Granaz Moussavi: Gesänge einer verbotenen Frau Leipziger Literaturverlag

„Ein Strick um die Kehle scheidet Wüste von Gesang“

Lyrik einer verbotenen Dichterin

Auf dem Cover das Bild einer Frau, die langen blauschwarzen Haare frei fliegend im Wind, doch ein Gesicht ohne Augen, ohne Nase, der Mund eine Sicherheitsnadel, geöffnet, eine Wunde, heraus fließen blutrote Buchstaben … Doch die, die hier schreibt hat Augen, sieht deutlich, alle Sinne aktiviert, und spricht.

Das Bild von Kamran Faridi ist eine passende Wahl für diesen Lyrikband. Es weist bereits außen darauf hin, was im Inneren zu finden sein wird. Und so ist es auch in den Gedichten Moussavis: ein Außen, ein Innen, Stimmen von Außen, Stimmen aus dem Innen – nichts schwieriger als sie zusammen zu führen. Und doch, so scheint es mir beim Lesen, gelingt es Moussavi in ihren Gedichten. Es sind Sprachbilder einer Frau, die eigentlich keine Stimme hat in ihrem Land, allein weil sie eine Frau ist.

„– ich habe zu lange ausgehalten, so dass mich jetzt nichts mehr hält
In diesem Land
                      ist kein Platz für mich“

Granaz Moussavi ist Iranerin, hat bereits vier Gedichtbände herausgegeben, ihr letzter Band „Rotes Gedächtnis“ durfte im Iran nicht veröffentlicht werden und kursiert nur unter der Hand: Gedichte einer verbotenen Autorin. Gedichte einer Frau. Gedichte, die der Zensur zum Opfer fallen.

„Vom Gate zum Galgen
Von einem Koffer bis zum nächsten Take-Off
Von Schafott zu Schafott“

Eine Auswahl aus Moussavis verschiedenen Lyrikbänden hat nun Isabel Stümpel zusammengestellt und ins Deutsche übertragen. Die Gedichte sind sowohl in Deutsch als auch in Farsi abgedruckt und in chronologischer Abfolge. Dadurch lässt sich signifikant die Entwicklung der Dichterin nachvollziehen. Themen und Ausdruck verändern sich maßgeblich.

Moussavi ist bekannt geworden auch als Filmemacherin. Sie pendelte zwischen Iran und Australien, wohin ihre Familie aufgrund der Zustände im eigenen Land, auswanderte. Wegen ihres Films „My Tehran for sale“ aus dem Jahr 2011, der das Lebensgefühl junger iranischer Künstler aufzeigt, jedoch abgesetzt wurde, lebt sie derzeit nur in Australien.

„Eine Frau, die Schlagstöcke filmt
                                                und verbotene Themen
fiel unter Fußtritten vor ihrer Zeit“

Im Iran kann sie nicht leben, weil ihre Kunst der Zensur unterliegt, im Exil sehnt sie sich nach ihrem Land und nach der Inspiration, die es trotz allem bietet. Geprägt wurden ihre Gedichte von verschiedenen großen persischen Stimmen: von der Dichterin Forugh Farrochzād und den beiden Dichtern Sohrab Sepehri und Ahmad Shamlu.

Viele der Gedichte sind im Exil entstanden, stehen aber immer unter dem Einfluss des Heimatlands.

Es sind Sehnsuchtsgedichte, Liebesgedichte und immer mehr politische Gedichte. Gerade in den letzten Gedichten in diesem Band wird die gesellschaftskritische, politische Stimme immer deutlicher und lauter. Dennoch vermag man als Leser nicht alles zu entschlüsseln, fehlt doch oft das Hintergrundwissen, der Einblick in ein unbekanntes Land. Ein wenig leichter macht es das am Ende angehängte Glossar, was verschiedene in den Gedichten verwendete iranspezifische Begriffe und Redewendungen erklärt. So erklären sich Anspielungen etwa auf Koransuren, Legenden oder persische Dichtung. Abseits dieses speziellen Verstehens wirken Moussavis Gedichte aber auch auf einer anderen tieferen Ebene. Sie sprechen direkt alle Sinne an.

 „ Weißt du es schon?
   Die Fische sind davongezogen ohne Reisepass, zurück blieb nur
                                                                               das salzige Meer
   Und der Himmel reicht nicht für all die Einsamkeit „

Das salzige Meer: die vergossenen Tränen? Moussavis Verse sind in ihrer Symbolhaftigkeit nicht immer so leicht zu durchdringen wie in diesen Zeilen.

„Denke ich an den Himmel
wird, was ich auch schreibe, nass … „

Im Gedicht „Nachtlied“ werden Haare unsichtbar gemacht, so wie es für eine Frau draußen verlangt wird:

„Vielleicht kämme ich mich nicht einmal
flechte nur Zöpfe und
durchkämme die nachtblauen Tage
                                           die grauen
                                                        die schwarzen
                                                          Ah …

Ich muss es aufsetzen
den Knoten schlingen“

Im letzten Drittel des Gedichtbandes werden unter dem Namen „Rotes Gedächtnis“ Gedichte versammelt, die 2001 – 2011 erschienen sind. Der Zyklus „Gedächtnis des ausgestorbenen Schreis“ ist meines Erachtens der stärkste Teil dieser Sammlung und so mutig und direkt, dass es nicht wundert, dass er im Iran offiziell nicht gedruckt werden darf. Es wird deutlich sichtbar, wie Moussavis Lyrik mit der vergehenden Zeit immer kraftvoller, widerständiger und kritischer wird.

„Drehte sich doch die Uhr ins Altertum zurück
Dass aus den Zeigern eine Generation ausgestorbener grüner
                                                                                    Tiger spränge“

Hier wird auch immer wieder auf die gescheiterte grüne Revolution angespielt. Manchmal stürzt sich Moussavi regelrecht in die Worte hinein, verbindet sie im Klang – laut gelesen klingen sie wie ein Stakkato, ja mitunter fast wie ein Rap  – auch hier ein Aufschrei des „Dagegen“.

„Meine Knochen sind zerfallen
Im Hallen der Maschinengewehrsalven
Und nein … nein, diese Legenden sind wahrlich kein
                                                                          Wiegenlied“

Es herrscht ein aufrührerischer, manchmal trotzig klingender Ton, der zwischendurch unterspült wird von einer feinen Zartheit. 

„ …zwischen dem Geschrei jenseits der Scheiben
und den stillgelegten Träumen
Mein Weinen verstört
über dem zerstörten Körper einer Frau, die nicht mehr ist …“

Ein Gedicht des letzten Zyklus heißt „Steinigung“ und erinnert daran, dass es diese grausame Todesstrafe auch in heutiger Zeit mancherorts noch gibt:

„Wurf um Wurf zerrann die Frau
An ihren Schläfen Granatäpfel-Platzen.“

oder

„Mann für Mann
Stein für Stein
                        säen Klatschmohn auf der Schläfe!“

Bestimmte Worte tauchen in Moussavis Gedichten stets wieder auf: Klatschmohn, Granatapfel, Stoppschilder, Fische, der grüne Tiger, die „Feen“ – durch die Wiederholung verdichtet sich die ohnehin schon deutliche Symbolwirkung, atmosphärisch starke Bilder entstehen. Durch Einrückungen und Zeilensprünge unterbricht die Dichterin die fortlaufenden Verse, zeigt ihre Unruhe. Reime finden sich selten, und wenn, dann sehr gezielt gesetzt. 

Granaz Moussavis Gedichte sind (an)klagende, hinterfragende, aber auch zornige, mutige Texte, die den `verbotenen` Frauen im Iran eine Stimme verleihen, die durch die Übertragung von Isabel Stümpel nun auch in unserer Sprache hörbar wird. Ich freue mich über diese Stimme sehr, ich empfehle diese Dichtung wärmstens.

Meine Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.com
07.12.2016 Hamburg
Von Marina Büttner



Ben Lerner: Die Topeka Schule Suhrkamp Verlag

Foto: pixabay, gemeinfrei

Das Buch „Wohin mit meiner Wut?“ – Neue Beziehungsmuster für Frauen von Harriet Lerner (damals in der Fischer Taschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“) kennen wahrscheinlich heute nur noch meine Altersgenossinnen. Es war bei Erscheinen 1985 eines der ersten psychologischen, feministischen „Ratgeber“, die sich kritisch mit der Rolle der Frau in Beziehungen befassten. Aufgrund der Lektüre von Ben Lerners neuem Roman habe ich es aus meinem Buchregal gezogen und die damals angestrichenen Stellen nachgelesen. Verstaubt war es aber nur äußerlich, vieles ist auch heute noch aktuell. Dass Harriet Lerner Ben Lerners Mutter ist, merkte ich erst, als sie in seinem Roman vorkam.

In „Die Topeka Schule“ wird sie als Jane gehörig angefeindet von Männern nach Erscheinen dieses damals aufsehenerregenden Werks.

„Einmal fragte ich einen anderen leitenden Analytiker, warum er männliche Postdocs mit >Doktor< und weibliche Postdocs mit dem Vornamen ansprach, und prompt bekam ich beim nächsten Mal auf der Couch wieder den Penisneid-Vortrag. Der Diagnose Penisneid zu widersprechen war ein sicheres Zeichen für Penisneid.“

Ben Lerner erzählt also teils autobiographisch einen Teil eines Erwachsenwerdens in den 90ern in Topeka im Mittleren Westen der USA. Die einzelnen Kapitel handeln von der Hauptfigur Adam, seinem Vater Jonathan und seiner Mutter Jane, beide Psychologen an der Topeka Foundation. Zumeist wird aus der Sicht der jeweiligen Person erzählt. In Zwischenkapiteln, die schräg gesetzt sind, lesen wir von Darren, in Adams Alter und Umfeld, als auch Patient von Darrens Vater.

Adam, wohlbehüteter Sohn zweier Psychologen, in der letzten Klasse der Highschool ist ein Champion im Debattieren. Er gewinnt alle Schulwettkämpfe und erhält professionelle Unterstützung für sein Training. Ansonsten ist er aber ein gewöhnlicher Junge, eher sensibel sogar, vermutet man, von Migräneanfällen geplagt. Die Mutter deutet alles was in der Familie geschieht, nach ihrem Wissen als Familientherapeutin. Die Familie ist befreundet mit einem anderen Psychologenpaar, Sima und Eric. Sima hat iranische Wurzeln, hatte es mit ihrem übermächtigen Vater schwer, ebenso wie Jane. Die beiden sind nicht nur befreundet, sondern Sima wird auch zur Analytikerin von Jane. Was dabei durchklingt, ist der Missbrauch Janes durch ihren Vater.

Jonathan sieht sich in seiner Tätigkeit nach Alternativen zur Psychoanalyse um. So beschäftigt er sich viel mit Biofeedback, Meditation und anderen alternativen Methoden der Psychotherapie. Der stärkere Part in der Beziehung scheint durchaus Jane zu sein, auch klingt durch, dass Adam sich mehr an seine Mutter bindet. Zudem gibt es noch Klaus, einen älteren deutschen Psychologen, an dem sich Adam ebenfalls orientiert. Im Verlauf der Geschichte kommt es zwischen Adams Eltern immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Schon im Teenageralter interessiert sich Adam nicht nur für die Debattensprache, sondern auch sein Interesse für Lyrik wird geweckt. Hier scheint es für ihn Möglichkeiten zu geben, freier und eigener Sprache zum Klingen zu bringen. So wie Sprache überhaupt das Thema des Romans ist. Sprache in jeder Ausdrucksform: Dialekt, Teenagerslang, Rap, Körpersprache, Hochsprache, gesprochene, geschriebene, irgendwie artikulierte, manipulierende Sprache. Sprache, die weit ab vom Inhalt nur noch für bestimmte Zwecke missbraucht wird.

Lerners Buch ist so komplex, dass man es eigentlich mindestens ein zweites Mal lesen müsste, um die verschiedenen Ebenen und tieferen Schichten zu entschlüsseln. Sicher auch, weil es keine leicht zu lesende Lektüre ist, sondern mit speziellem Wortschatz aufwartet und vom Leser enorme Konzentration verlangt. Mir haben die psychologischen, mitunter feministischen Teile mehr gefallen, als beispielsweise die ganzen ausführlichen Sequenzen über die Debattenkultur in den USA. Als Verbindungsglied fungieren die Parts, in denen es um Darren geht, der aufgrund seiner Herkunft nicht so richtig zur Collegeclique um Adam passt, in denen letztlich auch die Gewalt eskaliert. Für mich ist dieser Roman doch sehr typisch amerikanisch.

„In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte – auch wenn beides dazu beitragen konnte, einen in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste zu bringen, von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte.“

Und das ist es, was Ben Lerner letztendlich tut. In seiner Rückblende mischt er sich auch immer mal wieder als Schriftsteller der Heute-Zeit ein und verwischt die zeitlichen Grenzen. Das ganze letzte Kapitel widmet er seiner inzwischen in New York gegründeten Familie und der aktuellen politischen Situation und seiner Position als Autor. Aus dieser Person heraus rührt er an Themen, die er gesellschaftskritisch durchleuchtet.

„Die Topeka Schule“ erschien im Suhrkamp Verlag und wurde übersetzt von Nikolaus Stingl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karine Tuil: Menschliche Dinge Claassen Verlag

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Auch in ihrem neuen, wieder sehr gelungenen Roman (mit einem ziemlich schönen Cover) beschäftigt sich die Französin Karine Tuil, wie schon im vorigen „Die Zeit der Ruhelosen“, wieder mit der Klassen-Gesellschaft, mit der immer größer werdenden Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen privilegiert und prekär. Wenn man nur noch von Erfolg und Macht getrieben wird, wenn man Aufstieg und Konkurrenzkampf der Menschlichkeit vorzieht, wenn man nur noch mithilfe von Aufputschmitteln die Arbeitswelt überstehen kann, wenn Eltern wegen ihrer Karriere oder der eigenen Selbstverwirklichung ihre Kinder vernachlässigen, dann läuft grundlegend etwas falsch.

Anhand einer Pariser Familie aus gehobenem Milieu zeigt Tuil auf, wie es gehen kann, wenn man seinen Aufstieg in die  bessere Gesellschaft um jeden Preis erhalten will, wenn man nicht mehr von der Macht seiner Position lassen kann. Das Ehepaar Claire und Jean und ihr Sohn Alexandre werden in den ersten Kapiteln vorgestellt. Claire, über zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ist als feministische Journalistin erfolgreich tätig. Jean hat sich aus dem Präkariat hochgearbeitet, ist als Fernseh-Moderator trotz seines Alters immer noch angesagt, neuerdings mit dem Ehrenorden vom Präsident ausgezeichnet, obwohl die jüngeren, innovativen bereits um seinen Posten Schlange stehen. Der 21-jährige Sohn Alexandre geht auf ein Elite-College in den USA. Dass dieses Familiengebilde brüchig ist, merkt man schnell.

Claire verlässt ihren Mann, weil sie sich in einen so ganz anderen Mann verliebt. Jean lebt ohnehin mit einer anderen Frau ein Doppelleben. Alexandre hat bereits einen Suizidversuch hinter sich. Weil seine ältere Geliebte ihm den Laufpass gab, treibt er sich bei einem Aufenthalt in Paris aus Frust auf einer Party seiner früheren Freunde herum und konsumiert Alkohol und Drogen. Am darauffolgenden Morgen steht die Polizei vor der Tür und konfrontiert ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung.

Karine Tuil schaut ganz genau hin. Es gelingt ihr ihre Figuren zu demaskieren und einen Blick hinter die Fassaden zu werfen. Sie greift in ihrem Roman aktuelle Themen auf wie die Me Too-Bewegung, den Weinstein-Prozess und die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln. Sie schildert die einzelnen Schritte des Prozesses gegen den der Vergewaltigung angeklagten Alexandre vor dem Schwurgericht sehr genau.

„Nach vier, fünf Prozesstagen gelangte sie zu der Überzeugung, dass man den Zustand einer Gesellschaft an deren Tribunalen und den dort verhandelten Fällen ablesen konnte. Das Rechtswesen offenbarte den schicksalhaften Verlauf von Biografien, die sozialen Bruchstellen, das Scheitern der Politik – all das, was der Staat im Namen der nationalen Einheit gern unter den Tisch kehrte, …“

Sie erzählt davon, wie lange sich so ein Verfahren hinzieht, wie schwer es ist für die junge Frau, die aus einer sehr religiösen jüdischen Familie kommt, noch nach Jahren die Tat in der Öffentlichkeit wieder ausführlichst schildern zu müssen. Dabei blendet sie das Dilemma der Eltern, vor allem das von Claire nicht aus. Wie verhalte ich mich als Elternteil? Wie verhalte ich mich, wenn es um das eigene Kind geht? Wie verhalte ich mich im Zwiespalt als emanzipierte Frau und Mutter? Jean hingegen versucht im Prozess die mutmaßliche Tat seines Sohnes als ein Kavaliersdelikt zu beschönigen. So zeigt Tuil auf, wie sehr Unterschiede in der Lebensform auch die Sichtweise auf eine sexuelle Gewalttat beeinflussen. In einem ganz anderen Umfeld und in einem anderen Stil hat dies bereits auch Bettina Wilpert in ihrem empfehlenswerten Roman „Nichts, was uns geschieht“ getan.

Zugegeben, das Ende gefällt mir nicht. Ich finde es tatsächlich enttäuschend, dass die Klägerin die einzige ist, bei der die Autorin keinen kurzen Blick in die Zukunft wirft. Andererseits ist sie auch keine der Hauptfiguren und wurde auch nie ausführlich in den Roman eingeführt. Aber vermutlich ist sie es, die am schwersten weiterleben wird. Auch Claire hat Probleme mit dem Leben nach dem Prozeß. Die, die recht schnell wieder vorne mit schwimmen, sind die beiden Männer, Sohn und Vater.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zwei weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „letteratura“ und „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Meena Kandasamy: Schläge CultureBooks

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Meena Kandasamys zweiter ins Deutsche übersetzte Roman ist nach „Reis & Asche“ wieder eine bemerkenswerte Lektüre. Die 1984 in Chennai, Indien geborene, in London lebende Autorin schreibt Lyrik und Prosa und ist feministische und politische Aktivistin. Außerdem ist sie promovierte Linguistin und so lebt ihr Schreiben von der Auseinandersetzung mit Sprache. Es ist ein starke kluge Stimme und ich wünsche dieser Autorin sehr viele Leser*innen.

Die namenlose Ich-Erzählerin hat sich aus ihrem Elternhaus befreit, um studieren zu können, was in Indien als Frau nicht unbedingt leicht ist. Sie studiert Literatur und Sprache und fühlt sich wohl mit der neuen unabhängigen Situation. Sie ist belesen und klug. Als sie einem etwa doppelt so alten bekannten Politiker begegnet, verliebt sie sich. Beide beginnen eine Liebesbeziehung, die jedoch immer heimlich bleiben muss. Die Karriere des Mannes steht im Vordergrund. Eine Heirat, um gleichwertig an seiner Seite stehen zu können, ist jedoch von ihm nie beabsichtigt. Es kommt zur Trennung und sie zieht nach Abschluß des Studiums wieder zuhause ein.

Viel zu überstürzt begibt sie sich dann in eine Ehe mit einem Universitätsdozenten. Sie glaubt, dass dieser offensichtlich gebildete Mann mit ihr auf einer Augenhöhe steht. Hier scheint sie gleichberechtigt zu sein. Doch es kommt ganz anders.

„Dass ich mich den Wünschen meines Mannes füge, lässt mich wie eine Frau erscheinen, die aufgegeben hat. Aber ich weiß, das es mir dieser Aufzug möglich macht, die Rolle der guten Hausfrau zu spielen. Nichts Lautes, nichts Auffälliges, nichts Schönes. Ich soll aussehen wie eine Frau, die niemand ansehen möchte, oder genauer, die niemand überhaupt sieht.

Sie lebt nun wie eine Gefangene, versucht zu schreiben, denn sie ist Autorin. Bekommt immer mal wieder Aufträge von Zeitschriften. Doch in erster Linie ist sie nun Hausfrau, die dem Ehemann das Leben leicht macht, abends mit dem Essen auf ihn wartet. Zwar darf sie mit ihm über den kommunistischen Klassenkampf in Indien diskutieren, über das marxistische Manifest, über Maoismus, doch das letzte Wort, wird sie nie bekommen. Der Mann hat recht. Wie sie nach und nach jede Selbstbestimmung verliert, wie sie nur noch begrenzten Internetzugang erhält, wie ihr Ehemann ihre Mails beantwortet, später alle löscht, wie er ihr Telefon einbehält und beim kleinsten Anlass eifersüchtig wird, das ist einfach nur ein Albtraum. So schreibt sie etwa Briefe an imaginäre Liebhaber, die sie wieder komplett löscht, bevor der Mann nach Hause kommt. Alles, was sie sagt oder tut, kann eine Falle sein.

„Als ich in die Realität zurückschalte, macht sich ein Teil von mir über die Möglichkeit lustig, dass er tatsächlich so weit gehen könnte, mich umzubringen. Andererseits hätte ich noch vor vier Monaten über die Vorstellung gelacht,von einem Mann geschlagen oder von meinem eigenen Mann vergewaltigt zu werden.“

Von Prügel über Vergewaltigung bis zur Androhung sie umzubringen. Im öffentlichen Raum setzt sich dieser Mann in Szene, als wäre er ein liebender Ehemann. Die Telefonate, die die Heldin mit ihren Eltern führt, zeugen von unfassbar veralteten traditionellem Rollenverhalten. Doch nach dem zweiten Mordversuch verlässt sie ihn und schafft es sogar ihn anzuzeigen. Dann beginnt der lange Weg der Heilung, die Entdeckung einer neu gewonnenen Unabhängigkeit.

Wie Kandasamy das erzählt, wie sie zurückblickt und immer wieder nur Ausnutzung und Missbrauch sieht, den ihre Protagonistin durch Männer erlebt hat, ist beeindruckend. Sie schildert all dies nicht im Opferton sondern mit klarer direkter Stimme. Ihr Buch kritisiert die Zustände, auch besonders die von „dunklen“ Frauen. Dies ist kein Liebesroman, kein Bollywood-Film, dies ist nackte Realität. Mir wird es immer unverständlich bleiben, wie an sich gebildete Männer im 21. Jahrhundert noch immer glauben, sie wären die Krone der Schöpfung und hätten das Recht ihre Frauen zu verprügeln, zu vergewaltigen, klein zu halten. Wie stark diese überholten traditionellen Rollen immer noch mancherorts das Leben von Frauen bestimmen, ist unfassbar und inakzeptabel. Ein wichtiges Buch!

„Schläge“ von Meena Kandasamy erschien im CultureBooks Verlag. Übersetzt aus dem Englischen hat es Karen Gerwig. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Gertraud Klemm: Hippocampus Kremayr & Scheriau Verlag

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Wirklich schön aufgemacht ist dieses Buch aus dem österreichischen Verlag Kremayr & Scheriau. Auf dem Umschlagcover  des neuen Romans von Gertraud Klemm leuchtet einem Gelb auf Meerblau ein Seepferdchen entgegen. Das Seepferdchen, griechisch Hippocampus, spielt auch in der Geschichte, die im gewohnten Klemm`schen Ton erzählt wird, eine nicht unwichtige Rolle. Der Buchschnitt ist desweiteren mit gelben Wellen bedruckt, der tatsächliche Bucheinband ist ebenfalls mit Seepferdchen verziert. Alles sehr kunstvoll aufeinander abgestimmt.

Es geht im Buch um Bücher, Kritiker und den Literaturbetrieb. Und um Feminismus. Genaugenommen um ein Buch, dass für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Genaugenommen um eine Autorin, die zu wenig Aufmerksamkeit für ihr Werk bekommen hat, eine die noch recht jung einen feministischen Bestsellerroman schrieb. Es geht um eine um die 60-jährige Frau, die Freundin dieser Autorin, die sich nach dem plötzlichen Tod, der etwa gleichaltrigen um deren Nachlass kümmern soll. Elvira jedoch tut sich damit schwer. Sie erinnert sich an die Jahre in der gemeinsamen Frauen-WG, an die wilden feministischen Aktionen, die es damals noch gab. Helene, die Autorin mit Buchpreisnominierung, versank nach dem ersten Erfolg in Vergessenheit. Sie heiratete, bekam Kinder und begann erst nach der Scheidung wieder mit dem Schreiben. Nun scheint endlich der Erfolg greifbar. Doch dann stirbt Helene allein in ihrem Haus auf dem Land. Für die Nominierung zum Buchpreis scheint das sogar ein Glücksfall: Gut fürs Marketing, makaber, aber es ist so.

„Mit „Rauhreif“ kam der große Erfolg nämlich zu früh. Helenes Erfolg war außerdem zu groß für eine dreiundzwanzigjährige Frau. Vor allem 1977. Heute ist das etwas anderes. Heute ist der Literaturbetrieb ein Kindergarten für Schwererziehbare: Jeder darf alles.“

Elvira, eine unabhängige eigensinnige Frau, ehemals 68erin, will das so nicht hinnehmen. Sie beschließt, mit diversen hanebüchenen Kunstaktionen im öffentlichen Raum Gerechtigkeit für Helene einzufordern und setzt dabei gezielt den Focus auf die Benachteiligung von Frauen in der Literatur. Sie will abrechnen mit Kulturausschüssen, Literaturkritikern und Liebhabern, die Helene das Leben schwer machten. Sie engagiert einen jungen Mann als Assistenten und reist mit ihm im alten VW-Bus durch Österreich. An bestimmten Schauplätzen aus Helenes Leben inszeniert sie ihre Kunstaktion (die sie immer mit dem Seepferdchen kennzeichnet) mithilfe von Adrian, der auch alles dokumentiert und hinterher recherchiert, wie die Aktion öffentlich wahrgenommen wurde. So zieht sie ihre feministische Aktionsspur quer durch Österreich und hält sich dabei nicht immer an die Gesetze. Dass Adrian es mit ihr nur wegen der Bezahlung aushält, scheint klar …

„Seine Mutter mal ausgenommen, sind alte Frauen eine Art Hintergrundgeräusch.“

Teils amüsant zu lesen, wenn Klemm mit ihrer typischen scharfsinnigen, spitzzüngigen Sprache brilliert, gerade auch, wenn sie den heutigen Zeitgeist unter die Lupe nimmt,

„… so ist das neoliberale Zeitalter. Wer kein Streber ist, fliegt gleich ganz raus. Es gibt keine Ränder mehr, an denen es sich ein wenig verweilen lässt, es gibt nur mehr gleich den Abgrund.“

teils aber auch ein wenig zu gewollt, vor allem am Schluss, wo meiner Meinung nach die Handlung irgendwie unglaubwürdig aus dem Ruder läuft.

Besonders nett auch von Gertraud Klemm, dass sie beim Erzählen über Literaturkritik auch einen Absatz über Literatur- und Buchblogger parat hält (siehe Textauszug Foto oben).

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere Besprechungen hier auf dem Blog zu Büchern von Gertraud Klemm:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/04/23/gertraud-klemm-muttergehaeuse-kremayr-scheriau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/01/09/gertraud-klemm-erbsenzaehlen-literaturverlag-droschl/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Siri Hustvedt: Damals Rowohlt Verlag

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„Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer dieses Buchs? Wie kommt es, dass ich Ihren Schritt neben mir fühle, während ich schreibe?“

Siri Hustvedts neuer Roman beginnt schon auf den ersten Seiten zu leuchten. Ihr Thema ist nach vielen Essays und dem Roman „Der Sommer ohne Männer“ Biografisches. Die Autorin gleitet zurück in die Zeit, in der sie als junge Frau ihre erste eigene winzige Wohnung in New York bezog. Aus Tagebucheinträgen der 21-jährigen, einem ersten Romanmanuskript und aus der Perspektive der 61-jährigen, setzt sich ihr Buch zusammen. Zeit scheint dabei nicht wichtig. Das Damals mit dem Heute momentweise zu verschmelzen. Sich Erinnerungen auszusetzen, einzelne Stücke zu einem plausiblen Ganzen zusammen zu setzen.

„In der Erinnerung“, sagte sie, „gibt es kein wirkliches Voraus oder Hinterher, nicht wahr? Die Erinnerung wallt im Jetzt auf, in der vertikalen Zeit. Und erinnerte Zeit ist, wie Sie wissen, mit Imagination durchsetzt. Wer bin ich eigentlich?“

S.H., genannt Minnesota, hat sich nach dem Schulabschluss ein Jahr Frist gesetzt, um einen Roman zu schreiben, bevor sie ihr Studium antritt. Ziel ist die Stadt New York. In einer heruntergekommenen Wohnung liest sie, schreibt und lauscht der seltsamen Nachbarin Lucy, die abends und nachts eine Suada von Tönen und imaginären Gesprächen los lässt. S. H. lernt ihre beste Freundin Whitney kennen und sie ziehen durchs Viertel. Intellektuelle Parties und alternative Lesungen werden besucht. Liebesaffären ausgelebt. Anhand eines wiederentdeckten Tagebuchs rekonstruiert die heutige Siri Hustvedt ihr damaliges Leben. Zwischendurch lesen wir Abschnitte aus dem Romanmanuskript, dass eine Detektivgeschichte werden soll. Erlebnisse aus dem Alltag fließen hinein.

Die Erinnerung an den Vater, der Arzt war, den sie manchmal als Kind begleiten durfte zu seinen Hausbesuchen. Der, als sie stolz ihre Anatomiekenntnisse vorführte, nur meinte, sie würde bestimmt eine gute Krankenschwester – „Ich werde mich weit über dich hinauslesen, Vater.“ Die Entscheidung über den Vater hinauszuwachsen. Zu lesen und nochmal zu lesen, um zu wissen. Und dann im Jetzt, die Telefonate der heutigen Siri mit der alten Mutter, die immer mehr vergisst, wiederholt nach ihrem Schreiben fragt, vielleicht stolz auf die Tochter ist.

Das Erinnern und Reflektieren der Fünferbande, des damaligen engen Freundeskreises von S.H. Wie sich alle eine eigene Geschichte zu S.H.`s sonderbarer Nachbarin Lucy zusammenspinnen. Die Entdeckung der DADA-Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Freundin von Marcel Duchamp, dessen berühmt gewordenes Werk „Fountain“ eigentlich ihre Idee war, die mit der Schriftstellerin Djuna Barnes befreundet war.

Sie beschreibt außerdem genau das, was in einem Essay in Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ dargestellt wird. Ganz klar. Männer überall tun das immer und immer wieder und auch die junge Siri hat damit zu kämpfen. Einmal erfährt sie Gewalt und entgeht dabei nur knapp einer Vergewaltigung, weil die Nachbarin mit ihren Freundinnen zur Stelle ist. Die Siri aus dem Jetzt hinterfragt diese Szene und hadert noch immer mit sich selbst, zu „brav“ gewesen zu sein.

Von Lucy erfährt S. H. dann auch deren traurige Familiengeschichte. Bei einer Dinnerparty, zu dem S.H. von Lucys esoterisch spirituellen Freundinnen eingeladen ist, geschieht schließlich so etwas wie eine, man könnte sagen „Initiation“. Der zunächst kluge, sympathische Philosophieprofessor, entpuppt sich als seine Ehefrau unterdrückender und überheblicher, Frauen die Welt erklärender Macho. Wie Hustvedt die Geschehnisse dieses Dinners schildert, diese Verwandlung, diese Erkenntnis, auch im inneren S. H.`s, deren Widerstand endlich auflebt und als hoch intelligente Suada zu Tage treten darf,  ist grandios. Das ist Erzählkunst par Excellence!

„Aber ich zitierte Wittgenstein, dem ich mich so viele Stunden gewidmet hatte, und um Sarahs Mann, den ich, wie ich merkte, angefangen hatte zu hassen, noch weiter zu verletzen, zitierte ich hochtrabend auf Deutsch …“

Dass S. H. schließlich offenbart wird, sie sei in einen Hexenzirkel geraten – „Wir sind entschieden gegen alle patriachalen Religionen. (…) Wir sind gegen den Hass des Patriarchats auf den Körper und die Sinnlichkeit, die Natur und die Frauen. Wir glauben an die alte Ökologie, an Harmonie und Heilen.“  – beschäftigt diese noch lange. Und wer weiß, vielleicht hat dieses Erlebnis die Frau und Autorin Siri Hustvedt ja doch auch geprägt in ihrer feministischen Entwicklung?

„Wenden Sie sich nicht von Ihren Gaben ab. Entschuldigen Sie sich nicht dafür. Fürchten Sie auch nicht Ihre Wut. Die kann nützlich sein. Und merken Sie sich: Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen. Ich weiß das. Die Welt wird sie strafen, aber Sie müssen daran festhalten.“

Später trägt S.H. immer ein Springmesser bei sich, dass ihr eine Freundin nach dem Angriff zur Selbstverteidigung schenkte. Sie nennt es liebevoll „Baroness“. Und mit der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven schließt sich der Kreis: Frauen im Schatten der Männer … so gern ich Paul Austers Bücher lese, Siri Hustvedt sollte nie im Schatten ihres Ehemanns stehen. Ihr Werk ist klug und reif und zeugt von unglaublicher sprachlicher und erzählerischer Stärke! Ein strahlendes Leuchten!

„Damals“ erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzung kommt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Es gibt zudem einige karikaturhafte Illustrationen von der Autorin selbst. Ebenso empfehlenswert: die gleichzeitig erschienenen Essays zum Thema Kunst, Geschlecht und Geist unter dem Titel: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Und natürlich, wer ihn noch nicht kennt, der 2003 erschienene bekannteste Roman „Was ich liebte“, den ich noch aus Buchhändlerzeiten im Regel stehen habe.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar von „Damals“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip Dumont Verlag

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Angelockt von Titel und kurzer Inhaltsangabe in der Vorschau war ich gespannt auf diesen Roman. Von der amerikanischen Autorin habe ich bisher nichts gelesen. Um den Feminismus im 21. Jahrhundert geht es in Wolitzers Roman, so war es angekündigt. Um die stille, etwas schüchterne College-Absolventin Greer geht es, die gleich zu Anfang des ersten Semesters von einem Kommilitonen sexuell bedrängt und tätlich belästigt wird und dadurch sensibilisiert wird. So lernt sie nach einem Vortrag die Feminismus-Ikone Faith Frank kurz persönlich kennen. Deren Ausstrahlung beeinflusst sie so stark, dass sie versucht ihrem Leben eine neue Richtung, ein Ziel zu geben.

Da Greer die beeindruckende Faith vergöttert, ist sie erfreut, als sie nach ihrem College-Abschluß von ihr zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Offenbar erinnert sich Faith Frank noch an ihr College-Gespräch. Weil Greers fester Freund Cory für seinen ersten Job nach dem Abschluß nach Manila versetzt wird, entfernen die beiden sich mehr und mehr. Da sie sich seit ihrer Jugend kennen, planten sie in New York eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Nun lebt Greer allein und steckt bis über den Kopf in Arbeit, die ihr allerdings aufgrund der Nähe zur verehrten Faith, leicht von der Hand geht. Greer geht in ihrer, ja, man kann es fast Hörigkeit nennen, sogar soweit, ihre College-Freundin Zee zu verraten oder als überzeugte Vegetarierin ein blutiges Steak zu essen. Als Corys kleiner Bruder bei einem Unfall zu Tode kommt, den die eigene Mutter mitverschuldete, opfert Cory Karriere und schließlich auch die Beziehung zu Greer. Und Greer selbst wird mit der Arbeit für Faith immer unzufriedener …

Wolitzer hat ihr Buch in Kapitel unterteilt, in denen nach und nach Greer, Cory, Zee und Faith als Hauptperson fungieren. Hier erfährt man mehr über Familiengeschichte und Hintergrund der jeweiligen Person.

Gleich zu Anfang stelle ich fest, dass ich mich schwer tue mit der amerikanischen Art zu schreiben. Wolitzers Stil liest sich nach Creative-Writing-Seminar, nach Handwerk und Technik, aber nicht nach Sprachgefühl, nach Eintauchen in die Sprache. Das merke ich immer wieder, vor allem, wenn sie übertriebene oder künstlich wirkende Metaphern verwendet (dass es an der Übersetzung liegt, kann ich mir nicht vorstellen, aber wer weiss …), was sie oft tut, von den Sexszenen ganz zu schweigen, siehe unten:

„Niemand wusste, wie es kam, dass man diesen konzentrierten Ehrgeiz in sich trug. Er glich einer Fliege, die heimlich ins Haus eindrang, und da war sie dann: deine Stubenfliege.“

oder

„Herzlichen Glückwunsch, Franny, sagte Linda an dem Tag, und wie ein Sofapolster beim Daraufsetzen Luft entlässt, entließ sie durch den Druck der Umarmung ein sehr weibliches Parfüm.“

oder

„Sie dachte an die Gesichter aller Menschen, die sie kannte, zitternd in der Gelatine ihrer Gegenwärtigkeit.“

Ich las den Roman nur zu Ende, weil ich die Story hören wollte, wissen wollte, wie es mit Greer und dem Feminismus weiterging. „Das weibliche Prinzip“ ist, nicht wie erwartet, ein explizit auf Feminismus und Emanzipation ausgerichteter Roman, sondern ein leicher Unterhaltungsroman. Die Autorin überzeugt mich auch inhaltlich nicht, bedient sie doch in ihrer Sprache selbst (unbewusst?) so manch verkrustetes Frauenbild, dabei spielt der Roman überwiegend in der Jetzt-Zeit, mit kurzen Rückblenden in die 70er.

Schlussendlich haben mir die letzten Kapitel noch am besten Gefallen (obwohl es eine Art Happy End gibt). Und da fand ich dann auch endlich ein paar schöne Zeilen:

„Vielleicht bestand das wahre Geheimnis des Todes darin, dass er einen Menschen aus dem Leben riss und zwang, an einem fernen Ort zu leben – ein ähnlicher Vorgang wie die Reinkarnation, nur dass es sofort geschah, nicht in der Zukunft. Eine Art Zeugenschutzprogramm auf Grundlage des Todes.“

Das Buch erschien im Dumont Verlag. Übersetzt hat es Henning Ahrens. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.