Andrea Wulf / Lilian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt Graphic Novel C. Bertelsmann Verlag

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„Juni 1799: Alexander von Humboldt bricht zu einer abenteuerlichen Entdeckungsreise durch Südamerika auf, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur grundlegend verändern wird …“

Ein wundervolles Buch! Ein Bilderbuch für alle! Ein feines Buchkunstwerk!
In der Art einer Graphic Novel haben Andrea Wulf und die Illustratorin Lilian Melcher dieses ungewöhnliche Buch gestaltet. Es geht um die amerikanischen Reisen Alexander von Humboldts (1769 – 1859) und zwar nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern erzählerisch und von zauberhaften Illustrationen begleitet. Text und Bild finden hier stimmig zueinander, fließen ineinander und befruchten sich gegenseitig. Bilder, oft collagenhaft, teils skizzenhaft mit Bleistift oder Filzstift gezeichnet, teils mit Sprechblasen wie im Comic und teilweise im Erzählstil weisen auf die wichtigsten Ereignisse der Humboldt`schen Reise hin und sind oft wunderbar detailverliebt.

Andrea Wulf, die bereits Bücher zum Thema veröffentlicht hat, schrieb ihren Text nahe an den von Humboldt selbst veröffentlichten Schriften, selbst die Dialoge entsprechen überwiegend den in den Tagebüchern festgehaltenen. Humboldt stellt fest, wie in der Natur alles mit allem zusammenhängt. Unfassbar, wie weit- ja beinah hellsichtig, Humboldt vieles in seinen Studien der Natur voraussah, was uns heute einholt. So wusste er bereits damals, was geschieht, wenn man ganze Regenwälder abholzt.

“ … ich bin ziemlich stolz darauf, Kosmos – ein Buch über das gesamte Universum – geschrieben zu haben, ohne ein einziges Mal das Wort „Gott“ zu benutzen. Ich möchte ohnehin viel lieber etwas über die Naturverehrung der Indianer erfahren.“

Andrea Wulf geht in diesem Band chronologisch vor. An den Anfang stellt sie den alten Humboldt in Berlin, der in Rückblicken seine Geschichte erzählt und zwischendurch in bestimmten Szenen wieder als Erzählerfigur auftaucht. Die Seiten sind meist komplett mit Fotocollagen, Zeichnungen oder Kopien der handschriftlichen Aufzeichnungen Humboldts unterlegt, darüber dann die Sprechblasen einzelner Dialoge oder der Text der Erzählerstimme. Man kann sich gar nicht satt sehen, denn es sind oft auch sehr klein detaillierte Darstellungen dabei.

Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass Humboldt und seine treuen Gefährten, diese gefährlichen Reisen überlebt haben (wenn man etwa bedenkt, welche Ausrüstung einem heutigen Bergsteiger bei einem 4000er zur Verfügung steht). Die Sammlungen der Pflanzen und Tiere sind auf der langen Reise teilweise zerstört oder verloren gegangen, aufgrund der riesigen Menge jedoch, die vor allem auch auf seinen französischen Begleiter Aimé Bonpland (1773 – 1858) zurückgehen, blieb doch viel erhalten. Und Humboldt hielt alles genau fest, fertigte Zeichnungen, schrieb Tagebuch: Die Fahrten mit dem Schiff, die Bergbesteigungen, die Messungen, die Entdeckungen von Pflanzen und Tieren, die Beobachtungen der Himmelsphänomene und Archivbesuche. Es gibt eine riesige Zeichnung, die seine Art der Zusammenhänge der Naturphänomene an den unterschiedlichen Standorten vergleicht und klar aufzeigt. Zudem schrieb er auch kritische Texte, etwa zur Sklaverei auf Kuba und zur Zerstörung der Natur, etwa durch Plantagenbetrieb oder Abholzung.

Am Ende dauerte die Reise fünf Jahre von 1799 bis 1804 und führte etwas unstet durch das nördliche Südamerika, Mexico und Kuba mit einem Abstecher kurz vor der Heimreise in die USA mit Besuch des Präsidenten Jefferson.

Sehr witzig finde ich, dass die Illustratorin sich und die Autorin in die Story einzeichnet (siehe oben). Andrea Wulf und Lilian Melcher kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen für solch eine wundervolle Idee und die hervorragende Umsetzung. Ein Buch, welches Lust auf mehr Graphic Novels und auf mehr über Alexander von Humboldt macht.
Zur Zeit gibt es noch bis April im Berliner Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung über die Humboldt-Brüder, auf die ich nun noch mehr gespannt bin: https://www.dhm.de/ausstellungen/wilhelm-und-alexander-von-humboldt/ausstellung.html

Das Buch erschien im C. Bertelsmann Verlag und wurde übersetzt von Gabriele Werbeck. Eine Leseprobe gibt es hier. Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Elementares Lesen“, den ich hiermit gleich empfehle, weil man immer eine Fülle an interessanten Sachbuchtiteln findet.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Anselm Oelze: Wallace Schöffling Verlag

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Der Debütroman von Anselm Oelze führt uns zunächst ins Jahr 1858 in eine Zeit der Entdecker, Forscher und Wissenschaftler. Die Titelfigur „Wallace“ ist zugleich Held des Romans und durchaus eine interessante Persönlichkeit. Alfred Russel Wallace gab es tatsächlich. Er wurde 1823 in England geboren und hat nur nicht die Berühmtheit von Charles Darwin erlangt, obgleich er die natürliche Selektion und die Entwicklung der Arten womöglich schon ein klein wenig früher als dieser entschlüsselte. Wallace war so freimütig, Darwin seine Ergebnisse aus der Ferne per Brief nach England zu senden und ihn um Weiterleitung und seine Meinung dazu zu bitten. Das Ergebnis war, wie wir alle heute wissen, dass Darwin das Buch „Über die Entstehung der Arten“ schrieb und unter anderem damit weltberühmt wurde.

Anselm Oelze erzählt von Wallace über einen kleinen Zeitraum hinweg, den er auf den Molukken und auf der Insel Lombok zur Forschung und Artensammlung verbringt. Dieser Teil ist recht interessant, teilweise witzig erzählt und macht neugierig auf die Figur und die Zusammenhänge. Da Oelze allerdings einen zweiten Handlungsstrang einflicht, der in der Heute-Zeit spielt und vom Nachtwächter eines naturkundlichen Museums erzählt, wird der Erzählfluß immer wieder durchbrochen. Das Springen zwischen den Zeiten, was normalerweise Spannung erzeugt, funktioniert, wie ich finde, hier nicht so ganz.

Denn die Geschichte des Nachtwächters Albrecht Bromberg, Mitte/Ende fünfzig, der eines nachts beim Bücher einsammeln in der Bibliothek auf ein Buch mit Foto von Wallace stößt und der sich dann plötzlich brennend für diese Figur und die Evolutionstheorie interessiert, wirkt auf mich nicht ganz stimmig. Dass Wallace das vollkommen in Routine eingefahrene Leben Brombergs so durcheinanderbringt, dass dieser sich so maßlos über die Ungerechtigkeit, die Wallace wiederfuhr empört, mag gerade noch angehen. Dass dieser aber dann seinen Job aufs Spiel setzt und mithilfe einer Museumsbibliothekarin, eines Antiquars und einiger Stammtischfreunde die Geschichte umschreibt, wirkt doch allzu konstruiert. Und als würde der Autor das selber merken, versieht er die Geschichte mit einem auf Wallace Insel spielenden letztem Kapitel mit offenen Ende, in dem sich der/die Leser/in dann selbst für eine Variante entscheiden muss.

Froh war ich wirklich, dass der Autor trotz der deutlichen Vorzeichen nicht auch noch ein HappyEnd mit Liebesgeschichte zwischen der jungen(!) Bibliothekarin und dem älteren(!) Nachtwächter ausgearbeitet hat.

Sprachlich bin ich hin- und hergerissen. Manche Szenen sind ganz wunderbar altmodisch erzählt mit Charme und Esprit und manche wieder total austauschbar ohne eigenen Ton. In der Story werden manche Spuren gelegt, die der Autor dann nicht weiter verfolgt, wie etwa die Erfindung des Tonicwater, die spiritistischen Aktionen einer Nebenfigur, und der Besuch bei Studienfreund Juha. Zudem ist es seit langem der einzige Roman, bei dem ich kein Zitat finde, dass ich hier dazustellen möchte. Fazit: Für naturwissenschaftlich Interessierte nett zu lesen. Ich bin gespannt, wie der zweite Roman des Autors gelingen wird.

Der erste Roman des 1986 geborenen Anselm Oelze erschien im Schöffling Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Hier ist ein informativer Beitrag zum Thema Wallace – Darwin:

 

Eine weitere sehr wohlwollende Besprechung gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Verena Stauffer: Orchis Kremayr & Scheriau Verlag / (zitronen der macht) hochroth Verlag

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Es ist ein sehr sinnlicher Roman, den Verena Stauffer als ihr Debüt geschrieben hat. „Orchis“ ist ein Abenteuerroman, ein Roman der in eine duftende, bunte, mystische Welt entführt, die seinen Hauptprotagonisten nicht mehr aus lässt. Und mich als Leserin auch nicht. Ich bin vollkommen entzückt von dieser Geschichte, die von wundervoller Phantasie und großer Erzählbegabung der Autorin zeugt. Blühendes Leuchten!

Auf Madagaskar wächst nicht nur der Pfeffer, sondern auch die seltensten Orchideenarten. Der junge Botaniker Anselm ist auf der Suche nach einer ganz bestimmten Art. Der kühle europäische Wissenschaftler gelangt schon beim Betreten der Insel in eine andere Sphäre. Mithilfe eines einheimischen Führers und in Begleitung eines englischen Forscherkollegen gelingt tatsächlich der sensationelle Fund: Die Orchidee der weiße Stern wächst hier zuhauf und wird schleunigst auf ein Schiff Richtung Europa gebracht.

Die Insel hat ihn verzaubert. Die Pflanzen und wohl auch der einheimische Führer Isaac. Als bei einem Sturm die kostbare Fracht über Bord geht, gerät Anselm vollends in wahnhafte Verzweiflung. Und so darf der/die Lesende erleben, wie Anselm selbst bewachsen wird von einer seiner Stern-Orchideen. Nie ist man im Verlauf sicher, ob die Orchidee wirklich auf Anselms Schulter wächst. Doch scheint sie sonst keiner zu sehen. Aufgrund des totalen Rückzugs in sich selbst, schicken in die besorgten Eltern schließlich in eine Nervenheilanstalt. Doch es dauert Monate und bedarf eines Tricks des Arztes, bis Anselm wieder der alte ist.

„Er habe den Eindruck, Anselm sei seelisch gestürzt, er sei, um den Vergleich mit einer Blume anzustellen, […] in vollster Blüte, vielleicht mitten in einem Moment der Euphorie plötzlich abgeknickt worden, und hätte daraufhin, gleich einer Blütenpflanze, beschlossen, sich in das tiefste Innere seiner Zwiebel zurückzuziehen, um eine schwierige Zeit zu überdauern.“

Dann folgt flugs die Berufung an die Universität. Es ist die Zeit von Darwins späten botanischen Forschungen, denen Anselm mit eigenen Theorien beikommen will. Vollkommen überdreht und impulsiv verhält er sich, wenn es um neu zu entdeckende Orchideen geht. Anselm hat enorm viel Fantasie und keinerlei Zweifel an seinem Können und Erfolg. Und statt einen prominent angekündigten Vortrag in London zu halten, bricht er kurzerhand und überstürzt auf, um in China eine sagenumwobene neue Schönheit zu finden und seiner Sammlung einzuverleiben. Dass ihm ein neidischer Botaniker damit eine böse Falle stellen wollte, merkt Anselm nicht und das ist auch gut so, denn so landet er nach langer Schiffsreise in der Tat im fernen China auf der Suche nach dem chinesischen Frauenschuh und findet viel mehr als das.

„Wenn es regnete, spürte Anselm, wie unbeeinflussbar der Lauf der Dinge war. Es war, als sei alles immer genauso gewesen und als würde es nie anders sein, deshalb war jede Zeitmessung irrelevant, dachte er, da es keine Möglichkeit des Hinauskommens über das >Jetzt< gab, …“

Verena Stauffers Sprache ist poetisch und sie weiß damit sehr plastisch und sinnesfreudig ihre Figuren und Geschehnisse zu formen. So fügt sie immer wieder Träume und Abzweigungen in Anselms Gedankenwelten ein, dass man ins Überlegen kommt, was ist nun Traum, was Wirklichkeit. Oft haben Anselms Erlebnisse auch etwas märchenhaftes. Man könnte wohl auch das Stichwort „Magischer Realismus“ ins Spiel bringen. So weiß man nicht genau aus welchem Land Anselm kommt. Es ist von Krieg und Umstürzen die Rede, die Anselm jedoch nicht interessieren. Manchmal hätte ich gerne bei einem Erzählstrang, mit mancher Figur noch länger verweilt, doch die Autorin strebt weiter und findet schließlich durchaus einen ganz wunderbaren stimmigen Abschluss dieser exotisch leuchtenden Geschichte.

„Orchis“ erschien im Kremayr & Scheriau Verlag in liebevoll gestalteter Aufmachung, das Buch ist außen wie innen ein kleines Kunstwerk. Eine Leseprobe gibt es hier.
BooksterHRO hat den Roman ebenso begeistert vorgestellt.

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„Verlieren, weil ich so laut gewesen bin
Vergessen, dass Lieben Schweigen ist
Zurückströmen, zu den Quellen
Wo ein Anfang, wie ein neues Blatt …“

Die 1978 geborene Verena Stauffer ist Österreicherin. Wärmste Empfehlung auch für den bereits 2014 erschienen Lyrikband. Er führt ebenfalls in sinnliche, oft pflanzliche Welten, aber ebenso in die Abgründe und Hoffnungen der Liebe. Wobei sich die Natur oft mit dem Menschlichen verweben möchte. Stauffer findet dafür zarte und zugleich direkte Worte. Die Verse sprechen oft von Wiederherstellung oder Wiederholung, es sind Beschwörungen des Vergangenen, verbunden mit der Hoffnung einer Wiederkehr und das in wiegendem Rhythmus sich ausdehnend bis zum Stakkato. Verstitel, Strophen, immer wieder in Klammern gesetzt, als gäbe es wichtigeres, als müssten sie hinterfragt werden. Was der/die Leser/in auch unweigerlich tun wird …
„zitronen der macht“ ist bei hochroth, Wien erschienen, wie immer in handgemachter feinster Ausstattung. Dafür ein lyrisches Leuchten!

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.