Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt #weiterschreiben Ullstein Verlag

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Ein wirklich tolles Projekt haben sich die Autorinnen Annika Reich und Lina Muzur ausgedacht und in die Tat umgesetzt. Es begann mit der Idee eine Möglichkeit zu finden für Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten und/oder im Exil weiter zu schreiben und auch weiter gelesen zu werden. Daraus entstand  im Netz die Seite https://weiterschreiben.jetzt/  und nun die gedruckte Anthologie.

Das Buch ist innen viel schöner geworden als das Cover verspricht. Ich bin ziemlich begeistert, dass im Buch nicht nur Texte, sondern auch Kunst, bunt sich ausbreitend, enthalten ist. Es ist auch das, was ich zuerst ansehe. Ich bin mit Bildern vertraut, ich nehme vieles wahr, was dahinter steht. Es sind Fotos, Mixed Media-Arbeiten, Malerei und Tusche, die ich selbst als Material so liebe. Ich gehe mit diesem Buch anders um, lese nicht von vorne nach hinten durch, sondern blättere, lese, blättere, schaue.

Deutschsprachige Autorinnen und Autoren trafen sich, real oder über den Bildschirm, um über ihr Schreiben zu sprechen, zu übersetzen oder einfach der Welt des/der anderen zu begegnen. Ob Annett Gröschner mit Lyrikerin Widad Nabi in die Geschichte ihrer Heimathäuser eintaucht, ob Saša Stanišić über ein Lachen von Salma Salem erleichtert ist oder ob der Journalist und Dichter Ramy Al-Asheq überrascht ist, als die Lyrikerin Monika Rinck, bei ihrem Treffen sofort beginnt sein Gedicht zu übersetzen, alle haben einen stimmigen Umgang miteinander gefunden, alle haben sie mich getroffen, nah am Herzen.

Ich werde nicht viel mehr über das Buch schreiben. Das entscheide ich gerade beim Blättern. Ich werde kurz aufzeigen, was es für mich so wertvoll macht, stärker, als ich vorher dachte. Es erzählt von Menschen, die das tun, was ich auch tue, Schreiben, trotz aller Widrigkeiten, innerer und äußerer. Ob im Innen Krieg herrscht oder im Außen – Schreiben bleibt.

 

Auszug aus dem Gedicht „Briefe an 14 Gazellen“ von Widad Nabi

„Nachts werde ich alt
heimlich vor der Zeit,
ohne dass mich jemand sieht.
Ich werde hundert Jahre alt.
Die Traurigkeit, die unter meiner Haut wächst,
wird zum Gedicht,
und ich bleibe, wie ich bin,
eine kleine Gazelle im Spiegel der Quelle.

Auszug aus „Das Herz eines Wolfes kochen“ von Rabab Haidar

„Wölfe werden immer nur mit Männern in Verbindung gebracht: Männer essen ihre Herzen und die Wölfe essen ihre. Wölfe werden Männer und verwandeln Männer in Wölfe.
Frauen hingegen werden mit Schlangen, Skorpionen, Eulen, Mäusen, Katzen oder Kaninchen assoziert. Mit Wölfen nicht.
Wie soll ich nur von mir erzählen?“

Auszug aus dem Gedicht „Den Dichtern folgt die Traurigkeit“ von Ramy Al-Asheq 

„Den Dichtern
folgt nur die Traurigkeit

Sie erwacht wie ein Funke an Fingerspitzen
und schläft ein
wischt man eine Träne
fort
mit den Fingerspitzen

Geboren wird sie
unbefleckt
bevor die Sprache sie überfällt
und benennt

Sie tritt ein mit dem Wind
und fährt aus mit der Seele“

Ich lege dieses Buch allen sehr ans Herz. Es ist eine Schatztruhe, eine Wunderlampe, ein Leuchten!

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Alle Beteiligten hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen, sie sind aber im Buch und auf der Verlagsseite zu finden, wo es auch eine Leseprobe gibt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen Ullstein Verlag

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Bereits das Buchcover, das mir ziemlich gut gefällt, weist auf die folgende Geschichte hin. Da ist es aus mit der Romantik eines Caspar David Friedrich (Umschlagbild: Hügel mit Bruchacker bei Dresden), aus mit der heilen ländlich, dörflich, kleinstädtischen Welt, da kreuzt die Faust, die Gewalt das ruhige Dahinleben. Auch in der Epoche der Romantik gab es zeitgleich den Drang zur Weltflucht und die Ausrichtung ins Private, aber auch ein Suchen der Identität in Richtung Nationalismus. Und natürlich Heinrich Heine: Deutschland Ein Wintermärchen, seinerzeit als Schrift eines „Vaterlandsverräters“ beschimpft.

Dass der Roman teils biografisch ist, sagt der Autor selbst. Und dieses Debüt des 23-jährigen Lukas Rietzschel lebt von seiner Geschichte, von einer Geschichte, die aktueller und brisanter nicht sein könnte. Er zeigt, wie Misstrauen und Hass sich langsam und unscheinbar, aber stetig entwickelt in einer zunächst heilen Welt …

Die Geschichte einer zerfallenden Familie ist es. Sie zieht sich über 15 Jahre hinweg von 2000 bis 2015 und ist angesiedelt in Neschwitz in der Lausitz. Zwei Jungs, Philipp und Tobi, kleiner Altersunterschied, und Eltern, die gerade ein Haus bauen, die beide Arbeit haben. Ihnen geht es besser, als anderen in dem kleinen Ort in Sachsen. Viele haben ihre Arbeit verloren und mancher versinkt in Alkohol und Sinnlosigkeit.

Ganz langsam baut sich ein Szenario auf: Die Jungs, denen langweilig ist, die auf der Suche sind und die „falschen“ Freunde finden. Viele ziehen weg, von Zukunft kann hier keine Rede sein. Die Ehe der Eltern zerbricht. Der geliebte Großvater stirbt. Viel Hoffnung bleibt da nicht. Zunächst sind da die Sorben, diese kleine nationale Minderheit mit der eigenen Sprache die in der Lausitz lebt und die von der Clique der Brüder als Fremde angefeindet werden. Und dann all diese Massen von Fremden aus Afrika und Arabien, die Unterkunft und Geld bekommen, während im Ort Schule, Sparkasse, Läden geschlossen werden. Leise schleicht sich der Hass in die Gemüter der Menschen, die sich zurückgelassen fühlen. Rietzschel macht das sehr glaubwürdig, buhlt aber nicht um Verständnis, klärt nur auf.

„Deshalb ist man doch kein Nazi“, sagte Philipp und drehte sich um. Das erste Mal sah er Christoph wieder ins Gesicht. „Alle anderen dürfen stolz auf ihr Land sein“, sagte er, „nur in Deutschland ist das verboten!“.

Einer der Brüder, Philipp, der ältere, zieht sich zurück aus der Szene, will selbständig werden, will weg an einen besseren Ort. Tobias hingegen macht mit und zwar aktiv. Er will nicht hinnehmen, dass „sein“ Land, dass, was ihm zusteht, von diesen Fremden genommen wird. Was anfangs noch als Ausraster im betrunken Zustand an Silvester geschieht, wird immer aggressiver. Tobias und seine Freunde werden gezielt gewalttätig. Übergriffe werden genau geplant und rigoros durchgeführt. Tobias, der sich von Mutter, Vater und Bruder missverstanden und abgelehnt fühlt, sich aber eigentlich nach Zugehörigkeit sehnt, findet nirgends mehr Halt und übergibt sich voll dem Hass und der Gewalt.

Lukas Rietzschels Sprache mit ihren stakkatohaften, teils abgehackten und fragmentartigen Sätzen wirkt zunächst unbeholfen, unvollständig, passt aber zunehmend zur bedrohlichen Entwicklung der Geschichte. Ein wenig mehr Tiefe hätte dem Roman dennoch gut getan. Trotzdem ein recht gutes Debüt!

Der Roman des erst 23-jährigen Autors erschien im Ullstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zülfü Livaneli: Unruhe Klett-Cotta Verlag

 

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Es ist mein erstes Buch von Zülfü Livaneli. Dabei hat der türkische Autor bereits sehr viele Romane auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Wie ich finde, darf man ihn ruhig auf eine Stufe mit Orhan Pamuk stellen, der ja hierzulande sehr viel bekannter ist.

Livaneli hat einen kurzen unaufgeregten Roman geschrieben, der jedoch wichtige Themen seines Heimatlandes, der Türkei, aufgreift. Die Handlung spielt aktuell im heute  in Mardin, das sehr nahe der syrischen Grenze liegt. Hier gibt es Flüchtlingslager, in denen vor dem Islamischen Staat und seinen Grausamkeiten geflohene Menschen aus Syrien leben. Darunter sind auch gläubige Jesiden, eine Minderheit, deren Religion älter ist als Judentum, Christentum und der Islam und auch heute noch archaisch anmutet.

„In der Stadt, in der Schule, überall waren Aramäer, Muslime, Juden und Zoroastrier miteinander befreundet und feierten gemeinsam die jeweiligen Feiertage. Jetzt dagegen verkommt die Stadt unter dem Schatten eines in sich gekehrten, verhärteten, wütenden Islam.“

Der Autor schickt in seiner Geschichte den Journalisten Ibrahim aus Istanbul in seinen Heimatort zurück, um den Spuren der Ermordung eines ehemaligen Schulkameraden nachzugehen. Erinnerungen tauchen auf und vermischen sich mit der Realität. Bei seinen Recherchen trifft er auf alte Freunde und sieht seine Stadt mit ganz neuen Augen. Er erfährt, dass Freund Hüseyin eine geflohene Jesidin zur Frau nehmen wollte und sich damit alle zum Feind machte, auch die eigene Familie.

„… du kennst mich als aufgeschlossenen Menschen, doch was hilft`s, in diesem Erdstrich geht nun mal die Tradition über alles, auch wenn sie noch so falsch und abergläubisch ist.“

Hier trifft der so weltlich Lebende plötzlich wieder auf Religon, Spiritualität und Mystik. Hier beginnt er zu hinterfragen, ob sein auf den Westen ausgerichtetes Leben ihm wirklich entspricht. Eingeholt von allerlei muslimischen Ritualen und einer dörflichen, mystisch anmutenden Umgebung, fragt er sich, ob er nicht doch auf einem falschen Weg ist. Er forscht auf den Spuren von Meleknaz, der Jesidin mit dem blinden Baby und hört von unsagbaren Grausamkeiten im Namen des Islam. Und je weiter er sucht, um so tiefer gerät er selbst in den Bann dieser Frau, die er doch noch nie gesehen hat. Er spricht mit dem alten aramäischen Priester des Jesiden-Heiligtums, mit einer Jesidin im Flüchtlingslager und mit den Geschwistern von Hüseyin. Nach und nach fügt sich so die Geschichte zusammen. Zurück in Istanbul fühlt sich Ibrahim aus dem Leben geworfen und macht sich geradezu obsessiv auf die Suche nach Meleknaz …

Was diese Geschichte aus der Türkei sehr deutlich zeigt, sind, die Diskrepanzen zwischen Stadt und Land, zwischen den Religionen, sogar innerhalb einer Religion. Sie hinterfragt die Mechanismen der Politik der westlichen Länder und stellt die Frage nach der Verantwortung. Sie weist eindringlich auf das Leid der Menschen in den Flüchtlingslagern hin und klärt auf über die Geschichte einer Minderheit, der Jesiden. Livaneli spricht in diesem Roman von der Kraft der Liebe, die das Leid überwinden kann, aber auch von der Unbarmherzigkeit der Menschen.

Der Roman erschien im Klett-Cotta Verlag. Übersetzt aus dem Türkischen hat es Gerhard Meier. Eine Leseprobe und mehr über den Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre Hanser Verlag

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An Norbert Gstreins neuen Roman habe ich mich erst herantasten müssen. Es ist sehr lange her, dass ich ein Buch dieses Autors las. Doch dann eröffnete sich mir der Roman in schönster Fülle. Gstrein hat eine starke Geschichte konstruiert, die aus einem Kernthema heraus weite Kreise zieht und sehr differenzierte Betrachtungsweisen aufzeigt.

Die Hauptfigur ist Richard, ein Gletscherforscher, der sich dem ewigen Eis verschrieben hat und darüber an der Uni lehrt, vor allem über den Klimawandel. Ob dabei eine Rolle spielte, dass er in der Kindheit von seinen Eltern, wenn er frech war in einem Kühlraum eingesperrt wurde? Die Eltern hatten in Tirol ein Hotel. Inzwischen lebt er aber längst mit Frau und Kind in Hamburg. Im Roman finden sich Eis und Kälte zuhauf. Und sei es sinnbildlich, wenn etwa Natascha, die Ehefrau, ihn mal wieder Eismann nennt, wenn sie seiner angeblichen Gefühlskälte überdrüssig ist. Diese unterstellt sie ihm ebenfalls in der Sache mit der Flüchtlingsfamilie, die beide in ihrem Ferienhaus im Umland aufgenommen, besser gesagt, es an diese vermietet haben. Während Richard die Familie zur Ruhe kommen lassen will, kümmert sich Natascha jeden Augenblick um das Wohl der Familie, ruft an, fährt hin, ja beginnt sie im Grunde zu bevormunden. Schön, wie Gstrein diesen Zwiespalt herauskehrt und den Leser damit konfrontiert.

„Sicher hätte ich mir meinen Kommentar sparen können, um zu helfen, müsse ich nicht ein Diplom in Ethnologie oder Religionswissenschaftler haben, als sie mich fragte, ob ich mich nicht auch auf unsere Gäste vorbereiten wollte.“

Natascha und Richard entfremden sich aufgrund dieser Differenzen noch mehr als bisher. Natascha ist erfolgreiche Schriftstellerin und vermarktet die Idee mit der Flüchtlingshilfe sogar als Story in einer populären Zeitschrift. Sie lässt Mann und Kind alleine in die Ferien fahren. Sie geht voll in ihrer neuen Rolle als Helferin und Beschützerin auf. Vor allem auch dann, als vermehrt bedrohliche Nachrichten oder sind es Gerüchte? über das Haus am See aus der Nachbarschaft kommen. Die Familie aus Damaskus hingegen, scheint sich einzuleben, die Söhne gehen zur Schule, haben in kürzester Zeit deutsch gelernt. Als der Vater gar zum Christentum übertreten will, ist Natascha entsetzt, hatte sie sich doch gerade mit dem Islam beschäftigen wollen. In der Tat fragt man sich da als Leser/in, ob außer dem Wunsch zu helfen nicht doch auch ein gewisser Narzissmus im Spiel ist.

“ … ob sie der Familie nicht ein bisschen Ruhe gönnen wolle, wenn sie sich wieder einmal bereitmachte, zum Haus hinaus zu fahren, ob sie sicher sei, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit willkommen war, …“

Richard dagegen verhält sich freundlich, doch zurückhaltend. Außerdem denkt er gerade selbst über einen Neuanfang in einem anderen Land nach. Kanada steht zur Debatte, weil ein Studienfreund ihm dort eine Stelle angeboten hat. Doch bevor es zu einer Entscheidung für ein neues Leben und damit verbunden womöglich zur Trennung von Frau und Kind kommt, hat Gstrein eine Idee, die nicht neu ist: Im letzten Teil des Buches schreibt er drei verschiedene Schlusskapitel, wovon er eines „Was wirklich geschah“ nennt. Die anderen beiden kann man getrost weglassen. Sie sind nicht stimmig und lesen sich wie Füllmaterial.

Norbert Gstreins Roman „Die kommenden Jahre“ erschien im Hanser Verlag.