich dafür abgestimmt und ich wünsche dem Buch viel Erfolg. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine kurzer Beitrag auf Arte über Martin Panchauds Arbeit am Buch ist zusätzlich aufschlußreich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir Schöffling Verlag

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„Monster wie wir“ ist der Debütroman der 1979 in Großenhain/Sachsen geborenen Ulrike Almut Sandig. Doch es gibt von ihr bereits Erzählungen und wunderbare Gedichtbände. Sandig ist bei weitem keine Debütantin, sie weiß mit Sprache umzugehen. Sie vertont viele ihrer Gedichte und ihre Lesungen sind sehr lebendig.

In ihrem Roman nun ist alles ganz anderes. Anders als die Gedichte aus „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“. Auch anders als die Erzählungen aus „Buch gegen das Verschwinden“. Hier ist der Text zeitweise auch verrätselt, wie in manchen Gedichten, aber aus anderen Gründen. Hier gibt es zwei Familien, zwei Kinder stehen im Mittelpunkt. Schauplatz ist eine ländliche Gegend mit Braunkohleabbau. Hier wird eine ganz normale Familiengeschichte erzählt. Sie spielt in Ostdeutschland, teils als es noch DDR war, teils nach der Wende. Die Kinder heißen Ruth und Viktor. Die zwei Hauptteile des Romans sind nach ihnen benannt. Und es gibt Geheimnisse …

Erzählt wird aus der Sicht von Ruth, die kurz vor einem Konzert in Gedanken mit einen Mann namens Voitto spricht, der im Schlusskapitel wieder auftaucht.

Ruth begleiten wir von der Kindergartenzeit bis etwa ins Teenageralter. Ruth und ihr Bruder Fly spielen Instrumente: Cello und Geige. Der Vater ist Pfarrer, die Mutter Apothekenhelferin. Doch scheint die Ehe der beiden immer mehr in Schieflage zu geraten. Ruth hat auch Sorgen, sie hat aber auch einen guten Freund, nämlich Viktor, dessen Mutter aus der Ukraine kommt. Viktor erlebt in seiner Familie sexuellen Missbrauch durch direkte Familienmitglieder. So, wie es am häufigsten der Fall ist. Bei Viktor wird es uns direkt von der Erzählerin mitgeteilt. Bei Ruth gibt es Andeutungen, bleiben Fragen offen. Ruth wird mögliche Traumata mit der Geige wegspielen. Viktor will sie mit Springerstiefeln, Bomberjacke, großem Bizeps und Baseballschläger von sich fernhalten. Für beide ist Nähe schwierig. Körperliche wie emotionale.

„Bald las ich Noten verschiedener Schlüssel, als läse ich Geschichten. Ich spannte die Melodien in meinem Kopf auf und hangelte mich an ihnen entlang, entschlossen, weder die eigenen Fingerkuppen noch den Rest meines Körpers zu spüren.“

Im zweiten Teil geht es ausschließlich um Viktor. Ein wie ein Neonazi gekleideter junger Mann wird Au-Pair bei einer wohlhabenden Familie mit zwei Kindern in Südfrankreich. Trotz der anfänglichen Zweifel der Eltern lebt sich Viktor in der Familie ein. Er kocht, putzt, bügelt, begleitet die Kinder auf dem Schulweg. Seine Sprachkenntnisse verbessern sich. Die Kinder beginnen, ihn anzuerkennen. So weit, so gut.

Dass dann aber – Vorsicht Spoiler – auch noch in der französischen Familie der Sohn vom Vater sexuell missbraucht wird, ist mir eigentlich zu viel. Wahrscheinlich ist die Geschichte so angelegt, damit Viktor diesmal einschreiten kann und nicht mehr hilfloses Kind ist. Das ist mir zu konstruiert. Hier fehlen mir die in den Gedichten verwendeten experimentellen und sprachbildnerischen Ideen. Und: Ist es in unserer Welt wirklich so? Erleben das wirklich so viele Kinder? Im Kreis der Familie, unabhängig vom Milieu? Ist das so verbreitet? Welch eine Horrorvorstellung! Welch ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft! Und wie wahr dann der Titel des Buches wäre! Ich möchte das nicht glauben.

Auch im letzten Kapitel, in dem man ein klein wenig von der Beziehung Ruths zu Voitto erfährt, geht es, wenn ich es richtig deute um Gewalt. Gewalt in einer Beziehung. Doch das braucht es wirklich nicht mehr, das Thema ist ausgereizt, der Bogen für mich längst überspannt.

Dennoch ist der Roman empfehlenswert, wenngleich mich die Gedichte und auch die Erzählungen von Sandig mehr ansprechen. Schon der Sprache wegen, aber auch wegen der vielen Auslassungen, die einen dazu bringen Lücken selbst zu füllen. Trotz des Themas, gerade wegen der mitunter feinen zarten Bilder von der Traurigkeit, der Hoffnung, die aus diesen Übergriffen, aus dieser Vernachlässigung der Menschlichkeit hervorgeht, ist dieses Buch so packend.

Das Buch erschien im Schöffling Verlag.
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs letteratura und leseschatz .

Zudem gibt es zwischen den durchweg positiven Stimmen im Feuilleton auch auf Deutschlandfunk Kultur die kritische von Sigrid Löffler, die sozusagen mit mir, einer Bloggerin im Internet(!), übereinstimmt, was die Überreizung des Themas Gewalt angeht.

Karine Tuil: Menschliche Dinge Claassen Verlag

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Auch in ihrem neuen, wieder sehr gelungenen Roman (mit einem ziemlich schönen Cover) beschäftigt sich die Französin Karine Tuil, wie schon im vorigen „Die Zeit der Ruhelosen“, wieder mit der Klassen-Gesellschaft, mit der immer größer werdenden Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen privilegiert und prekär. Wenn man nur noch von Erfolg und Macht getrieben wird, wenn man Aufstieg und Konkurrenzkampf der Menschlichkeit vorzieht, wenn man nur noch mithilfe von Aufputschmitteln die Arbeitswelt überstehen kann, wenn Eltern wegen ihrer Karriere oder der eigenen Selbstverwirklichung ihre Kinder vernachlässigen, dann läuft grundlegend etwas falsch.

Anhand einer Pariser Familie aus gehobenem Milieu zeigt Tuil auf, wie es gehen kann, wenn man seinen Aufstieg in die  bessere Gesellschaft um jeden Preis erhalten will, wenn man nicht mehr von der Macht seiner Position lassen kann. Das Ehepaar Claire und Jean und ihr Sohn Alexandre werden in den ersten Kapiteln vorgestellt. Claire, über zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ist als feministische Journalistin erfolgreich tätig. Jean hat sich aus dem Präkariat hochgearbeitet, ist als Fernseh-Moderator trotz seines Alters immer noch angesagt, neuerdings mit dem Ehrenorden vom Präsident ausgezeichnet, obwohl die jüngeren, innovativen bereits um seinen Posten Schlange stehen. Der 21-jährige Sohn Alexandre geht auf ein Elite-College in den USA. Dass dieses Familiengebilde brüchig ist, merkt man schnell.

Claire verlässt ihren Mann, weil sie sich in einen so ganz anderen Mann verliebt. Jean lebt ohnehin mit einer anderen Frau ein Doppelleben. Alexandre hat bereits einen Suizidversuch hinter sich. Weil seine ältere Geliebte ihm den Laufpass gab, treibt er sich bei einem Aufenthalt in Paris aus Frust auf einer Party seiner früheren Freunde herum und konsumiert Alkohol und Drogen. Am darauffolgenden Morgen steht die Polizei vor der Tür und konfrontiert ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung.

Karine Tuil schaut ganz genau hin. Es gelingt ihr ihre Figuren zu demaskieren und einen Blick hinter die Fassaden zu werfen. Sie greift in ihrem Roman aktuelle Themen auf wie die Me Too-Bewegung, den Weinstein-Prozess und die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln. Sie schildert die einzelnen Schritte des Prozesses gegen den der Vergewaltigung angeklagten Alexandre vor dem Schwurgericht sehr genau.

„Nach vier, fünf Prozesstagen gelangte sie zu der Überzeugung, dass man den Zustand einer Gesellschaft an deren Tribunalen und den dort verhandelten Fällen ablesen konnte. Das Rechtswesen offenbarte den schicksalhaften Verlauf von Biografien, die sozialen Bruchstellen, das Scheitern der Politik – all das, was der Staat im Namen der nationalen Einheit gern unter den Tisch kehrte, …“

Sie erzählt davon, wie lange sich so ein Verfahren hinzieht, wie schwer es ist für die junge Frau, die aus einer sehr religiösen jüdischen Familie kommt, noch nach Jahren die Tat in der Öffentlichkeit wieder ausführlichst schildern zu müssen. Dabei blendet sie das Dilemma der Eltern, vor allem das von Claire nicht aus. Wie verhalte ich mich als Elternteil? Wie verhalte ich mich, wenn es um das eigene Kind geht? Wie verhalte ich mich im Zwiespalt als emanzipierte Frau und Mutter? Jean hingegen versucht im Prozess die mutmaßliche Tat seines Sohnes als ein Kavaliersdelikt zu beschönigen. So zeigt Tuil auf, wie sehr Unterschiede in der Lebensform auch die Sichtweise auf eine sexuelle Gewalttat beeinflussen. In einem ganz anderen Umfeld und in einem anderen Stil hat dies bereits auch Bettina Wilpert in ihrem empfehlenswerten Roman „Nichts, was uns geschieht“ getan.

Zugegeben, das Ende gefällt mir nicht. Ich finde es tatsächlich enttäuschend, dass die Klägerin die einzige ist, bei der die Autorin keinen kurzen Blick in die Zukunft wirft. Andererseits ist sie auch keine der Hauptfiguren und wurde auch nie ausführlich in den Roman eingeführt. Aber vermutlich ist sie es, die am schwersten weiterleben wird. Auch Claire hat Probleme mit dem Leben nach dem Prozeß. Die, die recht schnell wieder vorne mit schwimmen, sind die beiden Männer, Sohn und Vater.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zwei weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „letteratura“ und „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.