Film-Kunst-Film: Werk ohne Autor von Florian Henckel von Donnersmarck 2018

44820605_2387070178190783_7047436755959545856_o werk ohne autor

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Schon mehrmals habe ich nun über einen Social Media Kanal Kinokarten gewonnen. Facebook scheint mir Glück zu bringen (Dank an Suhrkamp für die Ausdauer beim Zusenden). Zuletzt war es der Film „Werk ohne Autor“, der mit immerhin über drei Stunden Laufzeit aufwartet. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.

Kurt Barnert heißt der Künstler im Film und er durchlebt drei politische Systeme: als Kind den Nationalsozialismus, als junger Mann die Anfänge der DDR und durch „Flucht“ in den Westen kurz vor dem Mauerbau die Bundesrepublik. Als Künstler fängt Barnert im Westen wieder ganz neu an, nachdem er im Osten bereits ein hoch angesehener Maler war, der mit sozialistischen Wandgemälden den Arbeiter- und Bauernstaat porträtierte. Die Initiation (siehe Szene oben) an der Kunsthochschule in Düsseldorf erhält er im Film von einem Kunstprofessor, der unschwer als Joseph Beuys (sehenswert der Film „Beuys“)  erkennbar ist. Beeindruckend wie der Regisseur die oft verzweifelte Suche des Malers nach dem künstlerischen Ureigenen darstellt. Mit seinen fotorealistischen Gemälden, die er minimal verändert durch Verwischungen wird er sich auf den Weg begeben und erste Erfolge erzielen. Als Vorlage dienen zum Teil Familienfotos, unter anderem von der psychisch labilen Tante, die ausgerechnet von Barnerts Schwiegervater, der im nationalsozialistischen Deutschland bekannter Professor der Gynäkologe war und Zwangssterilisierungen durchführte, später als „unwertes Leben“ in den Tod geschickt wurde. Dieser Teil der Geschichte stimmt genau mit Gerhard Richters Biografie überein.

Ich kann diesen Film nur empfehlen. Er ist mit hochkarätigen Schauspielern besetzt, allen voran Tom Schilling (Mein Kampf, oh boy) und Paula Beer (Poll, Frantz, Transit) Das Filmbuch, erschienen bei Suhrkamp, enthält ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur und ein interessantes Gespräch zwischen Alexander Kluge und Thomas Demand. Desweiteren empfehle ich den Film „Gerhard Richter Painting“ von Corinna Belz (die auch den wundervollen Film über Peter Handke drehte). Hier werden auf achtsame Weise die Malprozesse, die Entstehung von großformatigen Gemälden Richters dokumentiert. Die Biografie von „Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter: Das Drama einer Familie“, welche unter anderem Donnersmarck als Vorlage diente ist ebenso lesenswert.

Werke von Richter, der in Dresden zur Welt kam, kann man im Gerhard-Richter-Archiv in Dresden sehen. Ich war kürzlich in der Ausstellung „Abstraktion“ (siehe Fotos) im Museum Barberini in Potsdam, die allerdings bereits beendet ist.

Advertisements

Film – Kunst – Film: Final Portait von Stanley Tucci DVD 2017

DSCN3032

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Wochen, ja Monate habe ich auf die in der Bibliothek vorbestellte DVD „Final Portrait“ gewartet. Zunächst Tage, dann Wochen hat Alberto Giacometti am Porträt des Schriftstellers James Lord gearbeitet. Viel Geduld brauchte ich und auch der Modellsitzende.
Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler.

 

Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. Obsessiv und chaotisch, kettenrauchend und dem Wein und den Frauen nicht abgeneigt. Frauen, neben seiner Ehefrau Annette, die ihn inspirieren und Modell sitzen. James Lord, der 1964 von Giacometti porträtiert wurde, wusste nicht worauf er sich da einließ: Er musste seine Abreise zurück in die USA verschieben, erst täglich, dann wöchentlich, weil Giacometti nicht fertig wurde, nie zufrieden war, mitunter komplett übermalt hat. Als Zuschauer litt ich selbst Qualen, wenn Giacometti mal wieder von vorne begann. Doch der Künstler hatte bereits anfangs angekündigt, dass es passieren könnte, dass das Porträt nie vollendet wäre. Tatsächlich ist es das letzte Porträt Giacomettis. Der 1901 geborene Künstler starb 1966 in der Schweiz.
Lord erlebt den Künstler in diversen Gefühlszuständen. Im wüsten Atelier, in dem unzählige angefangene Skulpturen der Vollendung harren, erlebt man den Meister ganz aus der Nähe. Wie er wütet, wie er Zeichnungen verbrennt oder schlecht gelaunt ist, weil die Geliebte verschwunden ist, wie er im Ehestreit mit Geldscheinen um sich wirft.

 

James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war.

Der Film lebt vor allem von der großartigen Schauspielkunst Geoffrey Rushs, der für seine Rolle in „Shine“ einen Oscar erhielt. Unzufrieden mit seinen Fähigkeiten, zweifelnd an der Arbeit, verwirrt und exzentrisch spielt er die Figur des Giacometti trefflich. Auch Sylvie Testud als Ehefrau passt stimmig. James Lord wird von Armie Hammer gespielt. Vorrangig in Grautönen ist der Film gehalten, wie auch das Atelier und die Gemälde des Künstlers. Von den gegossenen Bronzefiguren, die jeder kennt, ist im Atelier nichts zu sehen. Der Regisseur setzt kleine Farbakzente, wie etwa der gelbe Mantel von Ehefrau Annette oder das rote Cabrio, dass Giacometti seiner Geliebten schenkte. Tucci hat außerdem ein gutes Gefühl dafür, wie Stimmungen einzufangen sind. Für Giacometti-Fans ein Muss!

Der Film entstand 2017 und ist als DVD erhältlich. Mehr auf der offiziellen Filmseite:  http://finalportrait.prokino.de/
James Lords Biografie von Giacometti ist auch als Buch erhältlich.

Kjartan Hatløy: Der weiße Weg Edition Rugerup

DSCN2820

Bereits als ich zum ersten Mal Kjartan Hatløys Gedichte las, wusste ich, das ist komplex und gleichzeitig in seiner Einfachheit tief berührend, das ist Lyrik, wie sie mir wichtig ist. Der 1954 geborene Dichter lebt in Norwegen, abseits der Städte an einem Fjord und hat alles in der Umgebung was er für seine Texte braucht: Natur, Tiere, Stille, Bücher und eine klare Quelle als Meditationsort.

„Freue mich über mein Weniges von der reichlichen Zeit der Sonne. Wärmt mich. Dass sie die Möglichkeit bekam, zu werden, wie herrlich ist das! Und sonst: Meinen Kiesweg entlang tanzen viele Einsamkeiten willig mit.“

Der Filmemacher Frank Wierke hat einen Film über den Dichter gedreht, der all dies mit einbezieht. Bei einem ersten Kennenlernen verstanden sich beide gut und es entstand ein schriftlicher Austausch in deutscher Sprache, aus dem dann die Idee des Films entstand. Hatløy schickte kleine „Stimmungen aus Salbu“, so auch der Untertitel des Buches und Wierke machte bei seinen Besuchen die Bilder zu den Stimmungen. In etwa einem Jahr entstand so ein außergewöhnlicher Film, der sehr nah geht. Er heißt Solreven – Sonnenfuchs. Einen Ausschnitt findet man hier.

Die Temperatur in den Handmuscheln meiner Kinderzeit nutze ich nun als freundliche Kraft, die ich überall nah bei mir habe.“

Inzwischen wurden die „Stimmungen“ in Norwegen mit großem Erfolg verlegt, wie alle seine bisherigen Bände, beim bekannten Oktober Verlag (lange vor den Büchern Knausgårds (Kjartan ist ein Onkel von Karl Ove)).

Kürzlich gab es die Deutschlandpremiere des Films zusammen mit einer Lesung aus dem neuen Lyrikband, initiiert vom Haus für Poesie im Kino Central. Kjartan Hatløy las auf Norwegisch und Übersetzer und Lyriker Klaus Anders die deutsche Variante.

„Das Geräusch des Flusses ist ein anderes Blut, hier bei dem großen Stein mittendrin, wo der einzelne Tag klingt wie eine indische Trommel. Das Geräusch ist so achtsam, dass ich es, ein einziges Mal, meine Hand küssen ließ.“

Die Gedichte zeugen von tiefer Verbundenheit mit der Natur und vom Einverstandensein mit allem Leben. Sie beziehen sich auf den riesigen Kosmos und dann wieder auf die Winzigkeit eines Erlenblatts. „Meine Gedichte entstehen hauptsächlich aus dem Denken“. Der Autor hat Philosophie studiert, hat Deutsch gelernt, damit er die deutschsprachigen Philosophen im Original lesen kann. Er weiß aber auch um die harte körperliche Arbeit als Werftarbeiter. Genügsam und allein lebt er in dem Haus am Fjord. Sein Zuhause ist der gesamte Kosmos. Er ist der Wissenschaft ebenso wie dem Unerklärlichen, dem Spirituellen zugewandt.

„Einige gelbe Äpfel kullern von der braunen Tischplatte und reisen zu Boden. Meine liebe Erde reist schneller. Sie pflügt die Farbe Schwarz und sät uns aus, uns Menschen. Sie stürmt weiter, nicht einsam, und in der hohen Geschwindigkeit, die im Verborgenen gründet.“

In diesem Band sind es Prosagedichte, kurze und längere Miniaturen. Kein Reim, keine Versform. Manchmal sind es kleine Geschichten. Sie lassen die Sprache in Alltagsmomenten verharren oder sich fortbewegen. Sie zeugen von der Verbundenheit aller Dinge. Hier zeigt sich die klare Beobachtungsgabe des Dichters, die Art der Wahrnehmung, die für einen Dichter so wichtig ist.

Der Band „Der weiße Weg“ erschien in der Edition Rugerup, ein Verlag der vor allem Lyrik und gerne auch aus dem Norden verlegt. Verlegerin Margitt Lehbert erhielt dieses Jahr den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung. Übersetzt aus dem Norwegischen hat Klaus Anders. Von Frank Wierke kommt das Nachwort, dass aufschlussreich über die Entstehung des Buches berichtet. Er hat in der Reihe „Dichter im Porträt“ verschiedene Lyriker filmisch kurz porträtiert, unter anderen auch Elke Erb. Von Kjartan Hatløy gibt es in deutscher Sprache bereits den Lyrikband „Die Lippen verlangen nach Ocker“ in der Edition offenes feld.

Ich danke dem Verlag/dem Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Buchmesse Leipzig 2018 – Schwerpunkt Rumänien

 

 

Ich habe gesucht und in der Tat etwas Erlesenes aus Rumänien gefunden:

Filip Florian: Alle Eulen
Filip Florians Roman „Alle Eulen“  ist ein Roman der mir leuchtend gut gefallen hat. Es geht ums Aufwachsen in einem kleinen Karpatendorf und ums Geschichtenerzählen, um den oft  schwer erträglichen Alltag unter der Diktatur Ceaușescus und natürlich um Eulen. Ein neuer Roman soll im nächsten Jahr erscheinen, so wie dieser im Verlag Matthes & Seitz.

 

DSCN0518

Dann ist da Dana Grigorcea, die allerdings schon länger in der Schweiz lebt und auf Deutsch schreibt. 2015 nahm sie am Bachmann-Wettbewerb teil mit einem Auszug aus ihrem Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, mit dem sie den 3sat-Preis erhielt. Er bietet einen ganz guten, wenngleich sehr persönlichen Einblick in die Verhältnisse des Landes.

 

DSCN2710

 

 

Ein gerade eben erschienener kleiner Band mit einer Novelle, die an Tschechows „Die Dame mit dem Hündchen“ erinnert, heißt „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“. Beide erschienen im Dörlemann Verlag.

 

 

DSCN1729
Schwer beeindruckt hat mich vor einiger Zeit M. Blecher mit seinen Büchern, die sprachlich überragend und autobiografisch von einem Aufenthalt in einem Sanatorium berichten, wo sich der Autor sehr lange wegen seiner Knochentuberkulose aufhalten musste. Komplett eingegipst, verbrachte er seine Tage, Monate,  liegend und schrieb darüber. Der auf den Büchern basierende Film „Sacred Hearts“ ist künstlerisch ausgezeichnet gemacht und ergänzt die Bücher. Er bietet einen Einblick, manchmal grausigen, manchmal fröhlichen Blick in die Normalitäten der Heilanstalt. Zeitweise taucht man in eine Atmosphäre wie in Thomas Manns „Zauberberg“ ein.
Übersetzt wurden Blechers Bücher von Ernest Wichner, der lange Zeit das Literaturhaus Berlin leitete. Die Bücher erschienen im Suhrkamp Verlag.

Von  Mircea Cartarescu, der soeben mit dem Thomas-Mann-Preis 2018 ausgezeichnet wurde, wollte ich schon lange etwas lesen. Vielleicht ist nun die Gelegenheit dazu. Seine Bücher erscheinen bei Suhrkamp und Hanser.

DSCN1240
Dann komme ich zur Grande Dame der rumänischen Literatur, zur rumäniendeutschen Herta Müller. Zugegeben, für mich hat sich ihre schriftstellerische Arbeit vor allem über ihre wunderbaren Wort-Collagen erschlossen. Einige davon kann man hier von ihr selbst gelesen hören, sogar in rumänisch:

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/no-481-das-duemmste-ist-3001#.Wom18yXOXIU

Für ihre Romane jedoch – damals war „Atemschaukel“ gerade erschienen – erhielt sie 2009 den Nobelpreis für Literatur. Darin erzählt sie von der Gefangenschaft Oskar Pastiors im Arbeitslager. Er war in die Arbeit an diesem Buch integriert. Pastior ist als Lyriker höchst bekannt und war mit Herta Müller befreundet. Seine Gedichte, die zunächst in der Tradition des Dadaismus und des Oulipo standen, erregten damals in Rumänien in den 60er Jahren großes Aufsehen. Umstritten ist seine Tätigkeit als IM im Auftrag der Securitate, des rumänischen Geheimdiensts. Hier eine Hörprobe eines seiner Gedichte: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/immer-183

2018-02-16 13.45.38

 

Die rumänische Lyrik ist mir so gut wie unbekannt. Ich habe allerdings eine Anthologie aus dem Wunderhorn Verlag gefunden, die noch nicht allzu alt ist und die einige zeitgenössische Dichter vorstellt. Herausgeber ist wiederum Ernest Wichner.

Außerdem erscheint im Klak-Verlag eine Rumänisch-Deutsche Lyrik-Anthologie mit dem Thema Grenzen und weitere neue Bände rumänischer zeitgenössischer Autoren. Ebenso im Pop-Verlag .

 

Im Transit Verlag gibt es eine neue Anthologie mit rumänischer Prosa mit dem schönen Titel „Das Leben wie ein Tortenboden“.

Und im Verbrecher Verlag das „Handbuch der Zeiten“ von Stefan Agiopan.
Zitat Verbrecher Verlag: »Handbuch der Zeiten« gilt als moderner Klassiker Rumäniens. Viele der heute jungen Autorinnen und Autoren betrachten Agopian als Vorbild.

Der kleine feine Guggolz Verlag bringt eine Wiederentdeckung heraus: „Humbug und Variationen“ von Ion Luca Caragiale ein Band mit Erzählungen, entstanden zwischen 1890 – 1912.

Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ aus dem Wallstein Verlag bringt ein Heft zum Thema Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt, das einen schönen Überblick gibt.

Eine sehr schöne und ausführliche Besprechung zum „Buch des Flüsterns“ des Rumänen armenischer Abstammung Varujan Vosganian findet sich auf dem Blog „Schriftlichkeit“.

Für mich ist so ein Schwerpunktthema oder ein Gastland immer Anlass, mich mit der jeweiligen Literatur etwas mehr zu beschäftigen. Viel Freude beim Entdecken der rumänischen Literatur!
Im Herbst in Frankfurt dann Georgien …

Film-Kunst-Film: Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte DVD Film von Corinna Belz 2016

DSCN1965

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Corinna Belz, bekannt durch ihren Film über den Maler Gerhard Richter, hat einen wunderbaren Film über Peter Handke gemacht. Ein Film, der mich sehr für den Schriftsteller einnimmt, ein stiller Film voller Sehnsucht und Passion.

Gedreht wurde vor allem in Peter Handkes Haus nahe Paris, seinem ganz eigen gestalteten Lebensort. Eine kleine Episode auch in dem Landhaus, welches Schauplatz der Verfilmung von Handkes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ war, in dem Sophie Semin, Handkes Frau die weibliche Rolle spielt und er selbst einen sehr kurzen Auftritt als Gärtner hat. Auch diesen Film vom Regisseur Wim Wenders empfehle ich sehr: http://www.dieschoenentagevonaranjuez-derfilm.de/ (gerade neu als DVD)

Es ist schon spannend zu sehen, welch eine Persönlichkeit aus dem jungen, aufmüpfigen und dennoch scheuen Mann, der auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1966 zum ersten Mal von sich reden machte oder dem „Verrückten“, der mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Claus Peymann die Theaterbesucher mehr als irritierte, geworden ist.

Die kleinen Dinge sind es, die den Film so besonders machen. Zuzusehen, wie Handke Pilze schneidet und das Geräusch genießt, wie er draußen im Garten all seine Bleistifte spitzt (er schreibt nur mit der Hand), oder wie er auf seinem Nähsessel sitzt und versucht den Faden in das schmale Nadelöhr zu fädeln, um eines seiner Hemden zu besticken ist schon sehr besonders. Handke gibt diesen Dingen seine ganze Aufmerksamkeit, findet die Sinnlichkeit darin. Die gleiche große Aufmerksamkeit, die er auch für die Sprache seiner Geschichten verwendet. Jedes Wort wird gewogen, damit es auch stimmig ist. Handke nennt das Schreiben auch einen Prozeß der Erfindung.

Schön auch zu sehen, wie die Notizbücher entstehen mit Text und paralleler Zeichnung, sie sind selbst schon kleine Kunstwerke. Das „Notizbuch“ aus dem Insel Verlag zeigt Einblicke. Einige Zeichnungen konnte man bereits in „Von der Baumschattenwand nachts“ aus dem Jung & Jung Verlag sehen.

Noch bis Ende Juli kann man Original-Zeichnungen aus Handkes Notizheften in der Galerie Friese in Berlin sehen.

Einen Trailer zum Film gibt es auf der offiziellen Film-Seite.

Film-Kunst-Film: Vor der Morgenröte DVD Film von Maria Schrader 2016

2016-06-07-16-27-52

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Maria Schrader lässt in ihrem Film „Vor der Morgenröte“ Josef Hader den Stefan Zweig spielen. Und er passt in der Tat vortrefflich in diese Rolle.
Es geht um die Jahre im Exil in Brasilien und es geht um die Position, die Zweig vertritt. Gleich zu Beginn spricht er auf dem PEN-Kongreß 1936 in Buenos Aires. Von Journalisten bedrängt, er möge sich doch zu den Entwicklungen in Deutschland äußern, enttäuscht er seine Zuhörer: Stefan Zweig ist Pazifist, Intelektueller und Künstler. Er steht für die Meinung, jeder solle mit seinen Mitteln für Freiheit und Frieden kämpfen. Zudem glaubte er an ein vereintes Europa. Er macht klar, dass er aus seiner sicheren Position im Exil keine kämpferischen Reden schwingen möchte. Ihm bliebe nur sein Schreiben, doch darin sei er aktiv.
.
Der 1881 in Wien geborene Schriftsteller, überaus bekannt und erfolgreich, stand 1935 mit seinen Büchern sogleich auf der Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Autoren. Er lebte aus diesem Grund zunächst in London, dann in New York und schließlich in Petropolis in Brasilien. Begleitet wurde er auf seinen Reisen von seiner Sekretärin Charlotte Altmann, die er schließlich auch heiratete. Seine Exfrau, gespielt von Barbara Sukowa,  lebte derzeit mit ihren Töchtern in New York. Beide behielten auch nach der Trennung steten Kontakt.
.
Maria Schrader fängt sehr genau die jeweiligen Gemütsbewegungen Josef Haders alias Stefan Zweigs ein. Gerade diese langen Kameraeinstellungen in ein und derselben Position versinnbildlichen das Ausharrenmüssen, die Bewegungslosigkeit der unfreiwillig ins Exil Verbannten. Zwar ist Stefan Zweig in Brasilien mehr als willkommen, zwar hat er diese Stille und Abgeschiedenheit gesucht nach den vielen Reisen, doch findet er nicht die Ruhe, das Ankommen, das er sich sicher erwünscht hat. Zu schwer wiegen die Geschehnisse in der Heimat, zu aussichtslos die Rückkehr in seine geistige Heimat Europa. Im Februar 1942 nimmt er sich zusammen mit seiner Frau Lotte das Leben.
.

Sowohl inhaltlich, als auch aufgrund der beeindruckenden Kraft der Bilder ist dieser Film ein großer Gewinn. Es lohnt sich, ihn mehr als einmal anzusehen. Hier gehts zur offiziellen Film-Website mit Trailer: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/film/

Film-Kunst-Film: Die Poetin DVD Film von Bruno Barreto 2014

DSCN1759

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Der Film „Die Poetin“ erzählt vom Leben und Werdegang der New Yorker Dichterin Elizabeth Bishop, deren recht bekanntes Gedicht „One Art“ (deutsch: Die Kunst des Verlierens) mich schon immer sehr angesprochen hat:

The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster.

Lose something every day. Accept the fluster
of lost door keys, the hour badly spent.
The art of losing isn’t hard to master.

Then practice losing farther, losing faster:
places, and names, and where it was you meant
to travel. None of these will bring disaster.

I lost my mother’s watch. And look! my last, or
next-to-last, of three loved houses went.
The art of losing isn’t hard to master.

I lost two cities, lovely ones. And, vaster,
some realms I owned, two rivers, a continent.
I miss them, but it wasn’t a disaster.

—Even losing you (the joking voice, a gesture
I love) I shan’t have lied. It’s evident
the art of losing’s not too hard to master
though it may look like (Write it!) like disaster.

Elizabeth Bishop zählt zu den einflussreichsten US-amerikanischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie lebte von 1911 bis 1979. Der Film setzt 1951 ein, als Bishop sich entschließt ihre alte Studienfreundin Mary in Brasilien zu besuchen, um neue Anregungen für ihr Schreiben zu bekommen. Es wird ein sehr langer inspirierender Aufenthalt, der von enormer Schaffenskraft geprägt sein wird. Das liegt am Land, aber auch an den Menschen, denen sie dort begegnet. Vor allem auch an einer Frau, der Architektin Lota de Macedo Soares, der Lebensgefährtin von Mary. Die extrovertierte, selbstbewusste Lota, die Elizabeth zunächst als aufdringlich und überheblich empfindet, wird nach und nach zur Freundin, zur Geliebten, zur Muse.
In einem eigens für sie gebauten lichtdurchfluteten Atelier im Grünen schreibt sie ihren Gedichtband „North & South – A cold spring“ und erhält dafür 1956 den Pulitzer-Preis für Dichtung. Doch die Dreiecksbeziehung wird immer schwieriger. Als Lota in Rio an einem neuen Projekt arbeitet kommt sie Mary wieder näher. Elizabeth beginnt zu trinken, um die Eifersucht (und das Leben?) aushalten zu können. Als sie eine Einladung für eine Dozentur an einem amerikanischen College erhält, nimmt sie an. Die beiden Frauen sehen sich nur noch einmal 1967, um doch wieder nur Abschied voneinander zu nehmen, diesmal für immer.
.
Glória Pires spielt überzeugend die tatkräftige Lota, Miranda Otto die sensible, zerbrechliche Dichterin.
Hier gehts zur offiziellen Film-Website: http://www.diepoetin-film.de
In einer deutsch/englischen Ausgabe liegt der Gedichtband „Alles Meer ein gleitender Marmor“ von Elizabeth Bishop vor. Ansonsten gibt es nur englische Originalausgaben.

Film-Kunst-Film: Violette DVD Film von Martin Provost 2013

dscn1716

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun ab und an auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/Kunst zu tun haben.

„Ich bin eine Wüste, die selbst mit sich spricht.“

Der Film erzählt von der Schriftstellerin Violette Leduc (1907-1972), die anfangs der 50er Jahre in Paris lebte und zu schreiben begann. Als einfache Frau mit einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung wagte sie es als erste darüber und unverblümt über Themen wie Abtreibung, weibliche gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität zu schreiben. Eines Tages traut sich Leduc, die gerade „Das andere Geschlecht“ gelesen hat, sich ihrem Vorbild Simone de Beauvoir zu nähern und ihr ihr Romanmanuskript zu übergeben.

Beauvoir liest es und ist überrascht über die Kraft dieser Literatur, hilft ihr bei der Veröffentlichung und wird fortan zum Protegé Leducs. Doch was Leduc wirklich möchte, geschieht nicht. Sie wird nicht hinreichend gesehen. Ihre erstes Buch im Jahr 1946, „L`Asphyxie – Das Ersticken“, das immerhin im Verlag Gallimard in einer Reihe erschienen, die Albert Camus herausgab, bleibt weitgehend erfolglos.
Violette, das uneheliche, ungewollte Kind, sucht nach Liebe, die jedoch immer wieder zum Scheitern verurteilt ist. Für Violette ist Beauvoir mehr als ihre Lektorin, sie betet sie an, wirkt geradezu verliebt. Doch die behält meist ihren kühlen Kopf und ausreichenden Abstand bei. Dennoch ist sie zumindest materiell für sie da, vor allem als sie einen psychischen Zusammenbruch hat: Beauvoir besorgt (und zahlt) ihr einen privaten Klinikplatz, wo Violette langsam wieder zu Kräften kommt. Doch auch das zweite Buch, welches zwar mehr wahrgenommen wird und vor allem bei Frauen viel Zuspruch findet, verhilft ihr nicht zum ersehnten großen Erfolg. Erst mit ihrem 1964 erschienenen Roman „La Bátarde – Die Bastardin“ wird sie für den Prix Goncourt nominiert und schafft endlich auch den Durchbruch. Später wird sie ihren Ruheort, wo sie am besten schreiben kann, auf dem Land in der Provence finden.

Der Film lebt von der großartigen Schauspielkunst seiner Protagonisten, allen voran Emmanuelle Devos, die die Violette beeindruckend verkörpert. Sandrine Kiberlain als Simone de Beauvoir spielt die kühle Intellektuelle perfekt. Zudem gibt er einen etwas anderen Einblick in die Literaturszene dieser Zeit in Paris.
Ein filmisches Leuchten!

Mehr über den Film und den Trailer gibt es auf der offiziellen Film-Website.
Die Bücher von Violette Leduc gibt es in deutscher Sprache leider nur noch antiquarisch.Der Film macht allerdings auch Lust, sich wieder einmal die Bücher von Simone de Beauvoir vorzunehmen.

Film-Kunst-Film: Seraphine DVD Film von Martin Provost 2008

dscn1639

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun in loser Folge auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben oder die sonst bemerkenswert sind.

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Nach außen hin wirkt sie naiv, gar etwas zurückgeblieben, doch spricht aus ihren Gemälden eine ganz eigene Leuchtkraft.

Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau. Durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs musste er Frankreich verlassen und kehrte erst 10 Jahre später zurück und entschied sich zu bleiben. Seraphine malte inzwischen exzessiv weiter, auf immer großflächiger werdenden Leinwänden. Uhde unterstützte sie nun finanziell und materiell. Sie begann jedoch zunehmend an Wahnvorstellungen zu leiden und lebte, nun regelmäßig Geld verdienend, über ihre Verhältnisse. Auch für Uhde blieb das nicht finanzierbar. 1932 wurde sie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, in der sie 1942 aufgrund einer Mangelversorgung während des zweiten Weltkriegs starb. Uhde stellte ihre Bilder aus und machte sie so in aller Welt bekannt.

Seraphine wird authentisch dargestellt von der belgischen Schauspielerin Yolande Moreau, Uhde von Ulrich Tukur; eine starke und überzeugende Besetzung.

Es ist ein stiller Film, bildkräftig, der einmal mehr aufzeigt, wie fragil ein Leben für die Kunst sein kann und wie nah dabei Genie an Wahnsinn grenzt oder umgekehrt.

Zur offiziellen Filmseite mit Trailer gehts hier.