Sandra Gugić: Zorn und Stille Hoffmann und Campe Verlag

„Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Vorstellungen zu überschreiben.
Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Erinnerungen zu überscheiben.“

Die beiden Sätze könnten ein Leitmotiv des neuen Romans „Zorn und Stille“ von Sandra Gugić sein. Er weist auch auf die Lyrikerin Gugić hin. Erst 2019 erschien ihr Lyrikdebüt „Protokolle der Gegenwart“ im Verlagshaus Berlin. Für mich ist Sprache immer ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Aspekt für mein Lesen. Und hier treffe ich auf einen Roman, der es vor allem mit der Sprache schafft, sich abzuheben von den vielen Geschichten, die es bereits zum Thema gibt. Und hebt eben auch durch die Sprache das Besondere dieser Familiengeschichte hervor.

Billy Bana ist Fotografin, angesagt und erfolgreich, mit Ausstellungen in ganz Europa. Eigentlich heißt Billy Biljana Banadinović und hat die erste Zeit ihres Lebens bei den Großeltern im ländlichen Jugoslawien gelebt. Ihre Mutter Azra und ihr Vater Sima haben das Land lang vor den großen Kriegen verlassen und sind nach Wien emigriert. Die Tochter holten sie nach und in Wien kam dann auch Sohn Jonas Neven zur Welt. Die beiden Geschwister hielten fest zusammen. Erst als sich die 16-jährige Billy vom einengenden Elternhaus löst und in eine Kommune zieht, kommt es auch zum Abschied vom Bruder. Erst Jahre später werden sich die beiden wieder sehen, als Billy längst Karriere gemacht hat und mit der Galeristin Ira in Berlin zusammenlebt. Dass der labile Jonas sich rückbesinnt auf sein Herkunftsland, dass es so nicht mehr gibt und sich auf eine Reise durch das zerbrochene Land begibt, von der er nicht mehr zurückkehrt, macht das Familienzerwürfnis total.

„An diesem Punkt der Geschichte klafft die Lehrstelle. Von hier aus schien Jonas Nevens Abwesenheit stetig zu wachsen und zu wuchern. Von hier aus dachten wir uns wund, spielten alle möglichen Szenarien durch, versuchten zu rekonstruieren, was geschehen sein könnte und warum, ohne echte Anhaltspunkte zu haben.“

Die Autorin erzählt in Rückblenden, ausgehend vom Anruf der Mutter, die Billy mitteilt, dass der Vater gestorben ist. Beide begeben sich getrennt auf die Reise nach Beograd, wo der Vater beigesetzt werden wollte. Im ersten Teil erinnert sich Billy, während sie am Flughafen auf ihren Flug wartet, endlich an die bis zuletzt gemiedene Familienvergangenheit. Im zweiten Teil lesen wir aus dem Blickwinkel der Mutter und im dritten aus der Sicht des Vaters. Sowohl Azra als auch Sima kommen aus ländlichem traditionellem Elternhaus. Beide wollten raus, hatten ganz eigene Pläne von einem freien Leben. Beide gehen nach Beograd und begegnen sich zufällig. Azra wird schwanger, Sima verschwindet. Als sie dann doch wieder zusammen kommen, reisen sie nach Österreich mit dem Wunsch ein vollkommen anderes Leben als die Eltern zu leben. Doch was anfangs noch gelingt, dehnt sich in eine lange Zeit mit sich im neuen Land zurechtzufinden, Geld verdienen, Kinder versorgen und als Ausländer möglichst nicht aufzufallen. Alle Träume sind ausgeträumt, Wünsche unerfüllt geblieben. Der Ausbruch der Kinder aus dem ehernen „Familiengesetz“ verschlimmert die Entfremdung der beiden Eltern noch (die das ja eigentlich verstehen könnten, da sie ja einmal dasselbe wollten).

„Alles was wir machen, absolut alles, tun wir nur, um glücklicher zu werden. Selbst derjenige, der sich umbringt, tut das, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein.“

Gugić` Blick ist ein genauer. Sie versucht einerseits die Innenwelt ihrer Protagonisten auszuleuchten, andererseits die Verbindung zu den äußeren Geschehnissen nicht zu verlieren. Alle Mitglieder der Familie sind eigentlich verschlossen, unstet und irgendwie verloren, jeder auf seine Weise. Dass Sohn Jonas Neven wirklich verloren geht und das auch noch im Land seiner Wurzeln, wirkt wie eine Verdeutlichung der Tragik. Für ihn ist diese Reise wichtig zum Verständnis seiner selbst, wie sich im Epilog zeigt. Und auch wenn der Jugoslawien-Krieg erst gegen Ende des Romans stärker in den Fokus rückt, wirkt er tief auf die Figuren ein. Am Beispiel Billys am Flughafen, als sie bei der Ankunft auf Serbisch angesprochen wird und die Sprache kaum mehr versteht, weil sie eben vor dem Krieg Serbokroatisch war und sie ohnehin nur noch deutsch spricht, zeigt sich wieder der Zwiespalt. Auch die zwei Ausweise, die sie besitzt machen sie zur Außenseiterin. Oder bei Vater Sima, der von seinen Arbeitskollegen ausgefragt wird, wie er denn zum Krieg seiner „Landsleute“ stehe und auf welcher Seite.

Die 1976 in Wien geborene, in Berlin lebende Autorin hat die Geschichte eines starken und dennoch fragilen Familiengeflechts geschrieben, die mir sehr gefällt und mit ihrer ausgefeilten Sprache durch ihre Bilder lebt; womöglich so wie aus dem genauen Blickwinkel einer Fotografin …

Der Roman erschien im Hoffmann und Campe Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

Christina Hesselholdt: Vivian Hanser Berlin

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Als ich im Januar 2019 die Ausstellung „In her own hands“ mit Photographien von Vivian Maier (Foto siehe oben) sah, war ich überwältigt von der Fülle und dem genauen Blick der Künstlerin. Dass der größte Teil ihrer Fotos erst nach ihrem Tod entdeckt, ja entwickelt wurden, ist das Schicksal, das viele Künstler teilen. Das Leben der 1926 geborenen und 2009 gestorbenen Vivian Maier war nicht einfach, sehr unruhig, oft prekär und womöglich gab ihr die Photographie einen Grund da zu sein.


Die 1962 geborene dänische Autorin Christine Hesselholdt hat nun ein ungewöhnliches Lebensporträt geschrieben. Ich bin hin- und hergerissen von diesem Buch. Die Autorin geht ein Wagnis ein, mit dem ich nicht immer einverstanden bin. Dann wieder denke ich, wie sonst könnte man sich dieser Künstlerin nähern, von der ja nicht so viel autobiografisches Material zur Verfügung steht. Hesselholdt setzt einen allwissenden Erzähler ein. Dazu kommt Vivian selbst zu Wort, aber auch die Menschen, denen sie begegnet ist, wie etwa ihre wohlhabenden Arbeitgeber, als sie viele Jahre lang als Kindermädchen jobbt.

Hier übertreibt es die Autorin meinem Empfinden nach, indem sie Vivian als ein eher unzumutbares Kindermädchen schildert. Eine, die dem Kind brüsk befiehlt aufzuessen, unterwegs auf ihren Fototouren Süßigkeiten klaut, die es mitnimmt in den Schlachthof, damit es das wirkliche Leben kennenlernt. Ist das irgendwo aus Biografischem herauszulesen? Was hier Wahrheit und was Fiktion ist, bleibt ein Rätsel.

Der gesamte erste Teil spielt im Haus der Familie, in der Maier ab 1968 als Kindermädchen arbeitet. Immer wieder spricht hier Sarah, Mutter des Kindes und Hausherrin aus ihrem Leben und der Kindheit bei den Großeltern in Dänemark (Autobiografisches der Autorin?), was mich wenig interessiert. Und dann bin ich doch wieder eingenommen von der Sprache und den kreativen Einfällen der Autorin, wenn sie etwa Vivian als eine Art Messie schildert, wie es seinerzeit die wohlhabenden Gebrüder Collyer waren und damit bekannt wurden (wunderbar nachzulesen in E. L. Doctorows Roman Homer & Langley).

Im zweiten Teil beginnt der Erzähler (aka Autorin?) darüber nachzudenken, was er/sie überhaupt mit Fotographie anfangen kann, was Fotos zeigen, denn es scheint ja nichts als nur eine Momentaufnahme zu sein. Hier wird reflektiert, was Vivian Meiers beabsichtigte, wenn sie Bilder machte.

„Der Bäcker fragte: „Warum machen Sie so viele Fotos?“ „Haben Sie mitgezählt?“, antwortete ich. Darauf wusste er nichts zu sagen.“

Dann geht es rückwärts in der Zeit. Maria, Vivians Mutter hat sich vom Vater getrennt und zieht mit der kleinen Tochter bei der Porträtfotographin Jeanne Bertrand ein. Nach einer kurzen Zeit in Südfrankreich kehren die drei zurück. Nun erzählt überwiegend Vivian. Wir erfahren von der zerrütteten Familie und vom Werdegang Vivs. Zum Ende des Buches hin, verläuft der Text in eine Art Zwiegespräch zwischen Vivian und Erzähler.

„Ich fange mich nur selten lächelnd ein, aber heute war es der Fall: Ein Mann trug eine Scheibe vorbei, und ich fotografierte ihn von hinten, sodass ich mich im Glas spiegelte und es aussah, als würde er mich tragen.“

Vivian wird als forsche, wenig einfühlsame, etwas sonderliche einzelgängerische Person geschildert. Auch war sie an Männern, Frauen, Familie überhaupt nicht interessiert, ja generell waren ihr nähere Beziehungen wohl suspekt. Ist es das was die Autorin auf ihren vielen Selbstporträts erkennt? Sie wird als gesellschaftskritisch dargestellt. War sie das? Sind ihre Fotographien vor diesem Hintergrund entstanden? Tatsächlich schwand meine anfängliche Skepsis während der Lektüre mehr und mehr und ich empfinde nun den Roman als ungewöhnlich, aber höchst gelungen. Eine Biographie ist es jedoch nicht, eher eine Annäherung.

Ich habe mir begleitend den Band „Vivian Maier Street Photographer“ vom Schirmer & Mosel Verlag aus der Bibliothek geholt. Hier sind viele Fotos zu sehen, die Hesselholdt in ihrem Buch beschreibt. Offenbar hat sie sich auch intensiv mit diesem Band beschäftigt. Die Fotos, die in meinem Beitrag zu sehen sind, sind alle aus diesem Buch (bis auf ein farbiges Selbstporträt aus „Die Farbphotographien“, ebenfalls Schirmer & Mosel) und es sind alles jene beschriebenen Szenen.

Der Roman erschien im Hanser Berlin Verlag. Übersetzt aus dem Dänischen hat ihn Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lars Saabye Christensen: Magnet btb Verlag

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„Was wäre, wenn man eine umgedrehte Erinnerung hätte und sich an das erinnern könnte, was noch geschehen sollte?“

Lars Saabye Christensens neuer Roman hat 950 Seiten. Keine davon ist verzichtbar. Ihn zu lesen bedeutet Eintauchen, die Zeit vergessen, obgleich der norwegische Autor vor allem über die Zeit schreibt. Anhand des Hauptprotagonisten, der Fotograf ist, lässt sich das besonders gut aufzeigen. Fotografieren ist Zeit stoppen, festhalten, der Moment der Vergangenheit, der hernach beim Betrachten in der Gegenwart geschieht, die Erinnerung daran, die womöglich ganz anders war. Überhaupt erfahre ich hier viel über Fotografie, eine Faszination, die auch den gesamten Roman mit trägt.

Jokum Jokumsen, 22 Jahre alt und Student der Literaturwissenschaft, misst über 2 Meter. Dass er mit dieser Größe geschlagen ist, macht ihm immer wieder zu schaffen. Erst als seine Zimmernachbarin im Studentenwohnheim, Synne, zwei Jahre älter, Kunstgeschichte studierend, ihm erzählt, dass er Giacomettis „Der Schreitende“ ähnelt, den sie sehr mag, ist er eine Weile damit versöhnt. Denn er ist verliebt in Synne.

Das ist der Anfang. Wir sind im Oslo der 70er Jahre. Christensen weiß diese Zeit atmosphärisch dicht darzustellen: Jokum, der sich mit Kafkas „Prozeß“ herumschlägt, Jazz statt Rock mag und unter seiner Größe leidet, auch körperlich, die Proportionen stimmen nicht. Nebenan die schöne Synne, die heimlich im Wohnheim den Hamster Hubert hält. Tatsächlich kommen die beiden im ersten Teil des Buches zusammen. Was mich wirklich irritiert, ist, dass dieses Paar imgrunde überhaupt nicht zueinander passt und trotzdem lange miteinander lebt. Jokum ist der Träumer, der Kreative, der begabte Fotograf, der Synne abgöttisch liebt, ja, der sich von ihr bevormunden lässt, bis mir als Leserin, die Wut hochsteigt auf diese Frau. Ist es womöglich wirklich so, dass einer in einer Beziehung immer mehr liebt? Von Synne gibt es jedenfalls kaum Zeichen der Liebe, eher starke Launenhaftigkeit gepaart mit Sarkasmus. Sympathisch ist sie mir als Leserin nicht. Blickt man auf ihr chaotisches Elternhaus zurück, kommt vielleicht etwas Verständnis auf. Jokum hingegen kommt aus einem intakten Elternhaus. Sein Vater kommt ursprünglich aus Dänemark und schwärmt für den Karikaturisten Storm P., der im Roman immer wieder auftauchen wird, ebenso wie der Magnet, der auch vom Vater kommt.

Zeitsprung/Ortswechsel: Nach einem kurzen Zwischenspiel in Dänemark, leben die beiden nun in San Francisco, sind verheiratet. Synne schreibt ihre Doktorarbeit, Jokum fotografiert Dinge. Synne hat ein ganz anders Tempo als Jokum. Sie treibt ihn an, verhilft ihm zur ersten Ausstellung und sagt ihm, was zu tun ist, legt ihm die Worte für Interviews vor und er macht alles mit. Sie ist letztlich eher seine Managerin als seine Frau und führt ihn zum Erfolg. Doch ist das noch er selbst?

Er hatte Dinge verschoben. Er hatte sie zurechtgelegt. Das Foto vom Zimmer des Matrosen war nicht echt. Das machte Jokum zu dem Künstler, der er nicht sein wollte. Er wollte nur einer sein, der zufällig an einem Punkt vorbeikam, wo etwas ist. Und aus dem, was ist, sollten die Bilder entstehen und durch sie bestehen.“

Die Jahre vergehen. Jokum wird berühmt, gibt Interviews, sogar für das heimische norwegische Fernsehen. Das MOMA kauft Fotos an und man lädt ihn ein zur Biennale in Venedig. Doch Jokum wird das alles mehr und mehr zuviel. Er hört auf mit dem Fotografieren. Nachdem ein Fotozyklus über Synnes Schwangerschaft ausgestellt wird, sie das Kind aber verlieren, entsteht eine immer tiefere Kluft zwischen beiden, es kommt zur Trennung. Einmal noch sehen sie sich, als Synne sehr krank wird …

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

In den letzten Kapiteln geht es etwas verwirrend zu und doch durchdringt man letztlich die feinen Gewebe der verschlungenen Lebenswege des Paares. Und immer bleibt alles in Bewegung, wenn man es nicht fotografisch festhält. Denn Erinnerungen trügen und jeder hat seine eigenen…

„Ließ das Alter womöglich alles zur Komödie werden? Sollte das, was in der Jugend als Tragödie dastand, mit den Jahren einer Farce ähneln?“

Zwischendurch gibt es Kapitel, die aus gänzlich anderer Perspektive berichten, und zwar zunächst aus einem Heim? einer Anstalt? einer Klinik?, genau weiß man es noch nicht. Dort erzählt einer, der Jokum und Synne aus Studentenzeiten in Oslo kannte, und der offenbar dem Schreiben vollkommen verfallen ist. (Es ist gleichzeitig die Erzählerstimme). Er arbeitete endlose Jahre an seinem ersten Roman und ausgerechnet am Erstverkaufstag mit geplanter Release-Lesung bohren sich zwei Flugzeuge in New York in die Twin-Towers …

Christensen hat auch mit Magnet ein wunderbares Stück Literatur erschaffen, mit viel Witz und philosophischer Tiefe. So, wie ich es bereits vom lange zuvor erschienenen Roman „Der Halbbruder“ kenne. Der Autor ist ein König der Metaphern und ein Künstler der Konstruktion: Sprache und Inhalt als gelungene Komposition. Die Figuren sind lebendig beschrieben und besitzen alle eine gewisse Skurrilität. Man merkt an der Sprache auch, dass Christensen Lyriker ist. Warum der Roman Magnet heißt? Das ist Jokums Geheimnis … Magnetisches Leuchten!

Der Roman erschien im btb Verlag. Übersetzt hat ihn Christel Hildebrandt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Gaye Boralioğlu: Der Fall Ibrahim Binooki Verlag

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„Nein, sonst sagte er nichts. Er fragte nur: „Gibt es in Istanbul einen Allah?“ Ich erwiderte: „Um sowas kümmere ich mich nicht.“ Dann stieg er in den Renault und sie fuhren ab.“

Obiger Auszug aus Boralioğlus Buch trifft den Kern der Geschichte schon ziemlich genau: Die Einen sind auf der Suche nach Gott, nach der Wahrheit, den Anderen ist das gleich, sie leben vor sich hin. Bereits 2004 erschien „Der Fall Ibrahim“ in der Türkei. Die Autorin, 1963 in Istanbul geboren, ist lange als Journalistin tätig gewesen. Inzwischen ist sie als Romanautorin und Erzählerin in der Türkei bekannt und erhielt einige Literaturpreise.

Der Fall Ibrahim ist ein ungeklärter. Es liegt nur eine Untersuchungsakte vor, die aus einem brennenden Verlagsgebäude gerettet wurde. Die Grundlage: Ibrahim wurde von seiner Mutter als vermisst gemeldet. In dieser Akte befinden sich neben Fotos auch Tonbandaufzeichnungen, die die unterschiedlichsten Stimmen zum Verschwinden Ibrahims darlegen. Es sind die Interviews einer Reporterin, die sich auf die Spurensuche begeben hat von Ibrahims Heimatdorf bis nach Istanbul. Sie fragt nach, hakt nach, bei all den Personen, die ihn kannten oder ihm kurzzeitig begegnet waren.

Zuerst steht die Mutter Rede und Antwort. Eines Tages hätte der 15-jährige sich entschlossen nach Istanbul zu gehen. Ihr Ibrahim sei ihr Augenstern, schon immer sei er etwas besonderes gewesen, groß gewachsen mit dunklen Augen. Auch die Schwester des Nachzüglers der Familie kommt zu Wort. Bei ihr durfte Ibrahim, als er klein war mit im Bett schlafen. Sein großer Bruder hat wenig zu sagen, er ist erschöpft vom Militärdienst, von den bewaffneten Einsätzen gegen „Terroristen“.

„Aber dieses Mädchen machte einfach nicht einen solchen Eindruck, ihre Hände waren ja mit Henna gefärbt. Gibt es das, eine Terroristin mit Hennahänden? Über solche Dinge hat man uns nicht informiert. Sie haben uns nämlich immer erzählt, Terroristen sind so und so. Sie sind keine Menschen, sie sind Tiere. Sie sind Feinde des Vaterlands, des Staates und aller Menschen.“

Kemal, der Freund, mit dem er Vögel jagen ging, erzählt von einer mystischen sagenhaften Begegnung mit der Gestalt eines riesigen Vogels, den aber nur Ibrahim sah. Der Grundschullehrer wiederum verzweifelt an den philosophischen Fragen des 11-jährigen Jungen. Was alle Beteiligten früher oder später bemerken, ist, dass Ibrahim offenbar keinen Schmerz verspürt. Das Mädchen Rüya, das ihn im Krankenhaus nach einem Sturz aus dem Fenster betreut, kann nie nachts schlafen und hat nie Träume. Ibrahim hingegen träumt immer wieder den gleichen Traum. So nähern sie sich an, finden aber nicht zusammen. Weitere Stationen sind unter anderem ein Hotelbesitzer, ein Scheich, ein Masseur im Hammam, ein Mechaniker. Doch die Spur verliert sich allmählich …

Erstaunlich, wie wenig übereinstimmend die einzelnen Beschreibungen von Ibrahim sind. Jeder scheint ihn anders wahrgenommen zu haben. Schmächtig und klein? Stattlich und groß?  Dunkle oder blaue Augen? In sich gekehrt? Ein Dieb oder zu Unrecht Beschuldigter? Der Leser selbst, darf sich ein Bild aus allen Aussagen zusammenstellen. So fragt man sich, gibt es eine einheitliche Wahrnehmung, eine allumfassende Wahrheit? Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ich nehme Ibrahim vor allem als Zweifler, als Sinnsuchenden wahr, der auch vor extremen Erfahrungen nicht zurückscheut, der nirgends Ruhe findet, auch nicht in der Liebe.
Diese verrätselte Geschichte ist der Autorin ziemlich gut gelungen. Ich mochte die geheimnisvollen Andeutungen, die Einsprengsel aus dem magischen Realismus.
Wo Ibrahim denn nun ist? Diese Antwort darf jeder sich selbst erlesen …

PS: Was mir sofort beim Lesen aufgefallen ist und mir Unbehagen bereitete:  Erstaunlich häufig begegnet mir in dieser Geschichte das Thema Gewalt, vor allem in den Familien – Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen etc. Traurig und tragisch, wenn dass das tatsächliche Abbild der Situation in der Türkei ist.

„Klar, man schlägt sein Kind halt mal. Dass man sein Kind haut, ist in gewisser Weise auch eine Vorbereitung auf das Leben. Es wird ja sowieso eines Tages Schläge einstecken müssen. Wenn er in die Schule geht, wird der Lehrer ihm eine verpassen, seine Freunde werden ihn schlagen und beim Militär wird er ganz bestimmt Prügel bekommen.“

Das Buch enthält Schwarz-Weiß-Fotografien des armenischen Fotografen Manuel Çitak, die sich stimmig in den Text einfügen. Übersetzt wurde es von Wolfgang Riemann. Es erschien im Binooki Verlag, der kürzlich erst mit dem Kairos-Preis 2017 ausgezeichnet wurde. Mehr über Verlag und eine Leseprobe gibt es hier.

Im Zuge dieses Beitrags möchte ich auch noch einmal auf die Essays von Asli Erdogan hinweisen, da es um sie doch in letzter Zeit sehr ruhig geworden ist:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/09/asli-erdogan-nicht-einmal-das-schweigen-gehoert-uns-knaus-verlag/