Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.

aus meinem Leseprojekt Uwe Johnsons Jahrestage Band 2

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/11/25/leseprojekt-jahrestage-aus-dem-leben-von-gesine-cresspahl-von-uwe-johnson-suhrkamp-verlag/

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Leïla Slimani: Schaut, wie wir tanzen Luchterhand Verlag


Nun ist er da, der zweite Band der biographischen Romantrilogie von Leïla Slimani. Hier erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, die im ersten Teil „Das Land der Anderen“ in Frankreich begann, als ihre Großeltern sich nach Ende des zweiten Weltkriegs in Straßburg begegneten, heirateten und in die Heimat des Großvaters Amine, nach Marokko zogen.

Zu Beginn wird Aischa Belhaj von ihren Eltern nach Marokko zurückgerufen. Sie ist zum Medizin-Studium in Straßburg, im Elsass, der Heimat ihrer Mutter Mathilde. Doch es ist Sommer 1968 und die Studentenunruhen in Frankreich machen der Familie Angst. Sie wollen ihre Tochter in Sicherheit wissen. Für Aischa ändert sich dadurch vieles. Sie trifft ihre alten Freundinnen wieder. Besonders mit Monette versteht sie sich wunderbar. Bei ihr und ihrem Freund verbringt sie dann auch den Sommer. Sie haben ein kleines Haus am Meer. Hier lernt sie Mehdi kennen, den man Karl Marx nennt. Er studiert Ökonomie und ist sofort von Aischa gebannt. Bevor die beiden sich wirklich näher kommen können, rufen die Eltern wieder um Hilfe. Diesmal ist es der Bruder Selim, der verschwunden scheint. Mehdi fährt sie mit seinem Auto zur Farm, doch dann begeht er eine Dummheit, die die beiden wieder voneinander trennt.

Aischas Bruder Selim spielt in diesem Band auch eine Rolle. Zunächst geht er eine Liebesbeziehung mit seiner verheirateten Tante Selma ein, später verlässt er die Familie und gerät in Essaouira in eine Kommune, die aus europäischen Hippies besteht und beginnt Drogen zu konsumieren. Hier hält man ihn aufgrund seiner blonden Haare ebenso für einen Europäer. Wie sich später zeigt, schreibt er Selmas Tochter Sabah regelmäßig Briefe. Während man versucht mehr zahlungskräftige Touristen ins Land zu locken, sind Hippies nicht mehr gern gesehen. Selims Schicksal bleibt lange Zeit ungewiss, bis es aus unerwarteter Richtung ein Lebenszeichen gibt.

Mehdi wird nach dem Studium ein höherer Beamte im Steuerministerium, er schreibt nicht mehr und kehrt sich ab von marxistischen Lehren, wird sogar aufgrund seiner Position und seinen Kontakten zur Geburtstagsfeier des Königs eingeladen. Wie es das Schicksal will, begegnet er an genau diesem Tag Aischa wieder, die für den Sommer aus Frankreich zurückkehrt. Und bleibt dadurch am Leben, da er nicht in den Putsch gerät, den die Militärs genau an diesem Tag anzetteln. Auch einen zweiten Anschlag überlebt der König später.

Nach ihrer erneuten Begegnung und Versöhnung feiern Mehdi und Aischa ihre Hochzeit auf dem Hof ihrer Eltern. Mathilde plant die Hochzeit akribisch und es wird exklusiv und teuer. Die beiden ziehen in ein Haus in der Hauptstadt. Aischa spezialisiert sich als Ärztin auf Gynäkologie, Mehdi entpuppt sich als wenig emanzipierter Ehemann.

„Und was Aischa ihm erzählte, wenn sie aus dem Krankenhaus kam, erschien ihm nicht nur uninteressant, sondern sogar unappetitlich. Sein Leben lang hatte er gehört, was Mädchen zu tun oder zu lassen hatten, worin tugendhaftes Benehmen bestand, und er fühlte sich berechtigt, über jene die Nase zu rümpfen, die zu laut redeten oder sich aufreizend benahmen. Und alles, was die Geheimnisse des weiblichen Körpers betraf, fand er zutiefst abstoßend.“

Doch beide sind von ihrer Tätigkeit erfüllt und gehen in ihrer Arbeit auf. Bei Aischa zeigt sich manchmal das Balancieren zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen – durch das Studium ist sie eben auch von Frankreich geprägt. Die Geschichte endet 1972 mit der Geburt einer Tochter …

Dieser zweite Band bleibt, wie ich finde, etwas hinter dem ersten zurück. Ein Grund ist für mich, dass zu viel von männlichen Figuren die Rede ist und Aischa, die ich als Hauptfigur sehe, zu sehr im Hintergrund steht. Mitunter ist mir auch der Ton, wie manchmal im ersten Band etwas zu pathetisch, bei Liebesszenen blumig bis kitschig. Mal sehen, wie es im dritten Teil weitergeht und ob sich dann ein gutes Ganzes daraus formt.

Schaut, wie wir tanzen“ erschien im Luchterhand Verlag. Übersetzt aus dem Französischen hat es Amelie Thoma. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Den ersten Teil habe ich bereits hier besprochen:

Gøhril Gabrielsen: Zwischen Nord und Nacht Insel Verlag

Photo by Keith Hah on Pexels.com


Tod, deine Umarmung ist nicht kalt
die Erde zu Asche verwandelt
ich bin selber das Feuer.

Edith Södergran, Gedichtauszug aus dem Band „Feindliche Sterne“

Die norwegische Autorin Gøhril Gabrielsen erzählt die Geschichte einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung und verknüpft sie mit der Geschichte der finnlandschwedischen Lyrikerin Edith Södergran und deren Mutter. Obiges Zitat findet sich auch im Titel eines Hörbuchs mit Gedichten und Briefen Södergrans. Ich habe mir die CD, die im Kleinheinrich Verlag erschien (leider ist sie vergriffen) parallel zur Buchlektüre angehört. Die Lyrikerin starb jung, mit nur 30 Jahren an Tuberkulose, wie zuvor schon der Vater. Ihre Gedichte finden leider viel zu wenig Beachtung.

„… denn aus den Worten „der Mond erzählt mir in silbernen Runen / vom Land, das nicht ist“ begriff ich plötzlich, dass der Boden, auf dem ich saß, und das Zimmer, das mich umgab, eine unsichtbare und ganz andere Wirklichkeit verbargen, einen Ort, an dem die Vernunft nicht gilt und an dem sie all demjenigen, was unaufhörlich im Werden begriffen ist, nachgibt. Eine Welt, in der sich die Seele manifestiert und Gedichte entstehen können.“

Gabrielsen beginnt die Geschichte mit der Geburt der Tochter der Hauptfigur, die auch Erzählerin ist. Gleich Eingangs berichtet sie, dass ihr an der Lektüre der Gedichte Södergrans sehr viel gelegen ist. So wird parallel zu den eigenen Erfahrungen der Mutterschaft, die von Helene Södergran erzählt. Immer wieder fließen hier auch Gedichtauzüge Edith Södergrans in den Roman mit ein.


Ich freue mich sehr über diese Lektüre, denn wie hier über Mutterschaft erzählt wird, empfinde ich als stimmig. Hier wird nichts beschönigt, hier steigt man gleich ein in die Schwierigkeiten. Hier erzählt eine Mutter, die sich ihrer selbst nicht sicher ist und daher besonders viel Wert auf Erziehung und die Beziehung zu ihrer Tochter legt. Eine Mutter, die schwankt zwischen Überbehütung und Vernachlässigung. Es geht um unsichere Bindung in der Kindheit, es geht um Traumata.

„Das altbekannte Gefühl der Unzulänglichkeit kehrte mit Macht zurück. Es flammte auf wie eine akute Entzündung, wieder hatte es mich erwischt, diesmal aber schwerer als jemals zuvor. […] Es war ein heftiges und dunkles Gefühl, von einer dünnen, dünnen Kruste bedeckt, einem Firnis so zart, dass der kleinste Fehltritt meinen Fehler noch deutlicher hervortreten lassen würde und alles Schlimme noch schlimmer machte.“

Norwegen, Gegenwart: Wir folgen der Gedankenflut der Erzählerin, die zurückblickt und überlegt, wo sie etwas falsch gemacht haben könnte. Denn es hat sich Schlimmes ereignet, die Tochter betreffend. Immerfort geht es um Schuld, um die Frage der Verantwortung. Es geht um das richtige Maß an Freiheit und das richtige Maß an Strenge. Es geht um Liebe, die freiwillig ist und nicht abhängig von dem, wie sich das eigene Kind verhält. Es geht um das Fingerspitzengefühl an zu viel und zu wenig Unterstützung. Als Leserin spüre ich immer wieder, wie sich hier Übergriffigkeit zeigt, wie hier Grenzen überschritten werden. Ein Spagat zwischen Festhalten und Loslassen.

„Ich frage mich, ob mein Leben wie all die Kreuzungen, die ich passiere, auch andere Richtungen hätte einschlagen können. Ob es Anlagen zu unterschiedlichen Versionen meiner selbst gegeben hat, oder ob ich von Beginn an als Einbahnstraße zu betrachten bin, also keine Wahl habe und von Anfang bis Ende nur dieser einen Strecke folgen kann.“

St. Peterburg/ Raivola, Anfang des 20. Jahrhunderts: Ganz ähnliches erlebt Helena, Edith Södergrans Mutter, die sich um die Pubertierende sorgt, weil sie einmal vorlaut ist und eigen und dann wieder zurückgezogen und einsam erscheint. Aus diesem Grund holt Helena eine Pflegetochter ins Haus, ein Mädchen vom Land, das seine Eltern verloren hat. Sie hofft darauf, damit Edith eine gleichaltrige Freundin zu schenken. Doch die beiden verstehen sich nicht. Was sicher auch mit daran liegt, dass Helena Singa eher wie ein Hausmädchen behandelt und nicht wie eine gleichwertige Tochter. Eines Tages nach unschönen Vorfällen verschwindet Singa und wird kurz darauf tot aufgefunden. War es Suizid oder ein Unfall? Helena fragt nach der Schuld, versucht sich davon frei zu machen, verfällt jedoch einer Schwere, die sich auch auf Edith ausweitet.

Bei der Erzählerin ist die Tochter bereits aus dem Haus, ist in die Großstadt gezogen und hat ein Studium begonnen. Sie beginnt eine Beziehung, stellt der Mutter ihren Freund Tor vor, den diese nett findet, aber auch ein wenig seltsam. Auch hier geht es wieder darum: Inwiefern darf ich mich einmischen? Kann ich kritische Fragen stellen oder wirkt das, als würde ich der Tochter das Glück nicht gönnen? Die Erzählerin entscheidet sich dafür, sich zurückzuhalten, der erwachsenen Tochter zu vertrauen. Bis ihr eines Tages seltsame Geschichten über die Beziehung der beiden erzählt werden. Und bis die Tochter eines Abends vollkommen aufgelöst vor der Haustür ihrer Mutter steht …

Ich mag die Art, wie Gøhril Gabrielsen ihre Geschichte erzählt. Ich mag ihre feine, genaue Sprache, die ich oft sehr poetisch finde und die immer auch zum Inhalt passt. Auch die Form gelingt ihr: sie erzählt abwechselnd aus der Gegenwart und der Vergangenheit, abwechselnd von beiden Müttern. Dabei schiebt sie mitunter Ideen ein, was die beiden jeweils hätten sagen oder denken können, was sie in dieser oder jener Konstellation getan hätten. So fühle ich mich stark mit einbezogen und überlege mit. So werde ich auch auf mich selbst zurück geworfen, was Mutter-Tochter-Beziehungen angeht. Und sie hinterfragt klug den Wunsch als Mutter perfekt sein zu wollen und geht dabei in die Tiefe. Für mein Empfinden ist dieses Buch rundum gelungen. Dazu gehört natürlich die wunderbare Übersetzung aus dem Norwegischen von Hanna Granz. Und ich möchte dem Roman sogar ein zum Schauplatz passendes Aurora-Borealis-Leuchten mitgeben.

Zwischen Nord und Nacht“ erschien im Insel Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter Büchergilde Gutenberg/Argon Hörbuch

„Nicht hier sein wollen und woanders nicht hinkönnen, auch das habe ich von ihr.“

Immer wieder habe ich von diesem Roman gehört; oft hieß es „Geheimtipp“ oder „Ganz besonders“. Ich bekam dann die schöne Ausgabe der Büchergilde als Geschenk, als ich gerade auch das Hörbuch entdeckt hatte. Und so habe ich sozusagen parallel gehört und gelesen und muss sagen, dass das zuhören wirklich eine Freude war, denn der österreichische Schauspieler Wolfram Berger interpretiert den Roman grandios. Es ist, als würde er die Geschichte aus seinem Gedächtnis heraus erzählen und nicht etwa ablesen, was die Perspektive der Ich-Form erleichtert. Durch seine Worte hindurch spürt man die Atmosphäre des Romans, man erlebt mit dem Helden mit; stimmig dazu auch die österreichische Tönung der Sprache.

Alois Hotschnig orientiert sich mit diesem Roman an der Biographie des Schauspielers Heinz Fitz. Er schreibt sich suchend und tastend um dieses Leben herum und mitunter auch sehr tief hinein. Dabei macht er stets klar, dass alles wahr oder eben auch fiktiv sein kann. Die wenigen wirklich sicheren Fakten, mit denen sich der Held Heinz zufrieden geben muss, führen dabei wie ein roter Faden voran. Schon als kleines Kind herrscht größtmögliche Unsicherheit, da Heinz der Sohn einer Norwegerin ist, die sich in der Besatzungszeit mit einem deutschen Soldaten „eingelassen“ hat. Die schwangere Gerd wird von ihm 1942 zumindest ein Stück weit in seine Heimat Hohenems in Österreich begleitet. Doch die weitere Reise ist von Unterbrechungen und Unrast geprägt. Nachdem der Sohn geboren ist, erleidet Gerd einen Zusammenbruch und kommt in eine Klinik. Dort wird sie auch gegen ihre Epilepsie behandelt, von der sie erst spät geheilt wird. Heinz wird, vermutlich, in einem Heim des Lebensborn untergebracht.

„Der Lebensborn war es, der meine Mutter mit mir im Bauch von Norwegen nach Hohenems heruntergeholt hat. Der Lebensborn war überall oder sollte überall sein, so war es gedacht und geplant, wo es diese Mütter und deren Kinder gegeben hat. Und doch wusste kaum jemand davon.“

Und so sehen sich beide erst nach vier Jahren wieder, als die Mutter ihn sucht und auf einem Bauernhof findet, wo er als Pflegekind lebte. Immer steht die Frage nach dem Vater im Raum, der nicht mit ihnen leben will und die Mutter, die oft glaubt, Heinz wäre als Baby vertauscht worden. Diese Frage nach der Identität verfolgt Heinz durch sein Leben. Die Mutter heiratet Fritz und bekommt zwei weitere Kinder, Fritz stirbt früh an einer Lungenkrankheit und Heinz muss bald für den Lebensunterhalt der Familie aufkommen. Er arbeitet in einer Stickereifabrik in Lustenau. Als Kind erlebte er immer wieder die epileptischen Anfälle der Mutter und ihre Schwermut, die auch auf ihn überging. Als Zwölfjähriger wollte er sich bereits umbringen. Zum Glück traten immer wieder Menschen in sein Leben, die ihm Mentor und Freund wurden. So entdeckte er auch die Welt der Bücher, das Kino und schließlich das Theater, dass ihm nach dem Schauspielstudium zur Heimat wurde.

Erst sehr spät, mit 60 Jahren nimmt sein Vater durch die Stiefschwester Kontakt mit ihm auf. Ein vorheriger Versuch des Jungen scheiterte. Durch seine Stiefschwester und anderen entfernten Verwandten erfährt er dann nach und nach Fragmente seiner Geschichte, Wie es der Mutter ergangen ist, als sie in Hohenems in der Tür stand. Die „Norwegerin“, die Fremde mit dem Silberfuchs um den Hals und der falschen Religion. Immer mehr Puzzleteile setzt Heinz zusammen; es entsteht dennoch nur ein vages Bild. Ein Historiker interessiert sich dann für seine Herkunft als „Lebensborn“-Kind. Auch durch ihn finden wieder einige Teile des Puzzles ineinander. Viel später – Heinz ist Schauspieler und lebt mit vielen Tieren auf einem Hof –kommen dann noch Puzzleteile aus Norwegen, die ein Verwandter Gerds sammelte und nur durch einen glücklichen Zufall finden sie den Weg zu Heinz. Es sind Briefe der Mutter und der Eltern der Mutter und des Vaters, die wieder eine ganz andere Geschichte erzählen und die bisherige in Frage stellen.

„So vieles ist offen. Auch durch diese Briefe jetzt noch einmal neu. Wenn es stimmt, was meine Mutter in den Briefen erzählt, dann werde ich auch mit dieser zweiten Hälfte der Wahrheit leben wie mit der ersten bisher, im Wissen darum, dass eine ganze Wahrheit wohl nicht daraus werden kann.“

Dieses Zitat fast am Schluss des Romans zeigt die große Unsicherheit und auch Zwiespältigkeit auf, die in diesem Leben zu finden ist. Es ist eine Geschichte vom Versuch sich selbst besser zu verstehen und eine Mutter zu finden, die sehr wenig greifbar war. Noch weniger greifbar, der Vater. Und zum Glück gab es immer stützende Menschen, die zur rechten Zeit da waren und halfen dieses Leben leichter lebbar zu machen. Ich bin sehr angetan von diesem Buch. Hotschnig hat ein einfühlsames eindringliches Porträt eines Menschen geschrieben, der trotz aller Widrigkeiten seine Berufung fand, das Schauspiel. Und er hat an die Aktion „Lebensborn“ erinnert, deren Geschichte sicher auch noch nicht umfassend bekannt ist. Ein Leuchten für Buch und Hörbuch!

Das Buch erschien bei der Büchergilde, das Hörbuch bei Argon. Eine Hörprobe gibt es hier.

Literaturnobelpreis 2022 für Annie Ernaux!


Diese Entscheidung freut mich sehr! Herzlichen Glückwunsch, Annie Ernaux!
In solch kurzen Formen so ausdrucksstark über französische Gesellschaftsgeschichte und die eigene Biographie zu schreiben, die auch sprachlich überzeugen, das muss man Ernaux erst mal nachmachen. Ich kenne nicht alle Bücher von ihr, eines habe ich gelesen, eines als Hörspiel gehört und eines in einer sehr gut umgesetzten Kinofassung gesehen. Große Empfehlung für alle!

Zu meinen Besprechungen:

http://www.dasereignis-derfilm.de/

Auf der Seite des Suhrkamp Verlag, der die deutschen Bücher, übersetzt aus dem Französischen von Sonja Finck, verlegt, findet man alles zu Annie Ernaux:

https://www.suhrkamp.de/person/annie-ernaux-p-14816

Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee Hörbuch Hamburg


Nach „Im Frühling sterben“ und Der Gott jenes Sommers“, beide hier auf dem Blog besprochen, folgt der letzte Teil der Trilogie, deren Bände auch gut einzeln gelesen werden können. Jeder ist in sich abgeschlossen. Trotzdem war ich gespannt, wie die Geschichte ihren Abschluss findet. Aus Gründen habe ich mir die Geschichte wieder vorlesen lassen.

Die Geschichte ist in zwei Stränge aufgeteilt, die auch von zwei Sprechern interpretiert werden. Abwechselnd hören wir von einem jungen Mädchen auf der Flucht vor den Russen nach Nordwesten gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Diesen Strang liest Markus Hoffmann (mitunter etwas pathetisch). Den zweiten Strang, in dem die Geschichte von Elisabeth und Walter, die schon Hauptfiguren in den beiden vorigen Büchern waren, weitergeführt wird, liest Nina Petry. Ihre Stimme, die auch manchmal den norddeutschen Tonfall trifft, passt ganz wunderbar und gefällt mir auch besser als die männliche.

Der Titel des Romans Die Nacht unterm Schnee passt zur Fluchtgeschichte, die tatsächlich im Winter unter schwersten, grausamen Bedingungen stattfindet. Sie ist in die eigentliche Geschichte in kurzen Zwischenepisoden eingefügt. Tatsächlich hätte ich lieber auf die genauen Schilderungen der sexuellen Gewalt verzichtet, so dass ich auch zum allerersten Mal für ein Buch eine Triggerwarnung ausspreche.

In der eigentlichen Geschichte, die rückblickend von Luisa erzählt wird, die wir aus dem letzten Roman kennen, begegnen wir Elisabeth, Liesel, wieder, die im Kieler Hafen in der Gaststätte von Luisas Eltern arbeitet. Luisas Vater lebt nicht mehr und die Mutter stellt Elisabeth schließlich sogar als Geschäftsführerin ein, weil sie so gut in ihrer Arbeit und so beliebt ist. Liesel ist mit Walter verlobt, der nördlich von Kiel auf einem Hof als Melker arbeitet, wie vor dem Krieg. Sie ist scheinbar kein Kind von Traurigkeit zumindest sieht es von außen so aus. Nach einem Suizidversuch, der für alle überraschend kommt, zieht sie zu Walter auf das Gut und bekommt ein Kind. Die Arbeit ist hart und oft sehnt sie sich nach der Stadt.

Nebenbei erfahren wir von Luisas Abitur, den ersten Liebeserfahrungen und schließlich dem Studium der Bibliothekswissenschaft. Sie verliebt sich in ihren Dozenten und die beiden werden ein Paar, obgleich er wesentlich älter ist. Luisa erhält einen Hilferuf von Elisabeth, die wegen einer komplizierten Schwangerschaft die schwere Arbeit auf dem Hof nicht mehr machen kann und fährt kurzerhand aufs Land zu Walter um zu helfen. Elisabeths Tochter wird mit einer leichten Behinderung geboren, Walter wirft ihr vor, dass das von ihrem vielen Trinken und Rauchen herrühre. Doch es gibt zu dieser Schwangerschaft noch weitere Geheimnisse …

Während Luisa und Richard in Kiel ein recht gutes Leben leben, kommen Walter und Elisabeth nie aus ihren Traumata heraus. Nach der Geburt des zweiten Kindes verließen sie den Hof und zogen in den Ruhrpott, wo sie nun zwar eine bessere Bleibe und neue Arbeit finden und doch immer weiter unglücklich miteinander bleiben. Walter schuftet im Stollen und Elisabeth wird Hausfrau und sucht Ablenkung bei Festen und Feiern. Sie kann ihre schrecklichen Erlebnisse nie verarbeiten, trinkt und raucht, schlägt die Kinder und beim Ausgehen über die Stränge.

„Ihr war kaum zu helfen, fürchte ich, und vielleicht können Menschen mit einer besonders schmerzhaften Vergangenheit ja nicht anders: Sie betäuben sich in jedem Augenblick neu, und sei es mit Arbeit, denn sie wissen, dass sie mehr oder weniger verloren sind für das Künftige, das ungeachtet aller bösen Erfahrungen unser Zutrauen braucht, um zu gelingen.“

Aus der Geschichte, die Rothmann Luisa aus der Erinnerung heraus erzählen lässt, höre ich mitunter einen klassistischen Ton heraus, obwohl sie die Ereignisse rückwirkend durchaus reflektiert betrachtet. Luisa, die studierte Akademikerin und Elisabeth, die Kellnerin mit Walter, dem Arbeiter. Möglicherweise, ich bin mir da nicht schlüssig, liegt es auch an der Interpretation Nina Petrys, die die Stimmlage der beiden Frauen sehr unterschiedlich klingen lässt.

Mir ist die Geschichte an vielen Stellen viel zu intim, viel zu intensiv. Rothmann schreibt über seine eigenen Eltern und mich wundert, dass er es in solch einer Weise tut. Seine Sprache ist so dicht an den Protagonisten dran, dass ich beim Hören immer wieder Pausen machen muss. Was andernorts in Kritiken bewundert wird, empfinde ich als grenzüberschreitend. Es fühlt sich für mich an, als dürfe diese Geschichte nicht in die Welt. Aber das ist meine persönliche Empfindung, die mich selbst erstaunt. Es wundert mich, dass diese Art mir nicht bei den beiden vorigen Bänden auffiel. Oder waren diese tatsächlich anders geschrieben? Bin ich angesichts des schlimmen aktuellen Geschehens empfindlicher geworden?

Das Hörbuch erschien bei Hörbuch Hamburg, der Roman bei Suhrkamp. Eine Hörprobe gibt es hier.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem auf dem Blog Zeichen & Zeiten und bei Kommunikatives Lesen.

Karine Tuil: Diese eine Entscheidung dtv Verlag


Diese eine Entscheidung“ ist nun schon der dritte Roman von Karine Tuil, den ich gelesen habe. Die Französin ist inzwischen zum dtv Verlag gewechselt und glänzt weiterhin mit ihren gesellschaftsrelevanten Themen, die immer aktueller denn je gewählt sind und die Lebenswirklichkeit im heutigen Frankreich widerspiegeln. Für mich wie immer eine lohnende Lektüre, leicht zu lesen und spannend.

Tuil erzählt aus dem Leben einer Richterin, Alma Revel, um die fünfzig, die sich der Bekämpfung des Terrorismus verschrieben hat. Ihr Leben steht im Zeichen ihres Berufes, der nicht ungefährlich ist: Sie wird von zwei Personenschützern die meiste Zeit bewacht. In Frankreich heißt Terrorismus hauptsächlich islamistische Anschläge (Charlie Hebdo, das Bataclan werden erwähnt). Alma muss beurteilen und entscheiden, ob ein Mensch, der aus einem IS-gesteuerten Land als Rückkehrer eine akute Gefahr ist, ob er in Überwachungshaft kommt oder nicht.

Im Privaten stehen Veränderungen an. Ihr Mann Ezra und sie haben nicht mehr viel gemein. Die große Tochter will bald heiraten, um die 12-jährigen Zwillinge, kümmert sich vor allem Ezra, der Schriftsteller ist und im gemeinsamen Haus auf dem Land lebt, während sich Alma überwiegend in ihrer Wohnung in Paris aufhält, da sie immer erreichbar sein muss. Sie ist sich zwar bewusst, wie viel Stress ihre Arbeit bedeutet, wie sehr sie ihr an die Substanz geht. Doch es ist ihr Leben. Mit einem guten Team arbeitet sie zusammen an den Fällen. Als sie wieder einmal entscheiden muss, ob sie einen jungen Mann im Gefängnis belässt oder ihm eine Chance auf ein anderes Leben bietet, verliebt sie sich ausgerechnet in den Anwalt, der den jungen Mann verteidigt. Beide wissen, dass es aus beruflichen Gründen der Befangenheit eigentlich nicht akzeptabel ist, eine Beziehung einzugehen und doch ist die Anziehung zunächst größer.

Tuil flicht in die Geschichte von Alma zwischendurch die Vernehmungsprotokolle zwischen Richterin und dem 24-jährigen Kacem ein. So zeigt sie geschickt auf, wie es Kacem gelingt einen glaubwürdigen Eindruck zu machen. Und nach langer Beratung und intensivem Abwägen spricht sich Alma für die Entlassung aus der Haft aus.

„Was mache ich, […] wenn die Jugendlichen beteuern, dass sie unter einem schlechten Einfluss standen, und mich anflehen, ihnen keine bösen Absichten zu unterstellen? Gebe ich ihnen die Möglichkeit, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden? Ordne ich eine Haftverlängerung an, auf die Gefahr hin, sie dauerhaft seelisch zu brechen? Am härtesten ist die Strafe der sozialen Ausgrenzung, das weiß ich, und deshalb setzte ich alles daran, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren.“

Natürlich ahnt man als Leserin schon, dass das nicht gut ausgehen wird. Trotzdem bleibt die Spannung erhalten. Tuil schildert zudem die wirklich anspruchsvolle und schwierige Arbeit einer Richterin, die mit Tätern und Opfern konfrontiert wird, die sachlich und dennoch menschlich zugewandt bleiben soll, die zum einen die mögliche Gefahr einschätzen muss, zum anderen aber immer auch den Menschen dahinter sieht. Und immer spielt auch die Angst vor Angriffen auf die eigene Person eine Rolle – Alma erhält ständig Drohmails, wird einmal sogar tätlich angegriffen.

An dem Abend, an dem Alma mit Ezra und den Kindern im Restaurant sitzt, um ihnen mitzuteilen, dass sie sich scheiden lassen wollen, geschieht dann auch das unbegreifliche. Das, was Alma komplett aus der Bahn wirft, ihr aber auch die Chance eines Neuanfangs bietet …

Der Roman erschien bei dtv. Übersetzt aus dem Französischen hat ihn Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier.

Bereits von der Autorin hier auf dem Blog besprochen:

Linda Boström Knausgård: Oktoberkind Schöffling Verlag

„Ich hatte keine unglückliche Kindheit. Auch keine glückliche. Es war die Kindheit eines Niemands.“

Was habe ich vor Jahren die Bücher Karl Ove Knausgårds verschlungen. Irgendwann war ich der nabelschauartigen Präsentation seiner Biographie aber dann überdrüssig, zumal es sprachlich wenig Highlights, dafür oft viel Schmutz gab. Umso mehr freue ich mich, dass mittlerweile zwei Romane seiner Ex-Frau Linda Boström in deutscher Übersetzung vorliegen. Denn obwohl beide auch überwiegend von der eigenen Biographie erzählen, schafft Boström diese eben durch ihre Sprache in Literatur zu verwandeln. Und ich finde es gut und wichtig, ihm das gegenüberzustellen.

Boströms Roman beginnt in einer geschlossenen Abteilung in der Psychiatrie und endet mit dem Schritt hinaus. Sie erzählt nicht chronologisch sondern lässt den Gedanken freien Lauf. Gleich eingangs erfahren wir von den unangenehmen Behandlungen mit der Elektrokrampftherapie, die Linda mitunter zwei mal pro Woche über sich ergehen lassen muss. Wir hören von der Ergebnislosigkeit der Behandlungen, von der Unterstützung der Pflegekräfte, die Linda aufgrund ihrer langen Aufenthalte genau kennt und sie sie, von der eintönigen Routine, die manchmal stört und manchmal heilsam ist. Vom Nachdenken über sich selbst, vom Grübeln, vom Gefühl nichts wert zu sein, vom Gedanken ihre Kinder im Stich zu lassen, vom Zweifel jemals wieder das eigene Leben in den Griff zu bekommen bis zu Erinnerungen aus der Biographie erfahren wir hier. Vom Kindsein mit einer oft abwesenden Schauspielerin als Mutter (das Thema gab es bereits in „Willkommen in Amerika“), der Trennung vom Vater, von der Hoffnung unter den neuen Männern der Mutter könnte auch ein guter Vater sein, der sie ernst nimmt. Vom Verlorensein, vom Nichtgesehenwerden, von den kleinen Protesten, von der Schulzeit in der Privatschule mit der ewigen Anpassung, der nicht erwiderten ersten Liebe und dem langsamen Erwachsenwerden in großer Unsicherheit. Und schließlich von dem ersten großen Angstschub, ausgelöst durch einen Joint mit Freunden.

„Von manchen Dingen hatte ich keine Ahnung. Wie man sich in einer Beziehung verhält, wie man sein Leben gestaltet und wie man seine Fähigkeiten sinnvoll einsetzt. Nichts hatte ich gelernt. Es gab gute Phasen und schlechte Phasen. Die schlechten kamen häufiger, die guten seltener. Früher war ich ein Ass darin gewesen, mich wieder aufzurichten, jetzt verbrachte ich mein Leben in geduckter Haltung.“

Sie erzählt auch von der großen Liebe zu ihrem Mann, von den Anfängen über die Familiengründung, vom allmählichen Schwinden der Zusammengehörigkeit, von der wachsenden Sprachlosigkeit und auch von der Konkurrenz im Schreiben. Beide sind von Beruf Schriftsteller. Beide benötigen dafür ihren Raum. Oft sind Freunde oder die Mutter da, um sich um die Kinder zu kümmern, da Linda immer wieder von depressiven Schüben heimgesucht wird, oft tagelang nur im Bett verbringt.

Ein sehr prägnantes Beispiel für die Erkrankung zeigt sich in einem Beispiel in der Klinik. Linda gewinnt überragend gegen einen Mitpatienten im Schachspiel – eigentlich Grund zur Freude – doch es ist eben nur ein wertloser Gewinn, da er ja nur in der Klinik unter „Kranken“ gelungen ist. Die Herabsetzung der eigenen Person und die Überzeugung nicht gut genug zu sein für das wirkliche Leben.

„Wie konnte es sein, dass ich Woche für Woche dort blieb, ohne dass etwas begann oder endete? Wer bestimmte über mein Leben? Warum hatte ich kapituliert, und wer hielt die Fäden in der Hand?“

Dieses Buch kommt mir sehr nah. Ich fühle eine Verwandtschaft im Lebensprozess. Linda Boström schreibt vom Schreiben wollen und können. Aber eben nur, wenn die Seele heil genug ist und die Psyche nicht verrückt spielt. Dabei geht sie weit, aber eben sprachlich viel feiner, als ihr berühmter Exmann. Große Empfehlung und ein weiterer Beitrag passend zur Reihe „Psychische Erkrankungen im Roman“ auf meinem Blog.

Der Roman „Oktoberkind“ erschien im Schöffling Verlag. Übersetzt aus dem Schwedischen hat es Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier.

Geboren in der DDR: 4 Autorinnen der Gegenwart mit ihren aktuellen Romanen: Jenny Erpenbeck, Julia Franck, Antje Ravic-Strubel, Judith Zander

Alle vier wurden in der DDR geboren: Jenny Erpenbeck 1967, Julia Franck 1970, Antje Ravic Strubel 1974 und Judith Zander 1980. Ihr Schreiben ist davon geprägt und wird auch in ihren Romanen immer wieder thematisiert. Ich halte alle vier für großartige Erzählerinnen und ich erinnere noch einmal an ihre neuesten Romane, denn sonst werden sie viel zu schnell vergessen. Mit Klick aufs Coverbild kommt man zur ausführlichen Besprechung,


Jenny Erpenbeck hat für „Kairos“ gerade den Uwe-Johnson-Preis 2022 erhalten. Vollkommen zurecht, wie ich finde. Es ist 1986 in Ostberlin. Katharina, 19, begegnet eines Tages Hans, einem über 30 Jahre älteren verheirateten Schriftsteller. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Es beginnt eine Beziehung, die meiner Meinung nach nur anfangs Liebesgeschichte ist und sich schließlich vor allem aufgrund der narzisstischen Persönlichkeit von Hans in eine höchst toxische Beziehung verändert. Wenn es nur um diese Liebe gegangen wäre, hätte ich das Buch sicher bald zur Seite gelegt. Aber Erpenbeck ist eben eine großartige Erzählerin und sie weiß die Geschichte so zu erzählen, dass sie gute Literatur wird. So ist Jenny Erpenbecks neuer Roman eben viel viel mehr als die Geschichte einer unguten Beziehung, sondern ein Berlin- und ein DDR-Roman, aber eben auch ein sprachlich gelungenes perfekt komponiertes Leseereignis.

Julia Francks Romane „Die Mittagsfrau“ und „Rücken an Rücken“ mochte ich sehr. In ihrem neuen Roman „Welten auseinander“ schreibt sie nun offen autobiographisch. Es ist eine Geschichte, die in Ostberlin mit einer Flucht nach Westen beginnt und auch wieder in Berlin endet. Die Liebesgeschichte von Julia und Stephan umklammert den Roman mit seinen Rückblenden und Erinnerungen und schimmert immer wieder funkelnd durch die Dunkelheiten der Familiengeschichte Julias. Sprachlich ist die Geschichte durch mitunter kurze Sätze, die Gedankenfetzen ähneln, geprägt. Sie folgt auch keiner Chronologie. Eher folgt sie einem Bewusstseinsstrom, was ich für autobiographisches Schreiben und speziell in diesem Fall sehr stimmig finde.


Antje Rávik Strubel hat einen besonderen Sprachstil. Sie schafft es aktuelle Themen, Politisches wie Gesellschaftskritisches so zu verarbeiten, dass es nicht plakativ oder künstlich aufgeblasen wirkt, sondern so als wären diese Themen in der Literatur naturgemäß zuhause. Das merkt man auch an der besonderen Tiefe der Texte. Die Autorin hat ein großes Geschick darin, durch Auslassungen Geschehnisse umso intensiver aufzuzeigen. Mit wenigen Worten ist oft klar, was nicht direkt gesagt wird, ja, vielleicht nicht gesagt werden kann. Es ist die Atmosphäre, die Dichtheit, die eindringliche Stimmung, die jedes Kapitel neu und anders prägt. Sie lässt uns sehr überzeugend die übergroße Last ihrer Heldin spüren, deren Innenwelt sich immer wieder im Außen spiegelt. Die Spannung ergibt sich durch die Form des Erzählens: immer mehr wird aus der Lebenswelt der Protagonistin bekannt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Ein Puzzleteil fügt sich ans nächste. Langsam erkennt man Hintergründe.

Judith Zander kenne ich bereits als Lyrikerin (siehe voriger Blogbeitrag) und es war der erste Roman, den ich von ihr las. Ihre Sprache ist wunderbar. „Johnny Ohneland“ ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern.